Eine Woche Innere

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Meinen letzten Monat Praktikum mache ich auf der Inneren. Gastroenterologie, um genau zu sein. Ich muss dafür zwar ganz an den Hamburger Stadtrand fahren und bin für eine Strecke mit dem Auto 45 Minuten unterwegs, dafür bin ich in der Klinik jenes Profs gelandet, der mir bereits die Empfehlung und damit den Zugang für das Studium gegeben hat. Im Alltag sehe ich ihn persönlich zwar so gut wie nie, aber trotzdem ist es dort mindestens 200 Mal besser als auf den bisherigen Stationen. An den ersten zwei Tagen bin ich zwar die ganze Zeit nur einer Schwester hinterher gerollt und durfte nichts machen (außer zugucken), aber inzwischen ist das völlig anders. Ich muss das Essen mit austeilen (aber zu zweit mit einer examinierten Schwester, denn es geht nicht nur darum, die Leute mit Essen zu versorgen, sondern auch gleichzeitig zu schauen, ob alles in Ordnung ist – und das war auf meiner ersten Station auch ganz anders), muss zwischendurch Getränke verteilen, muss organisieren, dass die Patienten zu ihren Untersuchungen kommen (Fahrdienst bestellen, an Termine erinnern etc.), dann jede Menge Botengänge, darf bei der Pflegevisite mitrollen (also wenn Fieber gemessen wird und Blutdruck und Puls etc. und muss das alles eintragen) und hatte am Freitag sogar die Möglichkeit, zwei Mal zwei Stunden in der Endoskopie dabei zu sein.

Die ersten beiden Stunden hat mir der Internist erklärt, was er da tut und was er da sieht und ich durfte, als bei den einzelnen Spiegelungen Proben entnommen wurden und dafür eine Biopsiezange durch das Endoskop geführt wurde, diese Zange auf Kommando etliche Male öffnen und schließen (dafür braucht es eine dritte Hand und sonst macht das die Assistentin) und anschließend die Gewebeprobe in solche Röhrchen füllen und das Röhrchen mit Etiketten bekleben, ein Kärtchen nach Ansage ausfüllen und alles zusammen in einen Umschlag packen. Die nächsten zwei Stunden saß ich neben der Narkoseärztin und bekam erklärt, was sie da alles macht und auch das war unheimlich spannend. Ich musste später die Fingerklemme, die Puls und Sauerstoffsättigung misst, an- und ablegen und Stauschlauch, Kanülen, Spritzen etc. bereit legen und alles mitschreiben, was an Medikamenten gegeben wurde. Das waren in aller Regel zwei, nämlich Propofol (das ist das Zeug, an dem Michal Jackson gestorben sein soll) zum Schlafen und Dolantin wenn jemand Schmerzen hatte (die meisten der Patienten hatten chronische Darm-Erkrankungen). Ich fand das unheimlich spannend und die vier Stunden kamen mir am Ende wie 10 Minuten vor. Ich darf nächste Woche noch einmal dorthin und … freu mich heute schon!

Hättest du doch bloß

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Ist schon doof. Ich weiß. Ich möchte öfter schreiben, aber ich bin im Moment so eingespannt – Wahnsinn. Das wird auch noch mindestens einen Monat so weitergehen. Ich bin noch immer mit meinem Pflicht-Pflege-Praktikum beschäftigt. Inzwischen habe ich einen weiteren Monat rum und darf noch ein weiteres Mal wechseln. Offiziell, weil ich gerne einmal bei jemandem Blutdruck gemessen haben möchte, bevor ich mein Studium anfange, inoffiziell, weil es mir in der Psychiatrie zu krass ist.

Nein, nein, ich habe weder meine Haare abgeschnitten noch beiße ich meine Fingernägel kurz oder entwickle irgendwelche Ticks, aber meine Freundinnen und Freunde empfehlen mir bereits nachdrücklich, lieber heute als morgen dort rauszukommen. „Das tut dir nicht gut“, habe ich inzwischen mehrmals gehört. Ein einschneidender und mich völlig überfordernder Hammertag war in der letzten Woche.

