Frohe Weihnachten 2013

16 Kommentare2.174 Aufrufe

Ich hatte in diesem Jahr das Glück, mir meine Zeit so einteilen zu können, dass ich nicht am Heiligabend noch in irgendwelche Läden und Geschäfte musste. Lebensmittel hatte ich bereits in der letzten Woche eingekauft und alle Weihnachtsgeschenke waren auch schon da. Und obwohl ich in diesem Jahr absolut nichts über das Internet bestellt hatte, klingelte mich heute morgen ein gelber Paketdienst aus dem Bett. „Ich bringe die Weihnachtsgeschenke“, meinte er und hatte zwei große Kartons auf seiner Karre. Für mich waren sie nicht, sondern für Cathleen, die aber nicht zu Hause war. Eine Pampersbestellung von Anfang Dezember, nach einem Lieferengpass wurde sie ausgerechnet am Heiligmorgen ausgeliefert. Natürlich habe ich dem Paketfahrer nicht gesagt, worum es sich handelt. Er meinte nur: „Aber schön gerecht aufteilen, nä? Und nicht alles auf einmal auffuttern!“ – Okay. Möchte jemand eine Windel haben? Ich weiß allerdings nicht, wie sie schmeckt.

Wenn ich auch schon alle Geschenke besorgt hatte: Eingepackt hatte ich sie noch nicht. Also ran. Marie und ich schenken uns gegenseitig einen Badeanzug. Wenn man regelmäßig trainiert, braucht man ja ständig neue. Das ist zwar ein bißchen albern, aber wir mögen halt albern. Ich hatte nun im Kaufhaus einen erwischt, den sie gerne trägt, Etiketten waren noch alle dran, Klebestreifen im Schritt auch, keine Ziehfäden, kein Schmutz, kein Chlorgeruch – gekauft. In dem Moment, in dem ich heute das Preisschild abschneiden will, sehe ich, dass auf dem Preisschild eine andere Größe steht als auf dem eingenähten Etikett. Und beim genaueren Hinsehen merke ich: Der ist falsch ausgezeichnet und entsprechend hing der auch falsch. Argh!!!

Also doch am Heiligabend morgens nochmal in die Stadt, Geschenke umtauschen. Die Kassiererin hat sich mehrmals entschuldigt, so etwas passiere nur sehr selten. Wenn, dann natürlich bei mir… Ich bekam ihn in die richtige Größe getauscht, nichts wie raus. Wenn das mal so einfach wäre: Direkt vor dem Kaufhaus war eine Menschentraube versammelt und an Durchkommen nicht zu denken. Ich tippte einige Leute an, aber die waren irgendwie alle in Weihnachtsgedanken. Plötzlich fängt fünf, sechs Leute neben mir eine Frau zu singen an, in einer Tonlage und in einer ohrenbetäubenden Lautstärke, so dass sich mir sofort alle Nackenhaare aufstellten. Etliche umstehende Leute guckten dumm aus der Wäsche und suchten Distanz zu ihr, im ersten Moment dachte ich ernsthaft, mit ihr stimmte irgendwas nicht. „TochtäherrZieh On frohohohoheue Dich, jahahahauchzeLautJeruhuhusalem!!!“

