Mobbing wie aus dem Buch

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Das war ein Wochenende, das so schnell nicht wiederholt werden muss. Begonnen hatte der Samstag sehr nett mit langem Ausschlafen und abendlichem Kinobesuch. Wir waren mit Nadine, Marie, Cathleen und mir, also vier Rollstuhlfahrerinnen vom Sport, dort und haben uns „Fack Ju Göhte“ reingezogen. Naja, die Feuerzangenbowle hatte mehr Niveau, ist aber nicht so modern und hatte einen anderen Humor. Vergleichen kann man die beiden Filme nicht, trotzdem finde ich, man sollte beide gesehen haben. Die Ideen sind schon nicht schlecht und es werden, was mir ja immer recht gut gefällt, mal wieder jede Menge Klischees bedient.

Anschließend waren wir in der Sternschanze noch etwas essen. Wir sind keiner Demo begegnet und auch nicht verkloppt worden. Dafür aber auf der Straße dem Pärchen, das Marie am 2. Weihnachtstag rausgeworfen hatte, begegnet. Es begann damit, dass der Sprücheklopfer sich bei Marie entschuldigte. Ich muss das nicht lange ausführen, er hat sich von seinem damaligen Verhalten distanziert und Marie hat ihm verziehen. Mir steht es nicht zu, darüber zu urteilen, das ist Maries Ding. Ich habe mir entsprechend keine Gedanken gemacht, wie ich mich verhalten hätte.

Die beiden schlossen sich uns an, setzten sich mit uns an den Tisch und waren zunächst mal ganz nett. Leider blieb das nicht lange so: Keine halbe Stunde war vergangen, da gab es bereits wieder die ersten Sprüche über den Hut eines Gastes, über die Beine der Bedienung, über potentielle Geschmacksverstärker und billige Fette im Essen. „In der Küche arbeiten nur Schwarzarbeiter mit ungewaschenen Händen, die regelmäßig ins Essen spucken.“ – Ich hatte keine Lust, mich schon wieder zu streiten, deshalb habe ich meine Klappe gehalten. Marie und ich waren uns aber bereits einig, dass das vorerst das letzte Mal gewesen ist, dass wir etwas mit den beiden zusammen unternommen haben. Wir verabschiedeten uns und machten uns auf den Weg nach Hause.

Auf dem Rückweg standen wir mit vier Leuten in der S-Bahn. Während Marie und Nadine in eine Richtung fuhren, fuhren Cathleen und ich mit dem Paar in die andere. Er habe sein Auto am Bahnhof stehen, meinte er. Er hoffe, dass sein Auto noch kratzerfrei dort stünde, denn er habe vorhin einen anderen Wagen eingeparkt, der verbotenerweise auf dem Behindertenparkplatz stand. Ich hatte keine Lust, das zu kommentieren. Einen Moment später kamen mehrere Fahrkartenkontrolleure in den Wagen. Ich kramte meinen Ausweis raus, Cathleen ebenfalls, seine Freundin hatte ihren Ausweis vergessen und er meinte plötzlich, er fahre als Begleitperson bei mir mit.

Daraufhin sagte der Kontrolleur: „Junger Mann, das geht nicht. Sie können als jemand, der selbst eine Begleitperson frei mitnehmen kann, nicht selbst Begleitperson sein.“ – Dann gab es eine Diskussion, die von dem Kontrolleur sehr sachlich, von unserem Schwarzfahrer beleidigend geführt wurde. „Wieviele Ausbildungen muss man abgebrochen haben, um Fahrausweise kontrollieren zu dürfen?“

Als erstes wollten sie meine Personalien haben. Da habe ich nur mit dem Kopf geschüttelt: „Ich sehe keinen Grund. Ich habe einen gültigen Fahrausweis, mehr muss ich Ihnen nicht zeigen.“ – „Naja, Sie leisten Beihilfe zu einem Leistungsmissbrauch.“ – „Durch meine Anwesenheit? Das ist nicht Ihr Ernst. Ich habe nicht gesagt, dass er meine Begleitperson ist.“ – „Ist er es denn nicht?“ – „Nein.“ – „Tja, was nun? Ihre Freundin hat Sie hängen gelassen. Das kann ich gut verstehen, auch ohne abgebrochene Ausbildung.“ – „Ich bin nicht die Freundin, wir kennen uns nur vom Sehen.“ – „Du bist ein dummes Arschgesicht. Komm du mir nochmal in meine Nähe.“

Die beiden Schwarzfahrer mussten aussteigen, Cathleen und ich fuhren weiter. Als wir ausstiegen, trafen wir auf eine Horde Fußgänger, die wir ebenfalls vom Training kennen. Sie wollten in eine Cocktailbar und haben uns spontan eingeladen. „Warum eigentlich nicht?“, fragte ich Cathleen. Cathleen klatschte begeistert in die Hände und krähte lachend: „Cathleen und Jule gehen mit einer Horde heißer Typen Cocktails trinken!“ – Na das konnte ja heiter werden…