Man muss dazu wissen, dass es sich bei den vier Stationen, auf denen ich im Wechsel arbeite, um offene Stationen der Kinder- und Jugendpsychiatrie handelt. Offen heißt: Die Kinder und Jugendlichen dürfen zu den normalen Tageszeiten das Gebäude verlassen, so oft und so lange sie wollen, sie müssen sich nur ab- und wieder anmelden. Therapie- und Gruppentermine müssen sie zwar einhalten, aber insgesamt erinnert auch der Aufbau der Stationen eher an eine betreute WG als an ein Krankenhaus. Suchtprobleme, Psychosen, überhaupt Erkrankungen, für die es mehr als Psychotherapie braucht, werden auf diesen Stationen nicht behandelt. Die meisten Patienten haben Essstörungen, Angststörungen, somatoforme Störungen, Belastungsreaktionen, Probleme im Elternhaus, Schulprobleme, … wobei man das nicht unterschätzen darf. Da geht es teilweise schon richtig heftig zur Sache.

Das Gebäude ist barrierefrei, es gibt sogar eine Rollstuhlfahrerin mit Spina bifida auf einer Station. Allerdings hat man bei der Planung des Gebäudes nicht damit gerechnet, dass auch mal Mitarbeiter im Rollstuhl sitzen könnten. Da ich nicht unbedingt auf die (Kinder-) Patiententoiletten gehen möchte, muss ich zum Pinkeln in den Keller fahren. Dort gibt es eine barrierefreie Toilette für Mitarbeiter. Eigentlich ist das WC direkt unter einer Station, auf der ich arbeite, aber der einzige barrierefreie Weg dorthin führt durch den Verwaltungstrakt, wo ein Aufzug in den Keller fährt, durch mehrere Türen, die nach Feierabend der Bürodamen natürlich verschlossen sind. Aber ich habe einen Schlüssel bekommen und muss nun jedes Mal, wenn ich zum Klo muss, vier Türen vor mir auf- und hinter mir zuschließen, die Klotür nicht mitgezählt. Es gibt schlimmeres – das alles ist so gut planbar, dass ich, wie auch zu Hause, immer so rechtzeitig zum Klo komme, dass ich während der Arbeitszeit keine Windeln brauche. Hat den Vorteil, dass ich die gestellte Kleidung anziehen kann und mir keine Gedanken darum machen muss, was denn da möglicherweise am Rücken aus der Hose schaut und mit Sicherheit zur allgemeinen Belustigung der teilweise ohnehin schon unausstehlichen Patienten beitragen würde.

Letzte Woche, es war der Hammertag, war es kurz vor dem gemeinsamen Abendessen. Ich machte mich auf den Weg zum Klo, rolle im Keller aus dem Aufzug und habe mir, da ich den Weg inzwischen kenne, abgewöhnt, extra die Festbeleuchtung einzuschalten. Die Notbeleuchtung reicht mir zur Orientierung. Ich rolle durch die Flure und bin kurz vor dem Klo, nehme die letzte Ecke und kann gerade noch verhindern, dass ich über etwas falle, was dort an der Erde liegt. Drei Gedanken schossen mir bei Anblick des Umrisses durch den Kopf: 1. Da liegt jemand, 2. da hat sich jemand hingelegt und will dich erschrecken, 3. da hat jemand eine Puppe hingelegt und verarscht dich. Dass mein Herz augenblicklich bis in den Hals klopfte und ich zittrig wurde, muss ich, glaube ich, nicht erwähnen. Ich drehte mich um, rollte zum Lichtschalter.

Ein Mädel von der Station, auf der ich mittwochs bin, lag dort, hatte sich wohl an die Wand gelehnt und war bis auf die Erde runtergerutscht. Die Augen geschlossen, das Shirt halb vollgekotzt, Kopf abgeknickt und Kinn auf der Brust, sah aus als hätte sie sich bis zur Bewusstlosigkeit besoffen. Ich sprach sie an, rüttelte fest an ihrer Schulter, bekam aber keine Reaktion. Immerhin atmete sie, wenn auch recht flach. Ich ließ mich aus dem Stuhl auf die Erde fallen, schnappte sie am Hemdkragen, zog sie von der Wand weg, legte ihren Kopf auf die Erde und drehte sie auf die Seite. Und damit es richtig eklig wird: In dem Moment lief mir mindestens ein halber Liter Kotze entgegen. Es roch nicht säuerlich, sondern süßlich und war alles andere als lecker. Ich bekam sie in die stabile Seitenlage und ihr Gesicht aus der Kotze, dann wollte ich mit dem Handy auf der Station anrufen, nur leider war kein Empfang. Der Notrufversuch mit dem Handy scheiterte ebenfalls am fehlenden Empfang.

