Nachhaltig

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Ich habe schon mehrmals (nämlich hier und hier) über unseren Nachbarn geschrieben, der mit Maries und meiner Hilfe ein wenig was für seinen Körper getan hat. Sein BMI ist von ehemals 30 auf nun 26 gesunken, und insbesondere seine Blutwerte, die Maries Mutter nun noch einmal bestimmt hat (nachdem er vorher über Jahre nicht zum Arzt gegangen ist), sind astrein. Der Triglyceridwert (sogenannte Neutralfette) ist von 700 über 133 auf inzwischen 116 abgesunken und damit durchaus als „normal“ anzusehen. Aufgetaucht sind inzwischen zwei Arztbriefe anlässlich zweier eher kosmetischer Eingriffe im Krankenhaus, bei denen die Triglyceride ebenfalls mit Werten jenseits der 500 bestimmt worden sind. Einer stammt aus dem Jahr 2001, ein anderer aus 2005.

Wenn es also jemand schafft, nach offensichtlich mehr als zehn Jahren absolut falscher Ernährung sein Ernährungsverhalten nachhaltig (und davon möchte ich nach einem halben Jahr bereits sprechen) umzustellen, habe ich davor schon einigen Respekt. Auch wenn ich selbst keine Probleme mit meinen Ernährungsgewohnheiten habe und daher vermutlich gar nicht nachvollziehen kann, wieviel Überwindung das kostet. Ganz erheblich dazu beigetragen hat bei ihm der konsequente Verzicht auf Limonaden und Fruchtsäfte. Er trinkt, nach eigenen Angaben, seit mehr als einem halben Jahr ausschließlich noch Wasser.

Drei Liter Cola pro Tag durch ungesüßtes Wasser zu ersetzen, spart pro Woche über zwei Kilo Zucker. Man stelle sich nur mal bildlich vor, dass jemand jede Woche zwei Pakete Zucker in sich reinlöffelt. Über Jahre! Ich weiß, spätestens seit meinem heutigen Beitrag sind die Chancen auf einen Sponsoren-Vertrag mit führenden Unternehmen der Getränke-Industrie für immer dahin, aber mal im Ernst: Jeder Mensch sollte darüber mal intensiv nachdenken! Nicht vor einem Glas Cola (in meinem Kühlschrank steht davon auch eine Flasche), aber vor der Überlegung, damit Durst zu stillen oder es als Grundnahrungsmittel in sich hineinzuschütten!

Service und andere Krankheiten

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Dokumentationen im Fernsehen gucke ich eher selten. Das liegt hauptsächlich an meinen Fernsehgewohnheiten: Eher sehr selten, und wenn, dann meistens abends, vom Bett aus, kurz vor dem Einschlafen. da möchte ich dann meistens mich nicht mehr großartig konzentrieren und über -meistens verdächtig mundgerecht präsentierte- Fakten und Beobachtungen nachdenken.

Kürzlich blieb ich aber dennoch an einer Dokumentation über eine Verlagerung der Umsätze vom Einzel- zum Versandhandel hängen. Immer mehr Leute bestellen online und lassen sich die Ware nach Hause liefern. Verschiedene Gründe und Motivationen wurden genannt, und ich hatte den Eindruck, die Reportage war bei der Bewertung dieser Gründe und Motivationen nicht neutral, sondern pro Versandhandel. Nicht nur, weil auf den Aspekt des persönlichen Service vor Ort (im Einzelhandel) überhaupt nicht eingegangen wurde. Und der ist es überwiegend, der mich hin und wieder dazu veranlasst, trotz etwas höherer Preise vor Ort zu kaufen.

Was mich beim Versandhandel am meisten stört, ist das Drama, das entsteht, wenn niemand zu Hause ist, um das Paket anzunehmen. Eine Möglichkeit ist, dass Nachbarn das Paket annehmen. Was aber, wenn sie ein Paket annehmen, bei dem ich die Annahme verweigert hätte? Beispielsweise, weil es schon aus dem Karton tropft, selbiger in Fetzen hängt oder ähnliches. Transportschaden? Pech gehabt, weil nicht sofort reklamiert. Und was ist, wenn die Firma nicht liefern kann? Dann bin ich im Zweifelsfall erstmal wochenlang an die Bestellung gebunden. Natürlich könnte ich es inzwischen woanders kaufen bzw. bestellen und dann versuchen, von meinem Rückgaberecht Gebrauch zu machen. Was aber auch wieder umständlich wird, wenn ein Nachbar das (zweite) Paket annimmt.

