Ganz viel Müll

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Paula und ich sind am letzten Freitag rechtzeitig um 4.30 Uhr bei mir losgefahren, um Emma vom Bahnhof abzuholen. Sie hatte einen Nachtzug genommen und wir hatten vereinbart, uns um 7 Uhr morgens am bisherigen Wohnort unseres verstorbenen Vaters zu treffen. Weil noch kein Berufsverkehr war, hoffte ich, mit zweieinhalb Stunden für die rund 300 Kilometer auszukommen. Da es fast nur Autobahn war, müsste es funktionieren.

Eine Baustelle kam nach der nächsten, kaum fuhren wir mal 120 km/h, wurden wir auch schon wieder auf Tempo 80 oder sogar nur 60 km/h ausgebremst. Schon für die ersten 100 Kilometer brauchten wir über eine Stunde. Doch dann war die Strecke frei, gut ausgebaut, freie Sicht – was will man mehr? Mit Tempomat fährt es sich sehr entspannt. Irgendwann fragte Paula: „Sag mal, fahren wir wirklich die ganze Zeit 200? Wenn ich da an meine Karre denke, die ist schon bei 130 dreimal so laut. Und kommt selbst bergab bei Rückenwind nicht über 160. Das ist voll entspannt.“ – „Im Moment sind Winterreifen drauf, daher ist es sogar etwas lauter. Aber ich bin auch sehr zufrieden.“ – Bei 200 km/h hört man nur Wind- und Abrollgeräusche. Der Motor schnurrt bei rund 2.300 Umdrehungen im 9. Gang leise vor sich hin.

Um 6.50 Uhr standen wir vor dem Bahnhof. Emmas Zug fuhr gerade ein. Wir warteten im Auto, da es arschkalt draußen war. Als nächstes wollten wir den Wohnungsschlüssel von der Polizeiwache abholen. Ich hatte extra am Vortag noch dort angerufen und nachgefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja, natürlicher Tod, die Wohnung sei wieder freigegeben. Emma flitzte zu ihren „Kollegen“ rein – und kam zehn Minuten später ohne Schlüssel wieder raus. „Die haben den an das Nachlassgericht weitergegeben.“ – Ich dachte erst, sie wollte uns foppen. Aber es stimmte. Ich fragte: „Nee, oder? Warum das denn?“ – „Weil die hier nicht beurteilen können, wer berechtigt ist, den Schlüssel in Empfang zu nehmen.“

Na super. Und das Nachlassgericht würde vermutlich am Freitag gar nicht geöffnet sein. „Ich habe mir gerade schriftlich bestätigen lassen, dass das von der Polizei angebrachte Siegel entfernt werden kann, weil die Todesermittlungen abgeschlossen sind.“ – „Wofür brauchen wir das denn?“ – „Warte mal ab. Wir fahren jetzt erstmal zu der Wohnung und hoffen, dass nur ein Siegel an der Tür ist und nicht noch eins vom Gericht.“

Emma stiefelte zur Wohnung hoch und kam sofort wieder herunter. „Ist nur eins vom Landeskriminalamt dran wegen der Todesermittlung. Und das ist schon zur Hälfte ab. Also fragen wir jetzt mal die Nachbarn, wer einen Schlüssel hat.“ – „Doch nicht zum Gericht?“ – „Möglichst nicht. Die kommen noch auf die Idee, dass die Wohnung zur Sicherung des Nachlasses erneut beschlagnahmt wird. Ich glaube kaum, dass der zuständige Rechtspfleger an einem Freitag morgen drei Frauen einen Schlüssel aushändigt, ohne vorher geprüft zu haben, ob sie die rechtmäßigen Erben sind und ob sie das Erbe annehmen. Insofern stellen wir keine Fragen, deren Antworten wir nicht hören wollen, und wecken auch keine schlafenden Hunde.“

Die Nachbarn, die den Krankenwagen gerufen haben, hatten keinen Schlüssel. Aber der Hausmeister sollte einen haben. Der war in seinem Büro, wollte uns den Schlüssel zur Wohnung zunächst aber nicht aushändigen. Als ich ihm dann aber meinen Ausweis zeigte und den Zettel, dass die Versiegelung aufgehoben ist, versprach er, in den nächsten zehn Minuten vorbei zu kommen. Emma nahm mich auf den Arm und trug mich in den zweiten Stock, Paula kam mit meinem Rollstuhl hinterher. Vor der Tür warteten wir im Halbdunkel auf den Hausmeister. Der kam, schloss auf und sagte: „Aushändigen kann ich euch den nicht ohne Zustimmung des Haus-Eigentümers.“ – „Da wird ja bestimmt noch ein Schlüssel irgendwo liegen, dann nehmen wir den erstmal an uns.“

Wir bedankten uns, der Hausmeister ging wieder weg. Ich rollte über die Türschwelle in die Wohnung. Mir wurde schwindelig. Nicht nur von der schlechten Luft. Es war sehr sonderbar, nach zehn Jahren die Wohnung meines gerade verstorbenen Vaters zu betreten. Drinnen war das absolute Chaos. Er schien die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen zu haben. Auf verschiedenen Tischen lagen meterhohe Stapel Zeitungen. Dicke Staubschichten lagen überall auf dem Teppich, verstaubte Spinnenweben hingen unter der Decke. Auf dem Küchenfußboden, auf der Spüle, auf dem zugeklappten Herd und in einem Küchenschrank standen locker 300 Bierdosen. Und mindestens 50 leere Wodkaflaschen. Paula guckte mich mit großen Augen fassungslos an.

