Sie dürfte keine Stufen haben

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Nach wie vor ist nicht geklärt, wohin ich nach meinem Klinik-Aufenthalt soll. Zu meinen Eltern kann ich nicht zurück, denn sie leben in einem Haus voller Stufen und Treppen. Das umzubauen wäre nicht nur ein enormer Aufwand, sondern auch völlig unverhältnismäßig. Wie lange ich noch zu Hause wohnen könnte, steht völlig in den Sternen. Außerdem verstehe ich mit meinen Eltern zur Zeit so gut wie gar nicht. Ich weiß nicht mal, ob das überhaupt eine Woche gut gehen würde.

Eine Alternative wäre, in eine betreute Wohngruppe für behinderte Menschen zu ziehen. Dort könnte ich ein Zimmer bekommen und würde mit mehreren anderen behinderten Menschen unter einem Dach leben. Dort müsste ich jedoch ausziehen, sobald ich so fit bin, dass ich alleine wohnen kann. Es wäre also immer nur eine Übergangslösung. Das ist nichts, was ich im Moment favorisiere. Ich möchte lieber was, woran ich mich festhalten kann. So blöde das klingt. Vermutlich werde ich danach aber nicht gefragt.

Weiterer Nachteil dieser Version ist, dass es dort nicht nur körperbehinderte Menschen gibt, sondern auch Kinder und Jugendliche, die im Verhalten auffällig oder psychisch krank sind. Ich möchte zwar, dass man mich mit meiner Behinderung akzeptiert, aber ich habe an diesem Scheiß noch so viel zu knabbern, dass ich gerne in meinem Zuhause meine Ruhe hätte. Wenn dann auf dem Flur ständig Radau ist oder ich neben meinen Problemen auch noch den Kummer der anderen lösen soll, bin ich unter Garantie schnell überfordert.

Eine Alternative wäre, in eine WG zu ziehen oder eine WG zu gründen und mich dort von einem ambulanten Sozialdienst besuchen zu lassen. Das ist nicht nur billiger, sondern aus meiner Sicht auch entspannter. Nur ist eine behindertengerechte WG in Hamburg nicht zu finden. Und eine zu gründen, dürfte mindestens genauso schwer sein.

Nur ich muss jetzt bald mal aus dem Quark kommen. Zum Schuljahr 2009/10 soll ich spätestens entlassen sein. Dass ich in der Nähe einer Schule eine Wohung finde, habe ich mir inzwischen abgeschminkt. Ich kann froh sein, wenn ich in Hamburg überhaupt eine rollstuhlgerechte Wohnung, ein rollstuhlgerechtes WG-Zimmer oder ein rollstuhlgerechtes betreutes Wohnen finde.

