Susi, Föhni, Anwälte

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Mich selbst reizt das größte Volksfest des Nordens inzwischen nicht mehr so sehr. Früher bin ich da gerne mal mit meinen Leuten hingefahren, um ein wenig Spaß zu haben; nachdem ich mit diesen Leuten aber inzwischen entweder nichts mehr zu tun habe oder sie selbst auch älter geworden sind, finde ich es nun ganz gut, dass Helena begeistert ist. So muss sie einerseits als Ausrede dafür herhalten, dass man mich doch nochmal dort antrifft, andererseits steckt mich ihre Freude am Karussellfahren auch an.

Helena spart dafür ihr Taschengeld. Sie ist ohnehin sehr bescheiden. Es ist nicht so, dass sie nach einer neuen Jeans fragt, sondern dass Marie oder ich sie anpieksen. Sie weiß dann zwar klar, was sie will, aber die Initiative kommt selten von ihr. Vielleicht ändert sich das noch, wenn sie etwas älter wird. Sie gibt auch ihr Taschengeld nicht aus, sondern spart es. Hat kaum eigene Wünsche. „Darf [meine beste Freundin] mitkommen? Ihr würde das Volksfest bestimmt auch viel Spaß machen.“

Ich nenne ihre beste Freundin ab heute mal Kiara. Ich habe übrigens Maries Mutter gefragt, wie sie gerne in meinem Blog heißen möchte. „Nenn mich Susi“, sagte sie albern. Ich erwiderte: „Und dann ‚Susanne‘ für alle etwas ernsteren Themen?“ – „Meinetwegen auch das.“ – „Und wie nenne ich [Maries Papa]?“ – „Föhni“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen. – Ich antwortete: „Nö. Abgelehnt.“ – „Du weißt, wieso?“ – „Nee?!“ – „Dann googel mal nach Susi Sorglos und ihrem Föhn.“ – Maries Mama fiel ihrem Mann um den Hals und küsste ihn. Sagte dann: „Kein verzauberter Königssohn und auch kein Rasier-Apparat“, blickte zu mir und sagte: „Er hat nicht gelogen. Kannst ihn Otto nennen.“ – Und so heißen Maries Eltern ab heute Susi und Otto.

Zurück zum Volksfest: „Eigentlich wollten wir nach dem Volksfest zu Susi und Otto fahren und dort übernachten, wenn wir schon mal in Hamburg sind“, antwortete ich. Helena guckte mich an: „Und Kiara würde da stören, oder?“ – „Ich müsste Susi zumindest vorher fragen, ob das in Ordnung wäre. Und ich weiß auch nicht, ob Kiara Lust auf fremde Verwandtschaft hätte.“ – „Und wenn wir das so machen, dass Kiara mit uns kommt und wir sie abends in den Zug setzen und ihre Mama holt sie in [nächste größere Stadt] vom Bahnhof ab?“ – „Wenn die Mama das mitmacht und Kiara das möchte, habe ich nichts dagegen. Aber ich bezweifle, dass ihre Mama sie über die Strecke alleine Zug fahren lässt mit 13 Jahren.“

Lange Rede: Irgendwann rief mich die Mama an: Wenn wir sie in Hamburg in den richtigen Zug setzen und ihr eine Nachricht schicken, in welchem Zug sie sitzt, wäre das für sie in Ordnung. Ich muss wohl nicht erwähnen, wie die beiden sich gefreut haben. Helena war Feuer und Flamme. „Meinst du, Susi und Otto haben ihren Gartenpool schon wieder gefüllt und ich kann da morgens schwimmen? Und glaubst du, Otto bringt seine Drohne mit und wir können die hier über Ostern fliegen lassen und ein paar krasse Videos von der Ostsee machen? Meinst du, dass er auch Ostereier im Garten versteckt? Und können wir, wenn das Wetter so schön bleibt, über Ostern auch mal draußen grillen? Darf ich mit Kiara Autoscooter fahren und in [ein Karussell, das sich über Kopf dreht]? Fridolin muss auf jeden Fall mit und ich möchte mir an dem Tag eine Tena anziehen und Kiara und ich wollen uns vorher Eyeliner ziehen und Mascara für die Wimpern und die Haut etwas abpudern. Aber keinen Lippgloss. Und kannst du uns die Haare flechten?“

What? Bisher hat sie sich noch nie geschminkt. Also zumindest nicht, dass ich das wüsste. Mit 13 Jahren hat sich bei mir in der Schule früher niemand geschminkt. Mit 14 haben bei uns einzelne etwas Kayal oder Wimperntusche benutzt. Aber das ist schließlich auch schon über 10 Jahre her. Und eine Tena anziehen? Hatten wir bislang auch noch nicht. Ich fragte mal vorsichtig nach: „Seit wann kennst du dich denn schon so gut mit Schminke aus?“ – „Es gibt ein Video auf Youtube, wo eine Bloggerin zeigt, wie das geht. Und Kiara und ich wollen das jetzt zum Volksfest auch mal ausprobieren. Spricht was dagegen?“ – „Darf ich darüber nochmal nachdenken?“ – „Oh nee. Ganz dezent nur, Jule. Wir haben beschlossen, dass wir da schön aussehen wollen und Kiaras Mutter hat auch nichts dagegen.“ – „Und was ist das mit der Tena?“ – „Da wollte ich dich fragen, ob ich so eine Pants anziehen kann, wenn das da über Kopf geht und so … bevor da was schief geht. Außerdem finde ich diese Toilettenwagen dort mega eklig und ich muss alles anfassen, weil ich nicht frei stehen kann. Ich will nicht so eine Klebewindel wie du, darin werde ich zu fett.“ – „Na vielen Dank.“ – „Ja du sitzt, da sieht das keiner, aber wenn ich aufstehe und in ein Karussell gehe, denken alle, ich habe einen fetten Arsch. Hintern meine ich.“

