Geklautes Smartphone

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Manchmal wünsche ich mir ernsthaft mehr Konsequenz, mehr Härte und weniger Gelaber. Vor allem, wenn sich Leute schlechtes Benehmen herausnehmen, um anderen zu schaden. Und erst recht, wenn ich die Geschädigte bin oder mich zumindest so fühle. Ich weiß, Eigennutz ist auch so etwas wie ein schlechtes Benehmen, aber wenn mir einer ans Bein pinkelt, möchte ich das zumindest nicht ungefragt ertragen müssen.

Die Rede ist von Andreas, einem wesentlich älteren Typen, der als Fußgänger in der parallel trainierenden Gruppe meines Triathlonvereins ist, also jene Leute, für die an einigen Wochenenden auf dem Elbdeich ein paar Straßen gesperrt werden und die sich dann mit uns Rollifahrern diese als Trainingsstrecke teilen. Eigentlich ist es anders herum, wir haben sie bekommen unter der Auflage, sie uns mit den Fußgängern zu teilen, aber … egal, darum geht es gerade nicht.

Dieser Andreas behauptet allen Ernstes und mit ziemlichem Nachdruck, ich hätte ihn beklaut. Angeblich hätte ich ihm sein Smartphone, Neuwert um 250 Euro, aus seiner Tasche entwendet. Direkt gesehen habe er es nicht, er mache es ausschließlich daran fest, so schrieb er, als er von unserem Häuptling aufgefordert wurde, die Vorwürfe zu konkretisieren oder zurückzunehmen, dass ich regelmäßig in den Taschen der anderen Leute wühlen würde. Das habe er beobachtet und dafür gäbe es Zeugen.

Richtig ist, dass ich manchmal andere Taschen öffne. Wenn mich beispielweise Cathleen bittet, ihr Trinken mitzubringen. Oder wenn ich Tape brauche und meine Rolle gerade weg oder in anderer Verwendung ist. Ich gehe grundsätzlich nur mit Zustimmung des Besitzers an fremde Taschen, wobei ich zum Beispiel Simone, Cathleen, Yvonne, Nadine, Kristina und Merle nicht fragen muss, wenn ich ein Taschentuch oder ein Pflaster oder Tape oder ähnliches suche. Wir sind alle gegenseitig damit einverstanden, diejenigen dürfen auch an meine Tasche. Es ist wesentlich einfacher, vor allem, wenn man sonst bis zu 30 Minuten warten muss, bis der Betroffene wieder zurück ist, nämlich dann, wenn derjenige gerade am anderen Ende der Strecke ist.

So etwas hat Andreas wohl beobachtet. Die Taschen von Fußgängern habe ich allerdings noch nie geöffnet und natürlich klaue ich auch keine Smartphones. Egal … in der schriftlichen Stellungnahme von Andreas stand wohl nur, dass dieser Schluss aufgrund seiner Beobachtungen naheliegend ist, er aber nicht beweisen könne, dass ich es wirklich gewesen bin. Für ihn sei das damit aber trotzdem nicht erledigt. Auch wenn er es nicht beweisen könne, er sei sich sehr sicher. Und auch wenn ihm das sein Smartphone nicht zurück brächte, mir würde der „Ärger“ wegen dieser Sache zumindest verdeutlichen, dass man künftig wachsam sei. Schreibt er.

Ich habe in Absprache mit Frank lediglich geschrieben, dass ich eine solche Tat nicht begangen hätte und die Anschuldigungen zurückweise. Inzwischen bekam ich eine schriftliche Antwort des Vereinsvorsitzenden persönlich, dass seitens des Vereins diese Angelegenheit nicht weiter verfolgt werde und man mir rate, anwaltliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollte ich mich gegen weitere oder wiederholte Anschuldigungen des Andreas zur Wehr setzen müssen.

Na ganz klasse. Im Moment ist es echt genug, was so in meine Richtung abgefeuert wird. Das ist echt so hohl – als wenn ich es nötig hätte, ein geklautes Smartphone irgendwo für 75 bis 100 Euro zu verticken. Frank meinte schon, sollte dieser Andreas das nochmal irgendwo wiederholen, wird es teuer. Aus einer Strafanzeige wegen übler Nachrede käme vermutlich nicht viel heraus, aber auf die Unterlassungsklage freue er sich schon.

Little Dolly und ein Bad im See

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Einige kriegen eben nie genug – ich gehöre auch dazu. Letztes Wochenende war ein tolles Trainingslager, dieses Wochenende war ursprünglich ein nächtliches Training am Elbdeich geplant, das wurde aber nun wegen des besagten Trainingslagers gestrichen. Nur bleibt es uns ja unbenommen, trotzdem zu trainieren. Allerdings dann auf dem Wanderweg, nicht auf der Fahrbahn. Das wäre ohne Begleitfahrzeug oder Straßensperre lebensgefährlich. Gerade auf dieser Deichstraße rasen die Autofahrer nämlich gerne.

Ursprünglich wollten Yvonne, Simone, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle und ich uns treffen, also fast mein komplettes Team, dann hatten aber Yvonne, Nadine und Merle kurzfristig wegen eines grippalen Infekts wieder abgesagt. Dafür rief mich die Mutter von Lisa an, ob ihre Tochter auch teilnehmen dürfte und ob es möglich wäre, dass sie hinterher nochmal bei uns schläft. Natürlich war das möglich. Ob ich einmal eine halbe Stunde Zeit für sie hätte. Huch? So offiziell?!

