Von einem Komma, dem Weltuntergang und Weihnachten

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Es gibt mal wieder was lustiges: Als ich gestern mit der U-Bahn nach Hause fuhr, stand auf der elektronischen Zuganzeige am Bahnsteig der Hinweis: „Achtung! Letzter Zug vor dem Weltuntergang!“ – Leider war der Akku meines Handys schon so weit leer, dass ich kein Foto mehr machen konnte. Schade. Ein Typ regte sich auf, dass da ein Komma fehle…

Gleiches (Akku-) Problem hatte ich auch kürzlich beim Schwimmtraining, allerdings hatte dort jemand ein Billighandy dabei, um dokumentieren zu können, was regelmäßig bestritten wird, wenn man sich bei den zuständigen Stellen beschwert:

Das einzige barrierefreie WC im Schwimmbad ist seit Wochen defekt. Eigentlich wurde an der Kasse gesagt, es sei wieder in Ordnung, aber als ein 12jähriges Mädchen aus der parallel zu uns statt findenden Gruppe in die Gemeinschaftsumkleide zurück gerollt kam und Tatjana ansprach, ob sie mal bitte mit ihr kommen könne, ahnte ich schon, dass man uns mal wieder für dumm verkauft hatte. Tatjana kam eine Minute später ohne das Mädchen zurück, kniete sich vor mir hin, nahm meine Hand und guckte mich mit ihrem unschuldigsten Blick und klimpernden Wimpern an: „Tatjana, darf ich in der Dusche Pipi machen?“ – „Nur im Handstand“, blödelte ich zurück.

Wir waren vorgestern auf dem Weihnachtsmarkt. Mit acht Rollis und sechseinhalb zweibeinigen Fußgängern enterten wir die Spitalerstraße, den Rathausmarkt und den Jungfernstieg. Es war so brechend voll, dass wir fast nur darauf achten mussten, niemandem über die Füße zu fahren. Die meisten Leute waren noch nicht in ihrer Weihnachtsruhe angekommen, sondern suchten hektisch und genervt nach Geschenken. Am besten fand ich die Werkzeuge in Lebensgröße aus Schokolade: Schrauben, Muttern, Schraubenschlüssel, Hammer, … konnte man alles aus Schokolade kaufen.

Den Spruch, ob wir hier nun unbedingt mit unseren Rollstühlen durchfahren müssten, hörte ich mindestens drei Mal. Ich hatte mir vorgenommen, an diesem Tag auf keinen dummen Spruch zu reagieren und alles ignoriert. Beim dritten Mal kam die Antwort allerdings von direkt hinter mir: „Ja, sollen sie über das Pflaster krabbeln oder was?“, fragte eine Stimme, die ich irgendwo schon einmal gehört hatte. Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht eines Mannes um die 60, das ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Bevor ich irgendwas erwidern konnte, war er auch schon wieder in der Menge verschwunden.

Schade, ich hätte ihn bei zwei weiteren Sprüchen gerne noch einmal hinter mir gehabt. Erstens: „Wünschen Sie sich zu Weihnachten, noch einmal wieder laufen zu können?“ – Von einer wildfremden Frau. Und: „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass sich eine ihrer Behinderten aus dem Staub gemacht hat!“ – Zu einer unserer Fußgängerinnen, als eine siebzehnjährige Rollifahrerin in die Sparkassenfiliale in der Spitalerstraße abgebogen ist, während der Rest der Gruppe schonmal langsam weiterrollte…

Ich werde den Heiligen Abend zum ersten Mal seit fünf Jahren nicht für mich alleine verbringen. Die letzten Jahre bin ich abends mit einigen Leuten aus der WG in den Michel zum Gottesdienst gefahren, in diesem Jahr bin ich von Marie und ihren Eltern eingeladen worden, Weihnachten mit ihnen zusammen zu verbringen. Ich freue mich auch schon sehr darauf, denn Cathleen fährt am 24. zu ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern, Frank und Sofie sind heute für eine Woche in die Sonne geflogen, … ich wäre sonst so ziemlich alleine. Meine beiden Halbschwestern hatten auch gefragt, ob ich zu ihnen kommen möchte, aber mein Vater will wohl auch dorthin – vielen Dank.

Ich wünsche auf diesem Weg allen meinen Leserinnen und Lesern ein paar ruhige Festtage!

Ein weiteres tolles Wochenende

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Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei. Inzwischen kann ich fließend bayrisch. Zumindest verstehen. Als Hamburger Deern glaubte ich zu wissen, dass, wenn ich morgens meine Stinkesocken nicht wiederfinde, diese höchstwahrscheinlich „wech“ sind. Inzwischen habe ich aber gelernt: Sie könnten auch „fort“ sein.

