Puff und Meise

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Das Gute daran, wenn man weiß, wie sich eine Bronchitis anhört, ist, dass man weiß, wann man eine Bronchitis hat. Um das grobe Rasseln beim tiefen Ausatmen zu hören, brauchte ich nicht mal ein Stethoskop. Ich bin bis heute noch nicht wieder völlig gesund. Allerdings schon lange nicht mehr ansteckend, seit zehn Tagen schon wieder auf der Arbeit – ich darf nicht lange fehlen im Praktischen Jahr. Wenn ich sehr laut sprechen muss, habe ich noch immer den typischen Reizhusten. Aber kein Rasseln mehr, kein grobes und auch kein feines. Also auch keine Lungenentzündung. Und der ganze Mist ist auch ohne Sekundärinfektion und damit ohne Antibiotikum (und vor allem ohne Neuraminidase-Hemmer, zu denen ich ohnehin ein sehr kritisches Verhältnis habe) wieder weg gegangen. So heftig hat es mich allerdings lange nicht erwischt.

Kleine Anekdote, die die zart besaiteten Leserinnen und Leser lieber überspringen und zum nächsten Absatz vorscrollen: Irgendwann haben natürlich auch meine neuen Nachbarn mitgekriegt, dass ihre neue Nachbarin nicht mehr jeden Morgen früh los fährt. Ob sie mir was vom Einkaufen mitbringen sollen, wollten sie wissen, und klingelten dafür bei mir an der Tür. Ist ja nett. Kräuterbonbons gegen den Reizhusten wären gut. Sie schleppen tütenweise an, allerdings alle mit Süßstoff. Bei einigen hatte ich das gesehen und die gleich weggepackt, bei einer von den Schweizern erfundenen Sorte dachte ich erst, die gibt es nicht mit Süßstoff. Drei Stück habe ich gelutscht und habe so derbe Blähungen davon bekommen, dass ich mir nachts eine Windel angezogen habe, weil ich nicht abschätzen konnte, was da noch so alles passiert. Es ist nichts passiert, außer dass ich irgendwann durch Blick auf die Uhr festgestellt habe, dass ich durchschnittlich alle zwei Minuten gepupst habe. Mehrere Stunden lang von drei Bonbons. Nie wieder.

Man kann, für alle die, die den letzten Absatz übersprungen haben, auch zusammenfassen, dass ich keinen künstlichen Süßstoff vertrage. Und kaum war ich wieder unter Menschen (also seit dieser Woche, in der letzten Woche durfte ich aus Sicherheitsgründen noch keinen Patientenkontakt haben, sondern nur Papierkram erledigen), hatte mich der Alltag wieder. Ich rolle mit einer Rolle (tolles Wortspiel) Krepppapier (mit vier „p“, drei vor dem „a“, eins hinterm „a“) zu einem Patienten, da spricht mich lachend ein Mann an: „Willst du damit nen Puff aufmachen oder wofür brauchst du das alles?“ – Seh ich aus wie ne Puffmutti? Oder eher wie eine Prostituierte?

Hinter dem Vorhang kam mein Chef heraus, guckte den lachenden Mann an und sagte: „Nehmen Sie sich mal ein bißchen zusammen. Wir sind hier nicht in Ihrer Eckkneipe.“ – Wobei er eher noch der harmlosere Patient war. Eine andere Patientin sollte zum ersten Mal ein bestimmtes Medikament intravenös, also über einen Tropf, bekommen, und noch bevor überhaupt irgendwas in ihrem Kreislauf angekommen sein konnte, fing sie an zu zittern, die Augen zu verdrehen und zu atmen, als hätte sie gerade einen Sprint hinter sich gebracht. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung ist, sie ignorierte mich und zitterte weiter. Ich fragte nochmal: „Hallo? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ – „Ich glaube *schnauf* *schnauf*, ich vertrage das Medikament nicht.“ – „Die Infusion läuft noch gar nicht“, antwortete ich. Sie guckte mich an, hörte schlagartig auf zu tief und schnell zu atmen und sagte dann: „Dann hab ich eine Allergie gegen den Schlauch.“ – Na sicher. Ne Meise hast du. Aber ne große.

