Herz und Spucke

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Seit Montag habe ich eine neue Stelle. Ja, mein zweites Jahr in Weiterbildung beginnt. Nach einem Jahr Pädiatrie will ich nun ein Jahr lang in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Danach, also in einem Jahr, muss ich mich entscheiden, ob ich Kinderärztin oder Kinderpsychiaterin werden möchte. Vereinfacht ausgedrückt.

Die ganze Klinik ist sehr wohnlich eingerichtet. Ich bin in einem vollstationären Bereich, das heißt, dass die Menschen, die dort behandelt werden, auch dort schlafen. Akute Suchtproblematiken und akute Psychosen sind ein Ausschluss-Kriterium für die Station, auf der ich zunächst eingesetzt werden soll. Der Kreis der Kolleginnen und Kollegen ist deutlich kleiner als in dem Haus davor, allerdings ist die Chefärztin sehr bekannt und sehr gefragt. Sie hat sich auch bereits sehr loyal mir gegenüber verhalten.

Mein Job war es, bei einer jungen Patientin, die regelmäßig extreme Wutausbrüche bekommt und dabei dann auch sich selbst verletzt, zum Beispiel, indem sie ihren Kopf gegen die Wand schleudert, eine körperliche Untersuchung zur Aufnahme durchzuführen. Der Vater, selbst Arzt, war nicht dabei. Ich hatte echt Schiss, dass das Mädchen ausrastet, während ich mit ihr alleine bin, aber komischerweise war die Patientin total lieb und kooperativ. Ganz ruhig, ließ alles mit sich machen, fragte mich sogar, warum ich im Rollstuhl sitze und ob ich noch lerne oder schon ausgelernt hätte. Als ich ihr Herz abhörte, bat ich sie, einen Moment lang ruhig zu sein und sogar auch, einen Moment lang mal die Luft anzuhalten. Es gab überhaupt keine Probleme. Anders als der Vater das vorher berichtet oder zumindest befürchtet hatte.

Ich weiß nicht, warum, aber es ist Fakt, dass ich offenbar ein sehr feines Gehör habe. Und oft Dinge höre, die Kolleginnen und Kollegen nicht hören. Jene Kolleginnen und Kollegen, die dafür zum Autofahren keine Brille brauchen. So war es auch bei diesem Mädchen: Immer, wenn ihr Herz sich anspannt und beginnt, das Blut in die Aorta zu pumpen, also in diesem Sekundenbruchteil, hörte ich an der Pulmonalklappe ein ganz kurzes, schrilles Fiepen. Die Pulmonalklappe ist diejenige Herzklappe, die verhindert, dass Blut aus der Lungenarterie zurück in die rechte Herzkammer fließt. Die Pulmonalklappe besteht aus drei halbmondförmigen Taschen, und wenn die nicht richtig schließen, führt das leicht zu einer dauerhaften Überlastung des Herzmuskels.

Ganz zu Anfang war ich mir nicht sicher, was ich da höre. Es war so, dass ich dachte, irgendwo außerhalb des Raums fiept ein Hundewelpe. Immer einmal kurz. Gerade so eben zu hören. Und auch nicht bei jedem Herzschlag. Und auch nicht von der Atmung abhängig. Ich nahm einen Ohrbügel meines Stethoskops aus meinem Ohr, um genau zu wissen, woher das Geräusch kam. Nein, kein Zweifel, das war kein fiepender Welpe, das war ein Herzgeräusch. Ich hörte auch noch auf die Lunge, dann fragte ich das Mädchen, ob alles in Ordnung war. Sie nickte. Ich sagte: „Ich bin ja noch ganz neu hier, hast du was dagegen, wenn meine Kollegin auch einmal dazukommt und guckt, ob ich alles richtig gemacht habe?“ – Nö, alles war entspannt. Die Stationsärztin hörte nichts. Auch ein Ultraschall, leider nur ein ganz einfaches, war unauffällig. Das EKG zeigte auch keine Besonderheiten.

