Psychobunker

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Der erste Tag meiner Psycho-Famulatur ist rum. „Psycho“ deshalb, weil ich gelernt habe, dass die Patientinnen und Patienten ihre Klinik „Der Psychobunker“ nennen, in dem sie, behütet vor äußeren Einflüssen, selbständig an ihren Äußerlichkeiten experimentieren, und so mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein gewinnen. „Ich habe mich entschieden, einmal bis zu 85% auszurasten, um dem Franz, dem Peter und dem Günther zu zeigen, dass auch in mir Gefühle sind. Die letzten 15% habe ich mir für die letzten drei Wochen meiner Reha aufgespart. Jede Woche fünf Prozent mehr. Es war ein gutes Gefühl, eine Ecke meines Panzers hat …“ – „Sich gelöst?“ – „Nein, Ute, ich bin noch nicht so weit wie du. Mein Panzer bebt erst mal.“ – „Das ist doch völlig okay. Weine ruhig, Tränen sind wunderbar, sie können auch einen Panzer auflösen.“ – „Mein Panzer ist wasserfest!“ – „Nein, so etwas gibt es nicht. Selbst Blech kann rosten. Wasserfest ist nur die Farbe, mit der du angestrichen wurdest. Du be-zett-weh dein Panzer.“ – „Danke für deine aufrichtigen Worte.“ – „Immer gerne, ich bin in Psychofragen schon eine kleine Expertin. Ich wollte selbst mal Psychotherapie studieren.“ – „Echt? Ich könnte das nicht. Ich habe schon mit mir genug zu tun.“ – „Was meinst du, warum ich es mir anders überlegt habe?“

Ja. Nein. Wahnsinn. Ich will das keineswegs ins Lächerliche ziehen. Sondern ich zitiere aus einem Dialog, den ich beim Warten auf dem Flur vor der Einführungsveranstaltung für neu hinzugekommene Rehabilitanden, an der ich auch teilnehmen sollte, um ein wenig mehr über das Haus zu erfahren, mitbekommen habe. Ich habe ihn etwas verdichtet, den Dialog, aber es sind exakt diese Worte, die mich für einen Moment lang nachdenken ließen. Darüber, dass es gut sein wird, seine Antennen in viele verschiedene Richtungen auszurichten, wenn man einen Menschen verstehen will. Und einen Menschen zu verstehen, auch wenn man ihn nicht kennt und vielleicht nicht mal mag, ist wichtig, um auch zu verstehen, warum er sich krank fühlt.

Länger konnte ich nicht nachdenken, denn dann wurde ich angesprochen. „Dein erster Tag hier?“, fragte mich eine junge Frau, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich. Bevor ich etwas erwidern konnte, gab sie mir ihre Hand: „Ich bin … und komme aus …, das ist ein kleines Kaff an der Nordsee, etwa sechzig Kilometer von … entfernt. Und du?“ – „Ich bin Jule und komme aus Hamburg, ich bin Famulantin und arbeite hier ab heute für vier Wochen.“ – „Oh, sorry. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“ – „Alles ist gut. Wie lange sind Sie denn schon hier?“ – „Seit letzten Donnerstag.“ – „Und dann heute nochmal zur Einführung?“ – „Einführung ist nur einmal pro Woche und letzten Montag war ich ja noch nicht hier.“ – „Ich hoffe, das wird nicht allzu langweilig.“ – „Sie sind ja cool. Was für eine Therapeutin wollen Sie denn später mal werden?“ – „Ich … Ärztin möchte ich werden. Ich studiere Medizin.“ – „Echt? Nicht wirklich, oder? Ich bin mir im Moment gerade nicht sicher, ob ich veräppelt werde. Ich will ja niemandem zu nahe treten, aber bei mir drei Zimmer weiter wohnt auch ein Typ, der auch gerne etwas hochstapelt. Der studiert angeblich Jura und hat zuerst auch erzählt, er wäre hier im Rahmen eines juristischen Praktikums, inzwischen habe ich aber gesehen, dass er sich ritzt und in der Gruppe musste er zugeben, dass er nicht mal Abitur, dafür aber umso größere Minderwertigkeitskomplexe hat. Hat zumindest meine Tischnachbarin beim Essen erzählt.“ – „Krass“, sagte ich, denn soweit ich weiß, dürfen Interna aus diesen Gruppen eigentlich nicht herumposaunt werden. – „Bist du wirklich Famu-Dings?“ – Ich nickte. Sie guckte mich mit ernstem Blick an, musterte mich fast mit zusammengekniffenen Augen, sagte dann, ich sei ihr suspekt, und drehte sich um.

