Defektmenschen

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Meine erste Woche in der gastroenterologischen Abteilung ist bereits rum. Soviel wie an meiner Uni hat man mir hier zwar noch nicht zugetraut, dafür wird hier in einigen Bereichen sehr viel gründlicher gearbeitet. Insbesondere was Protokolle und Aufklärungsgespräche betrifft.

Gestern durfte ich den ganzen Tag im Aufwachraum verbringen und bei schlafenden Patienten Blutdruck und Puls messen, mit ihnen reden, wenn sie aufwachten. Die meisten dämmerten einige Zeit vor sich hin und fragten gefühlte zwanzig Mal dasselbe. Je nach verwendetem Narkosemittel ist das aber normal.

Ein älterer Mann war allerdings dazwischen, den werde ich so schnell nicht vergessen. Geburtsjahrgang 1927, war zur Kontrolle nach einer Darmkrebs-Operation, und erzählte mir im Dämmerzustand, wie man körperlich behinderte Menschen im Nationalsozialismus genannt hat. „Ballast-Existenzen“, „Defektmenschen“, „unnütze Esser“, „gemeinschaftsfremde Volksschädlinge“ waren nur vier Begriffe, die ich mir gemerkt habe. Er fragte zwischenzeitlich aber auch immer wieder nach seiner (bereits verstorbenen) Frau, von daher muss ich davon ausgehen, dass er gar nicht klar war, als er diesen Müll redete. Mich wunderte nur, dass er das offensichtlich mit meinem Rollstuhl in Verbindung gebracht hatte und diese Begrifflichkeiten nach so vielen Jahren noch wieder präsent hatte.

Insgesamt gefällt es mir sehr gut in der Klinik. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr nett, man respektiert und akzeptiert mich, das Arbeitsklima ist trotz eines hohen Stressfaktors sehr gut und vor allem sehr fair. Ich bin also glücklich.

Nochmal Gastroenterologie

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Ja, ich habe den Praktikumsplatz. Ich darf nun für vier Wochen in einer gastroenterologischen Abteilung eines großen Krankenhauses den nächsten Block meiner Famulatur ableisten und bekomme dafür neben Arbeitskleidung auch noch 400 € Aufwandsentschädigung. Das hört sich doch gleich sehr viel besser an. Wenngleich ich lieber etwas anderes gemacht hätte, aber ich will nicht meckern. Ich bin mehr als zufrieden.

Der Tag begann mit: „Hast du schonmal eine Kanüle gelegt?“ – „Ja.“ – „Kannst du das?“ – „Ja.“ – „Zeigen!“ – Die erste Patientin wurde gefragt, ob ich sie legen dürfte. „Das ist eine Famulantin, aber sie sagt, sie kann das bereits. Ich bleibe aber dabei.“ – „Dann mal los.“ – Zitter, zitter, zack, saß. Auf Anhieb. Der Doc, der mir dabei zusah, hob seinen Daumen.

Mein Job heute: Jeder, der ein Schmerzmittel oder eine Kurznarkose bekommt, braucht eine Kanüle. Ich frage ihn, ob ich eine legen darf und weise ihn darauf hin, dass ich nur Famulantin bin. Ich rufe bei Fragen oder einer Sauerei sofort den Arzt aus dem Nebenraum. Ergebnis: Zweiundzwanzig Kanülen in zweiundzwanzig Armvenen, alle saßen auf Anhieb richtig. Ohne Fragen, ohne Sauereien. Ich muss gestehen, dass niemand mit schwierigen Venen dazwischen war und alle sehr entspannt waren. Es handelte sich überwiegend um chronisch kranke Patienten, die sehr routiniert und teilweise fast lässig in die Untersuchung gingen.

Schön war allerdings, als ich ein Gespräch belauschte, das der Chefarzt im Nebenraum mit meinem „Vorturner“ führte. Die Tür war nicht ganz zu und so ließ es sich nicht vermeiden, dass ich die Unterhaltung in Fetzen mitbekam, während ich einen Schrank auffüllen sollte: „Wie macht sich das Mädel im Rollstuhl?“ – „Sie hat heute fleißig Armvenen punktiert.“ – „Oha. Und?“ – „Perfekt.“ – „Und ernsthaft?“ – „Nein, ernsthaft: Perfekt. Völlig routiniert.“ – „Schön. Dann finden Sie morgen mal heraus, ob sie Herz-Kreislauf, Sauerstoffsättigung und so weiter begriffen hat. Anschließend soll sie das Pulsoximeter überwachen und protokollieren. Und dann erklären Sie ihr übermorgen mal das Endoskop. Also trocken. Sie soll bei uns ja auch was lernen.“

Ich werde es langsam angehen, ihm aber erzählen, dass ich schon rund ein Dutzend Mal selbst das Ding führen durfte. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Langsam insofern, als dass es nicht schaden kann, noch einmal bei Null anzufangen. Die Basics kann man nicht oft und genau genug lernen. Jedenfalls geht es mir hier erheblich besser.

