Der 60. Geburtstag meiner Mutter

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Genau 10 Jahre ist es heute her, dass ich mit dem Bloggen begonnen habe. 10 Jahre! Eine lange Zeit.

Damals war ich 16 Jahre alt, lag in einem Krankenhaus und war ziemlich übel zugerichtet. Ich wurde auf dem Schulweg von einem Auto geknutscht und bin geflogen. Zuerst über den Asphalt, dann mit einem Heli – und ein paar Wochen später zum ersten Mal aus dem Rollstuhl, weil sein Vorderrad sich im Schnee verhedderte.

Damals hatte ich Stress mit meiner Muddi. Sie konnte nicht begreifen, dass ich nicht lange aus dem Krankenhaus durfte, auch nicht, wenn sie ihren 50. Geburtstag feiert und mich gerne dabei gehabt hätte.

Inzwischen bin ich 26 Jahre alt, arbeite in einem Krankenhaus und fühle mich sehr gut. Mein Rollstuhl ist mein ständiger Begleiter, und er macht einen guten Job. Ich glaube, dass ich diese Veränderung in meinem Leben inzwischen völlig verarbeitet habe. Die deshalb begonnene Psychotherapie habe ich erfolgreich abgeschlossen. Zu meiner Mutter habe ich seit Jahren keinen Kontakt mehr, mein Vater ist inzwischen verstorben.

Ich hoffe, dass vor allem meine Haut und meine Blase noch lange gesund bleiben. Das sind die beiden, die in Verbindung mit einer Querschnittlähmung am häufigsten Probleme machen. Mein Herz-Kreislauf-System trainiere ich gut, da mache ich mir weniger Sorgen.

Eine Sache hat sich nicht verändert, wenn man von einer zwischenzeitlich erzwungenen Unterbrechung mal absieht: Ich blogge noch. Und inzwischen wurde mein Blog über 6,7 Millionen Mal aufgerufen.

Davon alleine über 125.000 Mal im letzten Monat. Pro Tag kommen aktuell wieder rund 5.000 Besucherinnen und Besucher auf meine Webseite. Manche Tage eintausend weniger, manche Tage auch noch mehr. Nur kommentiert wird nicht mehr so häufig wie früher. Obwohl ich nach wie vor gerne Kommentare lese.

Leider wird die Plattform, die ich 10 Jahre lang genutzt habe, nicht mehr so betreut wie ich es gebrauchen könnte. Zum Beispiel kann ich keine Layout-Anpassungen mehr vornehmen, sondern nur noch posten. Auch aus diesem Grund habe ich mich entschieden, pünktlich zum 10. Geburstag meines Blogs mit diesem umzuziehen.

Bitte sagt mir, wenn etwas so gar nicht geht oder ich einen offensichtlichen Fehler beim Umzug gemacht habe. Ich konnte mir weder die inzwischen über 1.040 Beiträge noch die über 10.000 Kommentare alle nochmal durchlesen; ich hoffe allerdings, dass alles gut transferiert wurde.

Insofern: Nehmt euch ein Glas Sekt und stoßt mit mir an! Prost!

Ganz viel Müll

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Paula und ich sind am letzten Freitag rechtzeitig um 4.30 Uhr bei mir losgefahren, um Emma vom Bahnhof abzuholen. Sie hatte einen Nachtzug genommen und wir hatten vereinbart, uns um 7 Uhr morgens am bisherigen Wohnort unseres verstorbenen Vaters zu treffen. Weil noch kein Berufsverkehr war, hoffte ich, mit zweieinhalb Stunden für die rund 300 Kilometer auszukommen. Da es fast nur Autobahn war, müsste es funktionieren.

Eine Baustelle kam nach der nächsten, kaum fuhren wir mal 120 km/h, wurden wir auch schon wieder auf Tempo 80 oder sogar nur 60 km/h ausgebremst. Schon für die ersten 100 Kilometer brauchten wir über eine Stunde. Doch dann war die Strecke frei, gut ausgebaut, freie Sicht – was will man mehr? Mit Tempomat fährt es sich sehr entspannt. Irgendwann fragte Paula: „Sag mal, fahren wir wirklich die ganze Zeit 200? Wenn ich da an meine Karre denke, die ist schon bei 130 dreimal so laut. Und kommt selbst bergab bei Rückenwind nicht über 160. Das ist voll entspannt.“ – „Im Moment sind Winterreifen drauf, daher ist es sogar etwas lauter. Aber ich bin auch sehr zufrieden.“ – Bei 200 km/h hört man nur Wind- und Abrollgeräusche. Der Motor schnurrt bei rund 2.300 Umdrehungen im 9. Gang leise vor sich hin.