Zusammen mit meiner Kollegin suchten wir nach der Untersuchung den Vater auf. Er meinte gleich, dass mir die Erfahrung fehlen würde und seine Tochter gesund sei. Er wolle sie selbst auch nochmal abhören. Und während ich vorher meine Kollegin dazu holte, weil ich unerfahren war, schnaubte er gleich los: „Was soll hier sein?“ – Und kaum drehte er so auf, flippte die Tochter wieder aus. Eine Stunde lang war sie ruhig. Spricht Bände, finde ich. Die Chefärztin kam auch dazu und der Vater sagte schon im Reinkommen: „Die noch unerfahrene Kollegin in Fortbildung will bei meiner Tochter ein Diastolikum auskultiert haben.“

Sehr freundlich. Als würde ich es mir ausdenken, um Aufmerksamkeit zu bekommen. „In Fortbildung“ ist von einem Kollegen fast schon eine Beleidigung, da es eigentlich „in Weiterbildung“ heißt. Aber egal. Wie gesagt, meine Chefin ist sehr loyal mir gegenüber und faltete erstmal den blubbernden Kollegen zurecht: „Erstmal heißt es ‚Guten Tag'“, sagte sie. Er zog erstmal den Kopf ein. Das hat richtig gesessen und dafür hab ich sie echt gefeiert in dem Moment. Sie hat zwar auch nichts gehört, aber ein Kinderkardiologe hat später festgestellt, dass ich recht hatte. Allerdings kann es gut sein, dass das nur ein vorübergehendes, wachstumsbedingtes Phänomen ist. In drei Monaten soll das Mädchen sich noch einmal vorstellen.

Im Moment ist ohnehin der Wurm drin. Vor knapp drei Wochen hatte ich mal wieder eine Spuck-Attacke. Ich fahre nicht mehr oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber manchmal bietet es sich einfach an, auch bei uns im ländlichen Ostseeraum. Der Bus fährt stündlich, entsprechend voll war er. Kurz vor dem Aussteigen will eine junge Frau unbedingt an mir vorbei, versucht, mir dafür über den Schoß zu klettern und stützt sich dabei auf meine Schulter auf. Davon abgesehen, dass ich weder ihren Hintern vorm Gesicht haben noch angefasst werden möchte, besteht die ernsthafte Gefahr, dass wir alle mitsamt dem Rollstuhl umkippen. Entsprechend bitte ich sie, kurz zu warten, und als sie es besser weiß, auch energischer, die Finger wegzunehmen. Als sie zum vierten Mal ansetzt, schubse ich sie zurück. Kurz danach geht die Tür auf, sie spuckt mir ins Gesicht und rennt davon. Einige Leute stehen mit offenem Mund daneben. Weg ist sie. Ich zittere vor Wut.

Nein, nicht alle Menschen sind so. Im Gegenteil. Menschen wie sie sind die Ausnahme. Und ausnahmsweise auch mal sehr doof. Zwei Wochen später stand ich nämlich am letzten Freitag mit Otto an der Bushaltestelle, an der wir letztes Mal ausgestiegen sind. Im Auto warteten wir auf den Bus. Kurz bevor er ankam, setzte ich mich in den Rollstuhl. Otto stellte sich so hin, als wollte er an der hinteren Tür einsteigen. Ich stellte mich seitlich neben den Unterstand, so dass sie mich erst sehen würde, wenn sie ausstieg. Und was soll ich sagen? Sie stieg aus. Von einer Sekunde auf die nächste bekam ich Puls.

Bevor sie mich sah, rief ich Otto zu: „Lila Mütze!“ – Otto trat neben sie: „So, einen Moment mal bitte! Sie kennen die Rollstuhlfahrerin, die dort steht?“ – Die Frau wollte weglaufen, Otto hielt sie allerdings am Arm fest. „Sie sind vorläufig festgenommen. Und wenn Sie hier groß rumtanzen, liegen Sie gleich im nassen Laub und haben eine Acht auf dem Rücken. Klar?“ – Ob es am Überraschungseffekt lag oder ob Otto einen festen Handgriff hatte, weiß ich nicht. Sie blieb jedenfalls stehen. „Ich möchte, dass Sie sich ausweisen, dann können Sie sofort weiter. Wenn Sie sich nicht ausweisen, warten wir hier gemeinsam auf die Polizei. Können Sie sich überlegen.“

Sie überlegte einen Moment. Dann wollte sie an ihre Handtasche. Otto griff an ihr Handgelenk. „Ist der Ausweis in der Tasche? Darf ich reinschauen? Nicht, dass Sie hier noch ein Messer auspacken.“ – „Da ist kein Messer drin.“ – „Ja, das sagen immer Alle.“ – Sie zuckte mit den Schultern und gab Otto die Tasche. Otto fand die Geldbörse, fand den Ausweis, ich notierte mir die Daten. Als er ihr den Ausweis zurückgab, sagte er: „Sie bekommen dann demnächst offizielle Post. Schönen Tag noch.“

Jo. Der Junge hat seinen Job gelernt. Ich bin ihm so dankbar. Meine Anwältin meinte, ein Bruttomonatsgehalt sei wohl fällig. Und um die 500 Euro Schmerzensgeld an mich wohl auch. Bleibt zu hoffen, dass das verfolgt und nicht etwa als Bagatelle eingestellt wird.