Während wir darauf warteten, dass sich ein Teil der Gruppe von einer nahe gelegenen Tankstelle noch etwas zum Vorglühen kaufte, sahen wir aus einiger Entfernung die beiden Schwarzfahrer aus der nächsten Bahn aussteigen. Zum Glück achteten die anderen nicht darauf, denn dass die beiden sich nun auch noch anschlossen, darauf hatte ich so gar keine Lust. Die beiden verschwanden in Richtung Parkplatz, dann gingen wir schonmal vor zur Bahn. In 12 Minuten sollte sie kommen, die Tankstellen-Plünderer bekamen eine SMS, sich zu beeilen, und als der Zug einfuhr, kamen sie die Treppe heraufgestürmt. In der Bahn sagten sie dann zu uns: „Wir haben eben eure beiden Kollegen vom Rollisport getroffen. Denen haben sie das Auto abgeschleppt. Jedenfalls ist es nicht mehr da. Er hat geschimpft wie ein Rohrspatz, weil die Polizei wohl seinen Ausweis im Auto übersehen hat.“

Ich antwortete: „Oder er hat jemanden zugeparkt.“ – „Meinst du? Das glaube ich nicht. Jenachdem, wie schnell sie ihr Auto wiederkriegen, kommen sie eventuell noch nach.“

Ich bekam eine SMS von Marie, die wissen wollte, ob wir gut nach Hause gekommen seien. Ich antwortete ihr: „Wir haben es uns gerade anders überlegt und gehen spontan noch ein paar Cocktails trinken. Wir wollen ins …“ – Dann war mein Akku leer, allerdings war Cathleen noch erreichbar. Falls Marie also auch noch nachkommen wollte, wüsste sie ja den Ort und würde es wohl irgendwann bei Cathleen probieren, wenn sie merkt, dass ich nicht mehr antworte beziehungsweise nicht mehr ans Handy gehe.

Die erste halbe Stunde in der Bar war sehr lustig. Ich habe mir erstmal keine alkoholischen Cocktails bestellt, denn das Angebot an alkoholfreien Cocktails war zur Happy Hour verlockender und ich bin auch kein Promillefan. Die Jungs waren allesamt sehr nett, da das Klo im Keller war, trugen sie uns zwischendurch mal nach unten. Sie waren interessiert, wir quatschten viel, es wurde gerade richtig schön, als die beiden Nervensägen auftauchten. Ja, man habe ihm das Auto abgeschleppt, sagte die Polizei, es koste um die 280 € für 24 Stunden. Da er getrunken habe, könne er sein Auto nicht selbst abholen. „Die Bullen haben schon gleich gefragt, ob ich getrunken habe. Ich habe dann gesagt, dann gehe ich eben noch ein wenig feiern und hole das Auto morgen. Ich will an einem Abend ja nicht nur dumme Arschgesichter sehen“, grinste er mich blöde an. Ich grinste blöde zurück und setzte mich an einen anderen Tisch.

An dieser Stelle muss ich mich entscheiden. Entweder einen Cliffhanger oder einen Schnitt. Ene mene muh … Schnitt.

Ich war wieder zu Hause, steckte mein Ladekabel ins Handy und bekam mehrere SMS von Marie, drei oder vier Anrufversuche, eine SMS von Maries Mutter. Marie wollte wissen, ob wir zu viert los sind, obwohl die sich so benommen haben. Und eine Stunde später meinte sie: „Das hast du nicht gerade wirklich zu Cathleen gesagt, oder? Bitte sag, dass das nicht stimmt.“ – „Warum meldest du dich nicht? Bitte ruf mich an. Jetzt sofort. Ich liege hier und heul mir die Seele aus dem Leib.“ – Die nächste SMS kam von ihrer Mutter, noch eine Stunde später: „Jule, hör mal, Marie geht es schlecht. Ich weiß nicht, was bei Euch los ist, es geht mich auch nichts an. Ich möchte mich in Euren Streit auch nicht einmischen, was Inhalte angeht. Aber entweder Cathleen oder Du, eine von Euch verhält sich gerade extrem widerlich und ich lege Dir als in mein Herz geschlossenen Menschen sehr nahe, Dich schnellstmöglich klar zu positionieren. Am besten wirst Du vorher nüchtern.“ – Geschrieben vor einer Stunde, gegen 2.20 Uhr. Ich konnte da jetzt unmöglich anrufen.

Ich rollte zu Cathleen. Sie war schon fast im Bett. Ich zeigte ihr mein Handy und fragte: „Darf ich die SMS sehen, die du an Marie geschrieben hast, während wir in der Cocktailbar waren?“ – „Ich habe keine SMS geschrieben.“ – „Sie bezieht sich auf irgendeine Nachricht und ich möchte wissen, was du da gemacht hast.“ – „Ich habe keine Nachricht geschrieben!“ – „Darf ich dein Handy sehen?“ – „Glaubst du mir nicht?“ – „Doch. Aber ich glaube Marie auch. Und beides passt nicht zusammen. Und da wäre es am einfachsten, das hier an Ort und Stelle zu klären. Du hast mein Handy auch in der Hand.“

Die letzte Nachricht, die Cathleen an Marie geschickt hatte, war tatsächlich: „Wir gehen schon rein!“ – Das war vor der Kinovorstellung. Ich fragte sie: „Hattest du dein Handy die ganze Zeit in der Hand?“ – „In der Tasche, auf dem Schoß oder in der Hand, außerdem kann man das nur mit Passwort entsperren. Da war kein anderer dran, falls du das meinst, auch nicht, als ich auf Klo war. Ich weiß wirklich nicht, was Marie da gelesen haben will.“

