Der 60. Geburtstag meiner Mutter

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Genau 10 Jahre ist es heute her, dass ich mit dem Bloggen begonnen habe. 10 Jahre! Eine lange Zeit.

Damals war ich 16 Jahre alt, lag in einem Krankenhaus und war ziemlich übel zugerichtet. Ich wurde auf dem Schulweg von einem Auto geknutscht und bin geflogen. Zuerst über den Asphalt, dann mit einem Heli – und ein paar Wochen später zum ersten Mal aus dem Rollstuhl, weil sein Vorderrad sich im Schnee verhedderte.

Damals hatte ich Stress mit meiner Muddi. Sie konnte nicht begreifen, dass ich nicht lange aus dem Krankenhaus durfte, auch nicht, wenn sie ihren 50. Geburtstag feiert und mich gerne dabei gehabt hätte.

Inzwischen bin ich 26 Jahre alt, arbeite in einem Krankenhaus und fühle mich sehr gut. Mein Rollstuhl ist mein ständiger Begleiter, und er macht einen guten Job. Ich glaube, dass ich diese Veränderung in meinem Leben inzwischen völlig verarbeitet habe. Die deshalb begonnene Psychotherapie habe ich erfolgreich abgeschlossen. Zu meiner Mutter habe ich seit Jahren keinen Kontakt mehr, mein Vater ist inzwischen verstorben.

Ich hoffe, dass vor allem meine Haut und meine Blase noch lange gesund bleiben. Das sind die beiden, die in Verbindung mit einer Querschnittlähmung am häufigsten Probleme machen. Mein Herz-Kreislauf-System trainiere ich gut, da mache ich mir weniger Sorgen.

Eine Sache hat sich nicht verändert, wenn man von einer zwischenzeitlich erzwungenen Unterbrechung mal absieht: Ich blogge noch. Und inzwischen wurde mein Blog über 6,7 Millionen Mal aufgerufen.

Davon alleine über 125.000 Mal im letzten Monat. Pro Tag kommen aktuell wieder rund 5.000 Besucherinnen und Besucher auf meine Webseite. Manche Tage eintausend weniger, manche Tage auch noch mehr. Nur kommentiert wird nicht mehr so häufig wie früher. Obwohl ich nach wie vor gerne Kommentare lese.

Leider wird die Plattform, die ich 10 Jahre lang genutzt habe, nicht mehr so betreut wie ich es gebrauchen könnte. Zum Beispiel kann ich keine Layout-Anpassungen mehr vornehmen, sondern nur noch posten. Auch aus diesem Grund habe ich mich entschieden, pünktlich zum 10. Geburstag meines Blogs mit diesem umzuziehen.

Bitte sagt mir, wenn etwas so gar nicht geht oder ich einen offensichtlichen Fehler beim Umzug gemacht habe. Ich konnte mir weder die inzwischen über 1.040 Beiträge noch die über 10.000 Kommentare alle nochmal durchlesen; ich hoffe allerdings, dass alles gut transferiert wurde.

Insofern: Nehmt euch ein Glas Sekt und stoßt mit mir an! Prost!

Weihnachten 2018

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Ist es schlimm, wenn ich nicht geputzt habe? Ich finde, es ist immer sauber bei uns. Einmal pro Woche kommt zu uns eine junge Frau, die feucht durchwischt. Einmal im Quartal werden die Fenster geputzt. Ansonsten gurkt, wenn sonst niemand zu Hause ist, ein Saugroboter durch die Räume. Naja, groben Dreck mache ich dann schonmal sofort weg, nasse Hündinnen werden vor der Tür abgetrocknet und ein feuchter Lappen mit etwas Scheuermilch durchquert hin und wieder auch mal das Waschbecken. Aber wenn ich sehe, dass unsere Nachbarn seit Tagen mit nichts anderem mehr beschäftigt sind als mit Hausputz, finde ich Maries Bemerkung sehr passend: „Sag mal, kommt da das Christkind oder das Gesundheitsamt?“

Und dann diese ganzen Last-Minute-Einkäufer. Marie kam von ihrer Runde mit dem Hund zurück und erzählte, dass der Supermarktparkplatz bis auf den letzten Platz belegt und kein Einkaufswagen mehr zu bekommen sei. Wir haben schon am letzten Dienstag alles eingekauft. Was bin ich froh, dass ich mir das heute nicht mehr antun musste!

