Wasser und Sterne

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Mein Schlafzimmer in meinem neuen Haus ist inzwischen fertig eingerichtet. Damit ist ein wichtiger Raum schon mal bewohnbar. Eine Freundin von mir macht derzeit eine Ausbildung zur Tischlerin, ist im dritten Lehrjahr, und hat mich gebeten, sich austoben zu dürfen. Zusammen mit einem Kumpel von ihr haben die beiden zwei Trockenbauwände eingezogen sowie eine abgehängte Decke. Die beiden waren insgesamt fünf ganze Tage damit beschäftigt. Selbstverständlich haben sie dafür auch etwas bekommen, allerdings war es ihnen wohl wichtig, etwas Eigenes zu machen.

Anfangs hatte ich, ehrlich gesagt, ein wenig Bauchschmerzen dabei. Wir hatten uns auf bestimmte Eckpunkte verständigt, aber wie gut die beiden sind, wusste ich vorher natürlich nicht. Ich fasse es mal so zusammen: Ich bereue es keine Minute. Ich finde das Ergebnis genial.

In diese Leichtbauwände sind an verschiedenen Stellen ovale Öffnungen eingelassen, so dass man quasi in der Wand etwas abstellen kann. Das ist dann auch noch indirekt, also im Hintergrund, mit LEDs beleuchtet, auch noch farblich einstellbar. Am oberen Ende der Leichtbauwand ist ein Sockel, hinter dem ebenfalls Licht indirekt in Richtung Decke strahlt. Diese Akzente sind natürlich ein Hingucker. In eine Wand haben sie auch noch einen Fernseher kurz unterhalb der Decke integriert, den ich vom Bett aus sehen kann. Dazu habe ich mir jetzt endlich ein Internet-Radio gekauft, mit Sleeptimer, das in einer dieser Öffnungen steht. In dieser Öffnung endet ein Kabel, das man einfach in die Kopfhörerbuchse des Radios reinstecken kann und dann kommt die Musik oben aus der Decke aus vier Einbaulautsprechern. Apropos Decke: Dunkelblau angemalte Rigipsdecke mit 100 Mini-LED-Spots. Pro Stück 0,22 Watt, angeordnet als norddeutscher Sternenhimmel. Der große Wagen hängt direkt über meinem Bett. Es sieht einfach nur genial aus, wenn das das Einzige ist, was leuchtet. Die beiden haben das aber so gut gemacht, dass es eben nicht nach Spielzeug aussieht. An vier Stellen sind zudem reguläre Deckenspots angebracht, mit denen man das Schlafzimmer bei Bedarf auch hell bekommt – jeweils in eine Revisionsklappe eingelassen, die man großzügig öffnen kann, falls man später mal an die Verkabelung des Sternenhimmels muss.

Außerdem habe ich mir endlich ein Wasserbett gegönnt. Ich hatte ja schon lange überlegt, nun ist es soweit. Der Fußboden ist stabil genug (sowas wiegt ja locker eine Tonne) und ich kann jetzt schon sagen, dass ich es nicht wieder hergeben werde. Das hätte ich schon viel früher machen sollen. Nein, das Wasser ist durch Vliesmatten so gedämpft, dass es eben nicht schaukelt. Und was absolut genial ist: Ich brauche keine Wärmflasche mehr. Das Wasser wird ja beheizt, so dass man ständig dieselbe Temperatur im Bett hat. Es kühlt im Sommer und wärmt im Winter. Der Druck auf den Körper ist an allen Stellen gleich, so dass man sich auch nicht wundliegen kann. Es lässt sich einfach reinigen, weil unter dem Bettlaken eine waschbare Baumwollschicht ist. Üblicherweise. Bei mir ist keine Baumwollschicht, sondern das Bettlaken ist speziell gegen Druckstellen aus einem Poly-Dings-Gewebe, das in alle Richtungen elastisch ist und somit keine Falten wirft. Die Matratze selbst hat eine abwischbare (und natürlich wasserdichte) Oberfläche. Der Stromverbrauch der Heizung ist etwa so als wenn pro Tag drei Stunden ein Fernseher läuft. Meine Solar-Anlage muss ja auch was zu tun haben – und nachts kann man ihn komplett abschalten, falls man Angst vor Elektro-Smog hat.