Entsprechend saßen wir am Freitagabend in meinem Zimmer, zusammen mit Lisa und Cathleen. Lisas Mutter fand unsere WG toll, sagte, sie hätte sich das ganz anders vorgestellt. Lisa sagte: „Mama, lenk nicht vom Thema ab. Ich will das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

Lisa erzähle zu Hause regelmäßig mit strahlenden Augen vom Training. Auf der Fahrt vom Trainingslager nach Hause habe sie ohne Punkt und Komma erzählt, wie toll das alles war. Die Mutter meinte, sie habe Angst um ihr Kind. Es klinge bestimmt merkwürdig, aber sie bräuchte mal jemanden, der sie versteht und ihr sage, dass das mit ihrer Tochter alles richtig laufe, sie in besten Händen sei und sie sich zu viele Sorgen mache.

Ich fragte sie, wo denn genau ihr Problem sei. Wieso sie annehme, dass etwas falsch laufen könnte. Sie meinte, die Kontakte, die ihre Tochter in den letzten Jahren geknüpft habe, hätten sie so glücklich gemacht. Ihre Tochter sei nicht wiederzuerkennen. Lisa saß daneben und meinte: „Nicht so sentimental, Mama. Ich werd einfach nur erwachsen. Aber ich bleib trotzdem deine Tochter und du und Papa sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Das hab ich dir gestern schon gesagt.“ – Ich musste schon wieder schmunzeln.

Die Mutter erzählte mir, dass ihr Mann und sie beide berufstätig seien und sich eine angestellte Erzieherin täglich zu Hause um Lisa kümmere. Mit ihr Hausaufgaben mache, mit ihr zur Therapie fahre. Ihr Kind habe eine Behinderung und es sei alles anders als bei anderen Kindern, aber trotzdem hoffe sie, dass sie alles richtig gemacht hätte. Nur eines verstehe sie nicht: Lisa sagt, eins der tollsten Dinge beim Training ist, dass man sich so benehmen dürfe, wie man wollte, ohne dafür Ärger zu bekommen. Und dann erzähle sie zu Hause stolz, was sie alles angestellt habe. „Warum ist ihr das so wichtig? Warum hat sie das Bedürfnis danach? Sie darf das zu Hause nicht, aber warum vermisst sie das offenbar so?“

Ich habe gesagt: „Ich würde mir da wirklich nicht solche Sorgen machen. Solange sie das zu Hause alles stolz erzählt und auch weiß, wann sie was machen darf und wann nicht, finde ich alles in Ordnung. Alles, was verboten ist, hat doch seinen Reiz, vor allem in ihrem Alter. Ich finde das völlig normal, dass sie Grenzen austestet. Eines Tages merkt sie, dass sie selbst für ihr Verhalten verantwortlich ist und dass die Jungs, die jetzt noch lachen und es cool finden, wenn sie laut rülpst, plötzlich von dem Schweinkram genervt sind. Und dann lässt sie es wieder.“

„Ich habe Angst, dass sie sich mit ihrem Verhalten schadet und irgendwann Außenseiterin ist.“ – Ich antwortete: „Das glaube ich nicht. Sie ist doch so ein herzlicher Mensch und wird von allen gemocht. Außerdem ist gerade in diesen Gruppen eine ganz große Toleranz. Das passt schon alles. Und vielleicht stößt sie tatsächlich irgendwann mal an die eine oder andere Grenze. Dann muss sie das lernen. Davor kann man sie nicht beschützen. Aber deswegen ist sie ja nicht gleich Außenseiterin.“

Ich glaube, ich habe die Mutter beruhigen können. Sie knuddelte Lisa zum Abschied und sagte: „Ruf an oder schreib eine SMS, wenn was ist!“ – „Ja, Mama.“ – „Und pass auf dich auf.“ – „Ja, Mama.“ – „Und sei lieb, hörst du?“ – „Mama! Ich bin immer lieb.“

Auf zum Volksfest. Cathleen, Simone, Lisa und ich. Da wir keine Fußgänger dabei hatten, die uns in irgendein Fahrgeschäft hätten helfen können, konnten wir nur gucken und uns mit Gummitierchen und anderem ungesunden Zeug eindecken. Wir waren mal wieder die unfreiwillige Attraktion. „Oh, habt ihr aber tolle Rollstühle! Und so bunt! Kai-Uwe, guck mal! Die Rollstühle! Guck mal, die sind ganz ohne Begleitung hier! Oder die Begleitung kauft gerade was für sie ein. Einen Motorradunfall können die nicht gehabt haben, dafür sind sie noch zu jung. Bestimmt Kinderlähmung.“ – Na klar. Ich schaltete auf Durchzug.