Meine Karteikarten sind schon weniger geworden. Aber leider gibt es noch immer einen großen Stapel von Dingen, die ich noch nicht drauf habe. Und neulich habe ich den Fehler gemacht, in den bereits aussortierten Karten noch einmal zu stöbern. Und festgestellt, dass ich einiges schon wieder vergessen habe. Noch rund sechs Wochen bis zum Examen. Und ich habe das blöde Gefühl, dass es nicht reichen wird. Obwohl mein Kopf mir sagt, dass ich völlig entspannt sein sollte. Wenn das bloß erst vorbei ist.

Kleine Welt

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Da stehe ich mit meinem Einkauf auf dem Schoß im Aufzug zum Parkdeck, als mein Blick auf ein junges Mädchen, geschätzt zehn Jahre alt, fällt. Unter ihrem Top blitzt eine Dosierpumpe hervor. Insulin? Schmerzmittel? Die Mutter hat gesehen, dass mein Blick kurz an ihrer Tochter kleben blieb. Sie guckt mich an. „Haben wir Sie nicht letzte Woche in der Klinik gesehen?“, fragt sie mich plötzlich. So klein ist die Welt.

„Kann schon sein“, antworte ich. Sie sagt: „Sie sind relativ zügig über den Flur gerollt und meine Tochter war so fasziniert davon, wie Sie die defekte Automatiktür mit der Hand geöffnet haben.“ – Ich lächel die Tochter an, sie lächelt zurück, und sagt: „Wie war das? Jeder hat seinen Rucksack zu tragen. Oder?“ – Dann hebt sie kurz ihr Top zwei Finger breit hoch, so dass mein Blick auf die Insulinpumpe frei wird, und hält mir anschließend lachend die Hand zum High-Five hin.

Was für ein lustiger Vogel! Ich schlage natürlich ein. Die Mutter sagt: „Sie hat aber auch gesagt, dass sie mit Ihnen nicht tauschen möchte.“ – Okay … wenn es ihr hilft, sich vorzustellen, dass es vermeintlich größere Herausforderungen gibt als eine jugendliche Zuckerkrankheit, dann lasse ich das mal so stehen.

Ich würde sofort behaupten, dass es noch wesentlich größere Herausforderungen gibt als ein Diabetes oder eine Querschnittlähmung. Aber die eigenen Aufgaben sind die, die man selbst bewältigen muss. Und da interessiert es nicht, welche Aufgaben andere gestellt bekommen. Aber manchmal hilft der Blick über den Tellerrand dabei schon.

Bleibende Eindrücke

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Meine erste Woche auf der Kinder-Diabetesstation ist vorbei. Was habe ich bisher gelernt? Menschen funktionieren analog und nicht digital. Meinte eine Diplom-Ötzi, wie die Ernährungswissenschaftlerin der Klinik (mal wieder) liebevoll von ihren Patienten genannt wird. Sie wollte damit in einem Diätseminar, das ich mir interessehalber freiwillig reingezogen habe, die Frage beantworten, warum zwei gleich schwere und gleich große Kinder völlig unterschiedliche Mengen Insulin brauchen, um dem Energiegehalt einer Colaflasche zu begegnen. Und warum bei einigen Menschen der Blutzucker bei Aufregung steigt, bei anderen sinkt.