Da in dem einen Cocktail Alkohol war, rief ich mir ein Taxi und ließ mich zu Marie bringen. In ihrem Zimmer brannte Licht. Es war wenige Minuten nach vier. Ich schrieb ihr eine SMS: „Ich stehe vor deiner Tür. Ich bin nüchtern und ich habe nichts gemacht. Lediglich mein Akku war leer. Ich weiß nicht, was da schreckliches passiert ist, ich kann mir nicht erklären, was bei dir los ist. Bitte lass mich zu dir.“

Zwei Minuten später ging die Tür auf. Marie sah schrecklich aus. Völlig verheult, blass. Ich wollte sie umarmen, aber sie rollte zurück. „Erst möchte ich wissen, was los ist, vorher fasst du mich nicht mehr an.“

Ich mache noch einen Schnitt. Auch Maries Mutter war wach, kochte uns einen warmen Kakao und setzte sich zu uns in die Küche. Ich las mit Schrecken zwei Mails von Cathleen, in denen sie schrieb, dass ich in der Bar voll über Marie ablästern würde und froh sei, dass Marie nicht dabei wäre. Ob Marie nicht gewusst habe, dass schon während des Essens geplant war, dass wir hinterher mit den beiden noch Cocktails trinken. Ich hätte gesagt, Marie sei zu dumm dazu, sowas zu merken. Und dass Cathleen glaube, der unmögliche Typ wolle was von mir und riskiert für mich die Beziehung zu seiner Freundin. Wir würden unter dem Tisch fummeln und seine Freundin säße daneben. Cathleen hoffe, dass das nur der Alkohol ist, der mich gerade so verändert. Ich hätte außerdem gesagt, ich wäre mit Marie nur befreundet, weil Marie ein Dummchen sei und nicht merke, wenn man sie ausnutzt. Also ein liebenswertes Dummchen. Cathleen fühle sich verpflichtet, Marie das zu erzählen.

Mir rollten die Tränen über die Wangen. Ich konnte vor Fassungslosigkeit kaum einen klaren Gedanken fassen. Mein Herz raste, mein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment wie eine überreife Melone platzen. Cathleens Mails habe ich mir auf ihrem Handy nicht anzeigen lassen. Sollte sie wirklich so dreist sein und mir die SMS präsentieren, während sie per Mail so einen Mist schrieb? Das war wirklich nur schwer zu glauben. Außerdem war es völlig unüblich, dass Cathleen Mails schrieb.

„Warum hast du Cathleen denn nicht angerufen und nach mir verlangt, als du bei mir nicht durchkamst?“, fragte ich sie. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe gedacht, du wirst Gründe haben, wenn du dein Handy ausschaltest. Und ich habe gehofft, dass das alles nicht stimmt und Cathleen lügt.“

Ich kann nicht beweisen, wer, aber irgendwer hat sich, während wir in der Bar saßen, ein Mailkonto bei einem kostenlosen Anbieter völlig neu auf Cathleens Namen eingerichtet und von dort Mails verschickt. Als ich nämlich auf „Eigenschaften“ klickte, wurde mir eine völlig unbekannte Mailadresse angezeigt. In der Vorschau war natürlich Cathleens richtiger Name. Da hat sich also jemand tatsächlich die Mühe gemacht, sich eine falsche Mailadresse einzurichten, um Marie und mich zu mobben. Jemand, der wusste, dass wir vorher zusammen essen waren und der auch wusste, dass mein Handyakku leer war. Ich habe zwar (noch) keine Beweise dafür, aber für mich ist klar, wer dahinter steckt. Ich fragte: „Was hätte der gemacht, wenn du da plötzlich aufgetaucht wärest, um mir ein paar in die Fresse zu hauen? Oder wenn du Cathleen auf dem Handy angerufen hättest?“ – „Bezahlt und schonmal nach Hause gefahren“, sagte Maries Mutter. Das ist Mobbing wie es im Buche steht. Ich denke, da werden wir uns mal anwaltlich beraten lassen.“

Marie konnte nicht oft genug hören, wie lieb ich sie habe. Ich habe ihr eingebläut, dass sie nie wieder so etwas glauben soll, bevor sie es nicht aus meinem Mund live hört. Ich habe, ich finde auch zurecht, ein wenig sauer darauf reagiert, dass sie das überhaupt für möglich gehalten hat. Aber ich muss gestehen, ich weiß nicht, wie ich selbst reagiert hätte. Vermutlich wäre ich tatsächlich vorbei gefahren und hätte sie zur Rede gestellt.

Marie nahm gegen ihren Dröhschädel eine Kopfschmerztablette. „Bitte schlaf heute nacht bei mir“, bat sie mich. Als wir endlich beide im Bett lagen, nahm sie mich in den Arm, drückte mich ganz fest an sich heran und wollte mich nicht mehr loslassen. Als ich ihr den Kopf gestreichelt habe, fing sie wieder an zu weinen. Kurz danach wurde ich darauf aufmerksam, dass ich mein Handy noch nicht lautlos gestellt hatte. Cathleen wollte wissen: „Was ist denn nun mit Marie??? Geht es ihr gut? Ich mache mir Sorgen!“ – So eine Aufregung brauche ich nicht noch einmal.

Bei Geld hört die Freundschaft auf

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Sollte ich die Büchse mit der Moral öffnen? Oder lieber nicht? Ich rede von der Zahlungsmoral. Ich bin gerade ein bißchen traurig.

