Maria aus Portugal

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Ich mache zurzeit ein Pflegepraktikum in einer Pflegeeinrichtung für behinderte Menschen. Es dauert einen Monat, ich bin beschäftigt und ganz vielleicht lässt sich das auch auf meine dreimonatige Pflichtzeit (Pflegetätigkeit), die ich für mein Studium brauche, anrechnen (wird noch geklärt).

Auf der Station, auf der ich zur Zeit arbeite, geht es vorrangig darum, Menschen, die auf das schwerste körperlich eingeschränkt sind, rund um die Uhr Pflege und medizinische Versorgung anzubieten, allerdings ohne dass ständig ein Arzt vor Ort ist. Es ist also so etwas wie ein Pflegeheim, allerdings nicht für ältere Menschen – der älteste ist gerade 40 Jahre alt, die jüngste ist 16. Wenn ich mir meine Behinderung ansehe, wird mir sehr schnell deutlich, dass es mir relativ gut geht. Aber wie heißt es in der von rabenschwarzem Humor überzogenen Szene? „Schlimmer geht immer.“ (Oder weniger schwarz: Jeder trägt seinen eigenen Rucksack.)

Eine wird permanent beatmet, einige über Sonden ernährt, einer ist kaum noch ansprechbar und wird wohl demnächst sterben, andere sind mit (elektrischem oder manuell angetriebenem) Rollstuhl noch recht fit, zwei Leute bekommen zu allem Überfluss auch noch regelmäßig Krampfanfälle, obwohl sie deshalb schon zugedröhnt sind bis zum Anschlag, mit einigen kann man reden, mit anderen sich auch gut unterhalten, wieder andere vegetieren nur so vor sich hin. Der Pflegeaufwand ist schon enorm, drei Pfleger und zwei Un- bzw. Angelernte sind pro 10 Personen pro Tagesschicht anwesend. Vierzig Leute wohnen dort ingesamt.

Und ich? Ich habe das Superlos gezogen. Nein, wirklich. Sie heißt Maria, ist mit zwölf Jahren aus Portugal nach Deutschland gekommen, ist jetzt 27, ist 148 cm groß, wiegt 35 Kilo, hat einen dunklen Teint, schwarze, lockige hüftlange supersupertolle Haare, dunkelbraune, kristallklare Augen, samtweiche Haut, strahlend weiße, gerade und gepflegte Zähne, eine hübsche Nase, einen schönen Mund, wirkt ein wenig wie ein Porzellanpüppchen, das man beim Anfassen zerbricht und könnte eigentlich sofort eine Modelkarriere beginnen. Wäre da nicht ihre Behinderung. Sie hat kaum Kraft, kann keine Bewegung koordinieren, wenn sie sich bewegt, dann ziellos wie bei 3,5 Promille, genauso redet sie auch, alle Reaktionen sind verlangsamt, man begrüßt sie und erst drei, vier Sekunden später schaut sie hoch. Nach ihrem Abitur wollte sie Dolmetscherin werden, hat allerdings abgebrochen, weil ihre fortschreitende Behinderung sie schneller in die heutige Situation brachte als sie gedacht hatte. Die normale Lebenserwatung liegt bei 42 Jahren, allerdings rechnet sie selbst damit, 32 nicht mehr zu erleben. Sie sei schon zu weit fortgeschritten, die Erkrankung. Üblicherweise käme der Rollstuhl erst mit Anfang 20, die Pflegebedürftigkeit erst mit Anfang 30. Sie konnte aber schon mit 20 nicht mehr frei sitzen (ohne am Rolli fixiert zu sein). Eine Herzbeteiligung, Asthma und auch noch ein insulinpflichtiger Diabetes runden das alles ab.

Maria könne man auf einer Hand tragen, die Versorgung mit Medikamenten könne sie selbst überwachen (wenngleich sie sich schon die Insulininjektion mit dem Pen wegen Koordinationsstörungen nicht selbst verabreichen kann, geschweige denn das Asthmaspray zum Mund führen) und der Pflegeaufwand sei lediglich zeitintensiv. Fachkenntnisse bräuchte man nicht und Maria sei ständig so guter Laune und so geduldig, dass man dort jeden Neuling unvorbereitet ins kalte Wasser werfen könnte. Meine Aufgabe war und ist also: Maria. Siebeneinhalb Stunden pro Tag. Und ich wiederhole: Sie ist ein Glückslos.

