Tina

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Endlich mal wieder ein Vormittag, an dem ich nicht arbeiten muss. Marie hat ein Vorstellungsgespräch und ist unterwegs. Helena ist in der Schule. Sturmfreie Bude! Wow, was ich so alles tun könnte. Ich könnte splitterfasernackt zu viel zu lauter Musik durchs ganze Haus tanzen. Ich könnte mich im Latex-Outfit auf dem Küchentisch räkeln, das per Webcam ins weltweite Netz übertragen und dabei fünfhundert Euro verdienen. Ich könnte mir spontan Lukas nach Hause einladen, der übrigens ganz offensichtlich immer noch was von mir will, aber immer noch keinen Schritt weiter ist, und mal überprüfen, wie sportlich er ist. Irgendwann entführe ich ihn mal. Ob er der Richtige für etwas Dauerhaftes ist, weiß ich nicht. Vermutlich wird der Altersunterschied doch zu groß sein. Aber vielleicht gibt es was, was uns beiden Spaß macht.

Ich könnte nachschauen, ob jetzt eine Dauerwerbesendung läuft, dort für teures Geld anrufen, vom Hot Button ausgewählt werden und meine Tipps abgeben. Bei den gesuchten Tieren, die mit „S“ beginnen, würde ich auf Stirnlappenbasilisk, Schirmqualle, Samtstirnkleiber und die Seigauantilope tippen und mal eben 10.000 Euro gewinnen. Nicht 11.000 Euro, weil mir das Schwein nicht eingefallen ist. Ich könnte auch eine Actioncam in den Kühlschrank stellen und schauen, ob bei geschlossener Tür drinnen das Licht brennt. Oder sie für ein Live-Video eine Runde im Geschirrspüler mitfahren lassen.

Bevor ich meine Gedanken abschließen kann, klingelt mein Handy. Helenas Schule ist dran. Mein erster Gedanke: Stoffwechsel-Entgleisung. Wo bleibt eigentlich die bescheuerte Pumpe? „Könnten Sie gegen 10.00 Uhr in die Schule kommen? Wir müssen mit Helena und einer Mitschülerin ein Gespräch führen. Die Mitschülerin möchte, dass ihre Mutter dabei ist und hat sie bereits angerufen. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie auch dabei sind.“ – „Worum geht es?“ – „Das würden wir dann vor Ort besprechen.“ – „Sagen Sie mir bitte ein Stichwort, ich möchte mich vorbereiten können.“ – „Es geht um eine Prügelei, in die Ihre Tochter verwickelt war. Und Prügeleien dulden wir hier nicht.“

What? Das sind ja mal ganz neue Lieder. Die kenne ich noch nicht. Wieso prügelt sie sich mit jemandem, wo sie selbst so viel Angst vor und so schlechte Erfahrungen mit körperlicher Gewalt hat? Wenn das überhaupt so stimmt. Einerseits kann ich mir nicht vorstellen, dass sie eine Klopperei anzettelt, andererseits gibt es ja die Beobachtung, dass Kinder, bei denen zu Hause die Probleme mit Gewalt gelöst werden (wurden), statistisch öfter die eigenen Probleme auch mit Gewalt zu lösen versuchen. Das wird ein schwieriges Gespräch, wenn das wirklich so stimmt.

Sie soll in der Schule das Handy still und außerhalb ihrer Hände lassen. Trotzdem: Warum bekomme ich von ihr keine Nachricht? Um 10.00 Uhr bin ich in der Schule, rolle zum Treffpunkt. Helena steht im Gang, mit dem Po an eine Fensterbank gelehnt und schaut ins Leere. Neben ihr steht ein anderes Mädchen, das ich noch nicht kenne, und eine Frau, die die Mutter sein könnte. In mir kommen Erinnerungen an meine Schulzeit hoch, die ich schnell verdränge. Helena guckt zu mir hoch, als ich einen Meter vor ihr bin. „Was machst du denn hier?“, fragt sie mich.

„Dasselbe wie du, vermutlich“, antworte ich. Und weiter: „Ich bin angerufen worden, ich soll bei einem Gespräch dabei sein.“ – Helena antwortet: „So ein Blödsinn.“ – „Wieso ist das Blödsinn?“ – „Das sind Tina und ihre Mama“, sagt sie und zeigt auf die beiden. Die Mutter gibt mir die Hand. Helena geht ein Stück weiter und winkt mich zu sich heran, beugt ihren Kopf zu mir runter und flüstert: „Die blöde Kuh kriegt gleich eine Packung. Aber sie ahnt es noch nicht. Ich habe ein As im Ärmel.“ – Danach gibt sie mir einen Kuss auf die Wange, lehnt sich wieder zurück und tut so, als hätte sie nichts gesagt. In welchem Film bin ich hier?

