Regen, Bedrohung und ein Kuss

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Vor etwa einem Vierteljahr hatte ich von einem Typen erzählt, dessen Frau mit einem neuen Mann durchgebrannt ist, nachdem sie von diesem neuen Mann schwanger geworden ist. Sie hat ihn von heute auf morgen sitzen lassen (vorher noch ein Haus mit ihm zusammen gekauft) und über die letzten Wochen und Monate versucht, ihm mit allen fiesen und megafiesen Tricks das Leben schwer zu machen.

Für mich ist der Typ ein guter Kumpel, den ich sehr mag, und ich habe ein ums andere Mal ziemlich mitgelitten, wenn er mir erzählt hat, was sie alles veranstaltet, um ihn zu ärgern. Die Geschichten klingen teilweise so absurd, dass man sie kaum glauben kann; wenn es nicht einige Puzzleteile gäbe, von denen er nichts wissen konnte, und die sich herrlich in das Gesamtbild seines Dramas einfügen. So tauchte seine Ex mehrmals bei unserem Training auf und versuchte unter anderem mich ins Kino einzuladen. Wie doof muss man bitte sein?

Nachdem sie bei mehreren Leuten abgeblitzt ist, ist sie eines Tages zu unseren Sportrollstühlen gefahren und hat sie einzeln aus einem Lagerraum in den Regen auf die Wiese rausgeschoben. Den Schlüssel hatte sie aus dem gemeinsamen Haus der beiden, zu dem sie auch noch Schlüssel hat, weggenommen und hinterher auf der Wiese an gut sichtbarer Stelle fallenlassen.

Was das sollte, kann man nur schwer nachvollziehen. Er hatte an dem Morgen einen Termin bei einem Psychotherapeuten und sollte nun in die Bedrängnis kommen, das vor seinen Sportkollegen offenbaren zu müssen. So hat sie es jedenfalls hinterher zugegeben, nachdem unser Dorfpolizist sie in die Mangel genommen hat. Der rief nämlich Tatjana an und fragte, ob das seine Richtigkeit hat, dass die ganzen Sportrollstühle im Regen auf der Wiese stehen.

Nun interessiert es die Stühle nicht so, ob sie nass werden, die werden auch wieder trocken, aber es muss ja nicht erst sein, dass die einer klaut oder sie in die Elbe wirft oder ähnliches, immerhin kosten die ja auch ein bißchen was. Der Dorfpolizist hatte sich gewundert, als er bei einer Streifenfahrt sah, dass die ganze Wiese voller Rollstühle stand. Und, in den eher ländlichen Gebieten Hamburgs ist es genauso wie in jedem kleinen Dorf: Auf Anonymität, wie in der Großstadt, darf man nicht setzen. Und so dauerte es nicht lange, bis der Dorfpolizist jemanden gefunden hatte, der etwas zu der Person sagen konnte, die die Stühle auf die Wiese geschoben hat. Der Busfahrer, der dort den ganzen Tag zwischen dem Deich und dem nächsten großen S-Bahnhof, immerhin 15 Kilometer entfernt, pendelt, konnte meines Kumpels Ex genau beschreiben.

Meinem Sportkollegen war das sichtlich peinlich. Jungs gehen irgendwie nicht gerne zur Psychotherapie, oder? Mensch Leute, was seid ihr für Mimosen? Ihr bürstet auch alle Eure Haare ohne Spiegel, oder? Achso, ihr tragt Glatze und rasiert euch dort oben selbst. Man, wacht mal auf. Was ist dabei, sich ein Feedback von jemandem zu holen, der das Fach studiert hat und an sich und seiner Persönlichkeit zu arbeiten?

Egal. Ich habe jedenfalls einige Zeit in den letzten Wochen und Monaten damit verbracht, ihm zuzuhören, mit ihm zu quatschen, auch wenn ich ihm darüber hinaus nicht wirklich gute Ratschläge geben konnte.

Allerdings habe ich ihm auch den Kontakt zu Frank vermittelt, der es geschafft hat, das Drama mit dem Haus so abzuwickeln, dass mein Sportkollege dort ab Neujahr 2013 alleine wohnen kann. Bisher lief der Kredit auf beide, wobei er über einen Bausparvertrag bereits ein Fünftel des Hauses alleine angezahlt hatte. Nun wollte seine Ex, dass das Haus mit allem, was er vor allem an Arbeit reingesteckt hat, verkauft wird, mein Kumpel sich also irgendwo eine neue Bleibe suchen muss (als Rollstuhlfahrer sucht man in Hamburg gut und gerne ein paar Jahre) und dann beide über die nächsten Jahre die Differenz zwischen Verkaufserlös und noch offener Kreditsumme abzahlen (ist am Anfang ja häufig so, dass der Verkauf weniger einbringt als die noch offene Kreditsumme).

Frank hat es geschafft, sie davon zu überzeugen, dass man über ein Gutachten einen fiktiven Kaufpreis festlegt und sie die Hälfte dieser Differenz jetzt zahlt und sofort aus der Sache komplett raus ist. Anfangs wollte sie nicht, allerdings wurde sie dann noch von ihrem Anwalt beraten, dass der tatsächliche Verkauf für sie eher teurer wird. Und so hat sie sich nun Geld geliehen und sich quasi aus dem Vertrag rausgekauft. Damit muss sie zum Jahreswechsel alle Schlüssel abgeben, er kann wohnen bleiben, die Bank hat einer Reduzierung der (künftig von ihm alleine zu tragenden) monatlichen Rate zugestimmt, so dass er zwar keine riesengroßen Sprünge mehr machen kann, aber dennoch genug Kohle hat, um gut leben zu können. Und er ist seine Ex ein für alle mal los und kann ihr aus dem Weg gehen.

Vor etwa zwei Wochen tauchte seine Ex mit ihrem neuen Lover beim Schwimmtraining auf und fing mich bereits an der Eingangstür ab. Ich hatte versucht, gar nicht mit ihr ins Gespräch zu kommen und ihr gleich gesagt, ich möchte mich nicht mit ihr unterhalten, woraufhin sie aber meinte, sie wolle sich bedanken, dass ich ihrem Ex geholfen hätte, es sei auch in ihrem Interesse, dass man unter die alten Geschichten möglichst rasch einen Schlussstrich ziehen könnte. Ich war völlig perplex, schaffte es aber, noch einmal zu wiederholen: „Du, sieh es, wie du willst, aber ich möchte mich mit dir nicht mehr unterhalten. Akzeptiere das bitte.“

Sie stellte dann ihren Neuen vor und sagte, der wollte mir auch noch was sagen. Er stand mit dem Rücken zur Glastür, durch die ich eigentlich in die Halle wollte. Die Frau ging weg. Ich überlegte, ob ich auch schnellstens das Weite suchen sollte, denn mir war die Situation alles andere als geheuer. Ich befürchtete allen ernstes, dass er mir jetzt eine scheuern würde oder noch heftiger, vielleicht ein Messer auspackt. Vom Aussehen her assoziierte ich ihn am ehesten mit einem Gangster. Meine Flucht über den matschigen Boden wäre aussichtslos, dann lieber keine Angst zeigen. Ich nahm den Rucksack von meiner Rückenlehne ab und stellte ihn vor mir auf den Schoß. Mit dem könnte ich vielleicht kurzfristig was abwehren und dabei laut schreien. Genügend Leute waren ja um mich herum.

Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Er sagte: „Ich bin ein Freund von Klartext. Ihr Müll, also ihr Ex, hat durch deine Machenschaften von meiner Braut fett Kohle abgegriffen. Was meine Braut mit ihrem Müll macht, geht mich nichts an, solange sie die Finger von ihm lässt. Aber du hast meine Braut abgezogen, und das geht mich verdammt was an. Irgendwann, das verspreche ich dir, treffen wir uns mal. Wie wäre es bei einem von euren kuscheligen nächtlichen Ausflügen auf dem Deich? Oder so. Am besten bestellst du dir schonmal einen neuen Rollstuhl. Am besten dann gleich einen elektrischen.“ – Ohne ein weiteres Wort zog er grinsend davon.