Kurzum: Am liebsten mag ich es so: Einen Artikel aussuchen, einen freundlichen Verkäufer anflirten, damit er das nicht nur etwas billiger macht, sondern mir den Karton auch gegen ein kleines Trinkgeld ins Auto lädt, sofern das Ding größer ist als mein Schoß. Zu Hause einfach auspacken, einschalten, fertig.

So war ich in der letzten Woche unterwegs und suchte: Ein DVI-Kabel, ein analoges Antennenkabel und eine Packung CD-Rohlinge. Marie brauchte für ihre Oma eine neue Mikrowelle (nachdem bei dem 20 Jahre alten Gerät angeblich Funken aus dem Gerät sprühten) und Maria braucht einen neuen Kühlschrank und hätte gerne in ihrer Wohnküche, die zum Zimmer gehört, einen eigenen Geschirrspüler. Sie hat nun über ein halbes Jahr den Anteil, den sie von ihrem Arbeitslohn behalten darf, zusammengespart und wollte, wenn sie den Kühlschrank vor Ort findet, den Geschirrspüler gleich mitbestellen und zusammen anliefern und anschließen lassen.

Insgesamt kamen also drei süße Mädels in den Laden gerollt und wollten mehrere hundert Euro loswerden. Im ersten Laden (drei standen zur Auswahl, alle drei gehören zu großen Ketten mit Filialen in ganz Deutschland, zwei von ihnen haben in den großen Tageszeitungen oft seitenweise Anzeigen oder dicke Beilagen) rollten wir zuerst zu den Mikrowellen. Zwanzig Mal stand das gleiche Modell in den Regalen, von einer Noname-Firma für 49 Euro. Am Ende des Regals gab es dann noch drei andere Modelle. Eins davon entsprach den Kriterien, die Maries Oma vorgegeben hat: Drehknopf, einfach zu bedienen, kein Schnickschnack, leicht zu reinigen, Markenprodukt, bis 100 Euro. „Ja, da haben wir leider nur noch den Aussteller, der Hersteller will seit Wochen nicht liefern, die nächste Ware kommt erst am 21. April.“ – „Bekommen wir den Aussteller denn etwas günstiger? Immerhin haben daran ja schon etliche Leute rumgefummelt und zerkratzt ist er auch schon etwas.“ – „Auf 95 kann ich noch runtergehen, aber mehr nicht, das ist schon ein günstiges Angebot. Ja und Geschirrspüler und Kühlschränke liefern wir nur bis zur Bordsteinkante.“ – Und tschüss.

Laden zwei. Maria sagte: „Vielleicht sollte ich mal meine Jacke aufmachen, damit man meine Rundungen etwas besser sieht.“ – Allgemeines Gelächter. Ein junger Verkäufer, in meinem Alter, wollte wissen, ob Marie einen Geschirrspüler überhaupt selbst bedienen könnte. Nachdem wir das geklärt hatten: „Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie pro Artikel nicht die angeschlagenen 20 Euro, sondern 70 Euro Liefergebühren zahlen. Dafür nehmen wir das Altgerät aber kostenlos zur Entsorgung mit.“ – „Wie jetzt? Warum 70 Euro, hier steht 20.“ – „Wegen der Entfernung.“ – „Wir wohnen keine fünf Minuten Autofahrt von dieser Filiale weg. Was meinen Sie mit Entfernung?“ – „Ja, ähm, wir liefern über die Spedition [XY] aus [einer anderen Stadt]. Und für die zählt als Ausgangspunkt immer der Sitz unserer Hauptfiliale in Hamburg. Und dieses hier ist nur eine Zweigstelle. Und…“ – „Sie brauchen gar nicht weiterreden, schönen Tag noch.“

