Noch eine Versicherung

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Mein Vater hat für mich, als ich etwa 12 Jahre alt war und zu reiten anfing, eine private Unfallversicherung abgeschlossen. Als ich meinen Unfall auf dem Schulweg hatte, wurde die komplette Versicherungssumme bei Invalidität fällig. Die Versicherungssumme betrug 100 T€, allerdings mit 5-facher Progression, weil es meinem Vater damals darum ging, die wirklich „heftigen“ Dinge abzusichern und nicht die „kleineren“, und so hat jenes in Bayern vertretene große Unternehmen mir vor etlichen Monaten eine halbe Million Euro ausgezahlt, die zur Zeit über 5 Jahre festgelegt sind mit 100% Einlagensicherung, auf verschiedene Konten verteilt und mit jeweils 4,2% Zinsen. Ich weiß, Aktien könnten auch 42% Zinsen bringen, aber eben auch -42% oder -100%. Insofern: 4,2% sind doch toll.

Hinzu kommen noch weitere rund 250 T€, die die gegnerische Versicherung als Schmerzensgeld zahlen musste bzw. die mir als 10-Jahres-Abschlag auf die Hälfte meiner Erwerbsunfähigkeitsrente gezahlt worden sind. Da ich alleine von der halben Rente und des Pflegegeldes der Unfallversicherung (nicht aus der gesetzlichen Pflegeversicherung) mehr als nur bescheiden leben kann (Was für Ausgaben habe ich denn als Schülerin mit einem WG-Zimmer?), bleiben pro Monat zwischen 2 und 3 T€ stehen, die ich nicht ausgebe. Mein neues Auto (den Viano) habe ich beispielsweise von diesen Zinsen bezahlt. (Es handelt sich um einen Sparvertrag, bei dem die Zinsen ausgezahlt werden und nicht stehen bleiben müssen.)

Okay, das erzähle ich nicht, um anzugeben, sondern um ein ganzes Bild zu erzeugen, wenn ich folgendes berichte: Mein Vater hatte diese Unfallversicherung abgeschlossen, weil er damals meinte, dass die Familienunfallversicherung, die er davor hatte, nicht ausreichend wäre, weil diese nur eine monatliche Invaliditätsrente bis zum 25. Lebensjahr für Kinder zahlt – danach ist Ende. Bei dieser Versicherung, die bestand nach wie vor, hat mein Vater aber, wie ich inzwischen erfahren habe, meinen Unfall auch eingereicht. Ohne mir je davon etwas zu erzählen.

Und nun kommt es: Er hat dort erklärt, dass ich bei ihm wohne und nach seinem Auszug (die haben das Haus verkauft, als sich meine Eltern getrennt haben) bei ihm geblieben wäre. Die Versicherung hat mich aber anlässlich meines 18. Geburtstages angeschrieben und wollte von mir eine Unterschrift. Die haben sie auch bekommen, allerdings nicht von mir, sondern von meinem Vater… Ich wusste von nichts. Irgendwas ist dem Sachbearbeiter spanisch vorgekommen, so dass er „im Rahmen einer Überprüfung über das Melderegister“, wie er mir in einem Schreiben an meine WG-Anschrift nun mitteilt, festgestellt hat, dass ich nicht mehr dort wohne. Da mein Vater zwar Versicherungsnehmer sei, ich jedoch die Leistungsempfängerin, möchte man von mir wissen, ob ich mit einer Auszahlung der monatlichen Rente bis zum 25. Lebensjahr auf das Konto meines Vaters einverstanden bin. Es handelt sich hierbei um monatlich über 3.300 €. Auch hier hatte mein Vater eine 5-fache Progression gewählt, falls wegen Voll-Invalidität des Kindes ein Elternteil als Arbeitskraft ausfällt. Und Querschnittlähmung bedeutet im Versicherungsrecht Voll-Invalidität.

