Zwillinge in Bayern

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Das Leben ist ja nie frei von Überraschungen; sie nach Gesichtspunkten einordnen und bewerten zu können, entscheidet wohl darüber, wie sehr jemand durch eine Überraschung aus der Bahn geworfen wird.

Eine Überraschung hat mich gerade sehr aus der Bahn geworfen. Ich habe über meinen Sportverein einen Brief bekommen, einen großen Umschlag. Ich dachte für einen Moment, es seien irgendwelche sportlichen Unterlagen, Testergebnisse, Urkunden, Abrechnungen, Formulare, Ausschreibungen, was auch immer. Dann schaute ich auf den Absender, eine bayerische Adresse und dachte: Cool, das sind die Unterlagen für ein Trainingslager, für das ich mich angemeldet habe. Da ich dringend auf den Termin warte (zwei stehen zur Auswahl und man wird eingeteilt), weil sich anhand dieses Termins entscheidet, wann und ob eine Freundin ein paar Tage in den Ferien zu Besuch kommmen kann, öffnete ich den sofort und … es war was ganz anderes.

Mir fielen etliche Fotos, alle möglichen amtlichen Dokumente, handgeschriebene Briefe und mit dem Computer geschriebene Texte entgegen und ich war so verdattert, dass ich erstmal in der falschen Etage ausgestiegen bin. Als ich dann endlich in meinem Zimmer war, schaute ich mir die Fotos näher an, staunte, wunderte mich, und begann den Text zu lesen.

Darin schrieb mir eine Frau aus Bayern, dass sie seit Monaten versucht, mich zu kontaktieren und meine Anschrift herauszufinden, nur leider ohne Erfolg. Über meine Oma und einen Hinweis auf meinen Sportverein sei es ihr nun offensichtlich gelungen, mir einen Brief zukommen zu lassen, den sie mir zum 18. Geburtstag schickt. Nun, da ich im August volljährig werde … häh?! Muss ich meinen Ausweis ändern lassen? Ich dachte, ich werde 20.

Nun, da ich im August volljährig werde, hätte ich ihrer Meinung nach ein Recht darauf, etwas zu erfahren, was mir bisher ihres Wissens nach verborgen geblieben sei. Und zwar: Ich habe zwei Schwestern. Halbschwestern um genau zu sein, Zwillinge um noch genauer zu sein. Sie seien vier (also in Wirklichkeit zwei) Jahre älter als ich und seien „entstanden“ (lange Rede kurzer Sinn), als mein Vater meine Mutter mit einer anderen Frau betrogen habe.

Zuerst dachte ich, mich wolle jemand verarschen. Oder ich lese das Drehbuch einer neuen Telenovela. Aber nee. Insgesamt schrieb sie viel blabla. Okay, schön und nicht schön zugleich. Was mein Vater vor meiner Zeit gemacht oder nicht gemacht hat, müssen meine Eltern untereinander klären. Zusammen waren sie da wohl schon. Aber: Mein Vater hatte regelmäßig Kontakt zu dieser Familie, über die ganzen Jahre, ohne mir je ein Wörtchen davon zu erzählen. Ob meine Mutter davon wusste, weiß ich (noch) nicht, meine Oma hat es gewusst. Eigentlich muss meine Mutter es gewusst haben, denn er ist wohl seinen Unterhaltspflichten nachgekommen.

Ich rechne mit vielem, ich kann mir vieles vorstellen, aber das hier wirft mich gerade richtig aus der Bahn. Wie kann jemand sowas über Jahre und Jahrzehnte verheimlichen? Und dort immer wieder hin fahren und zumindest mir irgendeinen Scheiß erzählen? Unglaublich. Und die nächste Frage: Was kommt noch alles?!

Denen muss er auch irgendeinen Scheiß erzählt haben, denn mein Alter stimmt ja nicht. Er wird dort angegeben haben, dass ich zwei Jahre jünger bin. Warum er das getan hat und warum das noch niemandem aufgefallen ist, weiß ich nicht.

In dem Umschlag liegen Abschriften von Geburtsurkunden meiner Halbschwestern bei, etliche Fotos, auf denen auch mein Vater (mal unterm Weihnachtsbaum, mal in Badehose) zu sehen ist, Telefonnummern – ein sehr freundlicher Text insgesamt. Kein Sterbenswörtchen von meinem Unfall, von der aktuellen Entwicklung. Haben die noch Kontakt? Es geht aus dem Brief nicht hervor.

