Stiekum und nonchalant

16 Kommentare2.013 Aufrufe

Einen hab ich noch! Der letzte Paratriathlon für mich in diesem Jahr. Wie immer: Bis kurz vorher war nicht klar, ob er wirklich stattfindet, und ob unsere Wettkampfklasse starten darf, und dann ging wieder alles ganz schnell.

Weil es bis ins südliche Niedersachsen nicht ganz so weit zu fahren ist wie die letzten Male, als wir nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz mussten, waren auch mehr Hamburgerinnen und Hamburger am Start als sonst.

Die Hinfahrt mit dem Auto verlief komplikationslos, die Nacht in einem Vierbettzimmer einer jugendherbergsähnlichen Unterkunft auch, aber das Frühstück war grausam: Hart gekochte Eier an Karotten, zu trinken gab es Instant-Kirsch-Brause. Ohne Flachs! Als wir im Frühstücksraum auftauchten, waren lediglich noch einige Deko-Möhren, jede Menge hart gekochte Eierhälften und Instantbrause übrig. Sportler seien hungrig, man habe falsch disponiert. Immerhin erstatte man uns die elf Euro Frühstückskosten, so dass wir kurzerhand beim Bäcker anhielten, zwei Tüten Brötchen und ein Glas Nutella erjagten, um dann zwischen einer Drogerie und einer Kreuzung, mitten auf dem Gehweg, mit einem Taschenmesser die Brötchenhälften zu bestreichen.

Die vorbeischlendernden Leute hatten so etwas natürlich noch nie gesehen; in Anbetracht der großen Menge Rollstuhlfahrer traute sich aber niemand, einen Ton zu sagen. Einer lief beim Glotzen fast gegen ein Straßenschild. Marie meinte böse: „Ich warte noch auf den Kommentar: Guck mal, Hubert, die Behinderten demonstrieren für ein gleichwertiges Leben in den Heimen. Wenigstens samstags wollen sie auch einmal Brötchen mit Nutella.“

Ganz so schlimm wurde es nicht, aber eine Frau, schätzungsweise Anfang 60, starrte uns ebenfalls an, mit halb geöffnetem Mund. Mir fällt so etwas eigentlich nicht auf, es sei denn, es wird zu penetrant. Ich zählte leise bis 10, als sie dann immernoch glotzte, streckte ihr auf eine Entfernung von etwa 20 Metern eine Hand mit einem Nutella-Brötchen entgegen. „Möchten Sie auch eins?“, fragte ich sie. Verdattert schaute sie weg und ging zügigen Schrittes davon. Etwa eine Minute später war sie plötzlich wieder da: „Entschuldigung, dass ich eben so geschaut habe, aber darf ich wissen, was Sie hier machen?“ – „Frühstücken!“ riefen Cathleen, Marie und Nadine wie aus einem Mund, teilweise noch kauend.

„Haben Sie sich ausgeschlossen?“, fragte sie weiter. Oh nein! Da ich auf nüchternen Magen nur begrenzt skurrile Menschen ertrage, kürzte ich das ab und erklärte: „Wir haben gleich einen Wettkampf und wollen vorher noch was zwischen die Kiemen kriegen, nachdem es in unserer Unterkunft nichts vernünftiges gab.“ – „Achso. ‚Zwischen die Kiemen‘ ist ja niedlich. Sie nehmen aber nicht an diesem Marathon teil hier, oder?“ – „Triathlon, doch.“ – „Ganz blöd gefragt: Wo ist denn der Unterschied zwischen Marathon und Triathlon? Ich kenne mich im Sport nicht so aus.“ – „Beim Marathon wird gelaufen, beim Triathlon ist auch noch Schwimmen und Radfahren dabei.“ – „Achja, wie dumm von mir, Sie können ja gar nicht laufen. Aber das mit dem Radfahren habe ich neulich im Fernsehen gesehen, bei der Olympiade, da war ein Blinder mit einem Nichtblinden auf einem Tandem. Alle Achtung, das könnte ich nicht. Haben Sie denn auch so spezielle Räder?“

