Oktoberfest

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Lange habe ich sie nicht gesehen, aber nun haben wir es gerade noch einmal geschafft. Emma und Paula wollten zusammen mit mir auf das Münchener Oktoberfest. Marie und ich, für die in der nächsten Woche die Winter-Vorlesungszeit beginnt, wollten unbedingt am Studienort noch die letzten Vorbereitungen treffen und haben zuvor erstmal unsere neuen Bahncards ausgenutzt, um einen Party-Abend in der Bayerischen Landeshauptstadt zu verbringen.

„Wollt ihr uns ärgern oder herausfordern?“, fragte uns der Zugbegleiter noch kurz vor München mit einem breiten Grinsen. Ich guckte ihn fragend an. Wir saßen auf den beiden Rolli-Sitzplätzen in Wagen 9 des ICE, also im Großraumwagen, direkt am Übergang zur 1. Klasse. Unsere Rollstühle standen uns gegenüber, wir hatten beide die Füße auf die Sitzfläche unserer Stühle gelegt und es uns bequem gemacht.

Ich dachte zuerst, die Frage bezog sich auf unsere lässige Sitzhaltung. Es wäre nicht das erste Mal, dass mich jemand anpflaumt, weil ich meine Schuhe auf dem Sitz habe. Auf meinem Sitz, wohlgemerkt. Und Schuhe, die noch keinen Zentimeter auf der Straße gelaufen sind. Unter der Sohle könnte also selbst nach 10 Jahren noch ein Preisschild kleben – sofern die Schuhe so lange halten. Allenfalls könnte man darüber diskutieren, ob man sich hier so hinlümmelt.

Der Zugbegleiter klappte sich den Klappsitz an der Wand gegenüber herunter, setzte sich hin und las unsere Karten ein. Marie fragte: „Was meinen Sie?“ – „Na das hier, Bahncard 100 und dann im Rollstuhl sitzen. Das sieht für mich so aus, als wolltet ihr der Bahn unbedingt zeigen, wie weit wir hinter dem Mond sind. Mal unter uns: Damit rechnet in der Chef-Etage doch niemand.“ – Marie antwortete: „Womit? Dass ich mit Rollstuhl öfter als zweimal pro Monat lange Strecken mit der Bahn fahre oder dass ich meine Fahrten unbürokratisch per Flatrate bezahle?“ – „Keine Ahnung, ihr seid jedenfalls die ersten Reisenden im Rollstuhl, die ich mit einer Netzkarte antreffe.“ – Aha. Das hätte ich jetzt nicht vermutet. Aber wer weiß schon, wie lange er für den Laden schon arbeitet. Ich lächelte freundlich. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das jetzt nicht auf jeder Fahrt wiederholt…

In München wurden wir per Hebebühne aus dem Zug geholt. Emma und Paula warteten bereits auf dem Bahnsteig. Sie waren mit ihrem Zug rund 20 Minuten vor uns angekommen. Im Einheitslook begrüßten sie uns im bayerischem Dirndl und aufwändig frisiert. Obwohl ich eher nicht für Trachtenmode zu haben bin, muss ich zugeben, dass es alles andere als schlecht aussah. Allerdings erwartete zum Glück niemand, dass die Hamburgerinnen ebenfalls im Deerndl aufrollten. Wir gönnten uns für unser Gepäck ein gemeinsames Schließfach und machten uns auf den Weg. Das Wetter hätte besser nicht sein können, obwohl es bei untergehender Sonne bereits kühl wurde.

Mit dem Münchener Oktoberfest ist der Hamburger Dom nicht zu vergleichen. Ich bin keine Dom-Expertin, aber mehr als maximal drei Festzelte habe ich in Hamburg nie gesehen. In München sind es mindestens 15 riesige Zelte mit zum Teil bis zu 10.000 Sitzplätzen. Während man in Hamburg über den Dom geht, um Karussell zu fahren, wird in München eher Bier getrunken, Hähnchen und Würstchen gegessen und geschunkelt.