Ich war völlig neben der Spur und wohl auch ziemlich blass, als ich in den Vorraum der Schwimmhalle kam. Die anderen fragten mich gleich, ob irgendwas passiert sei. Noch bevor ich erzählen konnte, kam ein älterer Herr, schätzungsweise um die 70, auf mich zu, recht sportlich, mit Jeans bekleidet, eine braune Aktentasche, eine Fahrradpumpe und eine Fahrradklammer für das Hosenbein dabei, schlohweißer Haarkranz, sonnengebräunte Haut (fällt im Winter ja eher auf), auf mich zu. Er hatte sein Fahrrad an die Laterne angeschlossen, während ich da vor der Eingangstür stand. Er sagte: „Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Kennen Sie den Mann? Soll ich die Polizei rufen?“

Ich schüttelte den Kopf, nein, bis die Polizei da ist, wäre er schon weg. Und über alles andere würde er eher lachen. Der Typ gab mir seine Visitenkarte. „Falls Sie doch noch zur Polizei gehen, können Sie denen meinen Namen sagen. Ich habe alles mitgehört.“

Ein pensionierter Oberstudienrat mit einem hebräischen Vornamen. Wurde dann doch noch wichtiger Zeuge, nachdem Frank, als ich ihm das zu Hause erzählte, meinte: Gleich anzeigen. Frank glaube zwar nicht, dass wirklich etwas passieren würde, aber falls doch, ist die Ankündigung dazu wenigstens aktenkundig. Eine qualifizierte Bedrohung sei das allemal gewesen und jenachdem, ob es über ihn schon eine Akte gibt, werde das auch nicht unbedingt billig.

Gestern abend nun traf ich zufällig meinen Kumpel, der ab Neujahr alleine wohnen darf. Wir redeten kurz, nur da ich das eilig hatte, verabschiedeten wir uns schnell wieder. Üblicherweise umarmen wir uns dabei einmal kurz. Gestern nun drückt er mich so fest, zieht mich zu sich ran, dass ich kaum noch Luft bekomme, und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Er sagte: „Denk darüber, was du willst, aber das musste sein. Nach allem, was du in den letzten Monaten für mich getan hast. Das soll keine Anmache sein, sondern zu 100% Dankbarkeit. Du glaubst gar nicht, wie erleichtert ich bin, dass das vor allem mit dem Haus endlich geregelt ist.“ – Und noch bevor ich irgendwas sagen konnte, war er weg.

Stiekum und nonchalant

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Einen hab ich noch! Der letzte Paratriathlon für mich in diesem Jahr. Wie immer: Bis kurz vorher war nicht klar, ob er wirklich stattfindet, und ob unsere Wettkampfklasse starten darf, und dann ging wieder alles ganz schnell.

Weil es bis ins südliche Niedersachsen nicht ganz so weit zu fahren ist wie die letzten Male, als wir nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz mussten, waren auch mehr Hamburgerinnen und Hamburger am Start als sonst.

Die Hinfahrt mit dem Auto verlief komplikationslos, die Nacht in einem Vierbettzimmer einer jugendherbergsähnlichen Unterkunft auch, aber das Frühstück war grausam: Hart gekochte Eier an Karotten, zu trinken gab es Instant-Kirsch-Brause. Ohne Flachs! Als wir im Frühstücksraum auftauchten, waren lediglich noch einige Deko-Möhren, jede Menge hart gekochte Eierhälften und Instantbrause übrig. Sportler seien hungrig, man habe falsch disponiert. Immerhin erstatte man uns die elf Euro Frühstückskosten, so dass wir kurzerhand beim Bäcker anhielten, zwei Tüten Brötchen und ein Glas Nutella erjagten, um dann zwischen einer Drogerie und einer Kreuzung, mitten auf dem Gehweg, mit einem Taschenmesser die Brötchenhälften zu bestreichen.

Die vorbeischlendernden Leute hatten so etwas natürlich noch nie gesehen; in Anbetracht der großen Menge Rollstuhlfahrer traute sich aber niemand, einen Ton zu sagen. Einer lief beim Glotzen fast gegen ein Straßenschild. Marie meinte böse: „Ich warte noch auf den Kommentar: Guck mal, Hubert, die Behinderten demonstrieren für ein gleichwertiges Leben in den Heimen. Wenigstens samstags wollen sie auch einmal Brötchen mit Nutella.“

Ganz so schlimm wurde es nicht, aber eine Frau, schätzungsweise Anfang 60, starrte uns ebenfalls an, mit halb geöffnetem Mund. Mir fällt so etwas eigentlich nicht auf, es sei denn, es wird zu penetrant. Ich zählte leise bis 10, als sie dann immernoch glotzte, streckte ihr auf eine Entfernung von etwa 20 Metern eine Hand mit einem Nutella-Brötchen entgegen. „Möchten Sie auch eins?“, fragte ich sie. Verdattert schaute sie weg und ging zügigen Schrittes davon. Etwa eine Minute später war sie plötzlich wieder da: „Entschuldigung, dass ich eben so geschaut habe, aber darf ich wissen, was Sie hier machen?“ – „Frühstücken!“ riefen Cathleen, Marie und Nadine wie aus einem Mund, teilweise noch kauend.

„Haben Sie sich ausgeschlossen?“, fragte sie weiter. Oh nein! Da ich auf nüchternen Magen nur begrenzt skurrile Menschen ertrage, kürzte ich das ab und erklärte: „Wir haben gleich einen Wettkampf und wollen vorher noch was zwischen die Kiemen kriegen, nachdem es in unserer Unterkunft nichts vernünftiges gab.“ – „Achso. ‚Zwischen die Kiemen‘ ist ja niedlich. Sie nehmen aber nicht an diesem Marathon teil hier, oder?“ – „Triathlon, doch.“ – „Ganz blöd gefragt: Wo ist denn der Unterschied zwischen Marathon und Triathlon? Ich kenne mich im Sport nicht so aus.“ – „Beim Marathon wird gelaufen, beim Triathlon ist auch noch Schwimmen und Radfahren dabei.“ – „Achja, wie dumm von mir, Sie können ja gar nicht laufen. Aber das mit dem Radfahren habe ich neulich im Fernsehen gesehen, bei der Olympiade, da war ein Blinder mit einem Nichtblinden auf einem Tandem. Alle Achtung, das könnte ich nicht. Haben Sie denn auch so spezielle Räder?“

Ich antwortete brav: „Einen Rennrollstuhl, ja.“ – „Achso, ja, sowas habe ich mal gesehen, die spielen ja auch Basketball damit.“ – „Ja, das sind noch wieder andere Rollstühle, aber im Prinzip … sowas ähnliches.“ – „Das find ich toll, wissen Sie? Bei Ihnen sieht man die Behinderung ja, bei mir nicht so, ich hab nämlich Leukämie.“ – „Das ist ja nicht so schön, dann wünsche ich Ihnen gute Besserung und noch einen schönen Tag! Ich muss mal weiter essen, wir müssen nämlich gleich wieder los. Unsere Trainerin meckert sonst.“ – „Ja, ich will Sie nicht aufhalten. Wer ist denn Ihre Trainerin?“ – „Die junge Frau dahinten, die da auf dem grauen Verteilerkasten sitzt.“ – „Die ist ja noch sehr jung. Ich finde das ja toll, wenn junge Menschen sich für soziale Zwecke einsetzen. Na jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Spaß auf dem Wettkampf.“