Als Marie nach Hause kam, sprach ich mit ihr. „Gegen Schminke hab ich nichts. Solange sie sich wohl fühlt und es nicht nach Babystrich aussieht, aber dann würde ich dagegen konkret was sagen und nicht gegen Schminke an sich. Und wegen der Pampers: Im Studium haben wir gelernt, dass man Bequemlichkeit nicht unterstützen darf. Andererseits gibt es eine Diagnose und du würdest auch nicht ohne über das Volksfest rollen, obwohl es eigentlich möglich sein sollte. Einige Kollegen hätten ihr bestimmt nicht mal einen Rollstuhl verordnet. Also mach es nicht zu kompliziert.“

Also am nächsten Tag im Supermarkt konkret das Alte-Damen-Regal angesteuert und Helena gefragt: „Welche möchtest du?“ – „Die“, sagte sie, ohne nachzudenken. „Die hatte ich auch manchmal bei meinen früheren Pflegeeltern. Mit denen habe ich aber nie drüber gesprochen und irgendwann haben die es mitgekriegt. Da gab es richtig Terror und danach waren sie verboten. Obwohl ich sie von meinem Taschengeld bezahlt habe. Eigentlich brauche ich sie ja nicht, nur wenn mal lange kein Klo in der Nähe ist, ist mir das sicherer. Ich habe beschlossen, dass ich das bei euch nicht nochmal heimlich mache, weil ich mich bei euch nicht dafür schämen muss, dass ich behindert bin. Tschuldigung“, sagt sie, fängt bitterlich zu weinen an und fährt davon.

Es bricht mir das Herz, wie diese Menschen offenbar mit ihr umgegangen sind. Nach fünf Minuten sehe ich sie vor einem Postkartenständer stehen und auf die Postkarten starren. Ich streiche ihr über den Rücken, sie nimmt eine Karte aus dem Ständer und hält sie mir wortlos vor die Nase: „Darf ich dir ein Geheimnis verraten? Ich mag dich noch lieber als Schweinebraten.“ – „Futter mich nicht auf“, antwortete ich. Sie sortierte die Karte wieder ein. „Bin ich manchmal anstrengend?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. Nein, sie ist nicht anstrengend. Sie sagte: „Ist im Moment sehr aufwühlend in der Therapie. Aber so gut. Am Anfang will ich immer nicht, am Ende bin ich total aufgewühlt, aber glücklich, dass ich das gemacht habe. Die ersten fünf Minuten fühlen sich an wie eine ganze Stunde, der Rest der Stunde fühlt sich an wie fünf Minuten.“

Ich streichelte ihr über den Rücken. Sie drehte sich um, zog die Nase hoch, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und sagte: „So. Einkaufen. Therapie ist erst nach Ostern wieder dran.“

Gestern sind wir also auf dem Weg nach Hamburg. Vier Personen, drei Rollstühle, Rucksäcke und eine Reisetasche. Kiara und Helena haben vor der Abfahrt eine Stunde vor dem Spiegel gestanden, ich habe beiden Zöpfe geflochten – und beide sahen am Ende sehr hübsch aus. Wesentlich älter. Und wirklich hübsch. Vor dem Volksfest haben wir dann den letzten der zehn Behindertenparkplätze bekommen. Und dann ging es los. Aus dem Autoscooter waren die beiden nicht mehr raus zu bekommen. Fünf Chips für jeden der beiden fünf Euro – war früher billiger, ist aber okay. Die erste Runde drehten sie ganz vorsichtig, bei der zweiten wurden sie von zwei Jungs andauernd angefahren und hatten sichtlich Spaß, ab der dritten Runde wussten sie dann, wie das Ding auch rückwärts fahren kann.

Bei der Kinderbimmelbahn fragte Helena Marie und mich: „Hey, ihr beiden, wäre das nicht was für euch?“ – Dem Frechdachs ging es also gut.

Einen Moment später: „Marie, kannst du mir ne Zuckerwatte wegspritzen?“ – Marie: „Nee, du fragst jetzt mal die Verkäuferin, wieviel Zucker sie nimmt, und dann rechnest du selbst.“ – Gesagt, getan. Ein Teelöffel Zucker, sagte die Verkäuferin, Helena fummelte an ihrer Insulinpumpe rum, zeigte Marie den eingestellten Bolus, Marie nickte, fertig. Eigentlich kann sie das alleine, nur bei der Informations-Beschaffung hapert es manchmal noch. Sie hätte den Nährwert von Zuckerwatte bestimmt auch googeln können.