Ein Mann, um die 55, eher edel mit Anzug und Krawatte gekleidet, kommt schnellen Schrittes den Gang entlang, klimpert mit einem Schlüsselbund herum, gibt mir die Hand, gibt der anderen Mutter die Hand, stellt sich vor. „Schön, dass das so schnell geklappt hat und Sie die Zeit erübrigen konnten. Kommen Sie bitte mit.“ – Er führt uns in einen Konferenzraum. Helena lässt sich auf einen Stuhl fallen und macht einen eher desinteressierten Eindruck. Tina lümmelt sich lässig auf einen anderen Sitz, wird von ihrer Mutter angetickt und setzt sich mit genervtem Blick gerade hin.

Der Lehrer erklärt: „Tina hat sich heute an mich gewandt, weil sie von Helena körperlich angegriffen worden sein soll. Anlass soll eine Meinungsverschiedenheit gewesen sein. Tina wollte zuerst nicht sagen, worum es geht. Inzwischen hat sie eingeräumt, Helena darum gebeten zu haben, die Deutsch-Hausaufgabe abschreiben zu dürfen. Helena habe das abgelehnt und sie als Schmarotzerin bezeichnet. Bei dem darauf folgenden Wortwechsel sei Helena ihre Mitschülerin körperlich angegangen und habe sie mit roher Gewalt zu Boden gerungen. Tina habe sich danach auf ihren Sitzplatz zurückgezogen und sich am Ende der Stunde entschieden, zu mir zu kommen. Stimmt das so, Tina?“

Tina nickt. Der Lehrer sagt: „Wer möchte dazu etwas sagen?“ – Niemand sagt etwas dazu. Helena blickt ins Leere. Der Lehrer sagt: „Dann sag ich noch was dazu: Körperliche Gewalt lehnen wir ab. Jeder Schüler verpflichtet sich, an der Schule keine Gewalt auszuüben. Es steht im Raum, dass du, Helena, dagegen verstoßen hast. Es wäre gut, wenn du dazu was sagst.“ – Helena sagt nichts, schaut weiter ins Leere. Ich hole Luft, da sagt Tina: „Damit gibt sie es ja zu.“ – Helena antwortet: „Nö. Schweigen ist neutral. Und ich darf schweigen.“ – Tina lacht. Ich muss daran denken, wie mühsam es war, Helena zu vermitteln, dass sie nicht auf alle Fragen antworten muss und sie lieber schweigen als lügen soll. Ich versuche nur gerade herauszufinden, was Helena ausdrücken möchte. Ich sage: „So lächerlich finde ich das nicht, Tina.“

Der Lehrer sagt: „Es steht jedem Menschen zu, zu schweigen. Manchmal kann es aber sinnvoller sein, etwas zu sagen. Zum Beispiel, warum man etwas getan hat. Das kann dich ja auch entlasten. So müssten wir davon ausgehen, dass du körperlich übergriffig geworden bist und würdest sanktioniert werden. Das kann sogar dazu führen, dass du verwarnt und im Wiederholungsfall von der Schule verwiesen wirst. Und ins Zeugnis könnte das auch kommen.“ – Tina streckt Helena die Zunge raus. Helena sieht das nicht, sondern blickt weiter auf ihren Schoß und murmelt: „Dann ist das eben so.“ – So kenne ich sie überhaupt nicht. Sie war in den letzten Wochen, Monaten und auch heute morgen noch ganz anders. Irgendetwas musste passiert sein, was vermutlich alte Denkmuster hochgespült hat. Oder Erinnerungen. Warum mauert sie so? Warum ist ihr scheinbar alles egal?

„Dann wäre ja alles geklärt“, sagt Tina. Jetzt platzt mir aber gleich der Kragen. Ich habe ein „Nichts ist geklärt“ auf der Zunge, aber die andere Mutter fährt ihrer Tochter in die Parade. „Du bist unmöglich, Tina. Ich kann das Verhalten von Helena zwar auch nicht gut heißen, aber …“ – „Nun nimm du sie noch in Schutz“, faucht Tina dazwischen. Die Mutter antwortet: „Ich kenne dich, Tina. Was ist das für eine Geschichte mit den Hausaufgaben? Ich habe mir doch gestern deine Deutsch-Hausaufgaben angesehen. Ihr solltet doch eure Fehler in der Klassenarbeit berichtigen.“

