Vollmond

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Es sind die Nächte rund um den Vollmond, an denen üblicherweise die meisten skurrilen Menschen unterwegs sind. Ich beneide keine Kollegin und keinen Kollegen um seinen Nachtdienst (den ich im Moment zum Glück nicht machen muss), denn die denken im Moment jede Nacht, es ginge nicht mehr schlimmer – bevor der Nächste völlig frei dreht. Dabei muss es gar nicht der Mann im Nachthemd sein, der vom Kirchturm fällt: In der vorletzten Nacht kam einer nackt mit einem Straßenbesen in der Hand durch die Tür zur Notaufnahme, unterhielt sich zuerst mit einem Feuerlöscher, später tanzte er mit seinem Besen und redete ständig davon, dass gleich ein Zug käme, forderte die anderen Patienten auf, sich hinter eine (nicht vorhandene) weiße Linie zu stellen.

Besonders genervt bin ich derzeit von jenen Menschen (Frauen und Männer gleichermaßen), die zu jedem nichtigen Anlass versuchen, völlig Unbeteiligte in Grundsatzdiskussionen zu verwickeln. In der Chirurgie gibt es einen Mann, geschätzt 35, der regelmäßig mit irgendeinem Zipperlein dorthin kommt. Irgendwas tut immer weh. Während er im Wartebereich ist, öffnet er plötzlich irgendwelche Türen. Steht plötzlich in einem Behandlungsraum und fängt zu diskutieren an, warum er die Tür nicht öffnen und nicht einfach eintreten darf. Und wenn ihn dann jemand rausschieben will, wird er laut, niemand habe das Recht, ihn anzufassen. Er wirkt auf den ersten Blick völlig unauffällig, redet auch völlig normal, braucht aber wohl diese Aufmerksamkeit.

Vermutlich sein Bruder war Freitag mit uns im ICE. Freitag bin ich mit einer Bekannten, ebenfalls eine Rollstuhlfahrerin, gemeinsam in Richtung Norden mit dem ICE gefahren. Auf den Rollstuhlstellplätzen (von denen es zwei im ganzen Zug gab) stand ein Mann (eben gefühlt der „Bruder“) mit seinem Rollkoffer, spielte an seinem Handy. Wir wollten uns (möglichst bevor der Zug sich in Bewegung setzt und über die ganzen Weichen eiert) auf unsere festen Sitzplätze umsetzen, vorher natürlich die Rollstühle so „einparken“, dass niemand drüber fällt. Drei Mal habe ich den Mann freundlich gebeten, ein Stück weiter zu gehen. Drei Mal ging er einen Schritt zur Seite, stand noch immer im Weg, spielte weiter mit seinem Handy. „Gehen Sie doch jetzt bitte mal fünf Meter weiter, damit wir uns hier umsetzen können, bevor jemand mit seinem Stuhl umkippt bei dem Gewackel“, forderte ich ihn zum vierten Mal auf. Eigentlich war dazu genug Platz.

„Sie sind ganz wichtig, oder?“, wollte er eine Diskussion beginnen. Ich antwortete: „Das ist doch nicht das Thema. Können Sie jetzt bitte weitergehen? Sie bringen uns in Gefahr.“

„Ich lach mich kaputt. Sie brauchen ja nicht mit dem Zug zu fahren, dann sind Sie auch nicht in Gefahr.“ – „Würden Sie jetzt bitte mal zur Seite gehen und uns auf unsere Sitzplätze lassen?“ – „Ich möchte dort entlang“, sagte er und versuchte nun plötzlich, über uns hinweg zu steigen. Ich drehte mich um 45 Grad, so dass er nicht über meinen Schoß klettern konnte. Ich würde notfalls auch mit grober Gewalt verhindern, dass jemand über meine Beine steigt. „Hallo, sind Sie nicht ganz dicht?“, habe ich ihn angefahren.

„Merken Sie? Sie bringen sich gerade selbst in Gefahr. Und mich auch. Ich hätte stürzen können.“

Ich musste mich bereits im Rollstuhl sitzend an der Wand abstützen, um durch die Bewegungen der Bahn nicht umzukippen oder mit dem Stuhl hin und her zu rollen. Dazu kam noch mein schwerer Rucksack, der an meiner Rückenlehne hing. Üblicherweise fahren die Züge hinter größeren Bahnhöfen ja immer über etliche Weichen mit entsprechenden Schaukeleien. Ich bremste den Stuhl erstmal fest, meine Bekannte ihren ebenfalls. Beide Hände an die Wände, um sich festzuhalten. Mitten im Gang, weil wir nicht weiter kamen.