Um die Mittagszeit kamen Maries Eltern angereist. Die Türklingel holte Maries Hündin aus dem Tiefschlaf, sie überschlug sich fast auf dem Weg zur Tür. Als sie merkte, wer davor stand, gab es gar kein Halten mehr. Der Schwanz drehte sich im Kreis, es wurde gequiekt und gefiept als wenn man sich Jahrzehnte nicht gesehen hat. Helena fiel den beiden gleich auch erstmal um den Hals, zum Glück ohne Quieken und Fiepen.

Wir hatten gemeinsam verabredet, einen Familien-Gottesdienst zu besuchen. Um 15 Uhr sollte das losgehen. Wenn wir schon feiern, dann muss zumindest nochmal jemand genau erzählen, was wir da feiern. Und Helena musste davon überzeugt werden, dass wir nicht mit dem Auto dorthin fahren. „Die Kirche liegt in Sichtweite deiner Schule. Für das kurze Stück mach ich das Auto nicht an.“ – „Bis zur Schule ist schon hammerhart. Ich schaff das nicht.“ – „Du hast doch jetzt neue Orthesen, damit geht es bestimmt besser. Versuche es bitte wenigstens.“ – „Jule, die Orthesen geben mir mehr Stabilität, aber nicht mehr Ausdauer.“ – „Maries Mama kann dich einhaken, wir gehen langsam und notfalls nehme ich dich die letzten 100 Meter auf den Schoß, okay? Aber da ist kein Parkplatz, und wenn wir vom Auto einen Kilometer laufen müssen, haben wir nichts gewonnen.“ – „Schon gut. Aber wehe, ich pack mich mit meinem Brezel-Outfit in den Dreck.“

Wir hatten eine Dreiviertelstunde für den Weg eingeplant. Und die brauchten wir am Ende auch. Die letzten 200 Meter habe ich sie auf den Schoß genommen. Ich schätze, das wird auch durch intensives Training nicht besser. Allerdings geht sie mit Orthesen wesentlich stabiler als ohne. Bleibt zu hoffen, dass der bewilligte Rollstuhl bald kommt, damit sie längere Strecken auch vernünftig zurücklegen kann. In der Kirche waren drei Plätze für Rollstühle vorgesehen, auf denen standen aber schon sechs Großmütter und ein junger Mann. „Können Sie eventuell einen späteren Gottesdienst besuchen? Wir haben beim besten Willen keine zwei Rollstuhlplätze mehr frei.“ – „Dürfen wir uns auf eine normale Bank umsetzen und jemand bringt die leeren Rollstühle in den Vorraum?“ – „Wenn Sie das können, selbstverständlich.“

Marie und ich nahmen unsere Sitzkissen aus dem Stuhl mit. Eine Stunde oder länger auf einer harten Holzbank zu sitzen, könnte böse Druckstellen geben. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, der Jugendchor sang, der Pastor machte es sehr gut und kinderfreundlich. Wobei ich noch immer nicht verstehen kann, warum eine Mutter, deren Kind zuerst laut weint und dann aber aus voller Kehle kreischt und sich nicht mehr beruhigen lässt, nicht mal einen Augenblick vor die Tür gehen kann. Sicherlich, der Pastor selbst wird niemanden ausschließen, aber es war eine ziemliche Zumutung. Man hat teilweise über eine Viertelstunde lang nichts mehr verstanden, bevor der Unmut der daneben sitzenden Leute so groß wurde, dass die Mutter dann doch mit ihrem Kind rausging. Und übrigens nicht wieder reinkam.