Als sie weg war, sagte Cathleen: „‚Haben Sie sich ausgeschlossen?‘ Aus unserer Zehner-WG oder was? Der letzte hat die Tür zugeschlagen und keiner hat seinen Schlüssel mit.“ – „Tja, wir können ja auch nicht mal eben über den Balkon klettern, nä?! Am Ende verheddert sich der Rolli dabei im Blumenkasten“, ergänzte Marie ohne eine Miene zu verziehen. Cathleen blödelte weiter: „Du meinst die kleinen Vorderräder?“ – Marie guckte genervt vorwurfsvoll, als würde Cathleen nichts verstehen: „Wieso denn die Vorderräder? Du kannst doch kippeln. Das Gepäcknetz, Schatzi, das Gepäcknetz.“ – „Ach ja, das Gepäcknetz. Sieht man übrigens immer seltener, oder? Selbst die älteren Leute haben mittlerweise alle Rucksäcke oder Beutel oder so.“ – „Stimmt. Oh, kennst du noch diese Rangierrollen? Wo man die großen Räder abnehmen konnte und dann konnte dich einer auf solchen Rangierrollen schieben?“

Ich verstand nur Bahnhof. Cathleen fuhr fort: „Ja! Das war geil. Und dann hat er dich losgelassen und du rolltest unaufhaltsam bergab. Lenken und bremsen war ja nicht mehr drin.“ – „Genau. Die einzige Chance war: Sich seitlich umwerfen.“ – „Was ja problemlos ging. Einmal falsch geatmet, kippte der Stuhl um.“ – „Herrlich. Oder diese großen Ballonreifen vorne.“ – „Na komm, du bist wenigstens nirgendwo hängen geblieben damit.“ – „Nee, aber dafür hattest du dreimal die Woche einen Platten. Irgendwas war immer platt.“ – „Hat sich aber im Fahrkomfort kaum bemerkbar gemacht. Die Stühle wogen ja locker 35 Kilo, vor allem mit dieser doppelten Schere unter der Sitzfläche, zum Zusammenklappen.“

Wie gut, dass ich das nicht mehr erleben muss. Eine Stunde später sah ich mich auf einer Wiese stehend, nach einer kurzen Aufwärmrunde einige Dehnübungen praktizierend, fortgesetzt unendliche Trinkmengen schluckweise in mich reinschüttend, langsam immer aufgeregter werdend. Tatjana rannte mit Sonnenlotion und Fettcreme durch die Gegend, versorgte alle blassen und weniger blassen Hamburgerinnen und Hamburger großzügig und leistete allen Angsthasen seelischen Beistand.

„Lange oder kurze Hose?“, fragte Anja. Tatjana sah sie entsetzt an: „Langer Einteiler! Oben und unten lang! Es sind noch nicht mal 14 Grad! Du holst dir sonst den Tod, wenn du den Neo ausziehst und hier durch die Gegend radelst. Ich hoffe, du hast einen dabei?“ – Anja zog den Kopf ein und nickte schüchtern. Irgendwann saßen wir endlich alle auf dem Steg. Tatjana rannte immernoch mit Getränken rum, wurde dann weggeschickt. Doch der Start verzögerte sich, weil es Probleme mit der Zeiterfassung gab. „Es geht jeden Moment los“, ließ uns ein offizieller Typ mit weißer und roter Fahne in der Hand wissen. Zwanzig Minuten vergingen, zum Glück schien die Sonne und wärmte uns. Dann durfte Tatjana doch wieder auf den Steg. Brachte noch mehr Isomix in Nuckelflaschen.

So langsam wurde es eklig. Triathlon ist kein Schönheitswettbewerb, wurde mir in einer der ersten Stunden erklärt. Marinierte Stinkesocke, damit kann ich leben – aber wenn der Pegel nach zwanzig Minuten schon am Hals steht und es kontinuierlich an den Handgelenken aus den Ärmeln tropft, ist irgendwann auch meine Schmerzgrenze erreicht. Marie hatte beste Laune und foppte mich: „Du transpirierst. Aus allen Nähten.“ – „Ich komm gleich kuscheln.“

Marie streckte mir die zu einem Anti-Vampir-Zeichen überkreuzten Zeigefinger entgegen. Lisa, in diesem Zusammenhang selten um einen Kommentar verlegen, dessen Tragweite sie jedoch meistens erst realisiert, nachdem sie ihn ausgesprochen hat, grinste bis über beide Ohren. Und sagte dann: „Das nennt man ‚Zentralheizung‘!“

Marie fing an zu lachen. Lisa fuhr fort: „Sagt meine Oma!“ – Jetzt musste ich auch lachen. Ich fragte: „Wieso denn deine Oma? Was hat sie denn damit zu tun? Macht sie auch Triathlon?“ – „Nein, sie kann nicht mehr so viel raus, liegt meistens im Bett und muss gepflegt werden, aber sie will immer alles wissen. Alles, alles, alles. Dann macht sie die Augen zu. Wahrscheinlich stellt sie sich das dann alles vor. Ich muss alles genau beschreiben, ob die Kühe Flecken hatten und all so Zeugs.“

„Okay, und wie kommt sie jetzt zur Zentralheizung?“ – „Ja, pass auf. Ich hab ihr von meinem Wettkampf erzählt und wenn ich alles erzählen soll, habe ich ihr natürlich auch davon erzählt, wie ich auf dem Steg gesessen und Pipi gemacht habe.“ – Marie kiecherte und sagte: „Auweia. Und?“

Lisa sagte: „Ja, nicht lachen, das lustige kommt erst. Sie hat ihre Augen aufgemacht und hat mich ganz vorwurfsvoll angeguckt und gefragt, warum ich das mache. Und dann habe ich gesagt: ‚Oma, beim Triathlon darf man sich wie ein Räuber benehmen und das finde ich toll. Zu Hause darf ich das nicht. Und das Pinkeln ist wirklich lustig. Also nicht einfach so, da würde ich mich schütteln. Aber wenn man im Wasser schwimmt und dann kommt plötzlich das Gefühl wo es überall ganz heiß wird, das ist einfach herrlich. Und Mama hat das erlaubt.'“

Marie und ich kugelten uns schon wieder vor Lachen. Lisa fuhr fort: „Das macht man allenfalls stiekum und still.“ – „Was für ein Ding? Stiekum?“ – „Ja genau! Du kennst das auch nicht, oder?“ – „Na, ich würde aus dem Zusammenhang schließen, dass das sowas wie ‚unauffällig‘ oder ‚lässig‘ heißt.“

Lisa antwortete: „Nein eben nicht. Stiekum heißt ‚heimlich‘. Das, was du meinst, ist ‚Nonchalance‘. Das hat mir meine Oma in dem Zusammenhang auch beigebracht. Man pinkelt stiekum und nonchalant, also heimlich und gekonnt lässig. Und dazu gehört, dass man das nicht jedem laut erzählt.“

Eine andere Teilnehmerin, vermutlich knapp 50, die auch auf dem Steg wartete, mischte sich in die Unterhaltung ein: „Deine Oma ist ja drollig. ‚Nonchalance‘ heißt übrigens auch ein sehr tolles Parfüm.“

Lisa guckte die Frau entsetzt an: „Wirklich?“ – Die Frau nickte. Lisa fuhr fort: „Na jedenfalls meinte sie, auch wenn ich jung bin, es ist ein erster Schritt, sich eine diskretere Wortwahl anzugewöhnen. Eine Umschreibung! Angeblich sagt man auch nicht, man muss auf Toilette, sondern man geht sich frisch machen. Dabei finde ich das voll albern, weil ‚frisch machen‘ find ich viel peinlicher als wenn man auf Klo muss. Das eine ist normal und das andere ist als wenn man stinkt.“

