Elternabend

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Ich war kürzlich beim Elternabend. Ich hätte nicht vermutet, dass ich so schnell einmal selbst zum Elternabend gehen würde. Der letzte fiel krankheitsbedingt komplett aus, zum allerersten dieses Schuljahres war Marie dort, da waren allerdings nur fünf weitere Personen vor Ort. Dieses Mal musste Marie arbeiten, also war ich vor Ort. Helena war spürbar verunsichert an dem Nachmittag davor, ich fragte sie noch, ob wir vorher noch über irgendwas reden wollen, aber sie sagte: „Das Schwierige ist, dass ich nie so genau weiß, ob ich alles richtig gemacht habe.“

Ich erklärte ihr dann nochmal, dass sie nicht alles richtig machen muss. Sondern dass sie ein gutes Gewissen und ein gutes Gefühl mit dem haben sollte, was sie tut. Und falls das einmal nicht so ist, sollte sie darüber sprechen und bereit sein, für die Zukunft etwas daran zu ändern. Sie sagte: „Aber manchmal denke ich, es ist alles gut, und dann kommt ganz plötzlich irgendwas auf mich zu, was doch nicht so gut war.“ – „Dass immer alles gut ist, kann dir niemand garantieren. Aber wichtig ist, und das sage ich gerne nochmal, dass du mit dem, was du tust, ein gutes Gefühl hast. Vertraue auf deinen Bauch, höre auf dein Herz, schalte deinen Verstand ein und sei offen für Kritik.“

Der Elternabend selbst war inhaltlich überschaubar. Es steht noch eine Klassenfahrt an. Fünf Tage wollen sie nach Bayern. Ein männliches Elternteil fragte tatsächlich, ob Helena nicht zur Klassenfahrt ihren Rollstuhl zu Hause lassen könnte, weil das doch die Möglichkeiten aller sehr einschränke. Ich musste darauf aber gar nicht reagieren, vor mir platzten schon drei anderen Müttern die Krägen. „Das ist doch nicht Ihr Ernst“, „Habe ich das wirklich gerade gehört?“ und irgendwas mit „Problem erkannt“ riefen sie durcheinander. Der Vater legte noch einmal nach: „Bevor sich alle so aufregen, möchte ich noch die Information liefern, dass das Kind zeitweilig auch ohne Rollstuhl zurecht kommt und damit offensichtlich steuern kann, wann es ihn braucht und wann nicht. Es wäre also für alle anderen 22 Schüler von Vorteil, wenn das eine Kind den während der Klassenfahrt mal nicht bräuchte und im Gegenzug alle 23 Kinder auf Berge klettern, Sommerrodelbahnen herabbrausen, ins Schwimmbad gehen und Sessellift fahren können, statt langweilige Museen anzuschauen und Abende in der Oper zu verbringen.“

Eine der beiden Lehrerinnen meldete sich zu Wort: „Ich bin entsetzt, einen solchen inakzeptablen Vorschlag unterbreitet zu bekommen. Noch dazu in Gegenwart der Pflegemutter, die auch noch selbst im Rollstuhl sitzt.“ – Nun lenkte er vom Thema ab: „Soweit ich weiß, gibt es doch zwei Pflegemütter. Und wenn ich mich richtig erinnere, saß die andere doch auch im Rollstuhl.“ – Ich konnte mich nicht mehr zurück halten und sagte: „Na, das ist ja ein Ding.“ – „Finden Sie auch, oder? Aber ich sage ja gar nichts, jede Zeit bringt ihre Veränderungen, und heute dürfen eben auch zwei Frauen zusammenleben und eigene Kinder haben.“

Okay. Er ist doof und will provozieren. Also lass ich das unkommentiert. Erschreckend finde ich, was solche Haltung der Eltern bei den Kindern auslöst. Oder anders: Kein Wunder, wenn Kinder mobben, wenn die Eltern ihnen eine derartige Intoleranz vorleben. Weil ich nicht antwortete, ergriff ein anderer Vater das Wort. Er sagte: „Selbst meine Eltern hatten noch was gegen Homosexualität. Sie haben die Musik von Elton John gerne gehört, bis sie herausgefunden haben, dass er homosexuell ist. Dann mochten sie ihn nicht mehr, weil er angeblich seine Songs mit schwuler Feder geschrieben hatte. Als meine Eltern so redeten, war mir klar, dass ich eine andere Generation bin. Aber dass Sie jetzt solche Ansichten vertreten, kann ich nicht verstehen. Ich habe nichts gegen Homosexualität und ich finde es toll, dass die beiden Frauen trotz ihrer Behinderung ein Kind aufgenommen haben, das offenbar selbst eine Behinderung hat. Darf ich fragen, wie lange Sie ein Paar sind?“

