Dazu gehören

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Ich hörte sie schon in der Nachbarstraße laut krähen. Nein, unser Nachbar hat sich glücklicherweise keinen Hahn gekauft. Ich meine Helena. Und Kiara. Sie hatten Spaß. Gackerten über irgendetwas. Spielten irgendeine Situation nach und hatten einen Lachflash. Sie sollte zum Abendessen zu Hause sein. Und brachte Kiara noch mit. Kiara ist pflegeleicht, hat schon öfter bei uns übernachtet. Allerdings nicht unter der Woche, wenn Schule ist.

Je näher die beiden kamen, umso ruhiger wurden sie. Sie waren beim Reiten. Es dauerte noch einen Moment, dann klingelte es an der Tür. Warum kamen die beiden nicht rein? Brauchten sie Hilfe beim Stiefel ausziehen? Ich rollte zur Tür, öffnete. Draußen standen zwei pitschnasse Mädchen und guckten mich mit großen Augen etwas verunsichert an. Helena hatte ihren Rollstuhl vor sich hergeschoben und fragte keck: „Na?!“

„Was ist denn bei euch los?“, fragte ich. Gummistiefel, Reithose, Sweatshirt, Weste, Haare, alles triefnass und voller Matsch und Sand. Die beiden sahen aus wie die Erdferkel. Helena antwortete frech: „Wir waren schwimmen. Im Meer. War schön. Schöne Wellen, noch schön warm das Wasser.“ – „Mit den Pferden?“ – „Mit unseren nicht. Aber [fünf andere Mädchen im Alter von 14 bis 17 vom Reitstall] haben uns gefragt, ob wir mitkommen und dann haben sie uns auf [ihren Pferden] mitgenommen. Wir mussten aber weiter [an den Strand im Nachbarort], weil hier bei uns ja Pferde erst ab 1. Oktober wieder an den Strand dürfen. Aber [die Mutter von zwei anderen Mädchen, die dort selbst ein Pferd hat] wusste Bescheid, wo wir sind.“

Bevor ich irgendwas antworten konnte, fragte Helena: „Kann Kiara heute nacht bei mir schlafen?“ – „Mitten in der Woche? Eigentlich nicht.“ – „Jule, wenn ihre Mama sie so sieht, bekommt sie Ärger. Können wir nicht ihre Sachen mitwaschen?“ – „Och Helena, sie braucht doch morgen früh ihre Schulsachen und Klamotten zum Wechseln hat sie doch auch keine.“ – „Für heute Nacht kriegt sie was von mir und morgen früh zieht sie sich Leggings an und geht vor der Schule bei sich rum. Wir haben erst zur dritten Stunde. Bitte.“ – „Weil ihr morgen zur dritten Stunde habt. Aber ich möchte ein Okay von deiner Mutter aufs Handy bekommen. Und meinst du nicht, dass deine Mutter merkt, wenn die Sachen frisch gewaschen sind? Und dass es besser wäre, wenn sie das weiß?“ – „Eltern müssen nicht alles wissen“, sagte Kiara. Helena grinste.

„Ab in den Garten unter die Dusche! So voller Sand kommt ihr mir nicht ins Haus. Außen rum! Und dann ab in die heiße Badewanne. Und Haare waschen.“ – Die beiden fassten sich an die Hände und hampelten in den Garten. Ich holte große Handtücher aus dem Bad. Als ich wiederkam, versuchten die beiden schon, sich gegenseitig den Gartenschlauch aus der Hand zu nehmen. Die halbe Terrasse war nass. Helena pupste laut, sagte „Oh“ und beide bekamen erneut einen Lachflash. Meine Güte, sind die albern! Und so gut gelaunt.

„Spült bitte den ganzen Sand ab und dann hier die nassen Sachen ausziehen und direkt ab in die Badewanne.“ – Eine Stunde später hatten Marie und ich zwei nach Badeschaum duftende Teenies mit Handtuch auf dem Kopf am Tisch sitzen. „Wenn dir das nicht zu viel wird, kann Kiara bei euch schlafen“, ließ mich die Mutter per Kurznachricht wissen. Als wir mit dem Essen fertig waren, verschwanden die beiden in Helenas Zimmer. Weil sie die Tür noch nicht ganz geschlossen hatten, konnte ich den ersten Satz gut hören: „Siehste, ich hab dir gesagt, ich kriege keinen Ärger.“

Nee. Auch wenn das pädagogisch vielleicht jetzt nicht ganz so sinnvoll ist, solchen Mist wie „ohne Handtuch in der Ostsee schwimmen gehen“ und dann „nass durch den halben Ort laufen“ unkommentiert zu lassen, freue ich mich in erster Linie darüber, dass Helena dazugehört. Denn viele Kinder mit Behinderung gehören nicht dazu, wenn die anderen Blödsinn bauen.