Als nächstes pinkelte ich mir erstmal in die Hose. War ja schließlich noch nicht genug Sauerei auf dem Fußboden. Meine gelähmte Blase war in dem Moment allerdings das kleinste Problem. Ich musste dringend Hilfe holen. Brüllen half nichts, obwohl ich direkt am Treppenaufgang zur Station war, hörte mich niemand. Ich wollte nicht minutenlang durch den Verwaltungstrakt zurückfahren und das Mädel so lange alleine lassen. Im Rolli-WC war ein Notruf installiert, das sollte doch erheblich schneller gehen. Ich krabbelte wieder in meinen Rolli, düste um die nächste Ecke und glaubte fast an ein Déjà-vu, nur dass diesmal das Licht schon leuchtete: Dort lag die nächste Patientin. Zwischen etlichen Tablettenpackungen, einer blutigen Schere, Wodka, Kotze, Blut, halbnackt. Lag auf dem Rücken, hatte die Augen weit offen, sagte auch keinen Piep. Und atmete, soweit ich es auf die Schnelle aus dem Rolli heraus feststellen konnte, nicht. Wie ich später erfuhr, hatten sich die beiden überlegt, zusammen Schluss zu machen.

Ich ließ sie liegen, wollte erstmal zum Klo, zum Notruf. Natürlich fiel mir in der Aufregung dann noch zweimal der Schlüssel aus der zitternden Hand und als ich endlich drin war, war dort nur eine Strippe, die aber hochgebunden war. Diese Unsitte der Putzleute hasse ich wie die Pest!!! Man konnte den Notruf über eine Taste neben der Tür ausschalten, aber nicht auslösen. Das ging nur über die Strippe neben dem Klo und die war in ungefähr 180 Zentimeter Höhe über einem Mülleimer. Ich überlegte, ob es sinnvoller wäre, erst Hilfe zu holen (das würde immerhin mindestens 4 bis 5 Minuten dauern) oder erstmal die zweite Patientin zu beatmen. Wie ich mich entscheiden würde, es war auf jeden Fall falsch. Ich entschied mich, Hilfe zu holen, denn ich wusste nicht, wie lange die Leute da schon lagen und wie es um die erste Patientin stand und ob die möglicherweise auch schon lange Zeit zu wenig atmete. Eine schwierige Enscheidung, über die ich mir bereits einige Nächte den Kopf zerbrochen habe.

Auf dem Weg zurück zum Aufzug kam ich an einem Feuermelder vorbei. Ich nahm mein Schlüsselbund, schlug die Scheibe ein und drückte den Alarmknopf. Im selben Augenblick gab es ein ohrenbetäubendes Gepiepe auf dem Flur, sämtliche Türen fielen zu. Und zwar die Tür in Richtung Aufzug und die Tür in Richtung der beiden Patienten. Ich machte mich wieder auf den Weg zu den Patientinnen und schaffte es auch im dritten Anlauf, die schwere Tür so weit aufzustoßen, dass ich hindurch fahren konnte. Ich konnte sehen, dass sich bei der ersten Patientin nach wie vor der Brustkorb bewegte, hören konnte man bei dem Lärm nichts. Ich ließ mich neben der zweiten Patientin eher unkontrolliert (weil schnell) aus dem Stuhl fallen, schürfte mir dabei an der Wand noch schön den Oberarm auf. Das Mädel atmete nicht und ich konnte auch keinen Puls tasten. Ich versuchte, sie zu beatmen und versuchte auch eine Herzmassage, allerdings gestaltet sich das, wie ich schon aus den Ersthelferkursen weiß, im Sitzen neben dem Patienten immer sehr schwer. Es bringt etwas, sich auf die eigenen Füße zu setzen, um eine etwas erhöhte Position zu haben, allerdings ist dann der Wechsel zwischen Beatmen und Herzdruckmassage aufwändiger.

