Physikum – schriftliche Prüfung

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Ich habe es überstanden. Das Ergebnis habe ich noch nicht, es ist also theoretisch denkbar, dass ich in einem halben Jahr noch einmal ran muss, aber für den Moment kann ich das Thema vor allem in meinem Kopf weit zur Seite schieben. Ich rede von schreibe über den ersten Teil der ärztlichen Prüfung, früher offiziell Physikum genannt, heute inoffiziell noch immer. Den mündlichen Teil hatte ich in der vorletzten Woche schon hinter mich gebracht, der schriftliche Teil war zu Beginn dieser Woche dran. Zwei Tage zu jeweils vier Stunden, pro Tag 160 Multiple-Choice-Fragen aus insgesamt vier Fächern. Es handelt sich dabei um eine Zwischenprüfung nach Ende des 4. Semesters. Sie schließt den Teil des Studiums ab, in dem man lernt, wie der Körper funktioniert, wenn er gesund ist. In weiteren mindestens 9 Semestern (Mindeststudienzeit) kann man nach Bestehen des Physikums lernen, welche Krankheiten es gibt und wie man sie behandelt.

Im Moment glaube ich fest daran, dass ich diese Zwischenprüfung bestanden habe. Der mündliche Teil ist bestanden, denn ansonsten hätte ich vor dem schriftlichen Teil schriftlich erklären müssen, ob ich trotz Nichtbestehen des mündlichen Teils den schriftlichen Teil ablegen möchte. Das hätte beispielsweise dann Sinn gemacht, wenn man den mündlichen Teil einfach ein halbes Jahr später noch einmal machen möchte. Die Erfahrung zeigt aber wohl, dass etliche Leute, die den mündlichen Teil nicht bestehen, hinwerfen. Immerhin gab es wohl auch dieses Mal diverse Leute, die mit unter 10% korrekten Antworten sang- und klanglos abgesoffen sind. Wenn ich durchschnittlich mehr als 9 von 10 Fragen falsch habe, würde ich mir, glaube ich, auch Gedanken mache, ob das Studium für mich das richtige ist. Es sei denn, ich kann mir erklären, warum ich die mündliche Prüfung schlicht verkackt habe, gleichwohl aber die schriftliche bestehen werde.

Ich habe mich mit Marie und anderen Kommilitoninnen und Kommilitonen ausgetauscht, und ich habe ein sehr gutes Gefühl. Bei einer Frage weiß ich jetzt schon, dass ich mit einem falschen Wert multipliziert habe, zwei oder drei Fragen habe ich nicht gewusst, da habe ich irgendwas angekreuzt (immerhin um 20% besser, als nichts anzukreuzen), bei zehn oder zwölf Fragen war ich mir unsicher und habe … naja „geraten“ wäre der falsche Ausdruck, aber ich war froh, nur Kreuze setzen und weder Lösungsweg noch Begründung abliefern zu müssen. Einige davon sind aber richtig gewesen, wie ich hinterher festgestellt habe. Also ich habe ein sehr gutes Gefühl und ich war auch bereits mit einem sehr guten Gefühl in die Prüfung gegangen. Auch wenn ich dafür bereits ausgiebig belächelt wurde.

Ich muss aber auch sagen, dass ich so derbe unter Strom stand, dass ich mich erst heute wieder einigermaßen ansprechbar fühle. Ich habe von den letzten 48 Stunden mindestens 35 im Bett verbracht und nur geschlafen. So aufgeregt wie am ersten Prüfungstag war ich schon lange nicht mehr. Mein Herz raste so sehr, dass ich schon Angst hatte, mein Kreislauf würde schlapp machen. Hat er aber nicht. Ich bin an beiden Tagen mit dem Taxi zur Prüfung gefahren. Selbst Auto fahren wollte ich nicht, dafür war ich zu aufgekratzt, Bus und Bahn wollte ich mir auch nicht antun.

Am Mittwochabend bekam ich von Ronja noch eine Ganzkörper-Entspannungs-Massage – statt Physiotherapie. Ich bin auf der Liege fast eingeschlafen. Heute morgen hatte ich meine erste vernünftige Mahlzeit nach vier Tagen Appetitlosigkeit. Doch, ich habe in den vier Tagen was gegessen, aber es schmeckte mir nicht. Im Gegensatz zu heute morgen.