Ich antwortete brav: „Einen Rennrollstuhl, ja.“ – „Achso, ja, sowas habe ich mal gesehen, die spielen ja auch Basketball damit.“ – „Ja, das sind noch wieder andere Rollstühle, aber im Prinzip … sowas ähnliches.“ – „Das find ich toll, wissen Sie? Bei Ihnen sieht man die Behinderung ja, bei mir nicht so, ich hab nämlich Leukämie.“ – „Das ist ja nicht so schön, dann wünsche ich Ihnen gute Besserung und noch einen schönen Tag! Ich muss mal weiter essen, wir müssen nämlich gleich wieder los. Unsere Trainerin meckert sonst.“ – „Ja, ich will Sie nicht aufhalten. Wer ist denn Ihre Trainerin?“ – „Die junge Frau dahinten, die da auf dem grauen Verteilerkasten sitzt.“ – „Die ist ja noch sehr jung. Ich finde das ja toll, wenn junge Menschen sich für soziale Zwecke einsetzen. Na jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Spaß auf dem Wettkampf.“

Als sie weg war, sagte Cathleen: „‚Haben Sie sich ausgeschlossen?‘ Aus unserer Zehner-WG oder was? Der letzte hat die Tür zugeschlagen und keiner hat seinen Schlüssel mit.“ – „Tja, wir können ja auch nicht mal eben über den Balkon klettern, nä?! Am Ende verheddert sich der Rolli dabei im Blumenkasten“, ergänzte Marie ohne eine Miene zu verziehen. Cathleen blödelte weiter: „Du meinst die kleinen Vorderräder?“ – Marie guckte genervt vorwurfsvoll, als würde Cathleen nichts verstehen: „Wieso denn die Vorderräder? Du kannst doch kippeln. Das Gepäcknetz, Schatzi, das Gepäcknetz.“ – „Ach ja, das Gepäcknetz. Sieht man übrigens immer seltener, oder? Selbst die älteren Leute haben mittlerweise alle Rucksäcke oder Beutel oder so.“ – „Stimmt. Oh, kennst du noch diese Rangierrollen? Wo man die großen Räder abnehmen konnte und dann konnte dich einer auf solchen Rangierrollen schieben?“

Ich verstand nur Bahnhof. Cathleen fuhr fort: „Ja! Das war geil. Und dann hat er dich losgelassen und du rolltest unaufhaltsam bergab. Lenken und bremsen war ja nicht mehr drin.“ – „Genau. Die einzige Chance war: Sich seitlich umwerfen.“ – „Was ja problemlos ging. Einmal falsch geatmet, kippte der Stuhl um.“ – „Herrlich. Oder diese großen Ballonreifen vorne.“ – „Na komm, du bist wenigstens nirgendwo hängen geblieben damit.“ – „Nee, aber dafür hattest du dreimal die Woche einen Platten. Irgendwas war immer platt.“ – „Hat sich aber im Fahrkomfort kaum bemerkbar gemacht. Die Stühle wogen ja locker 35 Kilo, vor allem mit dieser doppelten Schere unter der Sitzfläche, zum Zusammenklappen.“

Wie gut, dass ich das nicht mehr erleben muss. Eine Stunde später sah ich mich auf einer Wiese stehend, nach einer kurzen Aufwärmrunde einige Dehnübungen praktizierend, fortgesetzt unendliche Trinkmengen schluckweise in mich reinschüttend, langsam immer aufgeregter werdend. Tatjana rannte mit Sonnenlotion und Fettcreme durch die Gegend, versorgte alle blassen und weniger blassen Hamburgerinnen und Hamburger großzügig und leistete allen Angsthasen seelischen Beistand.

„Lange oder kurze Hose?“, fragte Anja. Tatjana sah sie entsetzt an: „Langer Einteiler! Oben und unten lang! Es sind noch nicht mal 14 Grad! Du holst dir sonst den Tod, wenn du den Neo ausziehst und hier durch die Gegend radelst. Ich hoffe, du hast einen dabei?“ – Anja zog den Kopf ein und nickte schüchtern. Irgendwann saßen wir endlich alle auf dem Steg. Tatjana rannte immernoch mit Getränken rum, wurde dann weggeschickt. Doch der Start verzögerte sich, weil es Probleme mit der Zeiterfassung gab. „Es geht jeden Moment los“, ließ uns ein offizieller Typ mit weißer und roter Fahne in der Hand wissen. Zwanzig Minuten vergingen, zum Glück schien die Sonne und wärmte uns. Dann durfte Tatjana doch wieder auf den Steg. Brachte noch mehr Isomix in Nuckelflaschen.