Am anderen Ende der Menschentraube fuhr ein junger Mann mit Sonnenbrille und Mütze fort: „Siehihihihieh Dein König kohohommt zu dir.“ – Und plötzlich sangen noch wesentlich mehr Leute mit. Ein Flashmob. Und die Stinkesocke mitten drin. Zum zweiten Mal in meinem Leben, vor einem halben Jahr gab es einen in einer Einkaufspassage, den ich aber nur draußen gehört habe, ins Getümmel wollte ich mich dann nicht stürzen, sondern habe abgewartet, bis der Spuk zu Ende war. Heute handelte es sich um einen Chor aus der benachbarten Kirche. Okay, es war ganz gut gelungen, singen konnten sie auch, das Solo am Anfang war sehr irritierend, vermutlich, weil es so unerwartet kam. So schnell wie es losging war es auch wieder vorbei und dann konnte ich endlich nach Hause. Der Busfahrer hatte einen kleinen Weihnachts-Elch auf seiner Kasse sitzen, ein kleines Kind an Mamas Hand fragte alle drei Minuten, ob der Weihnachtsmann schon da gewesen sei, wenn sie zu Hause ankämen – und mir gegenüber in der ersten Sitzreihe hinter der Mitteltür saßen zwei Jungs, geschätzte 16 Jahre alt, die meinten, Weihnachten sei voll nervig. Sie hätten ihre Playstation 4 schon bekommen, als Papa sein Weihnachtsgeld aufs Konto überwiesen bekommen hatte, also Anfang des Monats, und nun müssten sie heute mit Oma und Opa in die Kirche. Hoffentlich sei das schnell vorbei.

Tja, ich bin zwar etwas älter, aber ich freue mich schon. Auf die Kirche. Ich werde heute abend dort sein, in welcher, verrate ich allerdings nicht. Vorher werde ich noch mit all jenen aus unserer WG, die am Heiligabend nicht zu ihrer Familie fahren (oder keine mehr haben), einen schönen Abend im Gruppenraum, diesmal mit Tannenbaum, verbringen, mit anschließendem Kirchenbesuch. Morgen bin ich bei Marie eingeladen zum Mittagessen und am zweiten Weihnachtstag steigt bei Marie eine Sauna-Garten-Party mit ganz vielen netten Leuten.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern ein paar schöne Festtage. Genießt die Ruhe, ob mit Familie, ob mit Freunden oder alleine. Selbst wenn du keinen Menschen hast, der heute oder morgen mit dir zusammen sein möchte, geht das Leben spätestens am Freitag wieder seinen alten Trott. Und bis dahin ist genug Zeit, zum Beispiel um noch einmal in meinen ganzen Texten der letzten fünf Jahre zu stöbern! Oder um andere Dinge zu schaffen, die man sonst nicht schafft! In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Defekte Dose und ein Pupsplan

8 Kommentare2.367 Aufrufe

Kann man mir vorwerfen. Muss man aber nicht. Denn ich vergesse sie nicht. Die vielen Menschen, die sich normal benehmen gegenüber den vielen Menschen, die nicht normal sind. Setzt man voraus, dass es den „normalen“ Menschen nicht gibt, ist eigentlich schon alles gesagt. Jeder benimmmt sich einzigartig gegenüber anderen Menschen, von denen jeder einzigartig ist. Klar, dass mir dabei vor allem die auffallenden Menschen auffallen. Und dass ich über sie schreibe. Immer wieder.

So wie über den Netzwerktechniker mit der feinen Nase. Er kommt in unsere WG, soll einen Netzwerkfehler beheben. Das halbe Haus hat kein Internet, die Physio- und Ergopraxis unter unserem Wohnprojekt ist auch betroffen. Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich um einen Fehler außerhalb des Hauses handelt, aber das hatte der Internetanbieter zuvor ausgeschlossen. Bis zum Hausanschluss funktioniere alles. Wie sich später herausstellte, war die Hausanschlussdose selbst defekt, aber … der Reihe nach.

Dieser Netzwerktechniker kam also in unsere WG, ging direkt zum Büro (wobei mir „Büro“ ein wenig zu offiziell klingt, eigentlich ist es ein hübsch eingerichteter Raum, in dem der ganze Papierkram erledigt wird und in dem die Assistenz- und Pflegekräfte sich aufhalten können), traf auf Sofie und mich und fragte, ob wir ihn zum Chef bringen könnten. Der Chef sei nicht da, sagte Sofie, sie wisse aber Bescheid und schließe ihm den Raum auf, in dem die ganze Technik untergebracht ist. Er fragt: „Ist das hier ein Behindertenheim?“

„Eine Wohngemeinschaft“, antwortete Sofie.