Um 6.50 Uhr standen wir vor dem Bahnhof. Emmas Zug fuhr gerade ein. Wir warteten im Auto, da es arschkalt draußen war. Als nächstes wollten wir den Wohnungsschlüssel von der Polizeiwache abholen. Ich hatte extra am Vortag noch dort angerufen und nachgefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja, natürlicher Tod, die Wohnung sei wieder freigegeben. Emma flitzte zu ihren „Kollegen“ rein – und kam zehn Minuten später ohne Schlüssel wieder raus. „Die haben den an das Nachlassgericht weitergegeben.“ – Ich dachte erst, sie wollte uns foppen. Aber es stimmte. Ich fragte: „Nee, oder? Warum das denn?“ – „Weil die hier nicht beurteilen können, wer berechtigt ist, den Schlüssel in Empfang zu nehmen.“

Na super. Und das Nachlassgericht würde vermutlich am Freitag gar nicht geöffnet sein. „Ich habe mir gerade schriftlich bestätigen lassen, dass das von der Polizei angebrachte Siegel entfernt werden kann, weil die Todesermittlungen abgeschlossen sind.“ – „Wofür brauchen wir das denn?“ – „Warte mal ab. Wir fahren jetzt erstmal zu der Wohnung und hoffen, dass nur ein Siegel an der Tür ist und nicht noch eins vom Gericht.“

Emma stiefelte zur Wohnung hoch und kam sofort wieder herunter. „Ist nur eins vom Landeskriminalamt dran wegen der Todesermittlung. Und das ist schon zur Hälfte ab. Also fragen wir jetzt mal die Nachbarn, wer einen Schlüssel hat.“ – „Doch nicht zum Gericht?“ – „Möglichst nicht. Die kommen noch auf die Idee, dass die Wohnung zur Sicherung des Nachlasses erneut beschlagnahmt wird. Ich glaube kaum, dass der zuständige Rechtspfleger an einem Freitag morgen drei Frauen einen Schlüssel aushändigt, ohne vorher geprüft zu haben, ob sie die rechtmäßigen Erben sind und ob sie das Erbe annehmen. Insofern stellen wir keine Fragen, deren Antworten wir nicht hören wollen, und wecken auch keine schlafenden Hunde.“

Die Nachbarn, die den Krankenwagen gerufen haben, hatten keinen Schlüssel. Aber der Hausmeister sollte einen haben. Der war in seinem Büro, wollte uns den Schlüssel zur Wohnung zunächst aber nicht aushändigen. Als ich ihm dann aber meinen Ausweis zeigte und den Zettel, dass die Versiegelung aufgehoben ist, versprach er, in den nächsten zehn Minuten vorbei zu kommen. Emma nahm mich auf den Arm und trug mich in den zweiten Stock, Paula kam mit meinem Rollstuhl hinterher. Vor der Tür warteten wir im Halbdunkel auf den Hausmeister. Der kam, schloss auf und sagte: „Aushändigen kann ich euch den nicht ohne Zustimmung des Haus-Eigentümers.“ – „Da wird ja bestimmt noch ein Schlüssel irgendwo liegen, dann nehmen wir den erstmal an uns.“

Wir bedankten uns, der Hausmeister ging wieder weg. Ich rollte über die Türschwelle in die Wohnung. Mir wurde schwindelig. Nicht nur von der schlechten Luft. Es war sehr sonderbar, nach zehn Jahren die Wohnung meines gerade verstorbenen Vaters zu betreten. Drinnen war das absolute Chaos. Er schien die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen zu haben. Auf verschiedenen Tischen lagen meterhohe Stapel Zeitungen. Dicke Staubschichten lagen überall auf dem Teppich, verstaubte Spinnenweben hingen unter der Decke. Auf dem Küchenfußboden, auf der Spüle, auf dem zugeklappten Herd und in einem Küchenschrank standen locker 300 Bierdosen. Und mindestens 50 leere Wodkaflaschen. Paula guckte mich mit großen Augen fassungslos an.