So langsam wurde es eklig. Triathlon ist kein Schönheitswettbewerb, wurde mir in einer der ersten Stunden erklärt. Marinierte Stinkesocke, damit kann ich leben – aber wenn der Pegel nach zwanzig Minuten schon am Hals steht und es kontinuierlich an den Handgelenken aus den Ärmeln tropft, ist irgendwann auch meine Schmerzgrenze erreicht. Marie hatte beste Laune und foppte mich: „Du transpirierst. Aus allen Nähten.“ – „Ich komm gleich kuscheln.“

Marie streckte mir die zu einem Anti-Vampir-Zeichen überkreuzten Zeigefinger entgegen. Lisa, in diesem Zusammenhang selten um einen Kommentar verlegen, dessen Tragweite sie jedoch meistens erst realisiert, nachdem sie ihn ausgesprochen hat, grinste bis über beide Ohren. Und sagte dann: „Das nennt man ‚Zentralheizung‘!“

Marie fing an zu lachen. Lisa fuhr fort: „Sagt meine Oma!“ – Jetzt musste ich auch lachen. Ich fragte: „Wieso denn deine Oma? Was hat sie denn damit zu tun? Macht sie auch Triathlon?“ – „Nein, sie kann nicht mehr so viel raus, liegt meistens im Bett und muss gepflegt werden, aber sie will immer alles wissen. Alles, alles, alles. Dann macht sie die Augen zu. Wahrscheinlich stellt sie sich das dann alles vor. Ich muss alles genau beschreiben, ob die Kühe Flecken hatten und all so Zeugs.“

„Okay, und wie kommt sie jetzt zur Zentralheizung?“ – „Ja, pass auf. Ich hab ihr von meinem Wettkampf erzählt und wenn ich alles erzählen soll, habe ich ihr natürlich auch davon erzählt, wie ich auf dem Steg gesessen und Pipi gemacht habe.“ – Marie kiecherte und sagte: „Auweia. Und?“

Lisa sagte: „Ja, nicht lachen, das lustige kommt erst. Sie hat ihre Augen aufgemacht und hat mich ganz vorwurfsvoll angeguckt und gefragt, warum ich das mache. Und dann habe ich gesagt: ‚Oma, beim Triathlon darf man sich wie ein Räuber benehmen und das finde ich toll. Zu Hause darf ich das nicht. Und das Pinkeln ist wirklich lustig. Also nicht einfach so, da würde ich mich schütteln. Aber wenn man im Wasser schwimmt und dann kommt plötzlich das Gefühl wo es überall ganz heiß wird, das ist einfach herrlich. Und Mama hat das erlaubt.'“

Marie und ich kugelten uns schon wieder vor Lachen. Lisa fuhr fort: „Das macht man allenfalls stiekum und still.“ – „Was für ein Ding? Stiekum?“ – „Ja genau! Du kennst das auch nicht, oder?“ – „Na, ich würde aus dem Zusammenhang schließen, dass das sowas wie ‚unauffällig‘ oder ‚lässig‘ heißt.“

Lisa antwortete: „Nein eben nicht. Stiekum heißt ‚heimlich‘. Das, was du meinst, ist ‚Nonchalance‘. Das hat mir meine Oma in dem Zusammenhang auch beigebracht. Man pinkelt stiekum und nonchalant, also heimlich und gekonnt lässig. Und dazu gehört, dass man das nicht jedem laut erzählt.“

Eine andere Teilnehmerin, vermutlich knapp 50, die auch auf dem Steg wartete, mischte sich in die Unterhaltung ein: „Deine Oma ist ja drollig. ‚Nonchalance‘ heißt übrigens auch ein sehr tolles Parfüm.“

Lisa guckte die Frau entsetzt an: „Wirklich?“ – Die Frau nickte. Lisa fuhr fort: „Na jedenfalls meinte sie, auch wenn ich jung bin, es ist ein erster Schritt, sich eine diskretere Wortwahl anzugewöhnen. Eine Umschreibung! Angeblich sagt man auch nicht, man muss auf Toilette, sondern man geht sich frisch machen. Dabei finde ich das voll albern, weil ‚frisch machen‘ find ich viel peinlicher als wenn man auf Klo muss. Das eine ist normal und das andere ist als wenn man stinkt.“