Einen Festzeltbesuch mussten wir uns natürlich auch antun, man will ja mitreden können. Es gab eine Rampe, jede Menge Rollstuhlplätze, es war rappelvoll, tierisch laut, eine Maß (ein Liter) Oktoberfest-Bier kostete wahnsinnige 10 Euro, es war die reine Massenabfertigung. Die Bestellung wurde quasi im Vorbeigehen aufgenommen, die Bierkrüge auf dem Rückweg im Vorbeigehen schwappend auf den Tisch gedonnert (die Anzahl stimmt, aufteilen könnt ihr alleine, warum habt ihr das Geld noch nicht passend in der Hand), eine Blaskapelle spielte „In München steht ein Hofbräuhaus“ und „Solang der alte Peter“ mehrmals im Wechsel, es wurde gegrölt und geschunkelt. Wir hatten noch nicht ganz aufgegessen, da wurde uns quasi schon der Teller weggezogen, die Frage, ob es noch ein Getränk sein dürfte, bekamen wir mindestens fünf Mal gestellt, obwohl unsere Eimer noch halb voll waren. Und auf Ex habe ich sie nicht runter bekommen … mir war auch so schon etwas blümerant.

Das dürfte neben der Lautstärke vor allem an der schlechten Luft im Zelt gelegen haben. Die fressende und saufende Meute wurde von einigen Ordnern streng bewacht, sobald welche zu lustig wurden und auf den Holzbänken oder gar -tischen tanzen wollten, wurde kurzer Prozess gemacht. Auch die, die es nicht mehr geschafft haben, zum Kotzen das Zelt zu verlassen, wurden aufgefordert, zu gehen. Ein relativ großes Problem war, dass die Plätze weg waren, sobald man aufstand, sodass einige, denen übel wurde, bis zum letzten Moment warteten und dann nicht schnell genug durch die Menge nach draußen kamen. Und, es ist nicht übertrieben, es wurde reihenweise unter die Tische gelullert. Während oberhalb der Holzplatte das Hähnchen eingeworfen wurde, öffnete der Nachbar unterhalb der Holzplatte mal eben den Abwasserhahn. Zum Glück saß uns kein solches Ferkel direkt gegenüber, sonst hätte man sich vermutlich noch darum sorgen müssen, dass die eigene Hose nicht noch was abkriegt. Den lauwarmen Rest aus dem Bierkrug gleich dazu auf die Erde geschüttet und anschließend noch ein neues kühles Blondes bestellt. Platz genug war ja wieder.

Um kurz vor elf waren wir bereits wieder am Bahnhof und bekamen auch gleich einen Zug. Emma und Paula begleiteten uns noch ein Stück. Ich war, ehrlich gesagt, froh, als wir endlich zu Hause ankamen und frisch geduscht in der Falle verschwinden konnten. Ich habe nichts gegen Party, aber so ein Massenbesäufnis mit der entsprechenden Anzahl torkelnder Leute um mich herum ist nichts für mich. Da lobe ich mir doch, wie gesagt, ohne Volksfest-Fan zu sein, den Hamburger Dom oder auch den Bremer Freimarkt.

Kurzentschlossen

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Ganze vier Tage vorher hatten sie es erfahren, mich um halb elf abends endlich erreicht und dann gerade im letzten Moment noch zwei verbilligte Bahntickets gekauft. Emma und Paula haben in dr letzten Woche von einer Kollegin zwei Karten für das Musical „Der König der Löwen“ abgestaubt. Besagte Kollegin hatte sich von ihrem Lover getrennt und wollte eigentlich mit ihm einen schönen Abend verbringen – nun hatte sie die beiden Karten im Wert von über 300 € für rund 50 € an Emma verscherbelt.

Was zur Folge hatte, dass ich endlich mal die schimmeligen Käsebrote unter meinem Bett herauskramen musste. Schließlich wollte ich ja keinen schlechten Eindruck hinterlassen, wenn die beiden neben mir auf einer aufblasbaren 140er-Gästematratze zwei Nächte lang schnorchelten.

