Auberginen

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Ich glaube: Eins der größten Probleme unserer Gesellschaft ist der sorglose Umgang mit Macht. Sorglos ist bereits, wer sich durch Vorurteile lenken lässt. Ja, ich weiß, davon ist niemand ganz frei. Und nein, ich weiß auch, dass statistisch gesehen mehr Jungs Fußball spielen und mehr Mädchen reiten. Vermutlich werden auch die meisten Frauen, die heute Kinder bekommen, ihre Töchter auch Fußball spielen und ihre Söhne auch reiten lassen.

Ich habe vor ziemlich genau acht Jahren von einem Freund anlässlich eines Workshops eine Botschaft gehört, die ich nach wie vor elementar wichtig finde: „Wir müssen aufpassen, dass nicht wir es sind, die den ersten Stein legen für eine Mauer, die später mal jemanden tatsächlich behindern wird.“

Ich bin erschrocken darüber, welche Kommentare ich zu meinem letzten Beitrag lesen musste. Einige waren so schlimm, dass ich sie nicht veröffentlichen will. Einige habe ich gelöscht.

Insbesondere wurde mehrmals indirekt gefragt, ob man über Gewalt, die mir oder einem Dritten angetan wird, sprechen soll. Meine Haltung dazu: Unbedingt! Ein Täter, der regelmäßig seine Überlegenheit durch die Anwendung von Gewalt demonstriert, kann (in unserer Gesellschaft) nur im Verborgenen agieren. Er ist nur deshalb verborgen, weil Geschädigte sich nicht trauen zu sprechen. Selbstverständlich muss man klug handeln und sicherstellen, dass ein Täter, der aus dem Verborgenen geholt wird, keinen Zugriff mehr auf die geschädigte Person hat. Aber so etwas gehört nicht verschwiegen und nicht verheimlicht. Damit unterstütze ich den Täter.

Es wurde mehrmals geschrieben, dass ich mich mit Helena überfordern würde und bloß die Finger von einem Kind lassen soll, das schon eine solche Vergangenheit hat. Ja, tatsächlich, es kann sein und es ist aus Statistikersicht bestimmt hochwahrscheinlich, dass Helena bereits einen Knacks hat. Aber: Es war nicht die Rede davon, dass ich sie adoptieren möchte. Wenn sie sich die Chance verbaut, vielleicht weil sie Dinge tut, die ich nicht tolerieren möchte, dann verbaut sie selbst sich ihre Chance. Aber ich werde weder aus Vorurteilen noch aus Angst eine ausgestreckte Hand wieder einziehen. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn hier zwei Nächte jemand pennt, der zu Hause geschlagen und mit Messern beworfen wird. Ich weiß um die Polemik des letzten Satzes.

Die zahlreichen Warnungen, das Kind gegen den Willen der Pflegefamilie bis Montag bei mir zu behalten, habe ich ebenfalls zur Kenntnis genommen. Soweit sie fürsorglich und freundlich gemeint waren, bedanke ich mich. Ansonsten muss ich aber sagen: Kein Gesetz kann von mir verlangen, ein Kind in einen Haushalt zu geben, in dem gewohnheitsmäßig körperliche und psychische Gewalt angewendet wird. Auch wenn sie vielleicht in den nächsten sieben Tagen nicht geschlagen wird, wer garantiert mir, dass die Pflegemutter nicht am Wochenende die freie Zeit für ein Pläuschchen genutzt hat, bei dem sie Dinge erfahren hat, die sie wieder Messer werfen lässt?

Ganz sicher werde ich Helena nicht verstecken. Sondern ich habe die Pflegeeltern inzwischen angerufen und ihnen gesagt, dass ich Helena erst am Montagvormittag vorbei bringe, weil ich in der Stadt, in der Helena wohnt, sowieso noch etwas zu erledigen habe. Die Pflegemutter war damit einverstanden. Sie wird also nicht plötzlich die Herausgabe des Kindes verlangen, sondern sei froh, dass sie noch eine weitere Nacht Ruhe hat. Und alle anderen Instanzen sind erst am Montag wieder ansprechbar. Sie in die Hände eines Notdienstes zu geben, kommt nicht in Frage, da keine akute, sondern nur eine latente (dafür aber erhebliche) Gefahr besteht. Das emotionale Verhältnis zu den Pflegeeltern, die die gesamte familiäre Beziehungssituation und die Kommunikationsebene zwischen Pflegeeltern und Helena sind so schwer gestört und laufen der Entwicklung des Kindes in so erheblichem Maße zuwider, dass ich mein Handeln für notwendig und angemessen halte. Zu dieser Einschätzung komme ich nicht nur anhand der Geschichten, die Helena erzählt, und deren Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar ist. Hinzu kommt, dass sie in irgendeiner Notunterkunft vermutlich gar nicht korrekt medizinisch versorgt werden könnte und damit vermutlich in eine Klinik verlegt werden würde. Das alles ist unverhältnismäßig gegen einen um mehrere Stunden verlängerten, genehmigten Besuch in den Schulferien.