Ich sagte: „Wir sind seit Jahren sehr eng befreundet. Aber wir haben keine Beziehung miteinander.“ – Darauf fängt doch der Vater, der gerne 23 Kinder beim Bergsteigen hätte, zu lachen an und sagt: „Also die Lüge ist ja inzwischen auch ein legitimes Mittel, sich zu verteidigen.“

Was soll ich darauf erwidern? Die Lehrerin fährt mit ihrem Gesprächsprogramm fort, der Vater grinst sich einen und geht zwischenzeitlich drei oder vier Mal mit dem klingelnden Handy vor die Tür … ich habe selten zuvor jemanden so unsympathisch gefunden.

Am Ende sagte die Lehrerin, dass das Programm, das für die Klassenfahrt geplant sei, mit der Klasse und auch mit Helena besprochen worden sei und Helena offenbar sehr genau wisse, was sie könne und was nicht. Allerdings habe die Lehrerin Bedenken wegen des Diabetes und wünsche sich, dass eine Begleitperson, zum Beispiel Marie oder ich, mitfahren würden. Ich habe allerdings gesagt, dass ich davon ausgehe, dass sie die Woche ohne Hilfe auskommen wird und ich jederzeit bei Problemen erreichbar bin. Wir haben, seit die neue Pumpe da ist und seit sich das einigermaßen eingespielt hat, keine einzige Situation mehr gehabt, in der Marie oder ich irgendetwas unternehmen mussten. Wenn was zu unternehmen war, hat Helena das selbständig und richtig entschieden. Zwar meistens in Abstimmung mit Marie oder mir, aber es gab keine Situation, die Helena, wenn sie auf sich gestellt ist, nicht alleine bewältigt hätte. Von daher möchte ich eigentlich ganz bewusst darauf verzichten, sie zu begleiten.

Spannend fand ich dann noch, dass offenbar vor rund drei Wochen eine Gruppe aus vier oder fünf Schülern ein Video herausgebracht haben soll, in dem es um das Körpergewicht eines wohl übergewichtigen Schülers gehen soll. Es soll damit begonnen haben, dass die Mutter bei der Geburt gestorben sei, weil das Kind zu fett war. Die Eltern dieser Schüler seien mit der Schule im Gespräch, man wolle aber nunmehr alle informieren. Helena hat mir davon gar nichts erzählt. Wie sich später herausstellte, wusste sie davon gar nichts. Vielleicht müssen Marie und ich das positiv sehen, weil sie offenbar nicht mit den falschen Leuten zusammen war. Mich erschreckt aber einmal mehr, welche Übergriffigkeit unter den Jugendlichen stattfindet und scheinbar an der Tagesordnung ist.

Susi, Föhni, Anwälte

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Mich selbst reizt das größte Volksfest des Nordens inzwischen nicht mehr so sehr. Früher bin ich da gerne mal mit meinen Leuten hingefahren, um ein wenig Spaß zu haben; nachdem ich mit diesen Leuten aber inzwischen entweder nichts mehr zu tun habe oder sie selbst auch älter geworden sind, finde ich es nun ganz gut, dass Helena begeistert ist. So muss sie einerseits als Ausrede dafür herhalten, dass man mich doch nochmal dort antrifft, andererseits steckt mich ihre Freude am Karussellfahren auch an.

Helena spart dafür ihr Taschengeld. Sie ist ohnehin sehr bescheiden. Es ist nicht so, dass sie nach einer neuen Jeans fragt, sondern dass Marie oder ich sie anpieksen. Sie weiß dann zwar klar, was sie will, aber die Initiative kommt selten von ihr. Vielleicht ändert sich das noch, wenn sie etwas älter wird. Sie gibt auch ihr Taschengeld nicht aus, sondern spart es. Hat kaum eigene Wünsche. „Darf [meine beste Freundin] mitkommen? Ihr würde das Volksfest bestimmt auch viel Spaß machen.“