Um gleich der Frage vorzubeugen: Ich trage nachts keine Socken. Es sei denn, es ist arschkalt. Aber selbst dann ziehe ich die Dinger im Schlaf meistens unfreiwillig aus, zumindest eine davon, so dass ich das auch gleich sein lassen kann. Wenngleich ich meine Beine und Füße nicht willentlich bewegen kann, bewegen tun sie sich im Schlaf trotzdem. Von alleine, durch Nervenimpulse, die die Muskeln gerne hätten oder glauben, wahrgenommen zu haben. Gerade wenn ich lange Zeit gesessen habe und dann die Beine strecke, fangen sie gerne an zu zappeln.

Von Marie oder Cathleen würde es, wenn wir unter derselben Decke liegen, irgendwann heißen: „Sag mal, kriegst du das langsam mal in den Griff mit deinen Füßen? Das Gezappel nervt.“ – Meine Schwestern lagen zwar nicht mit unter meiner Decke, sondern auf einem aufblasbaren Gästebett in meinem Zimmer, trotzdem reichte es aber irgendwann für ein: „Mogst need amoi dei haxn gscheit zammramma?“ – Wobei ich dann mich vor meinem inneren Auge einen Karton gepökelte Eisbeine verräumen sah und unwillkürlich zu lachen anfing.

Sie haben sich bemüht, hochdeutsch zu sprechen. Und es hat auch geklappt. Aber geflucht haben sie auf bayerisch. Und untereinander waren sie auch eher in ihrem Slang unterwegs.

Was mir besonders toll gefallen hat: Sie hatten nach wie vor kein Mitleid und haben mich nicht mit Samthandschuhen angefasst. Okay, ich erwähnte bereits, dass Paula schon seit frühester Kindheit eine enge Freundin hat, die wegen Spina bifida, einer angeborenen Querschnittlähmung, im Rollstuhl sitzt, und inzwischen mit ihr zusammen studiert. Womit natürlich auch Emma regelmäßigen Kontakt zu ihr hatte und auch noch hat. Das ist ja aber bekanntlich kein Garant dafür, dass sie sich mir gegenüber normal verhalten – umso schöner, dass sie es tun.

Wir hatten ein ziemlich gefülltes Wochenendprogramm. Beide hatten sich von mir eine Erkundungstour im Rollstuhl gewünscht. „Ich möchte das schon seit Jahren, meine Freundin sagt immer, ich soll es einfach tun, aber ich kann mir das einfach nicht erlauben. Bei uns zu Hause ist das Risiko einfach zu groß, dass mir jemand über den Weg läuft, der mich kennt und im günstigsten Fall sich nur erschrickt und hinterher dumme Fragen stellt. Es gäbe aber auch genügend Leute, denen könnte man das nicht erklären. Unsere Mutter würde ausflippen, wenn es wegen so einer Aktion später Theater gibt.“

„In Hamburg kennt uns keiner. Da können wir mal die Sau rauslassen.“ – Also fuhren Marie und ich zusammen mit Emma und Paula in die Sporthalle „meines“ Krankenhauses, um, bewaffnet mit zwei weiteren Rollis, den beiden das Rollstuhlfahren beizubringen. Wenn man schon so eine Entdeckungstour macht, gilt es auf alle Fälle zu vermeiden, dass Situationen entstehen, die anderen Menschen eine Hilfestellung abverlangen. Das gehört sich einfach nicht. So eine Behinderung „vorzuspielen“ ist eine Sache, solange aber kein Dritter unmittelbar betroffen ist, ist das aus meiner Sicht eine persönliche Sache. Aber nun sich noch von Dritten helfen lassen, obwohl man eigentlich auch aufstehen könnte, das ginge entschieden zu weit.

Also übten wir, wie man sich fortbewegt. „Drin gesessen hab ich ja schon oft bei meiner Freundin. Und rumgegurkt bin ich damit im Zimmer auch schon. Und ankippen kann ich auch“, sagte Paula, verschätzte sich mit der Kippfreudigkeit von Sofies leihweise überlassenen Zweitrolli und lag auf der Erde. Das Kinn hatte sie gerade noch rechtzeitig zur Brust gezogen, so dass sie nicht mit dem Hinterkopf auf den Hallenboden donnerte. Zwei Sekunden guckte sie verdattert aus der Wäsche, dann fing sie zu lachen an. Auf der Straße wären nun die Menschen zusammengelaufen, mindestens einer hätte 112 gewählt … hier in der Sporthalle, an deren Rand mindestens 30 Leute an Fitnessgeräten turnten oder auf Fahrradergometern radelten, kümmerte sich niemand um das Problem. Lediglich der anwesende Sporttherapeut murmelte im Vorbeigehen: „Fallsucht?!“

Nach zwei Stunden Crashkurs verkündete Emma: „Ich bin völlig nassgeschwitzt. Ich muss gleich erstmal duschen. Ich hätte nie gedacht, dass das so anstrengend ist. Obwohl, ‚anstrengend‘ ist das falsche Wort. Kraft braucht man eigentlich kaum, aber man muss sich unheimlich konzentrieren, um das alles präzise zu koordinieren.“ – Am Ende meinte der Sporttherapeut: „Ist genehmigt. Wollt ihr heute noch auf große Tour?“