Wenn man schon versucht, den Vergleich eines analog bespielten Magnetbandes mit einer mit digitalem Zahlensalat beschriebenen Compact-Disc zu bemühen und dabei riskiert, dass viele der jungen zuckersüßen Jungs und Mädels in ihrem Leben noch nie eine Kassette in der Hand gehalten, geschweige denn ihr Prinzip verstanden haben, hätte ich mir gewünscht, auch noch viel mehr darauf einzugehen, dass die ganzen gesunden Lebensmittel auch nicht digital produziert werden, sondern analog an Bäumen wachsen. Ich persönliche halte die während des Seminars vertiefte Aussage, ein Apfel entspreche einer Kohlenhydrat-Einheit (10 Gramm Kohlenhydrate), für gefährlich. Vielleicht wird ja in Teil 2 oder 3 oder 4 des Seminars noch weiter vertieft und darauf hingewiesen, dass ein Apfel nicht immmer 100 Gramm wiegt und es zudem völlig verschiedene Sorten gibt, die auch unterschiedlich hohe Zuckeranteile haben.

In der Kantine habe ich auf Anhieb drei Äpfel gefunden, die sogar mehr als 200 Gramm wogen. Und die locker 25 Gramm Kohlenhydrate enthalten könnten. Ein Kind, das nun lernt, es müsse diesen Wert mit einem persönlichen (auch noch von der Tageszeit abhängigen) Wert multiplizieren, um auszurechnen, wieviel Insulin zu spritzen ist, verrechnet sich doch sofort. Aber, wie gesagt, vielleicht wird das ja in den nächsten Kursen noch vertieft, um die Kurzen nicht gleich am Anfang mit zu vielen Faktoren zu verunsichern. Der Einsatz einer Waage hielte ich auch nicht für verkehrt. Diplom-Ötzi meinte allerdings, dass man unterwegs ja auch keine Waage in der Hosentasche hätte, als ein Kind konkret danach fragte. Ich darf mir kein Urteil erlauben, ich bin nur Zuhörerin im Rahmen meines Studiums. Aber wundern darf ich mich. Schon.

Gerade in einer seelisch so belastenden Phase greift man doch nach allem, was irgendwie Sicherheit bietet. Und sei es, dass man einen Wert genau berechnen kann. Vielleicht will man aber auch nicht unnötig verkomplizieren und so die Lebensqualität unnötig weiter einschränken, vielleicht will man auch nicht, dass die Kinder ihrer Herausforderung nur mit technischen Berechnungen begegnen.

In vielen Fällen werden die Kinder mit einer Pumpe ausgerüstet, die in der Größe eines aktuellen Handyladegeräts (ohne Kabel) auf die Haut geklebt und über Funk mit einem Steuergerät, etwa in der Größe eines kleinen Smartphones, kommuniziert. Das Steuergerät wird mit umfangreicher Software geliefert und kann über Tasten und auch per USB über einen PC bedient werden. Einerseits ist es toll, dass sich hier in den letzten Jahren offenbar viel getan hat und diese Systeme immer besser werden (in der Praxis von Maries Mutter kommt regelmäßig eine Diabetikerin Mitte 30, die eine Insulinpumpe hat, bei der man sich mit drei Tasten durch Menüs klicken muss und die Größe einer kleinen Kompaktkamera hat), andererseits lässt sich eine Nachahmung der menschlichen Bauchspeicheldrüse (die beim Nicht-Diabetiker das Insulin produziert) dennoch bei Weitem nicht erreichen. Gleichwohl werden mit der Pumpen-/Infusionstherapie wesentlich bessere Werte erreicht als mit herkömmlichen Spritzen. Dennoch: Die Regie über das System einschließlich der Überwachung muss der betroffene Mensch führen und sicher beherschen. Wissen und Routine in der Behandlung mit Spritze oder Pen (manuelle Inkektionshilfe) müssen also trotzdem vermittelt und einigermaßen mühsam erlernt werden. Und man muss zudem die Schwächen und Gefahren dieser automatisierten Systeme kennen. Und darauf sensibilisiert sein.