Ich nenne ihre beste Freundin ab heute mal Kiara. Ich habe übrigens Maries Mutter gefragt, wie sie gerne in meinem Blog heißen möchte. „Nenn mich Susi“, sagte sie albern. Ich erwiderte: „Und dann ‚Susanne‘ für alle etwas ernsteren Themen?“ – „Meinetwegen auch das.“ – „Und wie nenne ich [Maries Papa]?“ – „Föhni“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen. – Ich antwortete: „Nö. Abgelehnt.“ – „Du weißt, wieso?“ – „Nee?!“ – „Dann googel mal nach Susi Sorglos und ihrem Föhn.“ – Maries Mama fiel ihrem Mann um den Hals und küsste ihn. Sagte dann: „Kein verzauberter Königssohn und auch kein Rasier-Apparat“, blickte zu mir und sagte: „Er hat nicht gelogen. Kannst ihn Otto nennen.“ – Und so heißen Maries Eltern ab heute Susi und Otto.

Zurück zum Volksfest: „Eigentlich wollten wir nach dem Volksfest zu Susi und Otto fahren und dort übernachten, wenn wir schon mal in Hamburg sind“, antwortete ich. Helena guckte mich an: „Und Kiara würde da stören, oder?“ – „Ich müsste Susi zumindest vorher fragen, ob das in Ordnung wäre. Und ich weiß auch nicht, ob Kiara Lust auf fremde Verwandtschaft hätte.“ – „Und wenn wir das so machen, dass Kiara mit uns kommt und wir sie abends in den Zug setzen und ihre Mama holt sie in [nächste größere Stadt] vom Bahnhof ab?“ – „Wenn die Mama das mitmacht und Kiara das möchte, habe ich nichts dagegen. Aber ich bezweifle, dass ihre Mama sie über die Strecke alleine Zug fahren lässt mit 13 Jahren.“

Lange Rede: Irgendwann rief mich die Mama an: Wenn wir sie in Hamburg in den richtigen Zug setzen und ihr eine Nachricht schicken, in welchem Zug sie sitzt, wäre das für sie in Ordnung. Ich muss wohl nicht erwähnen, wie die beiden sich gefreut haben. Helena war Feuer und Flamme. „Meinst du, Susi und Otto haben ihren Gartenpool schon wieder gefüllt und ich kann da morgens schwimmen? Und glaubst du, Otto bringt seine Drohne mit und wir können die hier über Ostern fliegen lassen und ein paar krasse Videos von der Ostsee machen? Meinst du, dass er auch Ostereier im Garten versteckt? Und können wir, wenn das Wetter so schön bleibt, über Ostern auch mal draußen grillen? Darf ich mit Kiara Autoscooter fahren und in [ein Karussell, das sich über Kopf dreht]? Fridolin muss auf jeden Fall mit und ich möchte mir an dem Tag eine Tena anziehen und Kiara und ich wollen uns vorher Eyeliner ziehen und Mascara für die Wimpern und die Haut etwas abpudern. Aber keinen Lippgloss. Und kannst du uns die Haare flechten?“

What? Bisher hat sie sich noch nie geschminkt. Also zumindest nicht, dass ich das wüsste. Mit 13 Jahren hat sich bei mir in der Schule früher niemand geschminkt. Mit 14 haben bei uns einzelne etwas Kayal oder Wimperntusche benutzt. Aber das ist schließlich auch schon über 10 Jahre her. Und eine Tena anziehen? Hatten wir bislang auch noch nicht. Ich fragte mal vorsichtig nach: „Seit wann kennst du dich denn schon so gut mit Schminke aus?“ – „Es gibt ein Video auf Youtube, wo eine Bloggerin zeigt, wie das geht. Und Kiara und ich wollen das jetzt zum Volksfest auch mal ausprobieren. Spricht was dagegen?“ – „Darf ich darüber nochmal nachdenken?“ – „Oh nee. Ganz dezent nur, Jule. Wir haben beschlossen, dass wir da schön aussehen wollen und Kiaras Mutter hat auch nichts dagegen.“ – „Und was ist das mit der Tena?“ – „Da wollte ich dich fragen, ob ich so eine Pants anziehen kann, wenn das da über Kopf geht und so … bevor da was schief geht. Außerdem finde ich diese Toilettenwagen dort mega eklig und ich muss alles anfassen, weil ich nicht frei stehen kann. Ich will nicht so eine Klebewindel wie du, darin werde ich zu fett.“ – „Na vielen Dank.“ – „Ja du sitzt, da sieht das keiner, aber wenn ich aufstehe und in ein Karussell gehe, denken alle, ich habe einen fetten Arsch. Hintern meine ich.“