Ohne Fridolin hätte Helena den kilometerlangen Weg nicht geschafft. So war sie schneller als Kiara, die sich einige Male beschwert hat, weil sie nicht hinterher kam. Am Ende wollte Helena unbedingt noch ein Abschiedsfoto vom Riesenrad machen, das ich auch in diesen Beitrag eingefügt habe. Am Bahnhof setzten wir Kiara in den richtigen Zug. Zurück zum Auto, auf dem direkten Weg zu Susi, und als wir dort ankamen, sagte sie: „Die Tena ist übrigens noch trocken, willst du sehen?“ – „Nee, lass mal, das glaube ich dir so.“ – „Aber jetzt muss ich pissen wie ein Brauereipferd.“ – „Helena, bitte!“ – „Danke. Übrigens Kiara weiß davon.“ – „Wovon?“ – „Na von der Tena. Und zwei andere Freundinnen aus der Klasse auch. Wir haben einen Pakt geschlossen, falls mich mal wieder jemand mit meiner Behinderung aufziehen will, sind die meine Anwälte und auf meiner Seite. Das haben sie geschworen.“

Eulenspiegel

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„Quäle stets ein Tier mit Schmerz, denn es fühlt wie du den Scherz.“ – Diesen verballhornten Spruch hörte ich kürzlich von Jugendlichen, die versuchten, im Bus eine Fliege mit einem Feuerzeug anzukokeln. Der Busfahrer hat die Jugendlichen auf offener Strecke rausgesetzt, ob wegen der Tierquälerei oder aus Sorge, dass demnächst sein Bus brennt, weiß ich nicht. Vielleicht auch aus beiden Gründen.

Keinen Brummer, sondern einen lebendigen Hund hat der Überlieferung nach Till Eulenspiegel, der vor 700 Jahren lebte und in Mölln in Schleswig-Holstein senkrecht begraben sein soll, beim Bier brauen in einen heißen Kessel geworfen. Der Hund hieß Hopf, und der Bierbrauer hatte Eulenspiegel gebeten, Hopfen in die Braupfanne zu werfen. „Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“, soll es damals geheißen haben. Eulenspiegel sollte lustig sein und nicht nur Majestät haben darüber gelacht: Der Spruch ist noch heute an der Tagesordnung.

Ich kam kürzlich in den Genuss, die allererste Folge einer Vorabendserie sehen zu dürfen, deren aktuelle Folgen noch heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden. Als sie gedreht wurde, waren die Charaktere überrascht, dass künftig auch Frauen im Streifendienst eingesetzt werden sollen. Kinder, wie die Zeit vergeht: Meine Halbschwester Emma ist in diesem Jahr zur Oberkommissarin befördert worden und hat damit einen höheren Dienstrang als alle Charaktere dieser Serie vor dreißig Jahren. Wertschätzung und respektvoller Umgang hätten enorm zugenommen, sagt sie. Die älteren Kollegen erzählten oft, dass es früher sogar Prügeleien unter den Beamten gegeben hätte, das Klima sehr viel rauer war. Schimpfworte wie „Arschloch“, „Neger“ und „Penner“ seien an der Tagesordnung gewesen. Das sei heute undenkbar und würde sofort sanktioniert.

Trotzdem gibt es Ausgrenzung und Dummheit noch immer. Es gibt noch immer Menschen, die glauben, Frauen sind nur dumm und können gut backen. Und Kinder gebären. Okay, Männer können meistens weder backen noch Kinder gebären. Irgendwie müssen wir uns ja unterscheiden. Homosexuelle sind eklig. Behinderte sowieso. Vor allem, wenn sie sabbern, brummen und inkontinent sind. Dass mir jemand nicht die Hand gibt, weil er denkt, er könne sich anstecken, kommt auch in 2019 noch vor. Nicht täglich. Und nicht häufig. Aber so etwas gibt es. Und ich muss weiter dagegen kämpfen.

Ich kämpfe. Zum Beispiel mit einem Blog, der über 7 Millionen Mal aufgerufen wurde. Aber ich kämpfe zum Glück nicht alleine gegen die Dummheit.

Anlässlich meiner doch rund umfangreichen Schilderungen über das Krankenkassen-Gutachter-Drama von Helena hatte ich einen recht umfangreichen Dialog mit einem Kumpel, den ich seit meiner Reha, also seit nun schon zehn Jahren kenne. Höheres Tier in einer Sozialbehörde, begleitet ehrenamtlich gerade eine junge Frau, die seit über einem Jahr versucht, einen Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Die Frau hat, wie Helena, eine leichte Cerebralparese, also eine Hirnschädigung, die die Motorik (nicht die geistige Leistungsfähigkeit, die junge Dame macht gerade Abitur) einschränkt. Sie benutzt für längere Strecken (so ab 700 Metern) ebenfalls einen Rollstuhl, spricht ein wenig undeutlich und hat erhebliche Schwierigkeiten mit der Feinmotorik, vor allem der der Hände. Sie schreibt in der Schule beispielsweise am Laptop. Ich selbst kenne die Frau nicht persönlich.