Wie gesagt, es war sehr kinderfreundlich. Nur einzelne Bibel-Zitate, vieles gut erklärt, und dann kam das Vaterunser. „Dazu erhebt sich die Gemeinde bitte von ihren Plätzen.“ – Warum? Aus Respekt vor Gott. Immer, wenn man Gott anspricht, stellt man sich hin. So habe ich es im Konfirmanden-Unterricht gelernt und mein damaliger Pastor sagte: „Oft sehen wir ganz alte, gebrechliche Menschen, die sich ganz mühsam hinstellen. Bei denen man Angst haben muss, dass sie noch umfallen. Wenn man nicht stehen kann, kann man Respekt auch ausdrücken, indem man Kopf und Blick senkt.“ – Daran erinnere ich mich jedes Mal, wenn um mich herum hunderte Menschen aufstehen und ich sitzen bleiben muss. Bevor ich Luft holen konnte, boxte mir jemand mit den gefalteten Händen in den Nacken. Auch Marie bekam was von hinten an den Hals. Ich drehte mich um. Eine Frau, geschätzt 70 Jahre alt, feuerrote Haare, schwarz geschminkte Augen, mit langem, grauen Wollmantel bekleidet, kniff ihre Augen zusammen, machte eine zum Aufstehen auffordernde Handbewegung und fauchte mich an: „Das gilt auch für dich hier.“

Jetzt geht es jawohl los. Ohne etwas zu sagen, drehte ich mich wieder zurück. Als endlich alle wieder saßen, blökte sie hinten laut herum: „Benehmen ist bei Jugendlichen heutzutage echt Glückssache!“ – ‚Jugendlich‘ darf ich wohl als Kompliment auffassen. Aber noch so ein Spruch und ich hätte mich umgedreht und was gesagt. Im letzten Moment hörte ich jemanden leise flüstern: „Mama, das ist nicht dein Problem. Heute ist Weihnachten und wir wollen alle keinen Streit, ja?“ – „Ja, aber …“ – „Nichts ‚aber‘, du bist jetzt leise.“ – Da schien es irgendein psychisches Problem zu geben. Klar, dass dieser Mensch mal wieder nicht irgendwo, sondern in meiner unmittelbaren Nähe sitzt.

Helena saß zwischen Marie und mir und wurde zunehmend unruhig. Normalerweise fällt es ihr nicht schwer, sich auf etwas zu konzentrieren, selbst wenn es keine Werbepausen gibt. War das die Aufregung? Oder wühlte sie die Geschichte um Weihnachten zu sehr auf? Dachte sie vielleicht an ihre letzte Pflegefamilie? Oder wünscht sie sich zu Weihnachten angesichts der vielen Familien um uns herum etwas anderes als wir ihr bieten können? Oder überwältigen sie gerade andere Gefühle, vielleicht weil sie ja schon mehrmals erzählt hat, dass sie sich letztes Jahr zu Weihnachten gewünscht hat, sie möge uns im Sommer wiedersehen? Oder ist es einfach nur die emotionale Stimmung mit dem Gesang, den vielen Menschen, den vielen Kerzen, die ihr nun auch noch einzelne Tränen über die Wangen kullern lässt?

Ich nehme mir ihre linke Hand, mit der sie sich auf der Bank aufstützt, und halte sie zwischen meinen beiden Händen fest. Sie ist ganz warm, aber auch etwas schwitzig. „Es dauert nicht mehr lange“, flüstere ich ihr ins Ohr. Links neben mir sitzt Maries Mama, die mich stirnrunzelnd anguckt. Ich zucke mit den Schultern. Nach zehn Minuten ist der Gottesdienst vorbei. Während Maries Papa die beiden Rollstühle holt, flüstert sie mir ins Ohr: „Bitte nicht schimpfen. Ich bin ein bißchen ausgelaufen.“ – „Oh nee, Tage oder Blase?“ – „Blase.“ – „Dann läufst du hier jetzt bitte nicht mehr durch die Gegend, sondern setzt dich gleich auf meinen Schoß und Maries Mama schiebt uns auf dem direkten Weg nach Hause.“ – „Ich setz mich doch nicht mit nassem Po auf deinen Schoß.“ – „Doch.“ – „Nein, vergiss es. So räudig bin ich nicht zu dir.“ – „Helena, ich spüre das in den Beinen nicht. Ich ziehe mir zu Hause gleich eine andere Hose an. Aber so kommen wir schnell nach Hause, ohne dass alle das sehen.“