„Bei Geld hört die Freundschaft auf“, heißt ein bekannter Spruch. Ich frage mich erneut: Wie ist der Spruch zu verstehen?

Bedeutet er, dass man mit Freunden alles teilt, nur nicht sein Geld?

Oder dass das Verleihen von Geld Freundschaften gefährdet oder gar beendet?

Oder dass man, wenn man Geld verleiht, lieber auf Nummer Sicher geht und das Vertrauen, dass man in anderen Bereichen der Freundschaft hat, hier besser nicht bemüht? Also sich eine Unterschrift geben lässt?

Oder dass man in einer Freundschaft kein Geld verleiht, weil man den Nachdruck, den einige Leute brauchen, um Geld zurück zu zahlen, in einer Freundschaft nur schwer aufbauen kann?

Oder noch was anderes?

Wenn ein Freund (oder auch eine Freundin) in einer Notlage ist, darf er mich anpumpen. Es ist mir egal, ob er nur heute sein Geld vergessen hat oder ob er blank ist. Wenn wir vor der Kinokasse stehen, zahle ich für ihn mit, ohne dass wir darüber erstmal diskutieren müssen.

Wenn ich für jemanden zum Beispiel ein Geburtstagsgeschenk besorge, was wir aber mit mehreren Leuten bezahlen, lege ich das Geld erstmal aus. Oder wenn ich für eine Bahnfahrt Tickets besorge, besorge ich sie auch gleich für meine Freunde mit.

Es gibt Menschen in meinem Freundeskreis, die kaum Geld haben. Die von Grundsicherung oder noch weniger (Heimtaschengeld) leben müssen. Ich glaube, wenn man jemanden fragt, ob ich geizig bin, werden sich alle an die Stirn tippen. Mir geht es finanziell besser als einigen anderen Menschen, und es ist mir eine Freude, wenn ich die Menschen, die ich gerne mag, daran teilhaben lasse. Ich lade meine Freunde gerne ein, mal zum Kaffee, zum Eis oder auch mal ins Kino. Nicht immer, nicht ständig, aber immer mal wieder.

Was macht mich jetzt traurig? Dass der Spruch „Bei Geld hört die Freundschaft auf“ irgendwie eine Wahrheit haben muss. Nein, ich meine nicht meine engsten Freunde. Wenn ich Marie Geld leihe oder für sie etwas auslege, habe ich die Kohle zurück, sobald wir uns wiedersehen. Bei Cathleen ist das nicht anders.

Ich habe heute mal eine Liste gemacht, von wem ich noch Geld bekomme. Es sind über zehn Leute und die Ausstände belaufen sich auf insgesamt 388 €. Eine Trainingspartnerin schuldet mir seit nunmehr sechs Wochen 140 € für neue Hochdruckbereifung, die ich für sie mitbestellt habe. Inzwischen habe ich nun schon drei Mal immer direkt vor dem Training eine SMS geschrieben, dass sie an das Geld denken soll. Heute gibt sie mir 50 € in die Hand und sagt: „Anzahlung, der Automat war leer.“

Und als wäre diese Unverfrorenheit kaum noch zu überbieten, wollten wir nach dem Training noch einen Kakao trinken. Da sagt Nadine: „Kann mir jemand fünf Euro leihen?“ – Und die besagte Trainingspartnerin antwortet: „Lass dich von Jule einladen, die hat von mir gerade 50 Euro bekommen.“

Sehr nett.

Stiekum und nonchalant

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Einen hab ich noch! Der letzte Paratriathlon für mich in diesem Jahr. Wie immer: Bis kurz vorher war nicht klar, ob er wirklich stattfindet, und ob unsere Wettkampfklasse starten darf, und dann ging wieder alles ganz schnell.

Weil es bis ins südliche Niedersachsen nicht ganz so weit zu fahren ist wie die letzten Male, als wir nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz mussten, waren auch mehr Hamburgerinnen und Hamburger am Start als sonst.

Die Hinfahrt mit dem Auto verlief komplikationslos, die Nacht in einem Vierbettzimmer einer jugendherbergsähnlichen Unterkunft auch, aber das Frühstück war grausam: Hart gekochte Eier an Karotten, zu trinken gab es Instant-Kirsch-Brause. Ohne Flachs! Als wir im Frühstücksraum auftauchten, waren lediglich noch einige Deko-Möhren, jede Menge hart gekochte Eierhälften und Instantbrause übrig. Sportler seien hungrig, man habe falsch disponiert. Immerhin erstatte man uns die elf Euro Frühstückskosten, so dass wir kurzerhand beim Bäcker anhielten, zwei Tüten Brötchen und ein Glas Nutella erjagten, um dann zwischen einer Drogerie und einer Kreuzung, mitten auf dem Gehweg, mit einem Taschenmesser die Brötchenhälften zu bestreichen.