Als wir wieder bei mir zu Hause waren, schnipselten wir mit vier Leuten eine Reispfanne zusammen. Plötzlich sagte Emma: „Wir haben neulich gesehen, dass du die Million voll hast. Seitenaufrufe meine ich, bei deinem Blog. Bist ja ganz schön berühmt geworden mit deiner Geschichte, oder? Hast du nicht manchmal Angst, dass deine Offenheit dir Nachteile bringt? Ich meine später mal im Job oder wenn du neue Leute kennen lernst. Es gibt doch viele Dinge, von denen man eigentlich nicht möchte, dass andere sie erfahren. Du schreibst irgendwie über alles.“

Ich antwortete: „Ich glaube, diese Angst muss man nur haben, wenn man Außenseiter ist. Ich formuliere das bewusst so krass. Wenn man Freunde hat, die einen mögen wie man ist, und ich bin überzeugt, die habe ich, dann kann es einem völlig egal sein, was andere, die (noch) nicht deine Freunde sind, über dich denken. Ich zwinge ja niemanden zu näherem Kontakt. Ich kann mir lediglich vorstellen, dass, wenn man keine Freunde hat, es cool sein könnte, über mich abzulästern. Wenn keiner da ist, der widerspricht, weil er mich gern hat, kann man sich vielleicht eher ergötzen über die Dinge, über die ich öffentlich schreibe, obwohl man sie eigentlich vor der Öffentlichkeit geheim hält. Hast du Freunde, die solche Lästereien gleich im Keim ersticken würden, traut sich keiner, schließlich will man sich damit nicht selbst zum Außenseiter machen. Ich habe vielmehr die Erfahrung gemacht, dass man mit Offenheit und Ehrlichkeit gut punkten kann.“

Ich fügte hinzu: „Nicht alle mögen das. Vor meinem Unfall wäre ich lieber gestorben als zum Beispiel gefragt zu werden, ob ich schon mal Sex hatte. Oder mich selbstbefriedigt. Obwohl ich das damals noch nie gemacht hatte. Geschweige denn Sex. Und heute? Ich rede nicht mit jedem über Sex. Oder über Selbstbefriedigung. Es bleibt schon etwas intimes. Aber kein Geheimnis. Es darf ruhig jeder wissen, ob ich das mache. Wenn es interessiert. Ich laufe auch nicht durch die Straßen und rufe das in die Welt hinaus. Aber wenn einer fragt, bekommt er eine ehrliche Antwort. Und wenn einer meinen Blog liest, liest er mitunter auch darüber etwas. Statistisch gesehen mache ich das sowieso, dann bin ich lieber eine Persönlichkeit als eine Nummer. Ich habe lieber klare Verhältnisse als Gerüchte.“

Emma fragte Marie: „Bist du auch so offen?“ – Marie sagte: „Ich weiß nicht. Im Prinzip schon. Ich schreibe halt keinen Blog. Aber wenn mich jemand was intimes fragt … es hängt immer davon ab, warum mich jemand etwas fragt. Wenn er sich über mich lustig machen will, gebe ich eher keine Antwort.“ – Paula fragte: „Okay. Masturbierst du?“ – Marie grinste. Und sagte dann: „Jetzt gerade nicht.“ – „Anknüpfend an die Geschichte von neulich: Weiß deine Mutter, dass du das machst? Oder vermutet sie es nur? Wirst du jetzt rot?“ – Marie antwortete: „Ich werde immer rot bei solchen Themen. Aber sie weiß es.“ – Emma warf dazwischen: „Na, ihr habt ja Themen.“

Ich fragte: „Redest du mir ihr darüber?“ – „Um Himmels Willen. Nee. Nein, sie kam mal morgens in Zimmer und ich war halt im Bett, es war ein Sonntagmorgen, ich hatte mich sehr intensiv beschäftigt und war etwas verschwitzt. Sie wollte mich zum Frühstück wecken, sah mich und fragte, ob ich Fieber hätte. Wollte mir ihre Hand auf die Stirn legen und ich fauchte sie an: ‚Mama! Kein Fieber. Etwas mehr Diskretion bitte, ja?'“ – Ich grinste. Ich konnte mir das lebhaft vorstellen, auch den Gesichtsausdruck dazu. Ich fragte: „Und wie hat sie reagiert?“