Maries Mama ging mit uns schnurstraks zum Ausgang und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmassen. Dass sie weiß, worauf es beim Rollstuhl schieben ankommt, war von ebenso großem Vorteil wie die Tatsache, dass sie nicht erst lange nachfragte, als ich sie bat, uns ganz schnell nach Hause zu schieben. „Ist was mit dem Zucker?“, fragte sie dann aber unterwegs. – „Toilette“, antwortete ich. Helena weinte schon wieder und drehte sich dann aber zu mir um: „Warum sind diese ganzen Sachen, die Jahre lang ein großes Problem waren, bei euch so entspannt?“ – „Weil Marie und ich uns in unserem Leben schon fünfhundert Mal angepinkelt haben und die Waschmaschine auch am Heiligabend funktioniert.“ – „Ist dir das nicht peinlich?“ – „Das kommt wirklich auf die Leute an. Wenn das Menschen sind, die selbst betroffen sind oder deren Angehörige, dann nicht. Es gibt aber Menschen, die können damit überhaupt nicht umgehen und dramatisieren das. Es hängt aber auch sehr davon ab, welche Größe du der Sache gibst.“ – „Was meinst du mit ‚Größe‘?“ – „Wenn du später Marie das als normalste Sache der Welt erzählst, wird es nicht peinlich. Wenn du aber versuchst, es zu verheimlichen und weißt, dass sie es vermutlich doch irgendwie mitbekommen hat oder sich das zusammenreimen kann, steht was zwischen euch. Probiere es einfach mal aus.“

Frisch geduscht gingen Helena und ich zu Marie in die Küche, wo sie Getränke aus dem Kühlschrank holte. „Marie, ich muss dir was erzählen“, sagte Helena prompt. Ich musste grinsen. Marie drehte sich zu ihr: „Weiß ich schon.“ – „Was?!“ – „Der Weihnachtsmann ist mit deinen Geschenken durchgebrannt.“ – „Du bist doof. Nein, was anderes.“ – „Was?“ – „Ich musste so schnell nach Hause, weil ich mich angepinkelt hab.“ – „Gib mir Fünf.“ – Helena guckte verdattert und schlug in Maries ausgestreckte Hand ein. „Du auch?“, fragte sie. Marie antwortete: „Heute nicht, aber zum Club gehöre ich trotzdem noch dazu. Ich hab, bis ich in die Pubertät kam, nichts unter Kontrolle gehabt. Also drei Minuten vielleicht mal. Und ich hatte ein Hochbett. Als Querschnitt. Muss ich noch mehr sagen?“

Am Ende erzählte sie es noch Maries Papa und der reagierte auch total cool. Und während wir beim Abendessen saßen und in der Ecke der geschmückte Weihnachtsbaum stand und elektrisch vor sich hin leuchtete, huschte plötzlich ein Schatten über die Terrasse. Maries Hündin flitzte zur Terrassentür und machte dort Terror. Sowas geht jawohl gar nicht. Maries Papa sagte: „Was ist denn da los? Da schleppt irgendein alter Kerl in rotem Mantel einen Sack weg. Sind da eure Gartenmöbel drin?“ – Helena bekam den Mund nicht mehr zu. Der Hund spielte verrückt. Und ob Helena keine Bescherung erwartete, sich nicht zu fragen traute oder vielleicht einfach nur geduldig abwartete, konnte ich aus ihrem bis eben noch ganz entspannten Gesicht nicht herauslesen. Maries Vater stand auf und ging zur Tür. „Du gehst da jetzt nicht raus, wer weiß, was der will. Nicht den Helden spielen hier, ja? Müssen wir die Polizei rufen?“, fragte Maries Mutter überzeugend ernst. Helena saß noch immer mit offenem Mund da. Es klingelte an der Tür. Die Hündin flitzte von der Terrassentür zur Haustür und kläffte jetzt dort.

Marie rollte dorthin und hielt den Hund fest. Maries Papa öffnete vorsichtig die Tür. Ein Typ sagte mit tiefer Stimme: „Ist das hier richtig bei Helena, Jule, Marie, [Maries Mama], [Maries Papa] und [Maries Hündin]?“ – Die Hündin hatte ihren Namen gehört, das rote Wesen mit dem weißen Bart an Geruch und Stimme erkannt und war plötzlich lammfromm. Helena flitzte zur Tür. „Ich habe hier einen ganzen Sack voller Geschenke abzugeben.“ – Maries Vater witzelte: „Zum Glück ist gerade jemand zu Hause. Helena, stell dir mal vor, er wäre zwei Stunden eher gekommen und hätte einfach nur eine Benachrichtigungskarte eingeworfen. Dann müssten wir das ganze Zeug am 27. aus einer Packstation abholen.“ – Mit tiefer Stimme kam die Antwort: „Deine Sachen nehme ich gleich wieder mit, du Banause. Und im Übrigen ist es nicht sehr schlau, den Kamin anzumachen, wenn ihr auf mich wartet. Beinahe hätte ich die ersten Päckchen ins Feuer geworfen.“

