Kein Triathlon IV

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Hier kommt nun der letzte Teil meines mal wieder ausführlich beschriebenen Erlebnisses. Und ich warne vor: Es wird exkrementlastig. Wer da empfindlich ist, liest vielleicht lieber ein wenig im Telefonbuch.

An meinem „großen Tag“ weckte mich der Wecker. Nicht die Enten. Als ich nach dem Duschen wieder im Zelt war, sagte Christin: „Ziehe ich dir das Ding jetzt im Zelt im Liegen an oder legen wir drüben eine Decke auf die Wiese? Im Sitzen wirst du es nicht über den Hintern kriegen.“ – Gemeint war ihre Ersatz-Hightech-Schwimmkleidung, die sie bereits ausrangiert und nur für den Notfall noch dabei hatte. Oder für Stinkesocken, die ziemlich genau die gleichen Körperproportionen haben. Ich antwortete: „Ich lege mich nicht nackt vor den Augen anderer auf eine Decke.“ – „Dann hier. Danach nur noch Zelt abbauen, das mache ich, alles ins Auto, Klappe zu, rüberrollen.“

Ich habe noch nie in meinem Leben so ein enges Teil angezogen. Christin meinte die ganze Zeit, dass das so eng sein müsse. Ich dachte, ich implodiere gleich. Über die Beine ging es in etwa zehn Minuten. Das war wie eine superenge Feinstrumpfhose. Stück für Stück. So stelle ich es mir vor, Kompressionsstrümpfe anzuziehen. Dann über den Hintern. Was an sich kein Problem wäre, müsste nicht der ganze Stoff, der später den Oberkörper bedeckt, auch mit drüber. Der Stoff erinnerte mich irgendwie an Butterbrotpapier. Ich war in erster Linie damit beschäftigt, nicht wegzurutschen. Aber Christin war völlig ruhig. Nach weiteren zehn Minuten hatte sie das Ding über meinen Popo bekommen. Dann nochmal überall etwas nachziehen, dann bis zur Brust hochziehen und wieder runterschieben. „Oben ziehst du dir jetzt ein Shirt drüber, das machen wir erst kurz vor dem Start, sonst schneidet es später an den Schultern so in die Haut ein.“ – „Darf ich atmen?“ – „Wenn es noch geht, gerne. Unten ziehst du dir eine lange Sporthose drüber, damit du nirgendwo hängen bleibst und ein Loch reinreißt. Du siehst klasse aus.“

Hatte schonmal irgendwer so ein Teil an und weiß, wovon ich schreibe? Ich fürchte: Nein. Während ich mich schonmal auf den Weg zum Call-Tent machte, wo sich alle Schwimmerinnen eine halbe Stunde vor dem Start zu letzten Anweisungen einfinden sollte, baute Christin unser Zelt ab. Eigentlich wollte ich mich nochmal einschwimmen. Aber das würde ich zeitlich nicht mehr schaffen. Egal, es ging um nichts. Außer ankommen. Ein Mensch vom Orgateam kam auf mich zu und sprach mich in gebrochenem Deutsch an. „Mein Name ist Freddi und ich bin für ihre persönliche Assistenz zuständig. Wenn Sie Hilfe benötigen, rufen und winken Sie bitte nach mir. Ich bin immer auf dieser Wiese oder auf dem Steg.“ – „Dankeschön.“

Ich war so aufgeregt. Meine Badekappe hatte ich irgendwo. Meine Schwimmbrille auch. Christin kam zu mir. „Ich habe das gerade noch mit dem Kajak geklärt. Ich helfe dir auf den Steg und beim Start, dann komme ich im Kajak hinter dir her und begleite dich bis zum Ziel. Die ersten fünf bis zehn Minuten müsstest du alleine schaffen. Ich habe mir schon eine Schirmmütze organisiert gegen die Sonne. Eincremen mache ich, wenn ich dir den Anzug hochgezogen habe, sonst habe ich keine Kraft. Und dann geht es los. Bist du aufgeregt?“ – „Wahnsinnig.“ – „Hör gleich gut zu beim Briefing. Nicht dass du die Bojen falsch anschwimmst und disqualifiziert wirst. Ich würde deinen Rollstuhl auch gerne ins Auto werfen. Zum Steg kommen wir damit eh nicht runter, das Ding versandet unterwegs. Ist es okay, wenn ich dich auf den Arm nehme?“ – „Meinetwegen ja, aber bin ich dir nicht zu schwer?“ – „Das kriege ich hin.“