Und während Marie und ich uns am Praktikumssamstag mindestens zehn Mal die Frage stellen lassen mussten, ob viele Leute von Sturmtief Xaver verletzt worden sind, kämpften meine beiden Halbschwestern noch mit den zahlreichen Bahnverspätungen anlässlich des Orkans. Sie hatten aber einen so frühen Zug gebucht, dass sie es mit über dreistündiger Verspätung gerade so eben noch geschafft haben.

Apropos Praktikum: Kuriositäten gibt es ja immer. Platz 3 auf der Liste vom letzten Samstag erhielt von uns eine Frau, die Schnapp-Atmung bekam, als sie zwei Rollifahrerinnen erblickte. Sie schnappte vier Mal, drehte sich auf dem Absatz um und rannte zum Aufnahmetresen, weil sie allen Ernstes uns für Patienten hielt, die ihre Krankenakte von irgendeinem Stapel genommen hätten. Platz 2 bekam eine Frau um die 80, die sich ihr Stofftaschentuch mit einer Sicherheitsnadel und einem Faden am Gürtel ihrer Hose befestigt hatte. Auf Nachfrage meinte sie, sie würde es sonst immer verlieren. Der Faden war so lang, dass das Taschentuch ohne Öffnen der Sicherheitsnadel bis zur Nase kam. Und Platz 1 gaben wir einem jungen Knirps, 6 Jahre alt, der völlig alleine in die Aufnahme spaziert kam und seine Mama suchte. Seine Mama wollte zur „Apputeke“ und „Medozin“ holen, weil Papa „im Bett liegt und keucht“. Jetzt war ihm das aber alleine mit dem keuchenden Papa zu Hause zu langweilig geworden. Zum Glück konnte der Ausreißer die Handynummer seiner Mutter auswendig aufsagen. Jule und Marie, die beiden rollenden Kindergärtnerinnen, klemmten sich also hinter das Telefon und baten eine völlig perplexe Muddi in die Notaufnahme. Und während wir warteten und mit ihm Quatsch machten (Handschuhe aufblasen und anmalen), wollte er unbedingt eine Brause trinken – und musste uns anschließend vorführen, dass die Melodie von „Oh Tannenbaum“ auch rülpsen kann…

Am späten Abend wartete ich an den Landungsbrücken, um meine beiden Halbschwestern abzuholen. Sie waren sehr begeistert vom Musical, hatten supertolle Plätze gehabt und meinten, dass sich dieser Kurztrip trotz stressiger Bahnfahrt schon jetzt gelohnt hätte. Wir fuhren zum Hauptbahnhof, um ihre Taschen aus dem Schließfach zu holen, anschließend zu mir nach Hause. So viel, wie wir uns zu erzählen hatten, wurde es eine sehr kurze Nacht. Allerdings konnten wir am Sonntag ja ausschlafen.

Abends verabredeten wir uns mit Marie und Cathleen, uns mal so richtig durchschütteln zu lassen. Für den Hamburger Dom, das größte Volksfest des Nordens, kann es mir nicht zu kalt sein. Dicke Strumpfhose, Thermohose, Wollsocken, Stiefel, dicke Jacke, Handschuhe, Schal, Mütze, … Emma fragte, ob das nicht etwas übertrieben sei, immerhin hätten wir Temperaturen über Null und bei ihnen da unten gäbe es auch schonmal minus 20. Ich antwortete: „Den nasskalten Wind in Hamburg darf man nicht unterschätzen. Bei minus 3 und nasser Luft frierst du hier mehr als bei minus 20 und trockener Luft bei euch.“