„Worin liegt der Unterschied?“, wollte der Techniker wissen.

Sofie antwortete: „Mit einem Behindertenheim verbinde ich eine Einrichtung, in der Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf ein fest strukturiertes Tages- oder Wohnprogramm angeboten wird. Bei uns mieten sich Menschen ein barrierefreies Appartment und organisieren gemeinsam, dass sie benötigte Hilfen zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in angemessenem Umfang erhalten.“

„Ist das nicht dasselbe?“, fragte der Techniker weiter.

„Keineswegs“, antwortete Sofie. „Im ersten Fall gibt es ein starres Angebot aus Zimmer, Essen und Pflege, in das man sich einfügen kann, im zweiten Fall gibt es eine Wohnmöglichkeit und den Rest organisiert sich jeder selbst.“

„Da würde ich doch aber die erste Möglichkeit vorziehen. Die Pflege brauche ich doch, wenn ich irgendwann mal so senil bin, dass ich jemanden haben muss, der mir den Hintern abputzt, nachdem ich ein Ei gelegt habe, sowieso. Dann ist es doch besser, ich kann auf den roten Klingelknopf drücken, als wenn ich erst noch im Internet drei Stellenanzeigen aufgeben muss und mich dann hinterher noch mit dem Finanzamt rumschlage, weil ich vergessen habe, für die 400-Euro-Kraft die Pauschalen an die Knappschaft zu überweisen.“

Sofie antwortete: „So hat jeder seine Präferenzen. Mir wäre es zum Beispiel wichtiger, dass ich nicht um halb sieben schon ins Bett muss, weil die Schicht in den Feierabend geht.“ – „Och, wenn man morgens um sechs geweckt wird, geht man abends auch früh schlafen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Aber eines fällt trotzdem angenehm auf: Bei Euch stinkt es nicht so extrem wie in manchen Einrichtungen. Ich komme ja viel rum, und in manchen Heimen stinkt das, als wenn die alle die Hosen voll haben“, befand der Techniker.

Sofie versuchte einen neuen Aufschlag: „Das kann aber auch daran liegen, dass krankheitsbedingte Ausfälle beim Personal oder vielleicht nur die Bohnen beim Mittagessen den Abführplan der Einrichtung durcheinander gebracht haben. Wenn dann bei dem einen oder anderen Kacken erst morgen früh um neun auf der Tagesordnung steht, kann es zu solchen Kollateralschäden kommen.“

Aber der Techniker konnte Sofies Einstellung zum selbstbestimmten Leben nicht nachvollziehen. Er antwortete: „Ich sehe schon, Sie kennen sich mit solchen Dingen viel besser aus als ich. Wollen Sie das mal als Beruf machen? Ist ja auf jeden Fall toll, wenn es einfache Möglichkeiten gibt, die Behinderten besser unterzubringen. Und es ist natürlich besser, wenn alles schön sauber ist und nicht stinkt. Dass man dafür Pläne erstellen muss, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber es leuchtet ein, dass es auch Regeln gibt, wenn so viele spezielle Leute unter einem Dach wohnen.“

Sofie gab endgültig auf. Eine Bewohnerin mit frühkindlicher Hirnschädigung, körperlich sehr stark eingeschränkt, hat in einem Vierteljahr voraussichtlich ihr Abitur in der Tasche, hatte die letzten Worte mitgehört und krähte: „Für unsere frische Luft hier sorgt die ‚Zentrale Anweisung zur strukturierten Methanabgabe in Wohnräumen der Behindertenhilfe‘, in Bewohnerkreisen auch ‚Pupsplan‘ genannt.“

Bevor sie weiterreden konnte, sagte der Techniker: „So viele Einzelheiten möchte ich das gar nicht wissen. Ich sehe, es ist alles gut strukturiert und dann kümmere ich mich mal darum, dass das Internet wieder funktioniert.“

Immerhin hatte er es in weniger als zehn Minuten geschafft, den Fehler zu finden. Die Anschlussdose, die eigentlich der Netzbetreiber in Ordnung zu halten hatte, war defekt. Er tauschte sie, schrieb eine umfangreichen Text in die Rechnung und mit etwas Glück bekommt Frank die Kosten vom Netzanbieter wieder.