„Ach, ganz süß eigentlich. Sie ist zurückgezuckt und sagte ‚Oh, Verzeihung. Ähm, Frühstück ist fertig.‘ Und später in der Küche hat sie mir einen Kuss gegeben und gesagt: ‚Mach dir keinen Kopf, okay? Es ist alles gut.‘ – Ich war damals 13 oder 14. Und da ist man doch noch etwas sensibler und grübelt über vieles nach. Beziehungsweise: Ich hab über vieles nachgegrübelt.“ – „Ich glaube, das ist normal.“ – „Und eine andere Situation hatte ich noch, da war ich 16 oder 17, da habe ich mir von meiner damaligen besten Freundin [aus einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit angeborener Querschnittlähmung] einen Vibrator ausgeliehen. Sie hatte den von ihrer größeren Schwester und eigentlich wusste ich nicht, was ich überhaupt damit wollte, aber es war cool und erwachsen und … naja, ich hab ihr versprochen, wenn ich den ausprobiere, zieh ich vorher ein Kondom drüber. Hab ich auch gemacht, nur leider hat meine Mutter das Kondom im Mülleimer entdeckt. Ich hatte damals einen Freund, mit dem ich aber nur geknutscht hatte, bevor es zum ersten Sex kam, waren wir schon wieder auseinander. Ich habe damals die Pille nicht bekommen, weil meine Mutter Angst hatte wegen Thrombose. Wir haben sehr offen darüber gesprochen und ich war einverstanden, dass ich sie nicht nehme, solange ich sowieso nicht mit ihm schlafe. Sie meinte, sie hat absolut nichts dagegen, wenn wir Sex haben, wir sollen nur unbedingt an Verhütung denken. Und ich habe ihr halt erklärt, dass wir höchstens fummeln, sie also ganz beruhigt sein kann. Und dann sah sie halt das benutzte Kondom.“ – „Und dann?“ – „Naja, sie hat mich drauf angesprochen und gesagt: ‚Ich dachte, ihr knutscht nur. Ist das noch aktuell, dass du keine Pille willst?‘ – Und ich habe halt gedacht: ‚Was will sie jetzt von mir, ich habe meinen Freund zwei Tage nicht gesehen?‘ – Naja, das Kondom. Lag halt im Müll im Bad. Hab ich ihr halt die Story mit dem Vibrator erzählt.“ – „Und?“ – „Sie hat mir ohne mit der Wimper zu zucken eine Flasche Desinfektionsmittel hingestellt und gemeint: Kannst du auch einfach abwischen. Ist auf die Dauer billiger.“ – „Cool.“

Paula fragte Marie: „Trägst du eigentlich auch Pampers?“ – Marie schüttelte den Kopf. „Nee. Ausnahmsweise vielleicht mal. Bis ich 14 war, hab ich immer welche gehabt, aber seitdem bekomme ich ein Medikament, das die Blase lähmt und muss mich kathetern. Das klappt recht zuverlässig.“ – „Warum nimmst du dieses Medikament nicht, Jule?“

„Ich bekomme das auch. Aber in niedrigerer Dosierung, weil ich die höhere Dosierung nicht vertrage. Da werde ich zittrig, sehe Doppelbilder – geht nicht. Ich bin ja auch relativ dicht, die Pampers ist ja eher eine Vorsichtsmaßnahme. Wenn ich zu Hause bin oder nur kurze Zeit unterwegs, trage ich auch keine. Und ich muss mich eben nicht kathetern, weil ich die Blase so leer bekomme. Hat alles seine Vor- und Nachteile.“

Paula sagte: „Ich würde ja eigentlich auch gerne mal sowas anziehen. Also nur um zu wissen, wie sich das anfühlt.“ – Emma fielen fast die Augen aus dem Kopf. Marie sagte: „Mach doch. Lass dir von Jule eine geben. Ist aber nicht anders als eine Unterhose. Das einzige, worauf man achten muss, ist, dass man sie richtig zuklebt.“ – Ich grinste. Emma verfiel vor Fassungslosigkeit in ihren bayerischen Dialekt, fragte ihre Zwillingsschwester einigermaßen entsetzt, ob sie jawohl nicht auch noch „einisoacha“ will.

Als wir endlich unterwegs waren, war Emmas erste Bemerkung: „Was gaffen die Leute denn bloß so extrem? Haben die noch nie jemanden im Rolli gesehen oder was? Das ist ja völlig extrem!“ – „Ich habe keine Ahnung, ob das vielleicht daran liegt, dass wir zu viert sind.“ – „Nee, eben als ich alleine mit dem Aufzug vorweg gefahren bin, glotzte auch ein Typ so extrem. Ich hätte am liebsten was gesagt.“ – „Ich merke das schon gar nicht mehr. Ich blende das echt aus. Es kann sogar sein, dass Leute an mir vorbei laufen, die ich kenne, und die ich überhaupt nicht wahrnehme. Oft denken die, ich bin unfreundlich und grüße nicht. Oft nehme ich sie gar nicht wahr.“

Wir fuhren mit der U-Bahn in die City, eierten dort durch die Haupt-Einkaufsstraße. Emma sagte erneut: „Das Gegaffe macht mich aggressiv. Ich kenne das ja von der Uniform her, da gucken ja auch viele. Plötzlich grüßen dich wildfremde Leute. Gähnen ohne Hand vor dem Mund oder in der Nase popeln kann man da nicht so einfach. Aber man kann zur Not wenigstens noch die Mütze weit ins Gesicht ziehen. Aber das hier? Ich komme mir vor wie eine rollende Zielscheibe.“