Oktoberfest 2019

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Fünf Jahre nach meinem letzten Besuch auf der Wiesn habe ich tatsächlich noch einmal zugestimmt, mit Emma und Paula über das Oktoberfest zu rollen. Ich finde es inzwischen schon schlimm, in Hamburg über den Kiez zu ziehen, weil mir das Massenbesäufnis inmitten halbstarker Jugendlicher nicht mehr so liegt. Vermutlich bin ich inzwischen zu alt für sowas geworden.

Helena und Marie hatten sich mit Susi und Otto verabredet und nahmen mich mit nach Hamburg, so dass ich mir die umständliche Fahrt dorthin mit Überlandbus und Regionalzug sparen konnte. Der erste Zug, für den ich mir einen Sitzplatz und eine Einstiegshilfe bestellt hatte, hatte leider einen Defekt des einzigen barrierefreien WC, so dass die Zugchefin kurzerhand entschied: Stinkesocke fährt nicht mit! Die Mitarbeiterin, die mir mit der Rampe in den Zug helfen sollte, organisierte mir kurzfristig eine Reservierung für den nächsten Zug in einer Stunde. Dessen Bereitstellung dauerte schonmal 30 Minuten länger als geplant, und wäre ich böswillig, würde ich behaupten, man musste erstmal das barrierefreie WC in Gang setzen. Aber ich bin nicht böswillig. Also behaupte ich: Ich weiß nicht, warum die Bereitstellung solange dauerte.

Irgendwann saß ich im Zug, irgendwann schlief ich einige Stunden, irgendwann wachte ich wieder auf, irgendwann kam ich in München an. Emma und Paula holten mich vom Zug ab. Ich hatte sie so lange nicht gesehen und mich riesig auf unser Wiedersehen gefreut. Nach einem gemeinsamen Abendessen fuhren wir in unser Hotel. Ein aufgebettetes Zweibettzimmer bekamen wir, sprich: Auch das Sofa war beschlafbar, wie der Mensch an der Rezeption sich ausdrückte. Wir schliefen allerdings zu dritt auf einer Kingsize-Matratze. Und ich in der Mitte.

Das Oktoberfest ist nicht meins. Nach wie vor nicht. Aber ich mache mit. Feiere mit. Trinke auch eine Maß Bier. Bewundere schöne Mädels im Dirndl, knackige Jungs in Lederhosen, finde die Blasmusik viel zu laut, hänge intensiv der Frage nach, ob der alte Peter noch am Petersbergerl steht und bereue, meine Ohrstöpsel nicht mitgenommen zu haben. Emma und Paula finden den Carpenter-Effekt interessant, der offenbar eine Rolle spielt, wenn jemand gähnt und drei andere empathische Menschen dasselbe tun. Wir fragen uns, ob es auch mit Empathie zusammenhängt, wenn andere Kotzen, nur weil ein anderer Gast mit Eins-Acht im Turm schonmal vorgekotzt hat. Die zelteigene Feuerwehr kommt mit dem Abstreuen des Mageninhalts auf dem Boden schon gar nicht mehr hinterher, als ich aufgeklärt werde, dass der alte Mann, der zwei Reihen weiter vor dem Biertisch seine Lederhose vorn aufgeklappt hat und an seinem Gehstock entlang auf die Erde uriniert, ein „Stockbrunzer“ ist.

Nach so viel Kultur und einer Fahrt mit der Achterbahn, in die mich ein deutlich alkoholisierter Typ hineintragen wollte, bevor Emma sich mich nicht aus ihren Armen nehmen ließ, fuhren wir zurück ins Hotel und am nächsten Morgen stand die Heimreise schon wieder an. Auch wenn ich dem Oktoberfest noch immer nichts abgewinnen kann: Das Wiedersehen mit meinen beiden Halbschwestern war eine Reise wert! Und um auch diese Frage noch zu beantworten: Zwei halbe Schwestern sind deutlich mehr als eine ganze.