Welche Klassenarbeit? Helenas Augen blicken einmal kurz in meine Richtung. Davon wusste ich nichts. Warum hatte sie mir die nicht gezeigt? War es eine schlechte Note? Verheimlichte sie mir die? Später. Eins nach dem anderen. Ich wollte gerade vorschlagen, dass ich mal fünf Minuten unter vier Augen mit Helena rede, da platzt es aus ihr heraus. Sie schreit fast: „Wenn du es nicht fertig bringst, was dazu zu sagen: Ich habe mich nur verteidigt und das ist nicht verboten.“ – Der Lehrer zuckt angesichts der Lautstärke zusammen und legt seine Hand beruhigend auf Helenas Arm. Helena zieht ihren Arm weg und schiebt nach: „Sorry, bin aufgeregt.“

„Wogegen verteidigt?“, fragt der Lehrer. Helena sagt: „Tina wollte mir nasse Papierfetzen von hinten unter mein Shirt stecken. Ich wusste nicht, was passiert und habe mit der flachen Hand hinter mich gefasst, ihr Gesicht zu fassen bekommen und sie von mir weggedrückt.“ – „Stimmt ja gar nicht“, sagt Tina. Helena schreit: „Stimmt doch. Und Frau [andere Lehrerin] kann es bezeugen, die stand nämlich im Flur und hat mir die nassen Fetzen wieder rausgeholt.“ – „Helena, schrei doch nicht so. Wir hören dir ja zu.“ – „Tschuldigung, das ist immer so, wenn ich aufgeregt bin. Das kommt von meiner Behinderung.“ – Tina fängt an, hämisch zu lachen. Bevor ich was sagen kann, sagt Tinas Mutter: „Ich muss mich doch sehr wundern.“ – Tina sagt: „Du glaubst ihr ernsthaft mehr als mir?“ – „Ja, Tina. Ich weiß, wann du lügst. Hast du das mit dem Papier gemacht oder nicht? Guck mich an.“ – „Nein.“

Der Lehrer sagt: „Ich schlage vor, wir holen Frau [andere Lehrerin] dazu. Das könnte ja etwas Licht ins Dunkel bringen.“ – Helena ist in Fahrt und antwortet: „Ich schlage vor, Tina zeigt, wie mutig sie sein kann, und macht mal reinen Tisch. Und erzählt dann auch gleich, dass sie sich immer vor allen über meine Behinderung lustig macht. Und ständig meinen [Insulin-] Pen versteckt.“ – „Das mach ich nicht.“ – „Nee, und was war neulich, als du ihn in der Hand hattest, als ich reinkam?“ – „Da hatte ich einen Stift gesucht und den aus Versehen verwechselt.“ – „Ja, ist klar, du hattest ja auch keine zehn eigenen Stifte dabei und musstest, wenn ich draußen bin, in meiner Federtasche wühlen und ausgerechnet den Pen rausnehmen. Spinn weiter.“

Tina holt Luft, aber die Mutter packt sie mit der Hand am Unterarm und faucht sie an: „Sag, dass das nicht stimmt.“ – „Natürlich stimmt das nicht.“ – „Es hätte mich auch gewundert. Mir wird aber gerade einiges klar. Ich glaube dir, Helena, und es tut mir sehr leid, dass ich meiner eigenen Tochter so in den Rücken fallen muss. Tina hat mir ein paar Mal zu Hause von dir erzählt. Aber eigentlich voller Bewunderung.“ – „Mama, das erzählst du hier nicht.“ – „Doch, Tina. Da musst du jetzt durch, und ich glaube, du wirst mir später dankbar sein dafür. Tina hat zu Hause mehrmals erzählt, dass eine neue Schülerin an der Schule ist, die eine Behinderung hat und sich auch selbst Spritzen geben muss und das alles total lässig kann. Sie hat total von dir geschwärmt und ganz viel im Internet nachgelesen über Zuckerkrankheit und sowas.“

Tina sitzt da und hat einen hochroten Kopf. Helena guckt die Mutter mit großen Augen an und fragt Tina: „Aber warum bist du dann so gemein zu mir?“ – Ich bin nur sprachlos. Tina offenbar auch. Ich fühle mich zurück erinnert an meine Schulzeit. In der ich ebenfalls mal in einem Gespräch saß mit einer Mitschülerin, die mich gemobbt hat, und ihren Eltern. Es ist fast wie ein Déjà-vu. Die Mutter sagt: „Ich glaube, sie konnte dir nicht sagen, wie sehr sie dich bewundert. Und vielleicht ist sie auch eifersüchtig auf dich. Tina ist schnell sehr eifersüchtig.“ – „Mama!“, brüllt Tina. „Du machst mich hier gerade vor allen Leuten lächerlich! Ich hasse dich!“

Tina will aufstehen und rausgehen, aber die Mutter hält sie fest. Der Lehrer sagt: „Damit habe ich jetzt so allerdings nicht gerechnet.“ – Helena steht auf, geht zu Tina, streckt ihr die Hand hin. Tina reagiert nicht. Helena sagt: „Ich würde dir eine zweite Chance geben. Wenn du dich entschuldigst.“ – So eine starke Geste von ihr. Ich muss fast weinen vor Rührung. Die Mutter schubst Tina an der Schulter an, sie möge sich einen Ruck geben. Tina guckt mit hochrotem Kopf auf ihren Schoß und sagt, ohne hochzugucken: „Du hast mich immer ignoriert.“ – What? Ich muss echt schlucken.