Helena sagte noch immer keinen Ton. Maries Papa ging auf den an der Erde abgestellten Sack zu. „Muss ich irgendwo unterschreiben?“, fragte er. Der Mann in dem roten Outfit konnte sein Lachen gerade so hinter dem weißen Bart verstecken. Maries Papa nahm den großen braunen Sack und trug ihn nach drinnen. „Sagt mal, hat sich jemand Telefonbücher gewünscht? Das kriege ich ja kaum von der Stelle.“ – Der rote Mann verabschiedete sich noch draußen und ging weg. Helena schluckte und fasste sich wieder. Sie lachte und sagte: „Ihr seid echt der Hammer. So ein Spektakel! Das ist schon jetzt eins der schönsten Weihnachtsfeste“, und kletterte bei Marie auf den Schoß.

Marie und ich haben zu Weihnachten jeweils einen Notfallrucksack fürs Auto bekommen. Nachdem ich kürzlich noch überlegt habe, ob ich mir so etwas ins Auto packe, ist mir die Entscheidung jetzt abgenommen worden. Die technische Ausstattung ist ganz gut, einige Notfallmedikamente sind sogar auch schon drin. Ob ich das nochmal aufstocke, muss ich sehen. Auf jeden Fall ist das mal eine sehr coole und nützliche Idee. Marie und ich haben uns traditionell jeweils einen Badeanzug geschenkt, in der Hoffnung, dass wir bald mal wieder häufiger zum Schwimmen kommen. Maries Eltern haben wir Theaterkarten zu einer Premiere geschenkt, wann und wo, werde ich mal berichten, wenn es soweit war, da ich natürlich keine Lust habe, dort auch noch Autogramme geben zu müssen. Marie und ich haben von Helena jeweils ein Fotobuch bekommen, das sie zusammen mit Maries Papa gemacht hat. Nicht nur mit Bildern aus der jüngsten Vergangenheit, sondern auch aus ihrem Leben, bevor wir uns kennengelernt haben. Sehr klasse. Außerdem habe ich noch ein Hörbuch bekommen und ein Hemd sowie, und das eskaliert jedes Jahr, jede Menge Schokolade und anderen Süßkram.

Und Helena? Das aufregendste Geschenk ist wohl ein eigenes Smartphone. Sie hatte vorher einen Erreichbarkeits-Knochen, damit war sie wohl die letzte in der Klasse, die noch kein Smartphone hatte. Wir haben uns für eine aktuelle Jugendversion mit Android-Betriebssystem entschieden, das wir neu für 160 € bekommen haben. Dazu noch eine Speicherkarte – ich glaube, das ist ganz gut so. Mal schauen, wie gut Helena und das Gerät zusammenpassen. Ein weiterer großer Hit waren Pferde-Bettwäsche, ein Pferdebuch (nein, keine Geschichten, sondern ein Sachbuch mit ganz vielen Bildern von den ganzen Rassen etc.), eine Reithose (eine Kappe gab es aus Sicherheitsgründen schon ziemlich schnell, aber bisher musste sie mit Jeans reiten), einen Schul-Rucksack, eine Halskette und natürlich auch einen gut gefüllten „bunten Teller“.

Es war übrigens auch ein großer Knochen mit im Sack, der zum Glück noch eingeschweißt war. Wir vermuten, dass der wohl für Maries Hündin bestimmt ist. Als der nämlich zum Vorschein kam, war das Felltier in Sekundenbruchteilen neben Marie, setzte sich unaufgefordert direkt neben ihr auf den Popo und fing zu sabbern an.

Maries Eltern schlafen heute nacht in Maries Zimmer, Marie pennt bei mir, und ich darf morgen ganz früh raus, weil mein Dienst um 7 Uhr beginnt. Ich hoffe nur, dass es nicht noch glatt wird. Mittags fahren Maries Eltern wieder nach Hamburg, und am 2. Weihnachtstag fahren wir drei plus Wauwau für einen Tag hinterher. Jetzt muss ich nach diesem aufregenden Tag aber erstmal schlafen, damit ich den Dienst morgen überstehe. Ich wünsche allseits ein frohes Weihnachtsfest!