Sie war sehr fürsorglich. Was ich sonst nicht so mag. Aber irgendwie konnte sie es so gut abgrenzen. Verstand, wo es mir half und wo es unangebracht war. Bis das Briefing startete, dauerte es gefühlt endlos. Ich saß zusammen mit Christin in der letzten von fünf Klappstuhlreihen in einem großen weißen Zelt. Mein Herz raste vor Aufregung. Ich versuchte, mich zu entspannen. Christin drückte mir erneut meine Trinkflasche in die Hand und brachte erstmal meinen Rollstuhl ins Auto, während ich auf einem wackeligen Holzklappstuhl saß. Neben mir saßen rund dreißig Frauen, wenige ein paar Jahre jünger als ich, etliche ein paar Jahre älter als ich. Durchschnittlich wohl um die 30. Als Christin wieder da war und sich neben mich setzte, fing endlich jemand mit der Begrüßung an. Der Zeitplan war schon nicht mehr zu halten. In zwei Minuten sollte der Start sein. Die Männer waren schon lange im See. Es begann damit, dass die Windstärke unter drei sei, die Wassertemperatur 23,6 Grad und die Luft bereits 25 Grad hätte. Alles auf Englisch. Was wichtig sei, wenn jemand einen Krampf bekäme. Dass man sich nirgendwo festhalten dürfe, auch nicht am Begleitboot. Dass die Strecke amtlich vermessen sei und zur Qualifikation für höhere Leistungsstufen geeignet sei. Mein größtes Problem war (wie könnte es auch anders sein) mal wieder meine Blase. Das würde nicht mehr lange gut gehen. Und er hörte einfach nicht auf zu sabbeln. Noch eine Regel, noch ein Hinweis. Die junge Frau neben mir war auch schon ganz nervös und wippte die ganze Zeit mit ihren Beinen. Ich flüsterte Christin ins Ohr: „Wenn der noch lange labert, geht hier was schief.“ – Christin sagte: „Ist Rasen unterm Stuhl. Merkt keiner.“

Nö, das würde ja auch gar nicht plätschern. Ich überlegte, ob ich mich lieber auf den Boden setzen sollte. Dann endlich war er fertig. „Wenn keine weiteren Fragen mehr sind, begeben Sie sich bitte direkt bis vor den Steg. Sie werden einzeln aufgerufen.“ – Christin nahm mich auf den Arm. Einen Arm unter meine Knie, einen Arm hinter meinen Rücken und unter meine Schultern, ich hielt mich mit einem Arm an ihren Schultern fest. Sie trug mich nach draußen und setzte mich auf den Rasen vor den Steg. Wahnsinn, wie kräftig sie war. Es machte ihr scheinbar überhaupt nichts aus. Ich bin nun auch nicht sehr schwer, aber ich bin auch kein Kind mehr. Ein herumstehendes älteres Paar, er mit einem Wanderstock in der Hand, tuschelte hörbar: „Ach, die ist behindert. Ich wundere mich schon, warum sie getragen wird. Schwimmt die auch mit? Nicht, dass die untergeht.“ – Christin murmelte leise: „Fresse.“

Vorsichtig mein T-Shirt ausziehen und vor die Brust halten, während Christin mir die Träger über die Schultern zog. Das war nochmal ein Akt. Und ich weiß, too much information, aber es blieb uns nichts erspart: „Ich piss jetzt echt hierhin“, sagte ich. Christin meinte: „Ja schön. So trocken, wie das Gras ist, versickert das an Ort und Stelle.“ – Ich war froh, es zumindest bis hierhin geschafft zu haben. Christin schmierte mich an den Schultern und am Hals fett mit Sonnencreme und Vaseline ein. Eine Badekappe auf den Kopf, Schwimmbrille drüber, zweite Badekappe, festkleben. An der Stirn, an den Wangen. Ich bekam meinen Transponder ums Handgelenk. Auch festkleben. Mit wasserfestem Klebeband. „Der rödelt sich sonst los in den nächsten Stunden“, wusste Christin. Hätte ich alles nicht auf dem Schirm gehabt. Nun kam endlich die Frau mit dem dicken schwarzen Fasermaler und schrieb mir meine Startnummer auf die Oberarme und auf die Hände. Christin gab mir drei Squeez-Trinkbeutel für unterwegs. „Steck sie dir hinten rein.“ – „Was?“ – „Am Hintern oben in den Badeanzug. Dann hast du was mit Zucker, wenn du schnelle Energie brauchst. Wasser bekommst du an der Verpflegungsstation, das hat er ja eben erklärt. Gesalzene Suppe gibt es heute nicht.“ – „Haha.“

Dann durfte Christin mich endlich auf den Steg bringen. Ich saß am äußersten linken Ende. Man rechnete wohl damit, dass ich die langsamste sein würde. Ich saß auf Christins Handtuch. Mit meinem angepinkelten Hintern. Es dauerte nochmal rund fünf Minuten, dann hob ein Mensch auf einem Motorboot endlich seine Fahne. „Take your marks …“ – Mit dem lauten Hupen aus einer Druckluft-Tröte sollte es losgehen. Ich war durch das lange Sitzen außerhalb des Wassers richtig aufgeheizt und dachte für einen Moment, ich bekäme Kreislauf, als ich in das kalte Wasser fiel. Ich schwamm einfach. Christin hatte Recht. Die optimierte Wasserlage durch den geringfügigen zusätzlichen Beinauftrieb in dem langen Schwimmanzug war vorteilhaft. Und die Gleit-Eigenschaften auch. Ich kraulte. Ich suchte eine Geschwindigkeit, die ich möglichst eine lange Zeit durchhalten könnte. Ohne dass ich heute abend noch beschäftigt wäre. Die ersten hundert Meter liefen gut. Ich war nicht die letzte, sondern hatte bereits zwei Frauen überholt. Ohne mich angestrengt zu haben. Ich versuchte eine lockere Armfrequenz und eine ganz ruhige Sechser-Atmung. Klappte. Allerdings nicht immer, manchmal wollte ich atmen und bekam wegen einer Miniwelle den Mund nicht aus dem Wasser. Dann zur anderen Seite … klappte. Doch, es lief besser als gedacht. Schon zweihundert Meter? Und noch immer zwei Leute hinter mir. Gut.

