Oktoberfest 2019

3 Kommentare1.477 Aufrufe

Fünf Jahre nach meinem letzten Besuch auf der Wiesn habe ich tatsächlich noch einmal zugestimmt, mit Emma und Paula über das Oktoberfest zu rollen. Ich finde es inzwischen schon schlimm, in Hamburg über den Kiez zu ziehen, weil mir das Massenbesäufnis inmitten halbstarker Jugendlicher nicht mehr so liegt. Vermutlich bin ich inzwischen zu alt für sowas geworden.

Helena und Marie hatten sich mit Susi und Otto verabredet und nahmen mich mit nach Hamburg, so dass ich mir die umständliche Fahrt dorthin mit Überlandbus und Regionalzug sparen konnte. Der erste Zug, für den ich mir einen Sitzplatz und eine Einstiegshilfe bestellt hatte, hatte leider einen Defekt des einzigen barrierefreien WC, so dass die Zugchefin kurzerhand entschied: Stinkesocke fährt nicht mit! Die Mitarbeiterin, die mir mit der Rampe in den Zug helfen sollte, organisierte mir kurzfristig eine Reservierung für den nächsten Zug in einer Stunde. Dessen Bereitstellung dauerte schonmal 30 Minuten länger als geplant, und wäre ich böswillig, würde ich behaupten, man musste erstmal das barrierefreie WC in Gang setzen. Aber ich bin nicht böswillig. Also behaupte ich: Ich weiß nicht, warum die Bereitstellung solange dauerte.

Irgendwann saß ich im Zug, irgendwann schlief ich einige Stunden, irgendwann wachte ich wieder auf, irgendwann kam ich in München an. Emma und Paula holten mich vom Zug ab. Ich hatte sie so lange nicht gesehen und mich riesig auf unser Wiedersehen gefreut. Nach einem gemeinsamen Abendessen fuhren wir in unser Hotel. Ein aufgebettetes Zweibettzimmer bekamen wir, sprich: Auch das Sofa war beschlafbar, wie der Mensch an der Rezeption sich ausdrückte. Wir schliefen allerdings zu dritt auf einer Kingsize-Matratze. Und ich in der Mitte.

Das Oktoberfest ist nicht meins. Nach wie vor nicht. Aber ich mache mit. Feiere mit. Trinke auch eine Maß Bier. Bewundere schöne Mädels im Dirndl, knackige Jungs in Lederhosen, finde die Blasmusik viel zu laut, hänge intensiv der Frage nach, ob der alte Peter noch am Petersbergerl steht und bereue, meine Ohrstöpsel nicht mitgenommen zu haben. Emma und Paula finden den Carpenter-Effekt interessant, der offenbar eine Rolle spielt, wenn jemand gähnt und drei andere empathische Menschen dasselbe tun. Wir fragen uns, ob es auch mit Empathie zusammenhängt, wenn andere Kotzen, nur weil ein anderer Gast mit Eins-Acht im Turm schonmal vorgekotzt hat. Die zelteigene Feuerwehr kommt mit dem Abstreuen des Mageninhalts auf dem Boden schon gar nicht mehr hinterher, als ich aufgeklärt werde, dass der alte Mann, der zwei Reihen weiter vor dem Biertisch seine Lederhose vorn aufgeklappt hat und an seinem Gehstock entlang auf die Erde uriniert, ein „Stockbrunzer“ ist.

Nach so viel Kultur und einer Fahrt mit der Achterbahn, in die mich ein deutlich alkoholisierter Typ hineintragen wollte, bevor Emma sich mich nicht aus ihren Armen nehmen ließ, fuhren wir zurück ins Hotel und am nächsten Morgen stand die Heimreise schon wieder an. Auch wenn ich dem Oktoberfest noch immer nichts abgewinnen kann: Das Wiedersehen mit meinen beiden Halbschwestern war eine Reise wert! Und um auch diese Frage noch zu beantworten: Zwei halbe Schwestern sind deutlich mehr als eine ganze.