Jetzt lachte auch die Frau. Lisa meinte: „Ich dann gesagt, dass mir kein anderes Wort einfällt, was meine Leute nicht albern finden. Oder was nicht richtig derb ist. Und dann hat sie vorgeschlagen, ich soll doch das umschreiben und ‚Zentralheizung‘ sagen.“

Bevor wir das noch weiter vertiefen konnten, wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, unsere Startpositionen einzunehmen. „Wir haben internationale Teilnehmer, wir starten mit internationalem Kommando. We will start with the international command.“ – Wo waren die denn? Die internationalen Teilnehmer? Ich klärte Lisa auf: „Das bedeutet, der sagt nicht ‚Auf die Plätze!‘, sondern stattdessen ‚Take your marks!‘ – nicht wundern!“

Marie sagte: „Es gibt doch diesen Witz, wo einer das nicht versteht und vom Startblock klettert, um ein Markstück aufzuheben, was dort am Fußboden liegt.“ – Ich reagierte nicht. Sie setzte noch einen drauf: „Du, da sind Zombies im See.“ – „Ach Marie! Hör auf damit, ich will mich konzentrieren.“ – „Ich will, dass du dich vor Lachen verschluckst und ich dich überholen …“ – „Take your marks! Möööööp!“

Das Schwimmen verlief, von dem anfänglichen Gewusel abgesehen, ohne Zwischenfälle und mit gut dosierten Kräften. Cathleen, Marie und ich teilten uns die ersten drei Zwischenzeiten unserer Startklasse, brachten mit jeweils hauchdünnen Vorsprüngen Tatjana ins Schwitzen, die uns vom Wasser in die Wechelzone bringen sollte. Lisa, die zum allerersten Mal völlig alleine einen Wettkampf schwamm, war weit zurück, genauso wie Anja. Für die beiden war Ankommen das Ziel.

Beim Biken schaffte es ebenfalls keiner von uns dreien, sich entscheidend abzusetzen. Marie hatte bei Bergabfahrten mehrmals Probleme mit dem letzten Gang, also mit der längsten Übersetzung, die ständig wieder raussprang, so dass sie nur im vorletzten fahren konnte. Vermutlich ist der entsprechende Seilzug zu straff eingestellt gewesen. Es hat aber nicht wirklich gestört, weil die Bergabfahrten immer nur sehr kurz waren, dafür umso steiler – und in einer scharfen Kurve endend. Das war, als wir uns die Strecke angesehen hatten, noch nicht. Tolle Wurst, wenn man kurzfristig den Streckenverlauf ändert ohne jeden Hinweis. Ich sah Lisa schon fliegen und sie meinte hinterher, es war kurz davor.

Die per Rennrolli zu bewältigende Strecke war sowohl im Verlauf als auch im Profil sehr gut, allerdings, und irgendwas ist ja immer, kollidierte Marie, kurz nachdem sie mich überholt hatte, mit einem Fußgänger, der meinte, die gesperrte Straße überqueren zu müssen, als sie dort angedonnert kam. Alles Brüllen half nichts, er reagierte viel zu spät und Marie hatte hinter einer Kurve und bergab viel zu viel Speed drauf, um ausweichen oder bremsen zu können. Zumal Rennrollis ohnehin einen schier endlosen Bremsweg haben, anders als Rennbikes. Der Typ sprang im letzten Moment zur Seite, Marie erwischte ihn aber trotzdem mit ihrer Schulter am Bein und brachte ihn ins Straucheln und Fallen. Und er fiel genau dorthin, wo ich vorbei rutschten wollte. Zum Glück war es nicht nass, so dass ich noch genug Zeit hatte, um auf der anderen Seite um Marie herum lenken konnte.

Unfall mit verletzter Person? Immer anhalten. Der Typ stand auf, fing zu meckern an: „Man darf immer nur so schnell fahren, dass man in dem Bereich zum Stehen kommt, den man einsehen kann.“ – „Sind Sie verletzt?“ – „Nein.“ – Also weiter. So ein Idiot, das mag im Straßenverkehr gelten, aber nicht auf gesperrten Rennstrecken. Deshalb sind sie ja gesperrt. Ich ließ Marie überholen. Soviel Fairness muss sein. Entsprechend ließ sie mich kurz vor dem Ziel, als ich immernoch eine Länge hinter ihr war, auf gleiche Höhe aufholen, so dass wir beide gleichzeitig über die Ziellinie rollten. Was den anderen Teilnehmerinnen unserer Startklasse einen um 2 Positionen besseren Platz einbrachte, denn wir wurden dafür beide disqualifiziert. Die erste schlechte Nachricht.

Die zweite schlechte: Der Typ, der über die gesperrte Straße geschlendert ist, hat sich beim Veranstalter gemeldet, weil er angeblich doch verletzt sei. Das Knie blute, seine Hose sei versaut, habe er später bemerkt. Zum Glück hat er nicht abgestritten, vor Ort erst gesagt zu haben, dass alles in Ordnung ist. Das hätte dann nämlich mitunter ganz andere Konsequenzen haben können. Tatjana meinte, hätte er unwiderlegbar das Gegenteil behauptet, hätte Marie das eine mehrjährige Sperre einbringen können. So wird gegen Marie jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Der Typ hat Anzeige erstattet. Sie musste Personalien bei der Polizei angeben, wurde noch vor Ort verhört. Sie hat allerdings die Aussage verweigert. Die Polizisten meinten aber gleich, dass das wohl eingestellt werden würde – ob sie eine Haftpflichtversicherung hätte.

Die gute Nachricht: Wegen der Disqualifizierung ergehen noch zwei Strafbescheide. Tatjana erwartet 500 € pro Person. Und kennt ja nun den Namen des Störers, meinte, sie schickt das unserem Vorstand mit der Bitte, eine entsprechende Spende bei ihm einzuwerben.

Und bei der Gelegenheit bekamen wir dann alle auch noch einmal Nachhilfe bei den Regeln: Absichtlich langsam fahren, offensichtlich überholen lassen oder anders auf das Wettkampfergebnis taktisch einzuwirken, ist nicht erlaubt. Vorsicht ist auch bei einer Sache geboten, die es mehr im Behindertensport gibt als anderswo: Wenn wir mit unseren Rennstühlen nebeneinander an einer Verpflegungsstation vorbei donnern, ist es üblich, dass der, der am dichtesten dran ist, dem anderen auch eine Trinkflasche angelt, auch wenn es ein Gegner ist. Dabei müsse man nur aufpassen, dass man sich nicht berührt. Nicht an den Stühlen, sondern auch nicht am Körper. Also bloß nicht anticken oder sowas. Sondern nur hinhalten und im Zweifel loslassen. Ansonsten führt das auch sofort zur Disqualifikation. Auch wenn derjenige sagt, es sei ihm egal, vielleicht sogar im selben Team ist – es ist nicht erlaubt.

„Weder stiekum noch nonchalant?“, fragte Marie. Tatjana, vermutlich ohne ein Wort verstanden zu haben, antwortete: „Gar nicht. Und ‚gar nicht‘ heißt ‚gar nicht‘. Ohne Wenn und Aber.“

Grillwurst, Psychiatrie und Häsin

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Eine jüngere Sportkollegin aus einer anderen Trainingsgruppe, ich glaube sie ist 13, mit angeborener Querschnittlähmung, ist seit zwei Monaten in stationärer Behandlung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Einerseits gäbe es ein paar kleinere Probleme im familiären Bereich, erzählt sie, andererseits gäbe es massive Probleme mit sich selbst, ihrer Behinderung und ihren Mitschülern. Sie gehe auf ein Gymnasium in einer Kleinstadt im Hamburger Umland und kämpfe dort mit einem sehr modernen Problem.