Versifft war es nicht. Kein Schimmel, keine Viecher. Vom Altpapier und von den leeren Gefäßen abgesehen, gab es keinen Müll. Dennoch war der Geruch unerträglich. Emma öffnete erstmal alle Fenster weit, stellte dazu einige vertrocknete Blumentöpfe auf den Fußboden. Hängte die Wohnungstür aus. „Nicht, dass die zufällt, solange wir keinen Schlüssel haben.“

Die Badewanne war randvoll mit Schmutzwäsche. Sechs Uhren hingen in den Räumen an den Wänden, alle zeigten andere Zeiten an oder waren stehen geblieben. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht der Currywurst-Tante. Ja, sie lebt noch. „Ruf doch mal zurück.“ – Nee, Schätzelein, der lebt nicht mehr.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Blöde Erinnerungen. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Aber andererseits musste ich doch nicht weinen. Ganz komische Situation. Emma sagte: „Komm Jule, wir fahren zum Baumarkt. Paula bleibt inzwischen hier und passt auf die Wohnung auf. Okay?“ – Ich nickte. Emma nahm mich wieder auf den Arm, trug mich ins Auto, lief nochmal hoch, holte meinen Rollstuhl. Im Baumarkt nahmen wir uns einen großen Wagen und holten 120 Umzugskartons, 10 Rollen blaue Müllsäcke, einen neuen Zylinder für die Tür, den billigsten, den es in der Größe gab, sechs Einweg-Overalls, einen Karton Einmalhandschuhe und zwei Packungen Einmal-Mundschutz. Ich rollte immer nur hinterher, Emma hatte das alles im Griff. Ich bezahlte. Fast 150 Euro.

Als wir wieder vor der Wohnung standen, stieg Emma nicht aus. Sie guckte mich an. Ganz sonderbar. Dann nahm sie mich in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Beschissene Situation. Lass uns das Beste draus machen.“ – Ich nickte. Sie brachte meinen Rollstuhl wieder in den zweiten Stock, kam zurück, trug mich in den zweiten Stock. Paula hatte inzwischen einen passenden Wohnungsschlüssel im Schlüsselkasten gefunden. Emma baute den Zylinder aus und baute den gekauften ein. Furzte dabei laut und sagte: „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Beitrag für etwas bessere Luft in dieser Hütte.“

Paula grinste und irgendwie musste ich über ihren Galgenhumor lachen. Emma sagte: „So. Paula faltet Kartons, Jule nimmt eine Zeitung nach der nächsten, schaut einmal, ob wichtige Briefe dazwischen liegen, und dann weg damit. Ich bringe die vollen Kartons ins Auto. Sobald das Auto voll ist, fahre ich den Mist zum Altpapiercontainer. Einverstanden?“ – Über 100 Kartons randvoll mit Altpapier hat Emma weggebracht. Immer zwei Kartons auf einmal die Treppe runtergetragen. Und natürlich die leeren Kartons wieder mitgebracht. Zwischendurch mal was getrunken. Dann wieder weiter. Fast dreißig Kartons voll mit Altglas. Beinahe 100 Euro Dosenpfand. Wir drei sahen in den Papieroveralls aus wie die Tatort-Reiniger. Und fühlten uns auch so.

Es war halb acht Uhr abends, als wir die Wohnung von allem frei stehenden Müll bereinigt hatten. Ich rief Marie an, sagte ihr nur kurz, dass wir heute nicht mehr nach Hause kämen. Fanden zu dritt ein Zimmer in einer billigen Hotelkette und duschten erstmal. Gingen in einem netten Restaurant noch eine Kleinigkeit essen. Fielen, zurück im Hotel, in unsere Betten und pennten sofort ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren wir fast die Einzigen. Emma sagte: „Wir werden heute alles durchwühlen und alle nötigen Dokumente sicherstellen. Und dann schlage ich vor, wir beauftragen ein Sperrmüllkommando, das die Bude in den nächsten Wochen komplett entrümpelt.“ – Vor ungefähr zehn Jahren hatte er die ganzen Möbel in einem Billig-Kiefermöbel-Mitnahmelager oder beim schwedischen Riesen gekauft. Nichts dazwischen, was man zum Flohmarkt bringen könnte, bei den meisten Schränken fielen schon die Türen ab oder Schubladen waren in sich zusammengefallen, kurzum: Schrott.

Wir sichteten zu dritt jede Menge Unterlagen. Fanden eine Sterbegeldversicherung über 2.500 Euro (für die er unsinnigerweise in den letzten 15 Jahren pro Monat 40 Euro eingezahlt hatte), fanden insgesamt sechs Sparbücher mit Guthaben jeweils zwischen 200 und 5.000 Euro. Auf dem Girokonto hatten sich, weil er ja in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts mehr ausgegeben hatte, fast 15.000 Euro angesammelt. In einem Briefumschlag waren fast 2.000 Euro Bargeld, die, wie man anhand der weiteren Unterlagen in dem Briefumschlag feststellen konnte, irgendwer vor drei Monaten von jenem Sparbuch abgehoben haben musste, auf dem jetzt noch 200 Euro waren. Wer das war (und womöglich eine Vollmacht hatte), konnten wir nicht klären.

Wir fanden das Scheidungsurteil über die Ehe meiner Eltern, was bei der Beantragung des Erbscheins, den wir brauchen würden, hilfreich sein wird. Und den Mietvertrag, den wir jetzt kündigen müssten. Wir fanden jede Menge alte Briefe, die meine Mutter meinem Vater geschrieben hat. Ich habe sie nicht gelesen. Wir fanden allerdings keine Fotos, weder von mir, noch von meinen Halbgeschwistern. Auch keine von nackten Frauen. Dafür aber ein schussbereites Gewehr und 200 Schuss Munition. Im Kleiderschrank im Schlafzimmer.

Wir haben inzwischen einen Bestatter damit beauftragt, meinen Vater abzuholen. Er wird verbrannt. Was mit seiner Asche passieren soll, ist noch nicht sicher. Vermutlich werden wir seine Urne anonym bestatten lassen.

Am Sonntagabend sind Emma und Paula zunächst wieder zu sich nach Hause gefahren. Helena empfing mich mit den Worten: „Ich hab dich vermisst“ und wollte sofort kuscheln. Seit Montag muss ich wieder arbeiten. Der Alltag hat mich wieder. Und das ist im Moment auch ganz gut so.

Super klasse

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Es war mal wieder so ein Erlebnis, das nur einer Stinkesocke passieren kann. Es ist inzwischen schon so, dass meine Leute mich regelmäßig fragen: „Wieso passieren dir ständig Dinge, die anderen Menschen einmal im Leben passieren?“ – Ich weiß, ein Faktor ist mein beim Unfall erworbener Idiotenmagnet. Aber da muss mindestens noch ein zweiter Faktor sein. Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen.