Korrekt aber kalt

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Ich glaube, fast alle Menschen sind sich einig, dass es absolut abscheulich ist, wenn ein Täter (oder eine Täterin) bei einem gewaltsamen Übergriff die körperliche Unterlegenheit eines Opfers ausnutzt. Das fängt nicht bei den Leuten an, die einem am Boden liegenden Menschen gegen den Kopf treten und es hört gewiss nicht bei einem Fall auf, der ausgerechnet Maria widerfahren ist, die ja bereits in der Pflegeeinrichtung, in der sie lange Jahre wohnte, bevor sie zu uns kam, Erfahrungen mit gewalttätigen Mitarbeiterinnen machen musste.

Maria hat sich in den Monaten bei uns echt gemausert. Sie hat es nach jahrelanger Isolation geschafft, sich ein eigenverantwortliches Leben aufzubauen. Hat Freunde, auch außerhalb unserer WG, gefunden, fährt selbständig mit ihrem E-Rolli überall hin, hilft Ronja und Maja (das sind die Physio- und die Ergotherapeutin, die bei uns im Haus arbeiten) bei ihren Abrechnungen. Sie sieht sehr viel vitaler aus, obwohl sie durch ihre fortschreitende Erkrankung immer schwächer wird. Sie sagt, sie ist glücklich.

Was sehr gut ist, ist, dass Maria völlig klar und orientiert ist. Sie spricht zwar sehr langsam und verwaschen, das hat aber eine körperliche und keine kognitive Ursache. Soll heißen: Sie ist im Köpfchen völlig fit.

Es gibt diese Momente, in denen mir ein eiskalter Schauer über den Rücken läuft und ich gleichzeitig merke, wie in meinem Bauch jemand einen großzügigen Adrenalin-Aufguss auf meinen Ofen schüttet. Es ist das gleiche Gefühl, das ich auch habe, wenn ich mit ansehen muss, wie jemand beinahe vor ein Auto läuft – oder andere Dinge, die man nicht sehen will und vor denen man am liebsten schützend die Hände vor die Augen nehmen möchte.

Einer dieser Momente war zweifelsohne, als Maria am letzten Mittwoch zu mir kam und mir nach einem Fluch über das Wetter und der Frage, ob wir mal wieder gemeinsam einen Nudelauflauf kreieren könnten, nahezu beiläufig erklärte, sie sei gestern abend von ihrer Pflegekraft misshandelt worden. Ich dachte im ersten Moment, ich hätte sie falsch verstanden, aber was sollte man daran falsch verstehen? Sie konkretisierte, sie habe zwei Ohrfeigen bekommen, von einer Pflegerin, die bei uns seit rund vier Monaten in Teilzeit arbeitet. Alter: 53 Jahre. Es sei bisher das erste Mal gewesen. Aber, und das habe sie im Gefühl, nicht das letzte Mal.

Ich fragte Maria: „Wieso fühlst du das?“ – Maria sagte: „Die Selbstverständlichkeit, mit der sie mir welche gescheuert hat, das macht sie nochmal. Sie war nicht erschrocken über sich selbst, sie war nicht in Rage, sie war einfach nur in einer Laune, in der man mir mal eine klatscht.“

Was wir anfangs als großes Problem vermuteten, nämlich das auch zu beweisen, löste sich überraschend schnell. Frank hatte sofort mit der Polizei telefoniert, und so saßen zu ihrem nächsten Dienstbeginn ein Mann und eine Frau in zivil im Büro. Ich war nicht dabei, Frank erzählte aber hinterher, was da abgegangen ist.

So wie er erzählt, sei die Pflegerin reingekommen, wollte ihren Dienst beginnen, habe normal gegrüßt und sei dann mit den beiden Beamten, ich glaube sie kamen vom Landeskriminalamt, konfrontiert worden. Die beiden waren wohl richtig gut und haben gleich die Katze aus dem Sack gelassen. Man ermittle gegen sie wegen Misshandlung Schutzbefohlener, ob sie dazu etwas sagen möchte. Woraufhin sie sofort Täterwissen preisgab, als sie nämlich erwähnte, dass ‚die‘ doch dummes Zeug erzähle. Der Beamte fragte dann nach: „Ach, ‚die‘ auch? Bisher sind wir nur von einem ‚er‘ ausgegangen. Also schon zwei Fälle? Oder etwa noch mehr?“ – Tja, selten dumm gelaufen. Aus der eigentlich saudummen und billigen Nummer kam sie nicht mehr raus. Sie versuchte erst noch, sich rauszuwinden, indem sie meinte, ‚die‘ habe sie gesagt, weil sie überwiegend weibliche Menschen pflege, aber dann erzählte sie nach zwei Minuten, dass sie es nicht mehr leiden könnte, täglich mit Ausscheidungen konfrontiert zu werden.