„Hast du Scheiße gebaut oder bist du freiwillig hier?“ – „Wie meinst du das?“ – „Naja bist du zu sozialer Arbeit verknackt worden oder machst du was für deine Schule oder dein Studium oder deine Ausbildung?“ – „Ich mach ein Pflegepraktikum für mein Studium.“ – „Ok.“ – „Seh ich wie eine Ganovin aus?“ – „Du, wer heute klaut, schlägt, betrügt oder Behinderte ärgert, da wunder ich mich nicht mehr. Das sieht man den meisten nicht an.“ – „Das finde ich jetzt aber nicht so nett, irgendwie.“ – „Ach komm, ich hab auch schonmal geklaut, geschlagen, betrogen – und Behinderte geärgert.“

Sie kiecherte. Ich konnte nicht anders, als darüber zu lachen. Sie sprach laut, bemüht deutlich und langsam, und es war dennoch verwaschen und unverständlich. Aber sie hatte einen tollen Humor. „Du klaust?“, fragte ich sie. – „Ich hab geklaut. Als ich 17 oder 18 war, hatte ich eine heftige Zeit. Da hab ich auch schonmal Leuten Geld geklaut. Aber du musst keine Angst haben, inzwischen bin ich wieder lieb.“ Keine Frage, sie würde es nicht mal schaffen, meine Geldbörse zu öffnen, wenn sie auf dem Tisch vor ihr liegen würde. Selbst klein geschnittenes Brot bekam sie nicht zum Mund, sie musste gefüttert werden, brauchte jemanden, der ihr den Trinkhalm zum Mund führte.

Am dritten oder vierten Tag fragte ich sie, warum sie ihre Heimat Portugal verlassen hatte. Ihre Eltern wohnen noch heute dort. Es sei die medizinische Versorgung, die sie zu diesem Schritt gebracht hätte. Ihre Eltern seien einfache Leute, leben von Weinbau und ein paar Kühen. Ob ich Fotos sehen möge. Sie bat mich, ein Album aus dem Regal zu holen, wollte es mir zeigen. Das Album war aber so dick, dass ich vorschlug, wir setzen uns auf ihr Bett. Sie meinte, sie könne nicht frei sitzen. „Dann kriegst du ein fettes Kissen in den Rücken und lehnst dich an mich.“ sagte ich. Drei Stunden haben wir Fotos angeschaut, von ihren Eltern, von dem Haus, in dem sie früher wohnte, von der Gegend in der Nähe des Atlantiks, von ihr, wie sie mit einigen anderen Kindern auf Pferden reitet. Ihr Kopf lag an meiner Schulter, zu jedem Foto erzählte sie was und irgendwann fing sie an zu weinen. Ob wir aufhören sollen, fragte ich sie.

„Nein, nur wenn ich diese Fotos sehe, bekomme ich immer Sehnsucht nach dem schönen Wetter dort, nach den entspannten Menschen, nach den tollen Früchten, die man dort essen kann, nach unseren Tieren, nach meinen Eltern und überhaupt nach Portugal. Portugal ist so ein fantastisches Land. Ich brauche das hin und wieder. Ich heul jetzt ein bißchen und in 10 Minuten ist alles wieder gut. Blätter einfach weiter.“

Aufs Klo, ins Bett, aus dem Bett, unter die Dusche – alles mit dem Lifter. Von A nach B im Rollstuhl. Nachts ins Pflegebett. Eine Woche war bereits vergangen, inzwischen waren wir ein halbwegs eingespieltes Team. Als ich sie einen Abend ins Bett gehoben habe und sie aus den Gurten des Lifters wieder befreit hatte, fragte sie mich, ob ich ihr die Schlafanzughose wieder ausziehen kann. „Wieso das?“ – „Weil ich das möchte.“