Beratungsbesuch

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Inzwischen kennen wir das ja schon: Zu uns nach Hause kommt regelmäßig das Jugendamt, um sich ein Bild davon zu machen, wie es Helena geht. Ein erster Termin fiel wegen Krankheit der Mitarbeiterin aus, nun, zum zweiten Termin, erschien eine Kollegin, die wir noch nicht kannten. Schätzungsweise um die 60 Jahre alt, hatte vor dem Termin im Auto erstmal geraucht und zog nun eine Fahne aus Parfüm und Zigarettengeruch hinter sich her. Auch wenn Helena ungewohnt schüchtern, fast schon ängstlich ihr gegenüber war, war die Frau eigentlich in Ordnung.

Sie wollte Helenas Zimmer sehen, was sie anlässlich des Besuchs aufgeräumt hatte, so dass es nicht aussah wie ein tapezierter Bombentrichter. Sie fragte, ob sie in ihren Kleiderschrank schauen dürfe. Das kannten wir noch nicht. Helena zuckte mit den Schultern und öffnete alle Türen. Dann wollte sie von Helena wissen, welches ihr derzeitig größtes Problem sei. Sie stellte aktiv die Frage, ob Helena umziehen und von hier weg möchte, was ich immer wieder verstörend finde, aber natürlich vollends verstehe, weil Kinder so einen Wunsch im Zweifel ja nicht selbst ansprechen würden. Es ist aber auch schwierig, zu verstehen, dass das Amt mit dieser Frage keine weiteren Hintergedanken verfolgt. Bei den ersten Malen dachte Helena gleich, man wolle ihr da was in den Mund legen.

Helena zeigte freiwillig ihr letztes Zeugnis und einige Handyfotos und Videoclips vom Reiten, Schwimmen und Handbiken, dann hatte die Dame es auch schon fast wieder eilig. Eigentlich dient so ein Besuch auch unserer Beratung, dafür war gar keine Zeit. Aber es war auch gar kein Bedarf da. Wir würden in den nächsten Tagen eine Abschrift des Berichts bekommen, den sie anfertigen müsse. Ich vermute, dass auch dieses Mal alles in bester Ordnung sein wird.

Auch wenn ich Stolz und Eigenlob nicht so mag, so bin ich doch sehr froh und sehr glücklich, dass Marie und ich trotz anfänglicher Zweifel, ob wir das schaffen würden, diesen Weg gegangen sind und diese Herausforderung angenommen haben. Ich weiß, dass es auch ganz anders laufen kann, aber: Wir bereuen die Entscheidung zu keiner Sekunde. Helena bereichert unser beider Leben sehr, im Übrigen auch das von Maries Eltern, und wir sind stolz, ihr etwas Halt geben zu können. Auch wenn es nicht einfach ist, mit zwei Menschen im Schichtdienst in so klaren und geregelten Strukturen zu leben, die ein Kind gerne hätte; die Erfahrungen, die wir mit Helena machen, und die sehr überwiegend positiv sind, bereichern unser Leben sehr.

Marmelade

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Eigentlich wollte ich heute ganz viel Positives schreiben, einige schöne Ostseefotos posten … nee. Ich warne schonmal vor: Wer ohnehin schon genervt ist, sollte sich vielleicht vorher und rechtzeitig eine Tischkante zum Reinbeißen suchen. Ich bin auch Tage danach noch schwer genervt. Marie auch. Helena sowieso. Es macht einfach nur fassungslos.

Helena kam am Freitag vom Einkaufen zurück. Es war ihr irgendwie wichtig, das alleine zu machen. Also zum Wochenende noch alles das zu holen, was wir nicht vorher einkaufen konnten. Das Meiste hatten wir schon mit dem Auto geholt, aber Frisches und Vergessenes fehlte noch. Zudem hatten sich Susi und Otto kurzfristig angekündigt. Helena hatte sich einen großen Rucksack geschnappt, ihn an ihren Rolli gehängt und war losgeflitzt.

Sie heulte Rotz und Wasser. Sie war richtig außer sich. Was ich einerseits gut fand, weil sie sich früher auch schnell gleichgültig und distanziert gegeben hat; andererseits möchte ich natürlich nicht, dass es ihr so schlecht geht. „So eine verfluchte Scheiße“, schimpfte sie. Ich bat ihr meinen Schoß an. Sie kam sofort, setzte sich auf mich und drückte ihr Gesicht gegen meine Schulter. Ich streichelte ihr erstmal den Rücken. Fragte nicht, was los war. Sie würde das ohnehin gleich erzählen, wenn sie sich etwas beruhigt hatte.