Alleine sein

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Aktuell ist ja sehr lange hell. Im Norden sogar noch etwas länger als im Süden. Helena verschwindet regelmäßig, wenn die Psychotherapie zu aufwühlend war, mit einer Flasche Malzbier und ihrem Handbike für etwa zwei Stunden. Sie fährt ans Meer, setzt sich auf eine Düne, schaut auf das endlose Meer, ordnet ihre Gedanken, rekapituliert noch einmal die Stunde, weint, verarbeitet und gibt sich irgendwann den Ruck, diesen Happen abzuschließen und herunterzuschlucken. Anfangs, gerade beim ersten Mal, hatten Marie und ich sehr viel Angst, dass sie sich selbst etwas antut. Aber sie braucht offenbar nur eins: Einen Moment Einsamkeit.

Vor zwei Wochen verschwand Helena mit einer Flasche Malzbier und ihrem Handbike, inzwischen hat sie übrigens ihr endgültiges, das ihr auch sehr viel besser gefällt, in Richtung Strand. Es war etwa 22.00 Uhr, als sie losfuhr. Und es war noch nicht richtig dunkel. Gegen 23.15 Uhr klingelte es zwei Mal an der Tür. Ich guckte auf mein Handy: Zwei uniformierte Personen standen davor. Ich dachte mir nur so: Nee, oder? Was hat das jetzt zu bedeuten? Ich lege ja viel Wert darauf, trotz Herzklopfen cool zu bleiben, aber ich wurde zittrig. Ich hatte wirklich Angst.

Marie hatte das auch gesehen. Vor meinem Zimmer wären wir mit unseren Rollstühlen beinahe zusammengekracht. Sie sagte: „Mach du mal auf, ich bleibe drinnen. Und bleib cool. Vielleicht ging nur das Licht am Handbike nicht.“ – „Und dann bringen die sie gleich rum?“ – „Bei Behinderten ist man immer sehr vorsichtig.“

Ich öffnete die Tür. „Guten Abend. Bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Wohnt hier Helena […]?“ – „Ja, wieso?“ – „Sind Sie die Mutter?“ – „Sie lebt hier als Pflegekind.“ – „Wissen Sie, wo sie ist?“ – „Mit ihrem Bike unterwegs zur Ostsee. Warum?“ – „Können wir mal reinkommen?“ – „Wo ist Helena?“ – „Können wir mal reinkommen?“

Eine Dame, geschätzt Mitte 20, ein Herr, geschätzt Anfang 50, kamen herein. Ich bat ihnen einen Sitzplatz an, aber beide wollten lieber stehen. Ich fragte: „Wo ist Helena? Was ist mit ihr?“ – „Sie sitzt bei meinen Kollegen im Auto. Und wir alle haben den Eindruck, es geht ihr nicht so gut. Können Sie uns dazu vielleicht etwas sagen?“ – „Was heißt das?“ – „Frau […], das Kind ist völlig aufgelöst. Es saß mutterseelenallein um kurz vor Mitternacht im Dunkeln im Sand, weinte, schluchzte und schimpfte bitterlich. Ein Landwirt hat uns informiert, nachdem er das Kind einige Zeit lang beobachtet hat.“ – „Ein Landwirt?“ – „Ja, es hatte jemand nach seinen Tieren geschaut.“ – „Das ist sehr nett von dem Menschen, aber aus meiner Sicht wäre das nicht nötig gewesen. Sie wäre von alleine in der nächsten Stunde zurückgekommen.“ – „Frau […], was ist hier vorgefallen, dass das Kind von Zuhause abhaut?“ – „Hier gar nichts. Die Gründe liegen woanders.“