Modern insofern, als dass ein altes Problem neu wieder weiter auftritt, nachdem man die Separation und Integration ad acta gelegt hat und nun die Inklusion unmoderiert sich selbst und ihrem eigenen Schicksal überlässt. Soll heißen: Gelebte Inklusion befreit eine Lehrkraft genauso wenig von seinen pädagogischen Aufgaben wie ein Fehlverhalten eines Schülers gegenüber nicht behinderten Mitschülern. Eigentlich.

Nur wenn da mal wieder (ja, mal wieder, denn bei mir war es nicht anders und ich höre diesen Vorwurf neben einigen wenigen positiven Beispielen von meinen Leuten, die noch zur Schule gehen, ständig) einer nicht richtig Bock hat oder endlos überfordert ist, schaut man eben weg und lässt die Behinderte alleine kämpfen.

Das Mädel, um das es hier geht, bringt eigentlich alle Voraussetzungen mit, um Jungs den Kopf zu verdrehen. Sie ist bildhübsch und attraktiv, ich beneide sie vor allem um ihre Haut, sie ist intelligent, sportlich, humorvoll, lieb … Ich mag sie sehr gerne. Und mir gefällt besonders ihr herzliches Lachen. Was aus der Reihe tanzt: Sie sitzt im Rollstuhl. Und wenn man noch was finden muss: Sie trägt eine feste Zahnspange.

Während ihres stationären Klinikaufenthalts nimmt sie, wenn auch eingeschränkt, weiter am Schulunterricht in ihrer bisherigen Klasse teil. Die Therapeuten sind sich einig, dass ein bloßer Wechsel in eine andere Klasse das Problem nicht abstellt. Vor zwei Wochen war ihre Klasse im Rahmen eines Ausflugs in der Klinik, um sich die Einrichtung anzuschauen und sich vor allem davon zu überzeugen, dass es sich um eine offene Therapie-Einrichtung mit Musik-, Gestaltungs-, Bewegungs- und Gesprächstherapie handelt und nicht um eine geschlossene Klapsmühle, die sich der eine oder andere unter dem Wort „Psychiatrie“ vorstellt.

Heute nun war eine Horde von knapp über 20 Schülerinnen und Schülern mittags zusammen mit dem Klassenlehrer am Elbdeich, um unsere Sportkollegin bei ihrem Sport zu besuchen, selbst mal das Rollstuhlfahren auszuprobieren und zusammen zu grillen. Das mit dem anschließenden Grillen war auf meinem Mist gewachsen, ich habe zehn Grillwurstpakete besorgt, Cathleen hat vier große Schüsseln Nudelsalat gemacht, Jana hat mehrere Fladenbrote besorgt, Tatjana ist mit einem kompletten Bus voller ausgemusterter Alltagsrollstühle (ein anderer Verein hat einen Fundus für Mobilitätstrainings und ähnliches) sowie einem Geschicklichkeitsparcour dorthin gegurkt und obwohl erst kaum jemand Zeit hatte, waren wir am Ende doch mit zwölf Sportlerinnen und Sportlern vor Ort. Mit Tatjana und drei Eltern von noch minderjährigen Sportlern (die Schüler kamen alle mit dem Bus) waren wir knapp über 40 Leute.

So waren wir einige Stunden damit beschäftigt, der Horde beizubringen, wie man Rollstuhl fährt, vorwärts, rückwärts, seitwärts, wie man auf zwei Rädern kippelt und so weiter. Und natürlich wusste ich innerhalb von fünf Minuten, wer die beiden größten Idioten waren, die da den Laden ständig aufmischten und sich dabei besonders cool vorkamen. Ein dummer Spruch nach dem nächsten, alle auf Kosten des Mädels und der Lehrer stand daneben und sagte: Nichts. Ich schaute mir das eine ganze Zeit lang an. Ihn interessierte das überhaupt nicht.

Kurz bevor die ersten Würstchen auf dem Grill lagen, kam meine Frage, wer denn Hunger habe und ein Essen haben möchte. 20+ Finger oben, inzwischen hatten sich schon einige Kinder dazu gesellt, deren Eltern am gegenüber liegenden Badesee in der Sonne lagen. Egal. Okay: Essen gibt es nicht einfach so, Essen muss man sich „verdienen“. Und zwar an einem dort fest installierten Spiel- bzw. Trimmgerät. Zwischen vier Pfosten war waagerecht eine Leiter befestigt, an der man sich mit den Armen entlang hangeln konnte. 20 Sprossen. Wer zur anderen Seite kommt ohne unterwegs wie ein nasser Sack in den Sand zu purzeln, bekommt ein Würstchen, wer zwei will, muss auch noch wieder zurück.

Besondere Schwierigkeit: Die Beine sind an den Knien und an den Knöcheln mit jeweils einem Handtuch zusammengebunden. Okay, man sah, dass meine Sportkollegin die Übung aus dem Trainingsprogramm kannte. Sie legte vor, schaukelte an der ersten Sprosse zwei, drei Mal hin und her um Schwung zu holen und hangelte sich wie ein Affe hin und anschließend wieder zurück.

Wer es nicht schafft, musste sich beim Rennrolli anstellen und 400 Meter in der doppelten Zeit schaffen, die ihre behinderte Mitschülerin (56 Sekunden) vorgelegt hatte. Also in höchstens 112 Sekunden. Oder anders ausgedrückt: Während ihre Mitschülerin nach kurzer Beschleunigungsphase am Ende mit knapp über 30 km/h über die Piste schoss, sollten die anderen wenigstens durchschnittlich 13 km/h auf den 400 Metern hinbekommen.

Die meisten Jungs hatten natürlich eine große Klappe und merkten erst an den Sprossen, dass das vor allem mit zusammengebundenen Beinen sehr schwer ist. Tatjana half den Leuten und hob sie zu der Sprossen der Leiter hoch und sicherte sie, damit sie sich beim Absturz nichts brechen. Zwei recht athletisch aussehende Jungs schafften die 20 Sprossen im ersten Anlauf, gaben dann aber auf. Zurück wollte niemand. Alle anderen mussten sich beim Rennrolli anstellen. Der Lehrer stellte sich freiwillig gleich beim Rennrolli an.

Drei Mädels und vier weitere Jungs schafften eine Zeit zwischen 90 und 112 Sekunden, der Lehrer schaffte 113 und meinte, die Stoppuhr sei zu gut aufgezogen gewesen. Die beiden Sprücheklopfer schafften die 112 Sekunden nicht, aber wer eine große Klappe hat, braucht ja bekanntlich weder Muskeln noch Kondition noch Koordination.

Etliche wollten dann noch ein zweites Mal fahren und einige wollten unbedingt noch in den anderen Rollis weiter kippeln üben, ein paar Leute fragten dann irgendwann auch, ob von uns jemand zu den Paralympics fahren wird, an welchen Wettkämpfen wir teilnehmen, wieviel so ein Sportstuhl kostet, wie es zu einigen Behinderungen gekommen sei. Ich glaube, es hat bei ganz vielen Mitschülern ganz viel gebracht und war für unsere Sportkollegin eine lohnende Aktion. Sie hat sich hinterher etliche Male bei uns bedankt.

Ich war einigermaßen stolz auf uns, dass wir den Tag so gut über die Bühne bekommen haben, bis ich bei Facebook über ein Bild stolperte, was ein anderes Mädchen, 12 Jaher alt, ebenfalls Rollstuhlfahrerin aus Hamburg, heute frisch eingestellt hat. Auf dem Bild ist sie zu sehen, wie sie einen Zettel in der Hand hält und sich damit darüber beschwert, dass sie in der Schule massiv unter dem Druck hänselnder Mitschüler stünde. Ich beschränke das mal auf den Zettel:

Ich bezweifel zwar, dass das irgendwas bringt, außer dass die Idioten, die sie jetzt schon ärgern, noch ein Foto zum Verteilen haben. Aber schmunzeln musste ich dennoch – über die Häsin, die nicht häslich sein wollte. Und auch nicht ist.