Ich machte mir so meine Gedanken. Geld vergessen? Dann würde sie nicht so ausrasten. Sondern zurückkommen, einmal erwähnen, dass sie verplant ist, und wieder abhauen. Es musste irgendwas vorgefallen sein. Hatte sie jemand geärgert? Bevor ich weiter überlegen konnte, platzte es aus ihr heraus: „Ich hab voll den Scheiß gemacht! Und bin bei [Supermarkt] rausgeflogen. Die waren so gemein zu mir. Ich habe was runtergeschmissen und dann war da einer vom Personal, der hat erst über mich gelacht und anschließend gesagt, ich soll den Laden verlassen, bevor noch mehr passiert. Ich bin eine Zumutung.“

„Was?! Das hat er gesagt?“ – „Ja.“ – „Das ist ja unglaublich.“ – „Das ist nicht gelogen!“ – „Ich habe es unglücklich ausgedrückt. Ich meinte nicht, dass ich dir nicht glaube, sondern dass das ein unglaublich schlimmes Verhalten ist. Und er hat wirklich darüber gelacht, dass dir was runtergefallen ist?“ – „Nein. Ich hab ihn gefragt, ob er mir ein Glas von oben aus dem Regal holen kann, weil das da so bescheuert gestapelt war. Und da meinte er, ich soll doch das von unten nehmen und ist weggegangen. Aber das war was anderes und das wollte ich nicht. Und dann hab ich mich hingestellt und mich festgehalten und dann kam ich auch da oben ran. Ich hab aber nicht gesehen, dass in der Reihe dahinter auch noch Gläser oben drauf gestapelt waren. Und die kamen dann mit runter. Wie eine Lawine. Ich hab vor Schreck die Hände hochgenommen, konnte mich nicht mehr halten, bin umgekippt, hab mich da voll auf die Fresse gelegt, der ganze Mist ist auf mich drauf gefallen. Und dann kam der Mitarbeiter wieder um die Ecke und hat mich ausgelacht. Und dann bin ich wieder aufgestanden, ein Mann hat mir seine Hand gegeben und gesagt, ich soll mir nichts draus machen, der Supermarkt ist dagegen versichert. Und dann bin ich raus. Und draußen hab ich dann gemerkt, dass ich mich dabei dem Sturz auch noch angepinkelt habe, aber wahrscheinlich hat das in der schwarzen Leggings niemand gesehen.“

„Und dann setzt du dich mit deinem nassen Po auf meinen Schoß?“ – „Ja, das ist jetzt erstmal nicht so wichtig“, weinte sie. Das hat sie also so entschieden. Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Helena, hör mir mal zu: Wenn du was kaputt machst, dann können wir das entweder so bezahlen oder wir haben dafür eine Versicherung. Das kann und darf jedem passieren. Das ist überhaupt kein Problem, solange du nichts mutwillig kaputt machst.“ – „War es nicht.“ – „Ich weiß. Und den Rest: Ich fahre da jetzt hin und mach den Typen rund. So geht niemand mit dir um, schon gar keiner, der unser Geld damit verdient. Möchtest du mitkommen oder soll ich alleine fahren?“ – „Ich komme mit. Jetzt sofort?“ – „Erst was Trockenes anziehen. Und dann fahren wir mit unseren Handbikes hin?“ – „Ja. Und du reißt ihm so richtig den Ar*** auf?“ – „So richtig. Sowas geht nicht.“ – Helena holte sich ein Taschentuch, putzte sich die Nase und lächelte vorsichtig.

Marie war arbeiten. Ich hätte sie gerne als moralische Unterstützung dabei gehabt. Wenn das jetzt der Schicht- oder gar Marktleiter war … aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Helena und ich kamen in den Markt und steuerten direkt auf eine Situation zu, die dem ganzen Vorfall noch eine Krone aufsetzte. Offensichtlich derjenige, der sich eben schon so unmöglich benommen hatte, ein Jugendlicher, geschätzt 16 Jahre alt, stand mit zwei gleichalten Jungs an einem Getränkeregal und spielte offenbar die Szene mit Helena nach. Die Füße und Knie nach innen gedreht und die Arme wie zur Balance auf einem Drahtseil ausgebreitet, stolperte er durch den Gang und sagte mit verstellter Stimme: „Kannst du mir mal einen runterholen? Warte, ich machs mir selbst.“ Und dann nahm er drei Dosen und begann damit zu jonglieren. Helena guckte ihn mit großen Augen an, er hatte uns noch nicht bemerkt. Ich hatte genug gesehen, fuhr so dicht an ihn heran, dass er bei nächster Bewegung gegen meinen Rollstuhl stoßen würde. Er fing die Dosen auf und ich sagte: „Ich hoffe, du findest neben deinen Privatvorstellungen noch Zeit, mir zu sagen, wo dein Chef sich gerade aufhält.“