Die vorbeischlendernden Leute hatten so etwas natürlich noch nie gesehen; in Anbetracht der großen Menge Rollstuhlfahrer traute sich aber niemand, einen Ton zu sagen. Einer lief beim Glotzen fast gegen ein Straßenschild. Marie meinte böse: „Ich warte noch auf den Kommentar: Guck mal, Hubert, die Behinderten demonstrieren für ein gleichwertiges Leben in den Heimen. Wenigstens samstags wollen sie auch einmal Brötchen mit Nutella.“

Ganz so schlimm wurde es nicht, aber eine Frau, schätzungsweise Anfang 60, starrte uns ebenfalls an, mit halb geöffnetem Mund. Mir fällt so etwas eigentlich nicht auf, es sei denn, es wird zu penetrant. Ich zählte leise bis 10, als sie dann immernoch glotzte, streckte ihr auf eine Entfernung von etwa 20 Metern eine Hand mit einem Nutella-Brötchen entgegen. „Möchten Sie auch eins?“, fragte ich sie. Verdattert schaute sie weg und ging zügigen Schrittes davon. Etwa eine Minute später war sie plötzlich wieder da: „Entschuldigung, dass ich eben so geschaut habe, aber darf ich wissen, was Sie hier machen?“ – „Frühstücken!“ riefen Cathleen, Marie und Nadine wie aus einem Mund, teilweise noch kauend.

„Haben Sie sich ausgeschlossen?“, fragte sie weiter. Oh nein! Da ich auf nüchternen Magen nur begrenzt skurrile Menschen ertrage, kürzte ich das ab und erklärte: „Wir haben gleich einen Wettkampf und wollen vorher noch was zwischen die Kiemen kriegen, nachdem es in unserer Unterkunft nichts vernünftiges gab.“ – „Achso. ‚Zwischen die Kiemen‘ ist ja niedlich. Sie nehmen aber nicht an diesem Marathon teil hier, oder?“ – „Triathlon, doch.“ – „Ganz blöd gefragt: Wo ist denn der Unterschied zwischen Marathon und Triathlon? Ich kenne mich im Sport nicht so aus.“ – „Beim Marathon wird gelaufen, beim Triathlon ist auch noch Schwimmen und Radfahren dabei.“ – „Achja, wie dumm von mir, Sie können ja gar nicht laufen. Aber das mit dem Radfahren habe ich neulich im Fernsehen gesehen, bei der Olympiade, da war ein Blinder mit einem Nichtblinden auf einem Tandem. Alle Achtung, das könnte ich nicht. Haben Sie denn auch so spezielle Räder?“

Ich antwortete brav: „Einen Rennrollstuhl, ja.“ – „Achso, ja, sowas habe ich mal gesehen, die spielen ja auch Basketball damit.“ – „Ja, das sind noch wieder andere Rollstühle, aber im Prinzip … sowas ähnliches.“ – „Das find ich toll, wissen Sie? Bei Ihnen sieht man die Behinderung ja, bei mir nicht so, ich hab nämlich Leukämie.“ – „Das ist ja nicht so schön, dann wünsche ich Ihnen gute Besserung und noch einen schönen Tag! Ich muss mal weiter essen, wir müssen nämlich gleich wieder los. Unsere Trainerin meckert sonst.“ – „Ja, ich will Sie nicht aufhalten. Wer ist denn Ihre Trainerin?“ – „Die junge Frau dahinten, die da auf dem grauen Verteilerkasten sitzt.“ – „Die ist ja noch sehr jung. Ich finde das ja toll, wenn junge Menschen sich für soziale Zwecke einsetzen. Na jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Spaß auf dem Wettkampf.“

Als sie weg war, sagte Cathleen: „‚Haben Sie sich ausgeschlossen?‘ Aus unserer Zehner-WG oder was? Der letzte hat die Tür zugeschlagen und keiner hat seinen Schlüssel mit.“ – „Tja, wir können ja auch nicht mal eben über den Balkon klettern, nä?! Am Ende verheddert sich der Rolli dabei im Blumenkasten“, ergänzte Marie ohne eine Miene zu verziehen. Cathleen blödelte weiter: „Du meinst die kleinen Vorderräder?“ – Marie guckte genervt vorwurfsvoll, als würde Cathleen nichts verstehen: „Wieso denn die Vorderräder? Du kannst doch kippeln. Das Gepäcknetz, Schatzi, das Gepäcknetz.“ – „Ach ja, das Gepäcknetz. Sieht man übrigens immer seltener, oder? Selbst die älteren Leute haben mittlerweise alle Rucksäcke oder Beutel oder so.“ – „Stimmt. Oh, kennst du noch diese Rangierrollen? Wo man die großen Räder abnehmen konnte und dann konnte dich einer auf solchen Rangierrollen schieben?“

Ich verstand nur Bahnhof. Cathleen fuhr fort: „Ja! Das war geil. Und dann hat er dich losgelassen und du rolltest unaufhaltsam bergab. Lenken und bremsen war ja nicht mehr drin.“ – „Genau. Die einzige Chance war: Sich seitlich umwerfen.“ – „Was ja problemlos ging. Einmal falsch geatmet, kippte der Stuhl um.“ – „Herrlich. Oder diese großen Ballonreifen vorne.“ – „Na komm, du bist wenigstens nirgendwo hängen geblieben damit.“ – „Nee, aber dafür hattest du dreimal die Woche einen Platten. Irgendwas war immer platt.“ – „Hat sich aber im Fahrkomfort kaum bemerkbar gemacht. Die Stühle wogen ja locker 35 Kilo, vor allem mit dieser doppelten Schere unter der Sitzfläche, zum Zusammenklappen.“

Wie gut, dass ich das nicht mehr erleben muss. Eine Stunde später sah ich mich auf einer Wiese stehend, nach einer kurzen Aufwärmrunde einige Dehnübungen praktizierend, fortgesetzt unendliche Trinkmengen schluckweise in mich reinschüttend, langsam immer aufgeregter werdend. Tatjana rannte mit Sonnenlotion und Fettcreme durch die Gegend, versorgte alle blassen und weniger blassen Hamburgerinnen und Hamburger großzügig und leistete allen Angsthasen seelischen Beistand.