Versifft war es nicht. Kein Schimmel, keine Viecher. Vom Altpapier und von den leeren Gefäßen abgesehen, gab es keinen Müll. Dennoch war der Geruch unerträglich. Emma öffnete erstmal alle Fenster weit, stellte dazu einige vertrocknete Blumentöpfe auf den Fußboden. Hängte die Wohnungstür aus. „Nicht, dass die zufällt, solange wir keinen Schlüssel haben.“

Die Badewanne war randvoll mit Schmutzwäsche. Sechs Uhren hingen in den Räumen an den Wänden, alle zeigten andere Zeiten an oder waren stehen geblieben. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht der Currywurst-Tante. Ja, sie lebt noch. „Ruf doch mal zurück.“ – Nee, Schätzelein, der lebt nicht mehr.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Blöde Erinnerungen. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Aber andererseits musste ich doch nicht weinen. Ganz komische Situation. Emma sagte: „Komm Jule, wir fahren zum Baumarkt. Paula bleibt inzwischen hier und passt auf die Wohnung auf. Okay?“ – Ich nickte. Emma nahm mich wieder auf den Arm, trug mich ins Auto, lief nochmal hoch, holte meinen Rollstuhl. Im Baumarkt nahmen wir uns einen großen Wagen und holten 120 Umzugskartons, 10 Rollen blaue Müllsäcke, einen neuen Zylinder für die Tür, den billigsten, den es in der Größe gab, sechs Einweg-Overalls, einen Karton Einmalhandschuhe und zwei Packungen Einmal-Mundschutz. Ich rollte immer nur hinterher, Emma hatte das alles im Griff. Ich bezahlte. Fast 150 Euro.

Als wir wieder vor der Wohnung standen, stieg Emma nicht aus. Sie guckte mich an. Ganz sonderbar. Dann nahm sie mich in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Beschissene Situation. Lass uns das Beste draus machen.“ – Ich nickte. Sie brachte meinen Rollstuhl wieder in den zweiten Stock, kam zurück, trug mich in den zweiten Stock. Paula hatte inzwischen einen passenden Wohnungsschlüssel im Schlüsselkasten gefunden. Emma baute den Zylinder aus und baute den gekauften ein. Furzte dabei laut und sagte: „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Beitrag für etwas bessere Luft in dieser Hütte.“

Paula grinste und irgendwie musste ich über ihren Galgenhumor lachen. Emma sagte: „So. Paula faltet Kartons, Jule nimmt eine Zeitung nach der nächsten, schaut einmal, ob wichtige Briefe dazwischen liegen, und dann weg damit. Ich bringe die vollen Kartons ins Auto. Sobald das Auto voll ist, fahre ich den Mist zum Altpapiercontainer. Einverstanden?“ – Über 100 Kartons randvoll mit Altpapier hat Emma weggebracht. Immer zwei Kartons auf einmal die Treppe runtergetragen. Und natürlich die leeren Kartons wieder mitgebracht. Zwischendurch mal was getrunken. Dann wieder weiter. Fast dreißig Kartons voll mit Altglas. Beinahe 100 Euro Dosenpfand. Wir drei sahen in den Papieroveralls aus wie die Tatort-Reiniger. Und fühlten uns auch so.

Es war halb acht Uhr abends, als wir die Wohnung von allem frei stehenden Müll bereinigt hatten. Ich rief Marie an, sagte ihr nur kurz, dass wir heute nicht mehr nach Hause kämen. Fanden zu dritt ein Zimmer in einer billigen Hotelkette und duschten erstmal. Gingen in einem netten Restaurant noch eine Kleinigkeit essen. Fielen, zurück im Hotel, in unsere Betten und pennten sofort ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren wir fast die Einzigen. Emma sagte: „Wir werden heute alles durchwühlen und alle nötigen Dokumente sicherstellen. Und dann schlage ich vor, wir beauftragen ein Sperrmüllkommando, das die Bude in den nächsten Wochen komplett entrümpelt.“ – Vor ungefähr zehn Jahren hatte er die ganzen Möbel in einem Billig-Kiefermöbel-Mitnahmelager oder beim schwedischen Riesen gekauft. Nichts dazwischen, was man zum Flohmarkt bringen könnte, bei den meisten Schränken fielen schon die Türen ab oder Schubladen waren in sich zusammengefallen, kurzum: Schrott.