So a Stückerl heile Welt

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Wie könnte ein Sonntagmorgen schöner beginnen als mit der Feststellung: Du hast gestern nacht vergessen, das Handy auszustellen. Zuviel Bier bei der Grillparty? Oder waren das die Folgen des unvermeidbaren Passivkonsums, weil sich auf dem Heimweg in der U-Bahn eine junge Frau eine Tüte anstecken musste? Sechs Minuten nach Neun, im Display meine Trainerin Tatjana. Hatte ich einen Termin vergessen? Neun Uhr Trainingsbeginn? Auf einem Sonntag?!

„Ja?!“, nuschelte ich verschlafen. – „Oh, hab ich dich geweckt, das tut mir Leid.“ – „Wo brennt’s denn?“ – „Ja, ähm, ich wollte mal fragen, ich habe um 11 Uhr ein Mädel hier, 16 Jahre, das will künftig bei uns trainieren, kommt vom Verein …, hat jahrelang dort nur auf dem Platz trainiert, will mehr machen, traut sich mehr zu, ist wohl auch recht talentiert, kriegt aber nicht so richtig den Mund auf und hängt nur bei Muddi und Vaddi an der Leine. Vaddi hat mich jetzt schon drei Mal angerufen und mir jedes Mal erklärt, dass die ganze Familie sich auf Sonntag 11 Uhr freut, dass er sein Fahrrad mitbringt und jederzeit zur Stelle ist und sie extra einen Kleinbus haben und Muddi auch mitkommt, auch mit Fahrrad, und zwischendurch im Bus online arbeitet, aber dadurch stets zur Stelle …“ – „Tatjana! Sonntagmorgen. Ich bin noch nicht wach. Mein Bett ist total kuschelig und warm, stell einfach nur deine Frage.“

„Kannst du um 11 mit Rennrolli hier sein?“ – „Mein Rennrolli steht bei Marie. Ich hab doch kein Auto.“ – „Wenn Marie dich abholt, kommst du dann mit?“ – „Wenn Marie mich abholt, würde ich mitfahren.“ – „Ich ruf dich gleich wieder an.“ – „Ja tschüss.“

Naja, wenigstens schönes Wetter draußen. Kein Regen, die Sonne scheint. Acht Minuten später rief Marie an: Tatjana hätte, nachdem sie sie nicht erreicht hatte (weil Handy aus), bei ihren Eltern über Festnetz angerufen: Können Sie mal ihre Tochter wecken? – „Meine Mutter fand das ziemlich dreist“, meinte Marie.

„Ist es auch, nur das änderst du bei Tatjana nicht mehr. Ich hab ihr das auch schon mindestens fünf Mal gesagt, dass sie einfach mal früher planen soll. Zumal sie ja selbst gesagt hat, sie hätte schon drei Mal mit dem Vater telefoniert. Aber komm, das wird bestimmt toll.“ – „Fahren wir hinterher noch ne Stunde zu zweit?“ – „Auf jeden Fall. Oder zwei.“ – „Okay. Ich hol dich halb 11 ab.“

Als wir um 11 dann fertig umgezogen im Rennrolli auf dem Radweg neben dem Deich standen, uns die Sonne ins Gesicht scheinen ließen und etliche Radfahrer anhielten, um uns dabei zu bewundern, stieg Tajana gerade auf dem Parkplatz aus ihrem Auto. Ein Mädel im Rennrolli kam endlich zu uns, Papa und Mama gingen direkt neben ihr, plapperten auf sie ein. Die Mutter fing an, an ihrer Tochter herumzufummeln, ob denn auch alles richtig säße. Der Vater kam auf uns zu: „Warten Sie auch auf Frau …?“ – „Ja, genau, du bist die Anja, oder?“ – Das Mädel nickte schüchtern. Der Vater: „Wir hatten eigentlich ein Einzeltraining vereinbart. Naja“, seufzte er, „das fängt ja gut an.“

Maries und mein Blick streiften sich, ich sagte: „Wir trainieren alleine. Wir wollen nur ‚Guten Tag‘ sagen und kurz fragen, ob wir am Anfang irgendwas helfen sollen.“ – Ich schaute für einen Moment in Anjas Gesicht, dessen Miene von ‚extrem angespannt‘ für einen Moment auf ein von mir gedeutetes ‚fahrt bloß nicht ohne mich los‘ wechselte. Dann sagte der Vater: „Wir suchen für unsere Tochter eine geeignete Trainingsmöglichkeit. Im Moment sind wir in …, aber da wird sie nicht genug gefördert. Sie ist ja so talentiert.“ – „Was für eine Behinderung hast du eigentlich?“, fragte ich sie. „Wenn ich fragen darf?“ – „Meine Tochter hat CP, sagt Ihnen das was?“ – „Das sagt mir was.“ – „Was sagt es Ihnen denn?“ – „Wie meinen Sie das?“ – „Ja, was heißt denn ‚CP‘?“

Auweia. Tatjana erlöste uns in genau dieser Sekunde. „Tut mir Leid, ich bin drei Minuten zu spät. Ich hatte einen Trecker vor mir, den ich minutenlang nicht überholen konnte, und dann waren noch die Schranken zu.“ – „Ja, wir hatten auch eine recht lange Anfahrt, da kann ja immer viel passieren. Deswegen fahren wir auch immer rechtzeitig los. Ich schlage vor, Sie schicken erstmal die beiden Frauen hier auf die Reise und dann schauen wir mal, wie meine Tochter mit Ihnen klar kommt.“

Sind wir ein kleines bißchen überheblich? Anja sagte: „Papi, ich komm schon klar.“ – Papi fragte Tatjana: „Haben Sie denn gar kein Fahrrad dabei? Wie wollen Sie denn kontrollieren, ob meine Tochter alles richtig macht?“ – „Das brauche ich nicht zu kontrollieren. Ihre Tochter ist ja keine Anfängerin mehr, sie ist selbst dafür verantwortlich, alles richtig zu machen. Sie fährt ja regelmäßig an mir vorbei, ich sehe sie einen Kilometer weit von hinten und einen von vorne, da kann ich genügend Eindrücke gewinnen und ihr noch einzelne Tipps geben.“ – „Und wenn die da trödeln, sobald sie außer Sichtweite sind?“ – „Dann sind sie dumm, schließlich könnten sie es noch einfacher haben, indem sie einfach aufhören und duschen fahren. Meinetwegen muss hier niemand trainieren, das machen alle Athleten nur für sich selbst. Und das wissen sie auch.“ – „Na, wenn Sie das meinen.“

„Ich würde vorschlagen, die drei fahren sich mal locker warm und wir schauen einfach mal zu.“ – „Ach, ich dachte, das wäre Einzeltraining?“ – „Wir sind nur zum Gespräch verabredet. Und ich habe gesagt, ich schaue mir Ihre Tochter mal an. Aber von Einzeltraining war nie die Rede. Und Einzeltraining hieße ja auch nicht, dass niemand anderes mehr in der Nähe sein darf. Die anderen werden sich später ausklinken, aber erstmal sind die beiden ja auch eine gute Möglichkeit für einen Leistungsvergleich.“

Der Vater wollte seinen Fahrradhelm aufsetzen. Tatjana sagte: „Zum Aufwärmen wollen Sie jetzt aber nicht mitfahren, oder?“ – „Ja doch!“ – „Lassen Sie doch Ihre Tochter mal sich eingewöhnen und einfach mal ein wenig ausprobieren. Dafür ist das Aufwärmen ja da. Wie lange macht Ihre Tochter das jetzt? Sechs Jahre? Dann bekommt sie ein Aufwärmen auch hin, ohne dass sie jemand dabei beobachtet.“ – „Und wenn Autos kommen? Sie fährt zum ersten Mal auf der Straße!“ – „Sie fährt ja nicht auf der Straße, sondern das ist hier nur ein breiter Rad- und Gehweg. Der ist zwar so breit wie eine kleine Straße, aber da fahren keine Autos. Ansonsten sieht man das ja schon von weitem und kann anhalten.“