Bleibt noch die Frage, ob man in so einem Bett Sex haben kann. Die Antwort lautet: Unbedingt. Es ist sehr viel intensiver, es ist unten deutlich bequemer und es wird selbst unter der Decke nicht zu warm. Auf warmen Wasser unter einem Sternenhimmel bei romantischer Musik – mir gefällts!

Mal wieder Umzug

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Ist ja schon wieder alles mögliche vorbei. Weihnachten vorbei. Silvester vorbei. Jahreswechsel vorbei. Neujahr vorbei. Dritter Praktikumstag in der neuen Klinik vorbei. Dritter Tag des dritten Drittels des praktischen Praktischen Jahres vorbei. Wobei das derselbe dritte Tag war. Und der erste und der zweite sind natürlich auch schon. Vorbei.

Tja. Ich bin ziemlich fertig. Körperlich ausgelaugt. Es waren anstrengende drei Wochen. In denen andere sich erholt haben. In denen ich Weihnachten und Neujahr gefeiert habe. Aber in denen ich auch viel regeln musste, was ich eigentlich schon viel früher geregelt haben wollte. Und nun bin ich bereits wieder Vollzeit beschäftigt, muss nebenbei noch für die letzte Prüfung lernen. Es reicht.

Was sich im letzten Jahr gedanklich verdichtet hat: Ich werde erstmal nicht zu dir zurück kehren. Hamburg, meine hübsche Liebe, du musst in den nächsten Jahren ohne mich auskommen. In dir zu wohnen ist, wenn auch teuer, zwar schön, aber in dir wohnen einfach zu viele Idioten, die mich nicht in Ruhe lassen können. Keine Sorge, ich komme dich sicherlich immer mal wieder besuchen. Und ich werde auch hin und wieder mal in dir schlafen, wenn du erlaubst. Aber mehr ist im Moment nicht drin.

Zum 31.12. musste ich auch meinen Krempel aus meiner Bude am letzten Studienort räumen. Dort hatte sich natürlich mal wieder eine Menge angesammelt. Für das letzte Drittel penne ich anfangs noch in meiner Mini-Ferienwohnung an der Ostsee und pendel täglich mit dem Auto – das passt irgendwie. Während der Prüfungszeit werde ich mir am letzten Studienort ein Hotelzimmer nehmen, das ist günstiger, als die Wohnung noch ein halbes Jahr zu behalten. Am letzten Studienort hält mich nichts. Und ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass das Kapitel beendet ist.

Im Moment wohne ich also in meinem gemütlichen Nest an der Ostsee, wo wir auch den Jahreswechsel gefeiert haben. Allerdings sind die Tage in dieser Mietwohnung ebenfalls gezählt, denn auch hier habe ich gekündigt. Ja, großer Umbruch. Hauptsächlich aus steuerlichen Gründen. Und weil die Wohnungsgröße zum dauerhaften Wohnen nicht reicht. Zumindest nicht, wenn frau im Rollstuhl sitzt. Für Ferien, für ein Wochenende oder mal eine Woche im Sommer war es super und die Wohnung ist mir auch sehr ans Herz gewachsen, aber ich brauche etwas, wo ich dauerhaft bequem wohnen kann.

Entscheidend war auch, dass ich mich zum Jahreswechsel um meine Kohle kümmern musste. Bis Ende 2015 profitierte ich noch von einer Geldanlage, die mir aufgrund der langen Laufzeit feste Zinsen in aus heutiger Sicht traumhafter Höhe eingespült hat. Nachdem die aktuelle Zinspolitik aber Vermögen auf Sparkonten verbrennt, habe ich 2015 meine Kohle in physisches Edelmetall und in Aktienfonds deponieren lassen. Das Metall hat in den letzten zwei Jahren jeweils über 6% an Wert gewonnen, die Aktien ziemlich genau 4%. Das Metall fasse ich nicht an, aber einen Teil der Aktiensumme habe ich nun, bevor der nächste Börsencrash kommt, in Wohneigentum verwandelt.

Etwa 10 Kilometer von meinem gemütlichen Nest entfernt hatte jemand barrierearm gebaut, sich dann aus privaten, beruflichen, finanziellen oder whatever Gründen aber anders entschieden. Ich habe keine Ahnung, warum man so etwas macht, vielleicht gab es eine Trennung oder einen Verlust – dieser Mensch wollte nur noch verkaufen. Ich habe diese Information von meiner Bank bekommen, die eigentlich nur nach einer Eigentumswohnung suchen sollte und meinte, barrierefrei finde sich in den nächsten fünf Jahren wohl nix. Eigentlich wollte man mich gar nicht kontaktieren, weil ich nach einer Wohnung gefragt habe… Danach ging alles relativ schnell. Wann bekommt man schonmal ein komplett barrierefreies Haus an der Ostsee angeboten, noch dazu zu einem relativ fairen Preis?