Ende vom Lied: Die Mutter nimmt Tina im Anschluss sofort mit nach Hause und möchte das mit ihr „nacharbeiten“. Sie hat sich bei Helena und bei mir entschuldigt. Tina sagt kein Wort mehr. Helena soll zurück in den Unterricht. Der Lehrer findet, es sei zwar sehr emotional gewesen, aber man habe wohl alles klären können, von daher sei es „am Ende des Tages“ gut gewesen, darüber zu sprechen. Wenn er meint … Ich bezweifle, dass das bei Tina geklärt ist. Und ich hätte mir gewünscht, dass Helena gleich was sagt und nicht erst schweigt. Vielleicht erfahre ich eines Tages nochmal, warum das so war.

Vor der Tür spreche ich sie auf die Deutsch-Klassenarbeit an. „Warum hast du sie mir nicht gezeigt?“ – „Ich habe sie Marie gezeigt. Du hattest gestern Spätdienst und als du mir gute Nacht gewünscht hast, hab ich es vergessen. Es ist eine Zweiminus.“ – Daumen hoch.

Maries drittes Stex

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Gute Nachrichten: Marie hat ihr drittes Staatsexamen bestanden. Und ist natürlich super happy. Ich freue mich auch über dieses schöne „Weihnachtsgeschenk“ für sie; Mama und Papa sind auch ganz aus dem Häuschen. Ein gutes halbes Jahr nach mir ist sie nun auch endlich fertig und kann sich nun demnächst für fünf bis sechs Jahre in einer Fachrichtung, vermutlich auch Kinder- und Jugendmedizin, fortbilden. Allerdings ist sie zunächst noch mit ihrer Dissertation beschäftigt, was vermutlich noch ein gutes Jahr dauern wird.

Sie sagt: „Ich überlege, ob ich zwischen den Festtagen mal bei meiner Grundschullehrerin vorbei fahre und klingele.“ – Sie hat sich damals dagegen ausgesprochen, dass Marie auf ein Gymnasium darf, sie hätte sie eher auf einer Körperbehindertenschule gesehen. „Meine Eltern haben an mich geglaubt und mich gefördert. Und ohne ihre Geduld hätte ich es nie soweit gebracht. Aber ich bin so froh, dass meine Eltern sich nicht von dieser Fehleinschätzung haben leiten lassen.“

Noch eine erfreuliche Nachricht: Die Stelle, die für die Feststellungen nach dem Schwerbehindertenrecht zuständig ist, hat sich gemeldet. Ich habe damit gerechnet, dass die uns den Antragseingang bestätigen und uns mitteilen, dass vor Ablauf von sechs Monaten nicht mit einer Entscheidung zu rechnen ist und es ein Eilverfahren gar nicht gibt. Stattdessen: Die Befunde, die Maries Mutter an den Antrag angehängt hat, waren wohl aussagekräftig genug. Und entweder war der externe Gutachter extrem schnell, oder es hat ein interner Gutachter zwei Flure weiter bearbeitet. Zwei Wochen (!) nach Antragseingang bewilligen sie für Helena einen Grad der Behinderung von 80, außerdem wegen der Zuckerkrankheit auch einen regelmäßigen erheblichen Hilfebedarf. Damit sind hier nun drei offiziell „hilflose“ Leute im Haushalt. Das heißt vor allem: Auch Helena darf künftig kostenlos mit Bus und Bahn fahren und auch eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Sehr schön!

Außerdem hat sie für Februar 2019 einen ambulanten Psychotherapie-Platz in Aussicht. Eine Probesitzung hat sie gemacht, sie war von dem Menschen sehr begeistert. Zwei weitere Probestunden sollen im Januar folgen, wenn dann die Chemie noch immer stimmt, könne sie voraussichtlich im Februar, mit wenig Glück erst im März oder April, beginnen.

Und an meinem Arbeitsplatz? Der Kollege, der ständig dafür gesorgt hat, dass die Betäubungsmittelbestände nicht mit den Büchern übereinstimmten, indem er regelmäßig vergessen hat, Entnahmen zu protokollieren, ist gefeuert. Ich kenne die Einzelheiten nicht, aber man munkelt, dass genau diese Problemlage ursächlich für die Kündigung gewesen sein soll. Ich hatte das Maries Mutter kürzlich auch erzählt, sie hatte das schon vorausgesagt: „Das ist nur noch eine Frage der Zeit. Das lässt sich kein halbwegs verantwortungsvoller Klinik-Chef lange gefallen.“ – Sie sollte Recht behalten.