Nach dem Volksfest rollten wir auf Lisas ausdrücklichen Wunsch noch einmal über die Reeperbahn, die ja bekanntlich direkt nebenan ist. Als wir wieder an jenem Laden ankamen, vor dem wir vor eineinhalb Jahren schon einmal mit ihr standen, blieb sie stehen, zog mich zu sich ran und flüsterte mir ins Ohr: „Ich möchte so gerne so einen Vibrator. Deswegen wollte ich hier nochmal her. Ich war schonmal alleine hier, aber ich darf in den Laden nicht rein. Darf ich dir Geld geben und du kaufst mir den? Bitte!“

Ich dachte, ich träume. Ich bin nicht oft perplex, aber in dem Moment war ich es und wusste gar nicht mehr, wie ich reagieren sollte. „Was gibt es für Geheimnisse?“ fragte Simone. Lisa antwortete: „Wenn ich das jetzt erzählen würde, wäre es ja kein Geheimnis mehr. Ich sags dir später.“ – Ich fragte sie: „Das gibt aber mindestens 200 verschiedene Typen und dazwischen ganz viel Schrott. Hast du dich denn schonmal informiert, was der können soll?“

Lisa nickte. „Ich möchte einen, der heißt Little Dolly. Und den möchte ich am liebsten in blau. Und ein Ladegerät muss man extra dazu kaufen. Ich geb dir 50 Euro, das müsste reichen.“ – Obwohl Lisa versuchte, möglichst leise zu sprechen, ahnte Simone sofort, worum es ging. Sie fragte: „Willst du dir hier was kaufen?“ – Lisa antwortete: „Frag nicht, das ist mir peinlich.“ – „Na komm, wenn du sowas willst, musst du auch dazu stehen.“ – „Ich weiß, das ist trotzdem peinlich.“

Ich machte den Vorschlag, zu einem anderen Geschäft zu rollen, das nicht so schmuddelig aussah wie der Laden, vor dem wir gerade standen, und das mir vor allem wesentlich besser sortiert zu sein schien. Am Ende saßen wir in der U-Bahn, als sie ihr Handy rauskramte und meinte: „Ich muss das unbedingt meiner Muddi schreiben.“ – Ich hoffte nur, sie würde mir nicht den Kopf abreißen. Als wir in der WG angekommen sind, musste Lisa erstmal allen Leuten, die sie kennt, erzählen, dass sie auf dem Volksfest und auf der Reeperbahn war und was sie sich gekauft hatte. Ich habe keine Ahnung, ob sie einfach nur so ein Ding besitzen will, weil sie dann erwachsener oder cooler oder sonstwas ist – oder ob ihr das Teil hilft, ihre doch sehr starke Spastik in den Armen und Händen zu kompensieren. Während sie auf dem Gästebett lag (Cathleen schlief mit bei mir im Bett und Lisa daneben auf einem ausblasbaren Gästebett), las sie die Betriebsanleitung und meinte: „Wahnsinn, der muss vor dem ersten Mal 12 Stunden durchgehend aufgeladen werden.“

Am Samstagnachmittag waren Simone, Cathleen, Kristina, Lisa und ich zum Training mit dem Rennrolli auf dem Elbdeich verabredet. Nach langem Ausschlafen und ausgiebigem Frühstück sagte Lisa plötzlich: „Wollen wir nach dem Training im See schwimmen?“ – Simone antwortete: „Du machst vor, ich mach nach.“ – „Wieso?“ – „Der See ist arschkalt, wir haben fast Winter. Da kriegst du einen Kälteschock, sobald du einen Zeh reinhältst.“ – „Es gibt doch auch Leute, die sich ein Loch ins Eis schlagen und dann im Eiswasser baden!“ – „Die gehen aber auch hinterher in die Sauna oder zumindest heiß duschen.“ – „Können wir nicht in dem Vereinshaus heiß duschen?“ – „Das ist kilometerweit vom See entfernt. Inzwischen bist du erfroren.“ – „Schade.“

Nachdem wir eine halbe Stunde lang über andere Themen geredet hatten, fing Lisa wieder von dem Thema an: „Kann ich nicht mit Neo im See schwimmen gehen?“ – „Ach Lisa. So dick, wie der Neo sein müsste, damit du nicht frierst, eignet der sich nicht mehr zum Schwimmen. Unsere Schwimmneos sind alle nur sehr dünn. Das Wasser ist zu kalt, um draußen zu schwimmen.“ – „Wie kalt ist denn der See? Guck mal, die Sonne scheint doch richtig toll.“ – „Der wird höchstens noch 10 Grad haben. 14 Grad muss er haben, damit überhaupt ein Wettkampf, bei dem dann der Neo Pflicht ist, stattfinden dürfte. Bei Schülern müsste der See sogar 19 Grad haben. Ende Mai kannst du mal wieder fragen. Solange können wir nur in der Halle schwimmen. Wieso willst du denn unbedingt draußen schwimmen?“

Lisa schmollte. „Ich hab zum Geburtstag einen eigenen Neo bekommen und mit dem durfte ich noch nie schwimmen.“ – „Hast du den etwa mit?“ – Lisa nickte. „Ich dachte, wir könnten das mal ausprobieren.“ – „Und was sagt deine Mutter dazu?“ – „Die wollte mich stundenlang davon abbringen, dass ich den einpacke, weil sie meinte, mit mir geht bei der Kälte keiner mehr schwimmen. Warum müssen sich immer alle Erwachsenen einig sein?“

Cathleen sagte: „Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag. Du nimmst den mit zum See, ziehst dich um, krabbelst ein paar Zentimeter rein und wenn du es nicht mehr aushältst, krabbelst du wieder raus.“ – „Alleine hab ich dazu keinen Bock.“ – „Ich krabbel mit.“ – Ich sagte: „Ihr habt einen Schatten. Ihr holt euch da den Tod.“ – Simone sagte: „Ich mach auch mit.“