„Und jetzt will ich mal sofort dort durch“, sagte der Typ und grinste mich an. Und dann: „Sehen Sie? Sie sind auch nichts Besseres als ich.“

Inzwischen stand ich einigermaßen stabil, beide Hände an Fenster und Wand. Nur es kam niemand mehr hindurch, denn sobald ich eine Hand wegnahm, würde ich so instabil stehen, dass die ernsthafte Gefahr bestand, bei der nächsten Weiche mitsamt meinem Stuhl umzukippen. Wir mussten also warten, bis der Zug aus dem Bahnhofsbereich hinausgefahren war. „Sie wollen Ihre Macht demonstrieren, stimmt’s?“, fragte er mich. Ich guckte aus dem Fenster. Er versuchte, meine Hand mit seinem Bein wegzudrücken.

Ich nahm meine Hand weg. Würde der Zug jetzt über eine Weiche fahren und mein Stuhl umkippen, würde ich mich mit meinem ganzen Gewicht an ihm festhalten. Und ihn vermutlich mit zu Boden reißen. Aber das passierte nicht. Er zog den Rollkoffer hinter sich her. Ballerte damit gegen meinen Rollstuhl. Zerrte wie wild. Bekam ihn irgendwie an mir und danach auch an meiner Bekannten vorbei, ohne mich oder sie dabei zu verletzen – und zog glücklich von dannen. Er hatte gewonnen.

Sommerdom 2015

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Wir waren heute mit vier Rollstuhlfahrerinnen auf dem Hamburger Dom, dem größten Volksfest des Nordens. Bei schönem Wetter war es brechend voll und laut. Was mich gewundert hat: Mindestens 60 weitere Leute im Rollstuhl habe ich gezählt, so viele wie sonst nie. Ich kannte niemanden, die meisten wurden geschoben und waren jenseits der 70. Meistens Familienausflüge bei schönem Wetter. „Wir nehmen Oma und Opa heute mal mit, wenn die Kinder mit den Karussells fahren.“

Seit einigen Jahren muss alles mit dem Rollstuhl erreichbar sein, an allen Fressbuden und Zuckerwatteständen sind nun an mindestens einer Stelle Rampen angebracht, beim Autoscooter kamen sofort drei Leute angelaufen, die uns helfen wollten, bevor wir überlegt hatten, ob wir überhaupt mitfahren wollten. Sie schoben uns zwei Autos an den Rand, so dass wir vom Rollstuhl direkt umsteigen konnten, schoben unsere Stühle an die Seite, besorgten uns Chips … Service pur. Am Riesenrad war sogar ein Lifter angebracht, mit dem man in die Gondel gehoben werden konnte.

Inzwischen sind auch beide U-Bahn-Stationen (St. Pauli und Feldstraße) mit Aufzügen ausgestattet. Lediglich die Behindertenparkplätze sind, wie auch schon in den Jahren davor, ein ewiges Problem. Die zehn Plätze in der Glacis-Chaussee sind so schlecht beschildert, dass die meisten Leute übersehen, was da Phase ist. Weil es sich um temporäre Plätze handelt, gibt es verständlicherweise keine Bodenmarkierungen. Es handelt sich um eine große, gepflasterte Fläche, die links und rechts durch einen Zaun abgetrennt ist. Am vorderen Ende der Zäune steht jeweils ein Schild „Rollstuhlfahrerplätze“ mit Pfeil links bzw. Pfeil rechts. Wenn jemand also vorwärts einparkt, ist dieses Schild einen Meter hinter seinem Auto und mitunter dann auch fünf Autos weiter rechts oder links angebracht. Die meisten Leute wollen schnell zum Volksfest und übersehen es. Klar, man muss sich vergewissern, ob man dort parken kann, und es sollte einem zu denken geben, wenn das Parken auf der dafür extra gesperrten vierspurigen Hauptstraße an der Schranke ein Ticket für mindestens vier Euro kostet und hier nun ein Platz plötzlich völlig kostenlos sein soll. Aber viele Leute denken eben nicht nach. Und so waren von den zehn Autos auf der Parkfläche genau zehn ohne entsprechende Berechtigung. Und (noch) niemand hatte eine Knolle am Scheibenwischer. Ich weiß, warum ich mit Öffis angereist bin.

Partikelfilter

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Ich bin ja aktuell eher wieder mehr mit Bus und Bahn unterwegs. Wenn nicht gerade gestreikt wird und ich mich mal wieder frage, ob ich eine Bahncard 100 oder eine Arschcard 100 in der Tasche habe. Aber nein, ich meckere nicht.

Die gegnerische Versicherung hat bereits einen Gutachter zu meinem Fahrzeug geschickt, der hat den Restwert auf 2.800 € geschätzt, mein Anwalt hat darum gebeten, anhand des Gutachtens abzurechnen und der Händler, der ausdrücklich mit „Unfahl-Fahrzeugen“ (!) handelt, möchte freiwillig 4.100 € zahlen. Für einen Haufen Schrott. Wobei sich ein Ausschlachten vermutlich sehr lohnt. Ich selbst versuche, mich mit dieser Baustelle im Moment eher wenig zu beschäftigen. Es geht mir einfach nur noch auf den Wecker. Aber nein, ich meckere nicht.

