Schaumparty

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Warum ist meine Badewanne eigentlich so leer? Wofür ist es draußen so kalt und ungemütlich? Warum bin ich so verspannt? Wofür steht da eine Flasche Hefeweizen im Kühlschrank? Das sind doch alles keine Zufälle.

Nach sechsundzwanzig Kilometern mit dem Handbike auf dem Ostseedeich bei nur wenig Wind und nur wenig Schneegestöber hatten meine Eisbeine eine leicht bläulich-blasse Note und würden vermutlich zu gerne intensiv kribbeln. Fünf Teelichte bringen genügend Beleuchtung ins Bad. Das Bierglas habe ich nicht vergessen. Im Radio ist Rod Stewart so in love with me, dass ich mich entscheide, ihn leise für mich singen zu lassen.

Da liege ich also. Der Duft von Mandeln (nein, keine gebrannten) liegt in der Luft, seidiger Schaum ohne Mikrokristalle umschmiegt meinen dezent muskulösen und noch nicht ganz winterblassen Oberkörper, ich mache die Augen zu, entspanne mich und fange zu träumen an. Von dem gut aussehenden Typen, der jetzt mit mir ins Wasser steigt, mich von Kopf bis Fuß massiert, es nicht erwarten kann, mit mir … meine Hände gleiten über meine samtige Haut, die meinem Gehirn ein umfassendes Wohlbefinden in dem vermutlich viel zu heißen Wasser zurückmeldet und eine nicht ganz unerhebliche Hormonausschüttung anregt.

Es klopft an der Tür. Der gut aussehende Typ, der mich massieren und vernaschen will? Oder wenigstens Marie, die mir schnell mal meinen kleinen Delfin reinreicht? Es klopft noch einmal. Eher schüchtern. Ich bin freundlich, kann aber den genervten Unterton nicht ganz verbergen. „Ja?“, frage ich. Es ist Helena. Sie hat eine Schüssel in der Hand. Und einen Löffel in der anderen. Bringt mir eine Kugel Vanille-Eis mit warmen Himbeeren. Und eine Serviette mit Herzen drauf. „Für dich“, sagt sie, stellt mir die Schüssel mit Löffel auf den Badewannenrand und verschwindet wieder. Wie süß! „Dankeschön“, stammel ich.

Bier auf Wein? Das lass sein. Heißt es. Gibt es dazu auch was zu Bier auf Eis? Oder Bier auf Himbeeren? Der Kontrast ist ganz reizvoll. Rod Stewart hat schon lange aufgehört zu singen, aktuell meldet ein Hörer einen Wildunfall. Das Reh sei Matsch. Wie romantisch. Warum senden die sowas? Ist das live? Ich dachte, solche Anrufe zeichnen sie immer auf. Jetzt spielen sie die Fischer von San Juan. Die Fernbedienung liegt natürlich auf dem Radio. Ein Teelicht ist ausgegangen, qualmt und stinkt vor sich hin. Zwanzig Minuten sind ungefähr vergangen, an der Tür klopft es erneut.

Nochmal Helena. Sie kommt rein, setzt sich auf den Badewannenrand. Sieht irgendwie ein wenig traurig aus. Ich bin mir unsicher, ob ich meine Zeit einfordern soll oder nicht. Sie schläft in aller Regel alleine, sie ist den ganzen Tag in der Schule, ich muss in Schichten arbeiten. Einerseits möchte ich auch mit 12 Jahren erwarten können, dass sie mich mal eine Stunde in Ruhe lässt, andererseits weiß ich nicht, wie lange das, was ihr gerade unter den Nägeln brennt, schon brennt. Während ich mit dem Handbike unterwegs war, war sie bei ihrer Freundin. Marie wäre auch noch da. Nein, es ist okay. „Alles gut bei dir?“, frage ich sie. Sie schüttelt mit dem Kopf.