Er sah mich, sah Helena, und konnte sich wohl den Rest zusammenreimen. „Dahinten irgendwo“, sagte er kleinlaut. Ich setzte meine ernsteste Miene auf und sagte: „Hättest du dann vielleicht die Güte, mich zu ihm zu bringen?“ – Er trottete vorweg. Der Chef saß in seinem Büro, das sich hinter einer Schiebetür mit ein paar sich anschließenden Stufen befand. Womit er beschäftigt war, konnte ich nicht sehen, aber er kam gleich hinaus. Der merkwürdige Mitarbeiter ging in die Richtung seiner Getränke zurück. „Wie kann ich helfen?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Ich bin mit Helena zurückgekommen, um den Schaden von vorhin zu regulieren. Da sind wohl ein paar Marmeladengläser zu Bruch gegangen.“ – „Achso. Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber das wäre nicht nötig gewesen. Das macht ja niemand mit Absicht.“ – „Achso. Also hat sich die Lage wieder beruhigt?“ – „Ich habe das gar nicht mitbekommen, aber hier fällt so viel runter am Tag, das sammeln wir gleich wieder auf und dann ist gut.“ – „Also kein Hausverbot?“ – „Nein, um Himmels Willen. Dann hätten wir ja bald keine Kunden mehr.“

„Ihr Mitarbeiter hat Helena des Ladens verwiesen.“ – „Wann? Heute?“ – „Ja, vor einer Stunde etwa. Der Kollege, der uns gerade zu Ihnen geführt hat. Er meinte, Helenas Anwesenheit sei eine Zumutung für dieses Geschäft.“ – „Nein. Das hat er gesagt?“ – Helena antwortete: „Ja. Und er hat sich über mich lustig gemacht. Weil ich nicht an die Gläser rangekommen bin und mir das alles auf den Kopf gefallen ist.“ – „Haben Sie sich verletzt?“ – „Nein.“ – „Wenn das für Sie zu hoch ist, können Sie auch immer jemanden fragen. Wir helfen Ihnen gerne.“ – Das war die nächste Steilvorlage: „Ihr Kollege soll das abgelehnt und Helena auf ein anderes Produkt unten im Regal verwiesen haben.“ – „Ich werde wahnsinnig“, seufzte der Marktleiter und ging in sein Büro. Der Mitarbeiter wurde ausgerufen und kam kurz danach angetrottet. Inzwischen mit hochroten Ohren.

Eins rechne ich ihm jedoch an. Er sagte: „Chef, kann ich Sie mal kurz unter vier Augen sprechen? Ich habe Mist gebaut.“ – Der Chef sagte: „Ich bin gleich wieder da“, und verschwand mit ihm im Büro. Nach fünf Minuten ging die Schiebetür auf. Der junge Mann kam tränenüberströmt raus, ging auf Helena zu und streckte ihr die Hand hin. „Ich möchte mich entschuldigen“, sagte er. Helena drehte sich weg und sagte: „Nee. Das können Sie sich abschminken. Sie beleidigen mich bis auf die Knochen und jetzt haben Sie Angst um den Job? Vergessen Sie es.“ – „Dann eben nicht“, sagte er und verschwand. Ich musste mich zusammenreißen, nicht mit dem Kopf zu schütteln: Dann eben nicht – genau.