Ich werde auch weiterhin das Angebot machen (nicht Helena, sondern dem Jugendamt bzw. dem Vormund), dass Helena zunächst hier bleiben kann, bis eine geeignete Lösung gefunden ist. Ich rechne mit ein bis zwei Wochen und ich weiß zwar noch nicht, wie ich das mit meinem Job arrangieren kann, aber es wird schon einen Weg geben. Vielleicht findet sich aber auch etwas, was Helena hilft, ohne dass ich daran beteiligt bin. Selbstverständlich kommt sie morgen mit, wenn ich zum Jugendamt fahre.

Helena und Marie sind gerade in der Küche. Zum Mittagessen kochen beide ein Lieblingsgericht von Helena: Gedünstete Auberginen- und Möhrenscheibchen, selbst gemachte Kartoffel-Ecken, in Olivenöl gebratenes gewürztes Hühnerfleisch und dazu Tzaziki. Ich bin sehr gespannt. Heute morgen waren wir zu dritt an der Ostsee (wobei man eigentlich zu viert sagen muss, weil Maries Hund auch dabei war) und haben bei etwas kühlerem Wind in den warmen Wellen gebadet. Wir hatten ein aufblasbares Stand-Up-Board dabei, Helena bekam eine Schwimmweste an. Es hat alles sehr gut funktioniert. Die Hündin, die von Natur aus sehr kritisch gegenüber allen neuen Menschen ist, hat sich von Helena eine Viertelstunde lang den Bauch kraulen lassen und sich dazu komplett auf den Rücken gelegt. Sie scheint ihr zu vertrauen. Marie und ich tun das auch.

Sieben Jahre

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Fast sieben Jahre ist es her, als ich das Foto aufgenommen habe, das im Hintergrund meines Blogs zu sehen ist. Es ist spontan entstanden bei einer Fahrt mit dem Handbike an der Elbe in Hamburg, fast am östlichsten Zipfel der Stadt. Damals fand ich es einfach nur schön.

Am letzten Wochenende bin ich zusammen mit Marie wieder zu dieser Stelle gefahren. Der kleine Anbau, an dem vor sieben Jahren noch eine Lampe hing, ist inzwischen verputzt und weiß gestrichen. Die Bäume sind etwas größer geworden, ansonsten ist wohl alles beim Alten.

Bevor sich da nun eine Pilgerstätte entwickelt, sei noch einmal deutlich gesagt: Ich kenne den Eigentümer nicht. Ich bin mit offenen Augen durch die Welt geradelt und habe spontan meine Handykamera gezückt.

So auch am letzten Freitag beim Training mit dem Bike an der Ostsee. Hübsch, oder?

Lukas

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Ich komme derzeit nicht so oft zum Schwimmtraining wie ich es gerne möchte. Ich hoffe sehr, dass ich das demnächst ein wenig ändert. Mindestens einmal pro Woche versuche ich aber derzeit dennoch, mindestens neunzig Minuten durch das Wasser zu pflügen. Zwei Kilometer möchte ich schon schaffen.

Beim letzten Mal hielt ich nebenbei noch nach Lukas Ausschau. Ich versuchte herauszufinden, wer der junge Mann sein könnte, der seiner Mutter so viel über mich erzählt hat, obwohl er mich eigentlich nur vom Sehen kennen kann. Vom Sehen – und vielleicht haben wir mal „Hallo“ gesagt. Aber so sehr ich mich auch umschaute, mir fiel niemand auf, der sich irgendwie anders benahm oder mich vielleicht sogar beobachtete. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit, eine andere Sportlerin zu fragen: Lukas sei heute nicht da, antwortete sie.