„Auf gehts!“, versuchte ich, die nun folgende Diskussion zu vermeiden und rollte los. Marie fuhr gleich mit. Anja zögerte. Ich drehte mich nach einigen Metern um. „Komm Anja. Lass deinen Papa und Tatjana erstmal fachsimpeln, wir geben schonmal Gas.“ – Jetzt kam auch noch die Mutter ins Spiel, hüpfte ihrer Tochter vor den Stuhl und musste ihr noch ein Küßchen geben. „Pass auf dich auf, Kleines.“ – „Ja, Mama.“ – „Und wenn Autos kommen, fährst du rechts ran, ja? Und hör auf Jule und Marie, ja? Wenn das bloß gut geht.“

Ich wagte nach fünfzig Metern einen vorsichtigen Blick nach hinten, Papa hatte sein Fahrrad wieder aufgeständert. Also schien Tatjanas Plan zu funktionieren. Wir fuhren erstmal mit halber bis dreiviertel Kraft, um den Körper an der trotz Sonne recht kühlen Luft auf Betriebstemperatur zu erwärmen. Nach 10 Minuten lockerem Gespräch fragte ich direkt: „Sag mal, deine Elten sind ziemlich anstrengend, oder?“

„Naja, sie meinen es gut. Sie fahren mit mir überall hin, sie fördern mich, ohne die beiden wäre ich ziemlich aufgeschmissen. Aber ich weiß, was du meinst: Es muss irgendwie immer das beste sein. Mein Papa ist zu ungeduldig, einfach mal auszuprobieren und langfristig etwas aufzubauen, er will immer gleich und nur das Beste. Und das gibt es halt im Leben nicht oder ist nur von kurzer Dauer. Und ihm ist ungeheuer wichtig, welcher Eindruck auf andere entsteht.“

„Den Eindruck hatte ich aber nicht“, konterte Marie. „Ich fand das teilweise ziemlich abgefahren, was er da von sich gegeben hat.“ – „Er ist der Chef. Ich halt mich da raus. Ich versuche, mich irgendwie zu benehmen und dann ist gut. Alles andere ist sein Bier. Wenn mich einer was fragt, antworte ich, ansonsten halte ich meine Klappe. Lieber nichts als was falsches sagen.“

„Aber es geht doch um dich? Da kannst du dich doch nicht raushalten!“ – „Naja, er meint eben, dass er am besten weiß, was für mich gut ist. Oft stimmt das ja auch. Wenn ich das für mich beanspruchen will, führt er mir eine Viertelstunde lang Dinge vor, die ich eben noch nicht alleine kann und beendet seinen Monolog mit: ‚Und deswegen bin ich für dich da. Ich lass dich nicht im Stich.'“

Ich sagte ihr, dass sie auf Dauer nur dann Spaß und Fortschritt sehen wird, wenn sie selbst bestimmt, was sie will. Damit spreche ich mich ausdrücklich dafür aus, sich mit seiner Umwelt zu arrangieren und auch mal zurück zu stecken, aber es kann doch nicht sein, dass jeamnd einem das Leben plant?! Und zwar in allen Bereichen, wie wir mitbekamen, als wir nach 20 Minuten wieder an Tatjana und den Eltern von Anja vorbei fuhren.

Wir hielten auf das wilde Gestikulieren der Mutter kurz an. „Anjaschatz, musst du auf die Toilette?“ – „Nein, Mama, ich war doch gerade erst.“ – „Willst du nicht lieber nochmal dorthin, bevor ihr die nächste Runde fahrt?“ – „Nein, ich muss nicht.“ – „Nicht dass es nachher zu spät ist.“ – „Nein, Mama, jetzt entspann dich doch mal.“

Kein Wort darüber, wie es bisher gelaufen ist, ob sie gut mit uns zurecht kommt, okay, Muddis sehen das ja im allgemeinen am Gesichtsausdruck, dass es ihrer Tochter gut geht. Aber jemandem mit 16 an den Klogang erinnern? Unglaublich. Aber leider wirklich kein Einzelfall bei den Jungs und Mädels, die seit Geburt eine Behinderung haben. Und leider scheint für viele Eltern der Abschluss der „Sauberkeitserziehung“ eine unüberwindbare Hürde zu sein, sobald eine Inkotinenz oder zumindest eine durch die Behinderung beeinflusste Blase (und Darm) mit hinein spielt. Natürlich ist es anders und natürlich gibt es Menschen mit Behinderungen, die das geistig nicht auf die Reihe bekommen. Aber Anja besucht das Gymnasium. Passt also nicht. Mit 16 ist diese Frage einfach unverschämt.

Wir fuhren in die andere Richtung weiter, offiziell immernoch zum Aufwärmen, inoffiziell, um Anja kennen zu lernen und mehr über sie zu erfahren. Ich fragte gleich direkt: „Und was war das jetzt? Ist dir das nicht peinlich, wenn deine Mutter dich vor fünf anderen Leuten daran erinnert, auf die Toilette zu gehen? Ich meine, mich kratzt das jetzt nicht, das ist eure Sache, aber ich wüsste, wie ich an deiner Stelle darauf reagieren würde.“ – „Ich habe mich schon daran gewöhnt. Da kann man nichts machen. Ich habe immer mal ein paar Probleme mit der Blase und dann bekommt meine Mutter es nicht auf die Reihe, dass die Probleme nicht dadurch entstehen, dass ich zu selten auf Klo gehe. Aber das ist für sie als nicht betroffener Mensch die einzig nachvollziehbare Erklärung und dann … kannst du vergessen. Du kannst aber sicher sein, dass es nachher eine Predigt gibt, falls was in die Hose gegangen ist. Ich glaube, sie möchte damit ein wenig ihre Verantwortung abgeben, in die sich selbst immernoch nimmt. So kann sie dann immer sagen: ‚Ich hab dich gefragt, ich habe dich erinnert.‘ Und damit die Schuld von sich wegschieben.“

Als wir wieder an der Gruppe vorbei kamen, bat der Vater Anja, anzuhalten. Er meinte, ihr Training sei beendet, man käme mit „der Frau“ auf keinen gemeinsamen Nenner. Tatjana vertrete Ansichten, die sie nicht teilen könnten. Da von Anja keine Reaktion kam, platzte mir dann mal stellvertretend der Kragen: „Mit Verlaub, Sie vertreten auch Ansichten, die man nicht teilen kann. Wieso bestimmen Sie, was für Ihre Tochter gut ist, ohne sie überhaupt gefragt zu haben? Sie hat sich jetzt warm gefahren, vielleicht möchte sie jetzt mal eine Stunde lang Gas geben? Warum sollte sie jetzt ihr Training mittendrin abbrechen, nur weil der Vater mit der Trainerin nicht klar kommt? Ich dachte, Sie tun das alles für Ihre Tochter, aber ich habe eher den Eindruck, Sie tun das für sich selbst.“

„Das ist doch alles ein abgesprochenes Spiel hier, dasselbe habe ich gerade schon einmal gehört. Ich hätte gleich misstrauisch sein sollen, als aus dem Einzeltraining ein Gruppentraining wurde.“ – „Misstrauisch? Ihre Tochter fühlt sich wohl. Sie haben ein Problem, nicht Ihre Tochter. Aber Sie wollen hier nicht trainieren. Alle anderen Jugendlichen mit 16 kreuzen hier alleine hier auf und lassen sich nicht von den Eltern kontrollieren, ob sie Vollgas geben oder rechtzeitig zum Klo fahren. Und sind sehr erfolgreich. Das müssen Sie doch mal merken, dass da bei Ihnen was nicht stimmt.“