Zwei Stunden parken

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Ich bin aktuell noch immer auf der Suche nach einer neuen Stelle in einer Klinik, auf der ich vier Wochen meiner Famulatur ableisten kann. Das ist kurzfristig gar nicht so einfach, aber möglicherweise zeichnet sich für die nächste Woche etwas ab. Heute war ich zu einem kurzen spontanen Bewerbungsgespräch unterwegs. Das ist nicht unbedingt üblich, aber in dieser Klinik meinte man: „Kommen Sie heute zwischen 13 und 14 Uhr mal bitte vorbei und stellen sich 10 Minuten vor. Bringen Sie Ihren Lebenslauf mit!“

Wie gesagt, ob ich ab nächster Woche dort vier Wochen mitrollen darf, stellt sich noch heraus. Als ich zurück zu meinem Auto kam, das ich in der Nähe eines S-Bahn-Knotens geparkt hatte, traute ich meinen Augen kaum: Es gab dort zwei Behindertenparkplätze. Ich hatte auf dem rechten der beiden geparkt, und, weil ich auf der Fahrerseite aussteige, weit rechts am Rand gehalten. Links neben mir, auf dem anderen Behindertenparkplatz, stand ein VW-Bus mit Hebebühne unter der Schiebetür. Dieser parkte nicht nur auf dem linken Parkplatz, sondern dort auch noch ziemlich weit links, damit genügend Platz für die ausfahrende Bühne vorhanden ist.

Irgendein „Riesenarschloch“ (es singt sinkt für Sie: Das Niveau) hatte seinen vergammelten Twingo mittig zwischen die beiden Fahrzeuge gestellt. Und zwar so, dass er die Spiegel einklappen musste, um nicht den Lack der anderen Fahrzeuge zu zerschrammen. Immerhin hat er die Spiegel eingeklappt, bevor er sich, wie gesagt mittig, also auf der Trennlinie, zwischen die beiden Autos gestellt hat. Das „Riesenarschloch“ (ich zitiere bloß) war nicht zu sehen. Allzu groß durfte die Person nicht sein, denn sie kann nur durch die Kofferraumklappe ausgestiegen sein.

So eine Scheiße. Ein Ausweis lag beim Twingo natürlich nicht in der Scheibe, dafür hatte aber bereits jemand unmissverständlich klar gemacht, was er von dem Fahrer hält. Auf einer Wurstpappe von der fahrbaren Imbissbude gegenüber stand mit Kugelschreiber geschrieben: „Sie sind ein Riesenarschloch!!!“ – Die Pappe hatte ihm jemand hinter den Scheibenwischer geklemmt. Ein Rollstuhlfahrer war es nicht, es sei denn, der konnte über die Motorhaube des Twingos robben.

Das Problem war, dass ein Herausziehen des Twingos durch einen Abschlepper nicht möglich war, weil er dabei unter Garantie gegen mindestens eins der parkenden Fahrzeuge gestoßen wäre. Ein Anheben wäre aus den gleichen Gründen ebenfalls nicht möglich: Der von der Polizei herbeigerufene Abschlepper nahm den Auftrag nicht an, weil er nicht garantieren könne, dass das Auto nicht bei einer Windböe gegen eins der parkenden Autos schaukeln würde. Bliebe nur, mein Auto so schräg anzuheben, dass es gleich vom Twingo wegschwingt. Allerdings ohne jede Gewährleistung.