Wir sichteten zu dritt jede Menge Unterlagen. Fanden eine Sterbegeldversicherung über 2.500 Euro (für die er unsinnigerweise in den letzten 15 Jahren pro Monat 40 Euro eingezahlt hatte), fanden insgesamt sechs Sparbücher mit Guthaben jeweils zwischen 200 und 5.000 Euro. Auf dem Girokonto hatten sich, weil er ja in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts mehr ausgegeben hatte, fast 15.000 Euro angesammelt. In einem Briefumschlag waren fast 2.000 Euro Bargeld, die, wie man anhand der weiteren Unterlagen in dem Briefumschlag feststellen konnte, irgendwer vor drei Monaten von jenem Sparbuch abgehoben haben musste, auf dem jetzt noch 200 Euro waren. Wer das war (und womöglich eine Vollmacht hatte), konnten wir nicht klären.

Wir fanden das Scheidungsurteil über die Ehe meiner Eltern, was bei der Beantragung des Erbscheins, den wir brauchen würden, hilfreich sein wird. Und den Mietvertrag, den wir jetzt kündigen müssten. Wir fanden jede Menge alte Briefe, die meine Mutter meinem Vater geschrieben hat. Ich habe sie nicht gelesen. Wir fanden allerdings keine Fotos, weder von mir, noch von meinen Halbgeschwistern. Auch keine von nackten Frauen. Dafür aber ein schussbereites Gewehr und 200 Schuss Munition. Im Kleiderschrank im Schlafzimmer.

Wir haben inzwischen einen Bestatter damit beauftragt, meinen Vater abzuholen. Er wird verbrannt. Was mit seiner Asche passieren soll, ist noch nicht sicher. Vermutlich werden wir seine Urne anonym bestatten lassen.

Am Sonntagabend sind Emma und Paula zunächst wieder zu sich nach Hause gefahren. Helena empfing mich mit den Worten: „Ich hab dich vermisst“ und wollte sofort kuscheln. Seit Montag muss ich wieder arbeiten. Der Alltag hat mich wieder. Und das ist im Moment auch ganz gut so.

Wilde Maus

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Ganz lange – drei Jahre, um genau zu sein – war ich nicht mehr auf dem Hamburger Dom. Nee, das ist keine mit dem Rollstuhl erklimmbare Aussichtsplattform auf einer besonders großen oder besonders hübschen Kathedrale der Hansestadt, sondern ein Volksfest unweit der legendären Reeperbahn mit über 200 Schaustellern und mehr als 100 Gastronomiebetrieben. Über 10 Millionen Besucher zählt die Veranstaltung jedes Jahr. Den Namen hat sie aufgrund ihres ursprünglichen Veranstaltungsortes, dem ehemaligen Hamburger Mariendom, der um 1800 abgerissen wurde.

Man könnte vielleicht erwarten, dass mir kurz nach dem Tod meines Vaters der Sinn nicht nach Kirmes steht. Und trotzdem waren wir heute da und hatten viel Spaß. Und ich glaube sogar, dass es angemessen und gut war. Ja, der Tod meines Vaters ist ein emotionaler Moment, auch wenn wir in den letzten beinahe zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatten, und er mich zuletzt wie den letzten Dreck behandelt hat. Aber dass ich mir jetzt aus moralischen oder ethischen Gründen eine Trauerzeit aufzwingen lasse, in der ich nicht lachen und keinen Spaß haben dürfte, sehe ich nicht ein.

Marie und ich hatten Helena schon seit Monaten versprochen, heute mit ihr das Volksfest zu besuchen, und sie hat sich bereits sehr darauf gefreut. Mit dabei waren Maries Eltern, bei denen wir vorher zum gemeinsamen Brunch verabredet waren. Helena, die vorher nach eigenen Angaben noch nie auf einem so großen Volksfest war, weil sie den 1,6 Kilometer langen Weg nicht schafft, bekam zum ersten Mal meinen alten Rollstuhl ausgeliehen. Zu Hause lässt sie keine Gelegenheit aus, um sich in Maries oder meinen aktuellen Stuhl zu setzen, sobald ich beispielsweise auf dem Sofa bin. Sie gurkt damit durchs Haus, kippelt damit herum und hat null Berührungsängste. Draußen war sie damit allerdings, von unserer Terrasse abgesehen, noch nie.