Terror und Maschinenpistolen

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Es hat in diesem Monat in der westlichen Welt keinen Terroranschlag gegeben – wenn man von den beiden gescheiterten Sprengstoff-Attentaten in New York und Malmö absieht. Wobei beim letzten ja noch nicht klar ist, ob der Täter überhaupt eine politische Motivation hatte. Es scheint, als würde unsere diesjährige Advents- und Weihnachtszeit vom Terror verschont bleiben. Und darüber bin ich sehr froh.

Nachdem ich mir heute die mediale Berichterstattung über einen eigentlich harmlosen Vorfall in der Hamburger Michaelis-Kirche, der sich am Heiligen Abend zugetragen hat, angeschaut habe, drängt sich mir allerdings der Eindruck auf, ein Boulevardblatt könnte den nächsten Anschlag nicht abwarten.

Was war passiert? Ich weiß es aus erster Hand, denn ich war, wie fast jedes Jahr, Besucherin des letzten Heilig-Abend-Gottesdienstes im Hamburger Michel. Dieses Mal waren auch zwei junge Männer in der Kirche. Sie hatten einen Rucksack dabei, haben sich vor dem Gottesdienst unterhalten und sich, offenbar entzückt von der Größe und der Schönheit der über 2.000 Menschen Platz bietenden Kirche, gezielt auf bestimmte Dinge, wie die große Orgel, durch Zeigen aufmerksam gemacht.

Einem Besucher kamen die beiden Männer dadurch offenbar merkwürdig vor, er informierte das anwesende Sicherheitspersonal. Dieses wollte wohl kein Risiko eingehen, konnte die Lage nicht einschätzen, informierte zur Sicherheit die Polizei. Die schickte vier Beamte in Zivil, die diskret zu diesen beiden Männern gingen, ihren Dienstausweis vorzeigten und die beiden „Verdächtigen“ mit nach draußen baten. Dort schaute man offenbar einmal in den Rucksack, fand nichts Verdächtiges, überprüfte die Personalien, fand ebenfalls nichts Verdächtiges, und kam am Ende zu dem Schluss, dass die beiden Jungs völlig harmlos sind und wohl nur Weihnachten feierten.

Ich will das aber nicht einmal kritisieren. Man muss heutzutage ja mit allem rechnen, und der Michel-Gottesdienst böte politischen Wirrköpfen freilich eine gewisse Bühne. Also lieber einmal überprüfen lassen, bevor wirklich etwas passiert.

Auf der Internetseite eines Boulevardblattes heißt es heute darüber:

1. Die Polizei habe die Kirche „gestürmt“. What?! Ein Sturmangriff, der hier gemeint sein dürfte, suggeriert mir, etliche Polizeikräfte seien vor der Tür zusammengezogen worden, hätten sich langsam angenähert und wären dann kämpfend oder zumindest drohend überfallartig, den Überraschungseffekt nutzend oder ihn sogar mit Nebel- und Blendgranaten und der damit verbundenen Verwirrung verstärkend, in das Gebäude eingedrungen, mit einem Gegenangriff rechnend stets das Ziel verfolgend, die betroffenen Personen auszuschalten. Tatsächlich sind vier Leute unauffällig reinschlurft, haben sich unauffällig umgeguckt, die Personen angesprochen, nach draußen begleitet, fertig.

2. „Dreizehn Streifenwagen“ seien entsandt worden. Was bedeutet hätte, dass man aus mehreren Stadtteilen diverse Fahrzeugbesatzungen zum Michel geschickt hätte. Und diese angewiesen hätte, vor der Kirche keinen Lärm zu machen, um die Täter nicht zu warnen. Und auch das Blaulicht auszuschalten, da man es durch die Kirchenfenster sehen könnte. So einen Einsatzbefehl könnte es bestimmt geben. Bestimmt würden dann auch gleich Rettungsdienst und ähnliches alarmiert. Führungsbeamte, … keine Ahnung. Ich habe von alledem nichts mitbekommen. Und auf Nachfrage eines öffentlich-rechtlichen Radiosenders wollte der Lagedienst der Polizei nur drei eingesetzte Fahrzeuge bestätigen.