Nö. Die anwesende Polizeistreife meinte: „Außer einer Verwarnung über 35 Euro kann ich nichts für Sie tun. Sie können nur auf dem Zivilweg versuchen, Verdienstausfall geltend zu machen. Aber ich kenne keinen Fall, in dem das geklappt hat. Das ist sowas wie höhere Gewalt. Und wir müssen auch weiter, wir können uns nicht stundenlang mit einer Parkbehinderung aufhalten, auch wenn es mir leid tut.“

Schon gut. In dem Moment kam die Fahrerin angelaufen. Nachdem ich inzwischen bereits geschlagene zwei Stunden gewartet hatte. Sie wollte tatsächlich durch die Heckklappe einsteigen. Es sei doch alles halb so wild, sie habe nur zwanzig Minuten dort gestanden. Die Polizistin stieg wieder aus und meinte: „Den Einsatz haben wir aber schon vor über einer Stunde bekommen. Nun möchte ich Ihre Papiere sehen. Und Warndreieck, Verbandskasten und fünf Warnwesten. Und wo ist Ihr Innenspiegel? Ich werde eine Mängelmeldung fertigen.“ – Sehr schön. Von Hammelbeinen kann man bei einem (weiblichen) Schaf ja bekanntlich nicht sprechen, und an den Eiern hatten sie sie aus gleichen Gründen auch nicht. Aber ich glaube, jeder weiß, warum die Aktion dann am Ende doch noch etwas von einem kleinen inneren Bratkartoffelessen für mich hatte. Die Dame fauchte und schnaubte, es rauchte aus ihren Ohren und ich konnte mir nicht verkneifen, die Polizistin anschließend noch um die persönlichen Daten der Frau zu bitten, um meine zivilrechtlichen Ansprüche durchsetzen zu können. „Ich muss seit zwei Stunden dringend pinkeln und das Klo im Bahnhof ist wegen Sanierung zu, ich werde meinen Anwalt fragen, inwieweit hier Schmerzensgeld und Verdienstausfall in Betracht kommen.“

Die Frau guckte mich mit großen Augen an. Eine Entschuldigung brachte sie aber nicht über die Lippen. Lust habe ich auf anwaltliches Theater natürlich nicht, das wird ihr Glück sein. Aber vielleicht hat die Drohung ja was genützt und meine rollenden Kolleginnen und Kollegen haben künftig eine Nervensäge weniger, die ihnen die Plätze blockiert oder sie durch solch unüberlegtes Handeln stundenlang außer Gefecht setzt.

Mitten im Chaos

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Ich bin mal wieder mittendrin. Nicht nur in der Woche, sondern auch im Chaos. Meine Famulatur, also eine Art Praktikum im Rahmen des Studiums, läuft so gar nicht rund. Ich habe, ehrlich gesagt, ein wenig das Gefühl, dass ich hier gerade viel Zeit verschwendet habe. Am Dienstag sollte ich morgens an den Zimmertüren der Patienten klopfen und die Leute einzeln zum Stationszimmer begleiten, damit ihnen dort der Blutdruck und das Körpergewicht gemessen werden können. Ich kam mir reichlich doof dabei vor, Menschen zu eskortieren, die den Weg auch alleine finden würden. Nur das war meine Aufgabe, Blutdruck oder Gewicht messen durfte ich nicht.

Mittags sollte ich mir die Therapiemöglichkeiten der Klinik angucken. Ich wurde einmal durch die Räume geführt, während die Patienten beim Essen waren. Anschließend hätte ich mir eine halbe Stunde eine Therapieeinheit im Bewegungsbad anschauen können, die fiel aber aus, weil irgendetwas mit der Lüftung nicht in Ordnung war. Der Patient bekam stattdessen eine Massage. Ich durfte dabei zugucken.

Am Nachmittag sollte ich beim Autogenen Training in der Gruppe teilnehmen und anschließend an einer Beschäftigungsgruppe, in der Bingo gespielt wurde. Im Anschluss an die Bingo-Gruppe hatte ich eigentlich Feierabend, allerdings sprach mich ein junger Mann an, 21 Jahre alt und aus Schleswig-Holstein, ob ich ihm helfen könnte bei der Auswahl eines Hilfsmittels. Er habe eine Gehbehinderung und suche „für schlechte Tage“ einen Rollstuhl. Ich würde mich doch sicherlich auf dem Hilfsmittelmarkt sehr gut auskennen.