Nun wollte ich kein Spielverderber sein. Lange nichts Verrücktes mehr gemacht… Nach unserem Training saßen wir also auf dem Boden meines Autos, zogen uns um und rollten vom Parkplatz zum Strand. Zwei Taucher waren dabei, ihr Equipment im Auto zu verstauen. „Wollt ihr schwimmen gehen?“ – „Ja, wieso?“ – „Nur die Harten kommen in den Garten – oder was?!“ – „Genau. Ich frier nur vom Bauch aufwärts. Dann ist es halb so schlimm. Sie hat einen neuen Neo, den will sie dieses Jahr unbedingt nochmal ausprobieren. Wisst ihr, wieviel Grad das Wasser hat?“ – „Elf Komma Acht, haben wir vorhin gemessen.“ – „Och, das geht aber noch!“

Und tatsächlich, nach dem ersten Schock war es okay. Die Luft war durch die Sonne relativ warm, weit über 10 Grad, das machte eine Menge aus. Am schlimmsten war die Kälte am Handrücken und im Gesicht, aber am Körper war es okay. Wir waren insgesamt rund fünf Minuten im Wasser und sind sogar ein ganzes Stück geschwommen. Dann mussten wir aber dringend wieder raus. Ab zum Auto, die nassen Sachen ausziehen, in ein großes Handtuch einwickeln, abrubbeln, warme Sachen anziehen und die Thermoskanne mit dem Tee hervorholen. Schön, dass mein Auto eine Standheizung hat. Wie war das? Was nicht tötet, härtet ab. Mir war danach angenehm warm und Lisa hat sich gefreut wie eine Scheekönigin.

Kein schönes Ostertraining

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Nein, natürlich habe ich nicht gemeint, dass alle Sozialpädagogen einen an der Waffel haben, als ich in der letzten Woche vom Pädagogischen Konzept schrieb. Ich finde, man muss eine Menge in meinen Text hinein interpretieren, um das herauszulesen. Allerdings mache ich keinen großen Hehl daraus, dass ich recht fest davon überzeugt bin, dass es unter Sozialpädagogen mindestens genauso viele Idioten gibt wie in anderen Berufen. Und dass ich glaube, dass idiotische Sozialpädagogen deutlich mehr Unheil anrichten können als Idioten in anderen Berufen – zumal das Unheil wohl oft erst dann auffällt, wenn vieles bereits zu spät ist und ganz offensichtlich viele Kontrollen nicht funktionieren oder zu lasch sind. Oder kann mir jemand erklären, wieso ein Gruppen-, Abschnitts- oder Einrichtungsleiter zulässt, dass Susanne zur Durchsetzung pädagogischer Ziele die eigene Mobilität noch weiter eingeschränkt wird als sie es ohnehin schon ist?

Zum Beispiel habe ich auch keinerlei Zweifel, dass Susanne alleine mit Bus und Bahn zu mir fahren könnte – oder auch zum Training. Zumal der letzte Bus direkt über den Deich fährt, auf dem wir trainieren. Trotzdem darf sie das nicht alleine und wir müssen sie zu zweit aus ihrer WG abholen. Zu zweit, damit im Notfall einer Hilfe holen kann, während sich der andere um Susanne kümmert. Kein Kommentar.

Nun hat es unser Verein auch endlich geschafft, zu der absolut geilen Outdoor-Trainingsstrecke die passende Dusch- und Umkleidemöglichkeit zu finden. Bisher war das alles recht improvisiert, doch ab sofort dürfen wir bei einem Sportverein, dessen Vereinshaus am Ende unserer Strecke liegt, duschen und uns umziehen. Und parken. Was natürlich absolut genial ist. Und wie schon gesagt, der Linienbus hält auch direkt vor der Tür. Eingefädelt hatte das übrigens der Dorfpolizist, der in der Nähe dieses Sportvereins wohnt und regelmäßig nach dem Rechten sieht, wenn wir trainieren. Ein etwas rundlicher, älterer Herr mit je drei silbernen Sternen auf den Schultern, der grundsätzlich alleine in seinem Streifenwagen sitzt und uns offenbar in sein Herz geschlossen hat. Fast jedes Mal, wenn wir nachts trainieren, taucht er auf dem Fahrrad sitzend mit seinem Hund auf, grüßt einmal und haut wieder ab.

Da in der Nacht zu Ostersonntag in dem Bereich ein Osterfeuer war, mussten wir diesmal auf die Nacht von Karfreitag auf Ostersamstag ausweichen. Wir waren gerade mitten im Training, ich auf meiner zweiten Runde mit dem Rennrolli, als ich in weiter Ferne ein Auto mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommen sah. Das machte einmal kurz Fernlicht an, blinkte dann aber rechts, fuhr auf den Grünstreifen und schaltete das Licht aus. Es war noch mindestens einen Kilometer entfernt. Das kam mir im ersten Moment etwas merkwürdig vor. Ich verlangsamte die Fahrt und überlegte, vorher zu drehen und zurückzufahren. Immerhin war ich in dem Moment alleine und es war ziemlich dunkel. Aber einen Rennrollstuhl bekommt man nicht so einfach und schnell gewendet. Also beschloss ich, rechts auf den Parkstreifen zu rollen und auf den nächsten zu warten, der hinter mir kommen würde. Das nächste, was nach gefühlten zwei Minuten kam, war ein weiteres Auto, relativ schnell – es gehörte weder zu uns noch zu dem Fußgänger-Team, das mit uns trainierte. In etwa einem halben Kilometer Entfernung folgte diesem Auto ein Kleinbus, der zu einem der beiden Teams gehören könnte. Auf der nahezu schnurgeraden Strecke konnte man kilometerweit sehen.