Am Tag danach hatten wir endlich mal Sonnenschein, und da ja nicht immer nur Lernen auf der Tagesordnung stehen kann, holte ich mein Rennbike aus der Garage und schaffte insgesamt 32 Kilometer. Vier Kilometer fahre ich zunächst über Feldwege, die zwar gepflastert, aber oft sehr ruckelig sind, dann allerdings geht es zwölf Kilometer über eine für Radfahrer offene Promenade, direkt an der Ostsee. Diese Promenade ist durchgehend geteert, sechs Meter breit und für Autos gesperrt. Und ohne großartige Steigungen oder Gefälle. Ideale Bedingungen, um auch mal ein wenig Geschwindigkeit aufzunehmen. Im Sommer geht das tagsüber eher nicht, da dann zu viele Kinder kreuz und quer laufen, die an den Strand wollen. Aber dann halt abends. Nach 12 Kilometern wende ich und fahre denselben Weg zurück.

Mit der Wende hatte Lukas offenbar nicht gerechnet. Bis dahin hatte ich auch gar nicht mitbekommen, dass er mich verfolgt. Auch wusste ich im ersten Moment nicht, dass er mich überhaupt verfolgt hatte. Und auch nicht, dass es Lukas war. Ich bemerkte nur einen jungen Mann, der scheinbar zufällig denselben Weg wie ich hatte, und der jetzt, wo ich stehen blieb, ebenfalls mit seinem Fahrrad stehen blieb, abstieg und sich betont unauffällig an seinen Schuhen zu schaffen machte, ohne dass ein Schnürsenkel offen war oder ähnliches. Er guckte mich an, beobachtete mich, und immer wenn ich ihn fokussierte, schaute er weg. Im ersten Moment dachte ich noch, es wäre vielleicht jemand, der noch nie so ein Liege-Bike gesehen hat und einfach nur mal gaffen möchte. Aber dann wurde es mir fast schon irgendwie unheimlich.

Ich hatte inzwischen gewendet, rollte direkt auf ihn zu und sprach ihn an: „Na, alles gut bei dir?“ – „Ja, ich bin ganz zufällig hier. Schön, dass wir uns auch mal außerhalb der Schwimmhalle treffen. Trainierst du für einen Wettkampf?“ – Jetzt dämmerte es mir. Als ich ihn ganz locker-flockig fragte, was er gerade macht, wurde er dunkelrot im Gesicht, am Hals und an den Ohren und stammelte, er wollte sich bei einer nahe gelegenen Fahrradvermietung nach den Preisen erkundigen. „Soll ich hier kurz auf dich warten und wir fahren dann zusammen zurück?“ – Er nickte. Was mir ganz gelegen kam, denn ich musste mal für kleine eingestaubte Triathletinnen.

Als er nach fünf Minuten wieder da war, fragte ich nicht, ob er erfolgreich war. Denn wenn er sich wirklich für die Preise interessiert hätte, hätte er ja auch von zu Hause das Internet befragen können. „Hat deine Mutter dir erzählt, dass sie mich neulich im Supermarkt getroffen hat? Falls ich jetzt gerade nichts durcheinander bekomme.“ – „Ja, hat sie. Was hat sie denn zu dir gesagt?“ – „Sie kam gleich auf mich zu und fragte mich, ob ich neuerdings im Schwimmverein trainiere. Ich hatte mich zuerst ein wenig gewundert.“ – „Ich hatte ihr das erzählt, dass jetzt neuerdings eine Frau im Rollstuhl bei uns trainiert. Und sie erzählte dann, dass sie dich beim Einkaufen getroffen hatte. Hat sie sonst noch was gesagt?“ – „Ich musste ganz schnell weiter, weil ich Besuch zu Hause hatte.“ – „Dein Freund? Entschuldigung, geht mich nichts an.“ – „Ich habe keinen Freund im Moment.“ – Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich fragte ihn: „Hast du denn eine Freundin?“ – Er schüttelte den Kopf. Ich fragte weiter: „Und hattest du schonmal eine?“ – Wieder schüttelte er den Kopf. Er ist 17, wie ich nebenbei herausfand.