Zum Glück kam einen Moment später ein Mann, schloss die Tür auf und bat uns in einen Besprechungsraum, in dem ein paar Stühle im Kreis aufgestellt waren. Drei Frauen räumten plötzlich einen Stuhl zur Seite und sagten zu mir: „Stell dich doch hier hin.“ – Ich stellte mich einfach dazwischen. Dann kam als erstes eine Vorstellungsrunde. Zuerst stellte sich der Moderator als stellvertretender Klinikdirektor vor, dann sollte jeder seinen Namen sagen und auf welcher Station er sei. Wenn man wollte, auch das Alter. Aber mehr bitte nicht, sonst würde es zu lange dauern. Als ich dran kam, sagte ich: „Ich bin Jule und 22 Jahre alt.“ – „Und welche Station?“ – „Ich bin Famulantin.“ – „Achja“, sagte der moderierende Co-Direktor, stand auf, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand. „Wir reden die nächsten Tage nochmal ausführlich. Sie sind diese Woche bei Dr. … auf der Station?“ – Ich nickte, im gleichen Moment brach die junge Frau, die mich vor der Tür angesprochen hatte, in Tränen aus, stand auf und verließ den Raum. Sollte ich da jetzt hinterher? Nein. Bloß nicht.

Vor der Tür, am Ende des Ganges, wartete sie nach der Veranstaltung. Heulend. Als ich vorbei rollte, guckte sie mich an. „Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen. Ich war so ungerecht zu Ihnen.“ – „Das waren Sie nicht. Sie waren nur sehr direkt und ehrlich und hatten Zweifel. Die sind okay, man muss nicht immer alles sofort glauben. Man kann sich die Zeit nehmen, um sich erst ein gründlicheres Bild zu machen.“ – „Ich bin immer so unkontrolliert, aber das macht mir auch im Alltag ständig Probleme.“ – „Ich bin Ihnen nicht böse. Okay?“ – „Danke.“

Ich hatte inzwischen erfahren, dass ich mich lieber mit Nachnamen vorstellen sollte und alle Patientinnen und Patienten konsequent gesiezt werden. Außerdem bräuchte ich ein Namensschild, das sei meine einzige Aufgabe, bevor ich etwas anderes mache. Dienstkleidung gäbe es für Famulanten nicht, aber ich dürfte mir ein Stethoskop um den Hals hängen, wenn ich mich abgrenzen müsste… Und die Klinik sei eigenständig finanziert und nicht in Trägerschaft der Rentenversicherung, wie mir auch noch erklärt wurde. Deshalb sei hier vieles anders als ich es vielleicht von Kommilitonen erzählt bekommen hätte. Ich verkniff mir alle Kommentare und Antworten. „Aber anerkannt werden Ihre vier Wochen Famulatur trotzdem“, erfuhr ich. Zum Glück.

Laubfrosch und Bettgeschichte

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Da ich im Moment nicht den Stationsalltag miterlebe, kann ich mit Marie nicht mithalten, die mir jede Woche neue Kuriositäten erzählt. Meine wenigen Patienten, mit denen ich zu tun habe, schlafen die meiste Zeit. Mehrmals wurde ich gefragt, ob es bei uns üblich ist, dass Darmspiegelungen unter Vollnarkose gemacht werden. Die Antwort lautet: Nein. Üblich ist es keineswegs, sehr viele Patienten wünschen aber eine Sedierung, oft sogar auch eine Kurznarkose. Ich kenne keine repräsentativen Zahlen, aber vom reinen Bauchgefühl her würde ich sagen: Zwei Drittel unserer Patienten wollen dabei lieber schlafen. Männlich wie weiblich.