So habe ich in der Woche auch gelernt, dass man im Zusammenhang mit Diabetes gerne mal seine Nase einsetzen sollte. Während man in der Gastroenterologie, einem anderen Teilgebiet der Inneren Medizin, in dem ich ja im letzten Halbjahr meines Studiums praktisch aktiv sein durfte, manchmal eher seine Nase verschließen können sollte, sollte man sie in der Diabetes-Behandlung eher offen halten. Den Geruch nach Nagellack habe ich bei Patienten ja nun schon mehrmals wahrnehmen dürfen und auch richtig eingeordnet, der Geruch nach Insulin (oder den beigemischten Konservierungsstoffen) war mir bisher (außer aus dem Lehrbuch) nicht so bekannt. Ein charakteristischer Gestank, der irgendwie an Teer und Kraftstoff erinnert, ist oft schon drei Meilen gegen den Wind wahrnehmbar. Die damit verbundene Frage, ob jemand rumgepanscht hat oder die aktuelle Infusion nicht unter der Haut, sondern irgendwo anders austritt, habe ich in den letzten Tagen mindestens ein Dutzend Mal gehört.

Und sonst? Bleibende Eindrücke hat dieser zweite Teil meiner Famulatur schon jetzt hinterlassen. Die meisten Kinder akzeptieren ihre Erkrankung sehr schnell und zeigen sich tapfer und stark. Viele nehmen ihre Herausforderung mit einiger Coolness an und sind gleichzeitig neugierig und aufgeschlossen. Oft hilft es wohl, dass Kinder noch nicht so weitsichtig sind wie Erwachsene. Was, wie immer, überhaupt nicht ankommt, sind Mitleid und übersteigerte Aufmerksamkeit. Manchmal glaube ich, niemand versteht sie da besser als ich. Auf jeden Fall hilft mir meine eigene Einschränkung sehr, im angemessenen Maß mitzufühlen. Und vorbehaltlos (und mit tiefstem Respekt und einem dicken Klos im Hals) zu akzeptieren, dass sich das vierzehnjährige Mädchen, das mir vorhin gegenüber saß, in ihrer bislang zwölfjährigen Erkrankungszeit mehr Wissen, Erfahrung und bestechende Routine in diesem Bereich angeeignet hat als ich es jemals in meinem Leben durch Studium, Forschung und Berufsausübung tun könnte.

Konspirative Kollegen

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Mit dem Krankenhaus, in dem ich aktuell ein Teil meines Pflichtpraktikums (Famulatur) ableiste, habe ich endlich mal eine Einrichtung erwischt, in der es kollegial und menschlich zugeht, und das auch beim Personal. Der Umgangston ist höflich, es wird sich gegenseitig respektiert, es gibt keine blöden Kommentare und kein gegenseitiges Veralbern, kein schlechtes Reden über Dritte – ich fühle mich gerade sehr wohl. Meine viermonatige Famulatur, die ich in vier Teilen zu jeweils einem Monat ableiste, hatte mich ja in den letzten Semesterferien in eine Kinderarztpraxis geführt, nun, nach einem kleinen Umweg, in die Gastroenterologie eines großen Krankenhauses. Mit Magen-Darm-Erkrankungen konnte ich ja bereits im letzten Halbjahr einige gute Erfahrungen sammeln, denn der reguläre Praktikumstag, der einmal wöchentlich das theoretische Lernen begleitet und nichts mit der Famulatur zu tun hat, fand eben auch in einer gastroenterologischen Station statt.