Jetzt lachte auch die Frau. Lisa meinte: „Ich dann gesagt, dass mir kein anderes Wort einfällt, was meine Leute nicht albern finden. Oder was nicht richtig derb ist. Und dann hat sie vorgeschlagen, ich soll doch das umschreiben und ‚Zentralheizung‘ sagen.“

Bevor wir das noch weiter vertiefen konnten, wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, unsere Startpositionen einzunehmen. „Wir haben internationale Teilnehmer, wir starten mit internationalem Kommando. We will start with the international command.“ – Wo waren die denn? Die internationalen Teilnehmer? Ich klärte Lisa auf: „Das bedeutet, der sagt nicht ‚Auf die Plätze!‘, sondern stattdessen ‚Take your marks!‘ – nicht wundern!“

Marie sagte: „Es gibt doch diesen Witz, wo einer das nicht versteht und vom Startblock klettert, um ein Markstück aufzuheben, was dort am Fußboden liegt.“ – Ich reagierte nicht. Sie setzte noch einen drauf: „Du, da sind Zombies im See.“ – „Ach Marie! Hör auf damit, ich will mich konzentrieren.“ – „Ich will, dass du dich vor Lachen verschluckst und ich dich überholen …“ – „Take your marks! Möööööp!“

Das Schwimmen verlief, von dem anfänglichen Gewusel abgesehen, ohne Zwischenfälle und mit gut dosierten Kräften. Cathleen, Marie und ich teilten uns die ersten drei Zwischenzeiten unserer Startklasse, brachten mit jeweils hauchdünnen Vorsprüngen Tatjana ins Schwitzen, die uns vom Wasser in die Wechelzone bringen sollte. Lisa, die zum allerersten Mal völlig alleine einen Wettkampf schwamm, war weit zurück, genauso wie Anja. Für die beiden war Ankommen das Ziel.

Beim Biken schaffte es ebenfalls keiner von uns dreien, sich entscheidend abzusetzen. Marie hatte bei Bergabfahrten mehrmals Probleme mit dem letzten Gang, also mit der längsten Übersetzung, die ständig wieder raussprang, so dass sie nur im vorletzten fahren konnte. Vermutlich ist der entsprechende Seilzug zu straff eingestellt gewesen. Es hat aber nicht wirklich gestört, weil die Bergabfahrten immer nur sehr kurz waren, dafür umso steiler – und in einer scharfen Kurve endend. Das war, als wir uns die Strecke angesehen hatten, noch nicht. Tolle Wurst, wenn man kurzfristig den Streckenverlauf ändert ohne jeden Hinweis. Ich sah Lisa schon fliegen und sie meinte hinterher, es war kurz davor.

Die per Rennrolli zu bewältigende Strecke war sowohl im Verlauf als auch im Profil sehr gut, allerdings, und irgendwas ist ja immer, kollidierte Marie, kurz nachdem sie mich überholt hatte, mit einem Fußgänger, der meinte, die gesperrte Straße überqueren zu müssen, als sie dort angedonnert kam. Alles Brüllen half nichts, er reagierte viel zu spät und Marie hatte hinter einer Kurve und bergab viel zu viel Speed drauf, um ausweichen oder bremsen zu können. Zumal Rennrollis ohnehin einen schier endlosen Bremsweg haben, anders als Rennbikes. Der Typ sprang im letzten Moment zur Seite, Marie erwischte ihn aber trotzdem mit ihrer Schulter am Bein und brachte ihn ins Straucheln und Fallen. Und er fiel genau dorthin, wo ich vorbei rutschten wollte. Zum Glück war es nicht nass, so dass ich noch genug Zeit hatte, um auf der anderen Seite um Marie herum lenken konnte.

Unfall mit verletzter Person? Immer anhalten. Der Typ stand auf, fing zu meckern an: „Man darf immer nur so schnell fahren, dass man in dem Bereich zum Stehen kommt, den man einsehen kann.“ – „Sind Sie verletzt?“ – „Nein.“ – Also weiter. So ein Idiot, das mag im Straßenverkehr gelten, aber nicht auf gesperrten Rennstrecken. Deshalb sind sie ja gesperrt. Ich ließ Marie überholen. Soviel Fairness muss sein. Entsprechend ließ sie mich kurz vor dem Ziel, als ich immernoch eine Länge hinter ihr war, auf gleiche Höhe aufholen, so dass wir beide gleichzeitig über die Ziellinie rollten. Was den anderen Teilnehmerinnen unserer Startklasse einen um 2 Positionen besseren Platz einbrachte, denn wir wurden dafür beide disqualifiziert. Die erste schlechte Nachricht.