Laden drei. Marie zu Maria: „Pack deine Titten wieder ein. Das führt nur dazu, dass die denken, wir sind völlig beknackt.“ – Nachdem wir 15 Minuten herumstanden und mindestens sechs Verkäufer eilig an uns vorbei rannten, rollte ich zur Information, mit der Frage, ob uns vielleicht jemand bei den Mikrowellen bedienen könnte. Die Dame brachte mich sehr freundlich zu einem Verkäufer, der allerdings noch drei Kunden vor uns hatte. Nach weiteren 10 Minuten waren wir dran. „Für diese Mikrowelle hier“, sagte Marie und zeigte auf die einzige, die einen Drehknopf hatte und zudem das gleiche Modell war wie in dem ersten Elektronikladen, „interessiere ich mich. Mich wundert aber der Preis: 149 Euro. Drüben, bei [XY] gibt es die für 99 Euro. Ist das nicht ein wenig viel Unterschied?“ – „Natürlich bekommen Sie die bei uns auch für 99 Euro, wenn es die bei [XY] tatsächlich für 99 Euro gibt. Steht ja auch vorne an unserer Servicetafel. Ich rufe da mal eben an.“

Der Verkäufer holte ein Notizbuch aus der einen Tasche, nahm sein schnurloses Telefon aus der anderen, suchte eine Nummer raus, wählte und sprach: „Hallo Jürgen, die Mikrowelle 12345ABC von XY, hast du die da? Und was kostet sie bei dir? 129 Euro, okay. Danke! Ja, leg dich wieder hin!“ – Und dann zu uns: „Also, sie kostet da nicht 99 Euro, sondern 129, kann es sein, dass Sie sich auf dem Preisschild verguckt haben? 129 erscheint mir auch plausibler.“ – Marie antwortete: „Nein, wir haben mit ihm ja noch gesprochen, er wollte uns sogar noch bis auf 95 Euro Nachlass geben. Also hat er sich wohl eben vertan.“ – „Ich habe ihm ja die korrekte Bezeichnung mit Nummer durchgegeben, aber machen Sie sich nichts draus, das versuchen alle Kunden, die den Preis drücken wollen. Ich bin Ihnen nicht böse deswegen.“ – „Wie bitte?“, fragte Marie.

Ich hatte inzwischen auf der Webseite des anderen Unternehmens gesucht und die Mikrowelle dort mit 99 Euro gefunden. Ich konfrontierte den Verkäufer damit. Antwort: „Tja, dann hat mir der Verkäufer wohl einen falschen Preis genannt. Aber das habe ich schon öfter erlebt, immerhin will er Sie ja auch nicht verlieren als Kunden.“ – „Wieso? Wir sind doch schon raus aus dem Laden.“ – „Ja, aber er denkt vielleicht, Sie kommen zurück. Dann entschuldigt er sich, das sei im Stress passiert, er hatte gerade noch drei Kunden an der Backe, aber jetzt mache er Ihnen einen Superpreis und sie können das Ding gleich bei ihm mitnehmen.“

Das konnte ja nicht passen, denn er hatte die Mikrowelle ja gar nicht da. Was wir unserem jetzigen Verkäufer natürlich nicht erzählt haben. Er sagte: „Also 124 Euro könnte ich Ihnen als Angebot machen, aber das ist das letzte Wort.“ – Nein. Schönen Tag noch. Ein vertrauensvolles Verhältnis lässt sich so nicht aufbauen. Ich guckte nach dem analogen Antennenkabel: 49 Euro für 15 Meter. 15 Meter brauche ich nicht, aber 5 Meter war nicht da und alles darunter wäre zu kurz. Ansonsten gab es nur noch welche, bei denen der Anschluss nicht passte. Eine Verkäuferin, die gerade daneben stand, meinte: „Da sind die Stecker vergoldet, deswegen ist das so teuer.“ – Ja nee, ist klar. Und tschüss.

„Okay. Den halben Nachmittag unterwegs gewesen, nichts erreicht. Lasst uns auf dem Weg nach Hause noch einmal in das erste Einkaufscenter gehen, ein Eis essen und auf dem Rückweg den Jürgen ansprechen, warum er da für einen Quatsch am Telefon erzählt. Ich will jetzt wissen, ob er wirklich drei Kunden an der Backe hatte.“ – Ergebnis: Das Eis schmeckte gut und Jürgen sagte: „Hier hat nie einer angerufen.“ – Ohne Worte.

