Eine Woche Stress

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Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der ich mittags aus der Schule kam (ja, ich gehöre noch zu der Generation, die die Zeit vor den Ganztagsschulen zu einem großen Teil miterlebt hat), meine Hausaufgaben in den langweiligen Unterricht der ersten beiden Stunden des Folgetages verschoben habe und stundenlang Zeit für mich selbst hatte. Und für meine Pferde.

Ich habe mich vor ein paar Tagen mit Jana unterhalten, vor allem über das Theater hier auf meiner Seite. Ich will den Inhalt des Gesprächs hier nicht weiter vertiefen, aber eins ist mir besonders aufgefallen. Ich habe mich, was meine Zeit vor dem Unfall betrifft, immer für ein eher liebes (im Sinne von artig) Mädchen gehalten. Das kann man absolut oder relativ sehen, ich sah es immer in Relation zu meinen Mitschülerinnen oder damaligen Freundinnen. Was für Scheiße die teilweise gebaut haben, und was für Scheiße ich nicht gebaut habe, insoweit hatten meine Eltern wirklich Glück mit mir gehabt. Aber ich war natürlich auch kein Engel: Hausaufgaben morgens abschreiben, weil man lieber reitet als Matheaufgaben rechnet, ist natürlich … nicht okay. Wobei ich finde, dass es sich eher um eine kleinere als um eine größere Sünde handelt.

Umso erstaunter war ich, als Jana mir erzählte, dass sie nie Hausaufgaben abgeschrieben hat. Oder „vergessen“ hat. Dass sie nie Dinge getan hat, die verboten waren. Nie geschwänzt. Stille Wasser sind tief. Jana ist mit mir neulich verkehrt herum durch die Einbahnstraße gefahren, weil sie keinen Bock auf einen großen Umweg hatte. Es war Nacht, das Teilstück der Einbahnstraße war rund 30 Meter lang und sie meinte, wenn man erwischt wird, koste es nur 10 Euro. Ja ja.

Egal. Damals war es noch so, dass meine größte Sorge war, meine Lehrerin oder meine Eltern könnten herausfinden, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Andererseits habe ich die viele Freizeit genossen. Manchmal habe ich mich an einen See gesetzt und stundenlang auf das Wasser geschaut und geträumt. Das habe ich damals nie jemandem erzählt. War aber so. Die Ruhe, der Frieden, den ich dabei gefunden habe, hat mir sehr viel bedeutet.

Heute ist es anders. Die letzte Woche war nur stressig. Mir fehlt mein Auto. Dieses Gegurke mit öffentlichen Verkehrsmitteln macht mich wahnsinnig. Auch als ich ein Auto hatte, habe ich mich mehrmals pro Woche bewusst dafür entschieden, mit Öffis zu fahren. Aber wenn ich gar keine Alternative mehr habe und ich zum Beispiel zur Physio nicht mehr 15 Minuten sondern 90 unterwegs bin und sich diese 90 dann auch noch auf 180 ausweiten, weil irgendwelche Knalltüten mutwillig Einkaufswagen ins Gleis schieben oder Aufzüge außer Betrieb setzen oder ähnliches, dann ist das nur noch anstrengend. Ich komme nicht mehr zum Training, ohne andere Leute zu bitten, ob sie mein Bike oder meinen Rennrolli mitnehmen können. Und meistens findet sich keiner, da die alle selbst schon das Auto bis zum Rand vollgepackt haben.

Ich habe mein Auto jetzt bestellt, es soll in der letzten Maiwoche fertig sein. Plan war darüber hinaus, ein weiteres Auto für Sofie anzuschaffen. Sofie versucht nun, über eine öffentliche Stelle einen Zuschuss zum Umbau (nicht zum Fahrzeug selbst) zu bekommen. Und das zieht sich. Bevor die Behörde nicht „ja“ oder „nein“ gesagt hat, darf sie nicht bestellen, sonst verwirkt sie den Zuschuss. Ätzend.