Gestern nun bat mich der Chefarzt zum Gespräch in sein Zimmer. Er war sehr freundlich, fragte mich aber, wo ich meine praktische Erfahrung gesammelt hätte. „Sowas war noch nie da“, meinte er. Ich runzelte die Stirn und bekam erklärt, dass Studenten üblicherweise allenfalls etwa zehn bis zwanzig Prozent, ganz engagierte vielleicht mal fünfzig Prozent der praktischen Dinge übernehmen, die ich täglich in seiner Ambulanz erledigt hätte. „Ihnen fehlt die Erfahrung, das merkt man deutlich. Das ist aber in Ordnung, woher sollten Sie Ihre Erfahrung nehmen? Aber handwerklich sind Sie Ihrem Ausbildungsstand um Jahre voraus.“

Ich wollte diese Einschätzung nun nicht auf Anhieb teilen. Marie ist, was „handwerkliches Geschick“ anbelangt, deutlich fitter als ich. Und wenn ich meine Kommilitonen sehe, denen man beim praktischen Tag ja durchaus mal über den Weg läuft, stelle ich mich manchmal erheblich blöder an. Finde ich zumindest. Trotzdem höre ich sowas natürlich sehr gerne. Andererseits denke ich, habe ich gerade durch die Arbeit bei Maries Mutter sehr viel Vorsprung bekommen. Und hinzu kommt, dass meine körperliche Beeinträchtigung unter Garantie meinem handwerklichen Geschick schon bald enge Grenzen setzen wird. Ich antwortete schlicht: „Vielen Dank.“

Der Chef fuhr fort: „Aus meiner Sicht wäre es falsch, ein Kapitel in der Famulatur zu sehr zu vertiefen, andere Chancen aber ungenutzt zu lassen. Sie haben im letzten halben Jahr in der Gastroenterologie offenbar sehr viele praktische Erfahrungen sammeln dürfen, die weit über das übliche Maß hinaus gehen. Jetzt auch noch einen weiteren Monat Famulatur in dem Bereich abzuleisten, schafft Ihnen gegenüber anderen Studierenden einen Vorteil, den man sicherlich als ‚charmant‘ bezeichnen kann, der Sie aber im Moment nicht weiter bringt. Deshalb möchte ich Ihnen vorschlagen, dass Sie auf die Kinder-Diabetesstation wechseln. Üblicherweise haben wir dort keine Famulanten, aus vielfachen Gründen, aber meine sehr nette Kollegin, die dortige Chefärztin, wäre bereit, für Sie auf meine Bitte eine Ausnahme zu machen. Ich habe eben mit ihr telefoniert. Wenn Sie möchten, dürfen Sie sofort dorthin wechseln. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen, Sie dürfen auch gerne bei uns bleiben – meine Leute und ich werden Ihnen mit Sicherheit auch noch genug vermitteln können, ohne dass Ihnen langweilig wird. Aber wenn ich Ihnen einen -fast schon freundschaftlichen- Rat geben darf: Nutzen Sie diese Chance.“

Uff. Was ist das nun wieder? Wirklich freundlich und unterstützend? Wenn ja, warum tut er das für mich? Oder werde ich gerade weggelobt, habe ich schon wieder irgendwas verbockt, hat sich jemand in mich verliebt oder stand mein Rollstuhl im Weg? Nein, eigentlich vertraue ich ihm. Ich wollte gerade Luft holen, da sagte er: „Stop! Ich mache Ihnen noch ein Angebot: Sie schnuppern da jetzt bis morgen abend rein, und wenn die da nicht nett zu Ihnen sind oder das Thema sich wider Erwarten als nur öde herausstellt, kommen Sie zu mir zurück. Einverstanden?“ – Er streckte mir seine Hand aus. Schlagen Sie ein!

Ich zögerte eine Sekunde, dann schlug ich ein. „Und wenn Sie morgen oder übermorgen hier nicht vor meiner Tür stehen, weil Sie zurück wollen, dann melden Sie sich nächste Woche mal bei mir und sagen mir Bescheid, ob der Switch gut, gut oder gut war. Okay?“ – „Okay.“ – „Alles Gute für Sie!“