Der andere Vogel, mein Lieblingskollege, der so gerne BHs öffnet und sich für die Farbe der Unterhosen meiner Kolleginnen interessiert, ist hingegen noch an Bord. Wir protokollieren mit mehreren Kolleginnen fleißig, und es ist interessant zu sehen, dass auch Kolleginnen, die sich (noch) nicht zum Protokollieren durchgerungen haben, bereits schwer genervt sind. Wir haben eine Ärztin mit Namenszusatz, also ein „von“ vor ihrem Nachnamen. Mein Lieblingskollege trabt über den Flur und sagt zu ihr: „Hallo Frau Baronin, wie empfinden Hochwohlgeboren denn das erlauchte Wetter vor der Tür?“ – Sie antwortet: „Hat jemand die Null gedrückt oder warum meldest du dich?“ – Wir werden das gesammelte Werk zum Jahreswechsel beim Klinik-Chef abgeben, als Anlage zu einer schriftlichen Aufforderung, dafür zu sorgen, dass sowas an unseren Arbeitsplätzen unterbleibt. So ist der Plan. Ich bin auf die Reaktionen gespannt und hoffe, dass wir danach unsere Ruhe haben werden.

Kaltstart und frisch überfahren

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Das Wochenende ist da, Socke hat am Samstag um sieben Uhr Dienstbeginn und im Warteraum der Station sitzen schon sechs Elternteile mit ihren kranken Kindern. Jene Menschen, die zu fit für die Notaufnahme sind, aber nicht bis Montag auf ihren Kinderarzt warten wollen, werden dorthin geschickt, weil es hier keine Kinder-Ambulanz gibt. Mit mir zusammen hat mein aktueller Lieblingskollege Dienst. Er unterstützt eine weitere Kollegin auf den beiden Kinder-Intensivstationen und mich, sofern es auf den vier peripheren Kinderstationen zu viele Probleme gleichzeitig gibt.

Eine weibliche Pflegekraft, Anfang 20, examiniert, ist heute alleine auf der Station. Zwei ihrer Kolleginnen haben sich heute morgen mit Magen-Darm-Grippe krank gemeldet. Ihr Hemd ist unter den Armen, an der Brust und am Rücken von Schweiß durchtränkt. „Ich weiß gar nicht, was ich zuerst und zuletzt machen soll. Ich müsste Frühstück verteilen, aber du siehst ja selbst“, sagt sie und deutet auf die Anzeige auf dem Flur, die sechs aktuelle Patientenrufe anzeigt. „Kann was Akutes dazwischen sein?“, frage ich sie. Sie antwortet: „In der Sechs und in der Elf vielleicht.“ – „Du die Sechs, ich die Elf.“

In Zimmer 11 hat sich eine Zwölfjährige übergeben. Die gute Nachricht: Im Magen war so gut wie nichts drin und den Fußboden kann man wischen. Die schlechte Nachricht: Das Mädchen hat eine Lernbehinderung, vielleicht sogar eine geistige Behinderung, hatte eine Nasensonde im Magen, die natürlich mit hochgekommen ist. Ein Ende guckt aus der Nase, das andere Ende hängt blutend aus dem Mund. Sie ist völlig überfordert und entsprechend groß ist das Spektakel. Sie hustet, würgt, zappelt und kreischt. Die Zimmernachbarin ist elf Jahre alt, kreidebleich vor Schreck, starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an.

Das betroffene Mädchen tobt wie eine Katze, der man eine scheppernde Blechdose an den Schwanz gebunden hat, durch das Zimmer. Wären Vorhänge im Raum, wäre sie an denen wohl schon hochgelaufen. Wenn ich alleine eine Chance haben soll, dass sie zu mir kommt, hilft nur, ihr nicht hinterher zu rollen. „Hallo! Da muss dir jetzt mal ein Arzt helfen, von alleine geht das nicht weg! Komm zu mir, ich kann dir helfen. Hierher zu mir. Wenn du rumtobst, wird es nur noch schlimmer. Komm zu mir, hierher.“ – Sie kommt tobend in meine Richtung. Ich schnappe sie mir mit einem Arm und ziehe sie zu mir auf den Schoß. „Setz dich hierhin. Hier auf den Schoß. Ich helfe dir. Nicht zappeln.“ – Ich lasse sie los, schnappe mir mit ganzer Kraft ihren Kopf und drücke ihn mit ihrer Wange gegen meine Schulter. Quasi wie im Schwitzkasten. Sie schreit wie am Spieß. Das Ding ist noch ausreichend feucht. Eine Schere und ruhige Atmung wären mir zwar lieber gewesen, aber … zack, draußen. Sie hat es gar nicht mitbekommen. Ich lasse sie los. Sie springt von meinem Schoß. Ich rufe ihr zu: „Hier, alles vorbei, hier ist das Ding. Guck!“