Als Marie nach Hause kam, sprach ich mit ihr. „Gegen Schminke hab ich nichts. Solange sie sich wohl fühlt und es nicht nach Babystrich aussieht, aber dann würde ich dagegen konkret was sagen und nicht gegen Schminke an sich. Und wegen der Pampers: Im Studium haben wir gelernt, dass man Bequemlichkeit nicht unterstützen darf. Andererseits gibt es eine Diagnose und du würdest auch nicht ohne über das Volksfest rollen, obwohl es eigentlich möglich sein sollte. Einige Kollegen hätten ihr bestimmt nicht mal einen Rollstuhl verordnet. Also mach es nicht zu kompliziert.“

Also am nächsten Tag im Supermarkt konkret das Alte-Damen-Regal angesteuert und Helena gefragt: „Welche möchtest du?“ – „Die“, sagte sie, ohne nachzudenken. „Die hatte ich auch manchmal bei meinen früheren Pflegeeltern. Mit denen habe ich aber nie drüber gesprochen und irgendwann haben die es mitgekriegt. Da gab es richtig Terror und danach waren sie verboten. Obwohl ich sie von meinem Taschengeld bezahlt habe. Eigentlich brauche ich sie ja nicht, nur wenn mal lange kein Klo in der Nähe ist, ist mir das sicherer. Ich habe beschlossen, dass ich das bei euch nicht nochmal heimlich mache, weil ich mich bei euch nicht dafür schämen muss, dass ich behindert bin. Tschuldigung“, sagt sie, fängt bitterlich zu weinen an und fährt davon.

Es bricht mir das Herz, wie diese Menschen offenbar mit ihr umgegangen sind. Nach fünf Minuten sehe ich sie vor einem Postkartenständer stehen und auf die Postkarten starren. Ich streiche ihr über den Rücken, sie nimmt eine Karte aus dem Ständer und hält sie mir wortlos vor die Nase: „Darf ich dir ein Geheimnis verraten? Ich mag dich noch lieber als Schweinebraten.“ – „Futter mich nicht auf“, antwortete ich. Sie sortierte die Karte wieder ein. „Bin ich manchmal anstrengend?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. Nein, sie ist nicht anstrengend. Sie sagte: „Ist im Moment sehr aufwühlend in der Therapie. Aber so gut. Am Anfang will ich immer nicht, am Ende bin ich total aufgewühlt, aber glücklich, dass ich das gemacht habe. Die ersten fünf Minuten fühlen sich an wie eine ganze Stunde, der Rest der Stunde fühlt sich an wie fünf Minuten.“

Ich streichelte ihr über den Rücken. Sie drehte sich um, zog die Nase hoch, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und sagte: „So. Einkaufen. Therapie ist erst nach Ostern wieder dran.“

Gestern sind wir also auf dem Weg nach Hamburg. Vier Personen, drei Rollstühle, Rucksäcke und eine Reisetasche. Kiara und Helena haben vor der Abfahrt eine Stunde vor dem Spiegel gestanden, ich habe beiden Zöpfe geflochten – und beide sahen am Ende sehr hübsch aus. Wesentlich älter. Und wirklich hübsch. Vor dem Volksfest haben wir dann den letzten der zehn Behindertenparkplätze bekommen. Und dann ging es los. Aus dem Autoscooter waren die beiden nicht mehr raus zu bekommen. Fünf Chips für jeden der beiden fünf Euro – war früher billiger, ist aber okay. Die erste Runde drehten sie ganz vorsichtig, bei der zweiten wurden sie von zwei Jungs andauernd angefahren und hatten sichtlich Spaß, ab der dritten Runde wussten sie dann, wie das Ding auch rückwärts fahren kann.

Bei der Kinderbimmelbahn fragte Helena Marie und mich: „Hey, ihr beiden, wäre das nicht was für euch?“ – Dem Frechdachs ging es also gut.

Einen Moment später: „Marie, kannst du mir ne Zuckerwatte wegspritzen?“ – Marie: „Nee, du fragst jetzt mal die Verkäuferin, wieviel Zucker sie nimmt, und dann rechnest du selbst.“ – Gesagt, getan. Ein Teelöffel Zucker, sagte die Verkäuferin, Helena fummelte an ihrer Insulinpumpe rum, zeigte Marie den eingestellten Bolus, Marie nickte, fertig. Eigentlich kann sie das alleine, nur bei der Informations-Beschaffung hapert es manchmal noch. Sie hätte den Nährwert von Zuckerwatte bestimmt auch googeln können.