Es war proppevoll, was natürlich, weil Menschen nicht geradeaus gehen, sondern immer mal wieder stehen bleiben, rückwärts, seitwärts oder diagonal gehen, eine enorme Herausforderung war. Die Menschen gucken ja nicht, sondern stolpern seitwärts über uns oder springen plötzlich zur Seite, um mitten in einer Menschentraube Platz zu machen, obwohl man sowieso nur zwei Meter weiter kommt und schon seit fünf Minuten demjenigen langsam hinterherfährt. Ich würde behaupten, für Helena war es eine Herausforderung, die sie aber insgesamt sehr gut gemeistert hat. Und während sie zwischenzeitlich immer mal aufstehen konnte, um sich irgendeinem abgefahrenen Fahrgeschäft hinzugeben, musste ich mich von kräftigen Männern hineintragen lassen. In Autoscooter (mir tut noch alles weh), über Kopf drehenden Scheiß (mir dreht sich jetzt noch alles) und eine abgefahrene Geisterbahn, auf deren halber Strecke irgendein blutüberströmter Freak mit Kettensäge hinter uns herlief. Der gehörte aber zum Geschäft.

Marie musste mit Helena in die wilde Maus, eine Achterbahn, auf der einzelne Gondeln eher unsanft um die Kurven heizen. Und in irgendein Dreh-Katapult-Überkopf-Istmirschlecht-Teil, das immerhin so dicht neben der Kinder-Bimmelbahn lag, dass ich mich beim Zuschauen entscheiden konnte, ob ich lieber Awolnation oder den Wildecker Herzbuben zuhören wollte. Am Ende durfte sich unsere kleine wilde Maus noch einen klebrigen Liebes-Apfel mitnehmen und als sie gerade fünf Minuten im Auto saß, schlief sie bereits tief und fest.

Ich bin ganz froh, dass sie auf Wörter wie „Rollstuhl“ oder „behindert“ noch nicht so reagiert. Ich filtere diese und ähnliche Wörter inzwischen aus jeder Unterhaltung heraus. Heute sagte ein Paar, geschätzt um die 60 Jahre alt, während wir auf Marie und Helena warteten, zueinander: „Du, guck mal da! Die Familie da. Drei behinderte Kinder. Ich meine, wenn man eins hat und das zweite schon unterwegs ist, okay. Aber wie kann man mit 10 Jahren Abstand noch eins kriegen, wenn man schon vorher weiß, dass es behindert sein wird? Völlig verantwortungslos, sowas. Die armen Kinder.“

Seine Frau antwortete: „Nicht so laut!“ – Und Maries Mutter murmelte nur trocken: „Weißte Bescheid?!“

Unterste Schublade

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An Verbesserungen gewöhnt sich der Mensch sehr schnell. Auch Stinkesocken gewöhnen sich sehr schnell an Verbesserungen. Und nehmen sie irgendwann vielleicht sogar als selbstverständlich hin. Zum Beispiel, wenn man zum Autofahren nicht mehr mit einem Schlüssel hantieren muss. Als Rollstuhlfahrerin bin ich mit beiden Händen stets beschäftigt, da ist es eine enorme Erleichterung, wenn ich keinen Schlüssel in die Hand nehmen muss, um ins Auto einzusteigen. Auch wenn mein allererstes Auto nicht mal eine Funk-Fernbedienung hatte, sondern ich noch mit dem Schlüssel im Türschloss herumfummeln musste und mich irgendwann gewundert habe, dass mein Schlüssel auch beim Auto nebenan passt, möchte ich den technischen Fortschritt nicht missen.

Ich gewöhne mich auch daran, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr verarbeitet, dass Menschen mit Behinderungen am Leben teilnehmen. Sehr viele im positiven Sinne. Sie nehmen es wahr, schauen vielleicht mal, fragen mitunter, sind unbeholfen … alles kein Problem. Okay, wenn ich am selben Tag zum zwanzigsten Mal gefragt werde, ob ich Hilfe brauche, kann es nerven, aber immerhin fasst mich inzwischen fast niemand mehr einfach so an. Das war vor Jahren noch anders.