Emma, Paula und die jungen Leute zum Mitreisen, die an den einzelnen Fahrgeschäften herumturnen, die Chips einsammeln und einmal am Bügel rütteln, waren sehr hilfsbereit, so dass wir nicht nur den „Avenger“, eine Überkopfschaukel, bei der sich die Gondeln auch noch um die eigene Achse drehen und bei der man mit bis zu 120 km/h durch die Luft rauscht, sondern auch das „Artistico“, die höchste Schwingschaukel Europas, bei der sich die Sitze auch noch im Kreis drehen. Der „Sky Fall“, bei dem man einen freien Fall aus 80 Metern Höhe erlebt, durfte auch nicht fehlen. Cathleens einziger Kommentar: „Ist mir schlecht.“

Anschließend teilten sich die vier Chaotinnen auf zwei Autos beim Autoscooter auf und versuchten, möglichst viele gut aussehende Jungs anzubumsen. Cathleen wollte in der Zeit lieber mit einer Freundin, die sie kurz zuvor getroffen hatte, noch einmal in den Sky Fall. Der Frontalzusammenprall zwischen dem Bayerncar und dem von Marie und mir gelenkten tat etwas weh, ansonsten war es eine Mordsgaudi. Etliche Jungs versuchten, uns anzuschieben, und als ich dann unser Auto durch eine geschickte Drehung im Lenkrad plötzlich rückwärts fahren ließ, fing Marie zu kreischen an. Zuerst wichen noch einige Leute uns aus, dann krachten wir rückwärts in eine Traube von Leuten, die sich ohnehin schon hoffnungslos verkeilt hatte. Maries einziger Kommentar: „Gut, dass ich mir vorhin noch eine Windel angezogen habe.“ – Zum Glück hat das bei dem Lärm niemand gehört.

Da Emma und Paula am heutigen Morgen früh wieder nach Hause mussten, schließlich hatten sie sich nur heute freinehmen können, und Cathleen, Marie und ich heute auch volles Programm hatten, verzichteten wir auf eine Partynacht und rollten um kurz vor Mitternacht brav wieder nach Hause. Trotzdem fand ich es toll, die beiden in diesem Jahr noch einmal gesehen zu haben!

Zwei Tage Bayern

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Ich bin wieder zurück in Hamburg von einem verlängerten Bayern-Wochenende. Und habe endlich, nach über einem Vierteljahr, meine beiden Halbschwestern Emma und Paula wieder gesehen. Es gibt morgens einen ICE, mit dem ich ohne Umsteigen von Hamburg bis fast vor ihre Haustür fahren kann, und da Emma noch bis 14.00 Uhr arbeiten musste, hatte ich mich zunächst nur mit Paula verabredet. Gemeinsam wollten wir bei einem Eis auf Emma warten und dann zusammen zu einem Badesee fahren. Und wie es der Zufall so will, gab es bereits vorher eine eher drollige Begegnung.

Während wir uns jeweils einen Pappbecher mit zwei Eiskugeln mitgenommen und uns unter einem großen, Schatten spendenden Baum auf den Rasen gesetzt hatten, um eben jene zu löffeln, wurde unsere Aufmerksamkeit auf zwei Leute gelenkt, die sich schräg gegenüber vor einer Bankfiliale zofften. Nicht um ihr Konto, sondern einer der beiden hatte seinen Opel Astra beim Einparken in die hintere linke Tür des VW Passats gelenkt und dort eine nette Beule hinterlassen. Worum es bei dem Streit genau ging, bekam ich nicht richtig mit, dafür war die Entfernung zu groß. Es dauerte jedenfalls nicht lange, bis ein grün-weiß lackierter BMW-Kombi aufkreuzte und Paula sagte: „Ich lach mich schlapp, wenn da jetzt Emma aussteigt. Das könnte durchaus sein.“

Naja, wenn ich schon eine drollige Begegnung ankündige, war ja klar, wer aus dem Auto stieg. Wir beobachteten aus sicherer Entfernung das Treiben. Der Passatfahrer wurde immer ruhiger und versuchte, seine Papiere aus einer klebrigen Plastikhülle zu bekommen, während sich der Astrafahrer, der Verursacher der Beule, immer weiter aufregte. Und dann geschah etwas, was wir erst später, als Emma es uns erklärte, realisiert und verstanden haben. Plötzlich ging Emma, die vorher neben dem Mann gestanden hatte, blitzschnell einen Schritt auf ihn zu, drückte ihm ihren ausgestreckten Arm vor den Hals und stieß ihn quasi nach hinten um. Der Mann legte sich der Länge nach rückwärts auf das Parkett, ziemlich unsanft und laut schreiend, wenngleich Emma ihn so halb auffing. Eine Sekunde später saßen Emma und ihre beiden Kollegen auf ihm.