Zu meinem Job gehören auch Nachtdienste. Im Studium konnte ich mich einigermaßen davor drücken, das ist nun vorbei. Nun ist es zum Glück so, dass nachts nur ein einziger Bereitschafts-Arzt für die Klinik vorgesehen ist. Das heißt: Nur, wenn es mal einen Notfall gibt, muss man ran, ansonsten kann man schlafen. Man darf sogar nach Hause, wenn man die Klinik innerhalb von zehn Minuten erreicht. Sofern es sich um einen psychiatrischen Notfall handelt und man kein Psychiater ist, muss man die diensthabende Oberärztin oder den Oberarzt zu Hause aus dem Bett klingeln.

Ich wurde umfangreich ins Bild gesetzt vor meinem ersten Nachtdienst. Ein wenig Bammel hatte ich ja schon, zum allerersten Mal ganz alleine für etwas verantwortlich zu sein, ohne jemanden fragen zu können. Aber was sollte schon großartig passieren bei 60 schlafenden Kindern und Jugendlichen? Die beiden pflegerischen Nachtwachen sagten: „Gehen Sie schlafen. Wenn was ist, rufen wir Sie an. Meistens ist es die Frage, ob wir was gegen Durchfall oder Erbrechen geben dürfen. Das kommt alle paar Wochen mal vor. Richtige Notfälle gibt es hier eigentlich nicht.“

Also machte ich mich auf den Weg nach Hause, legte das Notdienst-Handy neben mein Bett und schlief schon bald ein. Allerdings habe ich mich nicht umgezogen, sondern meine Arbeitsklamotten angelassen und mir nur eine Wolldecke übergeworfen. Falls es doch mal schnell gehen muss. Meine Wohnung ist mit dem Auto genau 2,8 km von der Klinik entfernt, tagsüber würde man es mit dem Auto in 6 bis 7 Minuten schaffen, nachts natürlich etwas schneller. Mit Ein- und Ausladen des Rollstuhls also unter zehn Minuten. Check.

Und, wie sollte es anders sein, es ist 3 Uhr und 9 Minuten in der Nacht, als das Telefon bimmelt. Die Pflegekraft meldet mir ein zwölfjähriges Mädchen mit akutem Asthma-Anfall, der trotz des bereits zwei Mal innerhalb von drei Minuten inhalierten Spray nicht weg geht. Patientin ist ansprechbar, aber ängstlich und zittrig. Gesicht ist blass, aber nicht blau. Pfeifendes Atemgeräusch. Asthma ist bereits bekannt.

Atemlos in der Nacht. Das hat gerade noch gefehlt. Also Socke raus aus dem Bett, rein in den Rollstuhl, raus aus der Wohnung, scheiße ist das kalt. Auto ist zum Glück nicht zugeparkt oder geklaut, die Scheiben sind außen nass von der Luftfeuchtigkeit. Die Zentralverriegelung blinkt, Licht geht an. Niemand ist unterwegs, die Straßenlaternen leuchten. Wann bin ich zuletzt um diese Zeit durch die Gegend gefahren? Rein ins Auto, Rollstuhl verladen, Tür zu, Auto an, Scheiben wischen, Sitzheizung an (bibber), Abfahrt. Ich muss durch meine Wohnstraße und anschließend darf man nur links abbiegen und muss durch das ganze Wohngebiet, um auf die Hauptstraße zu kommen. Diese Regelung hat man geschaffen, damit die Wohnstraße bei überfüllter Hauptstraße nicht als Schleichweg genommen wird. Aber nachts um kurz nach drei Uhr? Leck mich.

Rechts abbiegen, die gesperrten fünf Meter vorsichtig vortasten, natürlich sind dort keine Vorfahrt-Schilder, weil man da ja eigentlich nicht so herum durchfahren darf, also lass ich die zwei Autos durch, die um diese Zeit hier herumfahren. Ein Lieferwagen, ein Taxi. Das nächste Auto ist weit genug entfernt. Also los. Ich bin auf der Hauptstraße, habe mindestens zwei Minuten gespart. Nun an der zum Glück abgeschalteten Ampel rechts in eine Seitenstraße abbiegen. Einen langgezogenen Berg hoch. Schneller als 50 kann man hier nicht fahren, dafür ist die Straße zu eng. Oben müsste ich links und gleich wieder rechts, dann weiter geradeaus. Und nach einer weiteren Kreuzung wäre da schon die Klinik. Aber bis zum „links und gleich wieder rechts“ komme ich nicht. Hinter mir kommt jemand, der es scheinbar noch eiliger hat. Es ist das Auto, was eben noch in weiter Entfernung war. Und bevor ich ein zweites Mal in den Rückspiegel schaue, blinkt mich dessen Fahrer drei, vier Mal per Lichthupe an. Hatte er es noch eiliger als ich? Ich gucke in den Rückspiegel, und wie könnte es anders sein? Dort spiegelt sich in roten Lettern: „STOP Polizei.“

War klar. Einmal bin ich in so einer Situation. Einmal biege ich falsch herum ab. Ein einziges Mal. Und zack, haben sie mich am Haken. Wie oft sehe ich Leute, die bei Rot über Ampeln donnern oder mich mit 100 überholen, obwohl nur 50 erlaubt sind? Da passiert gefühlt nie was. Aber bei mir wieder. Ich hatte mir vorher keine Gedanken gemacht, ob es schlau ist, was zu sagen. Aber ich denke mir: Es gibt keine bessere Ausrede.

Die beiden Herren kommen mit Taschenlampen links und rechts an mein Auto. Ich öffne das Fenster. „Guten Morgen, eine Verkehrskontrolle. Bitte stellen Sie den Motor ab und schalten Sie die Innenbeleuchtung an.“ – Ich denke mir so: Mach erstmal das, was er sagt. Bevor das eskaliert. „Ich hätte gerne von Ihnen Fahrzeugschein, Führerschein und Pesonalausweis, bitte.“ – „Nee, das ist jetzt wirklich schlecht, ich bin unterwegs zu einem medizinischen Notfall. Kann ich später zu Ihnen auf die Wache kommen?“ – „Wer hat einen medizinischen Notfall? Sie?“ – „Ich habe Rufbereitschaft in der …-Klinik und dort liegt ein Kind mit akuter Atemnot.“ – „Jetzt aktuell?“ – „Ja.“ – „Und in welcher Funktion sind Sie dort?“ – Ich nenne ihm meine Funktion. Er fragt: „Ist das lebensbedrohlich?“ – „Das kann schon lebensbedrohlich werden, ja.“ – „Dann begleiten wir Sie und machen alles weitere dort. Sie fahren vorweg. Sollten Sie versuchen zu flitzen, bekommen Sie ein ernsthaftes Problem.“