„Lange oder kurze Hose?“, fragte Anja. Tatjana sah sie entsetzt an: „Langer Einteiler! Oben und unten lang! Es sind noch nicht mal 14 Grad! Du holst dir sonst den Tod, wenn du den Neo ausziehst und hier durch die Gegend radelst. Ich hoffe, du hast einen dabei?“ – Anja zog den Kopf ein und nickte schüchtern. Irgendwann saßen wir endlich alle auf dem Steg. Tatjana rannte immernoch mit Getränken rum, wurde dann weggeschickt. Doch der Start verzögerte sich, weil es Probleme mit der Zeiterfassung gab. „Es geht jeden Moment los“, ließ uns ein offizieller Typ mit weißer und roter Fahne in der Hand wissen. Zwanzig Minuten vergingen, zum Glück schien die Sonne und wärmte uns. Dann durfte Tatjana doch wieder auf den Steg. Brachte noch mehr Isomix in Nuckelflaschen.

So langsam wurde es eklig. Triathlon ist kein Schönheitswettbewerb, wurde mir in einer der ersten Stunden erklärt. Marinierte Stinkesocke, damit kann ich leben – aber wenn der Pegel nach zwanzig Minuten schon am Hals steht und es kontinuierlich an den Handgelenken aus den Ärmeln tropft, ist irgendwann auch meine Schmerzgrenze erreicht. Marie hatte beste Laune und foppte mich: „Du transpirierst. Aus allen Nähten.“ – „Ich komm gleich kuscheln.“

Marie streckte mir die zu einem Anti-Vampir-Zeichen überkreuzten Zeigefinger entgegen. Lisa, in diesem Zusammenhang selten um einen Kommentar verlegen, dessen Tragweite sie jedoch meistens erst realisiert, nachdem sie ihn ausgesprochen hat, grinste bis über beide Ohren. Und sagte dann: „Das nennt man ‚Zentralheizung‘!“

Marie fing an zu lachen. Lisa fuhr fort: „Sagt meine Oma!“ – Jetzt musste ich auch lachen. Ich fragte: „Wieso denn deine Oma? Was hat sie denn damit zu tun? Macht sie auch Triathlon?“ – „Nein, sie kann nicht mehr so viel raus, liegt meistens im Bett und muss gepflegt werden, aber sie will immer alles wissen. Alles, alles, alles. Dann macht sie die Augen zu. Wahrscheinlich stellt sie sich das dann alles vor. Ich muss alles genau beschreiben, ob die Kühe Flecken hatten und all so Zeugs.“

„Okay, und wie kommt sie jetzt zur Zentralheizung?“ – „Ja, pass auf. Ich hab ihr von meinem Wettkampf erzählt und wenn ich alles erzählen soll, habe ich ihr natürlich auch davon erzählt, wie ich auf dem Steg gesessen und Pipi gemacht habe.“ – Marie kiecherte und sagte: „Auweia. Und?“

Lisa sagte: „Ja, nicht lachen, das lustige kommt erst. Sie hat ihre Augen aufgemacht und hat mich ganz vorwurfsvoll angeguckt und gefragt, warum ich das mache. Und dann habe ich gesagt: ‚Oma, beim Triathlon darf man sich wie ein Räuber benehmen und das finde ich toll. Zu Hause darf ich das nicht. Und das Pinkeln ist wirklich lustig. Also nicht einfach so, da würde ich mich schütteln. Aber wenn man im Wasser schwimmt und dann kommt plötzlich das Gefühl wo es überall ganz heiß wird, das ist einfach herrlich. Und Mama hat das erlaubt.'“

Marie und ich kugelten uns schon wieder vor Lachen. Lisa fuhr fort: „Das macht man allenfalls stiekum und still.“ – „Was für ein Ding? Stiekum?“ – „Ja genau! Du kennst das auch nicht, oder?“ – „Na, ich würde aus dem Zusammenhang schließen, dass das sowas wie ‚unauffällig‘ oder ‚lässig‘ heißt.“

Lisa antwortete: „Nein eben nicht. Stiekum heißt ‚heimlich‘. Das, was du meinst, ist ‚Nonchalance‘. Das hat mir meine Oma in dem Zusammenhang auch beigebracht. Man pinkelt stiekum und nonchalant, also heimlich und gekonnt lässig. Und dazu gehört, dass man das nicht jedem laut erzählt.“

Eine andere Teilnehmerin, vermutlich knapp 50, die auch auf dem Steg wartete, mischte sich in die Unterhaltung ein: „Deine Oma ist ja drollig. ‚Nonchalance‘ heißt übrigens auch ein sehr tolles Parfüm.“

Lisa guckte die Frau entsetzt an: „Wirklich?“ – Die Frau nickte. Lisa fuhr fort: „Na jedenfalls meinte sie, auch wenn ich jung bin, es ist ein erster Schritt, sich eine diskretere Wortwahl anzugewöhnen. Eine Umschreibung! Angeblich sagt man auch nicht, man muss auf Toilette, sondern man geht sich frisch machen. Dabei finde ich das voll albern, weil ‚frisch machen‘ find ich viel peinlicher als wenn man auf Klo muss. Das eine ist normal und das andere ist als wenn man stinkt.“