Wie Emma später aufklärte, hatte der Mann ein Messer aus der Tasche geholt und versuchte gerade, es auszuklappen oder zu öffnen oder ähnliches. „Und warum wirfst du den dann zu Boden?“, wollte Paula wissen. – „Naja, das war die sanfteste Möglichkeit, seine Aktion zu beenden. Der Typ war ziemlich aggressiv, und wenn einer in Gegenwart der Polizei ein Messer zieht, dann warte ich bestimmt nicht ab, ob er damit losrennt, es durch die Gegend wirft oder sich selbst in den Bauch rammt.“ – Paula wollte unbedingt gezeigt bekommen, wie sie den Typen so schnell aufs Parkett gelegt hatte. Der Trick war denkbar einfach: Sie stand rechts neben ihm und hatte ihren linken Fuß hinter seine Füße gestellt und ihn gleichzeitig mit ihrem Arm vor seinem Hals zurückgedrängt. Dadurch musste er einen Schritt rückwärts gehen, was aber nicht ging, da dort ihr Fuß stand. So ist er rückwärts gestolpert und ins Fallen gekommen.

„Passiert das häufig, dass einer ein Messer rausholt? Ich dachte immer, Hamburg ist ein heißes Pflaster.“ – „Naja, ich weiß ja nicht, wie oft das in Hamburg passiert, aber hier ist das eher eine Ausnahme. Dass einer eins mitführt oder dass wir einem eins abnehmen, das gibt es öfter. Aber rausholen und einsetzen wollen ist eher selten. Zum Glück. Dafür hatte ich aber in der letzten Woche einen, der mir nachts bei einer Ruhestörung vollgekokst mit einem Hammer in der Hand die Wohnungstür geöffnet hat.“

Na klasse. Ob ich das so gut finde, dass sie diesen Job macht?

Als Emma dann später mit gut einer Stunde Verspätung bei uns war, konnten wir endlich zu einem See fahren und schwimmen gehen. Dort trafen wir, eher zufällig, noch zwei Freundinnen von Paula, die sich zu uns auf den Rasen legten. Es war sehr nett. Abends gab es ein drastisches Wärmegewitter mit einer angenehmen kurzfristigen Abkühlung. Wir waren gerade beim Grillen, als das losging, allerdings war der Grill schon so weit, dass man ihn unter ein Carport stellen konnte, während wir uns auf eine überdachte Terrasse setzten.

Nachdem ich nachts total gut geschlafen habe, haben wir am Samstag eine ausgedehnte Radtour gemacht. Ich hatte trotz aller Widrigkeiten mein Vorspannbbike im Zug mitgenommen, und auch die Freundin von Paula, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt, kam mit ihrem Handbike mit. Wir hatten eine etwas weiter entferntere Badestelle an einem Fluss zum Ziel. Die war fast noch etwas besser, da hier nicht so viele Leute waren. Auch am Samstagabend gab es Gewitter, erneut beim Grillen.

Es waren total tolle drei Tage. Wir haben uns, wie schon bisher, sehr gut verstanden und uns viel erzählt und vor allem sehr viel gelacht. Über unseren gemeinsamen Teil der Familie haben wir überhaupt nicht gesprochen, was für mich auch völlig in Ordnung war. Leider war das Wochenende viel zu schnell vorbei: Heute nachmittag fuhr mein Zug zurück nach Hamburg. Gerade so eben noch rechtzeitig vor einem heftigen Unwetter. Nun dauert es nicht mehr lange, bis wir uns im Norden wiedersehen. Ich freue mich schon!