Also bestellen wir nun doch per Internet. Spaßeshalber habe ich das vergoldete Antennenkabel mal bei einer Preisvergleichsseite eingegeben: Bei 16,90 Euro inklusive Versand geht es los. Ja, sorry, dann darf sich wirklich niemand wundern, wenn die Leute zunehmend im Versandhandel bestellen. Das ist kein Service-Defizit, das ist Abzocke.

Als mangelhaften Service würde ich eher beschreiben, wenn ich Ende Januar ein millionenfach verkauftes Auto bekommen soll, die Auslieferung sich aber inzwischen bis Mitte April verzögert. Es ist noch nicht mal bei der Stelle (im Werk) angekommen, die den behindertengerechten Umbau vornehmen soll. Und wer jetzt denkt, dass das Autohaus mal selbständig bei mir anruft und mich auf dem Laufenden hält, täuscht sich. Wenn ich nicht immer wieder nachfrage, bekomme ich keine Infos. Und oft ist der Verkäufer gerade nicht zu sprechen, hat sein Telefon auf die Zentrale umgestellt. Und zurückrufen? Fehlanzeige. „Hoffentlich gewährt man dir anständigen Rabatt“, sagte kürzlich ein Kumpel von mir. Ja, tun sie, aber wegen meiner Behinderung. Und was nützt mir Rabatt? Ich möchte das Auto. Mein letztes habe ich storniert, nachdem der Händler trotz zweier großzügiger Nachfristen innerhalb eines Jahres nach Liefertermin kein fertiges Auto präsentieren konnte. Ein Drama.

Und um diesem Meckerpost noch einen draufzusetzen: Abends haben wir uns eine Pizza liefern lassen. Ich mag dieses „Pizza aus dem Karton fressen“ eher nicht so gerne, aber wenn etliche andere Leute aus der WG bestellen, bestelle ich mir, vielleicht einmal pro Quartal, auch so einen Fraß. Möglichst mit viel Gemüse. Ich habe mal ein Foto gemacht von einer Pizza mit Salami und Schinken, exakt so, wie sie sich meinem Mitbewohner beim ersten Öffnen des Kartons präsentiert hat. Lauwarm und …

… jeder Hund würde sich sofort abwenden. „Haben die mit dem Karton Frisbee gespielt?“, war die erste Frage des Mitbewohners, der sie bestellt hatte. Die anderen waren nicht wärmer und sahen nicht besser aus. In diesem Sinne: Prost Mahlzeit!

Plötzlich Glibber

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Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Und welche, die will wirklich niemand wissen. Und trotzdem: Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Niemand sein Wissen erweitert.

Als Bloggerin schreibe ich fast über alles. Nicht ständig über Dinge, die Niemand nicht wissen will, aber manchmal eben auch. Manchmal muss es auch sein. Nach so viel Gesülze wissen nun alle, was jetzt kommt: Too much information.

Dass auch Menschen Sex haben, ist allgemein bekannt. Dass Menschen, die keine Partnerin und keinen Partner haben, mitunter Sex ohne Partnerin oder Partner haben, auch. Ich rede schreibe von Onanie, oder -wenn man die Bibel mal außen vor lässt- von Masturbation, oder -wenn man schwierige Wörter auch außen vor lässt- von Selbstbefriedigung, oder -wenn man es einfach ausdrückt- vom Streicheln. Sich selbst.

Nachdem man inzwischen weiß, dass behinderte Menschen auch Menschen sind, man entschuldige nach diesem Zeitungsartikel (hat nichts mit Sexualität zu tun, bitte später ablenken lassen) bitte meinen Zynismus, gilt für behinderte Menschen: Auch sie haben Sex. Und masturbieren. Genauso häufig oder genauso selten wie Menschen ohne sichtbare Behinderung. Manch einer wird nun denken: „Wie langweilig.“ – Aber es gibt eben auch diejenigen, die denken: „Ach echt?“

„Ach echt“ ist für mich ja okay. Nicht jeder Mensch kann alles wissen, nicht jeder Mensch muss alles wissen, jeder Mensch hat das Recht, dazuzulernen. Nicht okay sind für mich Menschen, die mit „igitt“ oder „bitte nicht“ reagieren, und erst recht nicht okay sind für mich Menschen, die deshalb so reagieren, weil es um Menschen mit Behinderung geht, die da Sex haben oder masturbieren. Oder beides.