Ich versuchte, abzuschalten. Sechser-Atmung. Ganz ruhige und lange Züge. Ellenbogen weit aus dem Wasser raus. Schön den letzten Druckpunkt noch mitnehmen. Kopf konkret zum Atmen hochdrehen und nach dem Einatmen zackig wieder ins Wasser zurück. Finger zusammen. Sauber eintauchen, Arme weit vorstrecken. Lief. Um Christin zu entdecken, atmete ich jetzt zur anderen Seite. Nein, sie war noch nicht da. Oder? Egal. Sie würde mich schon entdecken und im Moment brauchte ich sie nicht. Richtiger Kurs? Ja. Die nächste Boje liegt vor mir. Die beiden Frauen waren weiterhin hinter mir. Nicht ablenken lassen. Schwimmen.

So schwamm ich. Und schwamm. Und schwamm. Irgendwann sah ich Christin. Ihr Kajak fuhr etwa zehn Meter neben mir. Tipps dürfte sie mir nicht geben. Aber falls irgendwas schief gehen würde, wäre sie da. Ich schwamm. Und schwamm. Das Tempo schien okay zu sein. Das würde ich durchhalten können. Vermutlich. Habe ich es auf Anhieb richtig gewählt? Wahnsinn. Das ist das erste Mal, dass ich eine so lange Strecke im See schwimme. Die beiden Frauen sind noch immer hinter mir. Die erste Boje würde bei 1,5 Kilometern kommen. Da war ich noch lange nicht. Obwohl … Konzentration. Nicht so viele Gedanken machen, sondern sauber schwimmen.

Plötzlich war sie da. Wenn ich nach vorne schaute, konnte ich sie sehen. Die erste rote Boje. Alles lief gut. Wenn es so weitergehen würde, würde ich es schaffen. Die erste Wasserstation war in einem Kilometer. Ich griff nach einem Trinkbeutel. Ein Plastikverschluss. Ich legte mich auf den Rücken, bekam den Verschluss geöffnet und kippte das Zeug in mich rein. Apfelsaft. Geschätzt 200 Milliliter. Christin kam dicht an mich heran. „Schwimm du weiter, ich fische den Müll gleich aus dem Wasser“, rief sie mir zu. Das Trinken muss ich noch üben. Ich hatte dabei Luft geschluckt. Hat schonmal jemand unter Wasser gerülpst? Nee? Mahlzeit. Weiter im Text. Sechser-Atmung. Ging noch immer. Nochmal, nochmal, und Zack! Hatte ich eine Welle im Mund und verschluckt. Bäh. Ich musste husten. Heftig husten. Und kotzte dabei den Apfelsaft wieder aus. Boa, wie widerlich. Ich hustete nochmal. Und kotzte. Unter Wasser. Schwallweise. Ich drehte mich auf den Rücken. Nochmal husten. Nicht mehr kotzen. Und atmen. Atmen. Husten. Atmen. Ich drehte mich wieder in Bauchlage. Und musste wieder husten. Wieder zurück in Rückenlage. Eine Frau zog an mir vorbei. Ich hoffe, sie hatte nichts von meinem Apfelsaft abbekommen. Christin rief: „Was ist los? Verschluckt? Einmal aufrichten, abhusten, weitermachen!“ – Ich versuchte, meinen Oberkörper in eine senkrechte Position zu bekommen. Ich hatte noch mehr Luft im Magen, die jetzt rauskam. Danach war auch der Hustenreiz weg. „Weiter!“, brüllte Christin. Ist ja gut.

Weiter. Trinken will gelernt sein. Ich schwamm wieder. Vierer-Atmung. Irgendwann wieder Sechser-Atmung. Schwimmen, schwimmen, schwimmen. Meine Arme wurden schwer. Zuckermangel? Noch einen Versuch mit dem Apfelsaft starten? Wäre wohl besser. Wieder auf den Rücken drehen. Dieses Mal klappte es besser. Ich ging gleich nach dem Trinken einmal in die Horizontale, rülpste die Luft aus dem Magen, und schwamm weiter. So oft und so laut habe ich das wohl noch nie in meinem Leben gemacht. Aber wie sagte Christin? Ich bräuchte mich nicht zu genieren. Meine Blase war ruhig, mein Darm war ruhig, mein Magen war ruhig. Die schweren Arme wurden wieder leichter. Die Wasserstation kam in Sichtweite. Eigentlich hatte ich keinen Durst. Aber besser wäre es wohl. Die Wasserstation bedeutete auch, dass ich die Hälfte gleich geschafft hätte. Ich bekam eine Trinkflasche gereicht. Öffnete sie auf dem Rücken liegend und soff. Doch, ich hatte Durst. Zum Glück war es Wasser ohne Gas. Ich sah, dass inzwischen drei Leute hinter mir waren. Und ich konnte mich nicht erinnern, zwei überholt zu haben. War ich so konzentriert?