Zack war ich draußen, die Tür hinter mir zu. Einmal Luft holen. In meinem Kopf kreisten alle möglichen Gedanken. Wieso telefoniert er mit seiner Kollegin, bevor er meine Meinung dazu kennt? Gerade, wenn ich so freiwillig und er so besorgt handelt? Ich schob diese Gedanken beiseite. Rollte zur Diabetesstation, dort zum Vorzimmer, klopfte, hörte nichts, klopfte noch einmal, war mir nicht sicher, ob es im Flur zu laut war oder wirklich niemand geantwortet hatte. Ich drückte vorsichtig die Klinke hinunter und schaute mit dem Kopf um die Ecke. Die Sekretärin saß hinter einem Schreibtisch, guckte mich an und winkte mich zu sich heran. Zum Zimmer der Chefin stand die Tür weit offen, dort drinnen wurde aufgeregt diskutiert. Nicht laut, aber mit deutlichen Worten.

Eine blonde Frau im weißen Kittel, Mitte 50, unauffällige Figur, wippte mit ihrem Bürostuhl im Nebenraum hin und her. Sah mich, zeigte mit dem Finger zuerst auf mich und anschließend senkrecht nach unten vor ihren Tisch. Sollte ich jetzt dort rein rollern, während sie irgendeinem Menschen am Telefon die Meinung geigte? Ich rollte vorsichtig in ihre Richtung. Als ich drin war, machte sie eine Handbewegung als würde sie eine Tür zuschieben, eine Türklinke herunterdrücken und legte anschließend den Zeigefinger auf ihre gespitzten Lippen, während sie ihrem Gegenüber ungeduldig zuhörte. Ich verstand: Ich sollte leise die Tür schließen. Immerhin traut sie mir das zu, sowas ist eher selten. In den meisten Fällen wird mir das Manöver ungefragt abgenommen – selbst dann, wenn man dabei noch über mich rüberklettern muss. „Ich hoffe, dass wir diese Diskussion heute ein letztes Mal geführt haben. Die Fakten ändern sich nämlich nicht. Ansonsten sind Sie der Erste, der es erfährt. Ja? Gut? Und dann sitzt mein nächster Termin vor mir. Ich muss Schluss machen. Ja, Ihnen auch.“

Sie warf den Hörer auf die Gabel und murmelte: „Der tut jedes Mal so, als sollte er das von seinem Taschengeld bezahlen.“ – Sie gab mir die Hand. Ich stellte mich vor. „Die Musterschülerin?“, fragte sie. – „Genau die.“ – „Sie sind sehr selbstsicher, oder?“ – Ich grinste. „Nein, das war ein Spaß. Ich schätze mich selbst etwas anders ein. Aber ich bin nicht die Fachfrau, die das beurteilen kann, sondern ich lerne.“ – „Wissenschaftliches Arbeiten?“ – „Auch das. Im Moment leiste ich meine Famulatur ab. Zweites Viertel.“ – „Worüber werden Sie promovieren?“ – „Eine Diss ist bislang nicht geplant.“ – „Das ist gut. Ich habe nämlich Ihre letzte Hausarbeit gelesen. Und ich glaube, ich hätte ein Thema für Sie.“ – „Nanu? Da bin ich jetzt mal überrascht.“

„Ja, ich gebe zu, der Weg ist nicht der allgemein übliche. Sie haben ein Manko. Querschnittlähmung?“, fragte sie und deutete auf meine Beine. Ich nickte mal vorsichtig. „Ein ‚Doktor‘ vor dem Namen würde diejenigen, die glauben, die Querschnittlähmung drücke aufs Hirn, mit Sicherheit beeindrucken.“ – „Ich bin mir nicht sicher, ob ich für das Klientel forschen möchte.“ – „Falsche Antwort, Frau Jule. Die Patienten, die Ihnen erst aus der Hand fressen, wenn ein akademischer Grad auf Ihrem Türschild steht, zahlen Ihnen später den Sommerurlaub in der Karibik. Und sagen Sie jetzt nicht, dann verzichten Sie lieber auf die Karibik, weil es an der Nordsee im August auch schön ist.“ – „So ähnlich, nur dass ich die Ostsee präferiere. Aber jetzt mal ohne Flachs: In welcher konspirativen Mission bin ich denn gerade gelandet? Ein Chefarzt lobt mich bis mir schwindelig wird und schickt mich zu seiner Kollegin, …“