Aber ein paar außergwöhnliche Begegnungen hatte ich in den letzten Wochen durchaus. Viele Menschen sind, gerade vor Eingriffen oder aufwändigeren Untersuchungen, sehr angespannt, und jeder verhält sich dann anders. Einige werden sehr redselig, kumpelhaft, enthemmt. So war es auch bei einer etwa fünfzigjährigen Frau, die mit mir überhaupt nichts zu tun hatte. Sie sah mich in grüner Hose und grünem Hemd über den Flur rollen und rief mir hinterher: „Haha! Ein Laubfrosch im Rollstuhl! Das sieht man wohl auch nicht alle Tage!“ – Der dazugehörige Mann legte, während er neben ihr saß, sein Gesicht in seine Hände. Ihm war der Kommentar sichtbar unangenehm. Ich guckte die Frau nicht an, sondern rollte weiter meinen Weg und machte dabei einmal „quaaak“. Irgendwie juckte mir gerade das Fell.

Während die nächste Elektrotür hinter mir zufiel, hörte ich die Frau sagen: „Siehste, die hatte wenigstens Humor.“ – Auf dem Rückweg saß nur noch der Mann dort. Er sprach mich an: „Ich möchte mich für meine Frau entschuldigen. Sie ist immer so aufgeregt, wenn sie zur Spiegelung muss. Dann sagt sie manchmal Sachen, die sie sonst nie sagen würde.“ – Ich antwortete: „Naja, mit dem Frosch hatte sie ja nicht ganz Unrecht. So sehr, wie wir hier manchmal herumspringen müssen, und dann auch noch in grün, kann der Eindruck schonmal entstehen.“

Außergewöhnlich war auch ein asiatischer Patient auf Familienbesuch in Europa, der über Leibschmerzen klagte. Er sollte Blut abgenommen bekommen und in einen Becher pinkeln. Das mit dem Blut abnehmen klappte wunderbar, das mit dem Becher hat er aber nicht verstanden. Seine (deutschsprachige) Frau hat ihm das noch einmal übersetzt, aber er kam zurück mit einem gut gefüllten Becher. Nein, keine Spermaprobe (wie bei Pastewka), sondern was anderes. Mehr als randvoll. Ich wundere mich noch heute, ob es diese Art Untersuchung in Asien nicht gibt. Oder er uns darauf hinweisen wollte, dass sein Stuhl hellgelb ist.

Lustig war auch ein Patient, um die zwanzig Jahre alt, mit Trisomie 21. Er kam mit einem Betreuer. Ich war eigentlich nur Zuhörerin, aber der junge Mann kam sofort auf mich zugelaufen und gab mir die Hand. „Hallo schöne Frau“, begrüßte er mich. Ich antwortete: „Na, junger Mann, verteilen Sie heute Komplimente?“ – Der Dialog ging ähnlich putzig weiter: „Nicht nur heute, an schöne Frauen immer! Arbeitest du hier?“ – „Ja. Und Sie? Was führt Sie hierher?“ – „Mein Betreuer. Du kannst aber ruhig ‚du‘ zu mir sagen, ich bin Lutz.“ – „Hallo Lutz.“ – Er nahm erneut meine Hand und deutete einen Handkuss an. Dann fragte er: „Warum sitzt du im Rollstuhl? Kannst du nicht laufen?“ – „Nein, ich kann nicht laufen.“ – „Hast du einen Unfall gehabt?“ – „Ja, ich bin vom Auto angefahren worden.“ – „Hat das weh getan?“ – „Ich habe nicht viel gemerkt davon, weil ich schnell ohnmächtig geworden bin.“ – „Das hast du gut gemacht.“

Ich guckte die Ärztin an, bei der ich eigentlich zugucken sollte. Sie grinste von einem Ohr zum anderen und nickte mir zu: Mach mal weiter. Ich fragte: „Und du? Bist du krank? Oder warum bist du hierher gekommen?“ – „Wenn ich Aa mache, tut es manchmal weh. Das ist ganz hart und manchmal blutet das.“ – „Woher weißt du, dass es blutet?“ – „Ich hab mir die Wurst genau angeguckt und die war oben rot.“ – „Und hattest du auch Blut am Klopapier?“ – „Woher weißt du das? Weil du Arzt bist? Ärzte wissen immer alles. Das ist gemein, weil man da keine Geheimnisse haben kann.“ – „Doch, du darfst auch Geheimnisse haben.“ – „Mein Arzt weiß auch immer alles. Aber er hat gesagt, ich darf mit […] im Bett schmusen.“ – „Wenn er das sagt, dann wird es wohl stimmen. Ist […] deine Freundin?“ – „Nein, sie ist nur eine Bettgeschichte, aber das darf keiner wissen.“ – „Findest du das nett?“ – „Ich warte noch auf eine hübsche Frau. Aber bis die kommt will ich auch Spaß haben. Hast du schon einen Freund?“

Ich antwortete ohne zu überlegen: „Ja.“ – Und war froh, so verhindern zu können, dass er mir gleich nach drei Minuten einen Heiratsantrag macht. Allerdings hatte ich damit eine andere Steilvorlage geliefert: „Habt ihr auch Spaß im Bett?“, wollte er wissen. Ich antwortete: „Na klar!“ – „Findet eine Frau das auch schön, wenn ein Mann Liebe mit ihr macht?“ – „Das empfindet jede Frau anders.“ – „Machst du oft Liebe mit deinem Freund?“ – „Im Moment sehe ich ihn nur am Wochenende. Aber dann machen wir Liebe miteinander.“ – „Dann ist dein Freund ein richtiger Glückspilz.“ – „Danke.“

Was ich so drollig fand, war einerseits sein Bedürfnis, Gemeimnisse haben zu wollen, andererseits gleich intimste Details auszuplaudern. Was ich ein wenig fragwürdig fand, war sein Egoismus: Bettgeschichten haben ja ganz viele Leute, die fand ich früher auch „schlimmer“ als heute. Aber dass er mit ihr Liebe macht und nicht beide zusammen, darüber würde ich zumindest nochmal genauer reden. Wenn ich sein Betreuer wäre.

Vater und Sohn

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Ich mag keine pathetischen Beiträge. Noch weniger, wenn es dabei um den Tod geht. Aber manchmal schreibt das Leben Geschichten, die einfach nicht sachlich erzählt werden können. Schon gar nicht, wenn sie mich seit Tagen beschäftigen.

Ein noch gar nicht so alter Mann, in den mittleren Vierzigern, geschieden, zwei erwachsene Kinder, kommt mit Handy am Ohr in Anzug, Krawatte und mit polierten Schuhen in die Notaufnahme, weil ihn unerträgliche Leibschmerzen plagen. Das war vor rund zwei Wochen, ich war nicht dabei, bekam es nur erzählt. Quasi noch während des Ultraschalls versuchte er, am Handy Meetings zu verlegen. Verantwortung habe er, für viele Menschen. Auf einen Harnleiterstein wurde zunächst getippt, doch ziemlich schnell stellte sich heraus, dass es der Darm war, der ihm Probleme machte.

Man vermutete ziemlich rasch Darmkrebs als Ursache des Übels und wollte ihn für den übernächsten Morgen zu einer Operation einbestellen. Er versuchte, den Termin noch um eine Woche zu verschieben, fügte sich unter dem Eindruck seines angeschlagenen Gesundheitszustandes aber doch. Ich war am nächsten Tag bei der Aufnahmeuntersuchung und dem OP-Vorgespräch dabei, lernte ihn da erstmals kennen. Während zunächst der Internist, dann der Chirurg das Gespräch mit ihm führte, saß ich im Hintergrund. Er flirtete mit mir, beschäftigte sich mehr mit mir als mit seinem Gesprächspartner. Ihn schien sein Gesundheitszustand überhaupt nicht zu interessieren. Das ganze Spektakel wirkte auf mich eher befremdlich. Am Ende sprach er mich noch auf dem Flur an, ob ich bald fertig werden würde mit meinem Studium, wieviel Zeit ich noch aufzubringen hätte und ob ich nicht nur aus technischen Gründen eine andere Perspektive auf die Patienten hätte. Er könne sich vorstellen, dass ein Mensch mit Behinderung die Welt ganz anders sehe als ein gesunder Mensch.

Bei der Operation stellte sich heraus, dass da nichts mehr zu retten ist. Bauch auf, einmal reingeguckt, Bauch sofort wieder zu. Ich war nicht selbst dabei. Sachliche Einzelheiten erspare ich mir. „Keine vier Wochen mehr“, lautete die Prognose des Kollegen. Ich hatte mit dem Mann danach nicht mehr zu tun, er wurde auf eigenen Wunsch entlassen.

Am letzten Dienstag wurde er erneut aufgenommen, dieses Mal mit Kreislaufproblemen. Das bekam ich nicht mit, allerdings sprach mich plötzlich meine Professorin an, dieser Patient hätte nach mir verlangt. „Er würde sich gerne von Ihnen verabschieden“, sagte sie. Und fragte: „Kennen Sie ihn näher?“ – Ich schüttelte den Kopf. Sie antwortete: „Dann würde ich Ihnen davon abraten. Das klingt nach einer emotionalen Kiste und einem Fall für die Seelsorgerin.“ – „Wenn es aber sein Wunsch ist?“, fragte ich. Sie überließ die Entscheidung mir.

Ich klopfte an die Tür seines Einzelzimmers. Er bat mich herein. Er war nicht wiederzuerkennen. Eingefallen, blass, krank. Totkrank. War an Geräte angeschlossen, hatte einen Sauerstoffschlauch unter der Nase und war so klapprig, dass er nicht mal seine Tasse halten konnte. „Sie wollten mich sprechen?“, fragte ich. Er bat mich, neben seinem Bett Platz zu nehmen. Ob ich einen Moment Zeit für ihn hätte, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern. Er begann, mir lauter krauses Zeug zu erzählen. Von korrupten Managern und Regierungsbeamten, die alle schwul seien. Er wollte wissen, ob ich eine Lesbe sei. Ich verneinte das. „Aber die Professorin ist eine Lesbe. Oder?“ – „Ich habe keine Ahnung, das habe ich sie noch nie gefragt“, sagte ich und musste ob der Vorstellung, so etwas zu fragen, lachen. Was hatte er für ein Problem mit Lesben?

„Mein Sohn ist auch schwul“, ergänzte er. „Wir haben seit Jahren nichts mehr miteinander zu tun. Weil ich zu feige war, ihm zu sagen, dass ich ihn auch mit seiner Homosexualität liebe. Dass er mir fehlt. Aber nein, ich habe ihn vom Hof gejagt und seinen Freund dazu.“ – „Sagen sie ihm das und räumen Sie das aus“, empfahl ich ihm. Er fand, es sei zu spät dazu. Ich antwortete: „Für sowas ist es nie zu spät.“ – „Ich habe nicht mal seine Telefonnummer. Aber vielleicht können Sie ihm ja etwas aufschreiben und ihm geben, wenn Sie ihn benachrichtigen.“

Er war sich also über seinen Zustand mehr als klar. „Ich hole Zettel und Stift“, sagte ich und verschwand. Im Dienstzimmer fütterte ich eine Suchmaschine und bekam relativ schnell die Kontaktdaten des Sohnes auf den Schirm. Was ich hier machen würde, war unter Garantie in höchstem Maße gegen jede Dienstvorschrift. Ich griff zum Telefon und rief ein Unternehmen in einer rund 100 Kilometer entfernten Stadt an. Zuerst wollte man mich nicht durchstellen, als ich sagte, dass es um eine dringende familiäre Angelegenheit ging, erreichte ich dann doch mein Ziel. Ich vergewisserte mich, dass der Mann, mit dem ich sprach, sein Sohn war. Zuerst drohte das Gespräch zu kippen, denn auch der Sohn wollte nichts von seinem Vater wissen, aber als ich dann sagte, dass er im Sterben liegt und es die letzte Chance sei, miteinander zu reden, wurde er weich. Ich bat ihn: „Er ist Ihr Vater. Mitunter sind inzwischen Sie der Stärkere. Gehen Sie einen Schritt auf ihn zu und geben Sie ihm eine letzte Chance.“