Zwei Mal beatmen, 30 Mal Herzdruckmassage. Und darauf achten, dass meine blutende Oberarmwunde nicht mit ihrem Blut (sie hatte an den Armen herumgeritzt) in Berührung kommt. Oder andersrum. Schweiß tropfte mir aus dem Gesicht. Beim sechsten Wechsel hörte ich oben eine Tür zuschlagen. Ich brüllte, aber das Gepiepe war so laut, dass derjenige mich nicht hörte. Zu allem Überfluss ging auch noch die Flurbeleuchtung aus. Zeitschaltuhr… Kurz danach hörte das Piepen auf. Oben im Treppenhaus waren wieder Stimmen. Ich brüllte nochmal. Nun schien man mich gehört zu haben. Ein Pfleger von meiner Station. Er sagte: „Mach weiter, ich hol schnell Hilfe.“ – Ich konnte ihm gerade noch zurufen: „Um die Ecke liegt noch eine.“

Es hat dann nur noch wenige Sekunden gedauert, bis Leute, immer mehr Leute, kamen, die sich um die beiden gekümmert haben. Ich bin nur noch aus dem Weg gekrabbelt, hab mich gegen eine Wand gelehnt und geheult. Was für ein Stress. Ohne jede Ahnung, ob ich alles richtig gemacht hatte, am Oberarm blutend, vollgekotzt, eingepinkelt, mit beschissenem Geschmack im Mund, zittrig, frierend.

Nach einiger Zeit, der ganze Gang war voller Leute im Kittel, in rotweißer Uniform, in Polizeiuniform, mit Kameras, mit Notizblöcken, kamen zwei Pfleger, einer griff mir unter die Arme, einer unter die Kniekehlen. Sie hoben mich in meinen Rolli und brachten mich in einen Untersuchungsraum und legten mich dort auf die Liege. Ich wurde zugedeckt, bekam eine Infusion gelegt und einen Clip an den Finger. Ich sollte einen Moment liegen bleiben, dann könnte ich duschen fahren. Eine Frau kam rein, meinte, sie sei von der Polizei, ob ich ihr einige Fragen beantworten könnte. Die Ärztin, die im Raum war, sagte, sie soll die drei wichtigsten Fragen stellen, aber nicht mehr, ich stünde unter Schock.

Sie wollte wissen, warum ich im Keller war, ob ich mit den beiden geredet hätte und ob ich den Feuermelder eingeschlagen hätte und warum. Ich antwortete ihr. Sie machte sich Notizen. Am Ende strich sie mir über die Schulter und ging raus. Ich fragte die Ärztin, was mit den beiden Mädchen ist. Sie antwortete: „Die eine wird auf die Intensivstation gebracht. Das sieht wohl nicht so schlimm aus. Aber genaues weiß man erst in ein paar Stunden.“ Mehr sagte sie nicht. Ich fragte nach: „Und die andere?“ – Sie senkte den Blick und schüttelte den Kopf. Ich fragte noch einmal: „Was ist mit der?!“ – Sie schüttelte erneut den Kopf. „Die war schon tot als du sie gefunden hast.“ – Ich weiß noch, wie ich sie angestarrt habe und widersprochen habe, dass sie doch aber noch ganz warm war. Die Ärztin meinte, dass das nichts zu sagen hätte.

Alle sagen, dass ich alles richtig gemacht habe. Alle. Alle Ärzte, die mit mir gesprochen haben, alle Pfleger und Schwestern, die danach mit mir gesprochen haben, sogar der Klinikdirektor hat mich in sein Zimmer bestellt und mir gesagt, dass ich vorbildlich gehandelt hätte. Und dennoch, jedes Mal wenn ich an diese Sache zurück denke, denke ich: Hättest du doch bloß…, wärest du doch bloß…

Zwei Dinge haben sich für die letzten Tage, an denen ich dort war, geändert. Erstens mache ich Licht an, bevor ich durch den Flur fahre. Zweitens hat man die Notrufstrippe auseinander gebunden, so dass man sie jetzt auch erreichen kann.