„Ich stell mir gerade vor, du setzt dir eine Polizeimütze auf und fährst damit im Rolli herum.“ – „Genau. Und dann am besten noch mit Handschellen an den Rollstuhl gefesselt. Und hinten guckt eine Windel aus dem Hosenbund.“ – Marie krümmte sich vor Lachen. Ein Mann fasste ihr von hinten auf die Schulter: „Na, habt ihr auch Spaß? Das finde ich toll.“

Am Jungfernstieg stellten wir uns an einem Eisladen an. Als Emma ihren Eisbecher in der Hand hielt, fragte sie: „Scheiße. Und wie komme ich jetzt vorwärts?“ – Eine Frau: „Ich helfe Ihnen! Soll ich Ihr Eis nehmen?“ – Ich löste die Situation auf: „Hier, halt mein Eis auch und ich schiebe dich.“ – Genauso machten es auch Marie und Paula. Als die beiden im der Abendsonne auf die Binnenalster guckten, meinte Paula: „Hamburg ist schon schön. Irgendwie haben wir noch nicht viel gesehen, aber mir gefällt die Stadt. Ehrlich.“

Als wir wieder zu Hause waren und die zwei überflüssigen Rollis abgestellt hatten, machten wir uns wieder auf den Weg in die Stadt, diesmal zur Sternschanze. Das dortige Schanzenfest wollten die beiden unbedingt erleben, wenngleich der größte Teil des Nachmittags bereits vorüber war. Ein Straßenfest mit vielen Flohmärkten, Musik, Fressmeile zog tausende Leute an. Wir ergatterten sogar noch einen Außentisch in einer der vielen Gaststätten und bekamen noch total leckeres Essen. Die Luft war angenehm warm und wir wären auch gerne noch länger geblieben, nur irgendwann kippte die Stimmung merklich. Nicht unsere, sondern die offensichtlich extra angereister Chaoten, die auf Randale eingestellt waren. Entsprechend machten wir uns vom Acker – gerade noch rechtzeitig, denn kurz danach gab es in jener Straße die erste Messerstecherei.

Am Sonntag haben sich Emma und Paula jeweils ein Fahrrad ausgeliehen. Zu dritt (ich mit meinem Handbike, nein nicht das Rennbike, sondern das zum Vorspannen für den Alltagsrolli) sind wir insgesamt fast 35 Kilometer an der Elbe entlanggeradelt. Es war total toll. Paulas erster Kommentar: „Ohh, Schaaaafis! Und ein schwarzes ist auch dabei!“ – Emma: „Familienzusammenführung.“

Unter anderem kamen wir auch an der Stelle vorbei, an der ich das aktuelle Hintergrundbild aufgenommen habe:

Am Montagmorgen sind meine Zwillingshalbschwestern wieder nach Bayern zurückgefahren. Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei.

Sand im Ohr, Sonne im Hirn

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Ich bin wieder zurück. Eine Woche Strand mit einem Haufen verzogener Kinder und Jugendlicher Betreuerinnen und Betreuern ist vorbei. Nach ausgiebigem Schlaf in (m)einem vernünftigen Bett habe ich gerade die hoffentlich letzten Sandkörner aus meinen Ohren gewaschen.

Nach einer Woche Trainingslager in Bayern und dem Kennenlernen meiner beiden älteren Halbschwestern hatte ich quasi einen halben Tag Zeit, Wäsche zu waschen, neu zu packen, Mails grob zu checken und die wichtigsten Telefonate zu erledigen, bevor es eine weitere Woche mit letztlich fast 30 Kindern und Jugendlichen (zwischen 12 und 18, bei wenig Heimweh auch ab 11 oder 10, bei viel Langeweile auch bis 19 oder 20 Jahren) auf Strandfreizeit an die Ostsee ging. Stinkesocke übernahm mit noch fünf anderen „Erwachsenen“ die „Betreuung“ der Horde – für lau natürlich. Wir Betreuer mussten zwar Unterkunft und Essen nicht bezahlen, bekamen aber auch kein Geld. Was mich besonders berührt hat, war, dass mal wieder alle Kinder und Jugendlichen mitfahren konnten. Es gibt ja immer wieder einige Familien, die die 300 € für eine Woche Freizeit für ein Kind nicht leisten können, und die auch keine öffentlichen Zuschüsse bekommen. Hier sammelt seit Jahren ein Unternehmen aus dem Hamburger Umland mit einer Spendenaktion für diese Sommerfreizeit – die Nachkommestellen (also Cent) aller Junirechnungen fließen in einen Topf und am Ende rundet der Chef auf eine volle Summe auf. So sind in diesem Jahr 1.500 € zusammengekommen. Natürlich klappt sowas nur, wenn die Firma sich darauf verlassen kann, dass nur diejenigen unterstützt werden, die wirklich mittellos sind.