Ganz viel Müll

8 Kommentare2.424 Aufrufe

Paula und ich sind am letzten Freitag rechtzeitig um 4.30 Uhr bei mir losgefahren, um Emma vom Bahnhof abzuholen. Sie hatte einen Nachtzug genommen und wir hatten vereinbart, uns um 7 Uhr morgens am bisherigen Wohnort unseres verstorbenen Vaters zu treffen. Weil noch kein Berufsverkehr war, hoffte ich, mit zweieinhalb Stunden für die rund 300 Kilometer auszukommen. Da es fast nur Autobahn war, müsste es funktionieren.

Eine Baustelle kam nach der nächsten, kaum fuhren wir mal 120 km/h, wurden wir auch schon wieder auf Tempo 80 oder sogar nur 60 km/h ausgebremst. Schon für die ersten 100 Kilometer brauchten wir über eine Stunde. Doch dann war die Strecke frei, gut ausgebaut, freie Sicht – was will man mehr? Mit Tempomat fährt es sich sehr entspannt. Irgendwann fragte Paula: „Sag mal, fahren wir wirklich die ganze Zeit 200? Wenn ich da an meine Karre denke, die ist schon bei 130 dreimal so laut. Und kommt selbst bergab bei Rückenwind nicht über 160. Das ist voll entspannt.“ – „Im Moment sind Winterreifen drauf, daher ist es sogar etwas lauter. Aber ich bin auch sehr zufrieden.“ – Bei 200 km/h hört man nur Wind- und Abrollgeräusche. Der Motor schnurrt bei rund 2.300 Umdrehungen im 9. Gang leise vor sich hin.

Um 6.50 Uhr standen wir vor dem Bahnhof. Emmas Zug fuhr gerade ein. Wir warteten im Auto, da es arschkalt draußen war. Als nächstes wollten wir den Wohnungsschlüssel von der Polizeiwache abholen. Ich hatte extra am Vortag noch dort angerufen und nachgefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja, natürlicher Tod, die Wohnung sei wieder freigegeben. Emma flitzte zu ihren „Kollegen“ rein – und kam zehn Minuten später ohne Schlüssel wieder raus. „Die haben den an das Nachlassgericht weitergegeben.“ – Ich dachte erst, sie wollte uns foppen. Aber es stimmte. Ich fragte: „Nee, oder? Warum das denn?“ – „Weil die hier nicht beurteilen können, wer berechtigt ist, den Schlüssel in Empfang zu nehmen.“

Na super. Und das Nachlassgericht würde vermutlich am Freitag gar nicht geöffnet sein. „Ich habe mir gerade schriftlich bestätigen lassen, dass das von der Polizei angebrachte Siegel entfernt werden kann, weil die Todesermittlungen abgeschlossen sind.“ – „Wofür brauchen wir das denn?“ – „Warte mal ab. Wir fahren jetzt erstmal zu der Wohnung und hoffen, dass nur ein Siegel an der Tür ist und nicht noch eins vom Gericht.“

Emma stiefelte zur Wohnung hoch und kam sofort wieder herunter. „Ist nur eins vom Landeskriminalamt dran wegen der Todesermittlung. Und das ist schon zur Hälfte ab. Also fragen wir jetzt mal die Nachbarn, wer einen Schlüssel hat.“ – „Doch nicht zum Gericht?“ – „Möglichst nicht. Die kommen noch auf die Idee, dass die Wohnung zur Sicherung des Nachlasses erneut beschlagnahmt wird. Ich glaube kaum, dass der zuständige Rechtspfleger an einem Freitag morgen drei Frauen einen Schlüssel aushändigt, ohne vorher geprüft zu haben, ob sie die rechtmäßigen Erben sind und ob sie das Erbe annehmen. Insofern stellen wir keine Fragen, deren Antworten wir nicht hören wollen, und wecken auch keine schlafenden Hunde.“

