Die Wahl der Qual

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Mal wieder ein Trainingslager in Hannover! Anmelden konnte sich, wer die Teilnahmegebühr von 200 € selbst bezahlen konnte oder einen Sponsor dafür an der Hand hatte. Von meinen Leuten hatten sich alle, nämlich Nadine, Kristina, Merle, Simone, Yvonne und Cathleen angemeldet. Jana hatte auch Interesse und sehr kurzfristig geklärt, ob sie Vorerfahrungen bräuchte. Equipment könnte sie in meinem Verein ausleihen, aber wenn sie Einsteiger nicht dabei haben wollten, würde sie sich dort ja eher langweilen.

Nein, Anfänger seien auch willkommen. Wir erfuhren aus der Meldeliste, so quasi 48 Stunden vor Abfahrt, dass sich auch Lisa angemeldet hatte, zusammen mit Julia (nein, nicht ich), einem 12 Jahre alten Mädchen aus Niedersachsen, die wir noch nicht kannten. Und Natascha. Bitte was? Achso, nein, es war ja vereinbart, keine dummen Kommentare zu machen. Trotzdem fragte mich Cathleen sofort, wie ich darüber denke, dass sie sich dort anmeldet. Mein einziger Kommentar: „Solange sie mich in Frieden lässt und da keine Show abzieht, ist mir das egal.“ Und Lotte. Auf Lotte habe ich mich richtig doll gefreut.

Da wir es geschafft hatten, einen Materialtransport zu organisieren (Tatjana fuhr mit dem Vereinsbus und nahm als Trainerin teil), brauchten wir am Freitagabend (bzw. nachts) nur noch unsere Alltagsstühle und die Klamotten unterbringen. Jana schlief auf meinem Beifahrersitz, Cathleen, Simone, Merle und Kristina spielten hinten Bohnanza und die Stinkesocke lenkte, wie könnte es bei meinen sonderbaren Vorlieben und Anziehungskräften auch anders sein, mein Auto direkt in eine Polizeikontrolle. Ein Fahrstreifen war durch eine Hütchenreihe gesperrt, die Geschwindigkeit auf 30 beschränkt, die fünf Autos vor uns durften durchfahren, uns winkten sie natürlich raus.

Eine junge Frau: „Guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle. Bitte einmal den Motor ausmachen und die Innenbeleuchtung an. Fahrzeugschein und Führerschein hätte ich gerne. Vor Fahrtantritt heute irgendwelche alkoholischen Getränke oder Betäubungsmittel zu sich genommen?“ – „Nein.“ – „Mit einem freiwilligen Alkotest einverstanden?“ – „Ja.“ – „Bleiben Sie bitte im Fahrzeug. Einen kleinen Moment bitte.“

Sie ging hinter mein Auto, leuchtete mit ihrer Taschenlampe auf meine Papiere und laberte mit einem Kollegen. Dann kam ein zweiter und ein dritter hinzu. Das schien höchst aufregend zu sein! Während die dahinten diskutierten, meinte Jana, die in der Zwischenzeit aufgewacht war: „Kristina, hast du Insulinspritzen im Gepäck? Gib mal welche nach vorne, wenn wir die in die Scheibe legen, ist sicher auch noch ein Drogentest für uns alle fällig.“ – Kristina, Diabetikerin, antwortete: „Ich habe nur meine Pens dabei.“ Aus Janas Sicht schade, ich war jetzt schon bedient. Ein Typ leuchtete die ganze Zeit auf der Beifahrerseite in die Fenster.