Und Maria? Unglaublich, aber wahr: Es gibt nichts neues. Wir warten, warten, warten. Zur Zeit ist ein weiterer Gutachter eingeschaltet worden, der das Gutachten der Gutachterin gutachterlich bewerten soll. Nach Aktenlage also. Solange leisten wir vor. Maria ist totunglücklich. Muss sie aus meiner Sicht nicht sein, sie zermürbt aber die lange Verfahrensdauer und die Ungewissheit. Man kann aber nach wie vor nur abwarten.

Besser läuft es allerdings mit Ronja. Im Haus sind seit einer Woche die Handwerker dabei, ordentlich Lärm zu machen. Soll heißen: Es klappt! Seit Montag ist alles so weit eingepflanzt, dass es losgehen kann. Offizieller Starttermin ist vorläufig der 2. Mai.

Und noch ein Verein

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Als ich vor knapp drei Wochen darüber schrieb, für Ronja, meine Physiotherapeutin, eine Idee zu haben, habe ich nicht wirklich damit gerechnet, dass es mehr als nur eine Idee wird. Aber getreu dem Motto ‚Wer nicht wagt, der nicht gewinnt‘ habe ich vor drei Wochen Frank und Sofie davon erzählt, dass Ronja ab 01.01.12 nur noch in der Handchirurgie eingesetzt werden soll, nicht mehr in dem Bereich, für den sie sich eigentlich beworben hatte. Sie hat sich trotz ihrer Behinderung, mit Unterstützung der Arbeitsagentur und in fast doppelt so langer Zeit wie üblich, durch die Physiotherapeutenausbildung durchgekämpft, war so überglücklich, ihren Traumjob gefunden zu haben und sich gegen eine Kollegin, die ihre Fähigkeiten nicht anerkennen wollte, durchgesetzt zu haben – und nun das. Von einem überglücklichen Kampfzwerg, der fast immer strahlt und lacht, nie fehlt, der durch seine interessante, besondere Art viele, viele Stammpatienten gewonnen hat, zu einem Häufchen Elend, das völlig unglücklich eine absolut monotone Muskelaufbau-Arbeit am Fließband erwartet. Laut ihrer Kollegin bleibe dort niemand länger als ein halbes Jahr. Man mache im Zehnminutentakt den ganzen langen Arbeitstag immer das gleiche. Man mobilisiere Patienten direkt nach einer OP in den ersten paar Tagen, bis sie in ambulante Therapie entlassen werden. Man sehe nie den endgültigen Erfolg, nur die ersten minimalen Fortschritte.

Meine erste Idee war, ob man es nicht schaffen könnte, eine Physiotherapiepraxis zu finden, die Ronja einstellt, während man hier in unserem Wohnprojekt eins der drei Dienstzimmer (auf jeder Etage ist ein Aufenthaltsraum / Büro für die mobilen Pflegedienste, die einige sehr schwer eingeschränkte Menschen ambulant versorgen) zu einem Praxisraum ausgestaltet. Ronja würde einfach hier ihren Job machen und ihre Patienten behandeln (Hausbesuch in einer Einrichtung oder als offizielle Außenstelle) und darüber hinaus noch einige Stunden bei ihrem Arbeitgeber arbeiten. Die Idee war nicht gut, denn sowas ist nicht erlaubt (oder zumindest nicht so einfach möglich). Also zumindest nicht, wenn man das später mit der Krankenkasse abrechnen will. Und da die Mehrzahl Physiotherapie auf Rezept (aber nicht als Hausbesuch, weil mobil genug) bekommt, macht es keinen Sinn, wenn man nur privat abrechnen könnte. Zumal dann auch gewisse Voraussetzungen erfüllt sein müssten … die Idee drohte bereits im Keim zu ersticken.

Vorletzte Woche hatten wir (also eher Frank) dann doch Ronja zu uns eingeladen und sie mit einer neuen Idee konfrontiert. Manchmal ist auch er etwas unberechenbar. Ich hatte zuvor mehrmals gefragt, welchen Sinn das noch machen sollte, wenn diese ursprüngliche Möglichkeit nicht funktionierte. Er meinte, er wolle sich informieren, ob sie nicht selbst noch Ideen hätte und welche Zukunftspläne sie habe. Aus einem Gespräch könnte sich ja das eine oder andere ergeben. In Wirklichkeit hatte er aber bereits andere Ideen, weitere Recherchen unternommen und wollte in erster Linie Ronja persönlich kennenlernen. Und bis dahin nichts in den Raum stellen, wofür sie später dann vielleicht doch nicht die geeignete Kandidatin gewesen wäre.

Fakt ist, dass auf dem Gelände, auf dem wir wohnen, früher eine Fabrikanlage stand. Derzeit steht nur noch das ehemalige Kerngebäude. Es ist über 100 Jahre alt. Vor etlichen Jahren ist das Gebiet von Industrie- in Gewerbegebiet umgewidmet worden, vor wenigen Jahren dann in ein Wohngebiet mit Gewerbeflächen. Auf unserem Grundstück ist noch ein großes Ladengeschäft mit relativ viel Publikumsverkehr, das liegt neben unserem Gebäude, bei uns im Erdgeschoss ist eine Muckibude, im ersten OG arbeitet (wohnt?) ein Künstler, der malt und töpfert, im zweiten OG war bis vor kurzem ein Fotoatelier. Der Inhaber ist jedoch insolvent (mir erschien es, als hätte er einfach keinen Bock mehr, immer wenn man ihn sah, war er am Rumheulen, dass alles Scheiße ist) und geht zum 31.12.11 raus. Vom dritten bis fünften Stock ist unser Verein mit unserem Wohnprojekt drin. Alle sind Mieter, das ehemalige Fabrikgebäude gehört einem Geschäftsmann aus Hamburg.

Nun hatte Frank bereits gefragt, ob der Eigentümer die zweite Etage möglicherweise an eine Praxisgemeinschaft vermieten wollte. Frank hatte mit ihm darüber gesprochen und der fand die Idee gut. Wir alle wussten von nichts, selbst Sofie war sehr überrascht. Er fragte Ronja ziemlich schnell, ob sie jemanden kennen würde, der sich vorstellen könnte, mit ihr zusammen eine neue Praxis aufzubauen. Sie meinte, sie habe noch nie darüber nachgedacht, aber sie habe eine Freundin, Christine, die seit ihrer Ausbildung sich lediglich mit 400-Euro-Jobs über Wasser halte und die könnte sie fragen.

Im Film würde man jetzt eine Überblendung in eine neue Szene machen, durch die dann unten die Wörter „2 Wochen später“ hindurch laufen. Ich mache das anders: Heute nun scheinen etliche Weichen gestellt zu sein. Der Vermieter wäre bereit, die rund 200 m² für zunächst drei Jahre für unglaubliche 7,50 € pro Quadratmeter als Gewerberäume zu vermieten und vorher die Etage komplett zu renovieren (was dringend sein muss). Der vorherige Mieter hatte noch 9,50 € bezahlt. Mietbeginn könnte der 01.04. sein, eventuell früher.

Es gibt drei examinierte Physiotherapeutinnen, Ronja, Christine und eine Karoline, plus eine Ergotherapeutin, Maja, die ebenfalls mit einsteigen will. Neben dem Verein, der unser Wohnprojekt betreibt, soll es nun noch einen weiteren Verein geben, der diese Physiotherapiepraxis trägt. Das ist nicht ganz so einfach, da dieser Verein einerseits eine Zulassung bei den Krankenkassen beantragen muss (jeweils eine würde dann auf eine Physiotherapeutin und eine Ergotherapeutin beantragt). Damit müssen alle Patienten behandelt werden, die in die Praxis kommen wollen. Andererseits müssen aber mindestens knapp zur Hälfte Menschen mit Behinderungen behandelt werden (Auflage des Finanzamtes – sonst ist die Organisation über einen Verein nicht möglich). Ergo muss immer sichergestellt sein, dass genügend Leute aus den eigenen Reihen sich dort behandeln lassen, damit der Terminkalender damit schon zur Hälfte voll ist. Der Rest der Termine dürfte dann frei vergeben werden. Insgesamt darf am Ende des Jahres kein Gewinn abfallen.

Die entsprechende Satzung kam am Freitag vom Finanzamt zurück: Eine solche Satzung würde den Anforderungen genügen, sie würde also anerkannt werden. Die Praxiseinrichtung soll über einen Kredit finanziert werden, der in den ersten fünf Jahren zurückzuzahlen ist. Die Bank hat für eine solche Anfrage grünes Licht gegeben, weil sich parallel eine Stiftung bereit erklärt hat, ein Drittel der Grundausstattung zu bezuschussen und für ein weiteres Drittel (also die Hälfte des Kredites) eine Bürgschaft zu übernehmen – im Rahmen eines Gründungszuschusses. Auflage: Es müssen mindestens zwei der fest eingestellten Mitarbeiter schwerbehinderte Menschen sein, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt chancenlos wären. Die Stiftung sieht dieses bei Maja (nach einer Rückenmarksentzündung mit inkompletter Querschnittlähmung) und bei Kristin (Koordinationsstörung) gegeben, bei Ronja nur begrenzt, da sie derzeit Arbeit hätte.

Es war auch noch zu klären, ob der Wettbewerb unter Einrichtungen oder unter Physiotherapeuten beeinflusst werden könnte. Das hat man aber auch verneint, insofern würden, vorausgesetzt die Räume entsprechen den Anforderungen, der Verein wird wirklich gegründet und zugelassen, die Leute werden eingestellt etc., für beide Bereiche (Ergotherapie und Physiotherapie) jeweils eine Kassenzulassung vergeben.

In den letzten zwei Wochen haben wir alle vier Leute kennen gelernt und uns diverse Male getroffen, alle sind sehr nett und haben große Lust, etwas nachhaltiges auf die Beine zu stellen. Insbesondere Ronja ist seit Wochen nur noch aufgeregt wie ein kleiner Flummi. „Hoffentlich schaff ich das alles, hoffentlich kann ich das, …“ – aber auch: „Ich habe immer davon geträumt, eines Tages mal mit einer Kollegin eine eigene Praxis aufzumachen. Ich habe aber nie für möglich gehalten, dass das irgendwann mal Realität werden würde. Alleine schaffe ich es nicht, also brauche ich jemanden, der an mich glaubt. Ich werde euch nicht enttäuschen.“

Weiteres Bonbon: Es soll ein Kraftraum eingerichtet werden, damit hier auch Gerätetraining möglich ist. Das wird Rollstuhlfahrern doch sehr oft verschrieben und es wäre ein Wahnsinn, das bei einer Praxiseinrichtung auszusparen. Und aus einer Praxisauflösung könnte eine nahezu neue, voll funktionsfähige Schmetterlingswanne übernommen werden, und zwar für einen Bruchteil des Neupreises. Und der wäre so enorm, dass es sich nicht lohnen würde. Allerdings muss dazu noch ein Statiker kommen, denn so eine Wanne wiegt gefüllt fast 2 Tonnen…

Irgendwie freue ich mich so derbe für Ronja. Mir geht das alle paar Minuten durch den Kopf, obwohl ich davon so gut wie gar nicht betroffen bin. Doch, in einem Punkt schon: Ich würde meine Physiotherapie und mein Krafttraining aus meiner Klinik in ihre Praxis verlegen. Und ich glaube, das wäre eine gute Entscheidung.