Jetzt lachte auch die Frau. Lisa meinte: „Ich dann gesagt, dass mir kein anderes Wort einfällt, was meine Leute nicht albern finden. Oder was nicht richtig derb ist. Und dann hat sie vorgeschlagen, ich soll doch das umschreiben und ‚Zentralheizung‘ sagen.“

Bevor wir das noch weiter vertiefen konnten, wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, unsere Startpositionen einzunehmen. „Wir haben internationale Teilnehmer, wir starten mit internationalem Kommando. We will start with the international command.“ – Wo waren die denn? Die internationalen Teilnehmer? Ich klärte Lisa auf: „Das bedeutet, der sagt nicht ‚Auf die Plätze!‘, sondern stattdessen ‚Take your marks!‘ – nicht wundern!“

Marie sagte: „Es gibt doch diesen Witz, wo einer das nicht versteht und vom Startblock klettert, um ein Markstück aufzuheben, was dort am Fußboden liegt.“ – Ich reagierte nicht. Sie setzte noch einen drauf: „Du, da sind Zombies im See.“ – „Ach Marie! Hör auf damit, ich will mich konzentrieren.“ – „Ich will, dass du dich vor Lachen verschluckst und ich dich überholen …“ – „Take your marks! Möööööp!“

Das Schwimmen verlief, von dem anfänglichen Gewusel abgesehen, ohne Zwischenfälle und mit gut dosierten Kräften. Cathleen, Marie und ich teilten uns die ersten drei Zwischenzeiten unserer Startklasse, brachten mit jeweils hauchdünnen Vorsprüngen Tatjana ins Schwitzen, die uns vom Wasser in die Wechelzone bringen sollte. Lisa, die zum allerersten Mal völlig alleine einen Wettkampf schwamm, war weit zurück, genauso wie Anja. Für die beiden war Ankommen das Ziel.

Beim Biken schaffte es ebenfalls keiner von uns dreien, sich entscheidend abzusetzen. Marie hatte bei Bergabfahrten mehrmals Probleme mit dem letzten Gang, also mit der längsten Übersetzung, die ständig wieder raussprang, so dass sie nur im vorletzten fahren konnte. Vermutlich ist der entsprechende Seilzug zu straff eingestellt gewesen. Es hat aber nicht wirklich gestört, weil die Bergabfahrten immer nur sehr kurz waren, dafür umso steiler – und in einer scharfen Kurve endend. Das war, als wir uns die Strecke angesehen hatten, noch nicht. Tolle Wurst, wenn man kurzfristig den Streckenverlauf ändert ohne jeden Hinweis. Ich sah Lisa schon fliegen und sie meinte hinterher, es war kurz davor.

Die per Rennrolli zu bewältigende Strecke war sowohl im Verlauf als auch im Profil sehr gut, allerdings, und irgendwas ist ja immer, kollidierte Marie, kurz nachdem sie mich überholt hatte, mit einem Fußgänger, der meinte, die gesperrte Straße überqueren zu müssen, als sie dort angedonnert kam. Alles Brüllen half nichts, er reagierte viel zu spät und Marie hatte hinter einer Kurve und bergab viel zu viel Speed drauf, um ausweichen oder bremsen zu können. Zumal Rennrollis ohnehin einen schier endlosen Bremsweg haben, anders als Rennbikes. Der Typ sprang im letzten Moment zur Seite, Marie erwischte ihn aber trotzdem mit ihrer Schulter am Bein und brachte ihn ins Straucheln und Fallen. Und er fiel genau dorthin, wo ich vorbei rutschten wollte. Zum Glück war es nicht nass, so dass ich noch genug Zeit hatte, um auf der anderen Seite um Marie herum lenken konnte.

Unfall mit verletzter Person? Immer anhalten. Der Typ stand auf, fing zu meckern an: „Man darf immer nur so schnell fahren, dass man in dem Bereich zum Stehen kommt, den man einsehen kann.“ – „Sind Sie verletzt?“ – „Nein.“ – Also weiter. So ein Idiot, das mag im Straßenverkehr gelten, aber nicht auf gesperrten Rennstrecken. Deshalb sind sie ja gesperrt. Ich ließ Marie überholen. Soviel Fairness muss sein. Entsprechend ließ sie mich kurz vor dem Ziel, als ich immernoch eine Länge hinter ihr war, auf gleiche Höhe aufholen, so dass wir beide gleichzeitig über die Ziellinie rollten. Was den anderen Teilnehmerinnen unserer Startklasse einen um 2 Positionen besseren Platz einbrachte, denn wir wurden dafür beide disqualifiziert. Die erste schlechte Nachricht.