Der Marktleiter kam hinterher und sagte leise: „Herr […] ist eine Aushilfe und packt einmal pro Woche Getränke auf. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, und ich darf im Einzelnen nicht darüber reden, nur soviel: Ich beschäftige ihn, weil ich ihm eine Chance geben möchte. Wie gesagt, Einzelheiten darf ich nicht sagen. Ich habe gewusst, dass das nicht einfach sein wird, als er hier angefangen hat, aber ich vermute, dass er zu Hause … ach, ich weiß es nicht, warum er sowas tut. Es geht auf jeden Fall nicht. Ich hatte ihn zuerst nur im Lager, an zwei Nachmittagen, wenn wir Ware bekommen haben, und dort hatte er mir viel Grund zu Optimismus gegeben, so dass ich ihn zuletzt auch im Laden beschäftigt habe. Das war offensichtlich ein Fehler. Mein Fehler. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn jetzt wieder ins Lager zurückversetze oder ob ich mich ganz von ihm trenne. Ich bin wirklich sprachlos. Helena, nehmen Sie denn meine Entschuldigung an?“, sagte er und streckte ihr die Hand aus. Sie guckte mich an, dann gab sie ihm die Hand.

Irgendwas im Rahmen einer Bewährung? Irgendwelche Sozialstunden? Wobei Supermarkt ja nun weniger mit Sozialer Arbeit zu tun hat. Oder schon woanders rausgeflogen. Egal. Ja, ich bin unbedingt dafür, Menschen eine zweite Chance zu geben. Aber ich bin auch der Meinung, dass so ein Verhalten sanktioniert werden muss. Helena hat das mit ihren 13 Jahren schon sehr richtig gesehen, dass er wohl eher deshalb plötzlich so kleinlaut war, weil er Angst um seinen Job hatte, als dass er Reue zeigte. So habe ich das jedenfalls auch wahrgenommen.

Wir waren gerade mal zwei Stunden wieder zu Hause, da klingelte ein Nachbar aus der Parallelstraße an unserer Tür. Ich öffnete. „Ich habe hier was für Helena angenommen. Da kam eben ein Taxi, die Fahrerin stieg aus und fragte, ob ich wüsste, wo hier in der Straße eine Helena im Rollstuhl wohnt. Ich habe es an mich genommen und gesagt, ich liefere es ab. Ich wollte die genaue Adresse nicht rausgeben. Man weiß ja nie.“ – Es war ein in Folie eingewickelter Korb mit jeder Menge Süßigkeiten, Kerzen, Shampoo und in der Mitte einem kleinen Plüsch-Affen. An dem Plüsch-Affen war ein Briefumschlag befestigt, darin eine Postkarte und ein Einkaufsgutschein über 30 Euro. Auf der Postkarte stand: „Liebe Helena, ich wünsche mir, dass Sie trotz allem meine Kundin bleiben, und bitte Sie noch einmal aufrichtig um Entschuldigung für das, was Sie heute in meinem Geschäft erleben mussten. Ich verspreche Ihnen, dass das niemals wieder vorkommt.“

Vom Marktleiter unterschrieben. Ich weiß zwar noch nicht, woher der unsere (ungefähre) Adresse hat, allerdings kennt in einem Dorf immer irgendjemand irgendwen. Wie furchtbar. Ich hoffe nur, dass der doofe Mitarbeiter jetzt nicht auch weiß, wo Helena wohnt. Das macht mir etwas Angst. Immerhin wusste keiner, dass Helena Diabetikerin ist und deshalb die ganzen Süßigkeiten wohl noch drei Jahre vorhalten werden.

Ich vermute sehr stark, dass dieser junge Mitarbeiter sehr viel Dominanz zu Hause erlebt hat. Und sich derzeit nur cool fühlen kann, wenn er andere Menschen dominiert. Ich halte das für sehr gefährlich und würde wohlwollend empfehlen, dem Jungen nicht nur mit einem Arbeitsplatz im Lager helfen zu wollen, sondern ihm mal professionelle Hilfe zukommen zu lassen.

Und Helena? Sah den Korb und fragte zuerst: „Woher haben die unsere Adresse?“ – Ich zuckte mit den Schultern. Und dann: „Ist das alles für mich? Okay, das scheint dem Chef dann aber richtig peinlich gewesen zu sein. Aber richtig so. Ist dir aufgefallen, dass er mich gesiezt hat? Das war richtig komisch. Aber damit ist das jetzt dann auch erledigt. Echt, Jule, als du angefangen hast, wir wollen den Schaden bezahlen, wäre ich fast geplatzt. Aber dann hab auch ich Dussel den Trick verstanden. Jedenfalls danke, Jule.“

Ich bekam einen Kuss auf die Wange. Das war das allererste Mal, dass sie sich bei mir für etwas direkt bedankt hat. Ich sag ja: Unsere Große wird erwachsen.