Einmal in die Horizontale. Nee, keine Luft im Bauch. Das lag wohl an diesen komischen Trink-Squeeze-Beuteln. Ich schwamm und schwamm. Und überholte tatsächlich noch eine Frau. Jetzt hatte mich der Ehrgeiz gepackt. Vier Schwimmerinnen hinter mir, obwohl sie mit Armen und Beinen schwammen? War ich so gut oder konnten die nur ihre Kräfte besser einteilen und würden mich auf dem letzten Kilometer überholen, während ich auf den Seegrund absinke? Schwimmen. Nicht so viel denken. Auch nicht darüber nachdenken, dass ich heute noch mit dem Auto wieder nach Hause fahren musste. Oder was wohl Helena macht, ob es ihr gut geht. Wie es Marie geht. Hallo, Kopf! Schwimmen!

Irgendwann war die nächste Boje in Sicht. Schon dreieinhalb Kilometer geschafft. Aber noch 1.500 Meter. Soviel wie 60 kurze Bahnen. Nach der Boje kamen die Wellen eklig von der Seite. Ich atmete zur anderen Seite. Und sah jetzt Christin ständig neben mir. Die Arme wurden schwer. Fühlte ich sie überhaupt noch? Halte ich das durch? Eigentlich nicht. Aber durchbeißen ist jetzt angesagt. Konzentrieren. Es war die letzte Boje. Und ich bin nicht die letzte Schwimmerin. Noch immer waren vier Schwimmerinnen hinter mir. Bei jedem dritten Versuch, zu atmen, bekam ich jetzt eine Welle ab. Und immer, wenn ich Seewasser in den Mund bekam, versuchte ich, es wieder auszuspucken. Was mir nicht immer gelang. Aber zum Glück verschluckte ich es nicht. Ich bekam Bauchweh. Das war auch keine Luft im Bauch, das war der Darm. Den ich eigentlich heute morgen entleert hatte. Würde ich am Ende auch so eine tolle Story erzählen können? Bitte. Nicht.

Nochmal Apfelsaft. Christin fischte den Müll aus dem Wasser. Nochmal rülpsen. Das ist nicht der Darm. Das ist die Blase, die da Theater macht. Als ich kurz in der Horizontalen war, fasste ich mir an den Bauch. Das war die Blase. Warum entleerte die sich nicht? Sonst tut sie das zu den unmöglichsten Momenten, und jetzt, wo sie es dürfte, macht sie es nicht? Soll das jemand verstehen? Ich versuchte, sie zu triggern. Unterleib beklopfen, an den Oberschenkelinnenseiten kratzen. Nö. Interessierte sie nicht. Ich bekam Gänsehaut. Könnte sie sich bitte entleeren?

Sie dachte nicht dran. Weiter im Text. Christin kam zu mir. „Was ist los? Nicht so lange unterbrechen, sonst kommst du raus. Es läuft so gut für dich.“ – „Ich muss dringend pissen und kann nicht.“ – Sie lachte. „Dreh dich auf den Rücken und versuch nochmal.“ – Ich drehte mich auf den Rücken. Kratzte nochmal an meinen Beinen. Nichts. Keine Chance. Die vierte Schwimmerin kam gefährlich nahe. Weiterschwimmen. Bevor ich aus dem Rhythmus kam. Der Ehrgeiz packte mich. Ich wollte es durchziehen. Und vor den vier anderen ins Ziel kommen. Ich schwamm zügig weiter und konnte auch wieder ein wenig größere Distanz zu der gefährlich nahe gekommenen Schwimmerin aufbauen. Ich schaute einmal nach vorne. Die nächste Schwimmerin war sehr weit weg. Die würde ich nicht mehr einholen. Das Ziel ist noch etwa einen Kilometer entfernt. Das würde ich schaffen.

Dann spielte doch tatsächlich noch mein Kreislauf verrückt. Mein Herz raste. Das war die Blase, die hier so extrem auf mein Nervensystem drückte. Einen Moment später hörte ich ein Rauschen in meinen Ohren, mir wurde schwindelig. Nicht lustig. Ich schwamm weiter. Drei, vier Sekunden später ging es wieder. Jetzt durchhalten bis zum Ende. Kreislauf, Kreislauf, Kreislauf. Abwechselnd Herzrasen und dann Blutdruckabfall. Rauschen in den Ohren, schwindelig. Aber immer nur Sekunden. Ich konnte dabei aber weiter schwimmen. Übel war mir. Nochmal spucken? Bitte nicht. Jetzt so kurz vor Ende aufgeben? Bitte auch nicht. Ich schwamm näher an Christin heran. Drehte mich auf den Rücken. Sagte zu ihr: „Ich hab Kreislaufprobleme. Bleib mal bitte in meiner Nähe.“ – Und schwamm weiter. Viereratmung. Die Atmung wurde immer flacher. Am Ende schwamm ich immer langsamer, aber mit Zweieratmung. Übel war mir. Egal jetzt, die Anschlagbrücke, unter der ich durchschwimmen müsste, ist da vorne. Sichtbar. Durchziehen jetzt. Endspurt? Daran war nicht zu denken. Ich könnte froh sein, wenn ich da ohne Abzusaufen ankomme. Kreislauf grüßt erneut. Nie so, dass es unbeherrschbar wurde, aber doch deutlich merkbar. Dann endlich: Das Ende ist keine 50 Meter mehr weg. Und die vier Schwimmerinnen sind noch hinter mir. Eine ist sehr nah dran, aber ich würde das durchziehen. Komme ich mit meiner Hand überhaupt an diese Brücke? Ja, mit den Fingerspitzen. Weiterschwimmen, weiterschwimmen. Ins flache Wasser. Ich kann nicht mehr.