Ohne Fridolin hätte Helena den kilometerlangen Weg nicht geschafft. So war sie schneller als Kiara, die sich einige Male beschwert hat, weil sie nicht hinterher kam. Am Ende wollte Helena unbedingt noch ein Abschiedsfoto vom Riesenrad machen, das ich auch in diesen Beitrag eingefügt habe. Am Bahnhof setzten wir Kiara in den richtigen Zug. Zurück zum Auto, auf dem direkten Weg zu Susi, und als wir dort ankamen, sagte sie: „Die Tena ist übrigens noch trocken, willst du sehen?“ – „Nee, lass mal, das glaube ich dir so.“ – „Aber jetzt muss ich pissen wie ein Brauereipferd.“ – „Helena, bitte!“ – „Danke. Übrigens Kiara weiß davon.“ – „Wovon?“ – „Na von der Tena. Und zwei andere Freundinnen aus der Klasse auch. Wir haben einen Pakt geschlossen, falls mich mal wieder jemand mit meiner Behinderung aufziehen will, sind die meine Anwälte und auf meiner Seite. Das haben sie geschworen.“

Eulenspiegel

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„Quäle stets ein Tier mit Schmerz, denn es fühlt wie du den Scherz.“ – Diesen verballhornten Spruch hörte ich kürzlich von Jugendlichen, die versuchten, im Bus eine Fliege mit einem Feuerzeug anzukokeln. Der Busfahrer hat die Jugendlichen auf offener Strecke rausgesetzt, ob wegen der Tierquälerei oder aus Sorge, dass demnächst sein Bus brennt, weiß ich nicht. Vielleicht auch aus beiden Gründen.

Keinen Brummer, sondern einen lebendigen Hund hat der Überlieferung nach Till Eulenspiegel, der vor 700 Jahren lebte und in Mölln in Schleswig-Holstein senkrecht begraben sein soll, beim Bier brauen in einen heißen Kessel geworfen. Der Hund hieß Hopf, und der Bierbrauer hatte Eulenspiegel gebeten, Hopfen in die Braupfanne zu werfen. „Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“, soll es damals geheißen haben. Eulenspiegel sollte lustig sein und nicht nur Majestät haben darüber gelacht: Der Spruch ist noch heute an der Tagesordnung.

Ich kam kürzlich in den Genuss, die allererste Folge einer Vorabendserie sehen zu dürfen, deren aktuelle Folgen noch heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden. Als sie gedreht wurde, waren die Charaktere überrascht, dass künftig auch Frauen im Streifendienst eingesetzt werden sollen. Kinder, wie die Zeit vergeht: Meine Halbschwester Emma ist in diesem Jahr zur Oberkommissarin befördert worden und hat damit einen höheren Dienstrang als alle Charaktere dieser Serie vor dreißig Jahren. Wertschätzung und respektvoller Umgang hätten enorm zugenommen, sagt sie. Die älteren Kollegen erzählten oft, dass es früher sogar Prügeleien unter den Beamten gegeben hätte, das Klima sehr viel rauer war. Schimpfworte wie „Arschloch“, „Neger“ und „Penner“ seien an der Tagesordnung gewesen. Das sei heute undenkbar und würde sofort sanktioniert.

Trotzdem gibt es Ausgrenzung und Dummheit noch immer. Es gibt noch immer Menschen, die glauben, Frauen sind nur dumm und können gut backen. Und Kinder gebären. Okay, Männer können meistens weder backen noch Kinder gebären. Irgendwie müssen wir uns ja unterscheiden. Homosexuelle sind eklig. Behinderte sowieso. Vor allem, wenn sie sabbern, brummen und inkontinent sind. Dass mir jemand nicht die Hand gibt, weil er denkt, er könne sich anstecken, kommt auch in 2019 noch vor. Nicht täglich. Und nicht häufig. Aber so etwas gibt es. Und ich muss weiter dagegen kämpfen.

Ich kämpfe. Zum Beispiel mit einem Blog, der über 7 Millionen Mal aufgerufen wurde. Aber ich kämpfe zum Glück nicht alleine gegen die Dummheit.