„Ich hab in Geo einen Test verkackt. Voll verkackt.“ – „Oh. Woran hat es gelegen?“ – „Ich konnte es nicht. Obwohl ich geübt habe. Aber dann war die Aufgabe plötzlich ganz anders und ich hab gar nichts mehr gewusst und dann geraten, um vielleicht noch einen Zufallstreffer zu kriegen.“ – „Und das hat nicht wirklich geklappt.“ – „Nee. Bist du mir böse?“

Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin nach alledem, was früher war, super stolz darauf, dass sie mir das so offen und ehrlich erzählt. Ich schüttel den Kopf und frage: „Konntest du die anderen Aufgaben denn auch nicht? Eigentlich kommen im Test ja die Themen dran, die im Unterricht oder in den Hausaufgaben dran waren. Und wenn ich früher eine Aufgabe mal nicht konnte, habe ich vielleicht erstmal die anderen gemacht.“ – „Es gab nur die eine Aufgabe. Es war ein Kurztest. Und der ist bewertet worden. Und ich hab ne Fünf. Gerade noch so.“ – „Wie, nur eine Aufgabe?“ – „Ja, es gab eine Deutschlandkarte. Nur die Umrisse. Wir sollten die Nachbarländer eintragen, das hab ich hinbekommen. Und dann sollten wir die Landesgrenzen einzeichnen von den Bundesländern, diese benennen, die Lage der Hauptstädte einzeichnen und beschriften und fünf große Flüsse einzeichnen und beschriften. Das alles in 20 Minuten. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Berlin zu tief, Bremen zu weit an den Niederlanden, München zwar auf der richtigen Höhe aber zu weit in der Mitte, Stuttgart zu tief und ehrlich gesagt, wo die Havel welche Kurve macht und ob der Main oben oder unten an Frankfurt vorbei fließt, hab ich nicht geübt. Ich dachte, wir kriegen eine Karte, wo die Punkte alle schon eingezeichnet sind und wir sollen sie beschriften. Wir mussten davor noch nie eine Karte malen.“ – „Was haben denn die anderen?“ – „Keine Eins, keine Zwei, zwei Dreien, …“ – „Vergiss es. Mach dir keinen Kopf.“ – „Du findest das auch fies, oder?“ – „Einseitig.“ – „Was heißt das?“

Während ich mit ihr redete, tunkte sie ihre Socke in mein Badewasser. Erst nur in den Schaum, aber dann immer tiefer. Und guckte mich dabei an. Wartete ganz offensichtlich darauf, dass ich was sage. Jule, ich brauche gerade ganz viel Aufmerksamkeit! Um jeden Preis! Gib sie mir! Irgendwann war die Socke bis zum Knöchel nass. Plötzlich rutschte sie ab, wobei das auch mehr Theater als Realität war, und war bis zum Schienbein im Wasser. „Sag mal, was machst du hier eigentlich?“, fragte ich sie. Sie grinste: „Faxen.“ – Rutschte mit dem Po rum und stellte das andere Bein dazu. Fußbad. Mit Socken und Leggings. Ich sagte: „Och Helena. Das ist mein Bad. Ganz alleine.“ – „Ich komm mit rein, okay?“ – „Nee.“ – „Ach komm. Ich spritz auch nicht herum und mache auch keine Wellen.“ – Ich musste ein Grinsen unterdrücken. Und Helena merkt sowas. Ich hätte sicherlich sagen können: ‚Nein heißt nein und ich möchte, dass du das respektierst.‘ – Dann wäre sie sicherlich rausgegangen. Aber inzwischen qualmte das zweite Teelicht, mein Hefeweizen war so gut wie leer und im Radio spielten Sie ‚It never rains in Southern California.‘

Bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, war sie in der Badewanne. „Hi“, begrüßte sie mich albern und tauchte bis zum Hals unter. Immerhin ist die Wanne groß genug für zwei. Sie begann, sich ihre nassen Klamotten auszuziehen. Plötzlich tauchte eine Socke vor mir auf. „Unglaublich. Andere Leute ziehen sich aus, bevor sie in die Wanne steigen.“ – „Bin ich andere Leute? Komm, den Spruch habe ich von dir gelernt.“ – „Du wringst jetzt bitte die nassen Sachen aus und schmeißt sie wenigstens drüben ins Waschbecken. Ich habe keine Lust, dass hier Käsesocken und getragene Unterhosen vor meinem Gesicht herumdümpeln.“ – „Ich habe keine Käsefüße.“ – „Helena, bitte. Sonst schmeiß ich dich raus.“

Während Helena aufräumte, kam Marie rein. „Was ist denn hier los?“, fragte sie. Helena antwortete: „Schaumparty.“ – „Ich gehe gleich noch mal die Terrortatze entmisten. Und eigentlich wollte ich dich mitnehmen, Helena. Damit Jule endlich mal eine halbe Stunde ungestört rapunzeln kann.“ – Ihre Miene versteinerte. Sie guckte mich mit großen Augen an. „Hab ich dich jetzt wirklich beim Rapunzeln gestört?“ – Ich schüttelte den Kopf. Mir war klar, dass sie nicht lange auf sich warten lassen würde: Maries Hündin kam um die Ecke getrottet und guckte mit gerunzelter Stirn auf das Treiben im Bad. Helena lockte sie zur Wanne und machte ihr einen Schaumklecks auf den Kopf. Ich sagte: „Wenn sie jetzt auch noch hier rein springt, raste ich aus.“

Artgerecht

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So viel, wie Marie und ich derzeit mit Behörden zu tun haben, habe ich bereits das Gefühl, ich rolle fast schon weltfrauisch auf den Ämtern ein und aus. Sofern ich denn hinein komme. Ich hatte in dieser Woche einen Termin auf dem für meinen Wohnort zuständigen Jugendamt, das nicht einmal barrierefrei ist. Dafür geht es drinnen aber alles auch etwas gemütlicher zu als in jenem für Helenas bisherigen Wohnsitz zuständigen.

An der Information saß eine ältere Dame, ich schätze zwei Jahre vor der Rente. Sie geriet in Aufregung, als ich vor ihrem Fenster freundlich winkte und ihr, nachdem sie nach draußen kam, erzählte, dass ich bei Frau … einen Termin hätte. „Du liebe Zeit, da kommen Sie ja gar nicht hin! Warten Sie, da muss ich was überlegen. Wir sind hier nämlich gar nicht artgerecht.“

Artgerecht? Bin ich im Zoo? Oder bin ich das exotische Tier, das sie am liebsten in einen Käfig stecken möchte, weil artgerechte Haltung nicht möglich ist? Sie wiederholte: „Da sind wir hier echt nicht artgerecht. Als dieses Haus gebaut wurde, hat man an sowas wie Sie gar nicht gedacht.“

Sowas wie ich? Oder sowas wie das, worin ich sitze? Die Gute war hoffnungslos überfordert. Sie kam mit ihrem schnurlosen Telefon wieder raus. „Ich ruf da erstmal für Sie an. Hallo Frau …, hier ist ein Rollstuhl, der will zu Ihnen. Was? Nee, natürlich, mit ner Behinderten drin, nicht leer. Was stellen Sie denn für Fragen?! Ich weiß nur nicht, wie wir die Behinderte jetzt die Treppe hochkriegen. Ich könnte ja mal drüben beim Bauhof anrufen, ob die vielleicht ein Brett haben oder eine alte Tischplatte oder sowas. Ob die uns da auf die Schnelle was auf die Stufen legen. Das könnte ich machen. Was? Ja, kommen Sie mal her, das ist eine gute Idee.“