Sie guckte, fasste sich ins Gesicht und hörte augenblicklich auf zu schreien. Kam auf mich zu, fast schon bedrohlich, riss mir die Sonde aus der Hand und feuerte sie gegen die Wand. „Sowas will ich nie wieder!“, brüllte sie. Im gleichen Moment riss jemand die Tür auf. Eine Patientin aus einem anderen Zimmer. Ich dachte erst, wegen des Lärms, aber: „Können Sie mal schnell kommen?“ – Eigentlich nicht. Ich fragte: „Wohin?“ – „Zimmer sechs. Schnell! Bitte!“ – Auch das noch. Auf der anderen Seite des Flurs rannte die Pflegekraft von der Nachbarstation mit dem Notfallwagen. Im Fahren holte ich mein klingelndes Telefon aus der Brusttasche. Mein Lieblingskollege war wohl angepiept worden. „Braucht ihr Hilfe?“ – „Ja sofort.“ – Eine Schwester von der Station über uns kam auch schon angerannt.

Das Mädchen in Zimmer sechs ist nicht ansprechbar und hat ein blaues Gesicht. Ist zur Diagnostik am Vortag aufgenommen worden, fragliches allergisches Asthma. Sei gestern den ganzen Nachmittag lang quietschfidel gewesen. Die Bettnachbarin sagt, sie habe heute morgen plötzlich komische Geräusche von sich gegeben, sei blau angelaufen, da habe sie sich ihre Musik aus den Ohren genommen und geklingelt. Die Pflegekraft will eine Sauerstoffmaske und ein Pulsoxymeter vorbereiten. Einen ganz schwachen, schnellen Puls kann ich am Hals tasten. Ihre Atmung ist nicht sichtbar, hörbar oder fühlbar. „Atmung höre ich gar nicht. Puls ist noch. Bett bitte ein Stück von der Wand weg, venösen Zugang mach ich, EKG dran, und sie ist auch gleich reanimationspflichtig. Wir intubieren.“ – Eine weitere Schwester kommt in den Raum. Und eine Frau mit Jacke. Wo bleibt mein Kollege? Die Schwester schiebt erstmal das Bett der anderen Patientin quer an die Wand, Stühle und Nachttisch aus dem Weg, macht einen Höllenlärm. „Wer sind Sie?“, frage ich die Frau mit Jacke. Sie antwortet mit weit aufgerissenen Augen: „Meine Tochter!“ – „Ist in Ordnung, ich kümmere mich um Ihre Tochter. Warten Sie bitte draußen.“ – Zugang liegt. Medikamente zur Narkose-Einleitung sind bereit. Ich sage: „Tubus haben wir, Laryngoskop haben wir, dann geht es los. Bring doch mal jemand die Mutter raus. Und schau mal bitte jemand nach der Patientin in Zimmer elf. Der habe ich eben die Nasensonde gezogen, nachdem sie erbrochen hatte.“

Die Patientin dämmert weg. Inzwischen ist das Kopfteil des Bettes entfernt, so dass ich ungehinderten Zugang zu ihrem Kopf habe. „Es sieht nicht so aus, als ob sie aspiriert hätte.“ – Also nicht erbrochen und dann die Soße eingeatmet. Der Tubus liegt auf Anhieb richtig. Beatmungsgerät lässt sich starten und beatmet. Sie hat trotz entsprechender Medikation noch immer ein spastisches Atemgeräusch. Die Kreislaufwerte stabilisieren sich aber. Als endlich das EKG geschrieben wird, kommt mein Kollege um die Ecke. „Was ist hier denn los? Blue Bayou?“ – „Nach dem EKG scheint es nicht vom Herzen herzurühren. Ich würde sie gerne auf Intensiv verlegen. Ist da was frei?“ – „Nein.“ – „Können wir was tauschen?“ – „Ich nehme sie erstmal mit, kann sein, dass ich dir gleich jemanden rüberschicke. Ein Junge ist gestern operiert worden, der ist soweit stabil und der könnte eigentlich verlegt werden.“

Während die Patientin rausgeschoben wird, geht mein Lieblingskollege hinterher, klopft mir im Rausgehen beiläufig auf meinen Rücken. Nicht auf die Schulter, sondern auf den Rücken. Anerkennend? Nee, er kneift mich an der Stelle so geschickt, dass mein BH-Verschluss unter meinem Hemd aufgeht. An der Tür dreht er sich zu mir um. Grinst von einem Ohr zum anderen und zwinkert mir zu. Ich sitze da wie Klein-Doofi mit Plüsch-Ohren. Hatte er mir wirklich gerade an meinen völlig verschwitzten Rücken gefasst? Hatte er mir wirklich meinen BH geöffnet? Fand er das wirklich witzig? Ich rollte ins Bad, zog mein Oberteil aus, wischte mir damit den Schweiß von der Stirn, warf mir eine Kurve kaltes Wasser ins Gesicht, schloss meinen BH und zog mir ein trockenes Oberteil an. Zurück im Dienstzimmer, hielt mir die Kollegin aus der Pflege eine Flasche Mineralwasser hin. „Jule? Danke, dass du so schnell da warst. Es macht echt Spaß, mit dir zu arbeiten.“ – Ich nehme sie einmal in den Arm.