Die zweite schlechte: Der Typ, der über die gesperrte Straße geschlendert ist, hat sich beim Veranstalter gemeldet, weil er angeblich doch verletzt sei. Das Knie blute, seine Hose sei versaut, habe er später bemerkt. Zum Glück hat er nicht abgestritten, vor Ort erst gesagt zu haben, dass alles in Ordnung ist. Das hätte dann nämlich mitunter ganz andere Konsequenzen haben können. Tatjana meinte, hätte er unwiderlegbar das Gegenteil behauptet, hätte Marie das eine mehrjährige Sperre einbringen können. So wird gegen Marie jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Der Typ hat Anzeige erstattet. Sie musste Personalien bei der Polizei angeben, wurde noch vor Ort verhört. Sie hat allerdings die Aussage verweigert. Die Polizisten meinten aber gleich, dass das wohl eingestellt werden würde – ob sie eine Haftpflichtversicherung hätte.

Die gute Nachricht: Wegen der Disqualifizierung ergehen noch zwei Strafbescheide. Tatjana erwartet 500 € pro Person. Und kennt ja nun den Namen des Störers, meinte, sie schickt das unserem Vorstand mit der Bitte, eine entsprechende Spende bei ihm einzuwerben.

Und bei der Gelegenheit bekamen wir dann alle auch noch einmal Nachhilfe bei den Regeln: Absichtlich langsam fahren, offensichtlich überholen lassen oder anders auf das Wettkampfergebnis taktisch einzuwirken, ist nicht erlaubt. Vorsicht ist auch bei einer Sache geboten, die es mehr im Behindertensport gibt als anderswo: Wenn wir mit unseren Rennstühlen nebeneinander an einer Verpflegungsstation vorbei donnern, ist es üblich, dass der, der am dichtesten dran ist, dem anderen auch eine Trinkflasche angelt, auch wenn es ein Gegner ist. Dabei müsse man nur aufpassen, dass man sich nicht berührt. Nicht an den Stühlen, sondern auch nicht am Körper. Also bloß nicht anticken oder sowas. Sondern nur hinhalten und im Zweifel loslassen. Ansonsten führt das auch sofort zur Disqualifikation. Auch wenn derjenige sagt, es sei ihm egal, vielleicht sogar im selben Team ist – es ist nicht erlaubt.

„Weder stiekum noch nonchalant?“, fragte Marie. Tatjana, vermutlich ohne ein Wort verstanden zu haben, antwortete: „Gar nicht. Und ‚gar nicht‘ heißt ‚gar nicht‘. Ohne Wenn und Aber.“

Endlich wieder draußen

12 Kommentare1.974 Aufrufe

Wie könnte man das bescheidene Wetter und den freien Tag besser nutzen als für das erste 2012er Schwimmtraining im offenen Wasser? Ja, ja, ja. Schnatter!!! Der See hatte 13,2 Grad und war damit genauso warm wie die Luft. Aber wir sind ja Kummer gewohnt, waren im letzten Jahr auch noch bei 11 Grad schwimmen und auch schonmal bei 14 Grad Wassertemperatur in der Ostsee – letztes ohne Neo.

Heute war aber Schwimmen mit Neo angesagt und nach dem üblichen ersten Schock war es sogar ganz okay. Von dem blöden kalten Wind und der fehlenden Sonne mal abgesehen, habe ich mir das schlimmer vorgestellt. Trainerin Tatjana lieferte ein göttliches Bild ab, als sie mit Flip Flops, knielangen Shorts, Badeanzug und drüber eine Fleecejacke mit wehenden Haaren bis zum Schienbein im Wasser stand und uns so entweder ihre Zugehörigkeit oder ihr Mitleid demonstrieren wollte.