Anlässlich meiner doch rund umfangreichen Schilderungen über das Krankenkassen-Gutachter-Drama von Helena hatte ich einen recht umfangreichen Dialog mit einem Kumpel, den ich seit meiner Reha, also seit nun schon zehn Jahren kenne. Höheres Tier in einer Sozialbehörde, begleitet ehrenamtlich gerade eine junge Frau, die seit über einem Jahr versucht, einen Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Die Frau hat, wie Helena, eine leichte Cerebralparese, also eine Hirnschädigung, die die Motorik (nicht die geistige Leistungsfähigkeit, die junge Dame macht gerade Abitur) einschränkt. Sie benutzt für längere Strecken (so ab 700 Metern) ebenfalls einen Rollstuhl, spricht ein wenig undeutlich und hat erhebliche Schwierigkeiten mit der Feinmotorik, vor allem der der Hände. Sie schreibt in der Schule beispielsweise am Laptop. Ich selbst kenne die Frau nicht persönlich.

Hinzu kommen angeborene Fehlbildungen beider Hüftgelenke und eine Überreaktion auf Wasser: Sobald sie duscht, bilden sich Quaddeln am ganzen Körper. Außerdem reagiert sie allergisch auf Insektengift-Proteine, muss also ständig hochpotente Medikamente injektionsfertig mitführen, falls sie mal von einer Wespe gestochen wird und der Notarzt nicht rechtzeitig kommt.

Behinderung? Nö. Fehlanzeige. Das Versorgungsamt sagt: Das reicht nicht. Sie ist nicht so stark eingeschränkt, dass ihr Zustand in erheblichem Maße von dem eines gesunden Menschen ihres Lebensalters abweicht. Schließlich hat auch nur ihr Kinderarzt was dazu attestiert und kein Neurologe. Unser Haus-Gutachter kommt nach Aktenlage zu dem Ergebnis, es liege auch keine Hirnschädigung, sondern eine Entwicklungsretadierung vor.

Ich weiß noch, wie es mir ging, als mir mitgeteilt wurde, dass ich ein Vollpfosten bin. Wobei man mir ja eher gutmütig die Dinge attestiert hatte, die wirklich vorlagen. Retadiert war ich noch nie. Nicht mal auf dem Papier. Krüppel halt. Aber alleine diese Tatsache schwarz auf weiß zu lesen, hat mir damals schon gereicht.

Die junge Frau legt also Widerspruch ein und lässt sich brandaktuell von einer spezialisierten Kinderneurologin noch einmal von Kopf bis Fuß durchchecken. Legt ihr Hirn in eine bildgebende magnetische Röhre. Mit glasklaren Ergebnissen. Nix retadiert, sondern eine waschechte Cerebralparese. Reichte dem Amt wieder nicht. Dieses Mal sei die Abweichung zwischen dem (oberflächlichen und auf den Alltag bezogenen) Bericht des Kinderarztes und dem (fachlich bis in die tiefste Ebene abgegrenzten) Bericht der Fachärztin zu groß, von daher sei das alles unplausibel. Man setze alles auf Null und beauftrage einen externen Gutachter, einen niedergelassenen Neurologen, damit, das alles einzuschätzen.

Die junge Dame holt sich also schulfrei, muss einen handgeschriebenen Lebenslauf schreiben (kenne ich irgendwoher), taucht dort pünktlich auf und fährt, dem Rat ihres Rechtsanwalts folgend, natürlich nicht alleine dorthin, sondern nimmt eine Vertrauensperson mit. Bevor der Termin starten kann, kommt der Gutachter ins Wartezimmer und blubbert die junge Frau an: Schön, dass Sie eine Begleitperson mitgenommen haben, die bleibt aber draußen. Die Begutachtung führe ich nur unter vier Augen durch. Als die junge Frau darauf besteht, dass die Vertrauensperson sich bei der Untersuchung still in eine Ecke setzt und zuschaut, verweigert der Gutachter die Untersuchung und kündigt an, ihr im Gutachten eine „mangelnde Kompromissbereitschaft“ zu attestieren. Was die Behörde später als mangelnde Mitwirkung auslegen werde, mit dem Ergebnis, dass es weder einen Ausweis, noch eine Gleichstellung gebe.

Ähm ja. Wie, du willst nicht angegrapscht werden? Bist du etwa zu keinen Kompromissen bereit? Ein Totschlag-Argument aus der Sicht jedes Rambos, eine Disqualifikation mit Pauken und Trompeten aus der Sicht all jener, die Machtmissbrauch und Mobbing auch gegen den Wind riechen.