Damit bin ich wieder bei meinem ersten Satz: Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Ob, wann und wie oft jemand Sex hat oder masturbiert, gehört in aller Regel dazu. Und in aller Regel soll jeder Mensch selbst entscheiden können, ob und wieviele er von diesen Informationen aufnehmen möchte. Meine Leserinnen und leser sind also nach der Einleitung gewarnt, dass hier noch was über-informatives kommt, aber was ist eigentlich mit … Pflegekräften?

Es gibt bei uns im Wohnprojekt einen Runden Tisch, bei dem sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter austauschen, so etwas wie eine Teambesprechung. Damit keine unnötige Distanz geschaffen wird und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht in die Situation kommen, in der sie über die Bewohnerinnen und Bewohner bestimmen, nimmt an diesen Besprechungen immer eine Bewohnerin oder ein Bewohner teil. Weil diese Person dabei natürlich auch sehr viel über ihre oder seine Nachbarinnen und Nachbarn erfährt, muss die teilnehmende Person mit einer Mehrheit und ohne Gegenstimmen für dieses „Amt“ gewählt sein. Es gibt aktuell nur vier Leute aus unseren drei Etagen, die dieses Amt ausüben, eine davon ist die Stinkesocke.

Ich habe mich nach der letzten Montagmorgen-Runde entschieden, zunächst mit dem betroffenen Bewohner und anschließend mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern in einer großen Runde zu sprechen und nun auch darüber zu schreiben. Ich habe dafür ausdrücklich die Erlaubnis bekommen. Denn, und nun komme ich endlich zum Punkt, dieses Thema hat eine solche Brisanz, dass es einer Mitarbeiterin den Job gekostet hat. Das habe ich nicht entschieden, aber das liegt begründet in diesem Teamgespräch. Die Mitarbeiterin nimmt ihren Jahresurlaub und hat bereits einen Auflösungsvertrag unterschrieben. Es handelt sich um eine feste Mitarbeiterin, die nun vermutlich vorzeitig in Rente geht. Die Bitte nach dem Auflösungsvertrag kam an Ende von ihr, da sie, so sagte sie, das Gefühl habe, sie sei für die junge Welt zu alt. Die junge Welt, in der behinderte Menschen sexuell aktiv sind.

Nein, es lag niemand masturbierend im Hausflur oder hatte Sex in der Gemeinschaftsküche. Es geht um einen jungen Mann, der eine Muskelerkrankung hat und über nur sehr wenige Bewegungen noch aktiv bestimmen kann. Er kann einen elektrischen Rollstuhl noch mit einem angepassten Joystick steuern, Fingerfunktionen sind noch vorhanden. Rutscht die Hand aber vom Joystick und fällt der Arm dabei von der Lehne, so dass er seitlich hinab hängt, reicht seine eigene Kraft nicht, den Arm wieder nach oben zu bewegen. Es muss also jemand seine Hand wieder an den Joystick legen. Der junge Mann studiert zur Zeit in einem Bachelor-Studiengang einer Fachhochschule und hatte die besagte Pflegekraft gebeten, ihn abends in Rückenlage ins Bett zu legen und seine Hände unter der Bettdecke auf seinem Bauch zu positionieren.

Die besagte Pflegekraft vertritt kompromisslos die Ansicht, dass genau das nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehöre und aus ethischen Gründen abgelehnt werden könne. Sowohl das Positionieren der Hände vor dem Zudecken auf dem Bauch als auch das nächtliche Drehen oder das morgendliche Waschen eines Menschen, der vor dem Einschlafen ejakuliert habe. Sie möchte damit nicht konfrontiert werden. Sie gestehe ihm zu, dass er sexuelle Bedürfnisse habe, aber dafür solle er sich doch eine Freundin oder notfalls eine Sexualassistentin anschaffen. Auch, und das führte sie gleich mit aus, das unter der Dusche zu machen, komme für sie nicht in Frage, ungeachtet dessen, dass sie gar nicht dabei sei. Weil sie ihn da ja wieder rausholen müsse und dann ja zu befürchten habe, „plötzlich in Glibber zu treten“ – und das wolle sie nicht.