Ich rollte zurück in sein Zimmer. Er hatte sich inzwischen übergeben. Ein widerlicher Gestank machte sich in dem Zimmer breit. Zwei Pfleger halfen mir dabei, ihn wieder bettfein zu machen, dann schlug ich den Block auf, den ich mitgebracht habe. Er wollte seine Familie wissen lassen, dass es nicht einfach sei, zu sterben. Jetzt, im Sommer, wenn draußen die Blumen blühen und die Menschen fröhlich sind, wenn das Sonnenlicht in den langen Haaren hübscher Frauen glänzt und junge Menschen am Flussufer grillen und feiern. Genau so kitschig sagte er es. Er wollte, dass seine Tochter wisse, dass sie ihm mit ihren unregelmäßigen Anrufen stets Freude gemacht hätte. Die Freude, ihre Stimme zu hören und die Vorfreude, bald wieder mit ihr zu telefonieren.

Sie wohne in Schweden und ist dort glücklich verheiratet und hätte zwei Kinder, die ihren Opa aber noch nie gesehen hätten. Er wollte, dass ich einen Brief an einen alten Freund schreibe, den er auch bereits seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hätte. Als sie sechs Jahre alt waren, hätten sie sich kennen gelernt und sich gemeinsam die Knie aufgeschlagen, als sie mit dem Fahrrad zusammengeprallt seien. Zum ersten Mal betrunken sei er mit ihm zusammen gewesen. Wilde Geschichten bekam ich erzählt, zum Beispiel dass er mit ihm seine erste Zigarette geraucht hätte. Und ausprobiert hätte, ob der Rauch aus den Ohren steigt, wenn er Mund und Nase schließt.

Er wollte, dass auch seine Frau einen Brief bekommt. Er war sehr kurz: „Ich wollte mit dir die Sterne erreichen. Das hat nicht geklappt. Ich wünsche Dir alles Gute.“ – Er weinte. Dann sagte er: „Können Sie nicht doch irgendwie versuchen, meinen Sohn zu erreichen? Er hat zuletzt bei […] gearbeitet. Im Zeitalter von Social Network ist das doch bestimmt nicht schwierig.“ – „Ihr Sohn ist bereits auf dem Weg zu Ihnen“, sagte ich. Er war überhaupt nicht erstaunt, sondern fragte: „Was soll ich ihm sagen, wenn er hier ist? Ich habe Angst vor dieser Begegnung. Zum ersten Mal in meinem Leben.“ – „Naja, sagen Sie ihm einfach das, was Sie mir vorhin gesagt haben. Bitten Sie ihn um Entschuldigung. Ich bin mir sicher, er wird Ihnen verzeihen können. Wenn auch vielleicht nicht sofort.“ – „Es klingt zwar doof, aber könnten Sie vielleicht dabei bleiben?“ – Unglaublich. Ich sagte: „Einen Moment lang bleibe ich gerne dabei, aber danach sollten Sie das doch alleine hinbekommen. Innerhalb der Familie, sozusagen.“

Er erzählte mir weiter krauses Zeug. Ich holte Briefumschläge, faltete die Notizzettel und verpackte sie. Nach etwa zehn Minuten klopfte es. Der Sohn kam rein, nur leider brachte die Begegnung nicht den gewünschten Erfolg. „Was wird das hier? Warum wird er nicht operiert? Stirbt er jetzt?“, polterte er herum. Der Vater versuchte zwei, drei Mal, auf ihn einzureden. Bat ihn, ihm zuzuhören. Es hatte keinen Sinn. Der Sohn schien überhaupt keine Antenne für die Situation zu haben, schimpfte über alles mögliche, über Äußerlichkeiten, dass das Zimmer zu klein sei, ob er nicht mal einen vernünftigen Pyjama bekommen könnte und warum ich an seinem Bett säße und kein ausgebildeter Arzt. Es dauerte keine fünf Minuten, dann verschwand der Sohn wieder. Angeblich Termindruck. Der Vater bat mich, ihn alleine zu lassen. Er bedankte sich bei mir, drückte mir die Hand. Ich versprach ihm, die Adressen zu recherchieren und die Briefe in die Post zu geben. Rollte nach draußen und fühlte mich scheiße.