3. „Beamte mit Maschinenpistolen stürmten die Kirche“. Ob sie stürmten, hatte ich ja oben schon für mich geklärt. Ob die vier natürlich Maschinenpistolen im Fahrzeug hatten, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, jeder Streifenwagen hat zumindest eine dabei. Wie das in Zivilfahrzeugen ist, weiß ich nicht. In der Kirche habe ich niemanden gesehen, der eine Waffe in der Hand hielt oder gar eine Machinenpistole um den Hals hängen hatte.

4. „Polizisten unterbrachen die Christmesse“. Es handelte sich um einen evangelischen Gottesdienst. Und eine kurze Unterbrechung gab es allenfalls aus Sicht der beiden jungen Männer, als diese für gefühlt zehn Minuten nach draußen gegangen sind, während drinnen weiter gesungen wurde. Die Zivilpolizisten sind so diskret vorgegangen, dass maximal 50 Personen im Umkreis dieser beiden Männer überhaupt etwas mitbekommen haben. Also nicht mal drei Prozent der Besucher.

Ich frage mich jetzt: Warum? Was soll das? Braucht man das?

Und was das Schlimmste ist: Gleich mehrere große Zeitungen, die eigentlich keine Boulevardblätter sind und nach meinen Informationen auch nicht zum selben Verlag gehören, haben diesen Unsinn bereits, offenbar ungeprüft, auf ihre Webseiten übernommen. Und -wie zu erwarten war- dauerte es keine zwei Stunden, bis bei Twitter auch die rechtspopulistische Partei einer Neckar-Großstadt auf diese Meldung aufgesprungen ist.

Na dann: Frohe Weihnachten!

Weihnachtswunsch

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Fast zehn Jahre sind seit meinem Unfall vergangen. In der letzten Woche hatte ich meine letzten beiden Psychotherapie-Stunden. Eine weitere Verlängerung ist nicht vorgesehen und aus meiner Sicht auch nicht nötig. Meine frühere Therapeutin ist seit der Geburt ihres zweiten Kindes nicht mehr beruflich tätig, ihre Vertretung, die zwar gut, aber nicht ganz so gut wie meine erste Therapeutin war, findet, ich sei ausreichend reflektiert, um mein Leben alleine im Griff zu haben. Genauso hat sie es formuliert, und ich glaube, damit wird deutlich, was ich meine, wenn ich behaupte, sie sei nur „gut“ und nicht „sehr gut“.

Sollte ich, wie geplant, nach meiner letzten Prüfung eine fünfjährige Facharzt-Ausbildung (Kinder- und Jugendpsychiatrie) beginnen, werde ich ohnehin noch eine weitere Psychotherapie machen müssen. 150 Stunden Selbsterfahrung sind vorgesehen. Natürlich neben ganz vielen anderen Inhalten. Ich bin mir sicher, dass der Job nicht einfach werden wird, sondern ein hohes Maß an Frustration in sich trägt. Ich weiß aber, dass derartige Fachärzte händeringend überall gesucht werden. Und ich glaube, dass ich gerade im Kontakt zu Kindern und Jugendlichen sehr viel erreichen kann.

Marie möchte Kinderärztin werden, muss sich dafür ebenfalls fünf Jahre fortbilden. Ein Jahr davon ebenfalls im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie. So ganz sicher ist sie sich noch nicht, vor allem könnte es bei ihr noch sein, dass sie aktuell noch ein halbes Jahr dranhängen muss, da sie wegen einer fetten Erkältung zu lange gefehlt hat. Es könnte stundenmäßig gerade noch passen, das klärt sich aber erst im nächsten Monat. Vielleicht macht sie ihr erstes Jahr aber an derselben Klinik wie ich … dann wären wir mal wieder zusammen.

Aber zurück zur Psychotherapie: Wissend, dass wir uns heute zum letzten Mal sehen, fragt mich doch meine Psychologin, welches das größte Problem der letzten Zeit war und wie ich es gelöst habe. Ich finde das problematisch, denn es kann ja auch immer mal sein, dass etwas nicht gelöst ist. Und dann? Lässt sie den Klienten damit alleine? Oder hofft sie, dass er dann wiederkommt und doch noch eine Verlängerung beantragt?