Die zweite schlechte: Der Typ, der über die gesperrte Straße geschlendert ist, hat sich beim Veranstalter gemeldet, weil er angeblich doch verletzt sei. Das Knie blute, seine Hose sei versaut, habe er später bemerkt. Zum Glück hat er nicht abgestritten, vor Ort erst gesagt zu haben, dass alles in Ordnung ist. Das hätte dann nämlich mitunter ganz andere Konsequenzen haben können. Tatjana meinte, hätte er unwiderlegbar das Gegenteil behauptet, hätte Marie das eine mehrjährige Sperre einbringen können. So wird gegen Marie jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Der Typ hat Anzeige erstattet. Sie musste Personalien bei der Polizei angeben, wurde noch vor Ort verhört. Sie hat allerdings die Aussage verweigert. Die Polizisten meinten aber gleich, dass das wohl eingestellt werden würde – ob sie eine Haftpflichtversicherung hätte.

Die gute Nachricht: Wegen der Disqualifizierung ergehen noch zwei Strafbescheide. Tatjana erwartet 500 € pro Person. Und kennt ja nun den Namen des Störers, meinte, sie schickt das unserem Vorstand mit der Bitte, eine entsprechende Spende bei ihm einzuwerben.

Und bei der Gelegenheit bekamen wir dann alle auch noch einmal Nachhilfe bei den Regeln: Absichtlich langsam fahren, offensichtlich überholen lassen oder anders auf das Wettkampfergebnis taktisch einzuwirken, ist nicht erlaubt. Vorsicht ist auch bei einer Sache geboten, die es mehr im Behindertensport gibt als anderswo: Wenn wir mit unseren Rennstühlen nebeneinander an einer Verpflegungsstation vorbei donnern, ist es üblich, dass der, der am dichtesten dran ist, dem anderen auch eine Trinkflasche angelt, auch wenn es ein Gegner ist. Dabei müsse man nur aufpassen, dass man sich nicht berührt. Nicht an den Stühlen, sondern auch nicht am Körper. Also bloß nicht anticken oder sowas. Sondern nur hinhalten und im Zweifel loslassen. Ansonsten führt das auch sofort zur Disqualifikation. Auch wenn derjenige sagt, es sei ihm egal, vielleicht sogar im selben Team ist – es ist nicht erlaubt.

„Weder stiekum noch nonchalant?“, fragte Marie. Tatjana, vermutlich ohne ein Wort verstanden zu haben, antwortete: „Gar nicht. Und ‚gar nicht‘ heißt ‚gar nicht‘. Ohne Wenn und Aber.“

Endlich wieder draußen

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Wie könnte man das bescheidene Wetter und den freien Tag besser nutzen als für das erste 2012er Schwimmtraining im offenen Wasser? Ja, ja, ja. Schnatter!!! Der See hatte 13,2 Grad und war damit genauso warm wie die Luft. Aber wir sind ja Kummer gewohnt, waren im letzten Jahr auch noch bei 11 Grad schwimmen und auch schonmal bei 14 Grad Wassertemperatur in der Ostsee – letztes ohne Neo.

Heute war aber Schwimmen mit Neo angesagt und nach dem üblichen ersten Schock war es sogar ganz okay. Von dem blöden kalten Wind und der fehlenden Sonne mal abgesehen, habe ich mir das schlimmer vorgestellt. Trainerin Tatjana lieferte ein göttliches Bild ab, als sie mit Flip Flops, knielangen Shorts, Badeanzug und drüber eine Fleecejacke mit wehenden Haaren bis zum Schienbein im Wasser stand und uns so entweder ihre Zugehörigkeit oder ihr Mitleid demonstrieren wollte.

Am meisten hat sich Lisa gefreut, die nun endlich zum ersten Mal offiziell ihren neuen Neo einweihen durfte. Sie ist immer noch die alte und ich könnte sie alle paar Minuten knuddeln. Alle Leute bibberten vor Kälte, nur halt Lisa nicht. Die biss sich zwar auf die Lippen, damit die Zähne nicht klapperten, aber ihr Neo ist der beste – darin friert man auf gar keinen Fall. Auch dann nicht, wenn er erstmal mit eiskaltem Seewasser volläuft, bevor er wärmen kann und auch dann nicht, wenn man noch gar nicht losgeschwommen ist und kaum Energie verbrennt…

Anja war auch dabei, bekam von Marie einen Neo geliehen. Das hatten die vorher abgesprochen, das passte soweit auch. Als es endlich los ging, hatten wir am Seeufer eine Gruppe johlender Vatertagsväter, die irgendwas grölten, was man aber auf die Entfernung nicht verstehen konnte, da sie zudem auch noch gegen den Wind brüllten. Aber da in den nächsten 30 Minuten weder ein Hai noch ein U-Boot vor uns auftauchte, kann es nicht so wichtig gewesen sein. Dreißig Minuten, länger war es aber auch nicht auszuhalten, ohne dass man tiefblaue Lippen tiefblaue Füße, Hände und Lippen bekommt.

Wir hatten von Tatjana unser verhältnismäßig einfaches Trainingsprogramm bekommen, diese packte nun alle neun Rollis in den Vereinsbus und gurkte sie in Richtung Umkleideräume, die vom See gut zwei Kilometer entfernt sind. Anschließend holte sie in zwei Fahrten die ganzen Leute aus dem Wasser und brachte sie zu den Duschen. Es war eine gewisse logistische Herausforderung, da nie mehr als fünf (nasse!) Leute in den Bus passen und nie mehr als fünf Leute gleichzeitig duschen können. Daher wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und starteten gut eine Viertelstunde versetzt. Ich war in der zweiten Gruppe, musste also am Anfang schon länger warten und war froh, als ich endlich unter der heißen Dusche saß. Aber das Training war genial.