Als der Techniker weg war, fragte Sofie: „Sagt mal, hat die Anstaltsleitung eigentlich ein Mitbestimmungsrecht, wenn ein neuer Pupsplan aufgestellt wird?“ – Schallendes Gelächter. Und jene Abiturientin in spe fügte hinzu: „Ich pupse am liebsten abends im Bett. Dann wird es schneller warm unter der Decke.“

Malediven

46 Kommentare3.011 Aufrufe

Am liebsten würde ich darüber schreiben, dass ich einen tollen Mann kennengelernt habe, mit dem ich mich drei Wochen lang vergnügt habe. Wir sind spontan zusammen verreist, er hat mich zu einem Tauchurlaub auf die Malediven mitgenommen, er ist ein total knackiger Typ, intelligent, witzig, charmant, gut aussehend, athletisch … und er trägt die kleine Stinkesocke auf Händen. Zumindest dort, wo sie nicht hinrollen kann. Wir haben von morgens bis abends Spaß und nachts erst recht. Er ist gut im Bett, experimentierfreudig, ungehemmt.

Er freut sich, wenn andere Menschen erfolgreich sind und ist selbst erfolgreich in einem gemeinnützigen Job. Er weiß, dass er intelligent ist. Er ist sogar so intelligent, dass er weiß, dass er vieles nicht weiß. Er versteht Liebe als Freiheit, als Bereicherung. Kann über sich selbst lachen, seine eigene Meinung auch mal überdenken. Und vor allem: Er hat eine eigene Meinung. Er findet nicht alles gut an mir. Und er liebt mich.

Am liebsten würde ich darüber schreiben, dass auf den Malediven so viel Sand, Strand, bunte Fische und Funklöcher waren, dass ich drei Wochen nicht schreiben konnte. Und dass mein toller Lover mich jetzt krault, während ich endlich darüber aufkläre, was los war.

Aber das Leben richtet sich bekanntlich nicht nach dem, was man am liebsten hätte. Eine gewisse Lebenskunst besteht wohl darin, wenn man das, was man gerade bekommt, als das sehen kann, was man gerade gerne hätte. Das gelingt mir sehr oft, aber wenn ich jetzt schreibe, dass zwei Wochen Krankenhaus toll waren, würde ich es mir selbst nicht mal glauben.

Daher schreibe ich einfach, wie verdammt scheiße es war. Trotz Einzelzimmer. Trotz täglichen Besuchs. Trotz vieler Freunde, die vorbei gekommen sind. Trotz Fernsehen, trotz überwiegend netter Schwestern, trotz allem. Es war einfach nur scheiße. So viel geheult wie in den letzten zwei Wochen habe ich mindestens fünf Jahre nicht mehr. Ich bin nur sehr froh darüber, seit Freitagnachmittag wieder zu Hause zu sein. Ich habe fast 24 Stunden nur geschlafen und fühle mich jetzt wieder so fit, dass ich mein Studium wieder aufnehmen kann.

Was passiert war? Ich sage nur: Spasti und Wasserkocher. Nein, nein, nein und nochmals nein, ich bin ihr nicht böse. Es war keine Absicht, keine Unachtsamkeit, es war noch nicht mal steuerbar. Sie hat sich erschrocken, hat das das Ding umgeworfen, ich stand in der Nähe. Es ist einfach passiert und ich bin froh, dass das kochende Wasser nicht direkt in meine Richtung gespritzt und dass der Deckel drauf geblieben ist. Und dass ich gerade einen Teller auf dem Schoß hatte, so dass das kochende Wasser nur einen Arm und Teile meines Oberkörpers verbrüht hat.