Christin musste um die Anschlagbrücke herum paddeln, fuhr mit dem Kajak auf den Strand, sprang heraus und kam zu mir gelaufen. „Du bist fertig, Jule, du hast es geschafft! Superklasse! Ganz ruhig, leg dich auf den Rücken. Atme ganz ruhig weiter. Alles ist gut. Versuche, auf dem Rücken etwas weiter zu schwimmen. Du bist im flachen Wasser, ich kann hier stehen und passe auf dich auf. Leg dich auf den Rücken. Ganz ruhig.“ – Sie hielt mich fest. Das tat gut. Ich hatte Unterleibsschmerzen, das war unbeschreiblich. Blase und Nieren. Gar nicht gut. Wenn sich das jetzt nicht sofort regulieren würde, müsste ich mich sofort kathetern. Ich wusste nicht, ob sie das auf dem Schirm hatte. Ich sagte: „Ich muss so extrem dringend, dass es schon weh tut, und kann aber nicht. Das macht auch die Kreislaufprobleme, schätze ich.“ – Ich war richtig kurzatmig. Christin nahm mich auf den Arm und ging mit mir noch ein Stück tiefer ins Wasser. „Versuche, dich zu entspannen.“ – Sie drehte mich so, dass ich auf den See hinaus gucken konnte. Hielt mich unter meinen Knien fest. Wie man ein kleines Mädchen abhalten würde. Nur im Wasser. Ich kratzte erneut an den Innenseiten meiner Oberschenkel. Nichts. „Entspann dich. Guck in die Ferne. Bleib ganz ruhig.“ – Meine Güte, tat das weh. Das war so gemein und sicherlich nicht gesund. Dann plötzlich klappte es. Zuerst spürte ich nur die Wärme, dann ließen die Schmerzen langsam nach. Es schien gar nicht mehr aufzuhören. „Es klappt, oder?“, fragte Christin. Ich nickte. Sie hielt mich weiter fest. Was um mich herum passierte, bekam ich nicht mit. Christin sagte: „Gut, dass niemand so genau weiß, was wir hier tun.“

Das war mir so egal. Es waren gefühlt schon zwei Minuten vergangen. Irgendwann ließ Christin meine Beine los. Ich konnte wieder atmen. Die Schmerzen waren weg. Ich fühlte mich so erleichtert. Sowas hatte ich noch nie. So extrem. Ich atmete mehrmals ganz tief ein und aus. Dann begann ich zu frieren. Und gleichzeitig zu lachen. Ich hatte so eine Euphorie in mir, dass ich lachen musste, ob ich wollte oder nicht. Und nicht mehr aufhören konnte. In den ersten Momenten lachte Christin mit. Dann realisierte sie aufgrund ihrer Wettkampferfahrung, was mit mir los war. Und schien zu wissen, dass das nicht angenehm ist. „Du hast einen Flash, oder? Versuche, ruhig zu atmen. Ich bin bei dir. Das ist gleich vorbei. Einfach nur ruhig atmen.“ – Christin trug mich aus dem Wasser und setzte mich auf die Wiese ins Gras. „Ich hole dir dein Handtuch.“

Meine Zeit: Ich war schneller als Christin. Während sie 2:15 Stunden gebraucht hatte, war meine Zeit 2:09:33 Stunden. Okay, ich gebe zu, sie ist die doppelte Strecke geschwommen. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit waren damit etwa 2,3 km/h. Das ist nun wirklich nicht schnell, aber: Schwimme du mal 5 Kilometer am Stück ohne Beine. Und dann reden wir nochmal. Und für ein allererstes Mal ist die Zeit gut. Basta. Christin fand sie super. Und immerhin waren noch vier Leute langsamer als ich. Okay, die waren schon über 60. Aber sie waren langsamer.

Christin trug mich unter eine nicht barrierefreie Dusche. Sie hatte einen Gartenstuhl dort hineingestellt, auf den ich mich setzen konnte. Das Ausziehen dieses Schwimmanzugs ging bedeutend schneller als das Anziehen. Christin und ich duschten in derselben Kabine. Sie seifte mich mit ein. Es war einiges an Shampoo und mechanischer Arbeit nötig, um die Vaseline-Reste und die Reste der Startnummern von der Haut zu bekommen. Ich war völlig platt. „Wenn es für dich okay ist, fahre ich“, sagte Christin. „Dann kannst du schlafen. Du siehst sehr kaputt aus.“