Das Auto, ein Golf, fuhr an mir mit etwas überhöhter Geschwindigkeit vorbei. Als ich wieder nach vorne schaute, ging an dem Auto, das in zwei Kilometer Entfernung auf dem Grünstreifen im Dunkeln stand, das Licht wieder an. Das Auto wendete. Oder? Nein, es wendete nicht, es blieb quer auf der Straße stehen. Und plötzlich flackerte Blaulicht auf dem Dach. Häh?! Hatte der Dorfpolizist uns etwa so lieb, dass er jetzt alle Leute, die trotz „Einfahrt verboten“ die Straße passierten, kontrollierte? Um es nicht endlos spannend zu machen: Der Golffahrer hatte am anderen Ende der gesperrten Straße eine Kurve so geschnitten, dass ein Radler aus dem Fußgänger-Triathlon-Team in den Graben geschliddert ist. Außer ein paar Schürfwunden und einigen zerfetzten Klamotten ist dem aber wohl nichts passiert. Der Golffahrer hatte noch gehupt, ist aber gleich weitergefahren. Unfallflucht nennt man sowas wohl. Per Handy hatte jemand aus dem Team direkt die Polizei angerufen. Ein Begleitfahrzeug hatte den Golf verfolgt. Und der Dorfpolizist hat sich die vier Jugendlichen, die ohne Lappen unterwegs waren, gleich geschnappt und zumindest so lange festgehalten, bis seine Kollegen vom nächsten ständig besetzten Revier dort waren. Damit war allerdings auch das Training für diese Nacht erstmal beendet.

Dafür durften wir am heutigen Ostermontag zum ersten Mal draußen schwimmen. Der See, ein Baggersee, bis zu 19 Meter tief, nur rund 500 Meter breit, dafür aber rund 2300 Meter lang, hatte eine Wassertemperatur von 14 Grad. Etliche Kinder plantschten bereits im flachen Wasser, einige wenige waren auch komplett bis zum Hals drinnen, aber nie länger als wenige Sekunden, dafür war es einfach noch zu kalt. Marie, Cathleen, Simone und ich saßen bereits auf einer Decke auf dem Rasen, zogen uns bis auf die Badesachen aus, während Tatjana noch mit Yvonne, Kristina, Merle und Nadine ins Vereinsbüro wollte, weil die da noch irgendeine Wettkampfmeldung dringend faxen mussten. Es sollte angeblich nur höchstens 30 Minuten dauern, wir sollten uns so lange etwas sonnen.

Nach 20 Minuten begannen wir, uns in die Neoprenanzüge zu zwängen, inzwischen konnten wir es alleine, lediglich Marie machte es zum ersten Mal und brauchte Hilfe. Gefühlte hundert Augen glotzten uns an. Für die ganzen Kinder war es super spannend, dass ein paar Rollifahrer sich dort auf der Erde liegend in ihre Wurstpellen pressten, deren Eltern ließen für Minuten glatt ihre Campinggrills aus den Augen. Nach 10 Minuten saßen wir da, die Einteiler bis zur Brust hochgezogen, auf Tatjana und den Rest wartend. Nach weiteren dreißig (!) Minuten kamen sie dann endlich. Während die anderen sich am Auto umzogen, quetschten wir noch unsere Arme in das Ding, schlossen einander die Reißverschlüsse und warteten darauf, dass es jeden Moment losgehen würde.

Wir rollten langsam vom Rasen auf den Sandstreifen nach unten. Als wir uns wieder umsahen, waren die anderen vier immernoch am Auto. Meine Güte, brauchten die lange. Wir setzten uns schonmal in den Sand. Marie fing an, mich zu ärgern, indem sie mich so anstieß, dass ich (in Ermangelung von Oberkörperstabilität) seitlich umkippte. Sofort warf sie sich auf mich drauf und drückte mich auf die Erde. „Ich bin stärker als du“, meinte sie. Wir kämpften. Es gelang mir, sie umzustoßen und mich zumindest für einige Sekunden mit meinem Oberkörper auf sie draufzulegen, bevor sie uns ein Stück weiter rollte und wieder oben lag. Sie war mir durch ihre niedrigere und imkomplette Querschnittlähmung körperlich eindeutig überlegen. Wir wälzten uns in dem Sand hin und her, aber ich schaffte es nicht, sie irgendwie festzuhalten. Stattdessen hatte sie mich ein paar Mal so unter sich fixiert, dass ich kapitulieren musste. Wir sahen aus wie die panierten Schnitzel. Aber wir wollten ja ohnehin gleich schwimmen.