Bevor ich mehr sagen konnte, wurde der ältere Kollege fast schon zornig: „Würden Sie uns bitte sagen, was hier vorgefallen ist?“ – „Ich fände es besser, wenn Helena dabei ist. Es ist sehr persönlich.“ – „Nee. Ich höre.“ – „Wie Sie wollen. Das Kind ist schwer traumatisiert durch die Pflegeeltern, bei denen es bisher gelebt hat. Gegen beide Eltern ermittelt seit etwa einem Jahr die Staatsanwaltschaft. Helena macht eine Psychotherapie in […], mit der sie ihre sehr belastende Vorgeschichte aufarbeitet. Heute hatte sie eine Stunde, und sie fährt regelmäßig für eine Stunde danach ans Meer, um ihre Gedanken zu ordnen.“ – Die beiden sahen sich an. Die jüngere sagte: „Oh Gott.“ – Er fragte: „Warum sitzt sie in einem Rollstuhl?“ – „Sie hat in früher Kindheit einen Sauerstoffmangel und in der Folge eine Hirnschädigung überlebt. Dadurch ist ihr Muskeltonus zu hoch und die Bewegungen sind unkoordiniert, so dass sie nicht gut und weit laufen oder Fahrrad fahren könnte.“

Die uniformierte Frau kämpfte plötzlich sichtbar mit den Tränen, schluckte mehrfach, drückte eine Hand gegen ihren Mund, stammelte „Tschuldigung“ und ging raus. Keine Ahnung, warum sie das plötzlich so mitnahm. Der Mann blieb alleine zurück und fragte in wesentlich ruhigerem Tonfall: „Haben Sie keine Angst, das Kind mit diesen großen Sorgen alleine an den Strand zu lassen?“ – „Das Kind ist nicht alleine und die Sorgen hat es schon mitgebracht. Das Kind bekommt hier alle Liebe, Wärme und Unterstützung, die es braucht, um diese Sorgen verarbeiten zu können. Wenn Menschen ein Kind seelisch traumatisiert haben, reicht es nicht, eine Woche lang einen Hustensaft zu nehmen und alles ist wieder gut. Da findet sich kein Patentrezept und da muss man manchmal auch Ideale, Gewohnheiten und Regeln über Bord werfen. Die Alternative wäre, dass ich Helena einsperre, wenn sie zwei Stunden draußen alleine sein möchte. Dann hätten Sie aber einen Grund, einzuschreiten.“ – „Hat sie das schonmal gemacht?“ – „Jede Woche. Und sie kommt nach zwei Stunden wieder.“ – „Haben Sie einmal die Namen der bisherigen Pflegeeltern für mich? Und dürfte ich einmal ihr Zimmer sehen?“

„Ich schlage vor, Sie lassen sie rein und sie zeigt Ihnen dann einmal selbst ihr Zimmer.“ – Ich blieb in der Tür stehen. Zwei silberblaue Kleinbusse standen vor der Tür. Es wurde geredet, dann fuhr ein Wagen ab. Kurz danach wurde Helena rausgelassen. Sie kam auf mich zu, verdrehte die Augen und sagte: „Ich hab nichts gemacht. Irgendeiner fand, dass ich zu laut geheult habe. Die wollten schon einen Rettungswagen rufen. Mach mir bloß keinen Vorwurf, ich bin so schon übelst angeätzt.“

Sie verschwand in ihrem Zimmer. Die beiden Uniformierten kamen mit dem Handbike zur Tür. Ich fragte: „Was hat sie Ihnen denn erzählt?“ – „Wir haben sie nach den Personalien gefragt und was vorgefallen ist, aber sie hat darauf nur mit ’nichts‘ geantwortet. Und, dass sie keine Hilfe braucht und alles in Ordnung ist. Aber damit können wir uns nicht zufrieden geben bei einem Kind, das um diese Zeit in dem Zustand irgendwo alleine sitzt. Das müssen Sie bitte auch verstehen. Wir erleben auch ganz andere Situationen, in denen wir keinen Fehler machen dürfen.“

Ja. Verstehe ich. Ich dachte mir: Es ist nur so bescheuert, weil das total unnötig und kontraproduktiv ist. Früher, als Helena wirklich in Not war, hätten wir uns alle gewünscht, dass mal jemand hinterfragt, ob es ihr gut geht. Der Beamte sagte: „Es kann sein, dass sich morgen das Jugendamt bei Ihnen meldet. Ich gebe Ihnen dazu meine Karte mit. Falls es Fragen gibt, sollen die bitte auf der Wache anrufen. Ich mache dazu einen Vermerk.“ – „Ihr Zimmer ist dorthinten.“ – „Das hat sich für uns erledigt. Wir werden den Einsatz nachbesprechen und schauen, ob wir künftig etwas anders machen. Jedenfalls wissen wir aber jetzt Bescheid, was es damit auf sich hat, wenn Helena nächste Woche wieder dort sitzt. Bitte richten Sie ihr morgen unsere Entschuldigung aus.“