Geschlafen habe ich im Auto zwar nicht, aber es war gut, dass sie gefahren ist. Sie ist sehr gut und aufmerksam gefahren. Wieder zu Hause, empfingen mich bereits Helena und Marie. Sie wollten als Erstes meine Urkunde sehen. Marie fand meine Zeit gut. Und dann erzählte ich von Christin und unseren beiden Nächten. Bevor Marie oder Helena das in meinem Blog lesen. Helena: „Hattet ihr Se* miteinander?“ – „Nein, wir haben nur ein wenig gekuschelt.“ – „Aber nackt?!“, fragte Helena. Ich antwortete: „Ja.“ – Sie überlegte einen Moment und sagte dann: „Das muss so schön sein.“ – „Wir haben nur ein wenig gekuschelt. Den Rücken gekrault und sowas. Aber es war schön.“ – „Aber du kraulst mich doch trotzdem auch noch, oder?“

Na sicher, Helena. Sicher.

Gute Vorsätze und: Wie man damit umgeht

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„Gute Vorsätze“ ist, glaube ich, ein Instrument, um vom Jahreswechsel-Blues, den viele Menschen schieben, wenn sie die letzten 365,25 Tage in ihren Gedanken Revue passieren lassen, abzulenken. Genauso wie die Knallerei. Die soll böse Geister vertreiben. Vermutlich nicht nur die draußen, sondern auch die, die auf der Psyche liegen. Wenn Weihnachten, das Fest der Liebe, vorbei ist, und alle Aufregung verflogen, dann brauchen die Menschen etwas, an dem sie sich festhalten können. Gute Vorsätze.

Früher oder später ist der Jahreswechsel-Blues weg. Alle sind wieder im Alltag angekommen, sind wieder im Stress, sind mittendrin. Mit ihm weg sind dann auch die guten Vorsätze. Einmal pro Tag ins Schwitzen kommen, respektvoll und wertschätzend mit meinen Mitmenschen umgehen, nicht auf Behindertenparkplätzen parken und so weiter – spätestens Ende Januar ist alles so wie früher.

Alle Behindertenparkplätze sind belegt, mit Leuten ohne Ausweis. Das Schwimmbad ist wieder leer, niemand zieht mehr seine Bahnen. Außer die Verrückten, die auch ohne gute Vorsätze schon immer regelmäßig trainiert haben. So wie Marie und ich, die heute beide 2,8 Kilometer geschwommen sind. Und Helena, die nebenbei, ganz cool, ihr Jugendschwimm-Abzeichen in Silber geschafft hat. Zum Sprung vom Dreimeter-Brett ist die Mitarbeiterin der Schwimmhalle doch tatsächlich Stufe für Stufe mit ihr die Leiter hochgeklettert und hat sie gesichert. Und oben, ohne lange zu überlegen: Zack, erledigt.

Vorher musste Helena eine Karte lösen. Marie und ich nicht, wir kommen mit unserem Mitgliedsausweis rein. Helena stellt sich brav an der Kasse an, vor ihr führt eine ältere Dame unendliche Gespräche wegen Gutscheinen und Rabatten. Als Helena endlich dran ist und schon Luft holt, kommt eine Frau von rechts und drängelt sich vor. Helena, nicht auf den Mund gefallen, fragt ganz höflich: „Möchten Sie vor?“ – Da sagt doch die Frau: „Nicht nötig, ich bin schon dran.“

Löst ihre Karte, bezahlt mit einem Dutzend Münzen, grinst Helena nochmal an, dreht sich zum Eingang und muss ruckartig stehen bleiben, weil ich mich ihr in den Weg gestellt habe. Ich frage: „Was war das denn eben?“ – Sie geht um mich herum ohne zu antworten. Ich hätte ja große Lust, sie in der Halle noch einmal anzusprechen. Aber was würde das bringen? Sie hat sich lediglich vorgedrängelt. Ich denke mir so: Hoffentlich verschluckt sie bei der nächsten Wende zwei Liter Beckenwasser mit drei richtig fetten Haarbüscheln. Und ein wenig ärgert es mich, dass ich nicht auf Kommando neben ihr pinkeln kann.

Während wir unsere Bahnen schwimmen, schiebt plötzlich ein Badegast unsere beiden Rollstühle an die Wand. Also er hebt sie mehr als dass er sie trägt, weil sie ja festgebremst sind. 25 Meter Kraul schaffe ich, wenn ich mich beeile, in rund 20 Sekunden. Das ist eine Geschwindigkeit von immerhin fast 2,5 Knoten! Oder 4,5 km/h. Okay, die schnellste Schwimmerin der Welt mit einer in etwa vergleichbaren körperlichen Einschränkung schafft rund 6,5 km/h, aber das Ziel, die weltschnellste Schwimmerin mit Querschnittlähmung im Lumbalbereich zu sein, hatte ich noch nie. „Entschuldigung, was machen Sie mit unseren Rollstühlen?“, frage ich den recht sportlich aussehenden Herrn, der zwischen 55 und 60 Jahre alt sein dürfte.