Hinzu kommen angeborene Fehlbildungen beider Hüftgelenke und eine Überreaktion auf Wasser: Sobald sie duscht, bilden sich Quaddeln am ganzen Körper. Außerdem reagiert sie allergisch auf Insektengift-Proteine, muss also ständig hochpotente Medikamente injektionsfertig mitführen, falls sie mal von einer Wespe gestochen wird und der Notarzt nicht rechtzeitig kommt.

Behinderung? Nö. Fehlanzeige. Das Versorgungsamt sagt: Das reicht nicht. Sie ist nicht so stark eingeschränkt, dass ihr Zustand in erheblichem Maße von dem eines gesunden Menschen ihres Lebensalters abweicht. Schließlich hat auch nur ihr Kinderarzt was dazu attestiert und kein Neurologe. Unser Haus-Gutachter kommt nach Aktenlage zu dem Ergebnis, es liege auch keine Hirnschädigung, sondern eine Entwicklungsretadierung vor.

Ich weiß noch, wie es mir ging, als mir mitgeteilt wurde, dass ich ein Vollpfosten bin. Wobei man mir ja eher gutmütig die Dinge attestiert hatte, die wirklich vorlagen. Retadiert war ich noch nie. Nicht mal auf dem Papier. Krüppel halt. Aber alleine diese Tatsache schwarz auf weiß zu lesen, hat mir damals schon gereicht.

Die junge Frau legt also Widerspruch ein und lässt sich brandaktuell von einer spezialisierten Kinderneurologin noch einmal von Kopf bis Fuß durchchecken. Legt ihr Hirn in eine bildgebende magnetische Röhre. Mit glasklaren Ergebnissen. Nix retadiert, sondern eine waschechte Cerebralparese. Reichte dem Amt wieder nicht. Dieses Mal sei die Abweichung zwischen dem (oberflächlichen und auf den Alltag bezogenen) Bericht des Kinderarztes und dem (fachlich bis in die tiefste Ebene abgegrenzten) Bericht der Fachärztin zu groß, von daher sei das alles unplausibel. Man setze alles auf Null und beauftrage einen externen Gutachter, einen niedergelassenen Neurologen, damit, das alles einzuschätzen.

Die junge Dame holt sich also schulfrei, muss einen handgeschriebenen Lebenslauf schreiben (kenne ich irgendwoher), taucht dort pünktlich auf und fährt, dem Rat ihres Rechtsanwalts folgend, natürlich nicht alleine dorthin, sondern nimmt eine Vertrauensperson mit. Bevor der Termin starten kann, kommt der Gutachter ins Wartezimmer und blubbert die junge Frau an: Schön, dass Sie eine Begleitperson mitgenommen haben, die bleibt aber draußen. Die Begutachtung führe ich nur unter vier Augen durch. Als die junge Frau darauf besteht, dass die Vertrauensperson sich bei der Untersuchung still in eine Ecke setzt und zuschaut, verweigert der Gutachter die Untersuchung und kündigt an, ihr im Gutachten eine „mangelnde Kompromissbereitschaft“ zu attestieren. Was die Behörde später als mangelnde Mitwirkung auslegen werde, mit dem Ergebnis, dass es weder einen Ausweis, noch eine Gleichstellung gebe.

Ähm ja. Wie, du willst nicht angegrapscht werden? Bist du etwa zu keinen Kompromissen bereit? Ein Totschlag-Argument aus der Sicht jedes Rambos, eine Disqualifikation mit Pauken und Trompeten aus der Sicht all jener, die Machtmissbrauch und Mobbing auch gegen den Wind riechen.

Das Glück der jungen Frau war wohl die Begleitung durch den Sozialrechts-Fuchs. Der hat die junge Frau, die nicht nur wegen der eigentlichen Begutachtungs-Situation unter großer Anspannung stand, sondern mit diesem Benehmen des Gutachters auch völlig überfordert war, ins Auto gepackt und ist mit ihr auf dem direkten Weg zu der Behörde gefahren, die das Gutachten in Auftrag gegeben hat. Frei nach dem Motto: „Hier bin ich. Begutachten Sie. Mitwirkung liegt vor. Maximal. Kopie der Akte, alle Befunde, handgeschriebener Lebenslauf: Alles dabei.“

Die Sachbearbeiterin an der Publikumsfront hat nach zwei Sätzen die Flinte ins Korn geworfen und das Gespann in die Chef-Etage geführt. Die junge Frau durfte daran teilhaben, wie ihr Begleiter und eine ältere Dame aus dem höhere Dienst der Behörde sich über den grundgesetzlich garantierten Anspruch auf rechtliches Gehör und den damit verbundenen Anspruch auf ein faires Verfahren austauschten und sofort derselben Meinung waren. Dass beide der Überzeugung waren, dass insbesondere in einem Widerspruchsverfahren der freie und gleichberechtigte Zugang zur Justiz eher überkorrekt berücksichtigt werden müsse, zumal Deutschland bei der Umsetzung der anerkannten UN-Forderung ohnehin defizitär sei.