Sie möchten Kontakt. Sie möchten mich kennenlernen. Und zwar in erster Linie möchten das meine beiden Halbschwestern und fragen, ob wir uns treffen wollen. Sie haben Jahre lang still halten müssen (wussten demnach also von mir) und möchten nun endlich wissen, wer ich bin, wie ich aussehe und ob wir uns verstehen und Gemeinsamkeiten haben.

Die beiden Halbschwestern (22) haben übrigens noch eine weitere Schwester (17) und einen Bruder (14), allerdings von jeweils anderen Vätern. Die Mutter hat wohl nach meinem Vater noch mit zwei anderen Männern Kinder gezeugt. Bevor sie inzwischen einen Mann verheiratet ist, der weder mein Vater noch Vater irgendeines der Kinder ist. Und nun?!

Appelle an mein Gewissen

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Eigentlich, dachte ich, habe ich mein Leben im Moment recht gut im Griff. Bei meiner Entlassung aus dem Krankenhaus fragte man mich, ob ich mich innerlich ruhig und ausgeglichen fühle. Ich habe das bejaht. Ernsthaft bejaht.

Das klappt immer so lange, bis jemand zu aufdringlich wird. Ich schaffe es nicht, mir aufdringliche Menschen vom Hals zu halten. Ich mag keinen Streit. Aber er wäre nötig. Es wäre das nötig, was die ältere Generation „frech“ nennt.

Genau um diese ältere Generation geht es auch: Um 14 Uhr hat sich meine Tante, die mit der Currywurst, unangemeldet bei mir blicken lassen. Sie stand plötzlich vor der Tür und wollte mich dazu überreden, wieder engeren Kontakt zu meinen Eltern und vor allem zu meinen Großeltern aufzubauen. Nicht mal zu meinem Geburtstag melde ich mich bei ihnen.

Eine halbe Stunde lang hat mir meine Tante ein schlechtes Gewissen eingeredet. Mir sogar gedroht, dass meine Eltern mich aus dieser WG nehmen würden, wenn ich nicht ein wenig kooperiere. Etliche Male habe ich sie gebeten, zu gehen, aber sie hörte einfach nicht, sondern machte immer weiter. Als sie mich endlich soweit hatte, dass ich heulte, meinte sie: „Ich denke, jetzt ist der Knoten geplatzt. Am besten greifst du gleich zum Telefon und entschuldigst dich bei deinen Großeltern.“

Am Ende bin ich heulend zu Sofie geflüchtet und habe sie um Hilfe gebeten. Während ich in ihrem Zimmer wartete, hat sie mit meiner Tante geredet und sie gebeten, zu gehen.

Das hat funktioniert. Aber schlechter, als ich gehofft hatte. Während ich darüber grübelte, ob meine Eltern, meine Großeltern und meine Tante sich durch mich zurückgestoßen fühlen könnten und ich merkte, dass ich weder eine Antwort auf die Frage weiß noch alleine eine Lösung finde, die mein eingeredetes schlechtes Gewissen bereinigt, klingelten meine Großeltern an der Tür. Ich habe sie sehr lange nicht mehr gesehen und ein bißchen freute ich mich, sie zu sehen.

Aber der Besuch war einfach nur grausam. Natürlich war ich von dem Gebetsmühlen-Gespräch mit meiner Tante noch völlig neben der Spur. Meine Oma sagte, dass meine Tante ihnen berichtet hätte, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich würde nur heulen und mich mehr und mehr zurückziehen. Mein Opa meinte daraufhin: „Du musst hier raus. Die ganzen schweren Schicksale hier sind nichts für ein junges Mädchen wie dich. Du musst mit Leuten zusammen sein, die lebensfroh sind und dich aufrichten. Du verkümmerst doch völlig.“