Nach anfänglich regnerischem Wetter zog Petrus ab Montagmittag alle Register. Was ich besonders toll fand, besonders nach der langen Regenzeit im Norden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren derart pflegeleicht, dass wir Betreuer einen sehr entspannten Job hatten. Kein Gezicke, kein Geschrei, kein Gemetzel, nur mal das eine oder andere Wehwehchen. Wir hatten eine bunte Mischung aus körperlichen Behinderungen unter den Teilnehmern, einige waren dazwischen, die zusätzlich eine Lernbehinderung hatten, darauf musste man zwar intensiv eingehen können, aber man hatte nicht ein einziges Mal irgendeinen Stress. Na klar, dummes Zeug, Albernheiten und eine enorme Lautstärke gehörten auf die Tagesordnung, aber nicht ein Jugendlicher ist auf die Idee gekommen, irgendetwas auszufressen, worauf man irgendwie hätte reagieren müssen. Da wurde nicht gesoffen, nach Schlafenszeit tobte niemand mehr durchs Haus, es verschwand niemand unabgemeldet, es gab zwar verschiedene Untergruppen, aber keinen Streit – himmlisch. Wie Urlaub. Mit mir am Frühstückstisch saßen unter anderem zwei Lehrer, die zu einer Schulklasse gehörten, und die sagten schon irgendwann: „Ich begreif das nicht. Bei uns wird mit Brötchen geworfen, die schmeißen sogar die leere Milchkanne von einem Tisch zum nächsten – Kevin lässt du das mal sein, die geht kaputt! – und bei euch gießen sich gegenseitig die Milch ein, wenn einer Hilfe braucht, ohne dass man ein Wort sagen muss.“ – „Das kann man aber nicht vergleichen.“ – „Wahrscheinlich nicht.“

Und ab Dienstag wollten mich meine doppelten halben Schwestern Emma und Paula einen Tag am Strand besuchen kommen. Sie waren am Montag mit dem Auto bis Hannover gefahren, hatten dort geschlafen und waren um kurz nach 10 am Strand. „Ich war noch nie am Meer!“, sagten beide wie aus einem Mund.

Mein erstes Treffen mit den beiden musste ich erstmal verdauen und verarbeiten, aber inzwischen habe ich gemerkt, dass Emma und Paula nicht allzu viel von meinem Vater geerbt haben. Oder um es positiv auszudrücken: Während mehrere Strandgäste in der unmittelbaren Nähe umzogen, weil eine so große Behindertengruppe ihnen „zu viel Lebensrealität im Urlaub“ sei, waren die beiden gleich voll im Geschäft: Wir waren auf einem besonderen Strandabschnitt, auf dem auch Klettergeräte, ein Volleyballnetz und ähnliches aufgebaut waren, dafür aber keine Strandkörbe standen, und der für besondere Zwecke genutzt wird. Wir hatten die offizielle Genehmigung der Gemeinde bekommen, dort zwei große Zelte aufstellen zu dürfen, und Emma und Paula unterstützen den Aufbau gleich mit vollen Kräften, trugen Klappkisten aus dem Auto ins Zelt, halfen einigen Leuten durch den Sand – völlig entspannt. Dann kam ein Typ von der Kurverwaltung und schaute sich das alles an, befand das alles für gut und verschwand wieder mit der Ermahnung, keinen Müll ins Meer zu werfen.

Und dann ging es los mit Sonnencreme und Spaß pur: Wir hatten drei XXL-Luftmatratzen am Start, jeweils acht bis 10 Leute passten drauf. Gekuschelt und gestapelt natürlich. Und was ist lustiger, als sich bei auflandigem Wind durch die Wellen schaukeln zu lassen? Richtig: Einen Fußgänger dabei zu haben, der die Luftmatratze so positioniert und schwimmend durch die Gegend schiebt, dass die Wellen jeweils die volle Breitseite bekamen und die Luftmatratzen immer einen Wimpernschlag vor dem Kentern waren. Die Ostsee soll zwar nur 14 Grad gehabt haben, aber wir waren trotzdem am Dienstag sechs Mal im Wasser.

Und in der Zwischenzeit wurde ich erstmal eingebuddelt. Großes Loch in den Sand, Stinkesocke rein, komplett zuschütten. Dann bekam ich einen kleinen Sonnenschirm daneben, einen Becher mit Trinkhalm zu meinem Mund und vor die Nase den Spiegel-Artikel über den bei „Wetten Dass“ verunglückten Samuel Koch. Irgendwie kam ich mir ziemlich behindert vor, andere Leute beim Umblättern der Zeitung um Hilfe bitten zu müssen – schließlich waren meine Arme auch komplett eingegraben. Es hatte aber einen Vorteil: Es war angenehm kühl.