„Kommst du?“, forderte er Anja energisch auf. Die überlegte einen Moment. Ich fixierte sie mit meinem Blick und beamte ihr ein „jetzt oder nie, das ist deine Chance“ in den Kopf. Es kam an. Ich hatte mich für diese Steilvorlage weit genug aus dem Fenster gelehnt und alle unverschämten Register, an die ich irgendwie dran kam, gezogen. „Papi, jetzt hör mal zu. Ich weiß ja, dass ihr es gut meint, aber manchmal geht es echt zu weit, was ihr hier macht. Ihr wollt doch, dass ich glücklich bin und gut gefördert werde und hier habe ich zum ersten Mal den Eindruck, dass das was ganz tolles werden könnte. Die Leute sind nett, zwei zumindest erstmal, ich kann endlich mal richtig schnell fahren, schneller als ewig nur auf der 400-Meter-Bahn mit lauter Kurven, und ihr habt mir versprochen, wir probieren es aus. Ich kann dir jetzt sagen: Es gibt was viel besseres als den Sportplatz in dem anderen Verein. Heute habe ich gemerkt, was ich schon immer gewusst habe und was du auch gemerkt hast: Der Sportplatz alleine bringt es nicht. Ich gehe auf diesen Platz nicht wieder zurück. Wenn ihr heute meint, dass ich hier nicht trainieren darf, dann ist das wohl mein Ende in diesem Sport, denn nur auf dem Sportplatz habe ich keine Perspektive, meine Leistungen noch zu steigern und auch noch andere Dinge zu machen. Die Leute hier trainieren ja nicht nur im Rennrolli, sondern auch andere Sachen, Biken und Schwimmen. Da hätte ich auch voll Lust drauf. Ich wäre sofort dabei, aber im Moment seid ihr diejenigen, die mir da Steine in den Weg legen“, sagte sie und drückte auf die Tränendrüse. „Auf den heutigen Tag habe ich mich seit Wochen gefreut.“

Und Tränen erweichen ja bekanntlich als erstes die Muddis. Die kam gleich angelaufen und musste ihre Tochter in den Arm nehmen. „Schatz, wir wollen doch nur das beste für dich. Du musst Papi auch verstehen, der hat dich sechs Jahre begleitet und du kannst nicht behaupten, du hast nichts gelernt und es nicht gut gehabt. Papi hat alles für dich getan.“

„Ja, das weiß ich ja auch alles und das finde ich ja auch alles gut, aber ihr könnt mich doch nicht mit 25 immernoch an die Hand nehmen, ihr müsst doch mal langsam dazu kommen, dass ihr mir ein paar Freiräume gebt und mir eher beratend und helfend zur Seite steht und mich eigene Erfahrungen machen lasst. Schau mal, ich habe sofort neue Freunde gefunden, da möchte ich einfach mal ein bißchen egoistisch sein. Wenn es zu viele Umstände macht, finden wir bestimmt einen Weg, wie ich zum Training komme und wieder zurück, aber ich möchte zumindest die Erlaubnis haben, künftig hier erstmal mitzutrainieren.“

Der Vater sagte „nein“, die Mutter „ja“, beide im selben Moment. Dann schauten sich Mama und Papa an und dann sagte Papa: „Ist ja gut, ich will kein Spielverderber sein. Aber ich möchte, dass du mir regelmäßig erzählst, was ihr hier macht und dass wir gemeinsam besprechen, ob das wirklich alles so gut ist, sobald du mehr Eindrücke gewonnen hast.“ – „Ach Papa, wenn das alles nicht gut wäre, würde ich doch von selbst sagen, dass ich nicht mehr hierhin will. Danke Papa“, sagte Anja und gab Muddi und Vaddi ein Küßchen. Marie war schon einige Meter vorgerollt, ich rollte hinterher. Sie fing leise an zu singen: „So a Stückerl heile Welt hab‘ ich beim Himmel heut‘ bestellt…“ – „Ach du warst das“, lachte ich. „Manchmal komme ich mir hier vor wie ein Sozialarbeiter.“ – „Bist du doch auch. Was meinst du, warum Tatjana dich angerufen hat.“

„Aber nun sag doch mal selbst, sowas geht doch gar nicht.“ – „Geht es auch nicht. Ich wette mit dir, sie trainiert jetzt gleich noch zwei Stunden mit uns, die Eltern gehen zwischendurch spazieren oder einen Kaffee trinken, dann erklären sie uns, dass sie nachgedacht haben und dass sie ihre Tochter selbstverständlich fördern wollen. So oder so ähnlich. Ich würde meiner Mutter übrigens was erzählen, wenn die mich vor allen Leuten fragt, ob ich auf Klo war. Ich würde ihr zu Hause so eine Szene machen, das würde sie sich kein zweites Mal trauen.“

Anja kam von hinten auf uns zugerollt. „Meine Eltern machen eine Radtour. Wir haben uns geeinigt, dass wir bis 14 Uhr noch trainieren und wollte fragen, ob ihr mir dann zeigen könnt, wo ich duschen kann. Um 15 Uhr holen sie mich dann wieder ab.“ – „Alles klar, machen wir so, los geht’s, ich werde kalt.“ – „Kommt Tatjana mit?“ – „Nein. Wir trainieren zu dritt, Tatjana ist nur für das Gespräch mit deinen Eltern gekommen. Die hat heute Sonntag.“ – „Das habe ich mir gedacht. Mein Vater hat sich da so reingesteigert in dieses beknackte Einzeltraining. Am Anfang hat er nämlich gesagt, es gibt nur ein Gespräch und dann plötzlich sollte ich alles einpacken und … egal, wir fahren jetzt los.“

Bleiben noch zwei Dinge zu klären: Erstens war sie selbstverständlich in der Lage, so rechtzeitig Bescheid zu sagen, dass wir eine Möglichkeit fanden, wie ihre Hose trocken blieb, zumal sie frei laufen konnte. Wenn auch recht spastisch, aber sogar barfuß und ohne Festhalten. So ein Deich hat ja immer Gefälle und wenn man sich richtig rum mit herunter gezogener Hose ins Gras setzt (hocken ging nicht), braucht man nur einen Moment, in dem keine Fußgänger und Radler vorbei kommen und gaffen wollen. Auf den Schiffsverkehr auf der Elbe haben wir allerdings nicht geachtet und so erblickten wir dann plötzlich einen Typen auf einem Binnenschiff, der mit einem Fernglas herüber schaute. Der war aber trotzdem weit genug weg.

Zweitens: „Muddi und ich haben bei unserer Radtour nachgedacht und miteinander gesprochen und wir finden es wichtig, dass du den Sport machst und dass du deine Freunde hast und dein eigenes Leben und selbstverständlich sollst du hier trainieren.“ – Marie hielt mir auffordernd (’schlag ein‘) ihre flache Hand hin. Im selben Moment kam der Vater auf mich zu und meinte: „Ich finde es gut, dass Sie vorhin so direkt, ich will nicht sagen unverschämt, aber direkt, zu mir waren. Sie haben durch ihr selbständiges Leben sicherlich einen ganz anderen Blickwinkel. Es war richtig, dass Sie uns so nachdrücklich auf unseren Irrtum aufmerksam gemacht haben. Obwohl ich so etwas nicht schätze, wenn Publikum daneben steht, und das weiß meine Tochter auch.“

Dann sagte die Mutter: „Trotzdem denken wir, Sie können unserer Tochter viele Dinge vermitteln, die wir als nicht behinderte Menschen ihr nicht beibringen können. Nicht nur Sie, sondern auch die anderen Leute hier.“ – Wow. Da mag sie Recht haben.