Die Situation selbst war gar nicht mal so heftig, ich habe mich eher erschrocken als dass es weh tat. Meine Mitbewohnerin, die den Wasserkocher umgeworfen hat, war in dem Moment mehr in Panik als ich. Sie war so aufgeregt, dass sie kein vernünftiges Wort zusammen bekam. Von unten kam eine Krankenschwester zu mir, die darauf bestand, dass ich das im Krankenhaus ansehen und versorgen lasse. Sie hat einen Krankenwagen bestellt und damit nahm das eigentliche Drama seinen Lauf. Die Rettungsleitstelle schickte die Polizei mit, wahrscheinlich weil ein Unfall mit einem Wasserkocher in einer WG auch mal auf böse Absichten zurückzuführen sein könnte. Oder weil gerade Langeweile herrschte. Die Polizei fragte den Spasti und sie gab natürlich, lieb und brav wie sie ist, zu Protokoll, dass sie das Ding umgefeuert hatte.

Dem Rettungssanitäter war das Zusammenwirken von Brandverletzung und Querschnitt nicht geheuer, so dass er den Notarzt nachorderte. Das kann ich einerseits verstehen, aus medizinischer Sicht, denn die Verbrühung war schon großflächig und großflächige Verbrühungen können sehr schnell mal zu einem Schock führen. Und gerade wenn dann der Patient noch eine Kreislaufregulationsstörung hat, da sich die Gefäße in den unteren Gliedmaßen durch die Querschnittlähmung nicht so zusammenziehen können wie das bei einem Menschen ohne Querschnittlähmung der Fall ist, kann das schnell mal entgleiten. Aber es war unnötig. Und dann ist es besonders aufregend, wenn der nähste Notarzt im Einsatz ist und der Rettungshubschrauber starten muss, um einen Doc einzufliegen. Ja, so läuft das in Hamburg. Und dafür dann noch gefühlte hundert weitere Streifenwagen nötig sind, um den Landeplatz zu sichern und eine Straße zu sperren. Einschließlich drei Millionen schaulustige Leute.

Nein, ich bin nicht mit dem Heli geflogen und nein, es war auch nicht die Notärztin, die ich schon kannte. Aber sie begleitete mich ins Krankenhaus und ich musste auch drei Tage auf die Intensivstation, allerdings war ich die ganze Zeit wach und es gab keinerlei Probleme. Richtig aus der Bahn geworfen hat mich die Ankündigung eines Pflegers, dass der verbrühte Bereich auch das gelähmte Areal betrifft und es durchaus sein könnte, dass mein Aufenthalt in Monaten besser bemessbar sei als in Wochen. Am Ende war aber alles halb so wild: Der richtig kritische Bereich, also die Beine, haben nur Spritzer abbekommen und die sind durch die Jeans so abgehalten worden, dass man da nichts machen musste. Die heftigen Verbrennungen (zweiten Grades, schön mit Brandblasen) waren im Bereich des rechten Armes, des rechten vorderen Rumpfes und ein Fleck noch am Rumpf hinten rechts. Das war der, von dem man die meisten Probleme erwartete und da ist jetzt auch noch ein Verband drüber, aber das heilt.

Da das gleich vernünftig versorgt wurde (die Brandblasen konnten steril abgewischt werden und mussten nicht chirurgisch entfernt werden) und die Dermis (also die zweite Hautschicht) nur teilweise und nur geringfügig betroffen war, wird das ohne großartige Narbenbildung abheilen. Im Grunde ist also nicht viel passiert – aber zu viel Langeweile ist ja auch ungesund, habe ich mir sagen lassen. Die hatte ich im Krankenhaus gewiss nicht, aber darüber schreibe ich ein anderes Mal.