Normalerweise wäre ich eher sofort hilfsbereit und würde mir sogar nach Feierabend noch die Zeit nehmen, aber hier wollte ich erstmal für mich ordnen, wie ich auf diese ungewöhnliche Frage am besten reagieren würde. Ungewöhnlich deshalb, weil ich nicht erkennen konnte, dass der Patient tatsächlich einen Rollstuhl benötigen könnte. Ich weiß zwar, gerade vom Sport, dass es viele Menschen gibt, denen man eine Einschränkung nicht sofort ansieht, und dass es schubweise verlaufende Erkrankungen gibt. Aber dass ich heute so überhaupt keinen Anhalt für eine Gehbehinderung bei ihm sah und er demnächst nur im Rollstuhl noch vorwärts kommen würde, wollte ich nicht so ohne weitere Nachfragen annehmen. Und bevor ich mich nun in irgendein blödes Gespräch verstrickt hätte, bat ich ihn, mich am nächsten Tag noch einmal anzusprechen.

Dazu kam es nicht. Ich bekam gestern morgen aus dem Stationszimmer die Order, sofort bei dem stellvertretenden Klinikleiter, den ich bereits in der Begrüßungsrunde kennengelernt hatte, aufzuschlagen. Ich dachte zunächst, er wollte nun endlich mal zehn Minuten mit mir reden und vereinbaren, was genau ich tun und lernen könnte. Stattdessen bekam ich einen Einlauf, der sich gewaschen hatte. Es begann damit, dass ihm zu Ohren gekommen sei, ich würde unabgestimmt in die Therapie der Patienten eingreifen. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass besagter 21jähriger Mann seinem Stationsarzt erzählt hatte, dass wir [!] ineinander verliebt [!] seien und ich ihm Rollstuhlfahren beibringen wollte. Es sei ein absoluter Hammer, schließlich hätte ich mich erstmal vergewissern müssen, welche Krankheit der Mann hätte, denn einen Rollstuhl bräuchte der Mann nicht. Angesichts meiner Beziehung zu einem Patienten fühle er sich von meiner „an Unprofessionalität kaum noch zu überbietenden Arbeitsweise derart molestiert“, dass er mir im Laufe des Tages meine Papiere auszuhändigen und ein paar Telefonate führen würde, um mich anderswo unterzubringen.

Ich fühlte mich, als wenn mir jemand den Boden unter den Rädern wegzog. Okay, es ist nur ein Praktikum, aber wieso werde ich nicht gefragt, bevor man urteilt und Entscheidungen fällt? Ich nahm ob des dominanten Auftretens meines Gegenübers allen Mut zusammen und sagte: „Mit Verlaub, ich hätte mir gewünscht, Sie hätten sich beide Seiten angehört, bevor Sie mich hier rausschmeißen. Ich habe keine Beziehung mit dem Patienten. Nur weil ein Patient irgendeinen Unsinn in die Welt setzt, werde ich hier diszipliniert? Das ist nicht fair.“

Er guckte mich an und antwortete: „Gehört das auch zu Ihrer Unprofessionalität oder sind Sie einfach nur naiv? Sie werden nicht diszipliniert, ich besorge Ihnen eine gerade andere Stelle. Es ist gleichgültig, ob Sie mit dem Patienten was haben oder nicht. Er hat was mit Ihnen. Er hat ein warmes Lächeln Ihrerseits falsch gedeutet und malt sich aus, dass Sie ihn lieben. Ob das stimmt oder nicht, spielt gar keine Rolle mehr. Ich kann seine Maßnahme deshalb nicht abbrechen, das würde kein Kostenträger zulassen. Und bevor ich mir hier vier Wochen lang einen Krisenherd ins Haus hole, besorge ich Ihnen eine andere Klinik, in der Sie Ihre Famulatur ab morgen weitermachen. Es sei denn, Sie wollen das nicht, dann sagen Sie das bitte gleich.“

Ich überlegte einen Moment. Darüber, was mein Gegenüber am Telefon seinem Kollegen erzählen würde. Wollte ich mich in einer Klinik vorstellen wollen, in der mir irgendein falscher Ruf vorauseilt? Würde ich, wenn ich mich einverstanden erkläre, gleichzeitig auch zugeben, dass da doch was läuft? Würde ich, wenn ich mich hingegen nicht einverstanden erkläre, ihm die Chance geben, später zu behaupten, er habe in fürsorglicher Absicht eine andere Stelle für mich suchen wollen, die ich aber zickigerweise nicht haben wollte? Würde das überhaupt noch jemanden interessieren? Selbst wenn ich mich beschweren würde … es hatte alles keinen Sinn. Entweder sind hier einige Leute beknackt oder sie wollen mich aus irgendeinem Grund loswerden. Egal, wie ich handeln würde, ich kann nicht gewinnen. Also guckte ich ihm in die Augen und sagte nur: „Sie sollten sich schämen.“