Marie und ich sind zu Helena ins Zimmer. Sie guckte uns mit großen Augen an. Ich sagte: „Da hat sich offenbar jemand viel zu große Sorgen um dich gemacht.“ – „Und wer?“ – „Irgendein Landwirt angeblich.“ – „Unnötig“, sagte Helena. – Ich antwortete: „Aber das konnten die beiden nicht wissen. Sie wollten dich beschützen.“ – „Das ist schon krass, oder? Früher war allen alles egal.“ – „Das stimmt so nicht, Helena. Früher hast du nicht gezeigt, wie es dir geht. Du hast nicht gesagt, dass es dir schlecht geht, weil du Angst hattest, in eine Einrichtung zu kommen.“ – „Das stimmt. Das habe ich schon vergessen. Das ist so pervers. Die haben gedacht, dass ihr der Grund seid, warum ich so matschig in der Birne war.“ – „Sie möchten dich um Entschuldigung bitten.“ – „Die haben sich entschuldigt? Krass. Wisst ihr, was passiert wäre, wenn ich früher mit den Bu**en nach Hause gebracht worden wäre? [Der frühere Pflegevater] hat mir dafür Prügel angedroht. Er meinte aber wohl hauptsächlich, falls ich klauen würde oder sowas.“

„Hast du mal geklaut?“ – „Nee. Gelogen habe ich oft. Aber geklaut habe ich nie. Ich kann nicht garantieren, dass das immer so geblieben wäre, aber heute kriege ich Taschengeld und von daher … nee. Habt ihr gedacht, ich habe geklaut, als ihr das Auto gesehen habt?“ – „Nee, wir haben gedacht, du hättest dir irgendwas angetan.“ – „Ich hab doch gesagt, ich mach das nicht. Ich dachte, ihr glaubt mir.“ – „Das tun wir. Aber Angst habe ich trotzdem um dich.“ – „Jetzt hör mal auf damit. Ich will da einfach nur alleine sein. Zum Nachdenken. Ungestört. Okay?“

Ja, Große. Okay. Völlig okay.

Schaumparty

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Warum ist meine Badewanne eigentlich so leer? Wofür ist es draußen so kalt und ungemütlich? Warum bin ich so verspannt? Wofür steht da eine Flasche Hefeweizen im Kühlschrank? Das sind doch alles keine Zufälle.

Nach sechsundzwanzig Kilometern mit dem Handbike auf dem Ostseedeich bei nur wenig Wind und nur wenig Schneegestöber hatten meine Eisbeine eine leicht bläulich-blasse Note und würden vermutlich zu gerne intensiv kribbeln. Fünf Teelichte bringen genügend Beleuchtung ins Bad. Das Bierglas habe ich nicht vergessen. Im Radio ist Rod Stewart so in love with me, dass ich mich entscheide, ihn leise für mich singen zu lassen.

Da liege ich also. Der Duft von Mandeln (nein, keine gebrannten) liegt in der Luft, seidiger Schaum ohne Mikrokristalle umschmiegt meinen dezent muskulösen und noch nicht ganz winterblassen Oberkörper, ich mache die Augen zu, entspanne mich und fange zu träumen an. Von dem gut aussehenden Typen, der jetzt mit mir ins Wasser steigt, mich von Kopf bis Fuß massiert, es nicht erwarten kann, mit mir … meine Hände gleiten über meine samtige Haut, die meinem Gehirn ein umfassendes Wohlbefinden in dem vermutlich viel zu heißen Wasser zurückmeldet und eine nicht ganz unerhebliche Hormonausschüttung anregt.

Es klopft an der Tür. Der gut aussehende Typ, der mich massieren und vernaschen will? Oder wenigstens Marie, die mir schnell mal meinen kleinen Delfin reinreicht? Es klopft noch einmal. Eher schüchtern. Ich bin freundlich, kann aber den genervten Unterton nicht ganz verbergen. „Ja?“, frage ich. Es ist Helena. Sie hat eine Schüssel in der Hand. Und einen Löffel in der anderen. Bringt mir eine Kugel Vanille-Eis mit warmen Himbeeren. Und eine Serviette mit Herzen drauf. „Für dich“, sagt sie, stellt mir die Schüssel mit Löffel auf den Badewannenrand und verschwindet wieder. Wie süß! „Dankeschön“, stammel ich.

Bier auf Wein? Das lass sein. Heißt es. Gibt es dazu auch was zu Bier auf Eis? Oder Bier auf Himbeeren? Der Kontrast ist ganz reizvoll. Rod Stewart hat schon lange aufgehört zu singen, aktuell meldet ein Hörer einen Wildunfall. Das Reh sei Matsch. Wie romantisch. Warum senden die sowas? Ist das live? Ich dachte, solche Anrufe zeichnen sie immer auf. Jetzt spielen sie die Fischer von San Juan. Die Fernbedienung liegt natürlich auf dem Radio. Ein Teelicht ist ausgegangen, qualmt und stinkt vor sich hin. Zwanzig Minuten sind ungefähr vergangen, an der Tür klopft es erneut.

Nochmal Helena. Sie kommt rein, setzt sich auf den Badewannenrand. Sieht irgendwie ein wenig traurig aus. Ich bin mir unsicher, ob ich meine Zeit einfordern soll oder nicht. Sie schläft in aller Regel alleine, sie ist den ganzen Tag in der Schule, ich muss in Schichten arbeiten. Einerseits möchte ich auch mit 12 Jahren erwarten können, dass sie mich mal eine Stunde in Ruhe lässt, andererseits weiß ich nicht, wie lange das, was ihr gerade unter den Nägeln brennt, schon brennt. Während ich mit dem Handbike unterwegs war, war sie bei ihrer Freundin. Marie wäre auch noch da. Nein, es ist okay. „Alles gut bei dir?“, frage ich sie. Sie schüttelt mit dem Kopf.

„Ich hab in Geo einen Test verkackt. Voll verkackt.“ – „Oh. Woran hat es gelegen?“ – „Ich konnte es nicht. Obwohl ich geübt habe. Aber dann war die Aufgabe plötzlich ganz anders und ich hab gar nichts mehr gewusst und dann geraten, um vielleicht noch einen Zufallstreffer zu kriegen.“ – „Und das hat nicht wirklich geklappt.“ – „Nee. Bist du mir böse?“

Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin nach alledem, was früher war, super stolz darauf, dass sie mir das so offen und ehrlich erzählt. Ich schüttel den Kopf und frage: „Konntest du die anderen Aufgaben denn auch nicht? Eigentlich kommen im Test ja die Themen dran, die im Unterricht oder in den Hausaufgaben dran waren. Und wenn ich früher eine Aufgabe mal nicht konnte, habe ich vielleicht erstmal die anderen gemacht.“ – „Es gab nur die eine Aufgabe. Es war ein Kurztest. Und der ist bewertet worden. Und ich hab ne Fünf. Gerade noch so.“ – „Wie, nur eine Aufgabe?“ – „Ja, es gab eine Deutschlandkarte. Nur die Umrisse. Wir sollten die Nachbarländer eintragen, das hab ich hinbekommen. Und dann sollten wir die Landesgrenzen einzeichnen von den Bundesländern, diese benennen, die Lage der Hauptstädte einzeichnen und beschriften und fünf große Flüsse einzeichnen und beschriften. Das alles in 20 Minuten. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Berlin zu tief, Bremen zu weit an den Niederlanden, München zwar auf der richtigen Höhe aber zu weit in der Mitte, Stuttgart zu tief und ehrlich gesagt, wo die Havel welche Kurve macht und ob der Main oben oder unten an Frankfurt vorbei fließt, hab ich nicht geübt. Ich dachte, wir kriegen eine Karte, wo die Punkte alle schon eingezeichnet sind und wir sollen sie beschriften. Wir mussten davor noch nie eine Karte malen.“ – „Was haben denn die anderen?“ – „Keine Eins, keine Zwei, zwei Dreien, …“ – „Vergiss es. Mach dir keinen Kopf.“ – „Du findest das auch fies, oder?“ – „Einseitig.“ – „Was heißt das?“

Während ich mit ihr redete, tunkte sie ihre Socke in mein Badewasser. Erst nur in den Schaum, aber dann immer tiefer. Und guckte mich dabei an. Wartete ganz offensichtlich darauf, dass ich was sage. Jule, ich brauche gerade ganz viel Aufmerksamkeit! Um jeden Preis! Gib sie mir! Irgendwann war die Socke bis zum Knöchel nass. Plötzlich rutschte sie ab, wobei das auch mehr Theater als Realität war, und war bis zum Schienbein im Wasser. „Sag mal, was machst du hier eigentlich?“, fragte ich sie. Sie grinste: „Faxen.“ – Rutschte mit dem Po rum und stellte das andere Bein dazu. Fußbad. Mit Socken und Leggings. Ich sagte: „Och Helena. Das ist mein Bad. Ganz alleine.“ – „Ich komm mit rein, okay?“ – „Nee.“ – „Ach komm. Ich spritz auch nicht herum und mache auch keine Wellen.“ – Ich musste ein Grinsen unterdrücken. Und Helena merkt sowas. Ich hätte sicherlich sagen können: ‚Nein heißt nein und ich möchte, dass du das respektierst.‘ – Dann wäre sie sicherlich rausgegangen. Aber inzwischen qualmte das zweite Teelicht, mein Hefeweizen war so gut wie leer und im Radio spielten Sie ‚It never rains in Southern California.‘

Bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, war sie in der Badewanne. „Hi“, begrüßte sie mich albern und tauchte bis zum Hals unter. Immerhin ist die Wanne groß genug für zwei. Sie begann, sich ihre nassen Klamotten auszuziehen. Plötzlich tauchte eine Socke vor mir auf. „Unglaublich. Andere Leute ziehen sich aus, bevor sie in die Wanne steigen.“ – „Bin ich andere Leute? Komm, den Spruch habe ich von dir gelernt.“ – „Du wringst jetzt bitte die nassen Sachen aus und schmeißt sie wenigstens drüben ins Waschbecken. Ich habe keine Lust, dass hier Käsesocken und getragene Unterhosen vor meinem Gesicht herumdümpeln.“ – „Ich habe keine Käsefüße.“ – „Helena, bitte. Sonst schmeiß ich dich raus.“

Während Helena aufräumte, kam Marie rein. „Was ist denn hier los?“, fragte sie. Helena antwortete: „Schaumparty.“ – „Ich gehe gleich noch mal die Terrortatze entmisten. Und eigentlich wollte ich dich mitnehmen, Helena. Damit Jule endlich mal eine halbe Stunde ungestört rapunzeln kann.“ – Ihre Miene versteinerte. Sie guckte mich mit großen Augen an. „Hab ich dich jetzt wirklich beim Rapunzeln gestört?“ – Ich schüttelte den Kopf. Mir war klar, dass sie nicht lange auf sich warten lassen würde: Maries Hündin kam um die Ecke getrottet und guckte mit gerunzelter Stirn auf das Treiben im Bad. Helena lockte sie zur Wanne und machte ihr einen Schaumklecks auf den Kopf. Ich sagte: „Wenn sie jetzt auch noch hier rein springt, raste ich aus.“

Artgerecht

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So viel, wie Marie und ich derzeit mit Behörden zu tun haben, habe ich bereits das Gefühl, ich rolle fast schon weltfrauisch auf den Ämtern ein und aus. Sofern ich denn hinein komme. Ich hatte in dieser Woche einen Termin auf dem für meinen Wohnort zuständigen Jugendamt, das nicht einmal barrierefrei ist. Dafür geht es drinnen aber alles auch etwas gemütlicher zu als in jenem für Helenas bisherigen Wohnsitz zuständigen.

An der Information saß eine ältere Dame, ich schätze zwei Jahre vor der Rente. Sie geriet in Aufregung, als ich vor ihrem Fenster freundlich winkte und ihr, nachdem sie nach draußen kam, erzählte, dass ich bei Frau … einen Termin hätte. „Du liebe Zeit, da kommen Sie ja gar nicht hin! Warten Sie, da muss ich was überlegen. Wir sind hier nämlich gar nicht artgerecht.“

Artgerecht? Bin ich im Zoo? Oder bin ich das exotische Tier, das sie am liebsten in einen Käfig stecken möchte, weil artgerechte Haltung nicht möglich ist? Sie wiederholte: „Da sind wir hier echt nicht artgerecht. Als dieses Haus gebaut wurde, hat man an sowas wie Sie gar nicht gedacht.“