Was für ein Arbeitsklima

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Wer bloggt, hat zu viel Zeit. Wer wenig Zeit hat, bloggt nicht seltener. Jule hat im Moment sehr wenig Zeit. Beziehungsweise … die Zeit ist dieselbe wie früher, aber gerade kümmere ich mich darum, möglichst schnell meine Pflegepraktika, die ich für mein Studium benötige, fertig zu bekommen.

In einem großen Klinikkonzern, bei dem ich mich beworben hatte, bekam ich eine urologische Station in einem großen Hamburger Krankenhaus zugewiesen – ich war gerade mal drei Stunden dort. Nicht, weil mir die Leute zu krank waren, weil ich mit meiner Arbeit überfordert war oder weil mir meine Behinderung einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Sondern weil das Pflegepersonal mich nicht akzeptieren wollte.

Es begann damit, dass mich um 5.30 Uhr im Dienstzimmer, wo ich mich melden sollte, die Oberschwester Hildegard mit den Worten: „Oh mein Gott, Sie sitzen ja in einem Rollstuhl.“ begrüßte. Auf meine Frage, ob das denn ein Problem sei, antwortete sie mit: „Ja. Und das wissen Sie auch. Ich hab jetzt keine Zeit für lange Diskussionen, aber nur so viel: Ich bin sehr für die Integration von Behinderten. Aber nicht überall. Lernen Sie einen Beruf, der was für Sie ist. Krankenpflege ist ein Knochenjob. Da muss man körperlich topfit sein und nicht selbst krank oder behindert.“

„Ich brauche das für mein Medizinstudium.“ – „Sie kriegen von mir den Stempel, aber Aufgaben habe ich keine für Sie. Sie können sich da hinten an den Tisch setzen und ein paar Bücher lesen. Dann stehen Sie wenigstens nicht im Weg. In dreißig Minuten ist hier Alarm, da kann ich niemanden gebrauchen, der hier den Ablauf stört.“ – „Ich kann Ihnen doch Arbeit abnehmen. Essen austeilen zum Beispiel.“ – „Das fällt Ihnen doch alles runter. Ich kann das nicht gebrauchen, dass hier nachher Joghurt, Milch und Aufschnitt quer über den Flur verteilt sind oder Sie sich den heißen Kaffee über die Hose kippen und ich am Ende Ihre Verbrühungen versorgen muss.“ – „Zu Hause koche ich doch auch alleine.“ – „Ich habe gesagt, ich werde nicht diskutieren.“ – „Zu Befehl. Ich bin dann mal weg. Zum Personalchef, fragen, was ich machen soll.“

„Es gibt keinen Grund, gleich zickig zu werden.“ – „Ich finde schon.“ – „Sie wissen auf alles eine Antwort, oder?“ – „Auf alles nicht, nur bei den alltäglichen Gemeinheiten bin ich inzwischen recht schlagfertig.“ – „Sie gehen … ach nee … gehen kann man bei Ihnen ja nicht sagen … Sie teilen mit Schwester B. das Frühstück aus. Für jedes Tablett, was runterfällt, zahlen Sie 5 Euro in die Stationskasse. Mehr als 20 Euro dürfen wir nicht annehmen.“ – „Wenn ich für jedes sauber ausgeteilte Tablett 5 Euro bekomme, können wir drüber reden.“ – „Sie sind ganz schön frech.“ – „Ich pass mich an.“ – „Vorsicht.“ – „Wenn mir was runterfällt, sammel ich das natürlich wieder auf. Darauf können wir uns einigen. Anderen fällt ja auch mal was runter.“ – „Ziehen Sie sich um. Im Schrank ist Kleidung, Sie tragen dunkelblau und wenn BH oder String rausgucken, gibt es Ärger.“

Die Frage, ob drachengrün ihr vorbehalten ist, sparte ich mir. Da ich schlecht den Essenswagen schieben, dafür aber relativ schnell fahren kann, einigten wir uns darauf, dass Schwester B. die Tabletts aus dem Wagen zog, Kaffee oder Tee aufgoss und ich über den Flur flitzte und die Tabletts in die Zimmer brachte. Nein, Stinkesocke hat nix runterdonnern, sondern lediglich zwei Mal ein bißchen was aus der Kanne auf das Tablett plempern lassen. Die Zimmer waren alle groß genug, um an jedes Bett zu kommen, hin und wieder musste ich das Tablett erst auf den Tisch oder auf die Fensterbank stellen, bis ich am Bett den Tisch ausgeklappt hatte – in den meisten Fällen war aber genug Platz.