Fand ich auch. Mein Vorschlag: Akte mitnehmen, nebenan im Supermarkt ist ein Bäcker, dort stehen vier Tische, wir holen uns zwei Getränke und klären alles, was zu klären ist. Nee, das ginge nicht. Da könnte ja jemand mithören. Und überhaupt müsse das Telefon besetzt bleiben. Der Bauhof soll es richten. Es dauerte keine fünf Minuten, da kamen zwei Herren über den Hof. Einer ging schnellen Schrittes, der andere saß in einem Gabelstapler, auf dessen Dach eine gelbe Rundumleuchte rundumleuchtete. Wollten die mich etwa mit dem Ding stapelgabeln? Nee, auf der Gabel, mit der der Staplerfahrer prahlte, schwang scheppernd eine halbverrostete Stahlplatte auf und ab. Zwei Mann, vier Ecken, das Ding abgeladen und mit ungeheurem Getöse auf die Steintreppe geworfen, zwei Holzbohlen drunter, damit sich die ganze Konstruktion nicht so durchbiegt, und bevor ich was sagen konnte, wurde ich mit einem Ungeheuer-Katapult-Anschwung ins Amt befördert.

Mithören und Telefonbesetzung waren wohl nur zwei unwesentliche Gründe, warum das nicht drüben beim Bäcker ging. In das Büro der mich abholenden Dame kamen auch noch die Abteilungsleiterin, die Auszubildende und die Kollegin, weil man ja alles richtig machen wollte. Und man mache ja nicht selbst, sondern arbeite ja nur der vorgesetzten Dienststelle im Landkreis zu. Und überhaupt könne man in solchen Verfahren ja so viel verkehrt machen. „Und wir wollen ja alle, dass es dem kleinen Wurm gut geht später bei Ihnen. Wir müssen ja neutral bleiben, aber wir haben eben schon gesagt, wir finden das ganz toll, was Sie da machen wollen. Wir entscheiden das nicht, aber wir müssen etwas dazu schreiben, ob von uns aus Gründe dagegen sprechen.“

Nach dreißig Minuten kam der Amtsleiter zu uns, stellte sich vor, freute sich, mich kennenzulernen. Und wies seine Abteilungsleiterin an, sie möge acht geben, dass beim Herabfahren sich „einer der Männer“ mit seinen Füßen auf die untere Kante der Rampe stelle. Nicht, dass das abrutscht. „Im schlimmsten Fall muss ich danach im Rollstuhl sitzen“, konnte ich mir nicht verkneifen. Für zwei Sekunden überlegte er, vermutlich wusste er nicht, ob er lachen sollte, dann kam schallendes Gelächter aus ihm heraus: „Ihren Humor haben Sie jedenfalls nicht verloren, das finde ich gut.“

Nee, hab ich nicht. Helena geht ab Montag auf eine Gemeinschaftsschule, die rund einen Kilometer von uns entfernt ist. Es handelt sich um eine Offene Ganztagsschule, wo an jedem Schultag bis 21 Uhr Betreuung angeboten wird. Neben Mittagessen und Hausaufgaben-Betreuung finden dort auch Nachhilfe, Förderunterricht, Sport, Theater und Musik statt. Man kann sich dort einerseits für regelmäßige Angebote eintragen (wie zum Beispiel Unterricht an einem Musikintrument), man kann aber auch individuelle Angebote für sieben bis vierzehn Tage im Voraus buchen, wie Nachhilfe in einem bestimmten Unterrichtsfach. Das hilft natürlich sehr, weil man dann (wenn es gut läuft) solche Maßnahmen an jenen Tagen veranstalten kann, an denen Marie und ich nachmittags arbeiten müssen. Dass wir beide gleichzeitig Nachtdienst haben, wird sich wohl verhindern lassen.