Eine Lektion habe ich bereits heute von ihr gelernt: Ich habe eine ganz andere Sensibilität dafür bekommen, wo selbstbestimmtes Leben anfängt. Auf die Bitte, ihr den Delfin in die Hand zu geben, bevor ich sie zudecke, wollte sie keine Antwort. Ich bin froh, ihr keine gegeben zu haben. Ich habe nicht darüber nachgedacht, sondern ihr wortlos das Ding in die Hand gedrückt, ihr eine gute Nacht gewünscht, das Licht ausgemacht und bin rausgefahren. Am nächsten Tag sagte sie: Das sei das erste Mal gewesen, dass sie nicht darum kämpfen musste, kommentarlos ihren Vibrator zu bekommen. Als ich das hörte, fiel mir nur ein Wort ein: Scheiße.

Scheiße, geht es mir gut. Und ja, Maria weiß, dass ich über sie schreibe und sie hat den Text vorher gelesen. Falls jemand diese Sorge loswerden möchte. Und sie hat mich gebeten, auch darüber zu schreiben, dass wir zusammen auf einem Pferd gesessen haben. Obwohl es eigentlich niemand wissen sollte, weil sie befürchtete, es könnte mir Ärger machen. Aber das Therapiepferd (eher ein bekiffter Therapie-Esel) war lieb, Maria saß zwischen mir, meinen Armen und einem Voltigiergurt, das Pferd wurde direkt geführt und Maria hat mir hinterher einen Kuss auf die Wange gegeben. Vermutlich hätte sie abrutschen, runterfallen und sogar sterben können, aber zur Zeit liebäugelt sie mit einem weiteren Termin, nach dem sie sagen kann: „Nix ist schöner als ein warmer Pferderücken unterm Arsch.“

Hab ich ihr schon gesagt, dass ich auch noch mit ihr schwimmen will?!

Erschrocken und entsetzt

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Manchmal ist die Schulbehörde ja sehr schnell. Ich hatte bereits heute eine (erste) Antwort auf meinen Brief vom letzten Donnerstag. Ich möchte sie meinen Lesern nicht vorenthalten:

„Sehr geehrte Frau …, vielen Dank für Ihr Schreiben vom 01.04.10, gerichtet an die Senatorin Christa Goetsch. Frau Goetsch hat mich gebeten, Ihnen zu antworten. Bitte erlauben Sie mir zunächst, Ihnen mein Mitgefühl für Ihre Behinderung und meinen Respekt vor Ihrer Willensstärke auszudrücken. Selbstverständlich dürfen Sie davon ausgehen, gerade von staatlichen Stellen nicht wegen Ihrer Behinderung benachteiligt oder gar diskriminiert zu werden. Über Ihre Schilderung bin ich gleichermaßen erschrocken und entsetzt. Ich habe Ihr Schreiben zum Anlass genommen, eine Untersuchung dieser Angelegenheit einzuleiten. Diese wird voraussichtlich ein bis zwei Wochen in Anspruch nehmen. Bis dahin bitte ich Sie um Geduld. Mit freundlichen Grüßen“

Ich glaube nicht, dass viel mehr passiert. Aber wenigstens scheint man auf die Sache aufmerksam geworden zu sein.

Wer sucht, der findet

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In den ersten beiden Wochen im Juni müssen wir von der Schule aus ein Praktikum machen. Also in zwei Monaten, allerhöchste Zeit, loszuziehen, nach möglichen Stellen zu fragen und sich zu bewerben. Es muss etwas aus dem Bereich Pädagogik / Psychologie sein.

Als erstes habe ich mich in zwei Schulen für Menschen mit Lernbehinderungen umgesehen. In der ersten Schule hieß es, dass man grundsätzlich keine Schülerpraktikanten nehme, in der zweiten ging man sogar noch einen Schritt weiter. Die Mitarbeiterin im Sekretariat erklärte: „Wir sind eine Schule für Lernbehinderte, nicht für Körperbehinderte.“ Ich fasste noch einmal nach: „Nein nein, mir geht es in erster Linie auch um Schüler mit Lernbehinderung, nicht um solche mit einer Körperbehinderung.“