Es handelt sich um einen unterkellerter Bungalow mit ausgebautem Dachboden. Wohnfläche rund 160 m², Grundstücksgröße etwa 700 m², allerdings ist bis auf eine gepflasterte Auffahrt derzeit alles noch Acker. Gut isoliert, Gasheizung mit Brennwerttechnik, ergänzendes Wärmedings auf dem Dach, große Eckbadewanne, Dusche, Gäste-WC, großes Wohnzimmer, alles grau gefliest mit weißen Wänden, Einbauküche fehlt noch. Elektrische Rolläden vor allen Fenstern, hübscher Kamin im Wohnzimmer – was will man mehr? Achso ja, nicht alleine wohnen. Nein, Schatzi zieht nicht mit ein. Aber Marie hat sich dazu entschieden. Soll heißen: Es gibt ein großes Wohnzimmer mit (noch nicht) Küche und jeweils ein eigenes Zimmer für jeden von uns. Wobei sie erst richtig einziehen wird, wenn sie mit ihrer Prüfung fertig ist.

Plus ein Gästezimmer (wer will?). Und einen ausgebauten Dachboden. Der ebenfalls erstmal unbewohnt bleiben wird. Schaun wir mal.

Steuerliche Gründe hatte ich erwähnt. Bis jetzt habe ich nur auf die Zinsen, die ich bis 2015 für meine Sparverträge bekommen habe, kräftig Steuern gezahlt. Worüber ich mich überhaupt nicht beschweren will. In 2016 und in 2017 musste ich überhaupt keine Steuern zahlen, da ich ja kein eigenes Geld verdient habe. Bei der Umwandlung von den Aktien in Kohle für das jetzige Haus habe ich den Jahreswechsel optimal ausnutzen können. Soll heißen: Meine Bank war so freundlich, mir für zwei Wochen eine nicht unerhebliche Summe zu leihen. Das hat mich zwar etwas über 300 € gekostet, allerdings habe ich dadurch rund 7.000 € Steuern gespart, die ich hätte zahlen müssen, wenn ich die ganze benötigte Aktienkohle auf einmal umgewandelt hätte (also innerhalb eines Kalenderjahres, Stichwort: Abgeltungssteuer).

Ein Teil der Kaufsumme wird über einen staatlichen Zuschuss für Niedrigenergiebau finanziert, ein weiterer Teil über einen fast zinslosen Kredit aus dem gleichen Stall. Weil: Es gibt einen Tilgungszuschuss und die jährlichen Zinsen sind deutlich niedriger als die Inflation. Es wäre also ungünstiger, keinen Kredit aufzunehmen, selbst dann, wenn die Kohle vorhanden ist. Klingt verrückt, ist aber so.

Wenn ich jetzt im Sommer einen Job annehme, um damit meine Facharztausbildung zu bekommen, werde ich voraussichtlich unter der Woche wieder woanders wohnen müssen. Und dafür wieder Miete an dem Ort zahlen müssen. Das ist aus steuerlicher Sicht aber günstiger, als wenn ich zwei Wohnungen miete. Eine am Arbeitsplatz und ein kuscheliges Nest an der Ostsee. Klingt auch verrückt, ist aber auch so. Aber wenn ich Marie wieder in meiner Nähe habe, habe ich schon gewonnen.

Was jetzt noch dringend fehlt, ist ein vernünftiger Zaun um das Grundstück, ein gepflasterter Carport und ein Treppenlift im Haus. Der Häuslebauer hatte wohl geplant, den Dachboden für sich zu nutzen und seinen behinderten Angehörigen nur ins Erdgeschoss zu lassen, aber das ist nichts für mich. Ich muss auch in das Obergeschoss kommen. Allerdings nehmen Plattformlifte, auf die man mit dem Rollstuhl drauf fahren kann, zu viel Platz weg und sind zu teuer. Vermutlich wird es also ein einfacher Treppenlift – und oben steht dann ein zweiter Rollstuhl. In den Keller muss ich hingegen nicht unbedingt. Angesichts des Preises (wird fünfstellig), überlegt man sich schon zwei Mal, ob man einen oder zwei Lifte einbauen lässt. Und nach unten und nach oben sind halt zwei Lifte.

Und dann freue ich mich auf den nächsten Sommer. Wenn ich mit dem Handbike zehn Minuten zum Strand brauche.

Ölwechsel und Glitzerstaub

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Ich habe zu Weihnachten von Maries Eltern eine Winterjacke geschenkt bekommen. Genauso wie Marie. Worüber ich mich sehr gefreut habe. Genauso wie Marie. Marie und ich haben jeweils dem anderen traditionell einen neuen Badeanzug geschenkt. Vielleicht schaffen wir es ab Sommer ja, mal wieder regelmäßig gemeinsam zu trainieren.

Von meinen Kolleginnen und Kollegen der letzten Station habe ich ein T-Shirt bekommen, auf dem steht: „Ich habe es mit Laufen versucht, aber es hat mir nicht gefallen.“ – Soll witzig sein (ich schreib es extra dazu, weil bisher alle nur müde gegrinst haben). Mal sehen, vielleicht steht demnächst mal wieder ein Ölwechsel oder eine Renovierung an, dann hätte ich auf jeden Fall schon mal die passende Kleidung.

Und von Schatzi? Ein Flausch-Onesie-Overall zum Loungen in dunkelrot, mit Flauschkapuze (diese jedoch zum Glück ohne Plüschohren). Der fühlt sich auf jeden Fall gut an. Einziger Nachteil ist natürlich, dass man zum Pinkeln obenrum erstmal alles ausziehen muss. Und einen Gutschein (keinen selbstgemachten, sondern einen offiziellen) von einem Sauna-Klub. Ja, richtig gelesen, keine Eintrittskarte für eine Therme (wohin ich sonst rollen würde, wenn ich nicht gerade bei und mit Marie im Garten saunieren kann), sondern er möchte mit mir in einen Sauna-Klub.

Ich habe natürlich erstmal weder Contenance noch Continence verloren, sondern mich nur überrascht gezeigt und ihn gefragt, was genau dort passiert. Er hat mir dann mit einem gewissen Funkeln in den Augen erzählt, dass er sich im Internet und telefonisch informiert hat, dass dort ausschließlich Paare hingehen (als Einzelperson kommt man nicht hinein), und dass es dort nicht nur eine Sauna-, sondern auch eine Badelandschaft mit märchenhaften Grotten, Whirlpools und Relaxräumen sowie einem großen Garten geben soll. Attraktiv ist aus seiner Sicht, dass man dort miteinander nicht nur küssen darf, was, so sind seine Worte, im Wasser gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität vielleicht noch die eine oder andere ungeahnte Möglichkeit bietet. Und nein, Partnertausch sei nicht zwingend vorgesehen.

Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, ob ich das wirklich will, habe das Geschenk aber erstmal als „spannend“ angenommen. Ich werde in den nächsten Tagen dazu noch ein wenig recherchieren…

Über Silvester bekommen wir von Marie und einer Freundin Besuch. Wir sind zur Zeit an der Ostsee und lassen uns den viel zu warmen Wind um die Nase pusten. Am morgigen letzten Tag des Jahres wollen wir Fondue machen, und entsprechend hatte ich für heute bereits Fleisch und Baguettes vorbestellt. Um elf Uhr sollte beides zum Abholen bereit sein, anschließend wollte ich Marie und Freundin vom Bahnhof der nächsten größeren Stadt abholen (nachdem Marie derzeit kein eigenes Auto hat – ein neues ist noch nicht ausgeliefert und bei ihrem alten hat das Automatikgetriebe bei 260.000 km den Geist aufgegeben).

Ich kam also gegen kurz vor zwölf Uhr bei der Fleischerei an und fragte nach meinem vorbestellten Fondue-Fleisch. Nein, das sei noch nicht fertig, man wollte es heute morgen frisch schneiden, aber es sei zu viel los gewesen. Ob ich es in etwa einer Stunde abholen könnte, wollte man wissen. An der Bedientheke arbeiteten drei Leute die anstehenden Kunden ab, etwa zehn warteten, im hinteren Teil des Raums lag auf einer Arbeitsplatte ein großes Stück Schweinefleisch, ich hätte es als nur bedingt sachkundige Person für die Oberschale, also ein Teilstück des Schinkens, gehalten. Das Stück Fleisch lag auf einem Schneidebrett und dieses Schneidebrett bedeckte den Namen „Müller“ auf einem Stück Papier so, dass man nur „Müll“ lesen konnte – was mir spontan ins Auge fiel.

Also erst zum Bahnhof und anschließend das Fleisch abholen. Dafür aber jetzt noch schnell zum Bäcker. Dort hieß es: „Also, wenn Sie um zwölf Uhr kommen, eine Stunde vor Ladenschluss, dann müssen Sie damit rechnen, dass keine Baguette-Brote mehr da sind.“ – „Deswegen hatte ich ja extra vorbestellt.“ – „Ja, aber nicht mehr um zwölf. Da haben wir die noch nicht abgeholten Vorbestellungen auch mit abverkauft.“ – „Ich hatte aber bereits bezahlt. Und hätte jetzt gerne meine Ware.“ – „Bei wem haben Sie das bezahlt?“ – „Bei Ihrer Kollegin. Etwa Eins-Sechzig groß, blond, blaue Brille.“ – „Haben Sie denn einen Beleg bekommen?“ – „Ja, Moment … hier.“ – „Das ist ein Kassenbon über drei Baguette-Brote. Die haben Sie an dem Tag gekauft.“ – „Jetzt ist es aber genug! Sie haben es verpeilt, dann wäre es wohl das Mindeste, sich zu entschuldigen.“ – „Sie kommen nicht von hier, oder? Das hört man. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und einen guten Rutsch“, sagte sie und hielt mir die Tür auf.

Okay, das war das letzte Mal, dass ich dort etwas gekauft habe. So eine blöde Schrippe! Da ich in den nächsten zwei bis drei Wochen dort nicht wieder hinfahre, lohnt es sich vermutlich auch nicht mehr, sich die Kollegin mit der blauen Brille zur Brust zu nehmen. In dem Ort, in dem meine Ostsee-Wohnung steht, gibt es gar keinen Bäcker, und in diesem nächsten Nachbarort zum Glück gleich drei. Ein Wechsel ist also angezeigt.

Marie und ihre Freundin kamen pünktlich mit dem Zug an. Die Freundin, die Fußgängerin ist, kümmerte sich um das Verladen unserer Rollstühle in den Kofferraum, was gerade bei zwei Rollstuhlfahrerinnen im selben Auto eine Erleichterung ist. Zur Fleischerei wollte sie auch schnell reinlaufen, aber ich wollte unbedingt dabei sein. Aus Gründen. Tatsächlich lag das Stück Fleisch dort immer noch genauso wie vor einer Stunde. Ungekühlt, ungeschützt, immer noch ein Teil des Namens auf dem Papier verdeckend. Mein Fondue-Fleisch war noch nicht fertig. Immerhin wollte man jetzt aber beginnen, es zu schneiden – und zwar aus diesem Stück Fleisch, das dort seit über einer Stunde ungekühlt auf der Arbeitsplatte lag.

„Moment mal bitte! Das Fleisch liegt da jetzt seit über einer Stunde bei Zimmertemperatur auf Ihrer Arbeitsplatte. Daraus möchte ich kein Fonduefleisch geschnitten haben.“ – „Das hab ich vor zwei Minuten aus der Kühlung geholt.“ – „Und wieder genauso auf das Stück Papier gelegt wie vor einer Stunde?“ – „Das weiß ich nicht, aber das habe ich eben gerade erst aus der Kühlung geholt.“ – „Okay, dann schneiden Sie bitte die ersten Stücke ab, füllen sie in die Tüte und lassen mich die Tüte bitte einmal anfassen.“ – „Wozu das denn?“ – „Ich möchte mich gerne davon überzeugen, dass das Fleisch in der Kühlung war, denn ich habe das anders wahrgenommen.“ – „Ich kann auch ein neues Stück aus der Kühlung holen, damit habe ich doch gar kein Problem!“ – „Sie brauchen mir doch nur einmal zu zeigen, dass das aktuelle Stück dort kalt ist.“