Nach kurzer Wartezeit auf dem Behördenflur, in der die Beamtin den Gutachter anfunkte, ließ sie durchblicken, dass sie höchstpersönlich vor Jahren eine Anordnung verfügt hatte, die Begleitpersonen bei Gutachten ausdrücklich zulasse. „Solange die Begleitperson sich nicht ungefragt einmischt oder dort randaliert, sondern der Gutachter seine Arbeit machen kann, soll sie doch still in der Ecke sitzen. Ich würde meinen Mann auch nicht unbegleitet zum Doktor lassen, alleine schon, weil er immer nur die Hälfte versteht.“

Ende vom Lied: Die Frau hat die Antragstellerin im Namen der Behörde ausdrücklich für diesen Vorfall um Entschuldigung gebeten und ihr einen neuen Termin bei einem anderen Gutachter in Aussicht gestellt. Den kenne sie persönlich, dorthin würde sie auch gehen. Und sie habe ihn extra angerufen: Selbstverständlich dürfe jederzeit eine Vertrauensperson dabei sein.

Ich frage mich nun, was wohl passiert wäre, wenn der Sozialrechts-Fuchs nicht dabei gewesen wäre. Dann hätte der Gutachter wohl festgestellt, dass noch immer keine Behinderung vorliege. Wer so drauf ist, ist aus meiner Sicht als Gutachter untauglich. Machtspiele und die damit verbundene Ausgrenzung haben in fairen Verfahren nichts zu suchen!

Fand übrigens damals auch schon Till Eulenspiegel.

Schimmel

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Es gibt Themen in der Medizin, die finde ich besonders spannend. Und es gibt Themen, die finde ich sogar noch spannender. Derzeit bilde ich mich fünf Jahre lang fort im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin. Da lerne ich hin und wieder auch mal ein paar neue Dinge, und was meinen aktuellen Arbeitsplatz betrifft, kann ich auch nicht klagen, aber … Maries Mama hat vor einiger Zeit eine Einladung zu einem Workshop bekommen. Sie bekommt ständig solche Einladungen. Und in diesem Fall meinte Marie zu ihr: „Wenn du da nicht hin willst, lass das bloß nicht verfallen. Ich kenne jemanden, der leckt sich die Finger danach.“

So machte ich mich am Freitag auf den Weg. Nach rund fünf Stunden Zugfahrt kam ich pünktlich (ja, das halte ich für erwähnenswert) am Zielort an. Einen Rollkoffer vor mir hergeschoben, eierte ich durch den Bahnhof, bekam die richtige Bimmelbahn und fuhr bis fast direkt vor das Hotel. Checkte ein, mein Zimmer sollte im obersten Stockwerk sein. Und wie ich so am um die Ecke gelegenen Fahrstuhl wartete, sagte doch die eine Mitarbeiterin von der Rezeption lachend zu ihrer Kollegin: „Die Behinderte ist in zwei Minuten wieder hier. Wetten?“

Hm? Warum? Zimmer nicht gereinigt? Der vorherige Gast liegt noch im Bett? Die Schlüsselkarte passt nur zur Putzkammer? Der Aufzug fährt nicht ins oberste Stockwerk? Das Fenster liegt mitsamt seinem Rahmen im Hof? In der Badewanne schläft ein Krokodil?

Nein, ganz anders: Die Tür zum Bad und die Fläche neben dem Bett sind so schmal, dass ich gar keine Chance habe, dort hinein zu gelangen. Hochfloriger Teppichboden. Zum Fenster müsste ich krabbeln. Ich rolle also wieder nach unten. Sie erzählt mir, dass die barrierefreien Zimmer leider renoviert werden. Leider habe man beim Einbuchen der Reservierungen nicht darauf geachtet, dass ich ja ein barrierefreies Zimmer bräuchte. Ob ich auch mit diesem Zimmer klar käme, wollte sie wissen.

„Das fragen Sie mich ernsthaft, nachdem Sie gerade schon vorausgesagt hatten, dass ich in zwei Minuten wieder hier bin? Sie lassen mich hier mit dem Koffer durch das halbe Hotel fahren, obwohl Sie wissen, dass ich das Zimmer nicht nutzen kann und stellen sich jetzt auch noch doof? Werden Sie dafür von mir bezahlt?“ – Ich finde das ungeheuerlich. Die Dame zuckte mit den Schultern und sagte: „Dann müssen Sie sich halt ein anderes Hotel suchen.“

„Ja. Und jetzt hätte ich gerne meine Anzahlung zurück. Die Mehrkosten stelle ich Ihnen hinterher in Rechnung.“ – „Welche Mehrkosten?“ – „Das, was das andere Hotel jetzt mehr kostet. Plus die Taxifahrt dorthin. Kurzum: Der Schaden, der mir dadurch entsteht, dass Sie unseren Vertrag nicht erfüllen.“ – „Welchen Vertrag?“ – „Den in meiner Tasche. Von Ihnen schriftlich bestätigt. Ein barrierefreies Zimmer für zwei Nächte. Können Sie mir dann bitte noch vermerken, dass das bestellte Zimmer nicht verfügbar ist?“

Hat sie tatsächlich gemacht. Ein anderes Hotel, auf der anderen Seite der Stadt, hatte noch ein barrierefreies Zimmer frei. Für 133 Euro pro Nacht. Plus Frühstück. Das ist eigentlich nicht meine Preislage. Aber günstiger ging es nicht.