Der Stationsarzt meinte später zu mir: „Du hast alles versucht, mehr kannst du nicht tun. Es war gut von dir, aber solche Hingabe hat nur sehr selten einen Sinn.“ – In der darauffolgenden Nacht ist der Mann verstorben.

Solide Basis

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Ich werde immer besser. Ich habe heute meine fünfte Darmspiegelung hinter mir. Nach wie vor sitzt mir die Professorin fast auf dem Schoß und nach wie vor gibt es einige Patienten, die im Vorfeld ablehnen, dass ich das Untersuchungsgerät bedienen darf und von ihrer Ärztin gespiegelt werden wollen. Aber es gibt eben auch viele, für die es in Ordnung ist. Und ja, es sitzt wirklich jemand daneben und passt jede Sekunde auf. Und nein, ich bin nicht leichtsinnig, sondern eher viel zu vorsichtig.

Nur um das ins Verhältnis zu setzen: Will ein fertiger Arzt sich nach seinem Medizinstudium zum Facharzt für Gastroenterologie (Magen-Darm) fortbilden, muss er in der sechsjährigen Ausbildungszeit im Anschluss an das Studium alleine mindestens 300 solcher Untersuchungen nachweisen können. Also nur Spiegelungen des Dickdarms. Darüber hinaus sind noch rund 1.000 weitere Untersuchungen nachzuweisen, beispielsweise Magenspiegelungen. Die ich noch nie gemacht habe. Also bedeutet „fünf“ hier gar nichts.

Aber es fällt mir wesentlich leichter als beim ersten Mal. Einmal habe ich bereits zusammen mit der Professorin einen Schleimhautpolypen mittels einer Drahtzange entfernen dürfen. Ja, die theoretischen Grundlagen sind natürlich bekannt, aber praktisch sieht das alles noch einmal ganz anders aus. Aber es ist spannend. Und faszinierend.

Es gab rückblickend auf die letzten Jahre auf jeden Fall die eine oder andere Stunde, in der ich überlegt habe, ob Medizin für mich das Richtige ist. Es gibt Momente, in denen blickt man einfach nicht mehr durch. Durch den ganzen Formelsalat, durch die ganzen Parameter, Werte und Begriffe. Die Ansprüche, die das Studium stellt, sind enorm. Ohne intensives Lernen und ohne ständige kritische Selbstbeurteilung und Disziplin schafft man es nicht. Würde ich mal behaupten. Aber so langsam habe ich das Gefühl, eine solide Basis zu haben, auf die ich mich stützen kann. In dem Sinne, dass ich nicht nur im Nebel stocher, sondern auch mal richtig liege. Lange hat es gedauert. Lange habe ich allenfalls richtig geraten.

Wie gesagt, bei dieser Untersuchung bin ich keinesfalls sicher. Aber meine Hände zittern nicht mehr. Und der Schweiß läuft auch nicht mehr in Bächen durch den BH. Und das ist ganz viel wert. Um mir ein wenig mehr zuzutrauen. Ich hätte jedenfalls vor ein paar Jahren nie und nimmer für möglich gehalten, dass ich eines Tages mal selbst ein Endoskop durch einen Darm führe und dabei weiß, wo ich bin und was ich tue. Für den routinierten Doc ist das Pipifax, ich weiß. Aber für mich ist das nach dem schier endlosen Gebüffel (insbesondere während der ersten vier vorklinischen Semester) endlich mal wie ein kleines Früchtchen in einem großen Baum. Und es schmeckt durchaus gut.