Manche Menschen haben aber bekanntlich große Probleme. Zu denen rechne ich auch einen jungen Mann, den ich gestern beim Einkaufen beobachtet habe. Normalerweise blende ich wegen der nach wie vor vorhandenen Gafferei sehr viel um mich herum aus. Manchmal bekomme ich in einer Fußgängerzone gar nicht mit, dass jemand an mir vorbeiläuft, den ich kenne. Wenn ich jemanden beobachte, hat das meistens einen sehr guten Grund. In diesem Fall war es ein sehr schlechter: Der Mann erlaubte sich einen Spaß damit, Einkaufswagen, die Menschen am Rand des Gangs geparkt hatten, ganz subtil in die Gangmitte zu ziehen, ebenso Rollcontainer und einen Pappkarton. Im ersten Moment dachte ich, er erlaubt sich einen Scherz auf Kosten eines Bekannten, der mit ihm einkauft und beim Suchen erstmal aufräumen muss.

Ein eher dämlicher Scherz, weil alle anderen Leute ja auch betroffen sind. Mein Lieblings-Scherz beim Einkaufen ist es, irgendwelche Waren, die man auf keinen Fall haben möchte, unbemerkt im gemeinsamen Einkaufswagen zu platzieren. Das funktioniert natürlich nur einmal im Jahr, aber es funktioniert. Kondome, weiße Schlüpfer in Größe 62, billigsten Schnaps in der Literflasche, eine Fünf-Kilo-Box Gummitiere, zwei Dosen Bier der Hausmarke, Inkontinenzhöschen, Fertiggerichte aus der Dose oder einen 12er Karton Scheuermilch. Zuletzt habe ich Maries Mama geprankt und, während sie an der Kühltheke war, vier Zweiliter-Pakete billigsten Wein in den Wagen gestellt. Und dann ganz leidenschaftlich nach den richtigen Tampons gesucht. In den ersten zehn Sekunden war sie sich nicht sicher, ob sie den richtigen Wagen erwischt hat, dann fragte sie ihren Mann: „Brauchst du günstiges Frostschutzmittel oder warum hast du diese Sterbehilfe hier reingestellt?“ – Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er die vier Packungen und stellte sie in den Wagen, der herrenlos direkt daneben stand, und sagte: „Der hat sich im Wagen geirrt.“

Jetzt musste ich nur noch hoffen, dass dieser Mensch nicht vor uns an der Kasse steht und dann erstmal der Marktleiter mit dem Stornoschlüssel aus dem Lager gerufen werden musste. Die ältere Dame, zu der der Wagen gehörte, runzelte eine Zeitlang die Stirn, ich hätte zu gerne ihre Gedanken gelesen. Dann packte sie den Wein zurück in unseren Wagen. Ich konnte den Drang, lachen zu müssen, kaum noch unterdrücken. Die Dame ging weiter, Maries Mutter kam zurück und sah den Wein schon wieder in ihrem Wagen liegen. Sie murmelte etwas mit „volltrunken“, bevor sie den Wein wieder in das Regal zurückstellte, wo ich ihn hergeholt hatte.

Die gestrige Aktion des jungen Mannes richtete sich scheinbar gegen eine junge Frau, die hinter ihm lief und einen weißen Taststock in der Hand hielt. Sie musste sich ständig neu orientieren und das ganze Gerümpel zur Seite schieben, das der Typ vor ihr in den Gang geräumt hatte. Ich wollte nur noch herausfinden, ob die beiden vielleicht zusammen gehörten. Eine Neckerei? Ein Test, eine Prüfung? Aber danach sah es nicht aus. Bevor ich mich einmischen konnte, und ich hätte mich eingemischt, sprach ihn ein Mitarbeiter an. Ich konnte nicht hören, was er sagte, er redete jedenfalls auf den Typen ein, während er die Unordnung in seinem Laden wieder beseitigte. Für mich sah es so aus, als hätte der Spinner das direkt auf die offensichtlich sehbehinderte junge Frau abgesehen. Würde ich ihn damit konfrontieren, würde er vermutlich behaupten, dass er das nicht gesehen hätte.