Und wenn ich dann was habe, müssen meine Eltern noch zustimmen…

Von Models und von Currywürsten

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Ich bin im Moment im Krankenhaus. Seit über 7 Monaten. Ich liege in einem Zweibettzimmer, aber das zweite Bett ist seit einigen Tagen leer. Also bin ich alleine. Auch mal schön.
Ich habe eine Tante. Eigentlich ist sie nicht wirklich meine Tante. Sie ist die Schwester meiner Oma. Aber ich habe sie immer „Tante“ genannt. Sie ist 64 und Rentnerin. Sie macht den ganzen Tag nichts anderes als sich mit Freundinnen in einem Cafè zu treffen und Kuchen zu essen oder mit ihren ehemaligen Kolleginnen Karten zu spielen. Soll sie. Meinen Segen hat sie. Aber ihr ganzes Leben beschränkt sich nur auf diese 5 bis 10 Leute und einer ist spießiger als der andere. *abläster*
Sie kommt mich immer mal besuchen. Ok. Freu ich mich auch. Sie bringt aber auch fast immer eine von ihren … sie nennt sie „Karten-Damen“ … mit. Angeblich, weil sie gerade einen Spaziergang gemacht haben und hier vorbei gekommen sind. Das kann ja auch sein. Aber ich habe eher das Gefühl, sie erzählt allen Freundinnen von mir – was ja auch ok ist – und die wollen mich dann mal sehen. Wär auch ok. Aber ich kenn die überhaupt nicht!!! Und die wollen eben nicht besuchen und Anteil nehmen und reden, sondern ich hab das Gefühl, das geht nur um Sensation und neue Sachen zum Tratschen und Maul zerreißen.
Ich kann das kaum beschreiben. Vielleicht bin ich auch paranoid oder schizophren oder gaga. Aber ich fühle mich wie ein Affe im Zoo. Heute war wieder so ein Tag. Ich hatte heute morgen um 8.30 Uhr eine Stunde KG und gleich danach eine Stunde Bewegungsbad. Samstags morgens ist das immer geballt, weil nur bis mittags noch jemand da ist bei der Therapie. Danach sollte ich aufs Bett zum Entlasten. Damit es keine Druckstellen gibt, soll ich Po und Oberschenkelrückseite regelmäßig entlasten. Gerade nach dem Wasser. Eine Schwester hat mir geholfen, aufs Bett und dann natürlich untenrum alles ausziehen, weil sonst kann es sein, dass man auf einer Falte liegt (von der Hose) oder auf einer Naht oder so und dann bringt das genau das Gegenteil. Ist halt alles noch sehr empfindlich. Decke drüber und auf dem Scheiß Touchscreen eine lange Mail beantwortet.
Plötzlich – klonk – springt die Tür auf. So halb. Kein Klopfen. Ein Kopf kommt zum Vorschein. Eine Frau, die ich nicht kenne. Sie fragt: „Ist das hier?“ Dahinter eine Stimme: „Das ist hier. Geh doch mal rein.“ Die stimme kannte ich, die gehört der besagten Tante. Die kommen reingewackelt und in dem Moment, wo ich schon beide im Zimmer stehen hab, klopft die Tante demonstrativ an die Tür und sagt: „Stören wir? Dürfen wir reinkommen?“
Ich geb die Hand und sag: „Ganz kurz, ich möchte nur eben meinen Brief abspeichern, den ich gerade geschrieben habe. Das dauert 30 Sekunden, sonst ist er nachher weg.“ Sagt die Tante: „Kannst du das nicht später machen?“
„Wir haben uns gedacht, wir wollten dich zum Mittagessen einladen. in der Kantine gibt es so leckere Erbsensuppe mit Würstchen, aber du magst die bestimmt nicht. Aber ich habe mir das so überlegt, ich hole dir dort eine Currywurst. Wie denkst du?“ Ich sag: „Das hört sich gut an. Ich muss mich dann nur noch schnell hier vom Mittag abmelden.“ Ich wollte zum Telefonhörer greifen und die Schwester anklingeln (die haben immer so ein schnurloses Ding in der Tasche), aber da meinte die Tante: „Das hab ich eben schon mit ihr geklärt. Die ist sehr nett. Brauchst da nicht mehr anrufen.“
Ich sag: „Ich muss die sowieso anrufen, weil sie mir aus dem Bett helfen muss.“ Da sagt die Tante wie ein Vorwurf: „Kannst du das immer noch nicht alleine?“