Vielleicht ist es sein Alter. Aber bereits mein Vater hatte nach meiner ersten Sportstunde daran gezweifelt, dass mir behinderte Mitmenschen gut tun. Liegt es in der Familie? Ich habe versucht, meinem Opa zu erklären, dass ich glücklich bin, so wie es jetzt ist, gemessen an dem, was möglich ist. Dass ich von lebensfrohen Leuten umgeben bin, die mir Kraft geben. Er schüttelte den Kopf. Es sei verständlich, dass ich keine Veränderung möchte, weil das unbequem wäre. Ich hätte mich schon viel zu sehr verrannt, deswegen könnte ich nicht mehr über den Tellerrand blicken. Damals nach dem Krieg sehnten sich Leute den Krieg zurück, da sie depressiv geworden waren und dann einen Grund hatten, sich zu verstecken. Die sind daran kaputt gegangen, dass sie wieder aus den Häusern raus mussten.“ Er meinte, ich bräuchte meine Familie und einige Freunde, die mich an ihrem gesunden Leben teilnehmen lassen. Die mit mir mit einem Ruderboot fahren, die mich zum Picknick mitnehmen, …

Sie waren insgesamt vielleicht eine Viertelstunde da. Als sie weg waren, war ich richtig entsetzt darüber, wie weit unsere Wege sich getrennt hatten. Ich habe in meiner heutigen Welt den Halt gefunden, den ich brauche. Und den möchte man mir wegnehmen? Weil ich darunter leide? Weil ich daran kaputt gehe?

Bin ich wirklich so verblendet? Ist es belastend, sein Leben (auch) mit behinderten Menschen zu verbringen? Bin ich depressiv? Muss ich rudern und picknicken? Habe ich den Anschluss verloren an die nächste Generation, an meine Familie? Und wenn ja, brauche ich diesen Anschluss und wozu?

Ich nehme keine Psychopillen. Mir wurden auch keine verordnet. Ich bin überzeugt, dass ich das, was ich empfinde, richtig empfinde. Und nicht durch Medikamente beeinflusst bin. Ich bin glücklich mit den Menschen um mich herum. Sie belasten mich nicht. Viele haben einen Rucksack zu tragen, ja. Na und? Die meisten von ihnen haben das Glück, dass ihre Behinderung nicht fortschreitet und dass sie keine Schmerzen haben. Ich auch. Aber selbst die, wo das anders ist, sind gerne mit mir zusammen und ich bin gerne mit ihnen zusammen.

Vielleicht lebe ich in einer anderen Welt. Das kann schon sein. Wenn wir mit den vielen laufenden Leuten in der S-Bahn sitzen, ist bei uns in der Ecke eindeutig die beste Stimmung. Wenn ich traurig bin, werde ich verstanden und getröstet. Das kannte ich vorher so nicht. Wenn ich anlehnungsbedürftig bin, nimmt mich meine Freundin in den Arm und zeigt mir, dass sie mich lieb hat. Wenn ich so bin, wie ich bin und wie meine Behinderung mich macht, werde ich von meinen Freunden gemocht. Ich denke keinen Moment, dass ich etwas falsch mache im Leben, dass ich gerade sündige oder kurzsichtig bin, ins Verderben rolle oder es andere Dinge gibt, mit denen ich meinen Opa verstehen könnte. Ich bin ratlos.

Zurück zu den Eltern?

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Das Problem mit meinem Vater ist gar nicht mal, dass er mir nicht zuhört. Wenn ich das will, hört er mir zu. Aber er will meine Behinderung nicht akzeptieren. 
Beispiel: Ich brauchte früher eine Zahnspange. Fast alle in der Schule brauchten die. Am Anfang fand ich die saucool. Ich war richtig stolz auf die Zahnspange. Ich wollte auch immer mal einen Gipsarm haben, als ich 10 oder 12 war. Aber immer, wenn das Gespräch in die Richtung ging (Zahnspange), kam von meinem Vater: Auf sowas ist man nicht stolz. Man soll froh sein, wenn man gesund ist. Das ist alles Teufelszeug. Für ihn ist es eine Schwäche, wenn man Hilfe oder Unterstützung oder Medikamente braucht.