Emma und Paula blieben spontan bis Donnerstag abend, schliefen die beiden Nächte in einem billigen Hotel am Stadtrand von Lübeck. Wir haben uns sehr gut verstanden und hatten viel Spaß miteinander. Worüber ich sehr glücklich bin (inzwischen), ist, dass sie wirklich ernsthaftes Interesse an mir haben. Sie haben beide meinen Blog gelesen, sie haben sehr viel über sich erzählt, sie haben sehr viel gefragt und wollen im nächsten Monat auch noch einmal nach Hamburg kommen (und ich soll spätestens im September zu ihnen nach Hause für ein Wochenende). Das einzige, woran ich mich noch nicht gewöhnt habe, ist, dass sie über meinen Vater kaum gesprochen haben. Sie haben sich distanziert, einerseits, meinten aber, dass es nichts bringe, sein Verhalten zu bewerten. Weder das vor 22 Jahren, noch das die 20 Jahre lang, noch das die letzten drei Jahre nach meinem Unfall. Er sei einfach eine Person, zu der man nur eine oberflächliche Beziehung haben könne – wie zu einem Nachbarn, mit dem man sich das besser nicht verscherzt, aber mit dem man auch keinen Kaffee trinken geht. Was auf den ersten Blick hart klingen mag, wenn Kinder so über ihren Vater (oder neutraler vielleicht: Erzeuger) reden, so ist es vielleicht der einzige Weg, wie sie mir den Spagat zwischen dem jahrelangen Kontakt zu ihm und ihrer Distanz zu seinem indiskutablen Verhalten mir gegenüber glaubhaft vermitteln können.

Und sonst? Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass zwar die Kinder und Jugendlichen allesamt sehr lieb und pflegeleicht waren, wir aber drei Betreuer hatten, die vorzeitig nach Hause geschickt bzw. ausgetauscht wurden. Ein Paar hat sich so in die Haare bekommen, dass sich die beiden nach insgesamt fünfjähriger Beziehung getrennt haben (wobei das nach meiner Einschätzung nur noch eine Frage der Zeit gewesen ist, da die schon immer einen unmöglichen Tonfall gegenüber hatten) und entsprechend „indisponiert“ waren, um mit deren Worten zu sprechen. Eine dritte Betreuerin, 24 Jahre alt, hat sich benommen als wäre sie 4 Jahre alt. Hat sich an keine Absprache gehalten, nur rumgezickt und als dann wiederholt die Teilnehmer irritiert nachfragten, warum Frau … eines tut oder anderes lässt, wurde sie kurzerhand nach Hause geschickt. Zu viel Sonne im Hirn.

Was bleibt sind zwei absolut tolle Ferienwochen mit vielen schönen Erinnerungen, gut gebräunte Haut, zwei große Schwestern, mit denen ich mich gut verstehe und ein Brief im Kasten, dass der im Februar bestellte Touran abholbereit ist. Somit gibt es nicht nur einen Ausblick auf eine weitere Woche schönes Sommerwetter, sondern auch noch darauf, dass ich endlich mal wieder motorisiert bin – wenngleich sich Sofie und ich den Touran teilen wollen. Der ebenfalls bestellte Viano ist inzwischen in den November gerutscht. Unglaublich.

Emma und Paula

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Schreibstauentstehung nenne ich das Phänomen, das einem intensiven Erleben ereignisreicher Tage und kurzer Nächte zwischen fremden Wänden geschuldet ist. Keine Angst, aus dem Schreibstau entwickelt sich kein anderer Schreibstil, mir hat lediglich die Sonne ein wenig zu doll auf den Kopf geschienen. Das zusammen mit vielen neuen und tiefen Eindrücken ließ mich heute morgen beim Blick in den Spiegel jemanden erkennen, der neben mir sich steht sitzt.

Bevor ich also über so langweilige Dinge schreibe wie ein absolut spannendes Trainingslager in Bayern mit vielen netten Leuten, jeder Menge Spaß, guten Trainern und dem Gefühl im Bauch, es hat sportlich eine Menge gebracht, muss ich als allererstes von dem Treffen mit meinen zwei Halbschwestern schreiben.

Es war deutlich entspannter als zuerst angenommen, wenngleich es sehr bewegend war. Nicht, weil ich nach 20 Jahren endlich meine Halbschwestern sehe – von denen habe ich zwanzig Jahre nichts gewusst, also habe ich auch nichts vermisst. Nein, die Tatsache, dass mein Vater mir über Jahrzehnte nichts gesagt hat und mich ganz offensichtlich auch angelogen hat, das ist schon hart. Das ist eine Dimension, die ich von ihm bisher nicht kannte. Und die natürlich weitere Zweifel aufwirft. Was ich auch sehr ungerecht fand, ist, dass meine Halbschwestern seit jeher von seinem Doppelleben wussten, ich jedoch nicht. Aber dafür können sie natürlich nichts.

Ich habe mich mit Informationen zu mir vor dem Treffen sehr bedeckt gehalten. Wenngleich ich mir sehr sicher war, dass das alles echt ist, blieben mir bis zuletzt einzelne Zweifel, ob mich eventuell jemand verarscht. Irgendein lustiger Leser, irgendeine der Personen, die von meiner Anwältin mal aufgefordert worden sind, mir keine Pimmelbildchen mehr zu schicken, meine psychisch kranke Mutter oder jemand, der auf junge Frauen mit Querschnittlähmung steht und mich hinterhältig in eine Falle lockt. Nichts von alledem war der Fall, aber meine Vorsichtsmaßnahme, Informationen über mich nur sehr sparsam herauszugeben, hatte dazu geführt, dass sie, sofern mein Vater nichts darüber erwähnt hatte, nicht wussten, dass ich einen Unfall hatte und im Rollstuhl sitze. Das ist zwar fies, aber … sie hatten 20 Jahre einen Wissensvorsprung, ich 20 Tage. Es war auch okay.