Ich möchte das mit Blick auf das laufende Verfahren nicht vertiefen. Es ist ohnehin alles gesagt, was gesagt werden muss, um zu verstehen, dass es Menschen gibt, die ich nicht verstehen kann. Cathleen und ich haben Maria in der darauf folgenden Nacht mit zu uns in mein Bett genommen. Wobei „genommen“, wenn wir schonmal beim Thema sind, nicht heißt, dass sie nicht zugestimmt hätte. Sie lag zwischen uns in der Mitte, was vielleicht der eine oder andere für abgefahren hält, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es ihr sehr gut getan hat.

Die Mitarbeiterin haben wir direkt nach ihrem Geständnis fristlos entlassen und ihr Hausverbot erteilt. Und selbstverständlich hat Frank den Vorfall der Behörde gemeldet und beantragt, dass sie ein Berufsverbot bekommt. Frank sagt: „Ob ich überhaupt so einen Antrag stellen kann, weiß ich nicht. Vielleicht spricht das Gericht ohnehin ein solches Berufsverbot aus. Ich möchte nur nicht versäumt haben, den Anlass zu setzen, aus dem jemand darüber nachdenkt.“

Wie wir später erfuhren, haben die Beamten sie mit auf die Dienststelle genommen, aber sie wurde wohl nach kurzer Zeit wieder nach Hause entlassen. Am Samstag haben wir, also alle Bewohner unserer WGs, uns getroffen und sehr ausführlich über das Thema gesprochen. Und ausdrücklich gesagt, dass es wichtig ist, jeden Fall sofort zu melden. Frank sagte: „Meinetwegen auch anonym. Sobald ich weiß, dass es hier im Haus so etwas gibt, werden wir tätig. Nur ich muss es wissen. Wenn niemand etwas sagt, möchten wir davon ausgehen können, dass alles gut läuft.“

Ich hätte das von der Frau, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Zugetraut … ich lege für niemanden die Hand ins Feuer. Sie hat davor, sagt Maria selbst, immer korrekt gearbeitet. Aber eben auch „nur“ korrekt, nicht herzlich. Sondern eher unnahbar und kalt. Wenn sie sich unterhalten hat, dann nur sehr oberflächlich.

Auch die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden von Frank in einer kurzfristig angesetzten großen Besprechungsrunde informiert. Ich habe am Rand gesessen und zugehört. Und hatte dabei eine junge Frau im Blick, die ebenfalls Maria betreut. Relativ klein und zierlich, ziemlich frech, aber dennoch sehr lieb. Rastalocken. Nach dem zweiten Satz biss sie sich zuerst auf die Unterlippe, dann kullerten die ersten Tränen. Eine andere wurde kreidebleich und hielt sich mit den Händen verkrampft an der Sitzfläche des Stuhls fest, auf dem sie gerade saß. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass das alle mitgenommen hat. Und damit möchte ich sagen: Den jetzt verbliebenen traue ich es nicht zu.

Keine verbundenen Blogger

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Bisher habe ich immer gedacht: Der versteht sein Handwerk. Die Rede ist von Frank, ein Jurist, der mit uns in unserer WG wohnt. Der unser Wohnprojekt mit gegründet hat, der Maria aus ihrem Heim geboxt hat, der den rechtlichen und organisatorischen Rahmen für Ronjas Arbeit in unserem Haus geschaffen hat, der meinen Führerschein vor einer zu gierigen Behörde gerettet hat … die Aufzählung der Dinge, die er anfasst und zu einem guten Ergebnis bringt, ist lang.

Inzwischen bin ich überzeugt, dass er nicht nur sein Handwerk versteht, sondern darüber hinaus noch mindestens ein goldenes Händchen hat. Falls ich es nicht sowieso schon wusste, komme ich zu diesem Schluss spätestens nach einem ziemlich ernüchternden heutigen Nachmittag. Ich hatte mich im Mai, nicht auf meine Initiative, aber am Ende dennoch überzeugt, mit einigen wenigen Hamburger Bloggerinnen und Bloggern getroffen. Sechs waren es insgesamt, darunter unter anderem ein Schausteller, der über sein Leben auf Volksfesten gebloggt hat, eine Ärztin aus der Notaufnahme eines Kinderkrankenhauses, eine Frau mit einer chronischen Erkrankung und ein Autofreak.