Und ein wenig Glück muss man ja auch haben: Maries Mutter hat uns den Kontakt zu einer Kollegin vermittelt, die im selben Ort wohnt wie wir, und zwei Kinder hat (davon eine Tochter in Helenas Alter). Beide Kinder gehen auf diese Gemeinschaftsschule. Der Vater arbeitet in demselben Krankenhaus, in dem ich zur Zeit freigestellt bin, allerdings in einem anderen Bereich. Zur Familie gehört ein Hund, mehrere Pferde und jede Menge andere Tiere. Wir waren gestern zusammen mit Maries Mutter dort. Helena und die Tochter der Kollegin schienen gleich auf einer Wellenlänge zu sein. Während die Erwachsenen sich bei Kaffee und Kuchen kennenlernten, waren die beiden jungen Mädchen sofort damit beschäftigt, alle Tiere zu begutachten. Auch wenn nicht gesagt ist, dass die beiden gleich beste Freunde werden, sehe ich zumindest die Chancen steigen, dass Helena nicht gleich zur Außenseiterin in der neuen Klasse wird. Ich hoffe wirklich sehr, dass das alles klappt. Dass man Helena nicht in „ihre“ Stadt zurückholt, sondern (offiziell für acht Wochen) hier belässt, weckt in mir diskreten Optimismus.

Heute waren Marie und ich für zwei Stunden in der Ostsee schwimmen. Ernsthaft schwimmen, also mit dem Ziel, Strecke abzureißen, Kondition aufzubauen und Kalorien zu verbrennen. Wir hatten einen Schwimm-Neo und Socken an, da derzeit viele Feuerquallen unterwegs sein sollen. Zum Glück hatten wir keine Kontakte damit an Händen und Gesicht. Helena saß in der Zeit auf eigenen Wunsch mit einem Buch am Strand. Ein Iglu schützte sie mehr vor dem Wind als vor der Sonne. Sie hat auch ein paar Fotos gemacht, Steine gesammelt, ich habe das Gefühl, ihr geht es gut.

Das Wasser war wärmer als die Luft, der Wind blies in Stärke 3 bis 4, seitwärts, also parallel zur Küste, so dass man weder vom Wind noch von irgendwelchen Strömungen auf das offene Meer hinausgezogen wurde. Es waren also anstrengende, aber schöne Trainingsbedingungen. Als Marie und ich wieder bei Helena angekommen waren und uns gerade wieder in das flachere Wasser bewegten, kam Lukas in Badehose ins Wasser gelaufen. Jener junge Mann aus meinem derzeitigen Schwimmverein, der in mich verknallt ist, sich seit Monaten aber nicht traut. Nun kam natürlich hinzu, dass ich einige Male nicht beim Training war. Heute begegneten wir uns an der Stelle, an der er gerade noch stehen konnte. Er streckte Marie seine Hand zu einem High-Five hin, um mich hüpfte er herum, umklammerte mich von hinten um meinen Bauch, hob mich ein paar Zentimeter nach oben und schaukelte mich übermütig durch die Wellen. Dabei drückte er meinen Po fest an seinen Bauch. Anders herum wäre es bestimmt schöner gewesen, aber immerhin passierte mal irgendwas. Ich drehte meinen Kopf schräg zur Seite, um ihn zu sehen, er sagte mir ins Ohr: „Du siehst bombe aus in dem Teil. Und fühlst dich auch so an. Ich will ein paar Meter schwimmen. Ihr wollt raus? Viel Spaß noch, ich will nicht länger stören.“

Und bevor ich irgendwas sagen konnte, war er mit dem Kopf im Wasser und kraulte davon. Ohne Neopren. Ich hoffe, auch ihn berühren die Quallen nicht. Drei Jungs aus seiner Trainingsgruppe kamen hinterher, ebenfalls nur mit Badehose bekleidet. Helena machte Fotos von einer Seemöwe, die sich frech bis auf zwei Meter an sie heran traute, vermutlich in der Hoffnung, etwas zu fressen abzugreifen. Es ist zwar noch immer ein wenig ungewohnt, dass Helena derzeit ständig bei uns ist. Aber ich würde sie bereits jetzt sehr vermissen, wenn sie plötzlich nicht mehr da wäre.