„Sprechen Sie gar nicht erst weiter! Ich habe etliche Themen eingereicht, in einigen Fällen sogar Gelder bewilligt bekommen, aber plötzlich keine Doktoranden mehr. Der Nachwuchs von heute passt eben in Sachen Verbindlichkeit augenscheinlich nicht mehr ganz in das Konzept der Forschungsträger. Und Kinder-Endokrinologie ist zudem wohl gerade nicht so gefragt. Nun hatte ich ein Gespräch mit dem – um Ihre Worte zu benutzen – konspirativen Kollegen beim Mittagessen, der mir von einer Famulantin erzählt hat, naja, den Rest kennen Sie ja.“ – Sie fuhr fort, dass sie ein Thema für mich hätte, das ich detailliert nicht öffentlich beschreiben kann, aus verständlichen Gründen; bei dem es aber, grob gesagt, um Regulationsstörungen, wie sie beispielsweise bei einer Querschnittlähmung vorkommen, ginge. Bei einer Querschnittlähmung kann es ja zum Beispiel zu Kreislaufproblemen kommen, weil aus dem halben Körper die Nerven kein Feedback ans Gehirn senden. Oder vielmehr es dort nie ankommt. Nun werden die meisten Hormonspiegel ja nicht über diese Kanäle geregelt, um es mal laienhaft auszudrücken, aber die (traumatische) Unterbrechung bestimmter „Informationskanäle“ kann man sich zunutze machen, um eine bestimmte Theorie bestätigen oder zu entkräften, die im Zusammenhang mit diabetischen Spätschäden (Nervenschäden, meistens an den Zehen beginnend) im Raum steht.

Spannend fände ich eine solche Theorie auf jeden Fall. Und beweisen oder vermutlich eher entkräften würde ich sie auch gerne. Reizvoll wäre eine solche Arbeit und das spätere Ergebnis ebenfalls. Ob ich aber mir wirklich diesen zusätzlichen Stress antun möchte, darüber bin ich mir nicht wirklich sicher. Ich rolle so schon auf dem Zahnfleisch und nicht nur das zeitliche, sondern auch das organisatorische Geraffel schrecken mich eher ab. Andererseits würde ich wohl wie kaum eine andere von meiner eigenen Zugehörigkeit zum rollenden Volk und damit von einer ganz anderen Kommunikationsebene profitieren können. Die Chefärztin ist davon überzeugt, dass es ein Klacks sei, bereits angestoßene Themen nach Rückzug des bisherigen Bewerbers mit mir neu durchzukriegen. Zumal eben mit den Arbeiten nicht begonnen wurde.

Ich habe ihr gesagt, dass ich es mir überlegen werde. Und begann direkt danach auf einer Station, in der Kinder und Jugendliche mit Zuckerkrankheit behandelt werden. Überwiegend geht es um die erste Einstellung der Insulinzufuhr von außen, nachdem man erkannt hat, dass der jeweilige Körper selbst nicht ausreichende Mengen dieses Hormons produziert. Bei einigen wurde es auch nicht rechtzeitig erkannt, die sind dann im schlimmsten Fall irgendwann bewusstlos geworden und, wie in einem Fall, mitten im Wald vom Hottehüh gepurzelt. Ohne sich dabei jedoch noch ernsthaft zu verletzen. Andere sind kurzzeitig in die Klinik gekommen, weil etwas mit ihrer Einstellung nicht stimmt, etwas verändert werden, die Schulung aufgefrischt werden soll – oder was auch immer. Ich bin gespannt, was mich hier erwartet.