Eine 52jährige Pflegerin antwortete gleich sehr deutlich: „Mit Verlaub, dann hast du aber den falschen Job. Sexualität ist menschlich und als Pflegerin sollte dir nichts menschliches fremd sein. Ob nun jemand Labskaus erbricht, Schnodder aus der Nase laufen hat, eitrig niest, blutig hustet, verkeimten Urin verliert oder einen Kubikmeter vergorenen Durchfall in die Hose setzt. Es gibt Schutzkleidung, es gibt Handschuhe, es gibt Wasser, Desinfektionsmittel und eine gewisse Distanz. Wenn der junge Mann sich nicht selbst berührt, entleeren sich die Überschüsse auch irgendwann von alleine, willst du dann auch sagen, dass du den nicht mehr anfasst? Kann ich nicht verstehen.“

Eine 28jährige: „Du bist doch persönlich davon gar nicht betroffen. Schaff dir eine Distanz dazu. Er befummelt sich doch nicht deinetwegen oder wenn du dabei bist. Wo ist das Problem? Ich hab sowieso Handschuhe an und muss ihn morgens im Intimbereich waschen. Und selbst wenn er sich in die Hose gespritzt hat, kommt das in die in die Wäsche und fertig.“

Eine 35jährige: „Ich verstehe das Problem ehrlich gesagt auch nicht so ganz. Die Menschen wohnen hier und haben dort, wo sie wohnen, auch ihre Intimität und ihren höchstpersönlichen Lebensbereich. Das wird professionell beantwortet: Wenn er sich nähert, was ich übrigens bei ihm nie erlebe, bekommt er klare Antworten, und ansonsten bekommen wir Geld dafür, dass wir die Dinge tun, die die Bewohner selbst nicht tun können. Wie zum Beispiel irgendwelche Sekrete wegputzen. Das soll nicht böse klingen, aber eigentlich kannst du froh sein, dass er das im Bett macht und nicht vor dem PC beim Pornos gucken. Aber selbst dann müsste man sich auf ein Procedere verständigen. Was machst du denn, wenn Maria sagt, sie möchte nackt schlafen und ihr Spielzeug in die Hand gelegt bekommen?“

Die Antwort: „Sie schläft bei mir nicht nackt und Spielzeug gibt es auch nicht. Dafür sind andere Leute da.“

Tenor ist eigentlich, dass keine Mitarbeiterin und kein Mitarbeiter sexuelle Handlungen an Bewohnerinnen und Bewohnern vornehmen darf. Die Grenze ist aber aus unserer gemeinsamen Sicht dort, wo es um aktive, direkte Handlungen geht. Jemandem einen Vibrator einzuschalten und in die Hand zu legen, dann aus dem Zimmer zu gehen, wäre danach keine sexuelle Handlung. Das wäre der Fall, wenn das Personal den Vibrator aktiv benutzt. Das heißt: Bei der eigentlichen Handlung soll die Bewohnerin oder der Bewohner alleine sein. Davor und danach kann man helfen. Bisher sind wir mit dieser Regelung sehr gut gefahren. Ich persönlich brauche dafür keine Hilfe, aber einige andere Menschen, die hier wohnen, schon.

Die Frage, ob Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter solche Hilfen ablehnen dürfen, hat die besagte Pflegekraft für sich beantwortet. Indem sie um Entlassung gebeten hat. Das werte ich als ein „eigentlich kann ich es nicht ablehnen und konsequenter Weise gehe ich, weil ich es nicht tun möchte“. Die Frage, die aber trotzdem im Raum steht, ist eben genau diese. Und sie geht eben schon sehr ins Eingemachte. Ähm. Einge … du weißt schon.