Der Eine macht mir den BH auf, die Zweite lobt mich, die Dritte springt fast über die Wupper und die Vierte tanzt wie Mister Hyde mit einem Schlauch aus Mund und Nase diagonal durch den Raum. Und das alles innerhalb der ersten halben Stunde. „Das war ein Kaltstart.“

Noch bevor ich was trinken kann, kommt eine Mutter an die Tür. „Kann bitte mal ein Arzt nach meinem Sohn sehen? Er hat eben gespuckt.“ – Der 6 Jahre alte Junge war gestern mit Gehirnerschütterung gekommen und eine Nacht zur Beobachtung geblieben, nachdem man im MRT nichts gesehen hatte. Ich fahre mit. Die Pupillen reagieren seitengleich, die anderen Hirnnerven, soweit ich sie testen kann, sind auch unauffällig. War das nur die Aufregung? Der junge Mann ist orientiert und lebhaft, spielt mit einem grauen Plüsch-Delfin. Der schwimmt durchs Bett und stuppst mich immer wieder am Arm an. Ich schnappe mir den Delfin und vestecke ihn unter der Bettdecke. „Der taucht“, sage ich. Der Junge guckt hinterher und macht eine unübliche Ausgleichsbewegung. „Ist dir schwindelig?“, frage ich ihn. Der Junge schüttelt den Kopf und hält sich schon wieder mit der Hand fest. Ich entscheide mich, ihn nochmal ins MRT zu stecken. Am Ende stellt sich heraus: Falscher Alarm.

Um halb neun kann ich mich endlich um die erste ambulante Patientin kümmern. Um halb elf kommt die Mutter wieder, deren Tochter ich am Morgen intubiert hatte. Inzwischen hatte man den Schlauch schon wieder entfernt. Sie drückte mir die Hand und weinte. „Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie so schnell reagiert haben. So schlimm wie heute war es noch nie. Wir hatten vor einem Vierteljahr schon einmal den Notarzt holen müssen, der hatte ihr damals auch einen Schlauch in die Lunge gelegt. Aber danach waren wir mit ihr regelmäßig bei einem Lungenarzt und der hatte ihr eigentlich Medikamente aufgeschrieben. Gestern morgen war es wieder sehr schlimm, und heute wäre sie ja fast erstickt. Und mein Mann ist auf Dienstreise und ich kann ihn nicht erreichen. Ich wollte eigentlich nur schnell vor der Arbeit nochmal nach ihr sehen, so hatten wir es besprochen. Wie kann ich Ihnen bloß danken? Können meine Familie und ich uns irgendwie erkenntlich zeigen bei Ihnen?“ – „Ich freue mich, dass ich Ihrer Tochter helfen konnte und dass Sie nochmal zurückgekommen sind.“ – „Ich war so geschockt, als ich sie so dort liegen sah.“ – „Das tut mir sehr leid.“ – „Aber dass Sie so ruhig bleiben können dabei, bewundere ich ja. Als ich beim letzten Mal den Notarzt rufen musste, habe ich mich drei Mal verwählt, so zittrig war ich. Ich könnte das nicht.“

Um frühen Nachmittag löste mich meine Oberärztin ab. Und meckerte herum, dass sie an einem Samstag im Advent Dienst schieben sollte. Als ich losfuhr, schickte ich Helena eine Nachricht. Sie und Marie wollten kochen. Hoffentlich würde ich nicht im Stau steckenbleiben oder noch zu irgendwelchen Erste-Hilfe-Leistungen angehalten werden. Bei meinem Glück… Nein, ich war püntlich zu Hause. Es gab Geschnetzeltes mit Reis, Möhren, Tzaziki und einer großer Schüssel buntem Salat. „Endlich mal wieder etwas leckeres. Unser Schulkoch hat Urlaub und seine Vertretung macht das alles immer nur lauwarm. Neulich gab es was mit Huhn, das schmeckte so lauwarm und labberig, wie frisch überfahren. Aber das hier … lecker. Wir sind genial, oder Marie?“

Schnucki

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Natürlich kann ich kurzfristig einspringen und Nachtdienst machen. Dass ich mein obligatorisches Mittagsschläfchen vor dem Nachtdienst nicht hatte, ist nicht weiter schlimm. Dass ich heute morgen eine ambulante OP hatte, auch nicht. Natürlich komme ich, damit mein aktueller Lieblingskollege nicht so alleine ist. Und ich weiß zu schätzen, dass es nur Bereitschaftsdienst ist. Dann kann ich mich vielleicht eine Stunde zwischendurch hinlegen. Ist noch Zeit für einen Klogang, bevor ich spontan los muss? Gerade noch.