Die Frau kam zurück: „Was haben Sie denn da für 20 Millionen Auflagen, da muss man sich ja erstmal durchwühlen. Ihre Pedalabdeckung hätte ich gerne mal gesehen.“ – „Darf ich die Tür öffnen?“ – „Ja bitte.“ Ich zeigte ihr die Pedalabdeckung, mit der die serienmäßigen Fußpedale abgedeckt werden, damit man nicht aus Versehen dort drauftritt (durch eine Spastik oder ähnliches), während man das Auto mit der Hand bedient. „Rein interessehalber: Wie geben Sie eigentlich Gas? Und wie bremsen Sie?“ Ich führte ihr das vor. Zu einem Kollegen drehte sie sich um: „Komm mal, guck dir das mal an. Sorry, aber sowas sieht man nicht jeden Tag. Für mich ist es das erste Mal.“ – „Schon okay“, sagte ich.

„Sie sind 18, oder?“ – Ich nickte. – „Hatten Sie mal eine Ausnahmegenehmigung vom Mindestalter?“ – Ich nickte. Sie nickte auch.

„Kommen wir zum Alkotest“, meinte sie. „Kommen Sie bitte einmal mit an das Dienstfahrzeug?“ – „Dann müsste meine Begleitung erstmal meinen Rollstuhl aus dem Kofferraum holen.“ – „Achso, nein, um Gottes Willen, dann hole ich ein mobiles Gerät her. Einen Moment.“ Einen Moment später kam sie mit so einem Ding in der Hand zurück. „Schonmal gemacht?“ – Ich schüttelte den Kopf. – „Das Mundstück auspacken und aufsetzen, das Gerät in beide Hände nehmen, tief einatmen und feste in das Gerät ausatmen, solange bis das Piepen aufhört. Weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, noch ein bißchen, weiter, weiter, danke reicht.“ Hechel… Einen Moment dauerte es, dann zeigte sie mir das Ergebnis: 0.00. Nichts anderes hatte ich erwartet. „Nullnull, sehr gut. Bitte einmal das Mundstück abziehen. Das können Sie sich zur Erinnerung aufheben oder wegwerfen. Darf ich fragen, woher Sie jetzt kommen?“

„Von zu Hause“, antwortete ich. Sie fragte weiter: „Und wohin geht es?“ – „Nach Hannover ins Trainingslager.“ – „Gut. Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Hier sind Ihre Papiere, ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt.“ Und tschüss. Kurz nach Mitternacht kamen wir ohne weitere Zwischenfälle bei acht Grad unter Null in Hannover an. Und bekamen kein Zimmer mehr in dem Trainingszentrum. Nö, die Hälfte der Leute sei in der nahe gelegenen Jugendherberge untergebracht. Was grundsätzlich kein Problem ist, nur hätten wir, wenn wir das gewusst hätten, gleich einen Kilometer entfernt vor der Jugendherberge geparkt. So mussten wir nach zwei Stunden im mollig warmen Auto durch die eisige Kälte über einen unbeleuchteten Sandweg mit allem Gepäck auf dem Schoß durch die dunkle Nacht. Und dann dauerte es auch noch bis ein Uhr, bis wir unsere Zimmer zugeteilt bekamen.

Nadine, Kristina, Merle, Simone, Cathleen und Yvonne kamen in ein Sechserzimmer, nicht rolligerecht, ich durfte mit Jana, Natascha und einem fremden Mädel aus Niedersachsen in ein Viererzimmer, ebenfalls nicht rolligerecht. Super. Immerhin gelang es uns kurzfristig, das fremde Mädel gegen Lotte einzutauschen, die da unten auch noch herumirrte und endlich ins Bett wollte. Ins Bad kam man nicht, dafür gab es aber auf dem Flur ein Rolli-Klo. Ich schnappte mir einen Schlafanzug und eine Pampers, meine Zahnbürste, Zahnpasta und düste los.