Tatjana kam und brachte uns vier Flaschen Mineralwasser. „Damit ihr nicht völlig dehydriert in dem warmen Ding“, meinte sie fürsorglich. Sie habe ihren Neo im Auto vergessen, ergo müsse sie jetzt mit dem Kleinbus nochmal zum Parkplatz zurück. Das würde noch weitere 15 Minuten dauern. Die anderen kämen gleich. Wir sollten warten. Wahnsinn. Marie hatte es faustdick hinter den Ohren. Teilweise trank sie, aber zwischendurch nahm sie den Mund voll Mineralwasser, spitzte die Lippen und spuckte es in meine Richtung, mir direkt auf den Arm oder auf die Brust. Das Spielchen fanden Cathleen und Simone natürlich auch toll und so durften etliche Leute beobachten, wie vier Behinderte sich gegenseitig mit Mineralwasser bespuckten, sich in Schwitzkästen nahmen und im Sand herumrollten. Cathleen begann irgendwann, mit Matsch zu werfen und irgendwann waren wir, obwohl wir auf Tatjana warten sollten, im Wasser. Es war dermaßen arschkalt, dass mir richtig ein wenig übel wurde, als ich komplett drinnen war. Im Neo muss sich ja erstmal ein Wasserfilm bilden, bis er isoliert, und der ist erstmal so kalt wie das Seewasser.

Das Schwimmtraining dauerte nur rund 20 Minuten. Das reichte auch. Vor allem mein Kopf fühlte sich wie eingefroren an und meine Stirn fühlte sich leicht schmerzhaft an. Ich war froh, als wir endlich wieder draußen waren, die nassen Sachen ausziehen und uns abtrocknen konnten. Danach kurz gemeinsam duschen, bevor wir dann einen wunderbaren Grillabend am See hatten – es war richtig herrlich.

In der nächsten Woche sind Osterferien, ich werde die Zeit nutzen, um für meinen Test zu lernen, zwei Referate und zwei Hausarbeiten zu schreiben und intensiver zu trainieren. Das Ostertraining war irgendwie nicht der Brüller. „Nicht schön“, wie auch Cathleen fand. Dieser abgebrochene Nachteinsatz und dieses Schwimmen im Eiswasser … da wäre eigentlich mehr drin gewesen. Schwimmen in der Halle wäre jedenfalls effektiver. Auf jeden Fall möchte ich in diesem Jahr noch an mindestens einem Triathlon teilnehmen!

Flotter Dreier und schlechtes Benehmen

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In der Schule steppt zur Zeit der Bär. Am letzten Freitag dieses Monats gibt es Halbjahreszeugnisse, wenige Tage davor sind Zeugniskonferenzen, die letzte reguläre Klausur ist gerade geschrieben, nun müssen noch etliche Nachschreibetermine koordiniert werden. Mein Glück: Ich muss nicht eine einzige Klausur nachschreiben, da ich die Mindestzahl von „einzubringenden Ergebnissen“ erreicht habe. Insofern habe ich nach zwei anstrengenden Wochen erstmal Zeit zum Durchatmen. Aber nur einmal kurz: Im kommenden Halbjahr geht es wegen Studienprojekt, Studienfahrt und einem Praktikum nochmal richtig rund – neben der üblichen Anzahl Klausuren wohlgemerkt.

Das Wochenende war aber erstmal vollkommen gelungen. Wir waren mal wieder im Trainingslager, wieder in Niedersachsen, aber dieses Mal nicht in Hannover. Dafür aber wieder mit den Athleten aus Niedersachsen zusammen, was ich sehr gut fand. Ich musste mich am Freitag ausnahmsweise mal um nichts kümmern, alle anderen Teilnehmer hatten ihre eigenen Fahrmöglichkeiten gefunden, so konnte ich völlig entspannt direkt von der Schule auf die Autobahn und war trotz kurzem Stau bereits um kurz nach drei Uhr da. So gerne ich auch mit anderen Leuten zusammen fahre oder sie mitnehme, so nett kann es auch mal sein, wenn das Auto nicht bis unter das Dach vollgeladen ist und man alles vorher genau organisieren muss!

Das Sportzentrum lag in einem kleinen Kaff, ein paar Kilometer von der Autobahn entfernt, wurde Mitte der Achtziger erbaut und vor einigen Jahren umfangreich saniert. Alle Zimmer rollstuhlgerecht – sowas hab ich noch nicht gesehen. Nicht nach DIN-Norm, aber so, dass Sportler im Rollstuhl sich absolut frei bewegen können und keinerlei Hilfe brauchen. Ich war richtig begeistert! Es war nicht besonders luxuriös, eher sehr einfach, aber dennoch sehr gepflegt und vor allem sehr sauber. Das Essen wurde direkt vor Ort zubereitet und war absolut lecker, großes Buffet, einfach, aber sehr gut.

Kleine Anekdote am Rande: Eine Teilnehmerin aus Niedersachsen kam sehr spät, weil sie eine Autopanne hatten, die Küche hatte schon lange zu, sie fragte beim Einchecken, ob sie vielleicht noch einen Apfel oder eine Banane bekommen könnte, weil sie so großen Hunger habe und auch direkt aus der Ganztagsschule hierher gefahren war. Ich hatte erwartet: „Da hinten ist ein Automat, da gibt es Kekse, Schokolade etc.“ – Stattdessen kam: „Ich mache Ihnen noch schnell ein kleines Tellerchen fertig.“ Und dann hat die Frau (ein Ehepaar leitet die Einrichtung) ihr noch mehrere belegte Brote gemacht, frische Gurkenscheiben, eine Tomate, zwei Äpfel … die meinte es eben gut. War so eine eher rundliche Frau Anfang 60, die sonst immer mit Schürze in der Küche stand und kochte.