Ob er nun wirklich in mich verknallt ist, weiß ich nicht. Ich glaube schon, aber ich kann nicht ausschließen, dass es auch nur eine Schwärmerei ist. Oder er mich einfach gerne mag. Ich warte einfach mal ab, was so passiert. Und fühle mich geschmeichelt. Auch wenn er niemand ist, der altersmäßig in mein „Beuteschema“ passt. Und während es mit zunehmendem Alter ja immer weniger auf das Alter des Partners ankommt, wundert es mich schon, dass er mit 17 ausgerechnet mich anschaut. Aber ich will es gar nicht bewerten.

Angucken

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Eigentlich war mal geplant, dass Marie und ich ein schönes Osterwochenende an das Ostsee verbringen, die Sonne anbeten und mindestens neun Dreiviertelstunden (also zusammengerechnet sechsdreiviertel Stunden) mit dem Handbike am Meer entlang fahren. Stattdessen liegt hier matschiger Schnee, am Himmel vermischen sich dreiundsiebzig verschiedene Grautöne miteinander und der eiskalte Wind weht mindestens mit Stärke 5. Von vorne. Immer.

Also gibt es heute Osterfeuer im Kamin, warme Waffeln mit heißen Himbeeren und warmem Vanille-Eis und jede Menge Entspannung. Als hätte ich nicht in der letzten Nacht schon 14 Stunden durchgeschlafen. Wie es im Moment ständig vorkommt. Mein Leben besteht derzeit nur noch aus Schlafen, Lernen und Praktischem Jahr. Und ja, mein Vitaminspiegel ist im Normbereich. Es ist halt sehr anstregend. Und um die vielfach gestellte und mehrfach beantwortete Frage auch nochmal aufzugreifen, ob meine Unfallkasse noch immer jenen Teil der Rente zahlt, der wegfällt, sobald ich meinen Lebensunterhalt durch einen eigenen Job nachhaltig sichern kann: Ja, zahlt sie. Weil ich noch keinen eigenen Job habe, mit dem ich meinen Lebensunterhalt nachhaltig sichern könnte.

Das wird sich ändern, wenn ich meinen ersten Job antrete und Geld verdiene. Ich habe bereits ein sehr gutes Angebot, allerdings verhandel ich da noch über meinen Sommerurlaub. Die wollen mich ab Juni einstellen, ich möchte aber im August vier Wochen Urlaub machen. Weil ich im ganzen letzten Praktikumsjahr so gut wie keinen Urlaub hatte. Schließlich werden Krankheitstage auf den „Urlaub“ angerechnet. Derzeit steht im Vertrag noch ein halbes Jahr Urlaubssperre drin. Das heißt: Ich müsste dann, weil es im Dezember vermutlich auch nicht klappt, weil alle Kollegen mit Kindern frei haben wollen, meinen kompletten Jahresurlaub nach 2019 mitnehmen. Nachdem ich seit Sommer 2017 keinen Urlaub mehr gehabt habe. Nein, nein, und nochmals nein. Aber sie werden schon darauf eingehen, ansonsten fange ich erst ab September oder eben ganz woanders an. Basta!

Während Marie in die Badewanne wollte, habe ich den Morgen des Ostersamstags zum Einkaufen genutzt. Am Donnerstag habe ich es zu den außerhalb von Großstädten doch oft recht verkürzten Öffnungszeiten nicht mehr geschafft. Es war voller als mir lieb war, aber dennoch leerer als ich befürchtet hatte. Kreischende Kinder, die viel lieber im Bett geblieben wären, ältere Damen, die noch eben drei Äpfel vergessen hatten und eine Frau mit vermutlich drei Promille Restalkohol. Hielt sich krampfhaft an ihrem Einkaufswagen fest, rammte erstmal einen Pappaufsteller mit Schokohasen auf die Seite und hielt dreißig Zentimeter vor mir an. „Rechts vor links!“, lallte sie mich an, von vorne kommend. Ich fragte: „Und wer von uns beiden ist jetzt rechts und wer ist links?“ – „Du bist links. Aus dem Weg.“ – Mir klaren Ansagen kann ich leben.