Das Glück der jungen Frau war wohl die Begleitung durch den Sozialrechts-Fuchs. Der hat die junge Frau, die nicht nur wegen der eigentlichen Begutachtungs-Situation unter großer Anspannung stand, sondern mit diesem Benehmen des Gutachters auch völlig überfordert war, ins Auto gepackt und ist mit ihr auf dem direkten Weg zu der Behörde gefahren, die das Gutachten in Auftrag gegeben hat. Frei nach dem Motto: „Hier bin ich. Begutachten Sie. Mitwirkung liegt vor. Maximal. Kopie der Akte, alle Befunde, handgeschriebener Lebenslauf: Alles dabei.“

Die Sachbearbeiterin an der Publikumsfront hat nach zwei Sätzen die Flinte ins Korn geworfen und das Gespann in die Chef-Etage geführt. Die junge Frau durfte daran teilhaben, wie ihr Begleiter und eine ältere Dame aus dem höhere Dienst der Behörde sich über den grundgesetzlich garantierten Anspruch auf rechtliches Gehör und den damit verbundenen Anspruch auf ein faires Verfahren austauschten und sofort derselben Meinung waren. Dass beide der Überzeugung waren, dass insbesondere in einem Widerspruchsverfahren der freie und gleichberechtigte Zugang zur Justiz eher überkorrekt berücksichtigt werden müsse, zumal Deutschland bei der Umsetzung der anerkannten UN-Forderung ohnehin defizitär sei.

Nach kurzer Wartezeit auf dem Behördenflur, in der die Beamtin den Gutachter anfunkte, ließ sie durchblicken, dass sie höchstpersönlich vor Jahren eine Anordnung verfügt hatte, die Begleitpersonen bei Gutachten ausdrücklich zulasse. „Solange die Begleitperson sich nicht ungefragt einmischt oder dort randaliert, sondern der Gutachter seine Arbeit machen kann, soll sie doch still in der Ecke sitzen. Ich würde meinen Mann auch nicht unbegleitet zum Doktor lassen, alleine schon, weil er immer nur die Hälfte versteht.“

Ende vom Lied: Die Frau hat die Antragstellerin im Namen der Behörde ausdrücklich für diesen Vorfall um Entschuldigung gebeten und ihr einen neuen Termin bei einem anderen Gutachter in Aussicht gestellt. Den kenne sie persönlich, dorthin würde sie auch gehen. Und sie habe ihn extra angerufen: Selbstverständlich dürfe jederzeit eine Vertrauensperson dabei sein.

Ich frage mich nun, was wohl passiert wäre, wenn der Sozialrechts-Fuchs nicht dabei gewesen wäre. Dann hätte der Gutachter wohl festgestellt, dass noch immer keine Behinderung vorliege. Wer so drauf ist, ist aus meiner Sicht als Gutachter untauglich. Machtspiele und die damit verbundene Ausgrenzung haben in fairen Verfahren nichts zu suchen!

Fand übrigens damals auch schon Till Eulenspiegel.

Schimmel

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Es gibt Themen in der Medizin, die finde ich besonders spannend. Und es gibt Themen, die finde ich sogar noch spannender. Derzeit bilde ich mich fünf Jahre lang fort im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin. Da lerne ich hin und wieder auch mal ein paar neue Dinge, und was meinen aktuellen Arbeitsplatz betrifft, kann ich auch nicht klagen, aber … Maries Mama hat vor einiger Zeit eine Einladung zu einem Workshop bekommen. Sie bekommt ständig solche Einladungen. Und in diesem Fall meinte Marie zu ihr: „Wenn du da nicht hin willst, lass das bloß nicht verfallen. Ich kenne jemanden, der leckt sich die Finger danach.“

So machte ich mich am Freitag auf den Weg. Nach rund fünf Stunden Zugfahrt kam ich pünktlich (ja, das halte ich für erwähnenswert) am Zielort an. Einen Rollkoffer vor mir hergeschoben, eierte ich durch den Bahnhof, bekam die richtige Bimmelbahn und fuhr bis fast direkt vor das Hotel. Checkte ein, mein Zimmer sollte im obersten Stockwerk sein. Und wie ich so am um die Ecke gelegenen Fahrstuhl wartete, sagte doch die eine Mitarbeiterin von der Rezeption lachend zu ihrer Kollegin: „Die Behinderte ist in zwei Minuten wieder hier. Wetten?“

Hm? Warum? Zimmer nicht gereinigt? Der vorherige Gast liegt noch im Bett? Die Schlüsselkarte passt nur zur Putzkammer? Der Aufzug fährt nicht ins oberste Stockwerk? Das Fenster liegt mitsamt seinem Rahmen im Hof? In der Badewanne schläft ein Krokodil?