Auch beim Essen selbst: Können wir noch Milch bekommen? – Zack, stand die Milch da. Hinterher: Können wir eine Kiste Wasser für das Training bekommen? – Paar Minuten später brachte der Chef fünf Kisten Mineralwasser auf einer Sackkarre in die Sporthalle. „Bitte am Sonntag das Leergut vor den Schuppen stellen.“ – Wir sind da echt verwöhnt worden.

Lisa war auch dabei. Sie kam kurz nach mir. Beziehungsweise: Die Mutter brachte sie. Die Mutter fuhr aber nicht selbst, sondern das machte die Chauffeurin. Ja, richtig gelesen. Eine S-Klasse-Limousine mit Fahrerin. Wenigstens nicht noch in Uniform mit Mütze… Und ihre Sportgeräte? Kamen in einem VW-Bus hinterher, ebenfalls von einem Angestellten gefahren. Ich lernte endlich auch mal die Mutter von Lisa einen Moment länger kennen. Den Vater, er war dieses Mal nicht dabei, hatte ich schon ein paar Mal gesehen und gesprochen. Ich fand beide Elternteile sehr nett.

Die Mutter interessierte sich natürlich, wo ihre Tochter am Wochenende untergebracht war und mit wem sie in einem Zimmer schlafen würde. Viele andere Eltern brachten ihre Kinder auch selbst vorbei und schauten sich das an. Lediglich die älteren Sportler kamen alleine oder mit anderen, älteren Teilnehmern zusammen. Dieses Mal waren auch die „Senioren“ mit bei uns untergebracht. Insgesamt waren wir fast 50 Leute.

Es gab Viererzimmer, die aber nur zu zweit belegt werden mussten. Wir entschieden uns trotzdem, zu dritt ein Zimmer zu nehmen: Cathleen, Simone und ich. Beziehungsweise: In der zweiten Nacht waren wir zu viert. Brauchten allerdings doch nur drei Betten. Cathleen war sich mit einem Typen aus Niedersachsen einig geworden, dass sie kuscheln möchten… Kein Küssen, keine Liebe, kein Sex … aber kuscheln. Und fummeln. Schätze ich. Man bekam davon aber nichts mit. Beide hatten was an, es war dunkel, man hörte nichts, beide waren zugedeckt – allerdings störte sich eine Trainerin aus Niedersachsen daran und machte eine große Szene. Sie hat wohl durch Zufall mitgekriegt, dass die beiden im selben Bett geschlafen haben.

Sie mache sich strafbar wegen Förderung von sexuellen Handlungen Minderjähriger. Meine Güte! Ich bin vielleicht nicht die geborene Jugendleiterin, aber solange sie nicht ungeschützt poppen, sondern nur kuscheln und ein bißchen unter der Decke angezogen fummeln und das noch so diskret, dass es eigentlich keiner mitkriegt … könnte es auch sein, dass sie sich nur gewärmt haben, denn es war nachts eher kühl in den Räumen.

Aber die Trainerin machte sowieso aus allem ein Drama. Fand ich persönlich. Ihr Trainerkollege hat mit seiner Freundin zusammen ein Zimmer gehabt und dort auch eine dritte Person drin gehabt, die wiederum mit der Freundin eng befreundet war. Ob die dadrin einen flotten Dreier gemacht haben oder sich einfach nur gut verstanden haben, ist mir völlig banane. Sollen sie doch. Vielleicht bin ich dafür zu jung, um daran etwas schlimmes zu sehen. Trainer und Freundin waren Mitte 30, die Dritte war 27. Er müsse mit gutem Beispiel voran gehen, forderte die Trainerin aus Niedersachsen. Er hätte ein Einzelzimmer nehmen müssen. Das „Problem“ war nur, dass sich, bis auf diese Trainerin, absolut niemand daran gestört hat.

Absolut knuffig war aber wieder Lisa. Am Freitag hatten wir abends noch Training in der Halle (auf der Rolle), das Draußen-Training musste wegen Regen ausfallen. Es ist noch nicht warm genug, um bei Regen draußen fahren zu können. Sobald es aber an den nächsten Tagen trocken sein würde, würden wir auch draußen trainieren. Lisa fragte mich nun, als sie neben mir auf der Rolle stand: „Sag mal, gilt das eigentlich immernoch, dass man sich beim Training benehmen darf, wie man will?“

Ich wusste nicht so ganz, was sie mit der Frage erreichen wollte. „Wie meinst du das?“ – „Na, ihr habt mir mal was von ‚Rotzraketen‘ erzählt. Also dass man in die Gegend rotzen darf, wenn man beim Training kein Taschentuch hat.“ – Ich guckte entsetzt. „Aber nicht in der Halle, das ist eklig! Da fragst du jemanden von den Fußgängern, ob er dir ein Taschentuch an deinen Trainingsplatz bringt und dann putzt du deine Nase im Rollen und legst dir das Paket Taschentücher gleich auf den Schoß. Das fällt weder runter noch fliegt es weg, du stehst ja auf der Stelle.“

„Das meinte ich gar nicht“, sagte Lisa. „Ich meinte draußen. Morgen oder so, wenn es aufgehört hat zu regnen, und wir draußen auf der Straße trainieren. Da darf man sich dann doch so benehmen wie man will, oder?“ – „Da darfst du dann Rotzraketen abschießen.“ – „Und darf man zum Beispiel auch laut rülpsen? Also ganz laut?“ – Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Sie lachte verlegen mit. „Ich meine ja nur so ganz theoretisch.“