„Die dürfen hier nicht am Beckenrand stehen, das ist eine Unfallgefahr“, sagt er. Ich antworte: „Und wie kommen die später wieder zu uns zurück? Ich krabbel doch jetzt nicht quer über die Fliesen.“ – „Das müssen Sie auch nicht. Sagen Sie mir einfach Bescheid, dann hole ich sie Ihnen wieder.“ – „Nein, lassen Sie die bitte hier am Beckenrand stehen.“ – „Unfallgefahr. Die müssen hier weg.“ – „Dann müssten Sie die Startblöcke da aber auch abmontieren. Ob die nun da stehen oder direkt daneben ein Rollstuhl …“ – „Die Startblöcke sind fest, die Rollstühle beweglich. Jemand könnte darüber stolpern und mit den Stühlen ins Wasser stürzen.“ – „Nun ist aber gut.“ – „Wie gesagt, sagen Sie mir kurz Bescheid, wenn Sie wieder raus wollen. Ich bin dahinten in Bahn 2. Wenn es sein muss, hebe ich Sie sogar hoch. Ich habe jahrelang meine behinderte Mutter gepflegt, von daher weiß ich, wie man damit umgeht.“

Wie man damit umgeht. Aha. Ich schwimme zurück, tauche unter der Leine durch und kralle mir die Schwimmhallen-Aufsicht. „Entschuldigung? Der Herr dort hinten hat unsere Rollstühle vor die Wand geschoben. So kommen wir jetzt aber nicht mehr dran. Könnten Sie uns die bitte wieder an den Beckenrand stellen?“ – „Ja, selbstverständlich.“ – „Danke.“

Wie man damit umgeht.

Der 60. Geburtstag meiner Mutter

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Genau 10 Jahre ist es heute her, dass ich mit dem Bloggen begonnen habe. 10 Jahre! Eine lange Zeit.

Damals war ich 16 Jahre alt, lag in einem Krankenhaus und war ziemlich übel zugerichtet. Ich wurde auf dem Schulweg von einem Auto geknutscht und bin geflogen. Zuerst über den Asphalt, dann mit einem Heli – und ein paar Wochen später zum ersten Mal aus dem Rollstuhl, weil sein Vorderrad sich im Schnee verhedderte.

Damals hatte ich Stress mit meiner Muddi. Sie konnte nicht begreifen, dass ich nicht lange aus dem Krankenhaus durfte, auch nicht, wenn sie ihren 50. Geburtstag feiert und mich gerne dabei gehabt hätte.

Inzwischen bin ich 26 Jahre alt, arbeite in einem Krankenhaus und fühle mich sehr gut. Mein Rollstuhl ist mein ständiger Begleiter, und er macht einen guten Job. Ich glaube, dass ich diese Veränderung in meinem Leben inzwischen völlig verarbeitet habe. Die deshalb begonnene Psychotherapie habe ich erfolgreich abgeschlossen. Zu meiner Mutter habe ich seit Jahren keinen Kontakt mehr, mein Vater ist inzwischen verstorben.

Ich hoffe, dass vor allem meine Haut und meine Blase noch lange gesund bleiben. Das sind die beiden, die in Verbindung mit einer Querschnittlähmung am häufigsten Probleme machen. Mein Herz-Kreislauf-System trainiere ich gut, da mache ich mir weniger Sorgen.

Eine Sache hat sich nicht verändert, wenn man von einer zwischenzeitlich erzwungenen Unterbrechung mal absieht: Ich blogge noch. Und inzwischen wurde mein Blog über 6,7 Millionen Mal aufgerufen.

Davon alleine über 125.000 Mal im letzten Monat. Pro Tag kommen aktuell wieder rund 5.000 Besucherinnen und Besucher auf meine Webseite. Manche Tage eintausend weniger, manche Tage auch noch mehr. Nur kommentiert wird nicht mehr so häufig wie früher. Obwohl ich nach wie vor gerne Kommentare lese.

Leider wird die Plattform, die ich 10 Jahre lang genutzt habe, nicht mehr so betreut wie ich es gebrauchen könnte. Zum Beispiel kann ich keine Layout-Anpassungen mehr vornehmen, sondern nur noch posten. Auch aus diesem Grund habe ich mich entschieden, pünktlich zum 10. Geburstag meines Blogs mit diesem umzuziehen.

Bitte sagt mir, wenn etwas so gar nicht geht oder ich einen offensichtlichen Fehler beim Umzug gemacht habe. Ich konnte mir weder die inzwischen über 1.040 Beiträge noch die über 10.000 Kommentare alle nochmal durchlesen; ich hoffe allerdings, dass alles gut transferiert wurde.

Insofern: Nehmt euch ein Glas Sekt und stoßt mit mir an! Prost!

Liebend getan

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Vielleicht hat der Eine oder die Andere gedacht, dass ich heute ein Gyrosbaguette essen würde. Und lag damit richtig. Allerdings nicht dort, wo sich die Crew, die mich vor zehn Jahren von der Straße gekratzt hat, am Tag meines Unfalls ihr Gyrosbaguette geholt hat. Denn den griechischen Imbiss gibt es nicht mehr. Und auch „meine“ Notärztin, die mich vor zehn Jahren im Heli begleitete und vermutet hatte, dass ich meine Verletzungen nicht überleben werde, gibt es leider nicht mehr. Sie ist, wie ich gestern erfuhr, im September letzten Jahres verstorben.