Mal wieder ein Trainingslager

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Das war mal wieder eine Woche…

Eigentlich wollte ich seit Montag über unser Ostertrainingslager schreiben, aber die Uni hat mich wieder voll im Griff. Hinzu kommt die Zypernkrise, die mich ziemlich auf Trab gehalten hat. Da ich Schmerzensgeld & Co. natürlich nicht unter meiner Matratze aufbewahre, muss ich mich ja ständig darum kümmern, dass das Risiko, Geld zu verlieren, kalkulierbar bleibt. Bei der damaligen Anlage ist der Berater eindeutig noch von anderen politischen Voraussetzungen ausgegangen, insbesondere, was die Einlagensicherung bei Bankenpleiten angeht. Nun hatte ich zwar kein Geld in Zypern angelegt, aber dafür hat eine Bank, bei der ein Teil der Kohle liegt, nach einer Fusion mit einer ausländischen Bank neue Geschäftsbedingungen, die zwar für die alten Verträge nicht galten, bei einer nun fälligen Verlängerung aber in Kraft treten würden und deutlich ungünstiger und riskanter sind. Es gab also bisher weder eine akute Gefahr noch ist irgendwas verloren gegangen, aber verschiedene Entscheidungen mussten wegen Ablauf von Verträgen ohnehin getroffen werden, und nachdem mir unabhängig voneinander mehrere Leute (denen ich vertraue) dazu geraten haben, bestimmte Teile umzuschichten, bin ich nun hoffentlich wieder auf der sicheren Seite.

Aber zurück zum Ostertrainingslager. Nach meiner Zwiebackwoche hatte ich lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahren sollte, habe mich aber am Ende dafür entschieden. Maries Mutter hatte mir nochmal Blut abgenommen und gemeint, es spräche nichts dagegen, ich sollte nur auf meinen Körper hören und kürzer treten, wenn ich merke, dass irgendwas nicht stimmt und mich nicht überanstrengen. Fit würde ich nach der Woche sowieso nicht sein.

Mein Equipment war im Vereinsbus untergebracht, die Teilnehmer reisten selbständig mit der Bahn an. Wir waren zu viert, neben mir waren noch Cathleen, Marie und Kristina in dem ICE. Die Bahn hatte natürlich vergessen, uns die versprochene Einstiegshilfe bereit zu stellen, so dass die Servicekraft auf dem Bahnsteig 14 kurzfristig rotierte. Vier Rollstuhlfahrer in einem Zug ginge sowieso nicht. Am Ende saßen wir aber alle drin und kaum hatten wir Hamburgs Stadtgrenzen verlassen, begann es wie verrückt zu schneien. Und das nächste Problem ließ wie immer nicht lange auf sich warten: „Meine Damen und Herren, wegen einer Aggregatsstörung kann unserer Zug nicht die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit erreichen. Wir werden daher bis München voraussichtlich eine Verspätung von etwa 45 Minuten aufbauen. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten informiere ich Sie rechtzeitig. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitte ich Sie im Namen der Deutschen Bahn um Entschuldigung. Ladies and gentlemen…“

Wie immer ging diese Kalkulation nicht auf. „Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Bahnhof ‚Kassel-Wilhelmshöhe‘ mit einer Verspätung von 42 Minuten verlassen.“ – Super. Leider war dann auch noch die Toilette defekt, und da man als Rollstuhlfahrer nur zu dieser einen WC-Kabine gelangt, angelte ich mir kurzfristig die Chefin des Zugbegleiterteams, die drei Kabinen weiter saß und wild telefonierte. Einzige Lösung: „Ich kann Ihnen anbieten, dass ich Ihnen für Fulda eine Ausstiegshilfe bestelle und Sie dort im Bahnhof die Toilette aufsuchen und anschließend mit dem nächsten ICE weiterfahren.“ – Bevor wir uns alle vollpinkeln, ist das mit Sicherheit die beste Lösung. Der nächte ICE müsste dann ja auch bald kommen, immerhin hatten wir fast eine Stunde Verspätung.