Sie antwortete: „Ja, aber du bist körperbehindert und wir sind eine Schule für Lernbehinderte.“ Ich glaubte, dass sie mich immernoch nicht verstanden hatte: „Ich suche keinen Schulplatz, ich möchte nur zwei Wochen Praktikum machen.“ Nun wurde sie frech: „Das habe ich schon verstanden, aber ich erläutere es gerne auch für nicht Lernbehinderte noch ein drittes Mal: Wir sind keine Körperbehindertenschule.“

Wahrscheinlich wollte sie ausdrücken, dass die Schule nicht rollstuhlgerecht ist. Was ich aber nicht verstehen kann, denn laut Verzeichnis sei sie rollstuhlgerecht. Egal. Ich überlegte, was mehr bringen würde: Sie gleich als Arschloch zu beschimpfen oder mich über ihr arschiges Verhalten schriftlich zu beschweren. Ich entschied mich für das zweite, erfuhr dann aber von Frank, dass es wenig Sinn machen würde, da im Zweifel Aussage gegen Aussage stehe. Dennoch könnte es aber sein, dass sie bereits öfter mit solchen Dingen aufgefallen ist oder man zumindest hellhörig wird. Daher habe ich mit ihm zusammen eine Mail geschrieben:

„Sehr geehrte Frau Senatorin Goetsch, nach einer einjährigen krankheitsbedingten Unterbrechung versuche ich zur Zeit, mein Abitur an der …-Schule zu absolvieren. Im Juni steht ein zweiwöchiges Praktikum an, das einen pädagogisch-psychologischen Einschlag haben soll. Meine Lehrer empfahlen mir, mich an der …-Schule für lernbehinderte Menschen zu bewerben. Nachdem ich mich in einem Verzeichnis vergewissert hatte, dass die Schule rollstuhlgerecht (und damit auch für mich zugänglich) ist, suchte ich heute das Sekretariat dieser Schule auf und fragte nach der Möglichkeit eines Schülerpraktikums. Ich bin davon ausgegangen, dass ich mich als Schülerin, die im Rollstuhl sitzt, denselben Kriterien stellen müsste wie meine nicht behinderten Mitschüler. Dass ich jedoch schon aufgrund meiner Körperbehinderung im Vorfeld abgelehnt werden würde und die Mitarbeiterin der Schulbehörde mich mit Bezug auf meine Behinderung beleidigt, verletzt mich nicht nur sehr, sondern ruft gerade mit Blick auf die (lern-) behinderten Schüler dieser Schule absolute Fassungslosigkeit hervor. Ihre Mitarbeiterin versuchte mir mittels eines Wortspiels zu erklären, dass es sich um eine Schule für Lernbehinderte, nicht für Körperbehinderte (wie mich) handele. Weil mir weder der Sinn des Wortspiels noch die Rolle meiner Körperbehinderung bei der Bewerbung um einen Praktikumsplatz deutlich wurden, fragte ich insgesamt zwei Mal nach. Eine vernünftige Antwort bekam ich jedoch nicht. Ihre Mitarbeiterin merkte stattdessen an, dass sie die Antwort (in Form des Wortspieles) auch für Nicht-Lernbehinderte (wie mich) gerne nochmal wiederhole. Ich bitte um Prüfung und schriftliche Antwort. Mit freundlichen Grüßen“

Ich fragte auch in dem Unfallkrankenhaus nach, in dem ich lange Monate behandelt worden bin. Schülerpraktikum? Na klar! Im psychologischen Dienst darf ich 14 Tage dabei sein. Das finde ich absolut super. Ich habe gleich einen Personalbogen bekommen, musste den ersten Teil ausfüllen, bekam einen Stempel drauf, musste damit ins Personalbüro und bekam gleich eine Bescheinigung, dass ich einen Praktikumsplatz habe. „Manche Schulen wollen vorab einen schriftlichen Nachweis haben, dass Sie tatsächlich einen Platz haben. Wenn Sie den nicht brauchen, schmeißen Sie ihn weg. Und sollten Sie sich noch anders umsehen und was besseres finden, wäre es nett, wenn Sie uns absagen, damit wir nicht auf Sie warten.“ Es geht eben auch anders.