Damals haben wir beschlossen, uns zu vernetzen und gemeinsam unsere Interessen zu vertreten. Nicht ausschließlich (im Sinne eines Managements), sondern ergänzend, insbesondere was politische und rechtliche Fragen angeht; auch ein regelmäßiger Austausch, gegenseitige Unterstützung oder nur schlichte Meinungsbildung waren angedacht. Im Sinne einer Nachwuchsarbeit hätten wir uns Workshops gewünscht; nicht jeder kann sofort bloggen, vielleicht aber umso besser nach einigen einführenden Tipps.

Nach langem Hin und Her haben wir heute beschlossen, das alles wieder aufzugeben. Zu komplex und zu wenig flexibel die Organisation, zu schwierig die Aufgabe. Vorerst. Aber vielleicht bestimmt ergibt sich da in Zukunft noch eine andere Möglichkeit. Eigentlich muss es doch möglich sein.

Meine Viertelstunde

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Ich hatte die Augen schon zu, träumte von stinkenden Stinkesocken knackigen Jungs mit knackigem Popo, als es plötzlich an meiner Zimmertür wummerte. Dem Geräuschpegel nach musste irgendjemand etwas hochgradig wichtiges mitzuteilen haben. Vielleicht lag eine Bombe in der Waschküche? Oder Elvis Presley hockte in unserem Gruppenraum und aß Popcorn? Als es ein zweites Mal aufgeregt klopfte, schälte ich mich aus dem Bett und rollte zur Tür. Cathleen stand draußen: „Dein Handy ist aus. Steh auf, zieh dich an, in einer Stunde ist Training angesetzt. Tatjana hat eine SMS geschickt und Marie ist auch schon ganz aufgeregt, weil sie dich nicht erreicht.“

„Ja, ich war im Bett, da ist mein Handy immer aus! Sag mal, können die das nicht mal etwas langfristiger planen? Ich hab schon geschlafen!“ – „Nun sabbel nicht rum, zieh dich lieber an. Marie fährt und holt uns in 15 Minuten ab.“ – „Biken? Oder Rennrolli?“ – „Schwimmen.“ – „Schwimmen?!?! Bei Nacht?!“ – Cathleen zuckte mit den Schultern. – „Nun sag doch mal was dazu. Gestern habe ich Tatjana noch gefragt, ob wir am Wochenende nicht nochmal trainieren wollen, solange noch gutes Wetter ist. Da hieß es, es hätten zu viele Leute abgesagt und sie habe selbst auch keine Zeit.“ – „Jetzt entspann dich mal. Kannst dich gleich im Wasser auspowern.“

Also schnell ins Bad, auf Klo, Badeanzug an, T-Shirt und Sporthose drüber, Haare einigermaßen ordentlich zusammengebunden, Handtücher in die Tasche gefeuert, Duschzeug eingepackt, vorsichtshalber den Neo rausgeholt, Abfahrt. „Willst du keine Schuhe anziehen?“, fragte Cathleen.

„Wofür brauche ich Schuhe, wir haben 25 Grad draußen. Ich wollte am See nicht rumlaufen.“ – „Nicht?“ – „Heute nicht.“ – Als wir unten ankamen, wartete Marie schon. Ihr Auto parkte mit Standlicht mitten auf dem Parkplatz, sie selbst saß bereits in ihrem Rolli und gab sich betont genervt. „Hi. Na? Was ist das denn für eine Aktion hier mitten in der Nacht? Schwimmen im Freien, das kann doch keiner vernünftig beaufsichtigen. Manchmal begreife ich nicht, was in deren Köpfen vorgeht.“

Cathleen: „Ihr seid nur am Meckern. Jetzt entspannt euch doch mal und genießt das schöne Wetter.“ – Cathleen krabbelte auf die Rückbank, Marie und ich zerlegten ihren Rollstuhl und packten ihn in den Kofferraum, dann setzte ich mich auf die Türschwelle der Beifahrertür, Marie schob meinen Rolli nach hinten und packte ihn ins Auto, Klappe zu. Dann stieg sie auf der Fahrerseite ein, zerlegte ihren Rolli, schob den Beifahrersitz nach vorne und lud die Einzelteile auf die Rückbank. Anschließend konnte ich mich auf den Beifahrersitz setzen, Tür zu, Abfahrt.