Am meisten hat sich Lisa gefreut, die nun endlich zum ersten Mal offiziell ihren neuen Neo einweihen durfte. Sie ist immer noch die alte und ich könnte sie alle paar Minuten knuddeln. Alle Leute bibberten vor Kälte, nur halt Lisa nicht. Die biss sich zwar auf die Lippen, damit die Zähne nicht klapperten, aber ihr Neo ist der beste – darin friert man auf gar keinen Fall. Auch dann nicht, wenn er erstmal mit eiskaltem Seewasser volläuft, bevor er wärmen kann und auch dann nicht, wenn man noch gar nicht losgeschwommen ist und kaum Energie verbrennt…

Anja war auch dabei, bekam von Marie einen Neo geliehen. Das hatten die vorher abgesprochen, das passte soweit auch. Als es endlich los ging, hatten wir am Seeufer eine Gruppe johlender Vatertagsväter, die irgendwas grölten, was man aber auf die Entfernung nicht verstehen konnte, da sie zudem auch noch gegen den Wind brüllten. Aber da in den nächsten 30 Minuten weder ein Hai noch ein U-Boot vor uns auftauchte, kann es nicht so wichtig gewesen sein. Dreißig Minuten, länger war es aber auch nicht auszuhalten, ohne dass man tiefblaue Lippen tiefblaue Füße, Hände und Lippen bekommt.

Wir hatten von Tatjana unser verhältnismäßig einfaches Trainingsprogramm bekommen, diese packte nun alle neun Rollis in den Vereinsbus und gurkte sie in Richtung Umkleideräume, die vom See gut zwei Kilometer entfernt sind. Anschließend holte sie in zwei Fahrten die ganzen Leute aus dem Wasser und brachte sie zu den Duschen. Es war eine gewisse logistische Herausforderung, da nie mehr als fünf (nasse!) Leute in den Bus passen und nie mehr als fünf Leute gleichzeitig duschen können. Daher wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und starteten gut eine Viertelstunde versetzt. Ich war in der zweiten Gruppe, musste also am Anfang schon länger warten und war froh, als ich endlich unter der heißen Dusche saß. Aber das Training war genial.

Straßentraining im Regen

8 Kommentare1.771 Aufrufe

Cathleen, Nadine, Kristina, Merle, Marie und ich standen im überdachten Bereich der Sportanlage neben unseren Rennrollstühlen und überlegten zusammen mit Tatjana, unserer Trainerin, noch einmal, ob wir es wirklich wagen sollten. Sie hatte einen Trainingsplan für uns geschrieben, war eigentlich davon ausgegangen, dass mehr Leute kommen würden zu unserer nächtlichen Trainingseinheit, aber bei diesem bescheuerten Wetter waren nur die harten Kämpferinnen da. Selbst bei den parallel trainierenden Fußgänger-Triathleten lief alles auf Sparflamme. Vier Grad über Null und Regen. Zwar kein Wind und es schüttete auch nicht (wenngleich es eindeutig mehr war als leichter Nieselregen) – aber dennoch konnten sich alle etwas schöneres vorstellen. Andererseits: Wenn wir schonmal hier sind, um diese Zeit den langen Weg zum Elbdeich auf uns genommen haben, dann sollte man auch durchstarten. Schließlich kann man sich im Wettkampf das Wetter auch nicht aussuchen.

Tatjana gab uns unsere Trainingsaufträge, bekam dann aber von uns die Bitte, vor Ort zu bleiben und Tee zu kochen. Bei dem Wetter mit Funk im Ohr und Begleitfahrzeug zu trainieren, wäre eine absolute Zumutung geworden, zumal die meisten von uns wegen der langen Winterunterbrechung sowieso erstmal wieder in ihre Form zurückfinden mussten. Dass die fetten kalten Tropfen aus dem Helm über den Kopf laufen oder direkt in den Nacken tropfen, ist ja eine Sache, dabei aber noch einen Knopf im Ohr zu haben, über den ständig Wasser ins Ohr tropft und dazu führt, dass man irgendwann noch ein Knistern und Knacken im Ohr hat und nichts mehr versteht und alles juckt – bäh nee *schüttel*

Wir sollten ganze 150 Minuten unsere Ausdauer nach einem festen Schema hinter dem Ofen hervor locken. Da wir uns auf den kleinen Kurs verständigt hatten, würden wir etwa ein Dutzend Mal bei Tatjana vorbei kommen und hätten dann jeweils gerne heißen, aber dennoch sofort trinkbaren Tee zum Aufwärmen. Man durfte echt nur wenige Sekunden anhalten und musste sofort weiter, ansonsten fing man zu frieren an. Und Frieren ist bekanntlich ein böser und hinterhältiger Feind von Bewegen.