Auberginen

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Ich glaube: Eins der größten Probleme unserer Gesellschaft ist der sorglose Umgang mit Macht. Sorglos ist bereits, wer sich durch Vorurteile lenken lässt. Ja, ich weiß, davon ist niemand ganz frei. Und nein, ich weiß auch, dass statistisch gesehen mehr Jungs Fußball spielen und mehr Mädchen reiten. Vermutlich werden auch die meisten Frauen, die heute Kinder bekommen, ihre Töchter auch Fußball spielen und ihre Söhne auch reiten lassen.

Ich habe vor ziemlich genau acht Jahren von einem Freund anlässlich eines Workshops eine Botschaft gehört, die ich nach wie vor elementar wichtig finde: „Wir müssen aufpassen, dass nicht wir es sind, die den ersten Stein legen für eine Mauer, die später mal jemanden tatsächlich behindern wird.“

Ich bin erschrocken darüber, welche Kommentare ich zu meinem letzten Beitrag lesen musste. Einige waren so schlimm, dass ich sie nicht veröffentlichen will. Einige habe ich gelöscht.

Insbesondere wurde mehrmals indirekt gefragt, ob man über Gewalt, die mir oder einem Dritten angetan wird, sprechen soll. Meine Haltung dazu: Unbedingt! Ein Täter, der regelmäßig seine Überlegenheit durch die Anwendung von Gewalt demonstriert, kann (in unserer Gesellschaft) nur im Verborgenen agieren. Er ist nur deshalb verborgen, weil Geschädigte sich nicht trauen zu sprechen. Selbstverständlich muss man klug handeln und sicherstellen, dass ein Täter, der aus dem Verborgenen geholt wird, keinen Zugriff mehr auf die geschädigte Person hat. Aber so etwas gehört nicht verschwiegen und nicht verheimlicht. Damit unterstütze ich den Täter.

Es wurde mehrmals geschrieben, dass ich mich mit Helena überfordern würde und bloß die Finger von einem Kind lassen soll, das schon eine solche Vergangenheit hat. Ja, tatsächlich, es kann sein und es ist aus Statistikersicht bestimmt hochwahrscheinlich, dass Helena bereits einen Knacks hat. Aber: Es war nicht die Rede davon, dass ich sie adoptieren möchte. Wenn sie sich die Chance verbaut, vielleicht weil sie Dinge tut, die ich nicht tolerieren möchte, dann verbaut sie selbst sich ihre Chance. Aber ich werde weder aus Vorurteilen noch aus Angst eine ausgestreckte Hand wieder einziehen. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn hier zwei Nächte jemand pennt, der zu Hause geschlagen und mit Messern beworfen wird. Ich weiß um die Polemik des letzten Satzes.

Die zahlreichen Warnungen, das Kind gegen den Willen der Pflegefamilie bis Montag bei mir zu behalten, habe ich ebenfalls zur Kenntnis genommen. Soweit sie fürsorglich und freundlich gemeint waren, bedanke ich mich. Ansonsten muss ich aber sagen: Kein Gesetz kann von mir verlangen, ein Kind in einen Haushalt zu geben, in dem gewohnheitsmäßig körperliche und psychische Gewalt angewendet wird. Auch wenn sie vielleicht in den nächsten sieben Tagen nicht geschlagen wird, wer garantiert mir, dass die Pflegemutter nicht am Wochenende die freie Zeit für ein Pläuschchen genutzt hat, bei dem sie Dinge erfahren hat, die sie wieder Messer werfen lässt?