In fast jedem Herrenzimmer bekam ich einen netten Kommentar, als mich mit Namen vorstellte und als Praktikantin. „So werden wir ja gerne geweckt.“ – „Der Tag fängt gut an.“ – „Oh, endlich mal ein junger Hüpfer.“ – „Ein neues Gesicht! Klaus, dreh dich um, da kommt ein Lächeln durch die Tür! Die Sonne geht auf!“

In einigen Zimmern waren die Kommentare weniger nett. „Warte, ich nehm dir das ab. So krank bin ich noch nicht, dass ich mir von einer Rollstuhlfahrerin das Frühstück ans Bett bringen lassen muss.“ – „Nun sind schon Kaputte in der Pflege hier. Das ist ein Krankenhaus, echt zum Abgewöhnen.“ Bei der Oberschwester gehe ich davon aus, dass sie für Personalführung bezahlt wird, bei den Patienten, dass sie leiden. Im ersten Fall bin ich sauer, im zweiten lächel ich dann und schluck es runter. Schmeckt zwar eklig, aber unter Menschen mit Behinderungen gibt es auch genügend Leute, die (mal) rumnörgeln. Solange es nicht persönlich wird oder ich es persönlich nehmen muss … ich hab ja zwei Ohren.

Auf jeden Fall haben wir mit dem Frühstück austeilen einen neuen Rekord aufgestellt. Dadurch, dass ich mich nicht mit 4-6 km/h durch den langen Gang bewegt habe, sondern eher mit 12-15 km/h, waren wir extrem schnell fertig. Das sagte Schwester B. schon nach den ersten Tabletts: Sonst hat sie beim Warten nebenbei immer schon die direkt angrenzenden Zimmer versorgt, aber heute sei sie kaum mit dem Sortieren und Wasser / Kaffee aufkippen hinterher gekommen.

Ich fragte, ob ich noch eine Runde durch alle Zimmer drehen sollte, weil ja bestimmt Leute dazwischen sind, die Hilfe brauchen. Den Joghurt nicht aufkriegen, das Brot nicht geschmiert bekommen oder ähnliches: „So etwas fangen wir hier gar nicht erst an.“ Okay. Es dauerte keine halbe Stunde, da wurde ich zu einem Vier-Augen-Gespräch gebeten: Ich würde auf einer anderen Station benötigt. Und zwar in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seitdem bin ich dorf und rolle seit einer Woche einer Ärztin hinterher, die mal eine Lunge abhört, mal den Rettungswagen ruft, weil jemand einen halben Liter Dieselkraftstoff getrunken hat, mal Unterarme desinfiziert, die sich jemand aufgeritzt hat, mal eine Sportbefreiung ausstellt, weil jemand mit Erkältung nicht turnen soll, Magersüchtigen und Bulimikern Blut abnimmt … und wenn sie gerade Einzelgespräche führt, spiele ich auf einer Station mit den Kindern und Jugendlichen „Mensch ärgere dich nicht“, Backgammon, male, bastel, laber, tröste, hör mir Lebensgeschichten an, meistens schlimme, ermahne irgendwelche Nervensägen, dass sie keine Klimmzüge an der Gardinenstange machen, das Messer wieder in die Schublade legen, nicht gegen die Wand spucken, ihren Dödel wieder in die Hose stecken, mich nicht schlagen, den Tisch stehen lassen, nicht mit Stühlen werfen und mit dem Kopf nicht gegen die Wand schlagen sollen.

Da ich jeden Tag auf einer anderen Station bin oder gezielt mit einem Kind oder Jugendlichen was machen soll, kommen kaum persönliche Bindungen zustande. Es ist eine Herausforderung und ganz ehrlich: Einem Halsquerschnitt das Schwimmen beizubringen ist wesentlich einfacher als der Job. Diese Klinik gehört zum selben Konzern und auch wenn ich dort keine dummen Sprüche vom Personal höre, das Arbeitsklima ist ähnlich unpersönlich. Ich mach das Beste draus.