Marie fuhr auf die Schnellstraße, direkter Weg zu unserem Trainingssee. Doch nach fünf Kilometern bog sie auf die Autobahn ab. Kann man machen, ist aber ein kleiner Umweg. Nur … sie nahm die Auffahrt in die entgegengesetzte Richtung. Ich fragte: „Was machst du denn jetzt? Richtung Lübeck ist falsch, Marie.“ – „Ach du Scheiße. Soll ich wenden?“ – „Auf der Autobahn?“ – „Nachts ist doch kaum einer unterwegs.“ – „Marie!“ – „Was?!“ – „Ich bin nicht lebensmüde. Fahr ordentlich!“ – Sie grinste. – „Und hör auf, mich zu ärgern. Ich war bereits in schönsten Träumen.“

Fünfhundert Meter vor der nächsten Ausfahrt fragte Marie: „Was meinst du, wer gleich alles kommt?“ – „Du musst hier raus, ja?“ – „Also außer uns dreien?“ – „Marie! Wie weit willst du denn jetzt noch in die falsche Richtung fahren?“ – „Ich fahr über das Kreuz Ost, das ist mir sicherer.“ – „Oah, Mädel, da kann man doch nirgendwo abfahren.“ – „So eine schöne Nachtfahrt.“ – Unglaublich.

Als sie auch noch an der Ausfahrt Barsbüttel vorbei fuhr, wo man nun eigentlich wunderbar hätte wenden können, drehte ich mich zu Cathleen um. Die guckte aus dem Fenster und sagte gar nichts. Ich kam mir ein bißchen verarscht vor. Als Marie an der nächsten Ausfahrt auch noch vorbei fuhr, sagte ich: „Wir fahren nicht zum See, oder? Was macht ihr hier mit mir?“ – „Wir fahren zum Schwimmtraining. Vom See war nie die Rede.“

„Okay, wohin fahren wir?“ – „Zum Schwimmtraining.“ – „Okay. Ihr habt irgendwas vor, ich lass mich überraschen. Hat es wenigstens irgendwas mit Schwimmen zu tun oder habe ich mir meine Badesachen umsonst angezogen?“ – „Wir fahren zum Schwimmtraining.“ – Okay, okay, ich bin ja schon ruhig. Wir fuhren die A1 in Richtung Lübeck, dann weiter in Richtung Oldenburg. Außer uns war kaum jemand unterwegs. Ich überlegte: Wollten die beiden mit mir an den Strand? Inzwischen waren wir rund eine Stunde unterwegs. Ich sagte: „Mädels, ich bin ja für jeden Scheiß zu haben, aber ich bin davon ausgegangen, wir fahren mal eben schnell an unseren See. Ich habe also keine Pampers um und auch keine Pampers dabei. Wenn die Fahrt also noch länger dauert, sollten wir zwischendurch mal irgendwo anhalten, damit ich vorsichtshalber nochmal pinkeln kann.“ – „Schaffst du noch eine halbe Stunde? Sag bitte rechtzeitig Bescheid.“

In Oldenburg bogen wir auf eine Bundesstraße in Richtung Kiel ab. Fuhren durch ein paar Orte und plötzlich ging rechts ein kleiner Waldweg ab. Ein aufgeblasener Luftballon hing an einem Baum. Es war stockdunkel. Wären es nicht Marie und Cathleen, die mich entführt hatten, hätte ich spätestens jetzt Panik geschoben. Plötzlich war der Wald zu Ende. Ein Haus stand dort, daneben eine Holzhütte. Ein leerer Parkplatz für etwa 20 Autos tauchte im Scheinwerferlicht auf. Marie fuhr über den Parkplatz. Auf der anderen Seite ging der Weg weiter. Ich sagte: „Wo sind wir hier? Das ist voll unheimlich!“ – „Das ist nicht unheimlich, das ist schön hier!“, antwortete sie grinsend.