Egal. Ich habe noch einmal den Müll thematisiert, der mich unter anderem vom Bloggen abgehalten hat. Sie hat in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, warum ich damals den Kontakt zu Marie und ihren Eltern abgebrochen habe. Ich weiß nicht, ob sie die Frage gestellt hat, um mir zu signalisieren, dass sie nicht richtig zugehört hat, oder ob sie mich zu einer differenzierten Betrachtungsweise motivieren wollte. Am Ende kam nichts neues dabei heraus.

Ich weiß, dass das damals eine falsche Entscheidung von mir war. Rückblickend betrachtet. In dem Moment war eine Entscheidung nötig. Und in dem Moment fehlte mir das nötige Vertrauen. Nicht mein perönliches Vertrauen in Maries Familie, ich glaube, das war immer da, sondern mein persönliches Verständnis von Vertrauen. Also das, was ich mit „Vertrauen“ verbinde, war durch die extremen Erlebnisse so erschüttert, dass ich nicht mehr in der Lage war, eine auf „Vertrauen“ aufbauende Beziehung zu unterhalten. Oder etwas drastischer formuliert: Wenn du nicht mehr weißt, was Vertrauen wirklich ist, weil es von überall her mit Füßen getreten wird, dann kannst du darauf auch nichts aufbauen.

Wenn es Freunde gibt, mit denen ich mehrfach verreist bin. Bei denen ich übernachtet habe. Mit denen ich nackt in der Sauna war. Die mir ihre intimsten Dinge anvertraut haben. Und umgekehrt. Und die dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, nichts mehr von mir wissen wollen, mir übel nachreden, mich sogar verleumden, sogar behaupten, mich nie gekannt zu haben. Ich suche mir Hilfe bei einer anderen Freundin, die hört mir zu, aber nur, um das hinterher der „Gegenseite“ zu erzählen. Weil ich ihr vertraue und erst zu spät merke, dass sie das Lager gewechselt hat.

Wenn es Menschen gibt, die meinen ehemaligen Freunden haarsträubende Geschichten erzählen. Und wenn meine Freunde das dann glauben. Ohne noch ein einziges Mal mit mir zu sprechen. Ohne noch ein einziges Mal nachzufragen, was davon stimmt. Ohne mir die Chance zu geben, mich zu verteidigen, oder überhaupt erstmal was dazu zu sagen. Die mir plötzlich nicht einmal mehr „Hallo“ sagen. Wenn ich also merke, dass ich mich in gleich mehreren, sogar fast allen engen Freunden komplett getäuscht habe. Weiß ich dann noch, was „Vertrauen“ ist?

Von sieben oder acht ganz engen Freunden haben genau zwei zu mir gehalten. Und sind dafür ganz übel terrorisiert worden. Der Rest hat sich bequem den Menschen angeschlossen, die die Stimmung gemacht haben. Und was für mich das Unverständlichste ist: Wir hatten zuvor sehr intensive Gespräche über Meinungsbildung und Vorverurteilung. Und jedem von ihnen war es wichtig, sich eine differenzierte, gut recherchierte Meinung zu bilden, bevor man über jemanden urteilt.

Inzwischen hat auch Marie, haben auch Maries Eltern verstanden, dass ich nie an ihrer Beziehung zu mir gezweifelt habe, sondern dass ich in dem Moment überhaupt keine Beziehung mehr zulassen konnte. Das hat sich inzwischen wieder normalisiert, was diese drei mir sehr wichtigen Menschen angeht. Neue Freundschaften schließe ich auch, allerdings glaube ich inzwischen, dass die Mehrheit der Menschen anders tickt als ich und ein anderes Verständnis vom gesellschaftlichen Miteinander hat als ich es habe. Und als Marie und ihre Familie es haben.

Das ist kein schönes Ergebnis einer Psychotherapie. Vielleicht kommt bei der nächsten psychotherapeutischen Selbsterfahrung ja wieder etwas anderes heraus. Vielleicht lerne ich zwischenzeitlich auch andere Menschen kennen, die mehr Tiefgang haben als meine ehemaligen „Freunde“. Und deren Fassade mich nicht blenden kann.