Die Nachbarn, die den Krankenwagen gerufen haben, hatten keinen Schlüssel. Aber der Hausmeister sollte einen haben. Der war in seinem Büro, wollte uns den Schlüssel zur Wohnung zunächst aber nicht aushändigen. Als ich ihm dann aber meinen Ausweis zeigte und den Zettel, dass die Versiegelung aufgehoben ist, versprach er, in den nächsten zehn Minuten vorbei zu kommen. Emma nahm mich auf den Arm und trug mich in den zweiten Stock, Paula kam mit meinem Rollstuhl hinterher. Vor der Tür warteten wir im Halbdunkel auf den Hausmeister. Der kam, schloss auf und sagte: „Aushändigen kann ich euch den nicht ohne Zustimmung des Haus-Eigentümers.“ – „Da wird ja bestimmt noch ein Schlüssel irgendwo liegen, dann nehmen wir den erstmal an uns.“

Wir bedankten uns, der Hausmeister ging wieder weg. Ich rollte über die Türschwelle in die Wohnung. Mir wurde schwindelig. Nicht nur von der schlechten Luft. Es war sehr sonderbar, nach zehn Jahren die Wohnung meines gerade verstorbenen Vaters zu betreten. Drinnen war das absolute Chaos. Er schien die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen zu haben. Auf verschiedenen Tischen lagen meterhohe Stapel Zeitungen. Dicke Staubschichten lagen überall auf dem Teppich, verstaubte Spinnenweben hingen unter der Decke. Auf dem Küchenfußboden, auf der Spüle, auf dem zugeklappten Herd und in einem Küchenschrank standen locker 300 Bierdosen. Und mindestens 50 leere Wodkaflaschen. Paula guckte mich mit großen Augen fassungslos an.

Versifft war es nicht. Kein Schimmel, keine Viecher. Vom Altpapier und von den leeren Gefäßen abgesehen, gab es keinen Müll. Dennoch war der Geruch unerträglich. Emma öffnete erstmal alle Fenster weit, stellte dazu einige vertrocknete Blumentöpfe auf den Fußboden. Hängte die Wohnungstür aus. „Nicht, dass die zufällt, solange wir keinen Schlüssel haben.“

Die Badewanne war randvoll mit Schmutzwäsche. Sechs Uhren hingen in den Räumen an den Wänden, alle zeigten andere Zeiten an oder waren stehen geblieben. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht der Currywurst-Tante. Ja, sie lebt noch. „Ruf doch mal zurück.“ – Nee, Schätzelein, der lebt nicht mehr.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Blöde Erinnerungen. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Aber andererseits musste ich doch nicht weinen. Ganz komische Situation. Emma sagte: „Komm Jule, wir fahren zum Baumarkt. Paula bleibt inzwischen hier und passt auf die Wohnung auf. Okay?“ – Ich nickte. Emma nahm mich wieder auf den Arm, trug mich ins Auto, lief nochmal hoch, holte meinen Rollstuhl. Im Baumarkt nahmen wir uns einen großen Wagen und holten 120 Umzugskartons, 10 Rollen blaue Müllsäcke, einen neuen Zylinder für die Tür, den billigsten, den es in der Größe gab, sechs Einweg-Overalls, einen Karton Einmalhandschuhe und zwei Packungen Einmal-Mundschutz. Ich rollte immer nur hinterher, Emma hatte das alles im Griff. Ich bezahlte. Fast 150 Euro.

Als wir wieder vor der Wohnung standen, stieg Emma nicht aus. Sie guckte mich an. Ganz sonderbar. Dann nahm sie mich in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Beschissene Situation. Lass uns das Beste draus machen.“ – Ich nickte. Sie brachte meinen Rollstuhl wieder in den zweiten Stock, kam zurück, trug mich in den zweiten Stock. Paula hatte inzwischen einen passenden Wohnungsschlüssel im Schlüsselkasten gefunden. Emma baute den Zylinder aus und baute den gekauften ein. Furzte dabei laut und sagte: „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Beitrag für etwas bessere Luft in dieser Hütte.“

Paula grinste und irgendwie musste ich über ihren Galgenhumor lachen. Emma sagte: „So. Paula faltet Kartons, Jule nimmt eine Zeitung nach der nächsten, schaut einmal, ob wichtige Briefe dazwischen liegen, und dann weg damit. Ich bringe die vollen Kartons ins Auto. Sobald das Auto voll ist, fahre ich den Mist zum Altpapiercontainer. Einverstanden?“ – Über 100 Kartons randvoll mit Altpapier hat Emma weggebracht. Immer zwei Kartons auf einmal die Treppe runtergetragen. Und natürlich die leeren Kartons wieder mitgebracht. Zwischendurch mal was getrunken. Dann wieder weiter. Fast dreißig Kartons voll mit Altglas. Beinahe 100 Euro Dosenpfand. Wir drei sahen in den Papieroveralls aus wie die Tatort-Reiniger. Und fühlten uns auch so.