Spastische Attacke

19 Kommentare2.693 Aufrufe

Die eine oder andere Veränderung gibt es immer in unserem Wohnprojekt. Bei insgesamt 21 Personen, die sich über drei Etagen verteilen, ist das aber auch kein Wunder. Zwei Zimmer wurden frei, nachdem die beiden Bewohnerinnen außerhalb Hamburgs eine Ausbildung beziehungsweise ein Studium beginnen und dadurch in ein Internat beziehungsweise in ein Studentenwohnheim ziehen. Zum 01.08. bekamen wir nach längerem Auswahlverfahren und Probewohnen einen neuen Bewohner und eine neue Bewohnerin dazu, er ist 23 und wegen einer vererbten Erkrankung ständig, also auch innerhalb der Wohnung, Rollstuhlfahrer, sie ist 16 und Spasti, fährt längere Strecken außerhalb des Hauses im Rollstuhl.

Die junge Frau kommt direkt aus einer psychiatrischen Klinik zu uns. Was sie auch jedem relativ rasch und offen erzählt und sich selbst als „Psychospaste, waschfest und lichtecht“ beschreibt. Ich finde sie süß, auch wenn ihr Lieblings-T-Shirt den Spruch „Ich bin nicht süß!“ trägt. Und wäre das Wort „keck“ noch nicht entdeckt oder erfunden worden, wäre dafür spätestens jetzt großer Bedarf. Ein kleiner Wirbelwind mit Sommersprossen im Gesicht, eine kleine Nase, kinnlange dunkle Haare und eine sehr schlanke Figur fallen beim ersten Hinsehen auf. Das Jugendamt wurde intensiv tätig, um uns davon zu überzeugen, sie auch in dem Alter und mit der Vorgeschichte bei uns aufzunehmen. Selbst der behandelnde Klinikpsychologe kam persönlich hier vorbei, da es ihm, wie er sagte, eine Herzensangelegenheit sei, dass sie eine vernünftige Wohnung und damit zur Ruhe finde. Ich glaube, die Worte sind eindeutig.

Unterschiedlicher können die beiden Neulinge nicht sein. Trotzdem feierten sie ihren Einstand gestern abend gemeinsam mit einem feudalen Nudelauflauf. Mit allen, die spontan Zeit hatten. Und während der junge Mann keinen externen Besuch bekam, nahmen die Eltern und die Großeltern der jungen Frau an dem Essen teil. Insbesondere die Großeltern wollten sich anschauen, wo ihre Enkelin künftig lebt, und da wir strikt gegen „Besichtigungen“ sind, schließlich wohnen wir hier nicht im Streichelzoo, haben wir das gemeinsame Essen zum Anlass genommen, sie gezielt einzuladen und uns dabei kennenzulernen.

Damit das niemand falsch versteht: Jeder darf hier Besuch empfangen, wann er will und wen er will. Aber dann in seinem Zimmer. Es gibt auch kein Problem damit, wenn der Besuch mitkommt in die Küche oder in den Gruppenraum, mit kocht oder mit fernsieht. Und wenn sich dabei jemand bekleckert, wird auch niemand meckern, wenn man kurzfristig die Jeans eines Besuchs durch die Waschmaschine schickt. Aber Führungen durch alle Etagen, gerade noch mit mehreren Peronen, mal eben alle Bewohnerinnen und Bewohner kennen lernen, an alle Zimmer anklopfen und reinschauen wollen, wie das öfter von Organisationen und interessierten Personen angefragt wird, lehnen wir kategorisch ab. Das würde jemand aus einem Mietshaus oder einer großen Mehrgenerationen-/Patchwork-WG auch nicht einfach so mit sich machen lassen wollen.