Nein, der Regen hörte nicht auf, nach zwei Stunden kam ich mir vor wie ein aufgeweichtes Stück Brot, komplett nass bis auf die Knochen, sah von dem an den Rädern hoch spritzenden Schmutz aus wie nach einem Schlamm-Catch-Wettbewerb und freute mich auf die warme Dusche und auf mein Bett. Dennoch empfand ich das Training als das beste des letzten halben Jahres und es hat unter Garantie richtig viel gebracht. Nach 45 Minuten hatte ich mal für kurze Zeit den Moment, in dem mich mein Körper zum Aufgeben überreden wollte, aber danach lief alles wie von selbst.

Als wir zu sechst unter den Duschen standen bzw. saßen und ich endlich den ganzen Sand aus den Haaren, der Nase und den Ohren gespült hatte, habe ich endlich seit langer Zeit mal wieder dieses positive Gefühl der körperlichen Erschöpftheit in mir gespürt. Nicht völlig fertig, sondern ein wohliges „ich habe was geschafft“. Und ich spürte, obwohl und vielleicht gerade weil niemand redete, dass es den anderen genauso ging. Und diese ruhige und entspannte Stimmung hätte noch endlos so weitergehen können, wäre da nicht plötzlich die Alarmanlage eines Autos losgegangen, nachdem bereits auf dem Parkplatz das Licht durch den Bewegungsmelder eingeschaltet worden war. Tatjana, die natürlich nicht mit unter der Dusche war, rannte durch den Flur und sah am anderen Ende des Grundstücks einen Typen weglaufen. Was der wollte, wissen wir nicht. Das trötende Auto war unbeschädigt, Radio war sowieso nicht drin, vielleicht hatte er es auf den pitschnassen Rennrolli abgesehen. An den anderen Fahrzeugen war auch nichts zu sehen.

Ich frage mich zwar, was jemand mit einem Rennrolli will, da es sich um Maßanfertigungen handelt, aber in letzter Zeit werden diese Dinger verstärkt geklaut. Vor drei Wochen gerade haben zwei Typen in Hannover (vor genau jener Sportakademie, in der wir auch schon mehrmals zum Trainingslager waren) einem Basketballspieler seinen 14 Tage alten Sportrolli aus dem Kofferraum geklaut, während er auf dem Fahrersitz saß und auf seine Mitspielerin wartete, die noch in der Halle war. Kofferraum auf und tschüss. Zwei windige Typen, die sich sicher sein konnten, dass er als Querschnittgelähmter gewiss nicht hinterher rennt.

Tja, wenn schon Inklusion, dann doch ganz. Warum sollte man Rollstuhlfahrer nicht auch bestehlen? Die Behinderten haben es mit ihrem ständigen Geschrei nach Eingliederung in die Gesellschaft doch nicht anders gewollt.

Ziemlich beste Freunde

25 Kommentare1.892 Aufrufe

„Am liebsten den um 20.20 Uhr.“ – „Nein, der ist ausverkauft. Für 23.10 Uhr hätten wir noch Karten.“ – „Okay, dann gehen wir vorher noch was essen. Wir sind 16 Rollstuhlfahrer und eine Begleitperson, also 17 Leute insgesamt. Gibt es da schon Gruppenrabatt?“ – „17 Rollstuhlfahrer? Unmöglich. Wir haben nur zwei Rollstuhlplätze.“ – „Wie jetzt? Kommen Sie schon, wir wollen den sehen. Wir setzen uns auf die normalen Sitzplätze um.“ – „Sie brauchen doch die Rollstühle im Evakuierungsfall.“ – „Wir krabbeln raus, wenn es brennt.“

Eine Kollegin blickt ihr von hinten über die Schulter. „Das ist Saal 1, der hat acht Rollstuhlplätze. Das sind aber trotzdem nicht genug. Wieviele sind Sie?“ – „16 Rollis, ein Fußgänger. Und wir wollen alle zusammen sitzen.“ – „Puh. Aber Sie können sich alle umsetzen, ja?“ – „Klar. Wir haben ja auch eine Fußgängerin, die kann uns helfen.“ – „Dann buche doch die beiden Reihen vor den Rolliplätzen komplett für die Gruppe und dann müssen die Rollstühle so an die Seiten geschoben werden, dass die Notausgänge frei bleiben. Das passt schon, die sind ja alle schmal und klein.“

„Dann reserviere ich Ihnen jetzt diese Reihen hier“, sie zeigte auf ihren Bildschirm, „komplett für Sie alleine und bekomme 128 €. Zahlen Sie bar oder mit Karte?“ – „Mit Karte.“ – Der Drucker spuckte 17 Eintrittskarten aus. Bingo.