Unsere Wege trennten sich. An der Kasse stand die junge Frau mit dem weißen Taststock plötzlich wieder vor mir. Von dem blöden Typen, der die Einkaufswagen in den Weg geräumt hatte, war nichts mehr zu sehen, dafür sprach sie jetzt die Kassiererin an: „Hallo, ich sehe Sie oft im Bus.“ – Häh? Soll sie jetzt antworten: ‚Fein, ich Sie nicht.‘ Oder vielleicht: ‚Ich fahre lieber Bus, weil ich mein Auto immer überall gegen lenke.‘ – Nein, sie antwortete: „Oh ja, ich fahre oft mit dem Bus Nummer …“

Die junge Frau packte ihren Einkauf in ihren Rucksack und wollte mit Karte zahlen. Das ging alles ohne Probleme, und wenn ich nicht vorher ihren weißen Stock gesehen hätte, hätte ich von hinten nicht bemerkt, dass sie eine Sehbehinderung hat. Als sie alles im Rucksack hatte, faltete sie ihren Stock wieder auseinander und ging davon. Ich guckte die Kassiererin an, die glotzte dieser jungen Frau gefühlt endlos hinterher, wie sie zielstrebig direkt auf die Ausgangstür zuging, dann aber stehen blieb und einer Frau mit Kinderwagen auswich, die ihr entgegen kam.

Ich war kurz davor, die Kassiererin zu bitten, weiterzuarbeiten, da drehte sie sich zu mir um und murmelte: „Die ist mir schon immer suspekt gewesen. Haben Sie das gesehen? Sie ist der Frau ausgewichen, bevor sie Kontakt hatten. Bei dem Krach hier kann sie das nicht gehört haben, sondern nur gesehen.“

What. The. Ich musste mich echt zusammenreißen. Ich antwortete: „Es ist ja nicht gesagt, dass sie gar nichts mehr sieht.“ – „Und warum hat sie dann einen Blindenstock?“ – „Ich vermute, ihre Sehfähigkeit reicht nicht aus, um den Weg und alle Hindernisse rechtzeitig und zuverlässig zu erkennen. Und sie möchte ihre Umwelt sensibilisieren, dass sie nicht alles sieht.“ – „Wenn Sie mich fragen, ist das eine Betrügerin.“ – Ich holte tief Luft. Lohnte es sich? Ja. Ich antwortete: „Ich frage Sie aber nicht, und was Sie da behaupten, ist ungezogen, verachtend und respektlos. Sie sollten sich schämen.“ – „Was wissen Sie denn? Sie glauben gar nicht, was wir hier tagtäglich alles erleben.“ – „Nee, glaube ich Ihnen auch nicht. Wenn Sie jetzt vielleicht mal voran kommen könnten?!“

So eine blöde Schrippe. Ich hatte keinen Bock, mich noch über sie zu beschweren, dort rumzupetzen und in der Zwischenzeit wird mein Einkauf warm. Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen inzwischen aufgeschlossener gegenüber Menschen mit Einschränkungen geworden sind, schmerzt so ein Vorfall gleich wieder doppelt. Diese Vorverurteilung, diese unberechtigte Kritik von Menschen, die die Situation überhaupt nicht beurteilen können, kotzt mich an. Ich muss es wirklich so deutlich sagen: Es kotzt mich an.

Das sind die gleichen Menschen, die beim Rollstuhlfahrer behaupten, er würde zu Unrecht Sozialleistungen kassieren, denn er habe gerade seinen Fuß bewegt. Ich kann nicht oft genug erwähnen, wie viele Menschen mit Behinderung arbeiten (möchten) und wie viele Rollstuhlfahrer ich kenne, die laufen können. Einige sogar so gut, dass man auf den ersten Blick nicht vermuten würde, dass sie einen Rollstuhl zu Hause haben. Und morgen vielleicht mit dem unterwegs sind, weil sie ihr Tagespensum nicht anders schaffen. Es steht niemandem zu, die Entscheidung, wann jemand ein Hilfsmittel einsetzt und wann nicht, zu kritisieren. Schon gar nicht vor Dritten in Abwesenheit. Das war und ist wirklich unterste Schublade.