Nicht jeder Gast ist mein Freund

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Eigentlich finde ich meinen jugendlichen Wahnsinn gar nicht so besonders. Was aber daran zu liegen scheint, dass ich von ihm umzingelt bin. Das finden zumindest meine Kolleginnen und Kollegen, als ich ihnen davon erzählt habe, dass ich mit Maria in einem öffentlichen Restaurant Essen gehen will. Zugegeben, ich habe mir Cathleen zur Unterstützung geholt, denn Maria hat weder einen E-Rollstuhl noch kann sie alleine fahren. Innerhalb der Einrichtung, wo alles ebenerdig ist, klappt es mit durchschnittlich 0,3 km/h, außerhalb der Einrichtung reicht für sie eine nicht ganz korrekt verlegte Gehwegplatte, um hängen zu bleiben.

Und ebenfalls zugegeben: Ich war gespannt auf die Konfrontation von normalen Menschen mit uns unnormalen Behinderten, insbesondere mit der völlig unnormalen Maria, und auf den Konflikt, vor dem der Kellner steht, wenn andere Gäste sich von uns gestört fühlen. Wird nicht passieren? Pessimismus? Abwarten, weiterlesen!

Maria sagte gestern, dass sie seit mindestens fünf Jahren in keinem Restaurant mehr war, auf meine unüberlegte Frage, ob sie ein portugiesisches Restaurant kennt. „Ändern wir das?“ fragte ich sie. Sie nickte und schaute mich ohne ein Wort mit großen Augen an. „Wenn du dich traust, sofort“, sagte sie nach einer langen Denkpause. Stinkesocke und nicht trauen? Hust…

Die schwarze Hose, schwarze Schuhe und das helle Oberteil standen ihr wirklich sehr gut. Sie sah richtig edel aus. Ich bearbeitete ihre Mähne, dann konnten wir los. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln waren wir zwar sehr mühsam unterwegs, aber immerhin konnten wir in aller Ruhe quatschen und uns die Gegend ansehen. Warum fährt eigentlich niemand mit Maria los, einfach mal so in der Gegend rum? „Der Hafen ist noch genauso wie beim letzten Mal“, sagte sie. Ich habe nicht gefragt, wie lange das her war. Ich schätze: Jahre.

Zum Restaurant gab es zwei Stufen, aber zwei Mitarbeiter halfen uns hinein. Wir bekamen einen großen runden Tisch gleich am Fenster und konnten die Schiffe sehen. Marias Augen glänzten noch mehr als sie es sonst sowieso schon taten. Es war einiges los und plötzlich kam ein kleiner Junge zu uns an den Tisch, der sich meinen Rollstuhl anschaute, mich anschaute, dann wieder weglief und seine Eltern irgendwas fragte. Im Stimmengewirr konnte ich eindeutig das Wort „Rollstuhl“ heraushören, aber mehr nicht. Plötzlich stand die Mutter mit dem Kind vor unserem Tisch und fragte uns, warum wir ihren Sohn angesprochen hätten. Häh? „Haben wir nicht“, erwiderte ich. – „Nee, ist klar, dann lügt mein Sohn wohl oder was? Schönen Tag noch!“ Auweia. Haschmich.

Unser Essen kam und wir bekamen es hin, dass abwechselnd Cathleen und ich Maria die nächste Gabel in den Mund steckten. Oder besser das Essen. Das ging völlig unauffällig, Marie aß absolut sauber, da kleckerte nix, da schmatzte niemand, sie sabberte nicht oder spuckte die Hälfte wieder aus oder ähnliche denkbare Begleitumstände – nix. Der einzige Unterschied war, dass sie sich nicht selbst das Essen zum Mund führte, sondern dass das jemand anderes für sie tat und dass das Mund öffnen und wieder schließen etwas länger dauerte und das Kauen und Schlucken zwischendurch auch. Aber wir hatten ja Zeit.