Nur auf das Klo im Flur wollten jetzt 30 Leute zur gleichen Zeit. Immerhin kam nach 3 Minuten jemand auf die geniale Idee, sich mit dem Aufzug auf sechs Etagen aufzuteilen, da in jedem Flur eine Rolli-Toilette war. Da etliche Leute sich kathetern müssen, dauerte es. Jana beispielsweise braucht pro Klogang rund 15 Minuten…

Zu allem Überfluss waren in den Zimmern Etagenbetten, so dass mindestens zwei Personen Turnübungen machen mussten. Dass Jana unten schläft mit einem hohen und kompletten Brustquerschnitt, versteht sich von selbst, dass Natascha oben schläft, ebenso. Also mussten sich nur Lotte und ich einig werden. Am Ende habe mich freiwillig angeboten. Aus dem Klimmzug in den Stütz, die Beine warf mir Lotte hinterher – irre. Lotte wusste nichts von Nataschas Behinderung, ich war gespannt auf ihre Reaktion. Oder vielmehr erstmal darauf, was Natascha ihr erzählen würde. Ich erfuhr es leider nicht.

Am Samstag mussten wir erst um 9 Uhr beim Frühstück sein. Immerhin brauchten wir nicht alle zu duschen, da anschließend Schwimmen auf dem Programm stand. Schließlich gab es in den Flur-WCs auch keine Duschen und in die Waschräume am Zimmer kamen wir ja nicht. Als ich endlich im Wasser war, sah ich zum ersten Mal meine 12jährige Namensvetterin und Lisa. Lisa kam sofort auf mich zugeschwommen und umarmte mich, Julia tat dasselbe, obwohl sie mich überhaupt nicht kannte. „Lisa hat mir schon ganz viel von dir erzählt“, strahlte sie mich an. Aha?!

Das Training machte ein Harald. Glatze, Mitte 50, humpelnd. Laut. Militärischer Ton. Wir waren mit 10 Personen in einer 25-Meter-Bahn. Programm: Zuerst 16 Bahnen einschwimmen mit genauem Blick auf die Technik. Dann sofort ein Trainingsprogramm, das es in sich hatte:

200 Meter (8 Bahnen) schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause Rand. Dann wieder 200 Meter schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause am Rand. Nach insgesamt 19 Durchgängen (also 3.800 Metern oder 152 Bahnen) nochmal 15 Sekunden Pause am Rand, dann nochmal 100 Meter locker ausschwimmen.

Super. Ist der nicht ganz dicht? Je nach Behinderung gibt es verschiedene Startklassen. Es wäre ja völlig ungerecht, Leute gegeneinander starten zu lassen, wenn einem lediglich der Fuß fehlt, während der andere ab dem Hals abwärts gelähmt ist. Ich bin aktuell in der Startklasse 6 eingruppiert, wobei die 1 die Klasse mit der stärksten Behinderung ist und die 10 diejenige mit der schwächsten. Der derzeitige Deutsche Rekord für 200 Meter Freistil (50-Meter-Bahn) in meiner Startklasse liegt bei 2:58 Minuten. Bei Merle, die in der Startklasse 5 eingruppiert ist, lag der Deutsche Rekord irgendwo bei 4:30 Minuten.

Daraus ergaben sich zwei Probleme: Keiner würde die vorgegebene Zeit schaffen können und wir müssten uns nicht nur ständig in der Bahn begegnen (was normal ist), sondern uns auch noch ständig überholen. Am Ende wurden wir dann doch in zwei Gruppen aufgeteilt. Die langsamen (S5) mussten am Anfang die Bahnen zählen und immer nach 8 Bahnen den S6ern (und aufwärts) die Trinkflasche reichen, anschließend waren die S5er mit Schwimmen dran und die S6er saßen auf dem Beckenrand und zählten und reichten die Getränke. Die S6er (und aufwärts) bekamen als Vorgabe 3:30 Minuten und die S5er nun doch 5:00 Minuten.

Damit dauerte das Programm der S6er rund 70 Minuten, das Programm der S5er jedoch fast 100 Minuten. Um 10 Uhr war Treffen in der Schwimmhalle, um 14 Uhr durften wir endlich zum Duschen. Ich war nach meinen vier Kilometern schon völlig fertig, aber Merle und Konsorten mussten wir aus dem Wasser ziehen. Die waren am Ende nicht mehr in der Lage, alleine aus dem Becken in den Rollstuhl zu kommen. Harald hatte dazu nur einen Kommentar: „Weich-Eier.“ Wie niedlich!