Nun hätte ich ja erwartet, dass das Zimmer sauber ist. Den Müll hat man sofort abgeholt, das Bett hat man auch noch sofort bezogen, die restlichen Reinigungsarbeiten könnten dann erst am nächsten Morgen stattfinden. Es heißt ja immer, dass bei denen, die am meisten meckern oder sogar einen Meckerblog schreiben, das eigene Zuhause noch viel schlimmer aussieht. Nee, Leute, ich würde mich schämen, wenn meine Bude so schimmelig wäre.

Ich muss jetzt ins Bettchen. Deshalb kann ich nichts mehr von dem Typen schreiben, dem ich da begegnet bin. Aber ich hole es nach. Versprochen.

Dieser Gammel hing im Rolli-Bad am seidenen Faden. Immerhin gibt es eine Warnung: Falls jemand mit dem Rollstuhl drankommt, sitzt er auf dem elektrischen Stuhl. Was wohl passiert, wenn jemand aus Versehen mit den Duschstrahl draufhält oder Kinder im Krabbelalter mitbringt...
Dieser Klappsitz in meiner Dusche war fast ganz sauber und hatte die Haare schön.
Ich vermute, dass ein einfacher Lappen mit Scheuermilch schon ausgereicht hätte, den Siff zu entfernen. Da soll ich mich anlehnen?
Das war der Fußboden im Bad, bevor mein Bett aufgeschüttelt wurde.
Das sind bestimmt die Fussel von seinen Tennissocken, die er zwischen den Zehen hatte, bevor er duschen ging.
Scheinbar wird an bestimmten Stellen nicht ganz so häufig gewischt. Oder der Lappen ist dann schon dreckig.
Nee, die Fußnägel gehören mir nicht.

So ein Tag

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Ich war gerade, trotz Regen und Wind, eine Stunde Handbiken. Zum Abreagieren. Ist gerade Vollmond oder hat in dieser Gegend wieder irgendjemand eine Büchse Idioten aufgemacht? Unwahrscheinlich viele waren heute unterwegs. Und mein Idiotenmagnet zieht sie bekanntlich alle an. Es war kurz davor, dass ich ausgerastet wäre. Ich halte mich für einen sehr toleranten Menschen, aber mein Geduldsfaden ist nicht endlos strapazierbar.

Das begann schon morgens damit, dass sich jemand direkt vor unsere Auffahrt gestellt hat. Parkenderweise. Zehn Minuten später, ich war wirklich kurz davor, ihn abschleppen zu lassen, kam er wieder, guckte mich grinsend an und sagte: „Ach, ist das Ihre Auffahrt?“ – „Eine Entschuldigung wäre wohl angebracht“, habe ich zurückgeblubbert. Sagte er: „Nun stellen Sie sich mal nicht so an, wegen der fünf Minuten. Sie werden nicht dran sterben.“

Nee, da hat er Recht. Kurz danach wurde ich auf der Bundesstraße auf zwei Seiten gleichzeitig überholt. Einer überholte regulär, zwar im Überholverbot, aber immerhin links neben mir, der andere bretterte rechts neben mir über den Standstreifen vorbei. Wirbelte jede Menge Dreck auf und lieferte sich ganz offensichtlich ein Rennen mit dem anderen Überholer. Nur fürs Protokoll: Ich fuhr laut Tacho 105 bei erlaubten 100. Ich habe inzwischen übrigens meinen Notfallrucksack im Auto. Ich bezweifel allerdings, dass ich damit noch was ausrichten kann, wenn einer von denen crasht, denn die hatten beide locker 160 oder mehr drauf.

Am Arbeitsplatz konfrontierte mich ein Vater damit, dass er Angst habe, meine Behinderung könne auf seinen Sohn abschreckend wirken. Ich antwortete: „Meinen Sie nicht, mit 15 wäre es allerhöchste Zeit, dass Ihr Sohn einmal Kontakt zu Menschen mit Behinderung bekommt?“ – „Meinen Sie nicht, heute ist der falsche Zeitpunkt? Immerhin ist er krank.“ – Ich habe da schon brechen wollen. Der Sohn hatte übrigens, von einem aufgeplatzten Knie und ein paar Prellungen nach einem Skateboard-Unfall abgesehen: Nichts.

In der Mittagspause wollte ich mir beim Bäcker ein Brötchen holen. Zwei Mitarbeiter standen hinter dem Tresen, quatschten miteinander und ignorierten mich. Ein paar Mal hatten wir Blickkontakt. Nach rund einer Minute rollte ich einen Tresen weiter und sprach die Mitarbeiterin an, die gerade Geld zählte: „Entschuldigung, von Ihren Kollegen werde ich irgendwie nicht bedient. Könnte ich vielleicht von Ihnen ein Brötchen bekommen?“ – Sie packte mein Brötchen in die Tüte, nahm einen Euro von mir entgegen – und nichts passierte. Ich bekam weder mein Wechselgeld, noch das Brötchen. Stattdessen sprach sie erstmal in aller Ruhe die beiden Männer an: „Kollegen, ihr seid zum Arbeiten hier. Wenn ihr Pause machen wollt, geht bitte in den Pausenraum. Aber das macht einen schlechten Eindruck.“ – „Entschuldigung, könnte ich jetzt bitte mein Brötchen und mein Wechselgeld haben?“ – „Nun seien Sie doch nicht so ungeduldig. Ich komme gleich zu Ihnen herum.“ – „Das ist nicht nötig.“ – „Doch, das ist für mich selbstverständlich, dass ich helfe und Ihnen das Brötchen auch in den Rucksack packe.“ – „Das möchte ich gar nicht. Vielen Dank.“ – Nun war sie beleidigt, feuerte Brötchen und Wechselgeld mürrisch auf den Glastresen und wandte sich ab.