Jetzt, wo es darauf ankäme, dass mein anderes Auto funktioniert, ist das erstmal in der Werkstatt. Grund: Probleme mit dem Partikelfilter. Der Händler holte es zu Hause ab, weil der Motor nicht mehr starten wollte, es ist aber eine Garantiesache. Trotzdem nervt es einfach nur noch. Welches Auto soll ich kaufen, damit ich zuverlässig von A nach B komme? Meine Ansprüche sind vermutlich zu hoch. Im Moment bin ich drauf und dran, dem Händler das zweite Auto wieder auf den Hof zu stellen und mich im teureren Segment umzusehen. Irgendein großer Kombi, der zuverlässig funktioniert.

Wie gesagt, ich meckere nicht. Bis ich ein zuverlässiges Auto gefunden habe, amüsiere ich mich halt über lustige Rollstuhl-Schilder. Wie herum soll mein Gefährt?!

Verbremst

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Da fahre ich nach langer Zeit mal wieder mit der Hamburger S-Bahn und werde prompt Zeugin einer Vorstellung, wie sie besser im Theater nicht hätte sein können. Dass andere Fahrgäste laut telefonieren, ihren stinkenden Döner essen, quer auf drei Klappsitzen liegen und schlafen, laut Gitarre, Akkordeon oder Geige spielen, Zigaretten oder Joints rauchen, sich prügeln, sich übergeben, in die Ecke pinkeln, gegen den Türknopf rotzen, gegen Scheiben niesen, überall mit Spray und Lackstiften rummalen, Fenster zerkratzen, Sitze aufschlitzen, im Takt springen, die Mülleimer durchsuchen, um Geld oder Lebensmittel bitten, sich nackt ausziehen und vögeln, Turnübungen an den Haltestangen machen … das ist alles normal und würde mich nicht sonderlich aus der Fassung werfen.

Dass S-Bahnen hin und wieder auch mal falsch fahren, ist auch kein Geheimnis. Eine Weiche falsch gestellt – schwupps fährt die S1 auf der Linie der S3 und alle gucken doof aus der Wäsche. Besonders lustig wird es, wenn dann alle aussteigen müssen, denn mitunter ist der „falsche“ Bahnhof nicht barrierefrei. Egal, auch das ist nicht das Thema.

Sondern: Der Zugführer hatte sich verbremst, wie er selbst sagte. Es fahren in Hamburg Kurz-, Voll- und Langzüge mit einer, zwei oder drei Einheiten (zu je drei Wagen). Das heißt: Der kürzeste S-Bahn-Zug ist drei Waggons lang, der längste neun. Nun gab es einen Fahrerwechsel und an der nächsten Station hat der neue Fahrer an der Haltemarke des Kurzzugs gehalten, obwohl es sich um einen Vollzug handelte. Da die Haltemarke des Kurzzugs vor der des Vollzugs ist, kamen nun die letzten anderthalb Waggons außerhalb des Bahnsteigbereiches zum Halten. Die Türen gingen auf und – oh Schreck – kein Bahnsteig war da. Sondern lediglich ein 1,50 Meter hoher Abgrund. Im Dunkeln nicht ungefährlich, wenn da einer in den Schotter fällt!

Eine Frau mit Gehwagen, recht rüstig, ich habe sie mal auf über 80 geschätzt, möglicherweise war sie auch bereits über 90, öffnete die Tür und staunte einen Moment lang nicht schlecht. Sekunden später drückte sie auf den neben der Tür angebrachten Notrufknopf. Kurz danach meldete sich der Zugführer über Lautsprecher: „Sie haben den Notruf gedrückt. Brauchen Sie Hilfe?“ – Es wurde still im Wagen und selbst derjenige, der das eigentliche Problem noch nicht mitbekommen hatte, lauschte aufmerksam.

Die Seniorin sprach mit lauter und deutlicher Stimme ohne eine Miene zu verziehen zurück: „Hallo? Kapitän? Kannst du dein Schiff mal eine halbe Länge vorziehen, damit wir hier hinten auch noch an Land kommen?“ – Der ganze Wagen grölte. Bei dem Lärm war nicht zu verstehen, was geantwortet wurde. Nur dass er sich verbremst hätte. Die Türen schlossen sich wieder. Einige Leute waren aufgestanden, um der Frau zu helfen. Während der gesamte Zug in Kriechgeschwindigkeit einige Meter vor fuhr, fragte ein Mann mit Kölner Dialekt, geschätzt 30 Jahre alt: „Sie sind bestimmt mal zur See gefahren, oder?“ – Sie guckte den Mann an, musterte ihn von oben bis unten. Dann tätschelte sie ihm die Wange und sagte: „Nee, mein Junge, aber ich bin trotzdem eine waschechte Hamburger Deern. Tschüss und danke für deine Hilfe.“

Wie ich diesen Humor liebe. Wie habe ich ihn vermisst.