Nun ist es ja so, dass ich einerseits dankbar sein muss (und auch bin), dass mein Vater für mich schon die andere Versicherung abgeschlossen hatte, von deren Zinsen ich nun monatlich leben kann. Was ich aber unmöglich finde, ist, dass er hier so ein Ding dreht, ohne mir etwas zu sagen. Wäre er jetzt angekommen und hätte gesagt: Du, Jule, hier gibt es noch eine Versicherung, die haben wir mal abgeschlossen, um für dich da sein zu können und nicht arbeiten zu müssen, wenn du mal „invalide“ wirst – dazu dann irgendwann die, die dir etwas zahlen sollte. Vielleicht wäre dann bei mir sofort alles klar gewesen und ich hätte es okay gefunden, wenn meine Eltern das Geld bekommen.

Vielleicht kann man jetzt auch argumentieren, dass ein ähnlicher Fall eingetreten ist. Meine Eltern haben sich „meinetwegen“ oder zumindest wegen meines Unfalls getrennt. Ich habe keine Ahnung, ob mein Vater noch arbeitet. Oder nun nur noch von diesem Geld lebt. Nur: Wenn man das so entscheidet, steht meiner Mutter doch wohl die Hälfte zu, denn die Beiträge wurden doch wohl vom gemeinsamen Geld bezahlt, oder?

Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll. Wenn ich der Versicherung mitteile, dass ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne, sie für mich auch keinen Unterhalt zahlen (was sie auch nicht müssen), wird mir das Geld künftig auf mein Konto überwiesen und mein Vater müsste vermutlich die zu Unrecht erhaltenen Zahlungen zurückzahlen oder an mich weiterleiten.

Frank, der Rechtsanwalt in unserer WG, hat dazu eine sehr konkrete Meinung. Die will ich nicht vorweg nehmen. Mich würden Kommentare und Meinungen dazu sehr interessieren. Schreibst du mir was?

Schwimmen zählt nicht

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Zur Zeit komme ich nicht aus dem Haus. Vor der Tür hat sind die Gehwege nicht nur vereist, sondern auf dem Eis liegt festgetretener, aber nicht mit dem Eis verbundener Schnee, in dem man mit den Vorderrädern versinkt. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch die anderen Rollstuhlfahrer in meiner WG und auch viele andere Rollstuhlfahrer in Hamburg.

Ich könnte normalerweise wenigstens mit dem Auto losfahren, das geht aber im Moment auch nicht, da das elektrische Garagentor defekt ist. Ein Ersatzteil soll erst in der nächsten Woche geliefert werden, solange lässt sich das Tor überhaupt nicht öffnen oder schließen. Das Rolltor ließe sich im Notfall mit einer Handkurbel öffnen – aber nicht wieder schließen. Keine Ahnung, wer so etwas baut. Jedenfalls haben wir uns zwangsweise darauf einigen müssen, dass das Tor geschlossen bleibt, denn durch das geöffnete Tor könnte jede wildfremde Person durchs ganze Haus spazieren.

Die anderen Mieter haben immerhin die Möglichkeit, ihr Auto solange draußen zu parken. Ich könnte das auch, würde dann aber immer jemanden benötigen, der mich dorthin schiebt und mir beim Verladen des Rollstuhles hilft. Sowohl beim Losfahren als auch beim Zurückkommen. Und das geht eben nicht.

Somit fahre ich im Moment mit dem Taxi zur Schule. Um zu fragen, ob das übernommen wird, musste ich sowieso bei meiner Unfallkasse anrufen. Also bequatschte ich Frank nochmal, ob es nicht doch irgendeinen Ansatz gibt, um mein Problem mit dem Schwimmen zu lösen. Vor allem, weil ich im Schwimmunterricht mal nicht „anders“ bin und mit den anderen mithalten kann, fände ich es sehr wichtig, dass ich daran teilnehmen kann und nicht etwa in einem anderen Schwimmbad am Montagmorgen schwimme – wie es hier vorgeschlagen wurde. Woanders schwimmen kann ich jederzeit.

Frank meinte: „So, wie es jetzt ist, ist es nicht optimal. Es gibt zwei Möglichkeiten, nämlich die eine, dass die Unfallkasse klipp und klar sagt, dass auch ‚privates‘ Schwimmengehen während des Schulschwimmens verboten ist, oder dass es irgendeine Möglichkeit gibt, das weiterhin zu tun.“ Im ersten Fall müsste ich es künftig sein lassen, im zweiten Fall käme ich in die Behindertendusche. Also ganz oder gar nicht. Also sollte ich fragen, ob etwas dagegen spricht, wenn ich während meiner Freistunden im gleichen Schwimmbad privat schwimmen gehe wie meine Klassenkameraden.

Gesagt, getan. Die Taxikosten werden übernommen. „Und dann hätte ich noch eine Frage bitte. Ich habe ja deutlich weniger Stunden als meine Mitschüler in meinem Jahrgang, und daher auch deutlich mehr Freistunden. Darf ich in den Freistunden eigentlich privat schwimmen gehen?“

„Sie dürfen in den Freistunden machen, was Sie wollen!“ – „Dürfte ich dann auch in dem Schwimmbad schwimmen gehen, wo meine Mitschüler in der Zeit Schwimmunterricht haben?“

„Sie dürfen auch ganz normal mitschwimmen. Sie dürfen Ihre Leistung auch mit anderen messen oder messen lassen. Sie dürfen nur am Ende keine Note dafür bekommen.“

„Achso? Weil man mich ganz, ganz doll gewarnt hat, ich müsste diese 20-Stunden-Regel ganz genau einhalten und dürfte nicht eine Minute länger am Unterricht teilnehmen, sonst würde ich meine Rente verlieren.“

„Das ist im Prinzip auch richtig. So erklärt man es erstmal ganz einfach. Aber es gibt mehrere Urteile dazu, und dann wird es speziell. Ich erkläre Ihnen das mal genau.“ – „Das wäre prima.“

„Nach einem Gutachten sind Sie erwerbsunfähig. Das bedeutet, dass Sie nicht in der Lage sind, dauerhaft mehr als 15 Stunden (zu je 60 Minuten) pro Woche zu arbeiten. Diese Feststellung ist nicht als Leistungsbeurteilung zu verstehen, sondern trägt“, wie hat sie es genannt?, „Ihrem Bedürfnis nach und Ihrem Anspruch auf lebenslange Rehabilitation Rechnung. Das heißt auf Deutsch: Wir wollen, dass Sie Ihre Therapien, insbesondere die Physiotherapie, ohne Druck durch den Arbeitgeber fortführen können. Sie sollen nicht mehr als 3 bis 4 Stunden ununterbrochen sitzen, weil das Ihrer Haut im Gesäßbereich nicht gut tut. Sie sollen sich alleine versorgen können, weil das nicht nur billiger, sondern auch angenehmer für alle Seiten ist. Sie brauchen länger unter der Dusche und auf dem WC. Deswegen wird das so festgesetzt, auch wenn sich die Betroffenen oft leistungsfähiger fühlen. Sie sollen aber die Chance haben, kürzer zu treten, ohne dass Sie gleich den Job verlieren. Wichtig ist, dass Sie das entscheiden können, wenn es gerade notwendig ist und dann nicht erst lange Anträge stellen müssen. Querschnittlähmung kann Jahre lang gut gehen, aber ein Infekt oder eine Druckstelle kann Sie vielleicht Monate lang aus der Bahn werfen. Da sind Sie froh über jede Stunde, die Sie Ruhe haben.“

Ich fragte sie: „Darf ich fragen, woher Sie sich so gut mit Querschnittlähmungen auskennen?“

„Ja, dürfen Sie. Ich bin selbst querschnittgelähmt. Aber zurück zum Thema: Wie Sie das im Alltag umsetzen, ist aber eine völlig andere Sache“, fuhr sie fort. „Sie dürfen aus nicht mehr als 15 Stunden Einkommen erzielen. Sobald Sie für eine 16. Stunde bezahlt werden, ist der Sack zu und die Rente wird gestrichen. Wenn Sie aber 30 Stunden in der Firma sitzen und in der Zeit das Pensum von 15 Stunden schaffen und auch nur für 15 Stunden bezahlt bekommen, weil Sie vielleicht alle 20 Minuten für 5 Minuten die Augen schließen und sich entspannen, dann ist das Ihr Ding. Wenn Ihr Arbeitgeber das mitmacht, können Sie auch morgens eine Stunde arbeiten, mittags eine Stunde arbeiten und abends eine Stunde arbeiten und dazwischen in das betriebseigene Fitness-Center oder in die Kantine gehen und Fernsehen. Das spielt alles keine Rolle.“

„Gut, nun habe ich aber keinen Job, sondern bin Schülerin.“ – „Richtig. Und da ist es genauso. Sie haben den Leistungsdruck von 15 Stunden pro Woche, sind 20 Schulstunden oder 10 Doppelstunden. Dafür bekommen Sie Noten. Und vermutlich für einige Hausarbeiten. Sie können diese Hausarbeiten aber theoretisch auch in der Schule machen, während die anderen genau dieses Fach haben, sogar im selben Unterrichtsraum. Sie dürfen in Ihren Freistunden auch am Unterricht teilnehmen, auch aktiv. Sie dürfen nur keine Note dafür bekommen. Es muss sichergestellt sein, dass in dem Moment, wo es Ihnen schlecht geht oder wo Sie eine Druckstelle bekommen oder wo Ihre Spastik zunimmt, Sie ohne mit der Wimper zucken zu müssen Ihre Stundenzahl auf das Minimum runterschrauben können. Ohne dass es sich im Zeugnis auswirkt. Sie können also problemlos am Schwimmunterricht teilnehmen – solange Sie nicht unter dem Druck stehen, eine gute Leistung abgeben zu müssen.“

Das hörte sich doch ganz anders an. „Sie dürfen zum Beispiel auch nicht dazuverdienen. Deswegen bekommen Sie ja die Rente auch schon als Schülerin. Das ist eben eine Besonderheit bei der Unfallversicherung. Sobald Sie 15 Stunden am Unterricht teilnehmen und gehen danach 1 Stunde Babysitten, ist die Rente weg. Das dürfen Sie nicht tun. Wenn Sie aber nach den 15 Stunden noch 15 Stunden freiwillig am Unterricht teilnehmen – kein Problem. Sie können auch 15 Stunden als Gast in die Uni gehen oder 15 Stunden Wikipedia lesen oder 15 Stunden die Bibel studieren oder 30 Stunden ehrenamtlich unter Obdachlosen Brot verteilen. Das spielt alles keine Rolle. Sie dürfen nur nicht weiter unter Leistungsdruck stehen.“

„Gibt es dazu irgendwie ein Merkblatt oder sowas? Wo das drin steht?“ – „Nein, aber es gibt mehrere Urteile dazu, die ich Ihnen zumailen kann, wenn Sie das wollen. Sie können Sie auch im Internet raussuchen, das Bundessozialgericht hat eine Internetdatenbank, in der jeder recherchieren kann.“ Das wird Frank mit Sicherheit wissen und finden.

Das sind doch mal erfreuliche Nachrichten. Denn so kann ich ganz normal mit den anderen Schülern ins Schwimmbad und gemeinsam am Sport teilnehmen – und darf sogar in den Umkleideraum für Behinderte. Muss mich also nicht mehr auf dem Gang umziehen, darf mich vorher auch duschen, auf die Toilette – was für ein Luxus. Ich bin mal gespannt, wie das nächste Woche wird.

Die Dusche bleibt leer

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Heute war wieder Schulschwimmen mit Uschi angesagt. Wissend, dass es vermutlich wieder endlose Diskussionen mit dem Personal über die Behindertendusche gibt, habe ich mich wieder zu Hause bereits so weit präpariert, dass ich nur noch ein paar Klamotten ausziehen und ins Wasser springen muss, aber dennoch wollte ich unbedingt nochmal dieses Thema ansprechen.

Man holte mir sogar extra den Chef des Hauses. Es gäbe einen Vertrag mit der Stadt, nach dem die Schwimmgruppen in den Schulen uneingeschränkten Zugriff auf die rollstuhlgerechten Einrichtungen der Schwimmhalle haben müssten. Uneingeschränkt hieße, dass diese Einrichtungen während des Schulschwimmens für den üblichen Besucher gesperrt seien. Es soll halt nicht passieren, dass behinderte Schüler erstmal eine halbe Stunde warten müssten, bevor irgendwelche Omas die Behindertenumkleide verlassen, und damit jede Woche eine Ausrede hätten, um nicht am Schwimmunterricht teilzunehmen. Das kann ich ja auch irgendwie verstehen.

Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass in der Zeit, in der ich schwimme, kein weiterer behinderter Schüler am Schulschwimmen teilnehme. Vielmehr sei ich eine behinderte Schülerin einer Schulschwimmgruppe, würde lediglich deshalb privat zahlen, weil ein Attest besagt, dass ich nicht offiziell am Schulschwimmen teilnehmen soll, sondern allenfalls privat. Dass ich zu dem Kurs gehöre und dass ich daran teilnehme, könne ihm meine Sportlehrerin bestätigen. Ich fragte, ob man sich nicht darauf einigen könne, dass ich die behindertengerechten Einrichtungen nutze, solange kein anderer Bedarf hat. Damit meine ich: Sobald ein Lehrer sagt, dass sie das brauchen, räume ich sofort das Feld.

Nein, das ginge einfach nicht. Wenn ich geschlossen mit der Schulklasse und ohne Eintrittskarte reingehen würde, wäre das kein Problem, so sei das nicht möglich. Und auch der vorgeschlagene Kompromiss sei nicht machbar. Wenn sich nämlich überraschend herausstellt, dass in der nächsten Woche eine der drei Schulen einen behinderten Schüler mitbringt, sei die Kabine bereits belegt, weil man erst hinterher mit mir sprechen könnte. Man könnte mich dann ja nicht nackt auf den Flur scheuchen. Gleichzeitig müsste er dann aber seinen Vorgesetzten erklären, warum er es mir erlaubt hätte. Das wolle er einfach nicht. Und damit ist die Diskussion beendet – und er möchte auch nicht, dass ich nach dem Schwimmen dort dusche. Entweder komme ich als normaler Badegast damit klar, dass die behindertengerechten Einrichtungen nicht zur Verfügung stünden (ich solle es so betrachten, als wären sie gar nicht da), oder ich könne eben nicht schwimmen.

Uschi sagt, dass auch sie keine Chance sehe, da sie nicht Chefin in der Schwimmhalle sei und der tatsächliche Chef der Schwimmhalle nicht mit sich reden ließe. Nun wäre da natürlich noch die Idee, bei meinem Leistungs- und Rententräger anzurufen und zu fragen, ob es nicht eine Chance gibt, den Schwimmunterricht aus der Berechnung der Stunden komplett herauszunehmen, denn das ist ja eigentlich keine zusätzliche Arbeitsbelastung, sondern eher Entspannung. Aber Frank meinte, ich sollte bloß die Finger davon lassen. Das würde keinen Erfolg haben und man wecke damit nur schlafende Hunde. Am Ende käme irgendein anderer Bürokrat auf die Idee und wertet meine privat organisierte und privat bezahlte Schwimmstunde (so, wie es jetzt ist) als Schulunterricht und mache mir Probleme.

Frank rät mir eher dazu, herauszufinden, ob diese Schwimmhallen-Unternehmen von der Stadt öffentliche Mittel bekommt oder bekommen hat. Einerseits dafür, dass es für die Hamburger Bürger eine öffentliche Einrichtung (Sportstätte, Freizeitbad) betreibt, andererseits für den behindertengerechten Aus- oder Umbau. Die Stelle, die solche Mittel bewilligt, hat an solchen Schilderungen in der Regel ein Interesse. Frank bezweifelt, dass die wissen, dass die Einrichtung nur außerhalb von Schul- (und womöglich Vereins-) Schwimmen rollstuhlgerecht ist. Die Senatsbeauftragte für die Belange behinderter Menschen könnte hier sicherlich weiterhelfen. Man müsse nur aufpassen, dass der Schuss nicht nach hinten losgehe: Immerhin hat man mir vor Betreten des Bades deutlich gesagt, dass die Einrichtungen nicht zur Verfügung stehen. Das darf also eindeutig weder mein Vorwurf noch deren Ausrede sein.

Vorerst bleibt es aber auch in und nach Woche 2 dabei: Die einzige Schülerin im Rollstuhl zieht sich auf dem Gang um, während die rollstuhlgerechte Umkleidekabine mit rollstuhlgerechter Dusche und rollstuhlgerechtem WC aus bürokratischen Gründen leer stehen muss. In Einzel- oder Gruppenumkleidekabinen komme ich nicht rein, da die Türen zu schmal sind, in den Duschraum komme ich zwar, könnte mich dort aber nur auf dem Fußboden sitzend duschen, sozusagen Hand-in-Hand mit den Fußpilzen, und in den Toilettenraum komme ich ebenfalls, nicht aber in die einzelnen Kabinen.

Ich bin mal gespannt, wann sich der erste darüber aufregt, dass ich quasi ungeduscht ins Becken springe. „Quasi“, denn eine Stunde davor dusche ich ja zu Hause. Schön wäre allerdings, auch nach dem Schwimmen die Chlorbrühe abwaschen und nicht nur abtrocknen zu können. Aber vermutlich hat die Behinderte einfach mal wieder zu hohe Ansprüche. Soll sie sich doch freuen, dass sie überhaupt in die Halle darf und mitschwimmen kann. Ist ja schließlich nicht selbstverständlich.

Es ist mal wieder ein typisches Beispiel für eine vermeidbare Barriere. Kein behinderter Mensch, der zumindest die Hälfte seiner Tassen im Schrank hat, wird verlangen, unsinnig viel Geld für den barrierefreien Ausbau alter Gebäude oder andere unverhältnismäßige Maßnahmen auszugeben. Ich habe kein Problem, einen Lastenaufzug oder einen Lieferanteneingang zu benutzen, mich auf der Straße vom Apotheker bedienen zu lassen oder einen Umweg in Kauf zu nehmen, weil in eine vor 100 Jahren erbaute denkmalgeschützte U-Bahn-Station kein Aufzug eingebaut werden kann. Aber so ein kompromissloser Bürokratismus kotzt mich an.

Gestatten, Krösa

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Ob der legendäre Krösus eine Frau hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich weiß, dass gestern mein Verfahrenspfleger hier war und mit mir besprochen hat, wie es in meinem Streit mit der Versicherung der Unfallgegnerin weitergehen soll.Die Kosten für die lebenslange Behandlung und eine Erwerbsunfähigkeitsrente zahlt die Berufsgenossenschaft, da es sich um einen Wege-Unfall (Schulweg) gehandelt hat. Das haben die bereits anerkannt. Die BG holt sich diesen Anteil von der Versicherung der Unfallgegnerin selbst wieder. Damit habe ich nichts zu tun. Auch die Anwaltskosten und der Ersatz von meinen Klamotten, meiner Brille, meinem Handy und was noch so alles geschrottet wurde, interessieren mich im Moment eher sekundär bis überhaupt nicht. Aber es gibt noch zwei Dinge, die sehr interessant sind. Ich habe nach Ansicht des Anwaltes Anspruch auf angemessen hohes Schmerzensgeld. Die Versicherung hatte bereits 12.000 Euro geboten, mein Anwalt hat 220.000 Euro gefordert. Gestern war, wie gesagt, der Verfahrenspfleger hier, um mir mitzuteilen, dass die Versicherung der Unfallgegnerin bereit wäre, sich außergerichtlich auf 165.000 Euro zu einigen. Hinzu käme noch ein Ausgleich für einen behinderungsbedingten Mehrbedarf in Höhe von 32 Euro monatlich. Mein Anwalt hat mir dringend geraten, das Angebot anzunehmen. Außerdem gibt es beim selben Versicherungsunternehmen eine private Unfallversicherung, die mein Vater mal abgeschlossen hat, als ich angefangen habe zu reiten. Die Versicherungssumme bei Voll-Invalidität beträgt 100.000 Euro, allerdings mit einer 5-fachen Progression. Das bedeutet im Klartext, dass eine halbe Million Euro zur Auszahlung fällig sind. Das Versicherungsunternehmen bestätigt das bereits, man habe anfangs die Querschnittlähmung überlesen und sei nur von ein paar Knochenbrüchen ausgegangen. Daher sei es zu der lächerlichen Summe von 12.000 Euro (auch hier) gekommen. Es geht noch weiter. Die Berufsgenossenschaft zahlt eine Erwerbsunfähigkeitsrente, solange ich nicht mehr als 15 Stunden (20 Schulstunden) pro Woche arbeiten (zur Schule gehen) kann. Diese beträgt

  • rund 730 Euro monatlich bis zum 18. Geburtstag
  • rund 1.100 Euro monatlich bis zum 21. Geburtstag
  • rund 1.400 Euro monatlich bis zum 25. Geburtstag
  • rund 1.900 Euro ab dem 25. Geburtstag.