Der Nudelauflauf schmeckte mir recht gut, den Eltern unseres Neuzugangs hingegen überhaupt nicht. Die Mutter ließ nach dem ersten Bissen durchblicken, dass man „bisher immer genug Geld gehabt hat, um die einzelnen Komponenten einer Mahlzeit sauber zu trennen“, und der Vater fügte mit spitzer Zunge hinzu, dass der Kommentar seiner Gattin „möglicherweise unberücksichtigt gelassen hat, dass der Matsch zwischen den zerkochten Teigwaren auch das Produkt einer spastischen Attacke sein könnte, in der seiner Tochter alles in den Häcksler geraten sei, was in der Küche so herumlag.“ Das entschuldige zwar einiges, erkläre aber auch, wie die zwischen den Zähnen knirschenden Eierschalen in den Braten geraten seien.

Ich weiß zwar nicht, was im Vorfeld alles vorgefallen sein mag, damit man so wird. Aber vor unbeteiligten Menschen derart über seine eigene Tochter zu pesten, passt in ein Familienbild, das durch mindestens eine psychische Erkrankung und Entscheidungen der Jugendbehörde mitgezeichnet wurde. Unser Frischling fing zu heulen an und bat die Eltern, zu gehen, Sofie setzte ein eindeutiges Zeichen, rollte zur Tür, öffnete diese demonstrativ und sagte zu Marias Assistentin: „Könnten Sie den Herrschaften vielleicht ein Bündel rohe Karotten und eine Flasche Mineralwasser, sauber getrennt, mit auf ihren Weg nach draußen geben?“ – Worüber sich die Tochter plötzlich kiechernd amüsierte. Die Eltern gingen und ließen ihren dampfenden Auflauf und einen ratlosen Opa zurück, dessen zwei Hörgeräte anscheinend mehr auf einen direkten Dialog als auf eine größere Unterhaltung eingestellt waren, und der die mit zerknirschter Miene ebenfalls zurück gebliebene Oma mit gerunzelter Stirn fragte: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Woraufhin die Oma laut antwortete: „Das erzähle ich dir später, lass uns essen.“

Der Rest des Essens verlief ruhig und harmonisch. Anschließend schaute sich der Opa das Zimmer seiner Enkelin an und war wohl schwer begeistert. Er sprach auch mit Maria und bat sie, ob sie ihm auch ihr Zimmer zeigen könnte. Er erzählte, dass seine letzten Erinnerungen an Menschen, die ständig „untergebracht“ seien, ihn in die 1960er Jahre zurück führten, als ein selbstmordgefährdeter Bruder lange Zeit in einer geschlossener Einrichtung gelebt habe. Maria erklärte ihm, dass hier niemand „untergebracht“ sei, sondern alle Menschen hier freiwillig und aus persönlicher Überzeugung wohnen würden – und sich jederzeit auch eine eigene Wohnung suchen dürften und könnten. Sie seien halt nur von Pflege oder Assistenz abhängig. Beides lasse sich besser im großen Rahmen organisieren als für eine einzelne Person – wenngleich hier jeder seine Hilfen für sich selbst organisiere und Leute wie beispielsweise die Stinkesocke allenfalls hauswirtschaftliche Hilfen (Getränkekiste tragen, Glühbirne wechseln) abrufe.

Der Opa sagte, er habe sich das ganz anders vorgestellt. Selbst ein Zimmer, in dem jemand wohne, der ständig auf Hilfe durch andere Menschen angewiesen sei, unterscheide sich nicht von einem Zimmer in einer ganz normalen Familie mit nicht behinderten Menschen. Und niemand laufe in weißen Hosen herum. Als er gehört hatte, seine Enkelin werde in einer Einrichtung untergebracht, hätte er sich eine Anschlussbehandlung an den Klinikaufenthalt, so etwas wie eine Kurklinik, vorgestellt. Etwas stationäres. Hier würde man jedoch wohnen und leben. „Das gefällt mir ganz ausgezeichnet, das ist sehr gut für unser Mädchen“, sagte er zur Oma und nahm sie in den Arm. Und fragte sie: „Ich finde, wir sollten uns erkundigen, ob wir ihr monatlich ein kleines Taschengeld zahlen können, was denkst du?“ – „Das finde ich eine sehr gute Idee von dir, Vater, das unterstütze ich sofort!“