Plötzlich stand ein Mann an unserem Tisch, schätzungsweise Mitte 60, der uns fragte, ob diese Spielchen seien müssten. Schlagartig gingen mein Blutdruck und mein Puls um jeweils 100 hoch. Seine Frau und er hätten Hochzeitstag und er wollte seine Frau nett ausführen und gepflegt dinieren (!) und er komme sich derzeit vor wie auf einem Kindergeburtstag beim Stipp-Stop-Essen.

Ich erwiderte, dass diese Spielchen keine Spielchen seien, sondern wir, genauso wie er, ein nettes Essen zu uns nehmen. Im übrigen wünschen wir ihm und seiner Frau alles Gute. Auf die Frage, ob es ein runder Hochzeitstag sei, sagte er, dass er uns ansehe, dass wir irgendein Projekt machen würden, bei dem wir uns wie Behinderte benehmen müssten und ausprobieren, wie Behinderte im Alltag zurecht kämen. Wir müssten nicht im Rollstuhl sitzen und das Mädchen in unserer Mitte müsste nicht gefüttert werden. Er fände diese Projekte gut, weil sie Schülerinnen und Schülern vermitteln würden, dass es ein Leben jenseits der Normalität (!) gebe, aber so etwas sollten wir doch bitte bei McDonalds machen und nicht in einem eher feineren Restaurant. Cathleen sagte: „Jetzt ist es gut, ja?“

„Gerd, lass es. Ich möchte einen schönen Tag mit dir verbringen“, rief ihn seine Renate an den Tisch zurück. Renate hatte die Hosen an, sie befahl, er gehorchte. Als der Kellner das nächste Mal am Tisch vorbei ging, bekam dieser die Theorie vom Schulprojekt auch noch einmal serviert. Er kam zu uns an den Tisch und fragte: „Jetzt mal ernsthaft: Macht ihr hier ein Projekt, so wie der Herr behauptet?“

Maria antwortete auf Portugiesisch. Ebenso langsam und verwaschen, aber scheinbar dennoch gut verständlich und mit den richtigen Worten. Sie wollte mir nicht sagen, was sie gesagt hat, es war recht ausführlich und am Ende führte es dazu, dass der Kellner zu Gerd und Renate sagte: „Die Damen sind genauso Gäste wie Sie. Wenn Sie nicht neben den Damen sitzen wollen, zeige ich Ihnen gerne einen anderen Tisch.“ – Woraufhin Renate aufsprang, alles stehen und liegen ließ und Gerd mit den Worten: „Sie erwarten doch wohl nicht, dass wir für das halbe Essen zahlen?“ hinter ihr herstolperte.

Als wir mit dem Essen fertig waren, kam ein Mann bei uns an den Tisch, der ein wenig aussah wie Heidis Almöhi. Er sagte: „Ich hatte schon die Faust in der Tasche geballt. Die beiden konnten froh sein, dass man sich hier gut benehmen muss, sonst wäre mir richtig der Kragen geplatzt. Lassen Sie sich von solchen Leuten bloß nicht einschüchtern.“ Dann ging er raus.

Als wir nach der Rechnung verlangten, bekamen wir von der Bedienung etwas grausames Hochprozentiges eingeschenkt. Mit Maria redete er wieder portugiesisch. Als er weg war, übersetzte sie: „Nicht jeder Gast ist mein Freund. Aber jeder Freund ist mein Gast. Euer Essen geht aufs Haus. Bitte nehmt die Entschuldigung an und kommt bald wieder.“

„Wie? Der hat uns eingeladen? Dem gehen unseretwegen jetzt fünf Essen durch die Lappen? Die von Renate und Gerd und unsere drei auch noch? Das muss doch nun wirklich nicht sein.“ Auch wenn ich anfangs genau auf diese Konfrontation gespannt war, so wollte ich nicht, dass sie auf dem Rücken des Restaurants ausgetragen wird. Aber Maria sagte: „Gebt ihm zum Abschied die Hand und bedankt euch. Wenn ihr jetzt diskutiert, macht ihr euch unbeliebt. Nehmt das einfach so an.“ Machten wir, sie sagte ihm noch irgendwas nettes in ihrer Sprache und dann fuhren wir zurück in die Einrichtung. Wo Maria natürlich jedem diese Geschichte erzählen musste…