Nein, ganz anders: Die Tür zum Bad und die Fläche neben dem Bett sind so schmal, dass ich gar keine Chance habe, dort hinein zu gelangen. Hochfloriger Teppichboden. Zum Fenster müsste ich krabbeln. Ich rolle also wieder nach unten. Sie erzählt mir, dass die barrierefreien Zimmer leider renoviert werden. Leider habe man beim Einbuchen der Reservierungen nicht darauf geachtet, dass ich ja ein barrierefreies Zimmer bräuchte. Ob ich auch mit diesem Zimmer klar käme, wollte sie wissen.

„Das fragen Sie mich ernsthaft, nachdem Sie gerade schon vorausgesagt hatten, dass ich in zwei Minuten wieder hier bin? Sie lassen mich hier mit dem Koffer durch das halbe Hotel fahren, obwohl Sie wissen, dass ich das Zimmer nicht nutzen kann und stellen sich jetzt auch noch doof? Werden Sie dafür von mir bezahlt?“ – Ich finde das ungeheuerlich. Die Dame zuckte mit den Schultern und sagte: „Dann müssen Sie sich halt ein anderes Hotel suchen.“

„Ja. Und jetzt hätte ich gerne meine Anzahlung zurück. Die Mehrkosten stelle ich Ihnen hinterher in Rechnung.“ – „Welche Mehrkosten?“ – „Das, was das andere Hotel jetzt mehr kostet. Plus die Taxifahrt dorthin. Kurzum: Der Schaden, der mir dadurch entsteht, dass Sie unseren Vertrag nicht erfüllen.“ – „Welchen Vertrag?“ – „Den in meiner Tasche. Von Ihnen schriftlich bestätigt. Ein barrierefreies Zimmer für zwei Nächte. Können Sie mir dann bitte noch vermerken, dass das bestellte Zimmer nicht verfügbar ist?“

Hat sie tatsächlich gemacht. Ein anderes Hotel, auf der anderen Seite der Stadt, hatte noch ein barrierefreies Zimmer frei. Für 133 Euro pro Nacht. Plus Frühstück. Das ist eigentlich nicht meine Preislage. Aber günstiger ging es nicht.

Nun hätte ich ja erwartet, dass das Zimmer sauber ist. Den Müll hat man sofort abgeholt, das Bett hat man auch noch sofort bezogen, die restlichen Reinigungsarbeiten könnten dann erst am nächsten Morgen stattfinden. Es heißt ja immer, dass bei denen, die am meisten meckern oder sogar einen Meckerblog schreiben, das eigene Zuhause noch viel schlimmer aussieht. Nee, Leute, ich würde mich schämen, wenn meine Bude so schimmelig wäre.

Ich muss jetzt ins Bettchen. Deshalb kann ich nichts mehr von dem Typen schreiben, dem ich da begegnet bin. Aber ich hole es nach. Versprochen.

Dieser Gammel hing im Rolli-Bad am seidenen Faden. Immerhin gibt es eine Warnung: Falls jemand mit dem Rollstuhl drankommt, sitzt er auf dem elektrischen Stuhl. Was wohl passiert, wenn jemand aus Versehen mit den Duschstrahl draufhält oder Kinder im Krabbelalter mitbringt...
Dieser Klappsitz in meiner Dusche war fast ganz sauber und hatte die Haare schön.
Ich vermute, dass ein einfacher Lappen mit Scheuermilch schon ausgereicht hätte, den Siff zu entfernen. Da soll ich mich anlehnen?
Das war der Fußboden im Bad, bevor mein Bett aufgeschüttelt wurde.
Das sind bestimmt die Fussel von seinen Tennissocken, die er zwischen den Zehen hatte, bevor er duschen ging.
Scheinbar wird an bestimmten Stellen nicht ganz so häufig gewischt. Oder der Lappen ist dann schon dreckig.
Nee, die Fußnägel gehören mir nicht.