Leider kamen wir dann in den nächsten beiden Zügen nicht mit, da dort die Rollstuhlplätze bereits belegt waren. Drei Stunden später als vorgesehen kamen wir also in München an und mussten von dort aus noch mit einem Nahverkehrszug weiter. Als wir vor der einzigen Tür mit fahrzeuggebundener Rampe standen und auf den Klingelknopf drückten, kam uns schon eine Zugbegleiterin entgegen. „Wollen Sie mit?“ – „Gerne.“ – „Nächstes Mal melden Sie sich bitte an, ja?“ – „Wir sind angemeldet, allerdings für den Zug von vor drei Stunden. Wir hatten leider etwas Verspätung und einen ungeplanten Aufenthalt in Fulda.“ – „Darf ich dann gleich mal Ihre Fahrkarten sehen?“

Eindeutig nach dem geplanten Ankunftstermin erreichten wir unser Hotel. Bei einer bereits im Voraus bezahlten Rate von 74 € pro Nacht und Person im Doppelzimmer sollte man davon ausgehen, dass wenigstens dort die Toilette funktioniert. Leider tat sie das nicht. An der Information konfrontierte man uns bereits damit, dass man heute nochmal Staub gewischt hätte und dabei festgestellt hätte, dass das WC leider unbenutzbar sei. Leider sei zwischen Gründonnerstag und Osterdienstag auch kein Haustechniker erreichbar. „Und was schlagen Sie jetzt vor?“, fragte ich die Dame an der Rezeption.

„Sie sind ja Sportler und haben zwei Zimmer bestellt, könnten Sie nicht im anderen rollstuhlgerechten Zimmer das WC mitbenutzen? Wir würden Sie alle dafür täglich zu einem Drink an der Cocktailbar einladen.“

Ich antwortete: „Wir können uns darauf einigen, dass Sie nur ein Zimmer berechnen. Dann machen wir das und nehmen in Kauf, dass wir uns zu viert eine Toilette teilen. Schließlich dauert das ja bei jedem von uns alles etwas länger und wir müssen morgens in Schlafsachen über den Flur in ein anderes Stockwerk und so weiter.“ – „Nein, es handelt sich ja um bereits bezahlte Raten, eine Erstattung ist nicht möglich.“

Marie sagte: „Ich sehe gerade, dass an dem Aufzug steht, er sei auch defekt. Kommen wir denn überhaupt in unsere Zimmer?“ – „Darüber müssen wir auch nochmal kurz reden. Der Aufzug ist in Ordnung, allerdings klemmt diese Tür. Das Erdgeschoss ist die einzige Etage, wo diese Tür aufgeht, alle anderen Stationen haben die Tür auf der anderen Seite. Wenn die Gäste mit ihren Rollkoffern gegen die Tür fahren, verzieht sie sich gerne. Dann klemmt sie und geht nicht mehr zu. Aber der Aufzug geht. Sie müssten also hier aus dem Haus raus, die Tiefgarageneinfahrt runter und könnten dann unten einsteigen und …“ – „Vergessen Sie es.“ – „Wir würden auch jemanden bereitstellen, der Sie hochschiebt, wenn Sie vorher anrufen.“ – „Vergessen Sie es!“ – „Was anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“ – „Wir hätten dann gerne unser Geld wieder.“ – „Wie ich Ihnen schon sagte, das ist bei vorab bezahlten Raten ausgeschlossen.“ – „Gut, dann rufe ich jetzt meinen Anwalt an.“ – „Wenn Sie meinen, dass Sie seine Kanzlei am Feiertag erreichen…“

Frank meinte, ich solle die Dame auffordern, uns eine geeignete andere Übernachtungsmöglichkeit bereit zu stellen. Notfalls in einem anderen Hotel auf Kosten des Hauses. Wenn sie so vehement auf der Erfüllung des Vertrages bestehen, müssten sie auch leisten. Ansonsten selbst ein anderes Hotel suchen, dann fordern wir die Kosten später zurück.