Auf der Rückfahrt hatte ich einen silbernen Seat vor mir. Der fuhr auf der Bundesstraße 80 km/h. Innerorts, außerorts, immer 80. Als ich ihn in einem Bereich, in dem 100 km/h erlaubt sind, überholen wollte, beschleunigte er ebenfalls. Ich brach das Überholmanöver ab, scherte hinter ihm wieder ein und er fuhr kurz danach wieder 80. Zweiter Ansatz, gleiches Spiel. Dritter Anlauf, gleiches Spiel. Beim vierten Mal gab ich dann Vollgas und war dank guter Motorisierung schnell an ihm vorbei, musste allerdings bis auf 130 beschleunigen. Tempomat eingeschaltet – überholt mich doch der Seat anschließend bei Tempo 100, schert vor mir ein und bremst wieder 80 km/h runter, fängt dann an, zuerst die Wisch-Wasch-Anlage zu betätigen, so dass das ganze Wasser über ihn hinweg auf meine Windschutzscheibe spritzt, und anschließend allen möglichen Krempel aus dem Fenster zu werfen. Jede Menge Müll, ein angefressenes Waffeleis, ein kleiner Karton war dabei. Getroffen hat er mich nicht. Ich bin dann, um das nicht weiter eskalieren zu lassen, abgebogen, bin eine kleine Schleife durch einen Nachbarort gefahren und dann wieder aufgefahren. Die Klügere gibt nach?

Auf dem Weg nach Hause hielt ich an einer Apotheke an. Es bediente mich ein Apotheker höchstpersönlich. Der Inhaber war es nicht. Ich wollte für Marie ein Eisenpräparat, da sie nach ihrer Seuche und ihrer letzten Regel vermutlich einen Eisenmangel hatte. Ich sagte: „Bitte eins, das sich erst im Darm auflöst.“ – „Wofür brauchen Sie es?“ – „Um einen Eisenmangel auszugleichen.“ – „Warum denken Sie, dass Sie einen Eisenmangel haben könnten?“ – „Es geht um meine Freundin, sie hat eingerissene Mundwinkel, das steht vermutlich im Zusammenhang mit einem Eisenmangel.“ – „Bei eingerissenen Mundwinkeln nehmen Sie am besten eine Pflegesalbe.“ – „Ich hätte gerne das Eisenpräparat.“ – „Haben wir nicht da.“ – „Wie jetzt, kein Eisen in der Apotheke? Das ist jetzt nicht Ihr Ernst.“ – „Wir haben nur das“, sagte er und holte: Ein Eisenpräparat. Das sich im Magen auflöst. Ich wiederholte: „Bitte eins, das sich im Darm auflöst.“ – „Dieses löst sich im Darm auf.“ – „Nein, dieses löst sich im Magen auf.“ – „Das ist eins für den Darm. Das steht nur nicht drauf.“ – „Ich hätte gerne das, wo es drauf steht, dass es sich im Darm auflöst.“ – „Das haben wir nicht.“ – Ich bemühte meine Suchmaschine und zeigte ihm ein Bild von der Verpackung, nachdem ich nun den Namen schon vier Mal wiederholt hatte. Und plötzlich hatte er es doch da. „Wollen Sie 100 und reichen Ihnen 20?“

Am frühen Nachmittag fuhr ich mit Helena zum Reitstall. Sie war um 15.30 Uhr mit ihrer besten Freundin zum Reiten verabredet. Einschließlich hinterher Box reinigen etc. Ich dachte, ich würde die Wichtigtuerin vom Reitstall mal verarzten. Und tatsächlich sagte Helena gleich: „Ihr Auto steht da auf jeden Fall.“ – Erster Satz auf meine Frage, ob ich sie mal kurz sprechen könne, war: „Ach, geht es um das behinderte Kind, oh, hat es etwa die gleiche Behinderung wie Sie? Ich meine, Sie sitzen ja auch … Sie sind auch nicht ganz gesund, oder?“ – „Sie sind ganz schön distanzlos, oder?“ – „Nein, wie kommen Sie denn darauf? Es fällt doch aber nunmal auf, und wenn man das sieht, muss man das ja auch erwähnen dürfen.“ – „Sehen Sie, und genau da ist der Irrtum. Vielleicht reißen Sie sich künftig einfach mal ein wenig zusammen.“ – „Was hab ich denn so Verkehrtes gesagt?“ – „Dass man Reithosen nicht waschen darf, zum Beispiel.“ – „Darf man ja auch nicht.“ – „Selbst wenn es so wäre, halten Sie das für einen sensiblen Umgang mit einer 12jährigen, die sich gerade in die Hose gemacht hat?“ – „Eine gewisse Härte ist ganz gut für die Disziplin.“

Das sagt die Richtige. Die mit der größten Disziplin von uns allen. Da es nicht lohnte, ihr zu erklären, dass eine spastische Blase auch mit größter Disziplin nicht immer beherrschbar ist und Helena mir manchmal schon viel zu „diszipliniert“ ist, bat ich sie lediglich, Helena künftig in Ruhe zu lassen.