Wir fuhren durch einen weiteren kleinen Wald. Man konnte vor Dunkelheit nur sehen, was sich im Lichtkegel vor dem Auto abspielte. Kurz vor Ende dieses zweiten kleinen Wäldchens lehnte jemand an einem Baum. So sah es zumindest aus. Doch, tatsächlich, da stand jemand. Und hatte irgendwas in der Hand. Plötzlich ging derjenige los, stellte sich uns in den Weg und hob ein rotes Licht hoch. Eine Polizeikelle. Super. Marie sagte: „Oh nee.“ – Cathleen fragte: „Was ist?“ – „Die Bullen. Bestimmt ist hier Durchfahrt verboten oder so.“

Marie hielt an und machte das Fenster runter. „Nabend!“ – „Nabend, Herr Wachtmeister. So alleine hier im dunklen Wald?“ – Ich dachte, ich höre nicht richtig. Der Typ sagte: „Im Gegenteil, mein Kollege steht an Ihrer Beifahrertür, falls Sie es noch nicht bemerkt haben. … ist mein Name, wir führen hier eine Verkehrskontrolle durch, machen Sie mal bitte den Motor aus und die Innenbeleuchtung an?“ – „Dazu habe ich eigentlich keine Lust.“ – „Sie tun das, was ich Ihnen sage, Sie befinden sich in einer polizeilichen Maßnahme.“

„Marie!“, fuhr ich sie an. Das musste doch nun wirklich nicht sein. Und wieso kontrollieren die hier im Wald? Suchten die jemanden? Oder war das wirklich ein illegaler Schleichweg? – Der Typ sagte weiter: „Ihren Führerschein und die Zulassungspapiere hätte ich gerne mal gesehen.“ – „Das wollen viele. Was bekomme ich dafür?“, fragte Marie. – Was sollte das?! War sie nicht ganz dicht? – „Marie!“, rief ich nochmal. Sie sagte: „Ich hab die im Handschuhfach, zusammen mit meiner Kalaschnikow.“ – Ey … jetzt fehlte nur noch, dass die die Waffen ziehen und wir uns hier flach auf den Boden legen müssen. Den Typen, der irgendwo im Dunkeln hinter mir stehen müsste, konnte ich nicht sehen. Der Beamte auf Maries Seite legte eine Hand auf seinen Pistolenholster und fragte: „Jetzt mal ohne Blödsinn, junge Frau, das ist nicht witzig. Haben Sie eine Waffe im Fahrzeug?“ – „Ich bin die Waffe!“, sagte Marie.

„Steigen Sie mal bitte aus. Langsam. Okay?“ – Mein Herz raste. Ich sagte: „Marie, spinnst du! Ich habe keine Lust, hier deinetwegen Ärger zu kriegen. Jetzt reiß dich mal zusammen.“ – Marie sagte: „Ich kann nicht aussteigen, meine Tür klemmt.“

Der Polizist sagte: „Okay, dann dürfen Sie weiterfahren.“ – Häh? Was war denn das jetzt für eine Nummer? Marie sagte: „Baby, ich will einen Kuss von dir.“ – Der Polizist beugte sich ins offene Fenster, nahm Maries Kopf in beide Hände, zog sie zu sich ran und drückte ihr ein Küßchen auf die Wange. Dann sagte er: „Kann ich mich jetzt endlich umziehen? Ist das Jule da? Die so verstört guckt?“ – Marie grinste. „Ist sie. Ist mein Papa schon da?“ – „Zelt ist schon alles aufgebaut. Die sind gerade nochmal los und holen noch Leute vom Bus ab.“ – „Alles klar.“

Mir fiel alles aus dem Gesicht. Cathleen saß auf dem Rücksitz und klatschte vor Lachen in die Hände. Ich war so baff, ich schnappte mir Marie, zog ihr Gesicht zu mir ran, sagte: „Du Arschloch!“ und gab ihr einen Kuss. Auf den Mund. Worauf sie antwortete: „Bäh. Darf ich vorstellen? Das ist Uwe. Kollege von Papa. Mein Patenonkel.“ – „Und der stellt sich hier nachts in den Wald und zieht die Show ab, nur um mich zu verarschen?“ – „Klar. Ich hab ihn drum gebeten. Das war seine Viertelstunde.“ – „Viertelstunde?“ – „Wirst du später verstehen.“ – Ich glaub es nicht.

Wir fuhren weiter. Cathleen flippte hinten auf der Rückbank aus, versuchte mich von hinten zu umarmen und rief: „Ich freu mich so, ich freu mich so.“ – Ich begriff nur, dass hier ganz offensichtlich diverse Leute irgendwas ausgeheckt hatten. Wir rollten auf einen Parkplatz. Diverse Autos standen hier. Etliche davon kannte ich. Unter anderem meins, mit dem offenbar Sofie gekommen war.