Sowas wie ich? Oder sowas wie das, worin ich sitze? Die Gute war hoffnungslos überfordert. Sie kam mit ihrem schnurlosen Telefon wieder raus. „Ich ruf da erstmal für Sie an. Hallo Frau …, hier ist ein Rollstuhl, der will zu Ihnen. Was? Nee, natürlich, mit ner Behinderten drin, nicht leer. Was stellen Sie denn für Fragen?! Ich weiß nur nicht, wie wir die Behinderte jetzt die Treppe hochkriegen. Ich könnte ja mal drüben beim Bauhof anrufen, ob die vielleicht ein Brett haben oder eine alte Tischplatte oder sowas. Ob die uns da auf die Schnelle was auf die Stufen legen. Das könnte ich machen. Was? Ja, kommen Sie mal her, das ist eine gute Idee.“

Fand ich auch. Mein Vorschlag: Akte mitnehmen, nebenan im Supermarkt ist ein Bäcker, dort stehen vier Tische, wir holen uns zwei Getränke und klären alles, was zu klären ist. Nee, das ginge nicht. Da könnte ja jemand mithören. Und überhaupt müsse das Telefon besetzt bleiben. Der Bauhof soll es richten. Es dauerte keine fünf Minuten, da kamen zwei Herren über den Hof. Einer ging schnellen Schrittes, der andere saß in einem Gabelstapler, auf dessen Dach eine gelbe Rundumleuchte rundumleuchtete. Wollten die mich etwa mit dem Ding stapelgabeln? Nee, auf der Gabel, mit der der Staplerfahrer prahlte, schwang scheppernd eine halbverrostete Stahlplatte auf und ab. Zwei Mann, vier Ecken, das Ding abgeladen und mit ungeheurem Getöse auf die Steintreppe geworfen, zwei Holzbohlen drunter, damit sich die ganze Konstruktion nicht so durchbiegt, und bevor ich was sagen konnte, wurde ich mit einem Ungeheuer-Katapult-Anschwung ins Amt befördert.

Mithören und Telefonbesetzung waren wohl nur zwei unwesentliche Gründe, warum das nicht drüben beim Bäcker ging. In das Büro der mich abholenden Dame kamen auch noch die Abteilungsleiterin, die Auszubildende und die Kollegin, weil man ja alles richtig machen wollte. Und man mache ja nicht selbst, sondern arbeite ja nur der vorgesetzten Dienststelle im Landkreis zu. Und überhaupt könne man in solchen Verfahren ja so viel verkehrt machen. „Und wir wollen ja alle, dass es dem kleinen Wurm gut geht später bei Ihnen. Wir müssen ja neutral bleiben, aber wir haben eben schon gesagt, wir finden das ganz toll, was Sie da machen wollen. Wir entscheiden das nicht, aber wir müssen etwas dazu schreiben, ob von uns aus Gründe dagegen sprechen.“

Nach dreißig Minuten kam der Amtsleiter zu uns, stellte sich vor, freute sich, mich kennenzulernen. Und wies seine Abteilungsleiterin an, sie möge acht geben, dass beim Herabfahren sich „einer der Männer“ mit seinen Füßen auf die untere Kante der Rampe stelle. Nicht, dass das abrutscht. „Im schlimmsten Fall muss ich danach im Rollstuhl sitzen“, konnte ich mir nicht verkneifen. Für zwei Sekunden überlegte er, vermutlich wusste er nicht, ob er lachen sollte, dann kam schallendes Gelächter aus ihm heraus: „Ihren Humor haben Sie jedenfalls nicht verloren, das finde ich gut.“

Nee, hab ich nicht. Helena geht ab Montag auf eine Gemeinschaftsschule, die rund einen Kilometer von uns entfernt ist. Es handelt sich um eine Offene Ganztagsschule, wo an jedem Schultag bis 21 Uhr Betreuung angeboten wird. Neben Mittagessen und Hausaufgaben-Betreuung finden dort auch Nachhilfe, Förderunterricht, Sport, Theater und Musik statt. Man kann sich dort einerseits für regelmäßige Angebote eintragen (wie zum Beispiel Unterricht an einem Musikintrument), man kann aber auch individuelle Angebote für sieben bis vierzehn Tage im Voraus buchen, wie Nachhilfe in einem bestimmten Unterrichtsfach. Das hilft natürlich sehr, weil man dann (wenn es gut läuft) solche Maßnahmen an jenen Tagen veranstalten kann, an denen Marie und ich nachmittags arbeiten müssen. Dass wir beide gleichzeitig Nachtdienst haben, wird sich wohl verhindern lassen.