Vor den Wurst-SB-Kühlschränken ist immer sehr wenig Platz. Eine Frau kam mir mit einem Hackenporsche entgegen und sprach laut mit sich selbst, mich dabei anstarrend: „Oh nein, oh nein, jetzt haben wir ein Problem.“ – „Kann ich helfen?“ – „Ja, ich muss dahinten hin“, sagte sie und zeigte in meine Richtung. Und fuhr fort: „Wenn ich Sie jetzt nicht frage, ob Sie mich durchlassen, muss ich ganz außen herum fahren.“ – „Dann fahr ich eben außen herum.“ – „Ja, das ist gut. Oh nein, jetzt haben Sie meine Schinkenwürfel nicht mehr. Jetzt habe ich zwei Probleme.“

Während ich seufzend in den Kühlschrank guckte und feststellte, dass nicht nur die Schinkenwürfel ausverkauft waren, merkte ich ein leichtes Gefühl von plötzlichem Heißhunger, wie bei einer Unterzuckerung, gleichzeitig wurde mir etwas übel, als wenn ich zu viel gegessen hatte, und ich bekam eine Gänsehaut. Ah! Meine Blase möchte mir mitteilen, dass sie gleich voll ist. Aber wie konnte das sein, ich war doch vor 20 Minuten noch zu Hause auf Klo? Zum Glück hat dieser Supermarkt ein sehr sauberes Kunden-WC, in das man sogar mit dem Rollstuhl hineinkommt. Es ist kein Rolliklo, sondern ein Raum mit ausreichend breiter Tür.

Leider hatte (Achtung! Eklig!) in der letzten Viertelstunde wohl jemand seine Ostereier nicht vertragen und beim Kotzen die Schüssel nur halbherzig anvisiert. Vielleicht lag es auch an dem Likörchen dazu. Falls ich anhand der Konsistenz und des Geruchs einen Tipp abgeben darf: Rhabarber-Erdbeere. Im selben Moment kam eine Mitarbeiterin um die Ecke, sah die Bescherung ebenfalls, fing fast zu weinen an und sagte: „Ich hatte das gerade geputzt.“ – Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man so etwas so hinterlassen kann. Dass mal etwas passieren kann, steht außer Frage. Aber dann mache ich das doch entweder wieder weg oder, wenn es mir wirklich so schlecht geht, sage ich zumindest mal Bescheid und hinterlasse meinen Namen. Ich hasse diese Menschen, die irgendwas anstellen und dann hoffen, dass das niemand gesehen hat, niemand mit ihnen in Verbindung bringt oder wenigstens nicht nachweisen kann. Und dann vielleicht noch lügen – und hinterher lachend betonen, dass eine Lüge ja eine legitime juristische Möglichkeit ist, sich zu wehren. (Gegen denjenigen, dessen Eigentum man gerade zerstört oder versaut hat.)

Regelmäßig wird mir die Frage gestellt, ob alle Rollstuhlfahrer Windeln tragen. Nein, tun sie nicht. Viele nehmen Tabletten, die auf das Nervensystem so einwirken, dass die Blase sich nicht mehr selbständig entleeren kann. Und müssen dann alle vier Stunden einen Einmalkatheter durch die Harnröhre schieben, um die Flüssigkeit ablaufen zu lassen. Einige lassen sich auch alle paar Monate Botox in den Blasenmuskel spritzen, so dass dieser anschwillt und man die Blase ebenfalls nur noch mittels Katheter entleert bekommt. Da ich zwei bis fünf Minuten bevor meine Blase sich entleeren möchte die beschriebenen Wahrnehmungen habe, fresse ich weder irgendwelche Chemie noch lasse ich mir irgendwelche Neurotoxine spritzen. Die Chemie hat bei mir ganz erhebliche Nebenwirkungen – und für die mitlesenden kritischen Experten: Druck und Restharn sind unspektakulär.

Problem nur: Ich muss auf meinen Körper hören und brauche dann auch zügig ein Klo. Ich kann natürlich, eben gerade bevor ich das Haus verlasse, meine Blase, auch durch das oben beschriebene kurzzeitige Kathetern, entleeren und sollte dann zwei bis fünf Stunden Ruhe haben. Sollte. Entsprechend stand ich an der Wursttheke an, um dort das zu kaufen, was im SB-Regal nicht mehr verfügbar war, und pinkelte mir erstmal gemütlich in meine Windel. Mir graut vor dem Tag, an dem ich sie vergessen habe und das erst mit der größer werdenden Pfütze unter meinem Rollstuhl merke. Während alle mich anstarren. Hurra.