Als wir um kurz vor drei endlich in der Kantine waren, gab es selbstverständlich kein Mittagessen mehr, so dass die komplette Hamburger Triathlon-Szene sich vom Nachmittagsprogramm abmeldete und erstmal etwas brauchbares zu essen organisierte. Der Nachwuchs konnte wirklich froh sein, bei Tatjana zu sein.

Am Abend fielen wir kurz vor acht Uhr völlig fertig ins Bett. Heute morgen sollte noch Straßentraining auf dem Programm stehen, da aber die Straße wegen einer anderen Veranstaltung nicht gesperrt werden konnte (und das wusste niemand), sollten wir stattdessen auf der Rolle trainieren. Im Rennrolli, vierzig Kilometer bei bis zu 5% Steigung in höchstens zwei Stunden. Ich bin froh, noch in keinem offiziellen Kader zu sein. Ich habe Harald einen Vogel gezeigt, meine Sachen gepackt und mir zwei Stunden bis zum Mittagessen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Wie ich später erfuhr, hat niemand der Hamburger daran teilgenommen. Lediglich ein paar männliche Athleten aus Niedersachsen und Hessen meinten, ihrem Körper das antun zu müssen.

Natascha

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Den Kommentaren auf meinen gestrigen Beitrag über den arschigen Nachbarn zufolge, haben die meisten Leser mich doch so verstanden, wie ich es sagen wollte. Dass ich nicht gegen alle Hartz-4-Empfänger wettere, sondern lediglich gegen einen ganz bestimmten. Und gegen den nicht, weil er Hartzie ist, sondern weil er ein Arsch ist. Aber das Thema ist aus meiner Sicht erstmal geklärt.

Und damit kann ich ja zum nächsten Schlag ausholen. Als Angehörige einer gesellschaftlichen Randgruppe habe ich mir ein neues Opfer aus einer anderen gesellschaftlichen Randgruppe ausgesucht, um auf ihm herumzuhacken. Gestern der Arbeitslose, heute jemand, der sich in seinem Körper unwohl fühlt. Man beachte meine Ironie.

Aus Sicht meines Vaters wurden Homo- und Bisexuelle als Kind mal zu heiß gebadet oder sind von der Wickelkommode gefallen. Ihn würde es schon zur Verzweifelung treiben, dass seine Tochter mit einer anderen Frau im Bett liegt und kuschelt. Bekleidet und ohne jeglichen sexuellen Hintergrund (so etwas soll es geben!) jemand anderen zu massieren oder zu kraulen, wenn man ihn lieb hat, gerne mag, wäre für meinen Vater absolut undenkbar. Dass die Tochter, die das macht, auch noch behindert ist und die Empfängerin dieser Zärtlichkeit möglicherweise auch noch, wäre möglicherweise das Tüpfelchen auf dem i, möglicherweise auch eine Entschuldigung – ich weiß es nicht, möchte nicht darüber nachdenken und werde es meinen Eltern auch niemals erzählen. Dem Rest meiner Familie auch nicht, denn dort wird man auch nicht anders denken. Ich bin aber auch sehr froh, sagen zu können, dass ich zumindest in dieser Hinsicht auf deren Meinung keinen Wert mehr lege.

Eine derartige Haltung gegen Homo- und Bisexualität erlebe ich leider viel zu häufig, vor allem bei älteren Menschen. Ich weiß, dass sich homosexuelle Menschen früher sogar fast automatisch strafbar gemacht haben. Unglaublich. Unverständlich. Nein, homosexuell bin ich nicht. Bisexuell vielleicht. Vielleicht ein bißchen, vielleicht auch mehr. Ich weiß es nicht. Es ist mir aber auch relativ schnuppe. Wenn mir also jemand erzählt, er sei homo- oder bisexuell, ist es in etwa so, als würde mir jemand erzählen, dass es draußen regnet. Habe ich trockenes Wetter erwartet, überrascht es mich. Aus der Fassung schlagen würde es mich allenfalls, wenn es saure Gurken oder krumme Nägel regnen würde.