„Naja, man kann das auch leise machen, wenn das sein muss. Aber wenn du das unbedingt willst, machst du das halt laut. Willst du das denn?“ Ich bekam den Eindruck, als wenn Lisa eine Möglichkeit suchte, dem geforderten immer-guten Benehmen von Zuhause zumindest zeitweilig zu entfliehen. Was sie zwei Minuten später auch durchblicken ließ. „Immer, wenn ich aus Versehen mal einen kleinen Pups mache, sagen meine Eltern, dass es langsam Zeit wird, erwachsen zu werden. Und dass ich mich entschuldigen soll.“

„Im Grunde ist es ja so: Man macht das eigentlich nicht so, dass andere das mitkriegen. Hier ist das ein bißchen anders, weil gerade die Querschnitte das nicht unter Kontrolle haben. Aber gerade wenn denen das nicht unter Freunden passiert, die das schon kennen, entschuldigen sich hier auch die meisten, obwohl die eigentlich gar nichts dafür können.“ – Lisa sagte: „Ich kann dafür auch nichts, manchmal kriechen die einfach so aus dem Po.“ – Die halbe Halle lachte und insbesondere einige von den älteren Herren jenseits der 40 hatten Lachtränen in den Augen. Lisa verzog hingegen keine Miene, als sie das erzählte…

„Wahrscheinlich traue ich mich sowieso nicht. Was sollen die anderen denn von mir denken. Aber ich würde mich schon gerne mal so richtig daneben benehmen.“ – Klaus, ein alter Hase, erklärte ihr: „Vor allem sollst du beim Wettkampftraining lernen, alle diese Situationen zu beherrschen. Stell dir vor, du fährst auf einem Wettkampf, bist 2 Kilometer vor der Zielgeraden, und dann läuft plötzlich die Nase. Willst du dann aufhören? Oder erstmal lange überlegen? Dann musst du dich auf das Gewinnen konzentrieren, weil dein Gegner direkt im Nacken sitzt und er jede Unkonzentriertheit ausnutzt und sofort überholt. Und dann ist es von Vorteil, wenn du trainiert hast, wie man ohne Taschentuch die Nase putzt. Denn den Preis gewinnst du für schnelles Fahren und nicht für gutes Benehmen. Das ist bei solchem Sport mal völlig unwichtig.“

Inzwischen ist Lisa 15 Jahre alt. Trotzdem verknüpft sie Neues oft nur sehr langsam. Man könnte sagen, der Euro fällt centweise. Jedenfalls haben diese Worte des alten Hasen bewirkt, dass Lisa beim nächsten Training alles ausprobieren musste. Und mit „alles“ ist wirklich alles gemeint. Alles, was man sonst nicht macht. Das war so süß, weil sie das alles total vom Training abgelenkt hat, sie total verlegen gemacht hat, aber am Ende war sie stolz wie Oskar, dass sie das alles hingekriegt hatte.

So stolz, dass sie am Sonntag ihre Mama mit den Worten empfing: „Mama, ich habe es geschafft! Ich habe meine erste Rotzrakete abgefeuert!“ – Wir standen gerade mit mehreren Leuten in einem Gruppenraum und alles lachte. Ich hatte die Befürchtung, die Mutter würde sagen, wir verderben ihre Tochter oder bringen ihr schlechtes Benehmen bei, oder ähnliches, aber das Gegenteil war der Fall. Die Mutter war bestens informiert und fragte: „Ist das das, wo man sich ein Nasenloch zuhält und dann seinem Hintermann einen Klecks aufs Hemd macht?“

Sie sagte, sie fände es gut, dass sich hier ihre Tochter mal austoben könne und mal aus dem ganzen Alltagstrott herauskäme. Die Reaktion hatte ich absolut nicht erwartet. Die Mutter fügte hinzu: „Solange du weißt, wann du im Trainingslager bist und wann zu Hause am Esstisch, ist alles gut.“ – Cathleen, bekannt für ihre direkte Art, fügte hinzu: „Siehste, Lisa, und irgendwann ist es auch nicht mehr peinlich zu erzählen, was man macht, wenn es unterwegs kein Klo gibt.“ – Lisa lief dunkelrot an, die Mutter sagte: „Das müssen wir jetzt aber nicht ausführen, ich kann es mir schon denken. Hoffentlich hast du deine Sachen hinterher ausgespült.“

Lisa nickte aufgeregt, nicht wissend, dass sie damit verraten hatte, was sie eigentlich vor ihren Eltern geheim halten wollte. Ich wiederhole mich gerne: Sie ist einfach soooo süß. Sie antwortete: „Ich hab gleich mit all meinen Sachen geduscht. Das ging ganz gut.“ – Die Leute krümmten sich schon vor Lachen. Mit dieser naiven Art stiehlt sie echt jedem die Show. Und wenn dann noch die Frage kommt: „Hab ich jetzt einen Witz gemacht?!“

Zurück in Hamburg. Es ist noch nicht mal ein Monat des neuen Jahres vorbei und ich habe bereits mein erstes Trainingslager hinter mich gebracht. Meinen ersten Abend in einer Hütte mit Lagerfeuer in der Mitte. Mein erstes Training unter freiem Himmel bei zweistelligen Temperaturen und richtig tollem Sonnenschein. Und meinen ersten längeren Blog-Eintrag. In diesem Jahr 2011.