Ganz sicher werde ich Helena nicht verstecken. Sondern ich habe die Pflegeeltern inzwischen angerufen und ihnen gesagt, dass ich Helena erst am Montagvormittag vorbei bringe, weil ich in der Stadt, in der Helena wohnt, sowieso noch etwas zu erledigen habe. Die Pflegemutter war damit einverstanden. Sie wird also nicht plötzlich die Herausgabe des Kindes verlangen, sondern sei froh, dass sie noch eine weitere Nacht Ruhe hat. Und alle anderen Instanzen sind erst am Montag wieder ansprechbar. Sie in die Hände eines Notdienstes zu geben, kommt nicht in Frage, da keine akute, sondern nur eine latente (dafür aber erhebliche) Gefahr besteht. Das emotionale Verhältnis zu den Pflegeeltern, die die gesamte familiäre Beziehungssituation und die Kommunikationsebene zwischen Pflegeeltern und Helena sind so schwer gestört und laufen der Entwicklung des Kindes in so erheblichem Maße zuwider, dass ich mein Handeln für notwendig und angemessen halte. Zu dieser Einschätzung komme ich nicht nur anhand der Geschichten, die Helena erzählt, und deren Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar ist. Hinzu kommt, dass sie in irgendeiner Notunterkunft vermutlich gar nicht korrekt medizinisch versorgt werden könnte und damit vermutlich in eine Klinik verlegt werden würde. Das alles ist unverhältnismäßig gegen einen um mehrere Stunden verlängerten, genehmigten Besuch in den Schulferien.

Ich werde auch weiterhin das Angebot machen (nicht Helena, sondern dem Jugendamt bzw. dem Vormund), dass Helena zunächst hier bleiben kann, bis eine geeignete Lösung gefunden ist. Ich rechne mit ein bis zwei Wochen und ich weiß zwar noch nicht, wie ich das mit meinem Job arrangieren kann, aber es wird schon einen Weg geben. Vielleicht findet sich aber auch etwas, was Helena hilft, ohne dass ich daran beteiligt bin. Selbstverständlich kommt sie morgen mit, wenn ich zum Jugendamt fahre.

Helena und Marie sind gerade in der Küche. Zum Mittagessen kochen beide ein Lieblingsgericht von Helena: Gedünstete Auberginen- und Möhrenscheibchen, selbst gemachte Kartoffel-Ecken, in Olivenöl gebratenes gewürztes Hühnerfleisch und dazu Tzaziki. Ich bin sehr gespannt. Heute morgen waren wir zu dritt an der Ostsee (wobei man eigentlich zu viert sagen muss, weil Maries Hund auch dabei war) und haben bei etwas kühlerem Wind in den warmen Wellen gebadet. Wir hatten ein aufblasbares Stand-Up-Board dabei, Helena bekam eine Schwimmweste an. Es hat alles sehr gut funktioniert. Die Hündin, die von Natur aus sehr kritisch gegenüber allen neuen Menschen ist, hat sich von Helena eine Viertelstunde lang den Bauch kraulen lassen und sich dazu komplett auf den Rücken gelegt. Sie scheint ihr zu vertrauen. Marie und ich tun das auch.

Sieben Jahre

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Fast sieben Jahre ist es her, als ich das Foto aufgenommen habe, das im Hintergrund meines Blogs zu sehen ist. Es ist spontan entstanden bei einer Fahrt mit dem Handbike an der Elbe in Hamburg, fast am östlichsten Zipfel der Stadt. Damals fand ich es einfach nur schön.

Am letzten Wochenende bin ich zusammen mit Marie wieder zu dieser Stelle gefahren. Der kleine Anbau, an dem vor sieben Jahren noch eine Lampe hing, ist inzwischen verputzt und weiß gestrichen. Die Bäume sind etwas größer geworden, ansonsten ist wohl alles beim Alten.

Bevor sich da nun eine Pilgerstätte entwickelt, sei noch einmal deutlich gesagt: Ich kenne den Eigentümer nicht. Ich bin mit offenen Augen durch die Welt geradelt und habe spontan meine Handykamera gezückt.

So auch am letzten Freitag beim Training mit dem Bike an der Ostsee. Hübsch, oder?