Um 20.30 Uhr trafen wir uns mit allen Leuten, mit dabei auch Simone, Yvonne, Cathleen, Sofie, Nadine, Kristina, Merle, Sarah und Jana, bei einem Italiener im Stadtteil St. Georg. Maria war auch dabei und ließ sich von Nadine schieben – das nächste, was Maria braucht, ist ein elektrischer Rollstuhl, damit sie unabhängig mobil ist. Sobald die andere Arie mit dem Zimmer geklärt ist, nehmen wir das in Angriff.

Sofie und ich fragten, ob er Platz für 16 Rollstuhlfahrer hätte, was er aber sofort verneinte. Also fuhren wir weiter zu einem leckeren Hamburger Burgerladen, wo sofort jemand die Stühle von vier Tischen wegräumte und meinte, wir sollten uns einfach schon an die Tische setzen und von dort bestellen, obwohl es eigentlich ein SB-Restaurant ist. „Ich bringe Ihnen das an den Tisch.“

Maria saß zwischen mir und Sofie und wurde von uns abwechselnd gefüttert, das klappte problemlos. Ihre Cola trank sie mit einem Stohhalm. Maria war die Attraktion unter den anderen Gästen: 16 Rollstuhlfahrer auf einem Haufen ist ja sowieso schon ein seltener Anblick, aber dann wird eine auch noch gefüttert… Ein Mann starrte uns bestimmt 10 Sekunden lang mit offenem Mund an. Irgendwann hielt ihm Sofie auf eine Entfernung von geschätzten acht Metern eine Gabel mit drei aufgespießten Pommes am ausgestreckten Arm entgegen und sagte: „Wollen Sie auch was?“ – In dem Moment drehte er sich um und merkte, dass die Kassiererin schon seit einer halben Minute auf ihn wartete und ihn bereits mehrmals angesprochen hatte, was er denn wünschte, denn er wäre dran.

Vor dem Kino wird gebaut, ein Wirrwarr aus Baustellenzäunen und Absperrungen galt es zu umfahren, natürlich war überall Kopfsteinpflaster oder nicht geräumter Schnee. Um 22.30 Uhr kamen wir aber dennoch im Kino an. Einige wollten sich beim Popcorn anstellen, andere mussten noch auf die Toilette. Unter anderem Maria, und das war ohne Pflegerin gar nicht so einfach. Nadine konnte sie wegen ihrer eigenen Behinderung nicht hochheben. Also hatten die beiden, die am stabilsten im Stuhl sitzen, das Los gezogen: Sofie und ich. Wie es am Ende funktionierte, führe ich lieber nicht weiter aus. Ich sag nur so viel: Es hat funktioniert und zum Glück hat es keiner gesehen.

Der Film, „ziemlich beste Freunde“, war genial. Ich habe lange nicht so einen tollen Film gesehen. Zeitweise ist er sehr rührend, zeitweise bedient er diejenigen Klischees, über die man als Rollifahrer bestens lachen kann, überwiegend ist er aber so lustig, dass man minutenlang aus dem Lachen nicht mehr rauskommt. Wir haben fast unter den Stühlen gelegen. Einfach irre und unbedingt sehenswert. Wir hatten Tränen in den Augen und wussten am Ende nicht mehr, ob sie vom Lachen oder vom Weinen kamen. Keine Action, keine Schrecksekunden, nicht unter der Gürtellinie … absolut nach meinem Geschmack.

Alle 17 fanden den Film toll. Und nicht nur wir: Der Saal war bis auf den letzten der 961 Plätze ausverkauft. Am Ende klatschten alle – und es war keine Premiere.

Der krönende Abschluss kam von Maria: „Bei unserer Klo-Aktion dachte ich schon, ekliger kann der Abend nicht mehr werden. Und dann kam die Szene in dem Film, wo es darum ging, wer dem Hauptdarsteller den Enddarm leert.“ – Wie war das mit der digitalen Ausräumung? Hier wird die Wurst noch mit der Hand gemacht! In diesem Sinne: Guten Appetit!