Auf diese Rente (und eventuelle Zinsen) muss Einkommenssteuer bezahlt werden, allerdings auf das Schmerzensgeld und dessen Zinsen nicht. Das bedeutet, dass nur die 730 bis 1.900 Euro als tatsächliches Einkommen gilt und davon noch 8.200 Euro alleine wegen meiner Behinderung abgezogen werden dürfen. Dann bleiben bei 1.900 Euro monatlich nur unter 15.000 Euro pro Jahr, die wegen Geringfügigkeit überhaupt nicht versteuert werden müssen. Im Klartext heißt das: Auch die Rente bleibt steuerfrei. Allerdings gibt es durch diese Rente weder BaföG, noch Wohngeld, noch Kindergeld noch sonstwelche anderen Sozialleistungen.Die BG bietet an, auf die Hälfte der Rente, die in den nächsten 10 Jahren zu zahlen ist, einen Abschlag zu bekommen. Das heißt: Die Hälfte wird monatlich ausgezahlt, die andere Hälfte gibt es als Einmalzahlung für die nächsten 10 Jahre im Voraus, wobei von der Einmalzahlung allerdings 10% abgezogen werden. Der Verfahrenspfleger hat diese Möglichkeit durchgerechnet mit Zinsen und Zinseszinsen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sich der Abschlag lohnt, wenn man ihn anlegt und dafür mindestens 1,9% Zinsen bekommt. Dadrunter lohnt es sich nicht, dadrüber auf jeden Fall. Der Abschlag beträgt ohne Zinsen knapp 80.000 Euro und würde am 18. Geburtstag fällig werden. Dann gibt es noch eine Pflegepauschale, mit der eine eventuell nötige Pflegekraft bezahlt werden soll. Gezahlt werden bei mir 480 Euro monatlich pauschal. Fasst man das zusammen (nein, ich habe schon lange den Überblick verloren, ich tippe das meiste von einer Aufstellung ab, die der Verfahrenspfleger geschrieben hat), ergeben sich Einmalzahlungen:

  • 500.000 Euro Invaliditätszahlung private Unfallversicherung (steuerfrei)
  • 165.000 Euro Schmerzensgeld Unfallgegnerin (steuerfrei)
  • 80.000 Euro Abschlag EU-Rente (steuerpflichtig)

Legt man diese rund Dreiviertel Million (mir wird ganz schwindelig) sicher an, bekommt man dafür etwa 3% Zinsen. Dadurch gibt es steuerfreie Zins-Einnahmen in Höhe von rund 1.850 Euro monatlich. Das heißt:

  • 1.862,50 Euro Zinsen (zum größten Teil steuerfrei)
  • 555,50 Euro halbe EU-Rente (steuerpflichtig)
  • 480,00 Euro Pflegepauschale (steuerfrei)
  • 32,00 Euro Mehrbedarf (steuerfrei)
    ——–
  • 2.930,00 Euro als 18-jährige

Bis ich 28 bin, kämen stufenweise noch 400 Euro dazu, mit 28 könnte der nächste Abschlag für die nächsten 10 Jahre (rund 100.000 Euro) beantragt werden. So ganz realisiert habe ich das alles noch nicht. Der Verfahrenspfleger hat mich gefragt, ob Probleme haben würde, dieses Geld anzunehmen. Schließlich ist es nicht gerade wenig. Wenn ich aber bedenke, dass das Geld zur Hälfte von der Versicherung der Unfallgegnerin stammt und zur anderen Hälfte aus einem privaten Versicherungsvertrag, dann muss ich sagen: Nein. Kein Problem. Ich glaube nicht, dass ich mich schämen muss, wenn ich das Geld annehme, was mir eine Versicherung zahlt, weil mich jemand zum Krüppel gefahren hat.