Es war halb acht Uhr abends, als wir die Wohnung von allem frei stehenden Müll bereinigt hatten. Ich rief Marie an, sagte ihr nur kurz, dass wir heute nicht mehr nach Hause kämen. Fanden zu dritt ein Zimmer in einer billigen Hotelkette und duschten erstmal. Gingen in einem netten Restaurant noch eine Kleinigkeit essen. Fielen, zurück im Hotel, in unsere Betten und pennten sofort ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren wir fast die Einzigen. Emma sagte: „Wir werden heute alles durchwühlen und alle nötigen Dokumente sicherstellen. Und dann schlage ich vor, wir beauftragen ein Sperrmüllkommando, das die Bude in den nächsten Wochen komplett entrümpelt.“ – Vor ungefähr zehn Jahren hatte er die ganzen Möbel in einem Billig-Kiefermöbel-Mitnahmelager oder beim schwedischen Riesen gekauft. Nichts dazwischen, was man zum Flohmarkt bringen könnte, bei den meisten Schränken fielen schon die Türen ab oder Schubladen waren in sich zusammengefallen, kurzum: Schrott.

Wir sichteten zu dritt jede Menge Unterlagen. Fanden eine Sterbegeldversicherung über 2.500 Euro (für die er unsinnigerweise in den letzten 15 Jahren pro Monat 40 Euro eingezahlt hatte), fanden insgesamt sechs Sparbücher mit Guthaben jeweils zwischen 200 und 5.000 Euro. Auf dem Girokonto hatten sich, weil er ja in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts mehr ausgegeben hatte, fast 15.000 Euro angesammelt. In einem Briefumschlag waren fast 2.000 Euro Bargeld, die, wie man anhand der weiteren Unterlagen in dem Briefumschlag feststellen konnte, irgendwer vor drei Monaten von jenem Sparbuch abgehoben haben musste, auf dem jetzt noch 200 Euro waren. Wer das war (und womöglich eine Vollmacht hatte), konnten wir nicht klären.

Wir fanden das Scheidungsurteil über die Ehe meiner Eltern, was bei der Beantragung des Erbscheins, den wir brauchen würden, hilfreich sein wird. Und den Mietvertrag, den wir jetzt kündigen müssten. Wir fanden jede Menge alte Briefe, die meine Mutter meinem Vater geschrieben hat. Ich habe sie nicht gelesen. Wir fanden allerdings keine Fotos, weder von mir, noch von meinen Halbgeschwistern. Auch keine von nackten Frauen. Dafür aber ein schussbereites Gewehr und 200 Schuss Munition. Im Kleiderschrank im Schlafzimmer.

Wir haben inzwischen einen Bestatter damit beauftragt, meinen Vater abzuholen. Er wird verbrannt. Was mit seiner Asche passieren soll, ist noch nicht sicher. Vermutlich werden wir seine Urne anonym bestatten lassen.

Am Sonntagabend sind Emma und Paula zunächst wieder zu sich nach Hause gefahren. Helena empfing mich mit den Worten: „Ich hab dich vermisst“ und wollte sofort kuscheln. Seit Montag muss ich wieder arbeiten. Der Alltag hat mich wieder. Und das ist im Moment auch ganz gut so.