Ich sag: „Nee, stell dir vor. Das wird bei diesem Bett auch nie was werden, weil das viel zu hoch ist.“ (Das ist nämlich eins mit einer besonderen Luftkissenmatratze, und das kann man nicht runter stellen. Bei anderen Betten oder bei der KG kann ich das aber schon, mich alleine umsetzen.) Da sagt sie: „Wir können dir ja helfen, lass mal die Schwester, die hat genug zu tun.“
„Wie geht es denn deinen Beinen?“ Und klappt die Bettdecke über den Füßen weg. Aus Reflex halte ich sie natürlich obenrum fest. Die Tante sagt wieder vorwurfsvoll: „Hast du gar nichts an???“ Ich werde natürlich dunkelrot im Gesicht. Das ärgert mich jetzt noch. Ich sag: „Doch ein T-Shirt!“ Aber ich hatte auch Null Bock, da noch was zu erklären. Dann sagt sie: „Das finde ich aber nicht gut! Aber du bist ja alt genug, zu wissen was du tust.“
Keine Ahnung, was sie gedacht hat. Wenigstens hat sie die Decke nicht ganz weg gezogen. Dann hab ich die Decke wieder zugeklappt und gesagt: „So, lass mich mal die Schwester anrufen.“ Dann drückt doch die andere Tussi, diese „Kartendame“ auf die Klingel. Bis da hat sie noch kein Wort gesagt, dann kam: „Ich musste auch mal lange im Krankenhaus liegen. Aber die Klingeln sind überall die gleichen, lustig.“
Ja, sehr lustig. Ich wollte die Schwester bitten zu kommen, wenn sie Zeit hat. Klingeln heißt „Notfall“, und das klingelt dann nicht bei der Schwester, sondern in der Zentrale als Alarm. Kam gleich ne Stimme aus dem Lautsprecher: „Hier ist die Zentrale. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich gleich zurück gebrüllt: „Sorry, da ist nur jemand gegen den Knopf gekommen. Tut mir Leid.“
Dann hab ich doch noch telefoniert, und dann kam die Schwester rein. Heißt Kirsten, wird aber Kiki genannt. Keine Ahnung, warum. Ist ne ganz ganz ganz Liebe Anfang 20. Sagt meine Tante zu ihr: „Das tut mir Leid, dass sie extra kommen müssen. Wir wollten ihr helfen, aber sie wollte das nicht. Wie das eben so ist in dem Alter.“
Kiki sagt: „Nee dafür sind wir ja da. Wenn sie mal einen Augenblick auf den Flur gehen?“ Sagt meine Tante: „Wir gehören zur Familie.“ Ey, hallo…
Sagt Kiki: „Bitte warten Sie draußen.“ Sagt meine Tante: „Achso, sie hat noch keine Hose an. Und nimmt meine Sporthose vom Stuhl und kommt damit angewackelt und gibt sie mir.“
Dann sagte die Karten-Dame: „Komm, wir warten draußen.“ Dann musste Kiki erstmal die Tür hinter den beiden zumachen, am liebsten hätten sie noch geguckt, ob ich im Schritt rasiert bin oder ein Piercing im Bauchnabel habe.
Als ich dann rauskam, kam Kiki mit dem Laken hinter mir her. Die beziehen das ständig neu, da braucht nur ein Krümel drauf sein. Sagt doch meine Tante: „Oh, hast du das Bett schmutzig gemacht?“
„Sollen wir schieben?“ – „Nein danke, ich kann alleine fahren.“ – „Wir schieben sonst auch gerne, dann musst du dich nicht anstrengen.“ – „Nein, bißchen Bewegung tut mir gut.“ Was macht sie? Schiebt mich trotzdem. Ok. Widerstand zwecklos. Unten am Fahrstuhl treff ich meine Sporttherapeutin. Auch ne ganz Liebe. Hat Feierabend. Sagt sie: „Na, jetzt aber nicht bequem werden zum Wochenende!“ Hat meine Tante nicht verstanden.
Die Kantine ist auf der anderen Seite vom Krankenhaus. Man muss einmal durch das ganze Gebäude. Das sind locker 15 Minuten, wenn man langsam geht. So langsam wie meine Tante. Die Gänge sind so breit, dass da zwei Betten aneinander vorbeikommen. An der Wand lehnen zwei und unterhalten sich. Meine Tante sagt: „Vorsicht, hier kommt ein Rollstuhl!“
Wir sitzen beim Essen und diese Kartendame fängt an zu fragen. Aber alles bis ins Letze! Sogar ob ich einen Freund habe, wollte sie wissen. Ich hab gesagt: „Nein.“ Und da meinte sie: „Aber du findest einen, da bin ich mir sicher. Nicht alle Männer wollen Models.“ Alter Schwede!!! Ich hab immer nur geschluckt und gedacht: Ihr habt keine Ahnung. Bringt nichts, sich aufzuregen. Und hab immer nur „Jaja“ gesagt.
Keine Ahnung, worüber wir noch alles geredet haben. Ich hab nur noch auf Durchzug geschaltet. Besuch der Verwandtschaft kann sooo toll sein…