Warum, wieso, weshalb, weiß ich nicht. So alt, dass man damit rechnen müsste, war sie noch nicht. Sie hat mich in meinen gesundheitlich schwersten Minuten begleitet und korrekt behandelt. Ohne sie wäre ich vermutlich tot. Und trotzdem kannte ich sie nicht wirklich. Ich habe sie, einerseits aus einer Schüchternheit heraus, andererseits aus großem Interesse mal gefragt, warum sie Ärztin geworden ist. Sie hat geantwortet: „Aus Liebe.“ – Sie war eine „Institution“ für mich, keine Bekannte oder Freundin. Die Nachricht schockt mich, auch noch am heutigen „Tag danach“, extrem. Ich habe mit vielem gerechnet, dass sie mal versetzt werden könnte, inzwischen vielleicht gekündigt hat, woanders arbeitet – aber nicht mit ihrem Tod. Das berührt mich gerade sehr, und das nimmt mich emotional auch gerade sehr mit. Ich habe bereits einige Tränen vergossen. Es kam, zugegebenermaßen, höchst unerwartet.

Zehn Jahre ist der Unfall jetzt her. Zehn Jahre Querschnittlähmung. Sie sind vergangen wie im Flug. Ich hatte überwiegend eine schöne Zeit, wenngleich ich gerade in den letzten drei Jahren einige Erfahrungen gemacht habe, von denen ich noch nicht vollständig verstanden habe, wofür sie gut sein werden. Ich merke aber, dass mich diese Erfahrungen sehr viel gelassener, vorausschauender, kritischer und vor allem selbstbewusster gemacht haben. Und dass ich sehr viel über Menschen gelernt habe. Viele Eigenschaften, die mir bis dahin fremd waren, und die ich an mir sofort ändern würde, sind offenbar sehr verbreitet.

Ich bin früher eher still gewesen. Nicht schüchtern, aber ich mochte es nicht, wenn mich Menschen ansprachen. Wenn mich jemand nach dem Weg fragte, konnte ich darauf reagieren, die Uhrzeit bekam ich auch immer zusammen. Aber mit dummen Sprüchen bin ich früher eher selten konfrontiert worden. Das hat sich, seit ich im Rollstuhl fahre, enorm geändert. Eigentlich täglich sprechen mich in der Öffentlichkeit Menschen an. Gerade heute im Supermarkt wollte ebenfalls eine wildfremde Frau von mir wissen, ob ich eine Querschnittlähmung hätte. Zwischen dem Erdbeerregal und der Salatbar. Und sie erzählte mir, ohne dass ich es wissen wollte und während ich mein Gemüse zusammensuchte, dass sie mit einem sehr berühmten Ernährungsprogramm zwanzig Kilo abgenommen hat und dass sie es nicht mag, wenn Menschen mit ihren Handys laut im Supermarkt telefonieren.

Auch bin ich früher kein großes sportliches Licht gewesen. Heute habe ich eine gewisse Trainingsdisziplin, den Ehrgeiz, etwas schaffen zu wollen, und ich habe auch eine vergleichbar gute Kondition. Oft, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, und ja, es können auch mal 100 Stück oder sogar noch mehr in einer Trainingszeit sein, sind Menschen davon fasziniert. Und dann denke ich oft: Leute, wenn ihr zehn Jahre das Schwimmen ohne Beine trainiert, würdet ihr das mindestens genauso gut können. Andererseits ist diese Bewunderung, die diese Menschen dann äußern, auch eine gewisse Motivation für mich. Offenbar trauen sie es sich dann doch nicht zu, sich am Schopf zu packen und sich einfach verbessern zu wollen.

Ich hatte früher, und auch dieses Thema wird oft angesprochen, auch von wildfremden Menschen, die dann aber meistens keine Antwort von mir bekommen, keinen Sex. Vor meinem Unfall habe ich mich nicht einmal selbst befriedigt. Klar, Busen hatte ich schon, Regel auch schon lange, aber sexuelle Bedürfnisse? Die waren einfach nie so ausgeprägt, dass ich sie gezielt befriedigen wollte oder sogar musste. Nach meinem Unfall war ich sehr neugierig, was geht und was ich empfinde. Und vielleicht ist das sogar sehr gut gewesen, weil ich so etwas dazubekommen habe, anstatt dass mir etwas weggenommen wurde.

An anderer Stelle wurde mir sehr viel weggenommen. Meine früheren Freunde, meine Eltern. Aber auch hier habe ich etwas dazu gewonnen: Marie mit ihrer Familie, einzelne Menschen, die ich im Blog nicht (mehr) erwähne, und auf die ich mich verlassen kann.

Ich weiß nicht, wie ich den Kreis schließen soll. Ich könnte jetzt noch ganz viel schreiben, um am Ende dieses Beitrags noch einmal zu meiner Heli-Ärztin zu kommen. Ich habe ihre Traueranzeige im Internet gesucht und gefunden. Ihre Urne wurde weit weg von Hamburg begraben, vermutlich an ihrem Geburtsort. Ihre beiden Eltern haben die Anzeige aufgegeben. Sie trägt einen Trauerspruch von Horatius Bonar (schottischer Geistlicher aus dem 19. Jahrhundert): „Nimmer vergeht, was Du liebend getan.“