Selbsternannter Alles

8 Kommentare3.176 Aufrufe

Da könnte man mal einen Tag ausschlafen. Einen Tag seit langer Zeit. Marie hat sich um Helena gekümmert, Helena war in der Schule und um halb neun bimmelte es an der Haustür. Einmal, zweimal, dreimal. Helena ist krank und sie hat ihren Haustürschlüssel vergessen? Nee, ein osteuropäischer Mensch stand vor der Tür und bat um Spenden. War angetrunken und erklärte: „Ich bin selbsternannter internationaler Menschenrechtler und selbsternannter Alles. Sie müssen mir Geld geben.“

Dann allerdings gerieten seine Gedanken aus der Spur: „Was hast du gemacht, sitzen im Rollstuhl. Unfall gehabt?“ – „Hören Sie, ich möchte nicht, dass Sie hier klingeln. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ – Tür zu. Während ich mich wieder hinlegte, hoffte ich, dass der selbsternannte Alles nicht nochmal klingelt oder aus Frust in meine Hecke pinkelt. Ich war gerade wieder eingeschlafen, da bimmelte es tatsächlich erneut. Gleich zwei Mal hintereinander. Und kurz darauf wummerte jemand gegen die Tür. Jetzt reichte es.

Dieses Mal sah ich zwei Umrisse vor der Glastür. Zwei Menschen in blau. Die suchten bestimmt den selbsternannten Alles, dachte ich mir. Ich öffnete. „Guten Morgen, wir möchten zu Frau Socke.“ – „Steht vor Ihnen.“ – Nanu? Ist was mit Helena? Oder mit Marie? Vermutlich bin ich zu schnell gefahren. Oder zu langsam. Oder es geht um mein Auto, das ja noch auf dem Klinikparkplatz steht. Hat es jemand geklaut und ist damit gegen einen Baum gefahren? Sie fragten: „Dürfen wir mal reinkommen?“ – „Eigentlich nicht. Worum geht es?“ – „Sind Sie die Tochter von Herrn … Socke, geboren am …?“ – „Dann kommen Sie doch mal rein.“

Das hörte sich nicht gut an. Und meine Befürchtung sollte sich bewahrheiten. „Wir müssen Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen. Ihr Vater ist gestern abend tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Es tut mir sehr leid.“ – Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass das eines Tages auf mich zukommen würde. Aber so rasch? Ich antwortete: „Danke. Wissen Sie Genaueres?“ – „Nein, wir haben nur die Bitte von den Kollegen aus … bekommen, Sie zu benachrichtigen. Ich gebe Ihnen aber gerne die Nummer der örtlich zuständigen Wache, dann könnten Sie dort nachfragen.“ – „Ja, vielen Dank.“ – „Können wir noch etwas für Sie tun?“ – „Nein, ich glaube nicht.“ – „Sollen wir jemanden anrufen, der zu Ihnen kommt, damit Sie nicht alleine sind?“ – „Nein, das ist so in Ordnung. Ich habe zu meinem Vater seit fast zehn Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Das ist zwar eine sehr traurige Nachricht, aber ich bin einigermaßen gefasst.“ – „Dann wünschen wir Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag.“

Er wäre dieses Jahr noch 62 geworden. Das ist eigentlich kein Alter, um zu sterben. Ich bin heute, am Tag nach der Nachricht, spontan die rund 300 Kilometer zu seiner Adresse gefahren, kam natürlich nicht bis zur Wohnung, da sie im 2. Stock ohne Aufzug ist. Auf dem Hintern die Treppen hochrutschen wollte ich dann doch nicht. Ein älterer Herr fummelte auf einem vor dem Haus gelegenen Garagenhof an seinem Fahrrad herum, er fragte gleich, zu wem ich wollte, und wie sich dann herausstellte, wohnt er mit seiner Frau im ersten Stock schräg unter meinem Vater. Zu dem Nachbarn hatte mein Vater wohl bis zuletzt immer mal lockeren Kontakt gehabt. Er erzählte, dass er das Haus eigentlich seit zwei Jahren nicht mehr verlassen hatte. „Verschiedene Nachbarn haben für ihn eingekauft, das konnte er ja alles nicht mehr. Jetzt hatten wir uns gewundert, weil wir fast eine Woche nichts mehr von ihm gehört haben. Sonst kam er immer mal bis zu unserer Wohnungstür und redete mit uns, gab uns einen Einkaufszettel, aber nachdem wir gar nichts mehr von ihm hörten, sind wir nach oben und als niemand öffnete, haben wir den Krankenwagen angerufen. Naja, die haben ihn dann im Flur gefunden. Die Wohnung ist noch versiegelt, da darf im Moment noch niemand rein.“

Paula, meine Halbschwester, wird am Donnerstag zu mir an die Ostsee kommen. Mit ihr fahre ich dann am Freitag noch einmal zu seiner Wohnung. Emma, meine andere Halbschwester, kommt am Freitag direkt aus Bayern dazu. Dann wollen wir das Chaos mal sichten und entscheiden, wie es weitergeht. Sofern die Obduktion nichts Auffälliges ergibt, wird die Wohnung bis dahin freigegeben sein.

