Froh und dankbar

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Sei froh und dankbar, dass du mitgenommen wirst.

Genau das nehme ich immer wieder wahr, wenn es darum geht, als Mensch mit einer Mobilitätseinschränkung mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu wollen. Auch knapp 15 Jahre nach Beginn meines Blogs hat sich nichts verändert. Ich würde sogar sagen, es ist insgesamt schwieriger geworden. Ja, ein paar Aufzüge wurden neu gemacht. Einige Stationen barrierefrei erschlossen. Aber Konsequenz kann ich – ehrlich gesagt und mit einer Träne der Enttäuschung im Auge – nicht erkennen.

„Sei froh und dankbar, dass du mitgenommen wirst.“ – Wird so ein Satz gesagt? Ja, tatsächlich. Von Menschen mit offiziellen Aufgaben. Laut und wörtlich. Manchmal auch durch die Blume, also indirekt. Aber er wird regelmäßig gesagt.

Wir sind noch lange nicht dort angekommen, wo wir 2022 sein wollten und sollten. Gerade habe ich erfahren, dass die Deutsche Bahn erneut ICE-Züge bestellt hat, die über keinen barrierefreien Einstieg verfügen. Soll heißen: Der Quatsch mit der klapprigen Hebebühne geht noch mindestens 30 Jahre so weiter. Und bevor jemand widerspricht: Die ICE-Züge, die zwei ebenerdige Eingänge haben sollen, sind eigentlich IC-Züge und fahren nur auf ausgewählten Strecken. Nein, man könnte viel weiter sein, wenn man nur wollte.

Behinderte meckern ja sowieso nur und sind undankbar. Ich auch. Ich habe ein ganz frisches Beispiel. Zum Meckern. Es ist noch keine zwei Monate alt: Helena und ich hatten einen Termin in Berlin. Um 13.00 Uhr sollten wir dort sein, und wer jetzt sagt, ihr habt doch ein Auto: Darum geht es ja gerade nicht. Es geht nicht darum, ob jemand mit dem Auto nach Berlin fahren kann (immerhin 9 Stunden hin und zurück am selben Tag). Sondern, ob es Rollstuhlfahrern möglich ist, mit der Bahn zu einem Termin nach Berlin zu kommen. Und leider ist das nicht möglich.

Weil noch immer kein Rollstuhlfahrer alleine in einen ICE kommt (oder wieder hinaus), hat die Bahn einen Service mit einem Hubkäfig eingerichtet. Nützlicher Nebeneffekt: Eben weil kein Rollstuhlfahrer alleine in den Zug kommt, steht auch keiner im Weg rum. Wer keine Reservierung hat, wird gar nicht erst eingeladen.

Ich habe vier Wochen vor dem Termin der dafür extra eingerichteten Koordinierungsstelle (Mobilitäts-Service-Zentrale) ein Online-Formular ausgefüllt. Mit dem Ergebnis, dass der Fahrtwunsch abgelehnt wurde. Sowohl für die Hin- als auch für die Rückfahrt. Bevor ich das nun 28 Mal wiederhole, habe ich mich ans Telefon geklemmt und die Hotline angerufen, 22 Minuten Musik gehört, und dann mit einer sehr freundlichen Dame gemeinsam nach Alternativen gesucht.

Weil der Überlandbus zur nächsten größeren Stadt ohnehin keine zwei Rollstuhlfahrer gleichzeitig mitnimmt und nur alle 60 Minuten fährt, müssten wir sowieso mit dem Auto zum nächsten Bahnhof fahren. Von dort war die Mitnahme nur in einem Regionalzug mit fahrzeuggebundener Einstiegshilfe möglich, weil im Abfahrtsbahnhof das Personal fehlt, das den Hubkäfig für einen Fernverkehrszug bedient. In Hamburg Hauptbahnhof (wo wir umsteigen müssten) könnten wir zudem nicht in den ICE nach Berlin einsteigen, weil der von einem Gleis abfährt, auf dem wegen Bauarbeiten der Hubkäfig nicht eingesetzt werden könne.