Konnte er wohl nicht. Er holte ein neues Stück. Worüber ich gar nicht nachdenken möchte. Als er die Verpackung öffnete, lief die gesamte darin enthaltene Flüssigkeit einmal quer über einen Leitz-Ordner mit Zetteln drin, der ebenfalls offen rumlag. Neben dem offenen Stück Fleisch. Was für eine Sauerei, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich möchte wetten, dass er das warme Stück Fleisch anschließend wieder in die Kühlung packt, sobald ich weg bin. Jedenfalls begann er nun damit, dünne Scheiben aus dieser frischen Oberschale zu schneiden. „Nur noch einmal zur Sicherheit: Ich wollte Fondue-Fleisch.“ – „Ist das keins?“ – „Das sind eher dünne Schnitzel. Vielleicht für Raclette. Fondue ist das mit der Gabel und dem heißen Topf.“ – „Ah, entschuldigen Sie, jetzt habe ich tatsächlich an Raclette gedacht. Aber Sie können das ja noch durchschneiden.“

Ich ließ ihn stehen und rollte ohne ein weiteres Wort nach draußen. Irgendwann ist meine Geduld auch mal am Ende. Marie rollte wortlos hinter mir her, die Freundin ebenfalls. Dreihundert Meter weiter ist ein Supermarkt mit Fleischerei. Normalerweise kaufe ich Fleisch nicht in Supermärkten, aber schlimmer konnte es nicht mehr werden. Ohne irgendein Problem und ohne vorbestellt zu haben, bekam ich an der dortigen Fleischtheke die Menge Fonduefleisch, die ich haben wollte.

„Kann ich sonst noch etwas Gutes für Sie tun?“, fragte der junge Mann hinter der Theke. Zum ersten Mal wurde ich heute freundlich bedient. Vielleicht war es doch ein Fehler, den lokalen Einzelhandel unterstützen zu wollen. Zumindest könnte der sich in diesem Punkt von dem Lebensmittel liebenden Filialbetrieb noch eine Scheibe abschneiden.

Bald ist ein neues Jahr. Ich wünsche euch mehr Liebe, Freundschaft und Wahrheit. Weniger Missgunst, Hass und Lüge. Ich wünsche euch mehr Sonne für die Herzen, und für Zwischendurch einen Schirm, mit dem es sich im Regen tanzen lässt. Ich wünsche allen, die im Moment nur graue Wolken sehen, dass sie schon ganz bald einen Regenbogen finden, an dessen Ende die Einhörner Glitzerstaub verteilen.

Wechseln, arbeiten, feiern

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Tatsächlich habe ich mir ein freies Wochenende erkämpft: Ich muss am Heiligen Abend keinen Stationsdienst schieben. Wie bereits im letzten Beitrag ausgeführt, drehen die hier ein wenig am Rad. Genau am Heiligen Abend ist allerdings auch der zweite von drei Teilen meines PJ zu Ende. Und die gute Nachricht: Die Klinik, in der ich bis Mitte April noch meinen Anteil „Innere Medizin“ machen werde, ist ein Lehrkrankenhaus einer anderen Universität und sieht die Sache wohl etwas lockerer. So scheint es zumindest auf den ersten Blick zu sein. Mein zuständiger Oberarzt meinte: „Wir erwarten Sie dann am 2. Januar um 7.45 Uhr.“

Während man an dieser Klinik noch diskutieren musste, ob man die Kleidung mit benutzen darf (und wir reden nicht vom Kittel, sondern von Hemd und Hose), ist da sogar das Mittagessen frei und es gibt Kohle. Nicht, dass ich die gerade bräuchte, aber rund 600 Kröten pro Monat sind besser als: Null.

Nächste gute Nachricht: Ab dem 1. August könnte ich einen Job haben. Wenn ich unterschreibe. Vertragsentwurf habe ich heute als PDF bekommen. Natürlich geht das nur, wenn ich meine Approbation bekomme, also meine letzte (mündliche) Prüfung im Mai oder Juni bestehe. Aber dann könnte ich ab August Vollzeit als Assistenzärztin in Weiterbildung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten. Erstmal für ein Jahr. Ich freue mich riesig. Das, was ich bisher gesehen und gehört habe, war alles toll. Ich darf auch vorher nochmal hospitieren. Man sucht offenbar händeringend und wollte mich eigentlich schon im Mai oder Juni haben. Aber nix da: Da werde ich mich mal so richtig entspannen.

Ich bin über Weihnachten bei Marie und ihren Eltern eingeladen. Anschließend werde ich mit Schatzi ein paar Tage an der Ostsee verbringen, bevor Marie und eine weitere Freundin am Silvestertag dazu kommen und wir es krachen lassen. Nein, kein Besäufnis. Und auch keine Osteuropa-Böller. Sondern exzessive Mini-Party.