Nach zehn Minuten kam ich endlich dran. Danach wollte ich zur Kasse, wurde aber erneut aufgehalten. „Entschuldigung, sind Sie nicht neuerdings hin und wieder hier in der Schwimmhalle beim Schwimmtraining?“ – „Kann schon sein, warum?“ – „Mein Sohn trainiert da auch im Verein. Lukas. Es ist gut, dass wir uns mal treffen.“

Häh? Wieso ist das jetzt gut? Und welcher Lukas überhaupt? Sie fuhr fort: „Er hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Ich glaube ja, er hat sich total in Sie verguckt, obwohl er das natürlich nicht zugibt. Oder vielleicht bin ich auch nicht die richtige Ansprechpartnerin für ihn. Jedenfalls freut es mich, dass wir uns mal kennenlernen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass er endlich mal jemanden gefunden hat, und ich gönne ihm das sehr. Allerdings würde ich Sie auch bitten, seine Unerfahrenheit nicht auszunutzen. Er weiß noch gar nicht, wie es nach dem Abi weitergehen soll, verstehen Sie?“

What?! Davon habe ich ja noch gar nichts mitbekommen. Ist der überhaupt schon volljährig? Ein Teenie hat sich in mich verknallt. Glaubt die Mutter. Aber Mütter haben meistens einen sechsten Sinn für sowas. Ich werd verrückt! Nur wie komme ich jetzt aus diesem Gespräch raus? Sie guckte mich mit großen Augen und einem erwartungsvollen Blick an. Ich sagte, und das war alles, was mir in dem Moment einfiel: „Ich verstehe. Aber bevor er nicht mit Ihnen darüber spricht, sollten wir auch nicht weiter darüber sprechen.“

Nun guckte sie mich mit großen Augen und ernstem Blick an. Dann plötzlich lächelte sie und sagte: „Das ist eine sehr aufrichtige Haltung. Dann muss er mich nicht anlügen. Das gefällt mir. Geben wir ihm die Zeit, die er braucht.“ – Wir? Eigentlich wollte ich mich mit ihr jetzt nicht solidarisieren. Aber egal. „Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest“, sagte ich und verabschiedete mich. Sie suchte Erdbeerjoghurt, ich nutzte die Chance, zur Kasse zu kommen.

Als ich zu Hause ankam, lag Marie noch immer in der Badewanne. Tiefenentspannt. Mit geschlossenen Augen fragte sie mich: „Na, war es schlimm?“ – „Hör bloß auf. Lauter betrunkene und verrückte Menschen, ich habe einen neuen Freund und meine Hose ist nass.“ – „Was für einen neuen Freund?“ – „Ich habe gerade die Mutter von einem jungen Mann aus dem Schwimmverein getroffen. Sie sagt, er sei wohl in mich verknallt.“ – Jetzt gingen ihre Augen auf. „Nein. Im Ernst? Und du?“ – „Ich weiß nicht mal, wer das genau ist. Ich habe so eine Ahnung, aber ich kann mich auch täuschen.“ – „Wann gehst du wieder trainieren und darf ich mit?“ – „Schaun wir mal. Ich will jetzt erstmal duschen.“ – „Hast du dich angepinkelt?“ – „Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich war vorher extra nochmal auf dem Klo.“ – „Ich muss auch in einer Tour. Ich habe diesen Kräutertee von deinen komischen Nachbarn in Verdacht. Da ist bestimmt irgendwas Harntreibendes drin.“ – „Wieso komisch? Die sind nett. Aber das kann tatsächlich sein. Den packen wir erstmal zur Seite. Obwohl er gut geschmeckt hat.“ – „Wer Rollstuhlfahrern harntreibenden Tee schenkt, muss komisch sein.“

Marie in der Wanne, ich in der Dusche. Marie: „Und meinst du, der Typ könnte was für dich sein?“ – „Ein Teenie?“ – „Warum nicht?“ – „Er hatte noch nie jemanden. Ist schüchtern. Lügt seine Mutter an. Hat bestimmt ganz andere Interessen als ich. Onlinegames und aufgemotzte Autos oder so. Oder ist vielleicht noch nicht mal volljährig.“ – „Guck ihn dir doch erstmal an.“

Guck ich ihn mir an?! Frohe Ostern!