Ich fahre weiter. Verfahre mich in der Aufregung fast noch. Direkt vor die Klinik. Chefarztparkplatz ist frei und die Chefärztin kommt sowieso jetzt nicht. Zack, Auto aus, Tür auf, Rollstuhl ausladen, umsetzen, Auto zu, abschließen, Rollstuhlrampe hoch. Tür ist zu. Passt mein Schlüssel auch an der Eingangstür? Das hatte ich noch nie ausprobiert. Er passt. Die beiden Polizisten fragen, ob sie kurz mit rein kommen dürfen. Ich lasse sie mit rein. In einem Behandlungszimmer am Ende des Ganges brennt Licht und die Tür steht offen. Das fällt sofort auf, weil sonst nur die Nachtbeleuchtung im Flur brennt. Die beiden Polizisten kommen hinter mir her. „Sie sind ganz schön flott unterwegs“, meint der eine. Klar, ist ja auch ein Notfall, denke ich mir grinsend.

Ich komme um die Ecke. Das Mädchen sitzt angelehnt auf einer Untersuchungsbank, ist mit einer Wolldecke halb zugedeckt, hat bereits ein Pulsoxymeter am Finger, Sauerstoff unter der Nase und einen Venenzugang gelegt bekommen. Ihre Lippen sind leicht bläulich, Sauerstoffsättigung 82%, Puls 135. Das pfeifende Atemgeräusch beim Ausatmen höre ich schon an der Zimmertür. Kalter Schweiß auf der Stirn. Ich frage das Mädchen, wann das los gegangen ist. Um sechs Wörter zu sprechen, muss sie drei Mal atmen. Sie fängt zu husten an. Ich kann ein Atemgeräusch in der Lunge hören. Das Asthmaspray war unter Aufsicht der Pflegekraft zwei Mal korrekt inhaliert worden.

Bekomme ich die Richtlinien im Kopf abgerufen? Milligramm wie Körpergewicht. Oder? Doch, nicht nervös werden. Ich entscheide mich für 40 mg Prednisolon als einmalige Dosis. Salbutamol hat keine Wirkung gezeigt, also keine weiteren Experimente, sondern Theophyllin intravenös als Bolus über 20 Minuten. Die Infusion hängt dran. Ich möchte das Kind gerne in eine Akutklinik verlegen lassen und klingel meine Oberärztin aus dem Bett. „Nee, wenn das besser wird, bleibt sie bei uns am Pulsoxymeter. Sie ist psychisch nicht stabil genug, um sie in ein fremdes Krankenhaus zu verlegen. Und die Eltern sind da keine Hilfe.“

Okay. Nicht meine Entscheidung, nicht meine Verantwortung. Ich dokumentiere das, beruhige das Mädchen, spreche mit ihr, dass es gleich besser wird. Fünf Minuten später kommt ihre Gesichtsfarbe wieder, der Sauerstoffwert steigt und steigt und steigt und erreicht innerhalb von zehn Minuten die magische 90%-Marke. Nach fünfzehn Minuten wackelt der Wert zwischen 95 und 96 Prozent hin und her. Schluss mit Theophyllin. Das EKG malt wunderhübsche Kurven. Das Atemgeräusch ist deutlich besser, das Mädchen hustet jede Menge Schleim ab. Tränen kullern über ihr Gesicht.

Wo sind eigentlich die Polizisten? Weg! Haben sich leise aus dem Staub gemacht. Wollten wohl nur gucken, ob das eine doofe Ausrede war. Ich schreibe und dokumentiere. Das Mädchen weint. Hat in die Hose gepinkelt. Sieht insgesamt erleichtert aus. „Darf ich Sie mal in den Arm nehmen?“, fragt sie mich. Ich streiche ihr über die Wange, sie drückt meine Hand mit ihren beiden Händen an sich.

Nach einer Stunde darf sie wieder in ihr Bett. Sie soll das Pulsoxymeter dran lassen. Meine Nacht ist vorbei. Als ich 20 Minuten später nach ihr schaue, schläft sie. Sauerstoffsättigung 97%. Als wäre nichts gewesen. Der Rest der Nacht verläuft ohne weitere Probleme. Heute morgen kommt die Oberärztin zu mir ins Stationszimmer und sagt: „Sehen Sie, ging auch ohne Verlegung. Und fahren Sie Ihr Auto vom Chefarztparkplatz, bevor es Ärger gibt.“

Und das Mädchen? Wurde heute im Rahmen einer Konsiluntersuchung einem Lungenfacharzt in der Kinderklinik vorgestellt. Kam zurück: Therapie weiter wie bisher. Kein Wort über die letzte Nacht, außer eine Kenntnisnahme. Okay?! Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass ich kein Feedback bekomme. Und dass das heißt: Alles richtig gemacht. Ansonsten würde wohl jemand meckern.

Kurz vor Feierabend spricht mich eine Dreizehnjährige auf dem Flur an: „Haben Sie … heute nacht behandelt?“ – „Erzählt sie das?“ – „Ja. Sie hat mir erzählt, dass sie ganz schwer Atemnot hatte, und froh war, als endlich ein Arzt gerufen wurde. Und dann kamen Sie um die Ecke, und sie dachte, Sie können das bestimmt noch nicht richtig, weil Sie noch ganz neu und sehr jung sind. Aber dann konnten Sie ihr sehr gut helfen und jetzt findet Sie sie super klasse.“

Terror und Maschinenpistolen

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Es hat in diesem Monat in der westlichen Welt keinen Terroranschlag gegeben – wenn man von den beiden gescheiterten Sprengstoff-Attentaten in New York und Malmö absieht. Wobei beim letzten ja noch nicht klar ist, ob der Täter überhaupt eine politische Motivation hatte. Es scheint, als würde unsere diesjährige Advents- und Weihnachtszeit vom Terror verschont bleiben. Und darüber bin ich sehr froh.

Nachdem ich mir heute die mediale Berichterstattung über einen eigentlich harmlosen Vorfall in der Hamburger Michaelis-Kirche, der sich am Heiligen Abend zugetragen hat, angeschaut habe, drängt sich mir allerdings der Eindruck auf, ein Boulevardblatt könnte den nächsten Anschlag nicht abwarten.

Was war passiert? Ich weiß es aus erster Hand, denn ich war, wie fast jedes Jahr, Besucherin des letzten Heilig-Abend-Gottesdienstes im Hamburger Michel. Dieses Mal waren auch zwei junge Männer in der Kirche. Sie hatten einen Rucksack dabei, haben sich vor dem Gottesdienst unterhalten und sich, offenbar entzückt von der Größe und der Schönheit der über 2.000 Menschen Platz bietenden Kirche, gezielt auf bestimmte Dinge, wie die große Orgel, durch Zeigen aufmerksam gemacht.

Einem Besucher kamen die beiden Männer dadurch offenbar merkwürdig vor, er informierte das anwesende Sicherheitspersonal. Dieses wollte wohl kein Risiko eingehen, konnte die Lage nicht einschätzen, informierte zur Sicherheit die Polizei. Die schickte vier Beamte in Zivil, die diskret zu diesen beiden Männern gingen, ihren Dienstausweis vorzeigten und die beiden „Verdächtigen“ mit nach draußen baten. Dort schaute man offenbar einmal in den Rucksack, fand nichts Verdächtiges, überprüfte die Personalien, fand ebenfalls nichts Verdächtiges, und kam am Ende zu dem Schluss, dass die beiden Jungs völlig harmlos sind und wohl nur Weihnachten feierten.

Ich will das aber nicht einmal kritisieren. Man muss heutzutage ja mit allem rechnen, und der Michel-Gottesdienst böte politischen Wirrköpfen freilich eine gewisse Bühne. Also lieber einmal überprüfen lassen, bevor wirklich etwas passiert.

Auf der Internetseite eines Boulevardblattes heißt es heute darüber:

1. Die Polizei habe die Kirche „gestürmt“. What?! Ein Sturmangriff, der hier gemeint sein dürfte, suggeriert mir, etliche Polizeikräfte seien vor der Tür zusammengezogen worden, hätten sich langsam angenähert und wären dann kämpfend oder zumindest drohend überfallartig, den Überraschungseffekt nutzend oder ihn sogar mit Nebel- und Blendgranaten und der damit verbundenen Verwirrung verstärkend, in das Gebäude eingedrungen, mit einem Gegenangriff rechnend stets das Ziel verfolgend, die betroffenen Personen auszuschalten. Tatsächlich sind vier Leute unauffällig reinschlurft, haben sich unauffällig umgeguckt, die Personen angesprochen, nach draußen begleitet, fertig.

2. „Dreizehn Streifenwagen“ seien entsandt worden. Was bedeutet hätte, dass man aus mehreren Stadtteilen diverse Fahrzeugbesatzungen zum Michel geschickt hätte. Und diese angewiesen hätte, vor der Kirche keinen Lärm zu machen, um die Täter nicht zu warnen. Und auch das Blaulicht auszuschalten, da man es durch die Kirchenfenster sehen könnte. So einen Einsatzbefehl könnte es bestimmt geben. Bestimmt würden dann auch gleich Rettungsdienst und ähnliches alarmiert. Führungsbeamte, … keine Ahnung. Ich habe von alledem nichts mitbekommen. Und auf Nachfrage eines öffentlich-rechtlichen Radiosenders wollte der Lagedienst der Polizei nur drei eingesetzte Fahrzeuge bestätigen.

3. „Beamte mit Maschinenpistolen stürmten die Kirche“. Ob sie stürmten, hatte ich ja oben schon für mich geklärt. Ob die vier natürlich Maschinenpistolen im Fahrzeug hatten, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, jeder Streifenwagen hat zumindest eine dabei. Wie das in Zivilfahrzeugen ist, weiß ich nicht. In der Kirche habe ich niemanden gesehen, der eine Waffe in der Hand hielt oder gar eine Machinenpistole um den Hals hängen hatte.

4. „Polizisten unterbrachen die Christmesse“. Es handelte sich um einen evangelischen Gottesdienst. Und eine kurze Unterbrechung gab es allenfalls aus Sicht der beiden jungen Männer, als diese für gefühlt zehn Minuten nach draußen gegangen sind, während drinnen weiter gesungen wurde. Die Zivilpolizisten sind so diskret vorgegangen, dass maximal 50 Personen im Umkreis dieser beiden Männer überhaupt etwas mitbekommen haben. Also nicht mal drei Prozent der Besucher.

Ich frage mich jetzt: Warum? Was soll das? Braucht man das?

Und was das Schlimmste ist: Gleich mehrere große Zeitungen, die eigentlich keine Boulevardblätter sind und nach meinen Informationen auch nicht zum selben Verlag gehören, haben diesen Unsinn bereits, offenbar ungeprüft, auf ihre Webseiten übernommen. Und -wie zu erwarten war- dauerte es keine zwei Stunden, bis bei Twitter auch die rechtspopulistische Partei einer Neckar-Großstadt auf diese Meldung aufgesprungen ist.

Na dann: Frohe Weihnachten!

Gangster und Agenten

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Es war mal wieder eine aufwühlende Zeit. Der Schichtdienst, in den man mich inzwischen mehr oder weniger vollständig eingebunden hat, ist eine ziemliche Herausforderung. Ich meine, einerseits bin ich ja froh, dass dieses Krankenhaus mich „normal“ behandelt und mir vertraut. Und offenbar mit dem, was ich in meiner Schicht tue, einverstanden bis zufrieden ist. Vielleicht ist es auch einfach nur der Personalstruktur geschuldet, so dass man alles einsetzt, was irgendwie ein Stethoskop und ein Telefon richtig herum halten kann. Denn eigentlich soll man im PJ … ach, lassen wir das.

Andererseits weiß ich schon jetzt, was ich später nicht machen möchte. Auch wenn es mir irgendwie Spaß macht. Aber in einer chirurgischen Aufnahme hat man zwangsläufig mit Menschen zu tun, mit denen man eigentlich nicht zu tun haben möchte – falls mal jemand fragt. Man lebt nicht nur gefährlich, sondern hat oft das Gefühl, sich schlafen zu legen wäre sinnvoller als zu arbeiten. Zum Beispiel, wenn jemand mit einem eingewachsenen Nagel nachts um halb drei von mir verlangt, die Blutung am kleinen Zeh zu stillen. Oder in einer herbstlich bedruckten Serviette fünf haselnussgroße stinkende Kotkügelchen mitbringt, um ein Abführmittel ausgehändigt zu bekommen.

Vor zwei Monaten hatte ich über einen Nachbarn geschrieben, der mit 71 Jahren nach hohem täglichen Alkoholkonsum in „mein“ Krankenhaus eingeliefert wurde. Er hatte einen Entzug begonnen und ich war verhalten optimistisch, dass er anschließend auch versuchen wird, die psychische Abhängigkeit in den Griff zu bekommen.

Ich habe ihn in meiner Dienstzeit mit dem Segen meiner Chefin immer mal wieder besucht. Einmal pro Schicht. Einerseits, weil ich natürlich wissen wollte, was aus ihm wird. Andererseits, weil er keinen Besuch bekam. Von niemandem. Niemand aus der Familie interessierte sich für ihn. Keine Freunde, einfach niemand. Absolut traurig.

Gleich bei meinem ersten Besuch sprach mich der behandelnde Assistenzarzt an. Wollte weitere Informationen von mir, die ich aber gar nicht hatte. Wir lebten schließlich nur unter einem Dach, hatten sonst nichts miteinander zu tun. „Er hat nach dir gefragt. Und er hat gesagt, dass ich mit dir alles besprechen soll und du für ihn entscheiden sollst, was gut für ihn ist.“ – „Das möchte ich gar nicht. Er kann sich mit mir gerne beraten, sofern ich das als PJlerin überhaupt überblicke, aber ich werde nichts für ihn entscheiden.“

Ich sprach ihn darauf an. Er relativierte: „Es ist so, dass hier alle paar Stunden jemand anderes für mich zuständig ist. Dann wieder der eine, dann wieder der andere. Je nach Schicht. Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Können wir nicht miteinander sprechen, bevor ich wichtige Entscheidungen treffe?“

Also habe ich mich informiert. Mit den ersten Untersuchungen hatte man eine Anämie festgestellt, also einen Blutmangel. Dabei ist zu wenig Hämoglobin im Blut. Hämoglobin ist ein Protein, das den Sauerstoff transportiert. Hat man zu wenig davon, muss das Herz schneller schlagen, um den Sauerstofftransport im Blut aufrecht zu halten, und man ist ständig „außer Atem“, schon bei geringer Belastung. Die Ursache könnte falsche Ernährung sein, so dass zu wenig Eisen aufgenommen wird. Ohne Eisen gibt es nicht genug rote Blutkörperchen, ohne neue rote Blutkörperchen gibt es kein neues Hämoglobin. Es kann aber auch ein Blutverlust ursächlich sein. Oder beides. Oder noch was anderes.

Nun hatte man bei ihm sowohl eine Mangel-Ernährung angenommen (er hatte sich ja fast nur noch von alkoholischen Getränken „ernährt“), zumal auch alle wichtigen Vitamine fehlten, was insbesondere bei verschiedenen B-Vitaminen auch höllische Nervenschmerzen machen kann, hatte aber auch Werte im Blut gemessen, die auf einen entzündlichen Vorgang im Körper hinwiesen. Und eine Entzündung kann auch mit Blutverlust einhergehen.

„Sie wollen, dass ich eine Magenspiegelung machen lasse“, sagte er. „Würden Sie mir das zu- oder abraten?“ – „Weder noch“, sagte ich. Ich erklärte ihm, was da passiert, und welchen Sinn es hat. Am Ende stimmte er zu. Ich fragte meine Chefin, ob ich dabei sein dürfte. Ich durfte. Und ob es ihm recht wäre. Sehr recht. Und wie zu erwarten war, nach jahrelangem Alkoholmissbrauch, war die Magenschleimhaut überall entzündet, zwei blutende Geschwüre am Übergang zum Zwölffingerdarm zu sehen – könnte sein, dass daher die Entzündungszeichen im Blut kamen.

Nach der Narkose entwickelte er ein Delir, also eine Verwirrtheit. Er wusste teilweise nicht mehr, wo er war, wer er war, war unruhig, fahrig, redete dummes Zeug. Von nächtlichen Überfällen durch irgendwelche Gangster (vermutlich hatte jemand Fieber gemessen). Das ist nicht ungewöhnlich. Zwischenzeitlich, vor allem morgens, wurde er aber wieder klar. An einem Morgen sprach mich die Schwester an: „Ihr Vater hat nichts anzuziehen. Vielleicht schaffen Sie es ja trotz Ihrer Behinderung mal, drei Hemden oder so zu kaufen.“

Was für eine blöde Schrippe! Nicht, weil sie annahm, er könnte mein Vater sein. Sondern für diese Bemerkung mit der Behinderung. Dennoch fuhr Socke nach Feierabend bei Clemens und August vorbei, um ein paar Schlübber und ein paar T-Shirts für ihn zu kaufen. Und Socken, weil er kalte Füße hatte. Socke veranlasste auch, dass der Friseur und die Fußpflege zu ihm kamen, da weder die langen Haare noch die langen Fußnägel wirklich schön aussahen. Das alles kostete mich mal eben 90 Euro.

Alkohol wollte er keinen. „Ich trinke nicht mehr“, sagte er. Seit Tagen bekam er immer wieder Fieberschübe. In einer Blutkultur stellte man fest, dass sein Blut mit Alpha-Streptokokken besiedelt war. Man weiß, dass diese ebenfalls Hämoglobin abbauen. In diesem Fall vermutete ich, dass sie über die kariösen Zähne in die Blutbahn gekommen waren. Viele dieser Stämme greifen die Herzklappen an, teilweise so sehr, dass sie durch künstliche Herzklappen ersetzt werden müssen. Erstmal konnte ein Antibiotikum erreichen, dass der Befall massiv eingedämmt wurde. Solange die Baustellen im Mund jedoch nicht geschlossen werden, wäre der Erfolg aber wohl nur von kurzer Dauer.

„Können Sie mir einen Gefallen tun?“, fragte er mich an einem Morgen, völlig klar. Ich antwortete: „Das kommt auf den Gefallen an.“ – „In meiner Wohnung liegt Geld. Mein Nachbar, der Herr …, hat einen Wohnungsschlüssel. Ich möchte nicht, dass das Geld plötzlich weg ist. Ich möchte, dass Sie sich Ihr Geld für den Friseur und die Fußpflege und die Hemden rausnehmen und den Rest sicherstellen. Machen Sie das für mich? Ich wüsste nicht, wen ich sonst fragen sollte.“ – „Eigentlich nicht.“ – „Bitte.“ – „Ich überlege es mir.“

Wollte ich mich da so einbringen? Und einbinden lassen? Andererseits war er nicht nur ein Patient, sondern auch ein Nachbar. Und ich war offenbar im Moment die einzige, die sich um ihn kümmerte. Ein wenig. Ich sprach mit meiner Chefin. Sie riet mir ab. Am Ende müsste ich es selbst entscheiden, verbieten könnte mir das niemand. Bei einem Patienten sehe sie Interessenkonflikte, da würde sie es verbieten, hier sei es zusätzlich ein Nachbar. Schwierige Situation. „Wenn du da rein gehst, nimm einen Zeugen mit. Und zieh dir Handschuhe an, wer weiß, was da alles lebt und wohnt.“

In einer Schublade im Schlafzimmer sei ein Umschlag mit mehreren Scheinen. Ich sagte, ich würde mit einer Freundin dort hingehen, damit ich einen Zeugen habe. Er sagte: „Wenn Sie das Geld unterschlagen, ist es weg. Das ist mir aber viel lieber, als wenn der Nachbar es klaut. Aber ich weiß, dass Sie ein ehrlicher Mensch sind.“ – „Ich mache es nur unter einer Bedingung: Ich zähle es in der Wohnung und überweise es auf ihr Girokonto, bevor ich es an mich nehme. Ich möchte nicht mit Geld herumlaufen, das mir nicht gehört.“ – „Das ist eine gute Idee. In der Schublade liegt auch meine Bankkarte. Die lassen Sie bitte dort, aber da steht meine Kontonummer drauf. Wenn Sie das für mich machen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“

Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin, als ich mit seinem Schlüssel, den er gerade von der Feuerwehr bekommen hatte (nach der Türöffnungs-Aktion), seine Wohnungstür aufschloss. Jene Bekannte, die mit mir manchmal zusammen schwimmt, war dabei. Beißender Gestank kam aus der Wohnung. Ich blieb gleich hinter der Tür stehen, hielt meinen Ärmel vor den Mund. Meine Bekannte ging zum Fenster und machte erstmal Durchzug. Bekackte Klamotten lagen auf der Erde. Inzwischen eingetrocknet. Verschimmeltes Brot lag auf dem Küchentisch. Überall leere Flaschen, Dosen, Müll. Ich merkte, dass meine Hilfsbereitschaft zu weit ging. Ich bereute in diesem Moment, hier zu stehen. „Wo soll das sein?“, fragte mich meine Bekannte. Im Schlafzimmer hatte jemand gegen die Wand gekotzt. „Stoß bloß nirgendwo gegen die Wand“, sagte sie zu mir, obwohl ich noch immer hinter der Eingangstür stand. Sie kam mit einer Waffe in der Hand zurück. „Hände hoch“, sagte sie.

„Bist du irre? Pack das weg. Wo hast du die her?“, fragte ich erschrocken. Sie grinste: „Oberste Schublade. Scheint nur Gas zu sein.“ – „Weg damit! Bevor sich noch jemand verletzt. Hast du die Kohle?“ – „Noch nicht. Warte, hier.“ – In Handschuhen zählt es sich schlecht. Zudem waren das alles neue Scheine. Nur grüne Hunderter. Sechsunddreißig Stück. Oder? Nach vier Mal zählen waren wir uns sicher. Die Bankkarte war auch da. Ich rief mein Onlinebanking auf. Und erinnerte mich, dass ich ja vom Handy keine Überweisungen vornehmen kann. Aus Sicherheitsgründen. „Lass das alles so liegen. Wir gehen in meine Wohnung, überweisen die Kohle, solange kann das hier noch lüften, und dann holen wir die anschließend.“

Gesagt, getan. 3.600 € überwiesen, wieder in die Wohnung, alle Fenster zu, alle Heizungen abgestellt, das Geld im Umschlag zwischen meinen Rücken und die Rückenlehne (nicht, dass das im Treppenhaus oder im Aufzug noch jemand sieht), Tür auf und: „Na, was machen Sie da?“ – Zwei uniformierte Menschen. Und zwei weitere kamen gerade die Treppe hochgelaufen. Wie sollte es auch anders sein? Mein Magnet … ich hasse ihn. „Stellen Sie sich da mal bitte dort an die Wand“, sagten sie zu meiner Freundin. Irgendein Ar… aus dem Haus musste dort angerufen haben. Sehr freundlich, man hätte auch einfach mal fragen können. Meine Freundin wurde abgetastet, mich ließ man in Ruhe. Super. So viel Geld in der Tasche, eine Kanone im Nachtschrank, wenn mich einer gefragt hätte, wie ich mir eine blöde Situation vorstelle, hätte ich sie nicht besser beschreiben können.

„Wohnen Sie hier?“ – „Nein.“ – „Was machen Sie hier?“ – „Der Mieter, der Herr …, liegt im Krankenhaus. Ich besuche ihn regelmäßig. Er hat mich gebeten, einmal zu lüften und nach dem Rechten zu sehen.“ – „Aha. Mit Handschuhen, ja? Ist klar. Haben Sie mal einen Ausweis für mich?“ – „Die Wohnung ist sehr schmutzig. Daher die Handschuhe.“ – Wie gut, dass ich das Geld nicht in mein Portmonee gesteckt hatte. Er fragte: „Stimmt die Adresse hier noch? Dann wohnen Sie hier ja doch.“ – „Ja, aber nicht in dieser Wohnung.“ – „In welchem Krankenhaus liegt der Herr …?“ – Ich sagte ihm das Krankenhaus mit Station und Zimmer. Er fragte: „Und Sie sollten was tun?“ – „Einmal nach dem Rechten sehen.“