Und ein wenig Glück muss man ja auch haben: Maries Mutter hat uns den Kontakt zu einer Kollegin vermittelt, die im selben Ort wohnt wie wir, und zwei Kinder hat (davon eine Tochter in Helenas Alter). Beide Kinder gehen auf diese Gemeinschaftsschule. Der Vater arbeitet in demselben Krankenhaus, in dem ich zur Zeit freigestellt bin, allerdings in einem anderen Bereich. Zur Familie gehört ein Hund, mehrere Pferde und jede Menge andere Tiere. Wir waren gestern zusammen mit Maries Mutter dort. Helena und die Tochter der Kollegin schienen gleich auf einer Wellenlänge zu sein. Während die Erwachsenen sich bei Kaffee und Kuchen kennenlernten, waren die beiden jungen Mädchen sofort damit beschäftigt, alle Tiere zu begutachten. Auch wenn nicht gesagt ist, dass die beiden gleich beste Freunde werden, sehe ich zumindest die Chancen steigen, dass Helena nicht gleich zur Außenseiterin in der neuen Klasse wird. Ich hoffe wirklich sehr, dass das alles klappt. Dass man Helena nicht in „ihre“ Stadt zurückholt, sondern (offiziell für acht Wochen) hier belässt, weckt in mir diskreten Optimismus.

Heute waren Marie und ich für zwei Stunden in der Ostsee schwimmen. Ernsthaft schwimmen, also mit dem Ziel, Strecke abzureißen, Kondition aufzubauen und Kalorien zu verbrennen. Wir hatten einen Schwimm-Neo und Socken an, da derzeit viele Feuerquallen unterwegs sein sollen. Zum Glück hatten wir keine Kontakte damit an Händen und Gesicht. Helena saß in der Zeit auf eigenen Wunsch mit einem Buch am Strand. Ein Iglu schützte sie mehr vor dem Wind als vor der Sonne. Sie hat auch ein paar Fotos gemacht, Steine gesammelt, ich habe das Gefühl, ihr geht es gut.

Das Wasser war wärmer als die Luft, der Wind blies in Stärke 3 bis 4, seitwärts, also parallel zur Küste, so dass man weder vom Wind noch von irgendwelchen Strömungen auf das offene Meer hinausgezogen wurde. Es waren also anstrengende, aber schöne Trainingsbedingungen. Als Marie und ich wieder bei Helena angekommen waren und uns gerade wieder in das flachere Wasser bewegten, kam Lukas in Badehose ins Wasser gelaufen. Jener junge Mann aus meinem derzeitigen Schwimmverein, der in mich verknallt ist, sich seit Monaten aber nicht traut. Nun kam natürlich hinzu, dass ich einige Male nicht beim Training war. Heute begegneten wir uns an der Stelle, an der er gerade noch stehen konnte. Er streckte Marie seine Hand zu einem High-Five hin, um mich hüpfte er herum, umklammerte mich von hinten um meinen Bauch, hob mich ein paar Zentimeter nach oben und schaukelte mich übermütig durch die Wellen. Dabei drückte er meinen Po fest an seinen Bauch. Anders herum wäre es bestimmt schöner gewesen, aber immerhin passierte mal irgendwas. Ich drehte meinen Kopf schräg zur Seite, um ihn zu sehen, er sagte mir ins Ohr: „Du siehst bombe aus in dem Teil. Und fühlst dich auch so an. Ich will ein paar Meter schwimmen. Ihr wollt raus? Viel Spaß noch, ich will nicht länger stören.“

Und bevor ich irgendwas sagen konnte, war er mit dem Kopf im Wasser und kraulte davon. Ohne Neopren. Ich hoffe, auch ihn berühren die Quallen nicht. Drei Jungs aus seiner Trainingsgruppe kamen hinterher, ebenfalls nur mit Badehose bekleidet. Helena machte Fotos von einer Seemöwe, die sich frech bis auf zwei Meter an sie heran traute, vermutlich in der Hoffnung, etwas zu fressen abzugreifen. Es ist zwar noch immer ein wenig ungewohnt, dass Helena derzeit ständig bei uns ist. Aber ich würde sie bereits jetzt sehr vermissen, wenn sie plötzlich nicht mehr da wäre.