Auf dem Weg zum Reitstall hatte mich Helena gebeten, ihre Klassenlehrerin am Nachmittag anzurufen. Sie hatte mit Helena einen Disput, weil Helenas Insulinpumpe während einer Klassenarbeit gepiept hatte. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Laut Helena war es nicht die Pumpe, sondern das Messgerät, das einen Blutzuckerspiegel-Abfall erkannt und sie rechtzeitig vor einer drohenden Unterzuckerung gewarnt hat. Das macht es durch Vibrieren und einen etwa zwei Sekunden dauernden einmaligen Piepton. Und das ist einfach genial, weil das Ding in Echtzeit die Verlaufskurve auswertet und schon Alarm gibt, bevor überhaupt ein Wert außerhalb einer Toleranzgrenze erreicht wird. Früher fühlte Helena sich unterzuckert und hat dann mit einer Einzelmessung geschaut, ob das Gefühl richtig ist. Da war der Wert dann aber schon so niedrig, dass sie quasi notfallmäßig Gegenmaßnahmen einleiten musste, um nicht in den nächsten Minuten bewusstlos zu werden.

Dazu muss man wissen, dass ein Nüchternwert bei nicht zuckerkranken Menschen etwa zwischen 4,4 und 6,7 mmol/l liegt. Unter 3,6 entwickeln nicht zuckerkranke Menschen ein Heißhungergefühl und werden wegen der Unterzuckerung zittrig. In der Regel reguliert der Körper das selbstständig wieder. Helena hatte in der Vergangenheit schon Werte unter 2,0 mmol/l, ohne dass sie gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Bei uns nicht, aber früher wohl. Unter 1,7 wird man in der Regel bewusstlos, unter 1,1 sind Krampfanfälle und Hirnschädigungen wahrscheinlich. Inzwischen hat sich diese Wahrnehmung bei ihr wieder einigermaßen normalisiert und die neue Pumpe trägt entscheidend zu dieser positiven Entwicklung bei.

Die Lehrerin meinte nun, dass es störend sei, wenn das Gerät piept, Helena erstmal damit „rumspielt“ und dann auch noch nicht nur Traubenzucker, sondern auch noch eine halbe Scheibe Käsebrot mampfe. Es würde die anderen ablenken, weil doch alle sich einmal vergewissern, was da los sei. Dass sie mitunter in der Stunde sofort was essen muss, sei ihr klar, aber ob in einer Klassenarbeit nicht der Traubenzucker reichen würde. Früher sei es ja auch ohne Piepen und ohne Brot gegangen. Auf meine Nachfrage sagte sie, dass das mit dem Brot bisher genau einmal vorgekommen sei. Ihr Problem sei aber, dass sie im Interesse der Gleichbehandlung … Da habe ich sie dann unterbrochen: „Entschuldigen Sie mal: Sie dürfen alle Menschen mit Diabetes gleich behandeln. Die, die keinen Diabetes haben, müssen in der Stunde auch nichts essen. So einfach ist das. Das Piepen muss sein, das Brot auch.“ – „Warum sind Sie denn gleich so angefressen?“ – „Weil wir vor einiger Zeit exakt darüber ganz intensiv gesprochen haben, ich Ihnen dazu eine Broschüre, extra für die Schule geschrieben, überlassen habe, ich Ihnen meine Handynummer gegeben habe, und ich es als äußerst unprofessionell empfinde, ein Kind, das ohnehin schon mit einer Situation zu kämpfen hat, mit der viele Erwachsene nicht klar kommen, vor großer Runde zur Rechtfertigung aufzufordern, anstatt das wahrzunehmen, leise dorthin zu gehen und ihr allenfalls Hilfe anzubieten oder mich bei Fragen einmal anzurufen.“

Zu meinem größten Erstaunen antwortete sie: „Da haben Sie Recht. Das war höchst ungeschickt von mir. Ich werde mich bei Helena dafür entschuldigen.“ – Das wiederum fand ich stark. Als Helena vom Reiten wiederkam, haben wir ihre Werte gemeinsam ausgelesen. Vermutlich durch den Stress der Klassenarbeit gab es nach etwa 25 Minuten einen krassen Trend nach unten. Bei völlig normaler Dosierung, so, wie sie vorher wochenlang funktioniert hat. Helena hat völlig richtig entschieden, nicht nur kurzwirksamen Traubenzucker, sondern auch eine nachhaltige Nahrung zuzuführen und die ständig im Hintergrund abgegebene Insulindosis für 90 Minuten um 30% zu reduzieren. Alles richtig gemacht, mal eben während einer Klassenarbeit. Und ein einzelner Piepston wird zum Aufreger. Seufz.