Ich hatte eine Freundin mit Diabetes. Die musste sich immer Spritzen geben mit so einem Pen (sah aus wie ein Kugelschreiber und hatte vorne eine nadel dran). Die hatte auch so ein Gerät dabei, wo man mit einem Tropfen Blut messen konnte, wie hoch der Zuckerwert gerade ist. Das fand ich auch spannend. Ich wollte nie tauschen! Aber spannend fand ich das. Ich habe sie sehr bewundert, weil sie trotz ihrer Krankheit viel sportlicher war als ich, viel hübscher war als ich und überall beliebt war und das so wegsteckte! Bei ihr traute sich kein Junge, dumme Sprüche zu machen. Andererseits durfte die auf keiner Party fehlen. Sie war Klassensprecherin seit der 5. Sie war öfter mal bei mir zu Hause. Einmal erzählte ich meinem Vater von ihrer Krankheit. Er hat mich sofort angefahren, er will das nicht hören, das ist schlimm genug wenn jemand sowas hat, das schmückt man nicht noch aus. Hätte ich ihm erzählt, dass wir meinen Zuckerwert auch mal gemessen hatten, ich glaube, er wäre explodiert.

Meine Uroma (ist schon im Himmel) hat bis zum Schluss (bis auf die letzten 3 Monate) immer bei sich zu Hause gewohnt. Am Ende kam sie gar nicht mehr raus, weil sie gebrechlich war. Sie war auch inkontinent und hat überall hingemacht. Sie konnte sich auch nicht mehr alleine duschen. Das stank da in der Wohnung! Was hat mein Vater gemacht? Einen Fliegenfänger an die Stubenlampe gehängt. Sie kam nicht mehr rechtzeitig bis zum Klo. Ganz am Ende hat sie nur noch im Sessel gesessen. Wenn das da nass war, hat sie sich auf den Stuhl gesetzt. Das war einfach nur noch traurig. Ganz zum Schluss kam sie ins Heim, da wusste sie aber sehr schnell nicht mehr, wo sie ist und was Sache ist. 3 Monate später ist sie gestorben.

Ich habe mal vorsichtig gefragt, ob man da nicht mal was machen kann. Da war ich vielleicht 12. Das wurde totgeschwiegen! Kein Gespräch möglich. Das geht mich nichts an…

Als meine Tante im Krankenhaus lag (die mit der Currywurst) und meine Oma sie besuchte (mit mir), fragte Oma, ob sie für den nächsten Besuch etwas einkaufen soll. Sagte meine Tante: „Kamm.“ Ich dachte mir dann so: Für was braucht die denn nun noch einen Kamm? Da liegt doch einer am Waschbecken und 2 Bürsten … egal. Ich habe auf dem Rückweg meine Oma gefragt, die meinte dann: „Na einen gröberen!“

Beim nächsten Mal war ich wieder dabei und habe meine Oma drei mal erinnert: „Denk an den Kamm!“ – „Hab ich schon.“ Dann kamen wir da an und meine Oma packte paar Sachen aus, die sie gewaschen hatte und dann: „Den Rest lasse ich hier drin, wo soll die tüte hin?“ – „Ja tu mal mit in den Schrank.“ 
Ich dachte so: „Häh? Wieso den Kamm denn nicht gleich zu den anderen Sachen ans Waschbecken?“ Egal.
Dann sollte ich die Nummer aufschreiben, meine Tante hatte Telefon am Bett. Meine Oma gab mir Zettel und Stift. Sie hatte ihre Brille nicht mit oder nicht in der Nähe. Es war ein Einkaufszettel, auf der Rückseite von meiner Oma beschrieben. Eine Sache war: „Cam.“ Nach 2 Minuten Grübeln hatte ich es verstanden: Der Kamm war kein Kamm, sondern Damenbinden von Camelia. Aber das durfte die kleine Stinkesocke nicht wissen. Sie war ja erst 12.

Ich bin nie aufgeklärt worden. Warum das blutet, habe ich in büchern gelesen. Meine Binden und später Tampons hatte ich bei mir im Zimmer versteckt. Auch noch als ich 15 war. Wenn was daneben ging bei der Regel, hab ich die Unterhose selbst ausgewaschen oder weggeschmissen. Und so weiter.

Ich weiß echt nicht, ob ich noch so engen Kontakt mit meinen Eltern will. Ich glaube, ich schaff das nicht. Vielleicht ist es besser, einfach locker und oberflächlich in Kontakt zu bleiben und für alles andere enge Freunde zu suchen.