Und in der Tat hat mein Vater nichts von meinem Unfall erzählt, sondern hat sogar noch Kontakt, sogar in derselben Regelmäßigkeit wie bisher, etwa einmal pro Quartal. Auch von seiner Trennung und seinem Auszug hat er nichts erzählt. Meine zwischenzeitliche Befürchtung, dass er dort inzwischen wohnen könnte, bestätigte sich (entsprechend) zum Glück nicht. Der Wunsch, mich zu sehen, ging eindeutig von meinen Zwillingsgeschwistern aus, und die beiden haben am Ende auch durchgesetzt, dass sie mich erstmal alleine treffen. Meinen spärlichen Informationen hatte es zur Folge, dass ich im Augenblick meines Auftauchens einen Überraschungsmoment auf meiner Seite hatte, der zwar eher mehr als weniger gemein ist, der aber im Nachhinein vieles von beiden Seiten erheblich entspannt und verkürzt hat.

Ich hatte letztlich Marie als Begleitung mitgenommen und so tauchten wir in einer wunderschönen Stadt auf, etwa 2.000 Jahre alt, mit vielen historischen Gebäuden aber dennoch einer modernen Infrastruktur und daher auch mit dem Rollstuhl gut zu bewältigen. Das Wetter war schön. Wir hatten uns an einem Cafè verabredet, die beiden saßen draußen an einem der Tische, ich erkannte sie anhand der vorher gesehenen Fotos sofort, bei den beiden dauerte es spürbar länger. So lange, dass es mir gelang, mit der Frage: „Ist hier noch frei?“ zunächst ein „Nein“ aus ihnen herauszukitzeln.

Als erstes bekamen wir erzählt, dass die beiden gerade fünf Minuten zuvor noch besprochen hatten, sich pünktlich zum vereinbarten Termin ein großes Eis zu bestellen und wieder zu verschwinden, wenn das aufgegessen ist. Soll heißen: Sie haben mit dem Gedanken gespielt, dass ich dort überhaupt nicht auftauchen würde. Um so mehr freuen sie sich, dass sie mich endlich mal live sehen. Dann kam die aus meiner Sicht geschickte Auflösung meines Überraschungsmomentes: „Wie kommt es eigentlich, dass ich mir dich noch nie im Rollstuhl sitzend vorgestellt habe?“ – „Hat unser Vater davon nie etwas erwähnt?“ – Beide schüttelten den Kopf.

Das coolste war: Es war kein Problem. Kein Mitleid, kein falscher Respekt meinem Fortbewegungsgerät gegenüber, keine Berührungsängste. Völlig unkompliziert. Eine der beiden studiert Psychologie, zusammen mit ihrer besten Freundin, einer Rollstuhlfahrerin, die sie schon seit der Grundschule kennt – mit angeborener Querschnittlähmung. Das erklärt vielleicht einiges, aber nicht alles. Die andere der beiden hat gerade ihre Laufbahnprüfung bei der Polizei bestanden.

Was soll ich schreiben? Ich muss die ganzen Eindrücke, Geschichten, Fotos und das ganze Gewirr drumherum erstmal verdauen. Es war insgesamt sehr positiv, es gab viel zu erzählen, es gibt eine gemeinsame Wellenlänge, auch einen gemeinsamen Humor – und beide können unheimlich toll zuhören und erzählen. Schnell waren einige Stunden vorbei und wir trennten uns wieder, allerdings wollen die beiden in der nächsten Woche einmal in Richtung Norden aufbrechen. Ich bin ab heute für eine Woche mit einer Kinder- und Jugendfreizeit an der Ostsee (als „Betreuerin“) und vermutlich am Dienstag wollen meine beiden neuen alten halben doppelten Geschwister mich besuchen. Ich freue mich schon sehr darauf. Vorher werde ich aber versuchen, zwischen Sand, Sonnencreme, Schokoeis und Seewasser meinen Schreibstau aufzulösen.

Und fast hätte ich es vergessen: Sie haben sich die Adresse meines Blogs notiert. Und wollten ihn lesen bis zur nächsten Woche. Hoffentlich wollen sie danach mich trotzdem noch näher kennen lernen. Auf die Frage, wie ich die beiden denn nennen soll, sofern ich nicht die realen Namen verwende, sagten sie fast aus einem Mund: „Emma und Paula.“ – „Ah ja. Und wer ist Emma?“ – „Die ältere von uns beiden. Ich bin ein paar Minuten älter“, sagte Emma. Und Paula grinste.