Dass es Menschen gibt, die sich in ihrem Körper mit ihrem von der Natur vorgegebenen Geschlecht nicht wohl fühlen, ist mir auch bekannt. Ich bin ganz froh, ein Mädel zu sein. Im Stehen pinkeln könnte ich sowieso nicht, also ist alles okay. Dass sich manche Menschen Kleidung des anderen Geschlechts anziehen, finde ich sogar spannend. Einer von vielen Gründen, warum man mich jedes Jahr wieder auf dem Christopher-Street-Day findet. An einem See, an dem wir manchmal trainieren, läuft auch immer ein Typ in Ballett-Kleidern rum oder geht sogar damit schwimmen. Früher, vor meiner Behinderung, hätte ich geglotzt. Ungläubig, wie ein Straußenvogel, dem sie ein Ei aus dem Nest geklaut haben. Heute, wo ich Füße mit 8 Zehen und Hände mit 3 Fingern gesehen habe, mit Hautlappen geschlossene Rückendefekte, so groß wie ein Bierdeckel, oder eitrige Druckgeschwüre mit freier Aussicht bis zum Knochen, haut mich doch kein Typ im Tutu mehr aus dem Stuhl. Der entlockt mir vielleicht noch ein herzliches Schmunzeln.

Ich weiß allerdings, dass viele Menschen sich nicht hineinversetzen können, wie es in Menschen aussieht, die sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen. Ich kann es auch nicht, um das diesmal gleich vorweg zu schieben. Aber ich kann vorbehaltlos akzeptieren, dass es einen enormen, vielleicht sogar schmerzhaften oder unerträglichen Druck geben kann. Dass man alles geben würde, um im „richtigen“ Körper sein zu dürfen. Hormonpräparate einführt, Operationen in Kauf nimmt, unheimlichen gesellschaftlichen Druck erfährt – ich beneide diese Menschen nicht. Ich sehe ein ernsthaftes Problem.

Ich merke schon, das Thema, auf das ich kommen möchte, ist so sonderbar, dass die Einleitung immer länger wird. Auf den Punkt: Es gibt auch Menschen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, ohne dass es sich dabei um das von der Natur vergebene Geschlecht dreht. Sondern denen geht es um die Makellosigkeit, die Vollkommenheit, die Gesundheit, die sie nicht akzeptieren können. Die einen solchen Leidensdruck erzeugt, dass man, ähnlich wie derjenige, der lieber zum anderen Geschlecht gehören würde, gerne … ja … behindert wäre. Dass man alles geben würde, um ein Bein weniger zu haben, Querschnitt zu sein – für die meisten Menschen unvorstellbar, aber das gibt es. Und „Body Integrity Identiy Disorder (BIID)“ nennt man sowas.

Wenn nun, um an anderer Stelle wieder einzusteigen, mein Vater und viele andere Menschen auf dieser Welt Homosexualität schon nicht akzeptieren können, sich mit Leuten mit „falschem“ Geschlecht noch schwerer täten, muss man wohl diejenigen Leute einzeln suchen, die Verständnis dafür hätten, dass jemand gerne behindert wäre. Am allermeisten würde mich irritieren, dass ich (heute nicht mehr, vor einiger Zeit schon noch) sehr viel dafür gegeben hätte, meinen Unfall rückgängig zu machen, und dass es nun plötzlich jemanden gibt, der genau entgegengesetzt denkt.