Der Lieblingskollege begrüßt mich mit: „Na, Schnucki, gehen bei dir zu Hause auch die Uhren nach?“ – „Du kannst gerne nachfragen, wenn du meinen Namen nicht richtig verstanden hast.“ – „Ach komm, ‚Schnucki‘ ist doch süß. Ist nicht böse gemeint.“ – „Nee, nur sexistisch, ich weiß. Ich geb dir einen Tipp: Lass es einfach sein, auf die Dauer sparst du dir damit jede Menge Ärger ein.“ – „Sind wir heute wieder zickig?“ – „Du raffst es nicht, oder? Dir haben das doch jetzt schon so viele Leute so oft gesagt, was ist daran so schwierig?“ – „Diese Frauenlogik ist jenseits meiner Auffassungsgabe.“ – „Soll ich dir eine geistige Stärkung aus der Apotheke holen?“ – „Wie nennt dein Freund dich denn, wenn nicht ‚Schnucki‘?“

Ich überhöre das und blättere die Übergabevermerke durch. Mein Lieblingskollege wendet sich der männlichen Pflegekraft zu, die die ganze Zeit im Raum ist: „Sie hat auf Durchzug geschaltet.“ – Die Pflegekraft seufzt tief und geht ohne ein Wort nach draußen. Er wendet sich wieder mir zu: „Wenn Schnucki alles durchgelesen hat, könnte sie ja vielleicht in Zimmer 34 schonmal die Kanüle legen.“ – „Jetzt hör mal zu, Kollege: Wenn du mich im Dienst nochmal ‚Schnucki‘ nennst, noch dazu vor anderen Kollegen, dann kriegen wir beide richtig Ärger miteinander.“ – „Soll das heißen, wir gehen demnächst mal zusammen einen trinken? Nein, vergiss es, es macht einfach Spaß, dich zu ärgern. Nimm es einfach nicht so persönlich, ich meine es nicht böse.“ – „Es belästigt mich. Du kannst gerne dein Haus-Schaf so nennen, aber für Kolleginnen am Arbeitsplatz ist das ungeeignet.“ – „Am besten kaufst du dir ein Fahrrad. Aber eins, das nicht so klemmt wie du. Zimmer 34, nicht vergessen, übrigens die Schokolade hier kommt von der Mutter der kleinen Luisa und ist sehr lecker!“

Als wir das nächste Mal auf dem Flur aneinander vorbei kommen, singt er: „Schnucki, ach Schnucki, roll mal nach Kentucki, in die Bar ‚Old Shatterhand‘, dort spielt ne Indianerband.“ – Wie nervig. Keine Ahnung, was man nehmen muss, um so drauf zu sein. Das geht bei ihm ständig so und ich bin (zum Glück) nicht die Einzige.

Um halb drei kann ich mich einen Moment hinlegen. Da er Nachtdienst (und ich Nachtbereitschaft) hat, muss er wach bleiben. Um halb vier piept mein Melder. Als ich auf der Station ankomme, grinst er mich an. Ich überlege, ob meine Haare nicht ordentlich sind oder mein Hemd verknittert ist, er sagt: „Ich mag dein Orgasmus-Face. Oder hast du etwa nur geschlafen?“

Ich würde natürlich gerne etwas unternehmen, denn diese ewigen Sprüche nerven. Leider gibt es immer keinen Zeugen. Und wenn es doch mal einen gibt, wie den Kollegen aus der Pflege, dann sind es Banalitäten. Hinzu kommt, dass meine Oberärztin gefühlt keinen Bock hat, sich um irgendwas zu kümmern. Also eskaliert es irgendwann, und damit es dann fruchtet, schreiben zwei junge Kolleginnen, die er auch schon gefragt hat, ob er ihnen beim Umkleiden helfen soll und warum sie keine schwarzen Strings unter der weißen Hose tragen etc., bereits alles auf. Schnucki hat es bisher noch nicht getan, protokolliert dann aber ab heute auch mal mit.

Warum können so viele Männer eigentlich Komplimente von sexistischen Sprüchen nicht unterscheiden? Ganz viele können das, aber so viele können das eben nicht. Ist es wirklich so kompliziert?