Er erwiderte nichts. Ich rollte auf dem direkten Weg nach draußen, setzte mich ins Auto und überlegte einen Moment. So aufgewühlt wollte ich jetzt nicht fahren. Ich war total zittrig. Ich hatte keine Lust, jetzt noch einen Unfall zu bauen, weil ich in dieser emotionalen Anspannung am Straßenverkehr teilnehme. Ich rief einen Freund an, der sich eine gute Stunde Zeit für mich nahm und mich einigermaßen runterfahren konnte. Anschließend fuhr ich zu Maries Mutter in die Praxis. Als ich meinen Rollstuhl aus dem Auto lud, fing ich wieder zu weinen an. Ich weiß nicht, warum mich das so aus der Bahn warf, aber ich fühlte mich so erniedrigt. Klar, dass ich das wegen meiner persönlichen Betroffenheit alles sehr emotional sehe. Aber dazu stehe ich auch. Ich hatte mich sehr auf diesen Monat gefreut und …

Maries Mutter saß hinter dem Anmeldetresen und klimperte wild auf dem Computer herum, als ich reinkam. Eine Patientin stand dort, bekam etwas ausgedruckt und verschwand, zwei ältere Menschen warteten schon in ihrem Sprechzimmer als nächste Patienten bei offener Tür. Einen Moment später nahm sie mich wahr, stand auf und bat mich ins Labor, schloss die Tür hinter sich. „Was ist passiert?“, fragte sie mich. Ich antwortete: „Ich bin fristlos gefeuert worden.“ – „Ach du Kacke. Und warum?“ – „Weil sich ein Patient in mich verliebt hat.“ – „Und dann?“ – „Nichts und dann. Der Typ hat erzählt, wir hätten was miteinander, der Chef findet das unprofessionell, und da er den Zirkus nicht haben möchte, hat er mich einfach rausgeschmissen.“ – „Wir reden gleich weiter, okay? Ich kümmere mich nur noch eben um die letzten Patienten.“

Als die letzten Patienten und die letzte Mitarbeiterin draußen waren, fragte mich Maries Mutter, ob ich schon was gegessen hätte. Ich guckte sie fragend an. „Du weißt schon. Nahrung.“ – Ich schüttelte den Kopf. „Ich mach dir einen Pfannkuchen, okay? Und dann erzählst du mir erstmal, was da los war. Lass dich mal drücken. Was ich nicht verstehe, hattest du denn was mit dem Patienten?“ – „Nein, das ist es ja! Er hat mich gestern gefragt, ob ich ihm eine Hilfsmittelberatung geben kann, er bräuchte auch einen Rollstuhl. Und ich habe ihn gebeten, mich heute nochmal anzusprechen, weil ich das nicht einordnen konnte, was er wollte, der sitzt nämlich eigentlich gar nicht im Rollstuhl. Zumindest nicht auf den ersten Blick.“ – „Na super. Und was sagt er heute dazu?“ – „Ich habe ihn heute nicht gesehen, ich sollte direkt zum Chef, und der meinte dann, der Typ habe erzählt, wir hätten eine Beziehung, entweder sei das hochgradig unprofessionell von mir oder die Situation sei der Beginn eines vierwöchigen Krisenherdes, auf den er keinen Bock hätte. Also hat er den Weg des geringsten Widerstandes gewählt und mich gefeuert. Er fühlt sich von mir molestiert.“ – „Molestiert?“ – „Ja, keine Ahnung, was das bedeutet, aber ich vermute sowas wie ‚belästigt‘.“ – „Das ist Schnöselsprache und bedeutet ‚belästigen‘, ‚bedrängen‘, ‚auf den Wecker gehen‘. Ich hätte große Lust auf eine offizielle Beschwerde bei der Kammer. Aber vermutlich wird er sich rauswinden und du stehst am Ende schlechter dar als wenn du ihm einfach in Gedanken den Stinkefinger zeigst.“

Vermutlich hat sie, wie so oft, recht. Auch wenn das einen faden Geschmack hinterlässt. Abends bekam ich dann noch eine Nachricht des Freundes, der mich mittags schon eine Stunde getröstet hatte. Er schickte mir ein Bild, das er beim Einkaufen an einer Hauswand gesehen hat. Er sagte, er habe spontan nochmal an mich denken müssen. Guckst du: