Weihnachtswunsch

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Fast zehn Jahre sind seit meinem Unfall vergangen. In der letzten Woche hatte ich meine letzten beiden Psychotherapie-Stunden. Eine weitere Verlängerung ist nicht vorgesehen und aus meiner Sicht auch nicht nötig. Meine frühere Therapeutin ist seit der Geburt ihres zweiten Kindes nicht mehr beruflich tätig, ihre Vertretung, die zwar gut, aber nicht ganz so gut wie meine erste Therapeutin war, findet, ich sei ausreichend reflektiert, um mein Leben alleine im Griff zu haben. Genauso hat sie es formuliert, und ich glaube, damit wird deutlich, was ich meine, wenn ich behaupte, sie sei nur „gut“ und nicht „sehr gut“.

Sollte ich, wie geplant, nach meiner letzten Prüfung eine fünfjährige Facharzt-Ausbildung (Kinder- und Jugendpsychiatrie) beginnen, werde ich ohnehin noch eine weitere Psychotherapie machen müssen. 150 Stunden Selbsterfahrung sind vorgesehen. Natürlich neben ganz vielen anderen Inhalten. Ich bin mir sicher, dass der Job nicht einfach werden wird, sondern ein hohes Maß an Frustration in sich trägt. Ich weiß aber, dass derartige Fachärzte händeringend überall gesucht werden. Und ich glaube, dass ich gerade im Kontakt zu Kindern und Jugendlichen sehr viel erreichen kann.

Marie möchte Kinderärztin werden, muss sich dafür ebenfalls fünf Jahre fortbilden. Ein Jahr davon ebenfalls im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie. So ganz sicher ist sie sich noch nicht, vor allem könnte es bei ihr noch sein, dass sie aktuell noch ein halbes Jahr dranhängen muss, da sie wegen einer fetten Erkältung zu lange gefehlt hat. Es könnte stundenmäßig gerade noch passen, das klärt sich aber erst im nächsten Monat. Vielleicht macht sie ihr erstes Jahr aber an derselben Klinik wie ich … dann wären wir mal wieder zusammen.

Aber zurück zur Psychotherapie: Wissend, dass wir uns heute zum letzten Mal sehen, fragt mich doch meine Psychologin, welches das größte Problem der letzten Zeit war und wie ich es gelöst habe. Ich finde das problematisch, denn es kann ja auch immer mal sein, dass etwas nicht gelöst ist. Und dann? Lässt sie den Klienten damit alleine? Oder hofft sie, dass er dann wiederkommt und doch noch eine Verlängerung beantragt?

Egal. Ich habe noch einmal den Müll thematisiert, der mich unter anderem vom Bloggen abgehalten hat. Sie hat in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, warum ich damals den Kontakt zu Marie und ihren Eltern abgebrochen habe. Ich weiß nicht, ob sie die Frage gestellt hat, um mir zu signalisieren, dass sie nicht richtig zugehört hat, oder ob sie mich zu einer differenzierten Betrachtungsweise motivieren wollte. Am Ende kam nichts neues dabei heraus.

Ich weiß, dass das damals eine falsche Entscheidung von mir war. Rückblickend betrachtet. In dem Moment war eine Entscheidung nötig. Und in dem Moment fehlte mir das nötige Vertrauen. Nicht mein perönliches Vertrauen in Maries Familie, ich glaube, das war immer da, sondern mein persönliches Verständnis von Vertrauen. Also das, was ich mit „Vertrauen“ verbinde, war durch die extremen Erlebnisse so erschüttert, dass ich nicht mehr in der Lage war, eine auf „Vertrauen“ aufbauende Beziehung zu unterhalten. Oder etwas drastischer formuliert: Wenn du nicht mehr weißt, was Vertrauen wirklich ist, weil es von überall her mit Füßen getreten wird, dann kannst du darauf auch nichts aufbauen.

Wenn es Freunde gibt, mit denen ich mehrfach verreist bin. Bei denen ich übernachtet habe. Mit denen ich nackt in der Sauna war. Die mir ihre intimsten Dinge anvertraut haben. Und umgekehrt. Und die dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, nichts mehr von mir wissen wollen, mir übel nachreden, mich sogar verleumden, sogar behaupten, mich nie gekannt zu haben. Ich suche mir Hilfe bei einer anderen Freundin, die hört mir zu, aber nur, um das hinterher der „Gegenseite“ zu erzählen. Weil ich ihr vertraue und erst zu spät merke, dass sie das Lager gewechselt hat.

Wenn es Menschen gibt, die meinen ehemaligen Freunden haarsträubende Geschichten erzählen. Und wenn meine Freunde das dann glauben. Ohne noch ein einziges Mal mit mir zu sprechen. Ohne noch ein einziges Mal nachzufragen, was davon stimmt. Ohne mir die Chance zu geben, mich zu verteidigen, oder überhaupt erstmal was dazu zu sagen. Die mir plötzlich nicht einmal mehr „Hallo“ sagen. Wenn ich also merke, dass ich mich in gleich mehreren, sogar fast allen engen Freunden komplett getäuscht habe. Weiß ich dann noch, was „Vertrauen“ ist?

Von sieben oder acht ganz engen Freunden haben genau zwei zu mir gehalten. Und sind dafür ganz übel terrorisiert worden. Der Rest hat sich bequem den Menschen angeschlossen, die die Stimmung gemacht haben. Und was für mich das Unverständlichste ist: Wir hatten zuvor sehr intensive Gespräche über Meinungsbildung und Vorverurteilung. Und jedem von ihnen war es wichtig, sich eine differenzierte, gut recherchierte Meinung zu bilden, bevor man über jemanden urteilt.

Inzwischen hat auch Marie, haben auch Maries Eltern verstanden, dass ich nie an ihrer Beziehung zu mir gezweifelt habe, sondern dass ich in dem Moment überhaupt keine Beziehung mehr zulassen konnte. Das hat sich inzwischen wieder normalisiert, was diese drei mir sehr wichtigen Menschen angeht. Neue Freundschaften schließe ich auch, allerdings glaube ich inzwischen, dass die Mehrheit der Menschen anders tickt als ich und ein anderes Verständnis vom gesellschaftlichen Miteinander hat als ich es habe. Und als Marie und ihre Familie es haben.

Das ist kein schönes Ergebnis einer Psychotherapie. Vielleicht kommt bei der nächsten psychotherapeutischen Selbsterfahrung ja wieder etwas anderes heraus. Vielleicht lerne ich zwischenzeitlich auch andere Menschen kennen, die mehr Tiefgang haben als meine ehemaligen „Freunde“. Und deren Fassade mich nicht blenden kann.

Darum

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Ob wir eines Tages noch erfahren, warum sie nicht mehr schreibt?

Tja, wie soll ich es nun erklären? Ich habe im Knast gesessen. Sitzen weil … stehen kann ich ja bekanntlich nicht. Und immer nur liegen? Uncool. Dreiundzwanzig lange Monate kein Internet!

Man verhaftete mich wegen meines Blogs. Einige Beiträge waren einfach zu schlecht, stilistisch und inhaltlich flach.

Okay. Ganz so war es nicht. Ich durfte mir neulich im Rahmen meines Studiums eine Justizvollzugsanstalt von innen ansehen. Es gab in der dortigen „Röchel-Abteilung“, wie man den Trakt für die älteren und kranken Gefangenen nannte, sogar rollator- und rollstuhlgerechte Zellen. Ich kam allerdings noch am selben Tag wieder raus.

Meine mediale Enthaltsamkeit hatte zuweilen einen anderen Grund, der aber mindestens genauso verstört: Ich hatte einst politische Ansichten und für mich fragwürdige Einsätze öffentlicher Mittel durch einen in Deutschland ansässigen Konzern kritisch hinterfragt. Nicht öffentlich, sondern per Mail. Gezielt und direkt. Zunächst antwortete man mir gar nicht, auf nochmalige Nachfrage teilte mir die Kommunikations-Abteilung mit, dass man dazu nicht schriftlich Stellung nehmen wollte. Aus meiner Sicht war das Thema allerdings zu banal, um es öffentlich zu machen. Aber es hatte mich eben persönlich gestört.

Kurz darauf bekam ich per E-Mail ein Jobangebot von eben dieser Firma. Statt zu bloggen, solle ich doch künftig jenes Unternehmen in den sozialen Netzwerken sympathisch machen. Als authentische Figur, die sogar mit einer Behinderung fröhlich und sympathisch im Leben stehe.

Zunächst habe ich das für einen Witz gehalten, Sekunden später gelächelt, am Ende habe ich das Angebot natürlich mit zwei nüchternen Sätzen abgelehnt. Ohne Gründe zu nennen. Und auch eine weitere persönliche Einladung konnte mich nicht umstimmen. Die fand ich fast schon lächerlich. Und selbst wenn ich gerade einen Job gesucht hätte – ich möchte authentisch bleiben. Meine eigene Meinung vertreten. Und nicht etwa eine vorgegebene, die gerade bestmöglich in ein -vielleicht sogar verlogenes- Konzern-Image passt. Das wäre niemals mein Ding.

Ausgerechnet ein junges Küken, das aber bisher weder etwas im Leben geleistet hatte, noch im Geringsten ahnte, wie die Welt funktionierte, dabei scheinbar beiläufig Millionen Klicks und hunderte Abonnements einstrich, hatte vermutlich -ohne es zu wissen- den Finger in irgendeine tiefe Wunde gelegt. Eigentlich eignet sich mein Blog nicht für einen dramatischen Krimi, aber plötzlich war ich ungefragt mittendrin.

Es gab wohl eine große Angst, ich könnte meine Fragen in meinem Blog öffentlich machen. Oder dessen unglückliche Reaktion auf meine Frage. Hinzu kam anscheinend einiger Neid auf eine stinkende Socke, die mit ihrer Party in einem Monat mehr Aufmerksamkeit erzeugte als jener Konzern mit seiner Party. Dazu Missgunst und nicht zuletzt ein wenig Frust darüber, dass der -wie auch immer geartete- Plan mit dem lustigen Job nicht aufgegangen war.

Scheinbar ohne große Mühen fand der bislang Verantwortliche vier Freunde aus seinem engeren Netzwerk, alle um die 40 Jahre alt, die für und mit ihm das mit mir und meinem Blog offenbar verbundene Risiko neutralisieren wollten. Entweder sie redet mit uns – oder künftig mit keinem mehr. Bemühte ich meinen küchenpsychologischen Kaffeesatz, würde ich sie alle in die Profilneurotiker-Schublade packen. Mit den inzwischen über meinen Anwalt erlangten Erkenntnissen kann ich feststellen, dass es ihnen so richtig Spaß gemacht hat.

Die Fünf legten allerlei Fleiß an den Tag. Recherchierten über mich, was das Zeug hielt. Alle Recherchen endeten dabei aber stets bei jenen Menschen, die mir zuvor meine psychotische Mutter und einen kleinen Haufen in meine Querschnittlähmung verliebter Irrer aus meinem unmittelbaren Radius herausgefiltert hatten. Also bei Maries Eltern. Bei einer ambulanten Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung, die mich bis zu meiner Volljährigkeit begleitet hatte. Sogar bei meiner Psychologin. Und natürlich bei meinen Freundinnen und Freunden. Wie ich später aus einer Akte erfuhr, standen eines Abends sogar Männer auf dem Parkplatz meiner früheren (ambulanten!) Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung und suchten mich, glaubten, ich würde dort wohnen. Es gab verschiedenste Anfragen an alle möglichen Stellen, sogar an Behörden.

Kurzum: So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen nicht an mich persönlich heran. Ich meine: Wozu auch? Wo gibt es das, dass eine Privatperson oder ein Angestellter eines Unternehmens einen Anspruch durchsetzen könnte, mich persönlich zu treffen? Und was dann? Will man mich zum Reden und Diskutieren zwingen? Mich verprügeln? Oder was hatte man vor? Ich muss gestehen, ich hatte schon immer Angst vor solchen Menschen, Angst vor ihren Fantasien und vor ihrer Besessenheit.

Plan B: Meine Freunde wurden unter Druck gesetzt. Zwei Freunde ganz besonders. Die würden schon quatschen. Also wurde denen erstmal ernsthaft unterstellt, mit mir zusammen meinen Blog ausgeheckt zu haben, um sich gemeinsam mit mir zu bereichern. Es gab ja mal einen Bloggerverein, der sollte nun angeblich die Plattform für die systematische Veruntreuung von Spendengeldern sein. Über meinen Blog würden die Spender akquiriert. Die bisherigen Recherchen der fleißigen Fünf hätten angeblich genügend Anhaltspunkte ergeben, um zumindest einen Anfangsverdacht für einen solchen Spendenbetrug in den Raum stellen zu können. Außerdem sei mein Blog ja p*rn*grafisch.

Ich bekam eine Mail, ob ich unter diesen Umständen nicht doch noch einmal über alles persönlich sprechen wollte. Ein befreundeter Anwalt telefonierte daraufhin für mich. Nachdem ich jeden persönlichen Kontakt (selbstverständlich) weiterhin ablehnte, teilte man meinem Anwalt mündlich mit, man würde nun Anzeige erstatten. Über Einsichtnahme in die Verfahrensakte käme man früher oder später doch an meine Daten und an meine Adresse.

Tatsächlich interessierte sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft. Aber nicht etwa für mich, sondern erstmal für die privaten Kontounterlagen desjenigen, der in dem Bloggerverein die Finanzen abwickelte. Und gegen den legten zwei der fleißigen Fünf schriftlich auch noch ein paar andere „beiläufige Informationen“ nach, die man angeblich vom Hörensagen kannte: Mein Bekannter hätte auch im Job Gelder veruntreut, zudem Kinder angefasst und Drogen genommen! Wow. Alles war so formuliert, dass der Verfasser jederzeit sagen konnte: „Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber man munkelt.“

Der kam nun natürlich sofort auf mich zu und bat mich, als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Einerseits wollte ich ihn natürlich nicht hängen lassen, andererseits konnte ich aber nichts aussagen, was sich nicht auch anderweitig aus Dokumenten oder aus den Aussagen anderer Menschen herleiten ließe. Nur mit dem Unterschied, dass mit meiner Zeugenaussage auch meine persönlichen Daten in den Akten auftauchen würden. Es war eine absolut beschissene Situation, denn ich wusste nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen kann. Würden wirklich alle meine Freunde einem solchem Druck standhalten, oder würden mir irgendwann doch zwei bis fünf Typen gegenüber stehen, vor deren Fantasien man inzwischen sogar Todesangst haben musste? Die Vorstellung, dass die über meine Freunde doch an meine Adresse kämen, mir vielleicht dort auflauern, löste in mir Panik aus. Was hatten diese Menschen vor? Was lief da?

Ich habe mich mit Marie gestritten, weil ich ihr auch nicht vertrauen konnte. Ihr Vater ist Polizist – könnte er mich beschützen oder müsste er irgendwann irgendwas gegen mich unternehmen, was er nicht mehr kontrollieren kann? Wer könnte wissen, was die fleißigen Fünf so alles über mich in die Welt setzen? Ich habe mich mit anderen Freunden gestritten, weil ich ihnen nicht vertrauen konnte. Schließlich habe ich den Kontakt zu allen anderen Menschen völlig auf Eis gelegt. Und erstmal aufgehört, zu bloggen. Um zu vermeiden, dass es aktuelle Informationen über mich geben könnte. Vielleicht würde man mich sogar orten? Das alles ging so weit, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe, mein Studium unterbrochen hatte, aus meiner Wohnung ausgezogen bin, meine Immobilie verkauft, in Panik sogar Deutschland zeitweilig verlassen hatte. Dorthin, wo mich keiner kennt. Wo freundliche Menschen sind. Und wo es warm ist.

Um mit Marie zu telefonieren, habe mich mir ein Handy geliehen, bin im Dunkeln an einen abgelegenen großen See gefahren, wo man Personen, die mir zu nahe kämen, schon von weitem sehen konnte. Es kam natürlich niemand. Es vergingen Wochen, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. In denen ich nicht wusste, wo hinein ich geraten war, welche Sorgen berechtigt waren, und was Paranoia war. In denen ich kaum etwas essen konnte. Marie war die einzige, die immer wieder Kontakt zu mir suchte. Mein Herz wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Mein Kopf hatte aber keinen Plan, wie es weiter gehen könnte.

Die Wende nahm es, als ich eines abends mit ihr telefonierte und sie das Telefon an ihre Mutter weitergab. Maries Mutter weinte. Sie fragte mich immer wieder, was genau ich getan hätte. Wie sie mir helfen könnte. Und ob ich nicht selbst merken würde, dass ich mich genau so verhalte wie jemand, dem man Schreckliches angetan hätte. Im Studium hatte ich das alles mal gehört und gelesen. Wie sich viele Frauen verhalten, nachdem sie beispielweise vergewaltigt wurden. Aber zu reflektieren und zu erkennen, in welchen Denkmustern ich mich gefangen hatte, das bedurfte eben genau eines solchen Anstoßes von außen. „Auch wenn du nicht mein leibliches Kind bist, bist du für mich wie eine Tochter. Ich würde niemals etwas tun, was du nicht willst. Und ich würde dich niemals in eine Falle locken. Wenn ich der Meinung wäre, du solltest dich irgendwo melden, dann würde ich versuchen, dich davon zu überzeugen. Aber ich würde dich niemals ausliefern. Darauf hast du mein Ehrenwort.“

Meinen nächsten Termin hatte ich bei einem Rechtsanwalt. Eine völlig kuriose Situation. Ich bekam seine Handynummer von Maries Mutter. Maries Papa hatte sie besorgt. Ich gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erfuhr, dass der Mann schon deutlich über 60 Jahre alt war. Und dass er einige Menschen vertreten hatte, die jeder kennt. „Lassen Sie uns nicht so viel am Telefon reden, das mache ich nach einigen schlechten Erfahrungen grundsätzlich nicht“, sagte er mir. Wir verabredeten ein Treffen vor einem Gerichtsgebäude. Er würde sich zu mir ins Auto setzen. Seine Kanzlei sei nicht barrierefrei. War das wirklich keine Falle?

Er verspätete sich um fast 90 Minuten. Hörte mir dann aber fast eine Stunde zu. Stellte Fragen. Ging zwei Mal los, um uns einen Becher Kaffee zu besorgen. Kam tatsächlich alleine und mit Kaffee wieder. Regen trommelte auf die Scheiben. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Er brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was hier lief. Und etliche Anläufe: „Was ich aber noch immer nicht begriffen habe…“ – Am Ende sagte er: „Darüber muss ich erstmal schlafen. Und nachdenken.“ – „Das heißt aber, Sie wollen mir helfen?“ – „Ja. Die Sache hat mein Interesse geweckt. Und bevor Sie fragen, was es kostet: Sie werden es sich leisten können. Es wird nicht billig, aber Sie wollen ja auch einen guten Job von mir.“

Erstmals nach Wochen telefonierte ich mit jenem Freund, dem man diesen Unsinn mit den Drogen unterstellt hatte. Er freute sich, von mir zu hören. Er hatte zwar bereits einen Anwalt, der ihn gut verteidigte, ich konnte ihn aber überzeugen, zusätzlich auch noch einen Kollegen, der in derselben Kanzlei meines Anwalts arbeitete, in Anspruch zu nehmen. Auf meine Kosten.

Neun Monate später stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass ein Betrug anhand der ganzen eingeholten Unterlagen und Auskünfte nicht beweisbar sei. Die Geschäfte des Bloggervereins waren also korrekt geführt worden. Die Ermittlungen gegen den Freund wurden abgeschlossen. Nachdem es bei dem Projekt ja in erster Linie um ideelle Zwecke ging, wurden über die Jahre zusammengerechnet keine 300 € bewegt. Vielmehr hatte der Finanzbeauftragte früher schon aus seinem privatem Vermögen Geld hinzugesteuert, um anfallende Gebühren zahlen zu können. Und ich hatte in meinem Blog niemals jemanden um Geld für mich gebeten. Am Ende stellte auch das Finanzamt nach eigener gründlicher Prüfung schriftlich fest, dass alles in Ordnung war.

Plan B hatte also auch nicht funktioniert. Nicht zuletzt, weil sich Behörden ungern instrumentalisieren lassen. Außer Spesen nichts gewesen. Heute arbeiten drei der fleißigen Fünf allerdings mehr oder weniger unfreiwillig woanders. Die anderen beiden haben andere Entfaltungsmöglichkeiten gefunden.

Mich erinnert die Sache ein wenig an eine Geschichte um Helene Fischer. Nach verschiedenen Medienberichten wollte ein österreichischer „Fan“ mit Behinderung ihr ein Geschenk persönlich überreichen, wozu es aber nicht gekommen ist. Er hatte sich ortsgünstig positioniert und behauptete später, sie habe ihn im Vorbeigehen ausgelacht und beschimpft. Sie bestritt das. Er setzte ebenfalls alle Hebel in Bewegung, um sie vor Gericht zu bekommen und dort zu treffen. Am Ende ohne Erfolg.

Ich glaube nicht, dass alle fleißigen Fünf künftig ihre Füße still halten werden. Sie werden andere Wege finden, um mir zumindest das Leben schwer zu machen. Die teilweise Anonymität des Internets macht eben doch einiges möglich. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse schon bald über mich berichtet werden und wer künftig belästigt wird. Ich glaube, meine Grenzen werden niemals akzeptiert werden. Auch wenn ich noch so oft sage, dass ich über meine Erlebnisse, Gedanken, Meinungen und Ansichten schreibe, ohne dabei als Person in der Öffentlichkeit stehen zu wollen. Und ohne von zweifelhaften Personen verfolgt werden zu wollen. Ich möchte nicht den Atem desjenigen spüren, der aus meinem Blog fast alles über mich weiß.

Wenn jemand tolle Fotos macht, kann man heute nicht mehr die Fotos genießen, ohne den Fotografen dazu zu kennen. Man braucht die Story über das Genie hinter dem Okular, die Orte seiner Lieblingsmotive und am besten noch ein paar Geheimtipps für schönes Knipsen. So zerstört man die Einzigartigkeit, die Kunst, die Seele. Leider begreifen das zu viele nicht.

Inzwischen habe ich mich mit Marie wieder vertragen. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Aber wir haben uns gerade gestern gesehen. Und vorgestern. Und zusammen in einem Bett geschlafen. Rücken an Rücken. Wir sind, wie Jugendliche es formulieren würden, nach wie vor allerbeste Freunde.

Ich studiere noch. Um genau zu sein: Ich habe zwar meine Dissertation sausen lassen, dafür aber trotz der mehrwöchigen Auszeit (überwiegend in den Semesterferien) nichts wirklich verpasst, alle Scheine bekommen, und habe inzwischen auch das 2. Examen durch. Aktuell bin ich im Praktischen Jahr, bin nach einem Drittel Pädiatrie in Kürze in der Chirurgie, bevor es am Ende nochmal kurz in die Innere Medizin geht. Wenn alles gut geht, bin ich im nächsten Sommer so weit fertig, so dass ich mich um meine Facharztausbildung kümmern kann. Wie anhand meiner Wahl für das erste Drittel meines Praktischen Jahres schon zu vermuten ist, wird es später in Richtung Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen.

Auch Marie studiert noch, derzeit allerdings an einem anderen Ort als ich. Ich wohne aktuell gar nicht mehr in Hamburg und weiß nicht, ob es mich später einmal in meine Lieblingsstadt zurück ziehen wird. Derzeit bewohne ich eine kleine Mietwohnung in einem 30-Parteien-Haus in der Nähe meines aktuellen Studienortes. Und ich habe tatsächlich eine weitere kleine Wohnung gefunden, ebenfalls zur Miete, als Rückzugsraum in unmittelbarer Nähe zu meiner geliebten Ostsee und rund eine Autostunde von meinem geliebten Hamburg entfernt. Ein Schnäppchen, einst als „gemütliches Nest“ inseriert, mit separatem, ebenerdigen Eingang, keine 200 € kalt im Monat von privat.

Im August letzten Jahres habe ich einen neuen Kerl kennengelernt, im September mit ihm und Marie erstmals einen Nachmittag zusammen verbracht, ihn danach auch hin und wieder alleine getroffen. Eigentlich war uns beiden schon von Anfang an klar, was wir voneinander wollten, es hat aber noch bis Mitte März dieses Jahres gedauert, bis wir zum ersten Mal miteinander im Bett waren. Es ist, wie überall, nicht alles optimal, aber es ist sehr schön. Sehr körperlich. Sehr lieb. Oft sehr verspielt. Manchmal sehr versaut. Und vor allem sehr intensiv. Ich genieße, ohne dabei an Morgen zu denken. Was bekanntlich gefährlich sein kann, aber vielleicht nicht immer gefährlich werden muss.

Das neunte Gyrosbaguette hat geschmeckt. Nicht außergewöhnlich. Aber normal. Und zu meinem 25. Geburtstag haben mir tatsächlich mehr als 25 Menschen gratuliert. Einige von ihnen haben erst heute erfahren, warum ich in den letzten zwei Jahren nichts mehr schrieb.

Ordnen über Ostern

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Die Reaktionen, die Resonanz, die Anteilnahme in den letzten Tagen war vielfältig und überwältigend. Ich bin insgesamt sehr aufgefühlt. Nein, es geht mir nicht gut. Darüber wird sich aber niemand wundern.

Fakt ist, dass ich seit fast einer Woche nicht mehr in meinem eigenen Bett geschlafen habe. Ich habe drei Versuche gestartet, drei Mal haben mich Maries Eltern wieder aus der Wohnung geholt. Mit Maries Mutter durch die Tiefgarage, während Maries Vater meine Mutter von mir fern gehalten hat. Sie sitzt und liegt seit einer Woche fast durchgehend vor unserer Haustür. Sie ist für Stunden immer mal weg, manchmal wird es wohl langweilig, ein anderes Mal trägt die Polizei sie weg. Nach ein paar Stunden ist sie regelmäßig wieder da.

Tagsüber taucht sie ständig in der Physiotherapiepraxis auf. Inzwischen ist unten zwar die Tür zu, so dass man klingeln muss, aber spätestens wenn jemand rausgeht, ist sie wieder drin. Vom Treppenhaus klettert sie über die außen am Haus angebrachte Feuertreppe in ein anderes Stockwerk und hampelt oben vor den Fenstern rum. Selbst abends ist es für sie eine Leichtigkeit, ins Haus zu kommen. Sobald jemand mit dem Auto aus der Tiefgarage fährt, sprintet sie durch das offene Rolltor. Da der Weg durch das Haus einer der beiden Fluchtwege ist, kann man da auch nichts abschließen. Sie kommt zu Fuß zwar nur bis ins Erdgeschoss (um weiter nach oben zu kommen, muss man durch eine Tür, die man von außen nicht öffnen kann, oder mit dem Aufzug fahren, den man drinnen allerdings auch nur mit Schlüssel bedienen kann), aber sie setzt sich dann zum Beispiel unten in den Aufzug und wartet über Stunden, bis oben jemand diesen ruft. Zack ist sie im Wohnbereich.

Inzwischen wissen zwar alle Mitbewohner, was hier los ist, aber was soll jemand im Elektrorollstuhl, der gerade genug Kraft hat, den Joystick zu bedienen, ausrichten, wenn sie sich an ihm vorbei drängelt? Da gibt es ja nicht mal die Möglichkeit, ihr über die Füße zu fahren, so schnell ist ja niemand. Fakt ist, dass meine Mutter durch ihr unberechenbares Verhalten bei meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern jede Menge Ängste schürt. „Irgendwann steckt sie noch das Haus an“, muss ich mir schon anhören. Ich habe zwar meine Mutter nicht beauftragt, diesen Zirkus zu veranstalten; andererseits fühle ich mich aber meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern gegenüber verantwortlich. Sie sollen in Ruhe leben können und nicht etwa jemanden im 5. Stock vor dem Fenster stehen haben, wenn sie morgens die Rolläden hochfahren.

In einigen Kommentaren oder Mails habe ich gelesen, dass es gut wäre, sie zwangsweise in die Psychiatrie zu stecken, alternativ in den Knast. Auch könne ich vielleicht auf die bei psychischen Erkrankungen meistens erhöhte Suizidalität hoffen. Sie jedes Mal verprügeln zu lassen, war ein anderer Vorschlag. Einiges habe ich gar nicht veröffentlicht. Meine Mutter ist und bleibt ein Mensch. Ich sage bewusst nicht, dass sie meine Mutter ist. Aber sie ist ein Mensch. Ein kranker Mensch. Nach der gesetzlichen Lage kann man sie nicht so einfach zwangsweise einweisen, dafür müssen ganz andere Dinge passieren. Sie ist auch nicht haftfähig. Es gibt nach wie vor einen Gerichtsbeschluss, dass sie Abstand zu halten und die Kontaktaufnahme zu unterlassen hat, aber Geld ist wohl nicht zu holen und haftfähig ist sie eben nicht. Somit läuft das weitestgehend ins Leere; lediglich darf sie die Polizei nach Hause bringen. Selbst ein so genannter „Verbringungsgewahrsam“ käme nicht in Betracht. Dabei hat man früher so genannte Störer weit weg gefahren, damit sie wenigstens eine Zeitlang brauchten, um wieder zurück zu kommen.

Ein sporadischer Kontakt zu meiner Mutter kommt nicht in Frage. Warum nicht, habe ich bereits oft genug ausgeführt. Auch wenn das der eine Leser oder die andere Leserin nicht nachvollziehen kann: Ich möchte es nicht. Und es muss mein Recht sein und mein Recht bleiben, zu bestimmen, mit wem ich mich treffen möchte und mit wem nicht. Meine Entscheidung, jemanden nicht sehen zu wollen, kann nicht höher gewertet werden, als die Entscheidung eines anderen, mit mir Kontakt haben zu wollen.

Ich bin kein Fan davon, absatzweise darüber zu berichten, was alles nicht geht. Ich möchte mich mit Möglichkeiten beschäftigen, nicht mit Unmöglichkeiten. Das geht vielleicht dem einen oder anderen zu schnell, vielleicht bin ich wegen der vielen Herausforderungen, die meine Behinderung mit sich bringt, auch in gewisser Weise prädisponiert für schnelle Entscheidungen. Fakt ist, dass ich in den letzten fünf Tagen mehr Unterstützung bekommen habe als ich mir je hätte erträumen können.

Damit meine ich nicht nur die vielen Kommentare und Mails, in denen mir meine Leserinnen und Leser zuhauf angeboten haben: „Komm an meine Uni, hier ist es überwiegend barrierefrei, ich würde mich darum kümmern, dass du die richtigen Kontakte bekommst und dich hier vor Ort unterstützen.“ – Vielen, vielen Dank! Ich bin wirklich gerührt. Dennoch habe ich die meisten davon nicht veröffentlicht, denn ich möchte im Internet keine Diskussion über meinen künftigen Studienort beginnen. Aus guten Gründen. Ich habe auch aus genau diesen Gründen auf keine einzige dieser Mails geantwortet, waren sie auch noch so nett. Woher soll ich wissen, ob das nicht eine Mail von meiner Mutter ist, die das hier mitliest und vielleicht aus einem Internet-Cafè mit mir schreibt? Und auf diesem Weg dann die Antwort bekommt: „Lieber Otto, danke für dein Angebot, aber ich habe mich bereits für die Uni in Harvestehude entschieden.“ – Oder: „Lieber Peter, das ist ja fein, dann sehen wir uns demnächst, ich liebäugel nämlich mit einem Studienplatz an deiner Uni.“ – Liest sich paranoid. Und genauso komme ich mir derzeit vor.

Mein derzeitiger Plan ist, für zwei bis vier Semester aus Hamburg wegzugehen und anderswo in Deutschland zu studieren. Ich werde meinen Platz in meiner heiß geliebten WG aufgeben. Das ist sehr schmerzhaft, aber es ermöglicht eben mir einen kompletten Neuanfang und meinen Leuten die Rückkehr zu einem ruhigen Alltag. Ich werde für ein bis zwei Jahre in einer anderen Stadt in Deutschland wohnen und dort quasi zwei bis vier „Auswärtssemester“ sammeln. Es ist absolut nicht unüblich und wird sogar empfohlen, auch mal in eine andere Uni reinzuschnuppern. Anschließend werde ich wieder nach Hamburg zurück kommen. Das möchte ich auf jeden Fall, denn Hamburg ist meine Heimat und Hamburg bleibt meine Stadt. Ich kann nicht ohne. „Anschließend“ ist dann, wenn das Haus, das ich tatsächlich (nicht alleine) bauen (lassen) möchte, fertig ist und ich dort in eine Wohnung einziehen kann. Bis Ende Mai soll alles so weit eingetütet sein, dass es los gehen kann. Davon und darüber schreibe ich ein anderes Mal mehr. Jedenfalls gibt es hierzu recht gute Neuigkeiten.

Zum Glück sind andere Menschen in meinem Umfeld zur Zeit mindestens genauso paranoid wie ich und unterstützen mich mit ihren Möglichkeiten. Maries Mutter hat am letzten Sonntag mit jenem Professor telefoniert, der mir vor ziemlich genau drei Jahren meinen Studienplatz eröffnet hat. Sie hat ihn bei einer Veranstaltung erreicht und er hat ihr spontan zugesagt, sich am Dienstag mit mir an einer Uni zu treffen, an der ich gerne studieren möchte. Damit hätte ich natürlich niemals gerechnet, ich hatte gehofft, er würde dort anrufen. Aber so war es natürlich noch besser. Er wollte dort zusammen mit mir mit dem Präsidenten der Uni zu reden, um einen Wechsel innerhalb eines Semsters, der normalerweise nicht möglich ist, unbürokratisch anzuschieben. Ich weiß nicht, ob er sowieso dort in der Gegend war; ich möchte nicht wissen, welchen Umweg er für mich in Kauf genommen hat, denn damit würde es mir vermutlich schlecht gehen.

Es ist im Vergleich zur Hamburger eine verhältnismäßig kleine Universität. Ich wartete vor einem Verwaltungsgebäude in strahlendem Sonnenschein. Plötzlich tauchte er auf, ich habe keine Ahnung, woher er gekommen war. Er gab mir die Hand, sagte nur kurz, dass er von Maries Mutter gehört habe, was bei mir zu Hause los sei. Es sei meine private Angelegenheit und er mische sich dort nicht ein. Aber wenn er mir helfen könne, dann solle ich ihn anrufen. Er gab mir seine Visitenkarte. Ich will nicht zu viel über ihn sagen, aber ich wusste nicht, wie mir geschah. Der Mann ist enorm bekannt und ein weltweit geschätzter und gefragter Experte in seinem Fachgebiet. Ich übertreibe nicht und würde zu gerne auf seine Webseite verlinken, nur kann ich das gerade nicht tun, aus guten Gründen. Entsprechend war auch die Begrüßung beim Präsidenten der Universität. Ich saß in einem kleinen, hübsch eingerichteten Büro mit meinen schweißnassen Händen und einem 200er-Puls, während mein Professor sagte: „Vielen Dank, dass Sie einen Moment Zeit für mich gefunden haben.“ – Als Antwort kam wörtlich: „Es ist mir eine Ehre, Professor.“

Mein Professor sagte, es sei ihm ein bedeutendes persönliches Anliegen, dass ich mein Studium ungestört fortsetzen könne. Er erklärte, dass ich im Zusammenhang mit meinem Unfall heute massiv belästigt und verfolgt werden würde. Diese Lage sei durch die psychische Erkrankung einer Frau derart eskaliert, dass er keinen anderen Ausweg sehe, als mitten im Semester den Studienplatz zu wechseln und an eine Universität zu gehen, in der sich das Präsidium darum kümmert, dass ich in Ruhe studieren könne. Der Präsident guckte mich relativ betroffen bis geschockt an, sagte erstmal gar nichts, schluckte ein paar Mal und meinte dann: „So einen Fall hatten wir hier noch nie. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich gar nicht weiß, wie wir so etwas angehen können. Aber ich möchte auf jeden Fall helfen.“

Danach ging alles relativ schnell. Mein Professor verabschiedete sich, ließ mich draußen alleine zurück. Ich schaute mir einige Bilder an, die im Eingangsbereich ausgestellt waren. Nach einiger Zeit kam eine Frau im Rollstuhl auf mich zugerollt. Geschätzt 30 Jahre alt, kräftiger Oberkörper, auffallend strahlend blaue Augen, dunkles, langes, krauses Haar zu einem Zopf gebunden, ungeschminkt, Brille, Batik-T-Shirt. Die Beine erschienen für die Gesamtkörpergröße ein wenig zu kurz, ich tippte auf eine angeborene Querschnittlähmung. Sie gab mir die Hand, stellte sich vor. Eine Psychologin, sie möchte sich um mich kümmern. Sie schleppte mich in ihr Zimmer ab. Bat mir, völlig ungewöhnlich, sofort das „Du“ an. Das mache sie bei Leuten im Rollstuhl immer so. „Willst du ne Cola? Oder ein Wasser? Guck dir das an, ich hab einen eigenen Kühlschrank in meiner Zehn-Quadratmeter-Betonzelle. Hart erkämpfter Behindertenbonus.“

Sie wollte hören, was mit mir los sei. Es war absolut faszinierend: Die Chemie stimmte von der ersten Sekunde. Und sie war derart einfühlsam, natürlich und aufrichtig, dass ich ihr sofort meine komplette Geschichte erzählt habe. Das alles war insbesondere deshalb so geradlinig, weil sie ungewöhnlich offen und damit – aus psychologischer Sicht – vermutlich völlig unprofessionell war. Aber es war eben keine Psychotherapie. Und ich glaube, es war professionelle Unprofessionalität. Sätze wie: „Boa, krass, ich würde durchdrehen!“ oder „Lesen musste ich schon viel darüber, aber so live und in Farbe weiß ich gar nicht, was ich dazu sagen soll.“ oder „Was für eine verfi**te Scheiße, tschuldigung“ würde meine Krankenhauspsychologin aus Hamburg nie in den Mund nehmen.

Und dann kam von ihr: „Also, du gibst mir bitte drei Stunden, dann sehen wir uns wieder und dann mache ich dir ein Angebot. Du machst in der Zwischenzeit bitte nichts außer dich irgendwo in ein Cafè setzen und Eis essen. Oder du legst dich auf eine Wiese an [einem Fluss] und lässt dir die Sonne auf den Bauch scheinen. In drei Stunden sehen wir uns wieder.“ – „Ich hatte sonst gedacht, ich gucke mal, ob es irgendeine Chance gibt, kurzfristig eine Wohnung zu bekommen.“ – „Mach bitte nichts. Guck dir die Stadt an, setz dich irgendwo hin, unternimm bitte nichts. Ich setze jetzt alle Hebel in Bewegung und dann möchte ich freie Schussbahn haben.“ – „Irgendwie habe ich gerade ein wenig Angst.“ – „Ich erwähne weder deinen Namen noch deine Geschichte. Ich erkundige mich nur und organisiere ein wenig. Vertrau mir.“

Es fiel mir sehr schwer, ich kannte diese Frau noch nicht mal zwei Stunden. Nach drei Stunden sahen wir uns wieder. Und ich bekam, womit ich im Traum nicht gerechnet hätte, eine Lösung auf dem Tablett präsentiert. „Also: Du kannst hier ab morgen dein Studium fortsetzen. Ich habe grünes Licht von ‚ganz oben‘ und ‚ganz oben‘ hat grünes Licht vom Land. Das kommt alles noch schriftlich, aber telefonisch ist das geklärt und offiziell bestätigt. Ich hatte Kontakt zum Landeskriminalamt, und die empfehlen dir, deinen Nachnamen ändern zu lassen. Du kannst einen Antrag stellen und fügst das Gerichtsurteil mit dem Näherungsverbot bei und holst dir mehrere Zeugenaussagen dazu, wie oft dagegen verstoßen wurde. Von Angehörigen, von der örtlichen Polizei. Dem wird aller Voraussicht nach entsprochen. Das entscheidet das örtliche Standesamt. Deine neue Adresse wird beim Landeskriminalamt in einer Opferschutz-Akte hinterlegt. Im öffentlichen Melderegister steht nur der Hinweis auf die Akte. Gleichzeitig beauftragst du eine dir nahestehende Person, dir deine Post weiterzuleiten. Das heißt: Du gibst als Anschrift offiziell deren Wohnanschrift an und dort scannt dir das jemand oder leitet das im Briefumschlag weiter. Zum Beispiel die Mutter deiner Freundin [Marie], von der du mir erzählt hast. An deine Hausklingel kommen nur deine Initialen. Hier bei uns in der Uni wird deine Akte im Präsidium geführt, die Chefsekretärin ist die einzige Ansprechpartnerin für dich, an allen anderen Stellen gibt es deinen Namen nicht. Weder deinen alten noch deinen neuen. Und auch auf irgendwelchen Listen taucht er nicht auf. Im Einzelfall müssen wir dann schauen, wie sich das genau realisieren lässt, aber das wird funktionieren. Was sagst du dazu?“

Ich antwortete nur mit einem Wort: „Namensänderung?“

Sie sagte: „Ja. Würde ich machen. Ist der effektivste Weg, wenn nicht sogar der einzige, einen Schnitt in dein Leben zu bekommen und Verfolger abzuschütteln. Ich will nicht sagen, dass wir das von dir erwarten, aber fast ist es so: Wir wollen hier natürlich auch keinen solchen Aufwand betreiben und ab nächste Woche eine psychisch kranke Frau auf dem Unigelände haben, die alle terrorisiert. Und dann ziehst du wieder um.“

Ich antwortete; „Wieder umziehen? Erstmal muss ich überhaupt eine Wohnung finden.“ – Sie grinste mich an: „Die findest du. Wir haben gleich noch ein paar Besichtigungstermine. Wenn du möchtest. Können wir auch auf morgen früh verschieben, aber am besten wäre es jetzt gleich.“ – „Häh?“ – „Nix häh. Ich arbeite doch nicht hier ohne Kontakt zu den örtlichen Vermietern zu haben und zu wissen, wo barrierefreier Wohnraum existiert. Es gibt drei Neubauprojekte, in allen gibt es noch jeweils eine barrierefreie Wohnung, die sofort bezogen werden kann.“ – Ich stand da mit offenem Mund. – „Mund zu, Herz wird kalt“, sagte sie. „Wir sind hier nicht in Hamburg, wo man drei Jahre auf eine völlig überteurte Wohnung wartet. Ich habe drei zur Auswahl. Ich muss gestehen, ganz so einfach war es nicht, ich musste mächtig Alarm machen. Aber wir haben einen Makler in der Familie und bei dem hatte ich noch einen Gefallen offen. Ich habe ihm gesagt, er soll mal zeigen, dass er ein Fachmann ist.“ – „Bist du wahnsinnig?“, fragte ich sie. – „Ein bißchen. Du musst sie ja nicht nehmen. Aber angucken schadet nicht. Und wenn du im halben Jahr was besseres findest, ziehst du wieder aus. Aber erstmal …“

Ich habe mir nur die erste Wohnung angeguckt: Drei Zimmer, Etage 2 von 2, sechs Parteien in diesem Hauseingang, Aufzug, Tiefgaragenstellplatz, Kellerraum, Niedrigenergie-Haus mit Zentralheizung, überall Parkett, im Bad Fliesen mit Fußbodenheizung, Badewanne, ebenerdige Dusche, Einbauküche, großer Südbalkon mit Holzplanken und herrlichem Panorama, überall Rolläden und Fliegengitter vor den Fenstern, zehn Minuten zu Fuß in die Innenstadt, zwanzig zu Fuß zur Uni, zehn Minuten mit dem Auto zur Autobahn. Öffentlicher Nahverkehr direkt vor der Tür. Verkehrsberuhigte Sackgasse, knapp 9 Euro kalt pro Quadratmeter, dazu kommen 2,35 Euro für Neben- und Heizkosten. Erstbezug.

Dann kam vom Makler: „Ziehen Sie alleine ein?“ – „Meine Freundin überlegt, auch hier zu studieren ab nächstem Semester. Sie sitzt auch im Rollstuhl und würde dann gerne mit einziehen.“ – „Die Eigentümerin möchte keine Studenten-WGs. Grundsätzlich nicht. Ich rufe sie aber an und frage, ob sie eine Ausnahme macht.“

Sie war ablehnend, ich hörte aber, wie er im Nebenzimmer ins Handy laberte, ich erfülle absolut nicht das Klischee. Dreißig Minuten später stand sie mit uns vor der Wohnung. War recht hektisch, musterte mich, fragte, welches Fach ich studiere, fragte, was Marie studierte, und sagte: „Ja. Könnten wir so machen. Sie wirken auf mich nicht wie eine Chaotin, die mir hier alles zerlegt und für Beschwerden unter den ganzen Nachbarn sorgt, weil hier eine Party nach der anderen gefeiert wird. Ich habe aber auch kein Problem, eine Rollstuhlfahrerin rauszuklagen, wenn das nicht funktioniert, wir haben in der Familie selbst jemanden mit einer Behinderung. Ich habe da also keine Berührungsängste.“

Eine Woche wollte er mir die Wohnung reservieren. Ich war gerade zurück in Hamburg, und bevor ich mich versah, saßen am Donnerstag Marie mit ihren Eltern und ich im Zug und donnerten in Richtung Süden, um die Wohnung erneut zu sehen. Der Makler hatte noch einmal Zeit, selbst die Eigentümerin kam noch einmal vorbei, um nun auch noch Marie zu mustern. Marie war absolut begeistert, Maries Mutter fand sie super, Maries Papa meinte: Zuschlagen. Maries Eltern luden uns zum Essen ein, Maries Papa meinte, ich sollte noch in Hamburg den Antrag auf Namensänderung stellen und mich mit erstem Wohnsitz bei ihm zu Hause melden und diese Adresse vom Landeskriminalamt abdecken lassen. Alternativ könnte Marie auch die Wohnung auf ihren Namen anmieten, er würde insoweit für sie finanziell bürgen, dann tauche ich nicht in irgendwelchen Dokumenten auf.

Am Donnerstagabend sind Maries Eltern mit Marie wieder nach Hamburg zurück gefahren. Ich schlafe über das Osterwochenende bei Freunden außerhalb Hamburgs. Am Dienstagmorgen treffen Marie, Maries Papa und ich uns höchstwahrscheinlich noch einmal mit dem Makler. Bis dahin müssen wir entscheiden, was wir tun. Anschließend fahre ich zurück nach Hamburg – vermutlich, um mit dem Umzug zu beginnen. Aber noch ist nichts unterschrieben. Ich bin noch immer völlig aufgewühlt und muss erstmal alles ordnen.

Ein kleines „M“

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Wenn ich fast fünf Jahre lang Tagebuch schreibe und das auch noch online, dann wird es in dieser weiten Welt Menschen geben, die mich besser kennen als ich. Sagte mir kürzlich ein Kumpel aus dem Sportverein. Ob er damit richtig liegt, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass ich in den fünf Jahren nach meinem Unfall über vieles nachgedacht habe und auch viele Verhaltensweisen, Werte und Einstellungen überdacht, zum Teil auch angepasst und verändert habe.

Nicht, weil ich das dringende Bedürfnis hatte, mal durchzulüften. Auch nicht, weil ich, frei nach den „Ärzten“, eine Attitüde in mir kochen sah, die, wiederum frei nach „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry, den Blick meines Herzens auf das Wesentliche eintrübte. Sondern weil ich als kleine unbedarfte Stinkesocke ungefragt und plötzlich mit Dingen konfrontiert wurde, die meine Kinder- und Teenie-Augen zuvor nie bewusst wahrgenommen und die auch mein Herz noch nie gesehen hatten.

In der Eile, in der ich selbständig werden musste, kam ich mir anfangs oft vor wie eine Einsiedlerin. Wie jemand, der vom Himmel in eine neue Welt geplumpst ist, in der die Uhren anders ticken. Der mit alledem, was sonst Halt gibt, sei es Familie, sei es Freunde, sei es die Dazugehörigkeit zur Gesellschaft, nichts anfangen konnte. Die sich von dem einen oder anderen distanzieren musste und distanzierte. Der zweite Schritt, nämlich zu erkennen, dass ich keine Einsiedlerin bin, die sich nun einsam in eine fremde Welt etablieren muss, sondern allenfalls ein wenig anders, wie viele andere Menschen auch, war vielleicht deshalb etwas schwieriger, weil ich mich erstmal mit meiner neuen Fortbewegungsart anfreunden musste. Einige Radumdrehungen später habe ich erfahren, dass ich in einer Gesellschaft lebe, die gerade versteht, dass das „fahrende Volk“, genauso wie alle anderen, die irgendwie anders sind, dazu gehört. Dass jeder Mensch, der irgendwie anders ist, die Gesellschaft bereichern kann. Und dass jeder Mensch tatsächlich irgendwie anders ist.

In Metaphern zu sprechen oder zu schreiben, kann insbesondere bei großen Problemen sehr hilfreich sein. Finde ich. Findet meine Psychologin auch. Solange der Bezug zum Wesentlichen nicht völlig verloren geht und sich am Ende der Kreis wieder schließt. Selbst Melvin Udall, der liebenswürdige Neurotiker aus „As Good As It Gets“, der sich kürzlich anlässlich eines Videoabends in unserem Gruppenraum an eine weiße Wand werfen ließ, stimmte dem indirekt zu, als er sich mit einem provozierenden „Ich finde, Leute, die in Metaphern sprechen, können mir den Schritt shampoonieren“ seinen Tisch in seinem Lieblingsrestaurant zurück eroberte. Und wer könnte das besser wissen als er?!

Wobei ich nach vier langen einleitenden Absätzen nun endlich beim Thema wäre. Nein, nicht die Metaphern. Ich weiß, ich bin gerade ein kleines Schweinchen.

Sex.

Ich habe, angesprochen auf das Thema „Sex“ immer geantwortet, dass Sex für mich nur mit einem Partner in Frage kommt. Dass es etwas ganz besonderes ist. Dass ich mir Sex zwar außerhalb einer Ehe vorstellen kann – ganz so brav und konservativ bin ich dann doch nicht. Aber eben nicht außerhalb einer festen Beziehung – so brav und konservativ bin ich dann doch. Glaubte ich zumindest.

Ich denke in den letzten Wochen oft und viel über dieses mein Attitüdchen nach, und darüber, ob es möglicherweise zu schnell entstanden ist. In eben dieser erwähnten Phase nach meinem Unfall. Fakt ist, dass ich gerne eine Beziehung hätte. Zu einem Prinzen. Aber leider sind zur Zeit irgendwie keine Prinzen auf dem Markt. Zumindest keine, die Stinkesocken suchen. Fakt ist auch, dass ich gerne Sex hätte. Aber leider verbietet mir eben dieses mein Attitüdchen, mich überhaupt darauf einzulassen oder sogar aktiv zu werben. Denn Fakt ist drittens, es gäbe schon den einen oder anderen Typen, den ich körperlich absolut lecker finde und charmant und kuschelig – den ich auch mal einen Tag lang oder eine Woche lang gut um mich haben könnte; mit dem ich mir aber keine dauerhafte Beziehung vorstellen kann. Nur würde ich mich dabei wohl zwischen Freundschaft oder F…ögeln entscheiden müssen, denn beides zusammen klappt vermutlich nicht.

Ich könnte das einfach heimlich ausprobieren. Niemandem davon erzählen. Nicht mal meiner besten Freundin. Aber so ein Mensch bin ich nicht, wenngleich ich mir meine Meinung sicherlich nicht vorschreiben lassen möchte. Aber eben weil ich innerlich so hin- und hergerissen bin, ist mir wichtig, was meine Freunde über dieses Thema denken.

Ich spiele vor allem immer wieder mit dem Gedanken, ein klitzekleines „M“ zu ergänzen. Aus dem Satz „Ich kann mir Sex nur innerhalb einer Partnerschaft vorstellen“ könnte vielleicht ein „Ich kann mir Sex nur innerhalb meiner Partnerschaft vorstellen“ werden. Was weiterhin bedeutet, dass ich meinem Partner treu bin, auch dann, wenn wir vielleicht -aus welchen Gründen auch immer- keinen Sex haben können, und dass ich auch mit niemandem etwas anfange, von dem ich weiß, dass er eine Partnerschaft hat. Was aber -was so ein kleiner unschuldiger Buchstabe nicht so alles verändern kann- nicht mehr bedeutet, dass ich, solange ich solo bin, niemanden ran- und schon gar reinlasse.

Ich werde mit Sicherheit weder zu einer Schlampe noch zu einer Dorfmatratze mutieren. Letztes alleine schon deshalb nicht, weil Hamburg die zweitgrößte Stadt Deutschlands ist und damit alles andere als Dorfcharakter hat. Es muss ja auch nicht gleich zum Äußersten kommen. Aber sollte ich mir weiterhin verbieten, einen leckeren Typen anzubaggern und mit ihm intensiv zu flirten und vielleicht auch rumzumachen, nur weil ich vorher weiß, dass ich mir mit ihm keine Beziehung vorstellen kann? Wird ein späterer Prinz, sofern doch mal wieder einer im Angebot ist, das von mir erwarten? Wird er meine „Jungfräulichkeit“ zu schätzen wissen? Tut mir diese „Diät“ wirklich gut?