Also fuhren wir um 6.30 Uhr zu Hause los, standen rechtzeitig am Regionalzug, wurden problemlos mit der fahrzeuggebundenen Rampe in das Fahrrad- und Rollstuhlabteil gelassen und durften rund 75 Minuten später in Hamburg wieder aussteigen. Nun hatten wir 45 Minuten Zeit, um mit der S-Bahn zum Fernbahnhof Dammtor zu gelangen. Dort gab es jemanden, der den Hubkäfig bedienen und uns in den Berliner Zug lassen konnte. Wir fuhren also vom Hauptbahnhof mit der S-Bahn zum Bahnhof Dammtor, um dann mit dem ICE von Dammtor wieder zum Hauptbahnhof und dann weiter nach Berlin zu fahren.

Weil offenbar jemand über Nacht ein paar Kupferleitungen auf offener Strecke gestohlen hatte, wurde der ICE über Uelzen und Stendal umgeleitet. Weil die Strecke überwiegend eingleisig ist und zudem nur mit maximal 160 km/h befahren werden darf, verlängerte sich die Reisezeit um 55 Minuten. Weil kein Personal im Zug war, war das Bordrestaurant bis Berlin geschlossen. Und weil nur jeder zweite Zug fuhr (wegen der gesperrten Direktstrecke), war der Zug mehr als voll. Und natürlich: Das einzige barrierefreie WC war unbenutzbar.

So kamen wir statt um 11.22 Uhr um 12.17 Uhr in Berlin an und mussten uns beeilen. Schnell zur U-Bahn … achso: Aufzug defekt. Nicht nur versteckt, sondern auch defekt. Also mit der S-Bahn weiter. Wer sie kennt, die Aufzüge zur S-Bahn im Berliner Hauptbahnhof, weiß, dass das locker 15 Minuten dauern kann. So groß, wie sie sind, so langsam sind sie auch. An jedem Stockwerk drücken Fahrgäste für „nach unten“ und „nach oben“, was bedeutet, dass der Aufzug überall hält und in jedem der fünf Stockwerke einmal auf dem Weg nach unten und einmal auf dem Weg nach oben die Türen öffnet und schließt. Und bis er das macht, dauert auch das an jedem Haltepunkt ewig. Ja, die Kabine steht bündig und es dauert rund 10 Sekunden, bis die Tür überhaupt erstmal öffnet. Entsprechend lang sind die Schlangen von Rollstuhlfahrern, Kinderwagen, Putzkolonnen, Fahrrädern – wir mussten drei Abfahrten abwarten. Kurzum: Um 12.50 Uhr waren wir auf dem Bahnsteig des S-Bahn-Gleises.

Der nächste Umstieg sollte am Ostkreuz sein. Die dortigen Aufzüge funktionierten, auch der Anschluss passte. Bekommen haben wir den Anschluss aber nur, weil wir ganz lieb gebettelt haben, in der auf den Aufzug wartenden Schlange vorgelassen zu werden. Ich finde das peinlich, aber wenigstens kannte uns niemand. Um 13.30 Uhr erreichten wir – nach 7 Stunden Fahrt – mit 30 Minuten Verspätung unser Ziel. Und zum Glück hat derjenige, mit dem wir verabredet waren, auf uns gewartet. Vorher noch was essen oder wenigstens mal zum Klo war nicht drin. Aber besser als gleich wieder nach Hause zu müssen: Ich hatte schon damit gerechnet, dass wir vor verschlossenen Türen stehen. Und nein, man konnte dort nicht anrufen. Das war nicht vorgesehen. Und ja, es war ein offizieller Termin.

Um 15.00 Uhr traten wir die Rückfahrt an. Kamen rechtzeitig am Hauptbahnhof an und hatten noch 45 Minuten Zeit, bevor unser Zug nach Hamburg abfahren würde. Wir meldeten uns ordnungsgemäß beim Hubkäfig-Bedienpersonal an, wo wir erstmal erfuhren, dass in dem Zug wegen einer technischen Panne alle Sitzplatzreservierungen gelöscht seien und man uns ohne Reservierung nicht in den Zug einladen dürfe. Aber man würde uns anbieten, mit dem Zugbegleiter zu sprechen. Wenn der nichts dagegen hätte, würde man uns auch kurzfristig und gegen alle Regeln doch noch einladen.

Ich konnte mir ein „der wird nichts dagegen haben, denn die Plätze sind ja frei. Wenn die nicht für uns reserviert sind, hat sie auch niemand anderes reserviert“ und dachten uns: Wenigstens noch einmal aufs Klo. Auf dem Weg dorthin: „Ding Dong! Achtung, eine wichtige Durchsage: Frau Jule Stinkesocke! Frau Jule Stinkesocke! Bitte kommen Sie umgehend zum Service-Point. Für Sie liegt eine wichtige Nachricht vor.“

Wollten die Mitarbeiter der Deutschen Bahn jetzt allen Ernstes noch einmal über unsere gelöschte Reservierung diskutieren? Will ich mir das antun oder überhöre ich das? Nee, dachte ich mir, vielleicht liegt noch ein anderes Problem vor. Zug hat 300 Minuten Verspätung oder so. Also fuhren wir zurück und erfuhren, dass meine auf dem Auftrag vermerkte Handynummer falsch sei. Eigentlich war sie richtig, aber man hatte sich beim Anrufen wohl vertippt. Der Aufzug zum Gleis in Berlin gehe nicht. Es gebe einen Notfallplan, aber dafür müssten wir jetzt sofort losgehen. Also fuhren wir mit einer Bahnmitarbeiterin auf den Bahnsteig eines anderen Gleises, um dann am Ende des Bahnsteigs durch eine Brandschutztür in ein verlassenes Treppenhaus geführt zu werden, dort mit einem Evakuierungsaufzug in ein Zwischengeschoss gebracht und mit einem anderen Evakuierungsaufzug auf den Bahnsteig unseres endgültigen Gleises gebracht zu werden. Unseren Zug erreichten wir gerade so eben, unsere Tür nur durch einen Sprint, denn niemand wusste, dass der Zug falsch herum (also rückwärts) gereiht einfuhr.

Inzwischen war die Strecke, auf der jemand Kupferleitungen gestohlen hatte, wieder befahrbar. Und so brauchten wir nur die üblichen 106 Minuten von Berlin nach Hamburg. Aber: Auch dieser Zug sollte in Hamburg Hauptbahnhof auf einem Gleis angekommen, an dessen Bahnsteig der Aufzug defekt sei. Also müssten wir wieder bis Dammtor weiterfahren, dort herausgehoben werden, mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof zurück – um dort zu erfahren, dass der Aufzug, wegen dessen angeblichen Defekts wir bis Dammtor weitergeschickt wurden, einwandfrei funktionierte. Argh! Resilienz, wo bist du?

Von Hamburg fuhren wir dann ohne weitere Zwischenfälle mit einem Nahverkehrszug weiter zu jenem Bahnhof, an dem das Auto stand. Um 19.50 Uhr saßen wir wieder im Auto. Nach rund 14 Stunden waren wir wieder zu Hause.

Aber wir waren froh und dankbar, dass wir mitgenommen wurden. Oder so ähnlich.

Keine Mobilität

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Am Pfingstwochenende müssen Marie und ich in diesem Jahr nicht arbeiten. Gar nicht. Alle Tage frei. Wahnsinn.

Nein, wir verreisen nicht. Wir bekommen auch keinen Besuch. Sondern wir chillen. Garten, Sonne, Handbike, Strand. Mehr bitte nicht.

Und Kontaktpflege. Und Bloggen. Und ausnahmsweise kann ich heute Kontaktpflege und Bloggen mal gleich miteinander verbinden: Ein langjähriger Freund erzählte mir heute am Telefon seine Story, die eigentlich exklusiv zu meinem Idiotenmagneten passen würde. Vielleicht müssen wir inzwischen darüber nachdenken, ob alle Menschen mit Behinderung einen solchen Magneten haben, denn auch dieser Freund sitzt im Rollstuhl. Vielleicht wird dadurch aber auch nur einmal mehr deutlich, wie in diesem Land mit Menschen mit Behinderung umgegangen wird.

Ich betone, dass nicht alle Menschen so sind. Ich betone aber auch, dass ich den „bedauerlichen Einzelfall“ nicht mehr hören, lesen oder glauben kann. Es ist kein bedauerlicher Einzelfall, dass die Deutsche Bahn schon wieder ein Problem hatte, Rollstuhlfahrer von Hamburg nach Berlin zu transportieren.

Gerade erst vor knapp zwei Wochen traf es die ehemalige Bahnradsportlerin Kristina Vogel, die seit einem Unfall querschnittgelähmt ist und im Rollstuhl fährt: Verschiedene Medien berichten, dass sie in Frankfurt aussteigen wollte, das jedoch nur mit der Hilfe anderer Reisender schaffte, die sie mitsamt Rollstuhl aus dem Zug hoben. Der Mitarbeiter mit der für das Aussteigen benötigten Rampe sei nicht am Zug gewesen, der Schaffner habe sich auch nicht gemeldet. Ich kenne das auch, in einem solchen Fall stelle ich mich dann immer in die Tür und halte den gesamten Zug auf. Irgendwann kommt immer jemand und schaut nach, warum die Tür nicht schließt.

Zwei Wochen davor hatte Bloggerin Wheelymum beschrieben, wie sie beinahe eine Reise nach Berlin absagen musste, weil man ihren Rollstuhl nicht aus dem Zug bekam. Am Ende reiste sie mit dem Flugzeug an.

Und in der letzten Woche? Da traf es vier junge Menschen aus Hamburg, die zu einem internationalen Wettkampf nach Berlin wollten. Zwei sitzen im Rollstuhl, zwei haben andere Einschränkungen; alle vier gehörten zu einem Landes-Auswahlteam, hatten sich für die Teilnahme an dem Wettkampf qualifiziert und über ein Jahr hart dafür trainiert. Für die Hin- und Rückfahrt waren die Fahrkarten schon vor Monaten gekauft und bezahlt, die beiden einzigen in dem ICE vorhandenen Plätze für Rollstuhlfahrer reserviert und die Einstiegshilfe vorbestellt. Wer mit einem Rollstuhl in den Zug möchte, braucht die Hilfe vom Personal, da eine Rampe bedient werden muss.

Am Morgen des Anreisetags stellte eine der Sportlerinnen dann zufällig fest, nachdem sie sich im Internet auf dem Weg zur Schule noch einmal vergewissert hat, ob alles klappen würde: Der betreffende Zug fährt heute ohne Wagen 9. Leider sind im Wagen 9 die beiden einzigen Rollstuhlplätze des Zuges. Und das einzige mit dem Rollstuhl befahrbare WC. Vielleicht übersteht der eine oder andere die zwei Stunden ohne WC. Dass der Zug liegen bleibt und die vier dann nicht auf die Toilette können, mag auch noch weit hergeholt sein. Aber: Die Deutsche Bahn lädt keinen Menschen im Rollstuhl in einen anderen Wagen ein, denn selbst wenn der Rollstuhl durch die schmaleren Eingangstüren hindurch passen würde, müsste derjenige ja die ganze Fahrt über auf dem Gang und damit im Fluchtweg stehen.

Die Beförderung von Menschen mit Behinderung wird bei der Deutschen Bahn durch den hauseigenen Mobilitätsservice koordiniert. Insbesondere diejenigen, die mit dem Rollstuhl reisen, müssen sich spätestens zwei Tage vor Reiseantritt dorthin wenden und darum bitten, eine Einstiegshilfe, also einen Mitarbeiter, der die Rampe bedient, zu bekommen. Nachdem der Wunsch aufgenommen wurde, senden die Mitarbeiter ihn an die jeweiligen Bahnhöfe, diese melden dann zurück, ob das benötigte Personal zur Verfügung steht. Und ob alle Aufzüge funktionieren. Anschließend erhält der Rollstuhlfahrer eine Bestätigungsmail oder einen Anruf. Bei kurzfristigen Änderungen sollen die betroffenen Personen eigentlich informiert werden.

Das ist in diesem Fall nicht geschehen. „Es ist Ihre Aufgabe, zu prüfen, ob der Zug wie vorgesehen fährt und sich gegebenenfalls bei uns zu melden“, sagte die Mitarbeiterin am Telefon. Service geht natürlich anders. In diesem Fall versuchte man nun, die vier Sportlerinnen und Sportler aus Hamburg in einen anderen Zug umzubuchen. Ein Zug später ging nicht, weil dann die Ankunft zum Wettkampf nicht mehr sichergestellt wäre. Ein Zug vorher ging nicht, weil der ebenfalls ohne Wagen 9 fuhr. In dem Zug davor waren die beiden Rollstuhlstellplätze bereits durch andere Rollstuhlfahrer belegt, in dem davor auch, in dem davor auch. Also blieb nur eine Umbuchung auf einen Zug, der sechs Stunden vor der eigentlichen Verbindung fahren würde.

Der Versuch, die Jugendlichen sofort aus ihren Schulen zu bekommen, scheiterte. Alle Handys waren natürlich aus. Das war aber auch nicht mehr relevant, denn wie sich bei einem weiteren Telefonat mit der Bahn herausstellte, würde auch diese Verbindung scheitern: In Berlin stünde für diesen Zug kein Personal zur Verfügung, das die Rampe bedienen könnte.

Somit lässt sich zusammenfassen: Nix Bahn. Es mussten kurzfristig Fahrzeuge und Fahrer organisiert werden, die die Sportler zu ihrem internationalen Wettkampf nach Berlin fahren. Das kleinste Problem dürfte dabei gewesen sein, dass die vier Erfrischungsgetränke verfallen sind, die die Bahn den vier Sportlern vor zwei Monaten spendiert hat (Verzehrgutschein), nachdem dort auch bereits alles drunter und drüber ging, und das Team für eine Strecke, die üblicherweise in 1:52 Stunden zurückgelegt wird, mal eben über fünf Stunden (Rückfahrt nur vier Stunden) benötigt hat. Damals auch, weil die barrierefreien Komponenten gar nicht oder zeitlich nicht passend verfügbar waren. Auf die schriftliche Beschwerde ihres Vereins hat sich bis heute niemand gemeldet. Zwar wurden 50% des Fahrpreises inzwischen automatisiert erstattet, aber auf die versprochene Aufarbeitung warten die Jungs und Mädels noch heute.

Nein, die Deutsche Bahn ist nicht entschuldigt. Auch wenn viele motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagiert alles versuchen, und auch wenn es unter den Menschen mit Behinderung durchaus auch nervige Zeitgenossen gibt: Es kann nicht sein, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland nicht zuverlässig und gleichberechtigt mit der Deutschen Bahn fahren können. Es ist kein Einzelfall, wenn es den ganzen Tag lang effektiv nicht möglich ist, als Rollstuhlfahrer von Hamburg nach Berlin zu fahren. Und darüber diskutiere ich auch nicht.

Vollmond

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Es sind die Nächte rund um den Vollmond, an denen üblicherweise die meisten skurrilen Menschen unterwegs sind. Ich beneide keine Kollegin und keinen Kollegen um seinen Nachtdienst (den ich im Moment zum Glück nicht machen muss), denn die denken im Moment jede Nacht, es ginge nicht mehr schlimmer – bevor der Nächste völlig frei dreht. Dabei muss es gar nicht der Mann im Nachthemd sein, der vom Kirchturm fällt: In der vorletzten Nacht kam einer nackt mit einem Straßenbesen in der Hand durch die Tür zur Notaufnahme, unterhielt sich zuerst mit einem Feuerlöscher, später tanzte er mit seinem Besen und redete ständig davon, dass gleich ein Zug käme, forderte die anderen Patienten auf, sich hinter eine (nicht vorhandene) weiße Linie zu stellen.

Besonders genervt bin ich derzeit von jenen Menschen (Frauen und Männer gleichermaßen), die zu jedem nichtigen Anlass versuchen, völlig Unbeteiligte in Grundsatzdiskussionen zu verwickeln. In der Chirurgie gibt es einen Mann, geschätzt 35, der regelmäßig mit irgendeinem Zipperlein dorthin kommt. Irgendwas tut immer weh. Während er im Wartebereich ist, öffnet er plötzlich irgendwelche Türen. Steht plötzlich in einem Behandlungsraum und fängt zu diskutieren an, warum er die Tür nicht öffnen und nicht einfach eintreten darf. Und wenn ihn dann jemand rausschieben will, wird er laut, niemand habe das Recht, ihn anzufassen. Er wirkt auf den ersten Blick völlig unauffällig, redet auch völlig normal, braucht aber wohl diese Aufmerksamkeit.

Vermutlich sein Bruder war Freitag mit uns im ICE. Freitag bin ich mit einer Bekannten, ebenfalls eine Rollstuhlfahrerin, gemeinsam in Richtung Norden mit dem ICE gefahren. Auf den Rollstuhlstellplätzen (von denen es zwei im ganzen Zug gab) stand ein Mann (eben gefühlt der „Bruder“) mit seinem Rollkoffer, spielte an seinem Handy. Wir wollten uns (möglichst bevor der Zug sich in Bewegung setzt und über die ganzen Weichen eiert) auf unsere festen Sitzplätze umsetzen, vorher natürlich die Rollstühle so „einparken“, dass niemand drüber fällt. Drei Mal habe ich den Mann freundlich gebeten, ein Stück weiter zu gehen. Drei Mal ging er einen Schritt zur Seite, stand noch immer im Weg, spielte weiter mit seinem Handy. „Gehen Sie doch jetzt bitte mal fünf Meter weiter, damit wir uns hier umsetzen können, bevor jemand mit seinem Stuhl umkippt bei dem Gewackel“, forderte ich ihn zum vierten Mal auf. Eigentlich war dazu genug Platz.

„Sie sind ganz wichtig, oder?“, wollte er eine Diskussion beginnen. Ich antwortete: „Das ist doch nicht das Thema. Können Sie jetzt bitte weitergehen? Sie bringen uns in Gefahr.“

„Ich lach mich kaputt. Sie brauchen ja nicht mit dem Zug zu fahren, dann sind Sie auch nicht in Gefahr.“ – „Würden Sie jetzt bitte mal zur Seite gehen und uns auf unsere Sitzplätze lassen?“ – „Ich möchte dort entlang“, sagte er und versuchte nun plötzlich, über uns hinweg zu steigen. Ich drehte mich um 45 Grad, so dass er nicht über meinen Schoß klettern konnte. Ich würde notfalls auch mit grober Gewalt verhindern, dass jemand über meine Beine steigt. „Hallo, sind Sie nicht ganz dicht?“, habe ich ihn angefahren.

„Merken Sie? Sie bringen sich gerade selbst in Gefahr. Und mich auch. Ich hätte stürzen können.“

Ich musste mich bereits im Rollstuhl sitzend an der Wand abstützen, um durch die Bewegungen der Bahn nicht umzukippen oder mit dem Stuhl hin und her zu rollen. Dazu kam noch mein schwerer Rucksack, der an meiner Rückenlehne hing. Üblicherweise fahren die Züge hinter größeren Bahnhöfen ja immer über etliche Weichen mit entsprechenden Schaukeleien. Ich bremste den Stuhl erstmal fest, meine Bekannte ihren ebenfalls. Beide Hände an die Wände, um sich festzuhalten. Mitten im Gang, weil wir nicht weiter kamen.