Insofern kann ich zumindest sehr gut nachvollziehen, dass derartig „gepolte“ Menschen in unserer Gesellschaft so gut wie keine Chance haben, irgendwie Fuß zu fassen. Sobald sie erzählen, wie sie ticken, werden sie ausgegrenzt. Also ertragen sie entweder den Leidensdruck, anders sein zu wollen, oder beginnen, die Gesellschaft mit dem zu füttern, was sie hören will, um diesen „anders gepolten“ Menschen zu akzeptieren. Und das kann nur sein: „Ich bin wirklich behindert.“

Und so ist kein Mensch mit Behinderung davor gefeit, irgendwann in seinem Leben mal mit jemandem konfrontiert zu werden, der auf den ersten Blick dieselbe Behinderung hat wie man selbst, auf den zweiten Blick einen aber um die damit erreichte Vollkommenheit beneidet – und einem das Blaue vom Himmel lügt. Und ja, es gibt einen aktuellen Anlass.

Natascha heißt sie, ist 32 Jahre alt und Rollstuhlfahrerin. Tauchte vor einiger Zeit bei unserem Training auf, erzählte uns von einem schlimmen Autounfall, wurde in unserer Trainings-Clique aufgenommen, rollte mit uns ins Kino, erfuhr sehr viele persönliche Dinge von jedem einzelnen – und hat uns von A bis Z belogen. Nix Querschnitt, nix Autounfall. Das war wie ein Schlag ins Gesicht.

Inzwischen hat sich bei uns das erste Gewitter gelegt. Inzwischen wissen wir, dass sich vor uns auch schon einige andere Vereine, die Medien und die Justiz mit ihr beschäftigt haben. Bisher hat sie jedes Mal, wenn sie „erwischt“ worden ist, sämtliche Kontakte abgebrochen, ist in die nächste Großstadt geflüchtet, um ein neues Leben zu beginnen. Und hat dort die nächsten Leute genarrt. Soll das endlos so weitergehen?

Unser Vereins-Chef, den ich bekanntlich sehr schätze, war absolut fassungslos. Seine Vertreterin, die ich ebenfalls sehr gerne mag und zu der ich auch persönlich eine sehr enge freundschaftliche Beziehung habe, war ebenfalls sehr mitgenommen und stand über Tage einen gehörigen Schritt neben sich. Weniger wegen der Tatsache, angelogen worden zu sein, sondern vielmehr als sie ihre wahre Geschichte gehört haben. Anders als bisherige Vereine, mit denen Natascha zu tun hatte, haben die beiden sich lange mit einzelnen, später dann auch bei einer Versammlung mit allen beraten und haben Natascha in einem Dreiergespräch, während sie sie wissen ließen, dass sie erneut aufgeflogen ist, ein zweites Mal die Hand gereicht.

Es sei, so unser Vereins-Chef, im Sinne der gesamten Szene, dass wir Natascha nicht erneut den Boden unter den Füßen wegziehen, sondern ihr Hilfe anbieten. Nur wir könnten es glaubwürdig tun. So ist er eben. Jemand, der täglich versucht, die Welt zu retten. Er hat ihr eine (meine!) Psychologin vermittelt, nach einer Wartezeit kann sie dort in eine Therapie einsteigen. Es gibt einen Professor in Lübeck, der sich intensiv mit dieser Krankheit beschäftigt. Inzwischen hat Natascha ihre Lebens- und Leidensgeschichte aufgeschrieben. Das war eine Bedingung für die Therapie. Die wirkliche.

Natascha bekommt von mir irgendwann ihre zweite Chance. Sie bekommt von allen aus unserem Verein ihre zweite Chance. „Alle oder keiner“ hieß es bei der entsprechenden Versammlung, bei der Natascha nicht dabei war. Und am Ende waren es alle, die bereit sind, ihr zu helfen. Wenngleich etliche nur sagten: „Ich werde sie ohne Vorbehalte dulden. Mehr bringe ich zum jetzigen Moment nicht zustande.“ Nachdem ich ihre Geschichte gelesen habe, bin ich ihr nicht mehr böse. Auch soll sie irgendwann eine zweite Chance von mir bekommen. Im Moment sind die Wunden einfach noch zu frisch.