Am Ende suchten wir selbst und hatten die Möglichkeit, in einem anderen Hotel in einem Familienzimmer (zwei französische Betten) unterzukommen, für 148 € pro Nacht, also zum halben Preis. Das wurde uns vorher im Internet nicht angeboten, sonst hätten wir das vielleicht gleich genommen. In dem Hotel war alles super, das einzige, was etwas nervte, war, dass es zu den Betten nur je eine Kingsize-Decke gab. Im Familienzimmer vielleicht nicht die optimale Lösung. Während Cathleen und Kristina sich immer abwechselnd die Decke klauten, haben Marie und ich es in der Löffelchenstellung probiert. Dadurch haben wir uns zwar nicht die Decke gegenseitig weggenommen, kamen uns aber beim Umdrehen ins Gehege. Aber insgesamt es war okay so.

Am nächsten Morgen stand ein Neoprentestschwimmen auf dem Programm. Mehrere Vertreter größerer Hersteller waren eingeladen und hatten verschiedene Vorführprodukte dabei, die man nach vorheriger Anmeldung testen konnte. Allerdings waren nicht nur die Paratriathleten vor Ort, sondern auch viele nicht behinderte Triathleten aus der Region. Ich hatte mich für ein bestimmtes Produkt angemeldet und hatte gleich morgens um 8.00 Uhr einen Termin. Der Vertreter war sehr erstaunt, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Sport machen. Der Veranstalter unseres Trainingslagers hatte mehrere Gymnastikmatten auf die Erde gelegt, damit man diese Dinger ohne großen Aufwand im Liegen anziehen kann. Ich habe ihn gefragt, ob er mir beim Anziehen helfen kann. Nein, das wollte er nicht. Mal ganz ehrlich: Ich kann ja gewisse Berührungsängste verstehen, aber dass man nicht mal weiß, was in der Szene abgeht, wenn man Produkte dafür vermarktet, das fand ich schon extrem merkwürdig.

Ich habe dann tatsächlich auch einen gefunden, der wie angegossen passt. Den, den ich auch vorher in die engere Auswahl genommen hatte. Der Vertreter meinte, er macht mir ein besonderes Angebot: Wenn ich ihn über ihn direkt erwerbe, kann er mir 20% auf die unverbindliche Preisempfehlung geben. Die beträgt 295 US-Dollar. Also hätte ich, nach Abzug des Rabatts, rund 180 € bezahlt. Ich hätte sofort per Kreditkarte zahlen sollen und hätte den Artikel dann binnen zwei Wochen zugeschickt bekommen. Wie froh bin ich doch, dass ich das nicht gemacht habe: Gestern habe ich den Anzug für 169 € in Hamburg bekommen, 40% reduziert. Kohle auf den Tisch, meiner.

Zurück zum Trainingslager: Da das Wetter absolut blöd war und immer wieder Schneeflocken fielen (das hatte sich, als der Termin angesetzt wurde, wohl auch niemand träumen lassen), gab es lediglich Schwimmtraining und ansonsten Zirkeltraining und Ausdauertraining auf der Rolle in der Halle. Von daher war es nicht so effektiv wie wir es uns eigentlich erhofft hatten. Aber ich habe am Samstagabend auch meine beiden Halbschwestern getroffen. Wir waren zusammen Essen und hatten jede Menge zu quatschen und einen wunderbaren Abend. Unter anderem habe ich erfahren, dass die beiden kürzlich Kontakt zu meinem Vater hatten und er sie vor die Wahl gestellt habe, sich für mich oder für ihn zu entscheiden. Auf mein Stirnrunzeln sagte Emma: „Lass gut sein. Es hat wirklich keinen Sinn, das verstehen zu wollen.“ – Womit sie recht haben dürfte.