Hinter der Nachbartür guckte einer durch den Türspion. Sollte ich winken? Der Polizist sagte: „Ich will ganz ehrlich sein: Für mich wirkt es so, als hätten Sie gewusst, dass Ihr Nachbar nicht kommt und sind mit dem Nachschlüssel, den er Ihnen gegeben hat, damit Sie Blumen gießen, in die Wohnung eingebrochen. Das mit den Handschuhen ist nahezu eindeutig. Meine Kollegin wird Sie daher jetzt beide durchsuchen. Wollen wir das auf der Wache machen oder gehen wir dazu in Ihre Wohnung?“ – „Wir gehen in die Wohnung, und ich würde Sie bitten, dass Sie zunächst einmal von unserer Unschuld ausgehen und Kontakt zu dem Nachbarn aufnehmen.“ – „Wir werden hier vor Ort die Faktenlage festhalten und dann wird die Kripo entscheiden, ob Sie einem Haftrichter vorgeführt werden. Selbstverständlich fragen wir auch noch den Herrn …, aber ich mache meinen Job auch nicht erst seit gestern.“

„Sie sollten wirklich niemanden vorverurteilen.“ – Das Funkgerät fing an zu brabbeln. Jemand sagte: „Also wir haben hier nochmal mit den Nachbarn gesprochen. Der Anrufer gab uns noch einen weiteren Namen, Herrn …, der hätte bis vor kurzem noch einen Schlüssel zur Wohnung gehabt, und er hält es für unwahrscheinlich, dass er die Studentin und ihre Freundin damit beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Der lebte absolut zurückgezogen.“ – In dem Moment wurde mir klar: Der Nachbar hatte ja gar keinen Schlüssel mehr! Der konnte ja gar nicht an das Geld, weil die Feuerwehr nach der Türöffnung einen neuen Zylinder ins Schloss eingebaut hatte. Der ganze Zirkus war überflüssig! Und ich stecke hier in der Scheiße! Und wenn die da jetzt (abends!) vorbei gingen und ihn fragten, würde er sowieso nur dummes Zeug reden. Aus seinem Delir heraus, was immernoch gerade abends stark ausgeprägt war.

Ich sah mich schon im Knast. Spätestens, wenn man das ganze Geld bei mir findet. Zum Glück hatte ich das vorher überwiesen. Als hätte ich sowas geahnt. Ob mich das noch retten würde? Ein Handy klingelte. Einer der Beamten ging dran. „Also stimmt das doch? Dann haben wir die Personalien und machen hier erstmal nichts weiter? Okay.“ – So schnell, wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder weg. Ohne von dem Geld erfahren zu haben. „Der Herr … hat gerade meinen Kollegen gesagt, dass er Sie beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Und der Bettnachbar hat es auch bestätigt. Es tut mir leid, die Fakten sprachen erstmal gegen Sie. Und wir erleben täglich das Gegenteil. Aber es hat sich zum Glück ja schnell geklärt. Auf Wiedersehen!“

Die Tür war gerade zu, da fährt mich meine Bekannte an: „Bist du noch ganz klar? In welche Situation bringst du mich hier? Ich könnte dir gerade echt ein paar knallen.“ – „Nun beruhige dich doch mal. Woher sollte ich wissen, dass so ein bescheuerter Nachbar gleich die Bullen ruft?“ – „Eine Schnapsidee war das.“ – „Sollen wir den Nachbarn mal zur Rede stellen? Der hätte doch einfach nur mal klingeln brauchen.“ – „Nee. Am Ende ruft der nochmal die Bullen, wenn wir da klingeln. Wir hätten ja auch eine Waffe haben können, warum sollte er klingeln?“

Am nächsten Morgen erzähle ich die Story meiner Chefin. „Ich habe dir davon abgeraten. Gerade wenn Geld im Spiel ist. Dann behauptet er später, da lag noch ein zweiter Umschlag und jetzt ist der auch weg. Nicht einbinden lassen. Du willst dem helfen, das ist auch absolut süß. Aber du begibst dich dabei unnötig in Gefahr.“

Ja, vielleicht bin ich zu naiv. Ich besuchte meinen Nachbarn. Im Zimmer stank es, obwohl zwei Fenster offen waren. Er saß auf der Bettkante, redete wirr. Ich sprach die Schwester an. „Ich kenne ihn nur so.“ – „Gestern abend war er doch noch klar.“ – „Ich kenne ihn nur so.“ – Danke für das Gespräch. Der Assistenzarzt sagte, das Delir sei stärker geworden. Er habe heute morgen auf seinem Bett gesessen und alles mit Kot beschmiert. Das ganze Laken war auch voller Blut. Wir wollen sehen, dass wir noch eine Darmspiegelung machen, um zu schauen, wo das ganze Blut herkommt.

Von dem Geschwür im Zwölffingerdarm konnte das Blut nicht kommen. Auch wenn es dort blutete, das vermischt sich ja mit dem Nahrungsbrei. Da musste noch etwas im Dickdarm sein. Gegen Mittag wurde er wieder klar. Der Assistenzarzt rief mich an. Ich sprach kurz mit meinem Nachbarn. Sagte ihm, dass wir das Geld sichergestellt hätten. „Da waren gestern Agenten an meinem Bett, die wollten wissen, ob sie in meiner Wohnung schlafen können.“ – Es hatte keinen Sinn.

Ich war auch bei der Dickdarmspiegelung dabei. Schon auf den ersten dreißig Zentimetern war ein großer blutender Tumor. So, wie der aussah, konnte er nicht gutartig sein. Aber man lässt ja trotzdem das Gewebe untersuchen. „Wir spiegeln nicht mehr weiter, wir müssen entscheiden, ob wir operieren wollen. Das kommt aber nicht mehr auf einen Tag an. Und er sollte zustimmen. Oder es muss ein Betreuer bestellt werden. Wir werden das jetzt über den Sozialen Dienst anregen.“

In den nächsten Tagen wurde er gar nicht mehr klar. Fünf Tage später gab es plötzlich Probleme mit dem Blutdruck. Er bekam Kreislauf stabilisierende Medikamente. Man suchte einen Platz auf der Intensivstation für ihn. Man müsste ihn dafür in ein anderes Krankenhaus verlegen. Kurz bevor die Verlegung losgehen sollte, hörte sein Herz auf zu schlagen.

Irgendwie hat mich das alles sehr aufgewühlt. Ich lag über Stunden nachts wach und habe über alles mögliche nachgedacht. Ob ich nochmal jemandem so helfen werde. Vermutlich nicht. Zumindest nicht, wenn er auch Patient ist. Traurig war ich nicht. Eher froh, dass ihm das, was jetzt vielleicht noch alles gekommen wäre, erspart blieb.