Schlamm-Catchen

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Nach meiner Käck-Ättäck vom letzten Donnerstag habe ich auch noch mit meiner Psychologin gesprochen (übrigens auch eine Rollifahrerin), und die sagte, dass ich das irgendwann drauf hab, und wenn ich Bauchschmerzen krieg, sofort zum nächsten Klo fahr und dort halt ne halbe Stunde warte. Und immer was zum Wechseln und feuchtes Klopapier und Einmalhandschuhe im Rucksack hab. Und mit Magen-Darm-Grippe bleibt man gleich zu Hause und bestimmtes Essen lässt man gleich ganz weg, was dafür bekannt ist. Dann kriegt man das in den Griff. Sie sagt, sie findet nicht die Leute eklig, denen so was passiert, Hauptsache nur, sie gehen gleich duschen. Sie hat gesagt, ich soll mich bloß nicht verstecken, alle anderen Betroffenen können mich verstehen, und wenn ich dazu stehen kann, macht mich das eher symphatisch. 

Und heute hab ich mich dann auch gleich nochmal blamiert. Bei mir auf dem Zimmer ist eine, die ist 20 oder 21, wurde Donnerstag aufgenommen und wird morgen entlassen, nur zu einer Kontrolle oder so. Heute fragte sie, ob ich mit an die frische Luft will, sie will mal raus. Ok. Krankenhausgelände war ja alles geräumt und runter durften wir eigentlich nicht, aber sie meinte, sie will gucken, wann die Busse fahren. Direkt vor der Einfahrt ist eine vierspurige Bundesstraße mit Tempo 70. Aber eine Ampel ist auch da. Also sind wir über die Ampel und auf dem Rückweg bin ich natürlich in dem Schneematsch hängen geblieben mit den vorderrädern und gleich vorwärts rausgerutscht. Und lag da in einer fetten Schnee-Matsch-Salz-Öl-Wasser-Pfütze, Gesicht voraus. Meine Zimmernachbarin hat nur mein bescheuertes Gesicht gesehen und fing gleich an zu gackern wie ein Huhn. „Was machst du denn da?“ Haha sehr witzig.

Naja, als wir dann wieder in die Klinik rein sind, waren unten ein paar Typen in dem Raucherraum, die fragten gleich, was ich gemacht hab, und meine Zimmernachbarin sagte: „Schlammcatchen“. Dann waren wir im Fahrstuhl und ich wusste echt nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Am liebsten hätte ich ihr eine reingehauen. Sie sagte: „Nun lach doch mal. Das Leben ist schon ernst genug.“ Hm… oben fragte mich dann gleich die Schwester: „Wie siehst du denn aus?“ Und dann hab ich gesagt: „Ich hab den ersten Platz gemacht.“ – „Ok?!? Und bei was?“ – „Beim Schlammcatchen.“ Das gab ein Hallo auf dem Flur!!! Die andere Schwester kam an: „Was ist denn hier los?“ – „Sie war Schlammcatchen!“ *gacker brüll*

Naja, kein Megawitz, aber irgendwie haben trotzdem alle gelacht, und wenn ich mir das richtig überlege: So schlimm war es nicht. Ich hab mich einfach nur saudumm angestellt.