Doof bleibt doof

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So einfach geht das nicht. Nachdem ich mein letztes Auto am Ende storniert habe, weil man irgendwann gar keinen Liefertermin mehr nennen konnte, war ich beim aktuell bestellten Golf noch zuversichtlich. Er sollte in der 3. Kalenderwoche 2014 vom Band gehen, je nach Auftragslage in der After-Sales-Werkstatt könnten noch ein bis zwei Wochen für die Umrüstung dazu kommen. Wie mir das Autohaus gestern mitteilte, rechnet man nunmehr mit einer Fertigung in der 8. Kalenderwoche und einer Auslieferung in der 10. oder 11. Die Verzögerung möchte ich doch bitte entschuldigen.

Wenn sie sich denn dafür besondere Mühe geben…

Ganz andere Sorgen hat ein Mitbewohner meiner WG. Er wurde nach einer Rückenmarksentzündung im Alter von 19 Jahren in Rente geschickt und bekam eine unbefristete Erwerbsunfähigkeitsrente rückwirkend zugesprochen. Da er in der Zeit in der Ausbildung war und man damals bestimmte Vorversicherungszeiten und anderes Gedöns, was man brauchte, zumindest teilweise auch durch Schulzeiten erfüllen konnte, war das möglich. Und auch wurde nicht das Ausbildungsgehalt zugrunde gelegt, sondern in diesem Fall das, was er in seinem Job bekommen hätte, wäre die Behinderung erst nach der Ausbildung eingetreten. Auf diesem Weg erhält er brutto pro Monat knapp unter 800 Euro Rente von der Rentenversicherung Bund, nicht besonders viel Geld zum Leben, aber viel Geld für eine solche Rente.

Auch die Mietkosten in der WG halten sich in Grenzen, so dass er seine monatlichen Lebenshaltungskosten komplett aus der Rente bestreiten kann. Arbeiten ist für ihn sehr schwierig, da er Arme und Beine nicht bewegen kann und er nie einen Beruf gelernt hat. Er wollte, wurde aber fast acht Jahre in Rehaverfahren geparkt, bis man dann sagte: Hat keinen Sinn. Volle Rente, und gleich bis 65 durchbewilligt.

Er liegt nun mit dem, was er mit der Rente selbst aufbringen kann, genau 11 Euro unter der Grenze für die Grundsicherung, die ihm ergänzend zustehen würde. Das bedeutet: Er kann monatlich 11 Euro vom Staat bekommen. Allerdings, und hier wird es lustig, sollte er die 11 Euro irgendwo selbst verdienen, würde er 89 Euro vom Staat dazu bekommen. Nämlich Wohngeld. Das bekommt er jetzt nicht, weil er ja einen Anspruch auf Grundsicherung hätte. Kurzum: Jeden Monat schenkt ihm irgendwer aus der WG 11 Euro und lässt sich von ihm einmal ins Kino einladen. Damit hat er genau 100 Euro monatlich mehr in der Geldbörse – was insbesondere für jemanden, dem monatlich unter 1.000 Euro zur Verfügung stehen, viel Geld ist.

Allerdings gibt es diese 100 Euro mehr nur so lange, wie er nicht zur Abendschule geht oder ein Studium aufnimmt. Dann würde auch die Rente wegfallen. Und damit die Grundsicherung. Denn dann könnte er ja arbeiten und würde als Erwerbsloser 200 Euro weniger bekommen als jetzt mit Rente und Wohngeld. Müsste aber, wenn dieser Versuch scheitert, wieder eine neue Rente beantragen. Und würde die nicht mehr in der Höhe bekommen, da inzwischen ein anderes Rentenrecht gilt. Zusammengefasst: Lohnt sich nicht. Entsprechend klebt an seiner Zimmertür ein Schild: „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen, selbst Vater Staat versagt.“

Ja, er könnte kämpfen. Und sicher findet sich für ihn auch eine Lösung. Irgendeine gibt es. Vielleicht. Aber das ist nicht das Thema. Das Thema ist, dass es nicht einfach geht. Dass es kompliziert ist. Und zwar so kompliziert, dass betroffene Menschen aufgeben, das Beste für sich zu wollen. Auf Kosten der anderen. Und das Schlimme ist: Man kann ihnen nicht mal einen Vorwurf machen. Denn in seiner Situation würde ich vielleicht genauso handeln.

Es gibt viel zu tun.