Auch wenn es mein Vater war und die Nachricht an sich sehr emotional ist, trage ich das alles gerade sehr mit Fassung. Ja, es berührt mich, und ja, ich denke darüber nach, wie ich es mir (anders) gewünscht hätte, aber ich habe ihn fast zehn Jahre nicht gesehen. Und das, was ich zuletzt gesehen habe, wie er mich behandelt hatte, wie er meinen Unfall verarbeitet hat, hatte einen tiefen negativen Eindruck bei mir hinterlassen. Es ist meine rechtliche Pflicht, mich zusammen mit meinen beiden Halbschwestern darum zu kümmern, dass er bestattet wird, ich sehe es als meine moralische Pflicht, mich um die Wohnung und den Nachlass zu kümmern, sofern die finanzielle Situation nicht so unmöglich ist, dass es klüger wäre, gar nichts erst anzufassen. Aber mehr wird da nicht laufen.

Urlaubsreif

1 Kommentar2.293 Aufrufe

Die Dritte Woche meiner Famulatur beginnt. Und meine Chefin möchte wissen, ob ich über das Thema „Dissertation“ nachgedacht habe.

Mehr als genug. Mein Kopf sagt was anderes als mein Bauch. Und das ist erfahrungsgemäß nie gut. Ich muss mich zügig entscheiden. Das neue Semester beginnt. Auch Marie hat übrigens Blut geleckt. Sie liebäugelt mit einem Krebs-Thema.

Es ist so schwierig. Es ist später wesentlich einfacher, wenn man sagen kann, man hätte sich mehr oder weniger bewusst dagegen entschieden, als wenn man sagen muss, dass man es versucht, aber aus Gründen schlechter Organisation oder zu geringer Kapazitäten verkackt hat. Insofern hinterlässt die Entscheidung auf jeden Fall einen neuen Eintrag im Lebenslauf – und jeder Eintrag im Lebenslauf sollte am Ende so positiv zu gestalten sein, dass man selbst noch attraktiv genug bleibt.

Maries Eltern denken da weniger kompliziert. Maries Papa findet, dass sich eine solche Chance vermutlich nie wieder ergeben wird, sagt mir, dass ich alle Zeit der Welt hätte und er seine Frau auch nur wegen des akademischen Titels geheiratet hat. Maries Mutter meinte: „Mach es! Schritt für Schritt. Und wenn du dann in eine Pfütze trittst, ist auch nur ein Fuß nass.“ – Tolles Motto für eine Rollstuhlfahrerin. Allerdings tritt die ja bekanntlich fast nie in Pfützen.

Ein Freund, dessen Meinung ich sehr schätze, rät mir ebenfalls zu. „Du packst das. Du hast das Zeug dazu. Lass das nicht ungenutzt.“

Ich selbst sehe mich anlässlich dieser Konfrontation eher leicht bis mittelgradig verzweifelt, stelle mir Fragen, warum und für wen ich das alles überhaupt mache, finde Antworten, frage mich, ob sie richtig sind, finde weitere Antworten, schiebe die Gedanken zur Seite, kann mich nicht entscheiden. Bin genervt von mir selbst und über meine Unentschlossenheit, fühle mich schwach, blicke auf andere Leute mit meiner Einschränkung, sage mir selbst, dass solche Vergleiche unsinnig sind, weil jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied ist, lese weitere schlaue Kalendersprüche, finde wieder keine Antworten und schreibe das Wort „urlaubsreif“ auf meine Schreibtischunterlage. Male es schön bunt aus und gehe ins Bett.