„Und jetzt will ich mal sofort dort durch“, sagte der Typ und grinste mich an. Und dann: „Sehen Sie? Sie sind auch nichts Besseres als ich.“

Inzwischen stand ich einigermaßen stabil, beide Hände an Fenster und Wand. Nur es kam niemand mehr hindurch, denn sobald ich eine Hand wegnahm, würde ich so instabil stehen, dass die ernsthafte Gefahr bestand, bei der nächsten Weiche mitsamt meinem Stuhl umzukippen. Wir mussten also warten, bis der Zug aus dem Bahnhofsbereich hinausgefahren war. „Sie wollen Ihre Macht demonstrieren, stimmt’s?“, fragte er mich. Ich guckte aus dem Fenster. Er versuchte, meine Hand mit seinem Bein wegzudrücken.

Ich nahm meine Hand weg. Würde der Zug jetzt über eine Weiche fahren und mein Stuhl umkippen, würde ich mich mit meinem ganzen Gewicht an ihm festhalten. Und ihn vermutlich mit zu Boden reißen. Aber das passierte nicht. Er zog den Rollkoffer hinter sich her. Ballerte damit gegen meinen Rollstuhl. Zerrte wie wild. Bekam ihn irgendwie an mir und danach auch an meiner Bekannten vorbei, ohne mich oder sie dabei zu verletzen – und zog glücklich von dannen. Er hatte gewonnen.

Sommerdom 2015

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Wir waren heute mit vier Rollstuhlfahrerinnen auf dem Hamburger Dom, dem größten Volksfest des Nordens. Bei schönem Wetter war es brechend voll und laut. Was mich gewundert hat: Mindestens 60 weitere Leute im Rollstuhl habe ich gezählt, so viele wie sonst nie. Ich kannte niemanden, die meisten wurden geschoben und waren jenseits der 70. Meistens Familienausflüge bei schönem Wetter. „Wir nehmen Oma und Opa heute mal mit, wenn die Kinder mit den Karussells fahren.“

Seit einigen Jahren muss alles mit dem Rollstuhl erreichbar sein, an allen Fressbuden und Zuckerwatteständen sind nun an mindestens einer Stelle Rampen angebracht, beim Autoscooter kamen sofort drei Leute angelaufen, die uns helfen wollten, bevor wir überlegt hatten, ob wir überhaupt mitfahren wollten. Sie schoben uns zwei Autos an den Rand, so dass wir vom Rollstuhl direkt umsteigen konnten, schoben unsere Stühle an die Seite, besorgten uns Chips … Service pur. Am Riesenrad war sogar ein Lifter angebracht, mit dem man in die Gondel gehoben werden konnte.

Inzwischen sind auch beide U-Bahn-Stationen (St. Pauli und Feldstraße) mit Aufzügen ausgestattet. Lediglich die Behindertenparkplätze sind, wie auch schon in den Jahren davor, ein ewiges Problem. Die zehn Plätze in der Glacis-Chaussee sind so schlecht beschildert, dass die meisten Leute übersehen, was da Phase ist. Weil es sich um temporäre Plätze handelt, gibt es verständlicherweise keine Bodenmarkierungen. Es handelt sich um eine große, gepflasterte Fläche, die links und rechts durch einen Zaun abgetrennt ist. Am vorderen Ende der Zäune steht jeweils ein Schild „Rollstuhlfahrerplätze“ mit Pfeil links bzw. Pfeil rechts. Wenn jemand also vorwärts einparkt, ist dieses Schild einen Meter hinter seinem Auto und mitunter dann auch fünf Autos weiter rechts oder links angebracht. Die meisten Leute wollen schnell zum Volksfest und übersehen es. Klar, man muss sich vergewissern, ob man dort parken kann, und es sollte einem zu denken geben, wenn das Parken auf der dafür extra gesperrten vierspurigen Hauptstraße an der Schranke ein Ticket für mindestens vier Euro kostet und hier nun ein Platz plötzlich völlig kostenlos sein soll. Aber viele Leute denken eben nicht nach. Und so waren von den zehn Autos auf der Parkfläche genau zehn ohne entsprechende Berechtigung. Und (noch) niemand hatte eine Knolle am Scheibenwischer. Ich weiß, warum ich mit Öffis angereist bin.