Der Parkplatz lag direkt hinter einer Düne und hinter der Düne war: Strand! Und die Ostsee. Und ein großes Lagerfeuer in einer großen, festinstallierten Feuerschale. Und ganz viele Leute vom Training und aus meiner WG. Ein befestigter Weg ging bis zum Strand, dahinter waren diverse dickere Platten ausgelegt. „Guten Abend allerseits!“

Nach endloser Begrüßungsrunde kamen noch drei Leute, die Maries Eltern vom Busbahnhof abgeholt hatten. „Können wir jetzt endlich schwimmen gehen?“ – „Wow, machen wir jetzt nachtbaden?“ – „Nacktbaden?“ – „Meinetwegen auch das.“ – „Jule? Ich habe dir ein großes Zelt aufgebaut und innen drin deine Luftmatratze für heute nacht aufgeblasen. Dazu auch noch eine zweite, die du mit ins Wasser nehmen kannst. Meine Viertelstunde“, sagte Maries Papa. Was hatten die alle mit ihrer Viertelstunde? Ich bedankte mich erstmal.

Maries Mama sagte: „Achso. Jule? Ich trag dich ins Wasser rein und hol dich wieder raus. Damit du nicht durch den Sand krabbeln musst. Sooft wie du möchtest.“ – „Okay?!“ – „Meine Viertelstunde. Wenn auch nicht an einem Stück.“ – „Ey, was habt ihr hier alle mit einer Viertelstunde?“ – „Das bekommst du schon noch raus. Einfach beobachten.“ – „Wollen wir jetzt noch schwimmen oder nicht?“

Es waren noch weit über 20 Grad. Die ersten machten sich auf dem Weg zum Wasser. Selbst Marie fing an, durch den Sand zu rutschen. Maries Mutter sagte: „Wir warten noch kurz, bis die am Wasser angekommen sind, okay? Die brauchen ja wesentlich länger.“ – „Und wieso willst du mich jetzt tragen? Und was hat das mit dieser Viertelstunde auf sich?! Das ist hier alles sehr geheimnisvoll.“ – „Das bekommst du schon noch raus. Die anderen können schön krabbeln, du wirst an diesem Wochenende mal getragen. Geht es dir gut?“ – „Ja danke! Ich bin zwar ein wenig verwirrt, aber angenehm verwirrt. Ich komm mir gerade vor, als wenn ich träume.“ – „Das freut mich. Es wird bestimmt lustig.“ – „Ich hab gar kein Handtuch mit. Und keine Schlafsachen. Und keine Pampers.“ – „Wir haben genug Handtücher dabei. Marie hat ein paar T-Shirts mehr mitgenommen. Und Cathleen hat Pampers für dich mit eingepackt.“ – „Das ist echt eine tolle Überraschung.“ – „Ja. Ach und Jule?“ – „Ja?“ – „Du hast in deinem Blog geschrieben, dass dir das unendlich peinlich war. Mit deiner Blase, als ich dich das letzte Mal reingetragen habe.“ – „Ja. Ziemlich. Kann mal wohl sagen.“ – „Kannst du dir da bitte nicht so viele Gedanken machen? Weißt du, wie oft Marie mich schon angepiescht hat in all den Jahren?“ – „Marie ist aber auch ist deine Tochter.“ – „Das stimmt. Aber dich hab ich auch lieb. Mach dich bitte nicht verrückt damit, okay?“ – „Hast du gerade gesagt, du hast mich lieb?“ – „Doch, Jule. Sehr sogar. Hast du das noch nicht gemerkt?“ – „Ja, doch. Nein. Doch.“ – Oah, stotter. Völlig falsche Richtung. – „‚Gern‘ hab ich gemerkt, ‚lieb‘ hab ich noch nie für möglich gehalten. Irgendwie. Vielleicht gewünscht und verdrängt?“ – „Och, Jule. Wieso nie für möglich gehalten? Ich hab dich lieb. Sehr lieb sogar. Ich freue mich natürlich, dass Marie und du so eng befreundet seid, aber ich selbst hab dich auch sehr lieb. Und mein Mann hat dich auch lieb. Der sagt das zwar nicht so direkt, aber wenn man über zwanzig Jahre miteinander verheiratet ist, kennt man seinen Partner.“

Ich schluckte. Das war das erste Mal, dass mir das in den letzten vier Jahren jemand so offen und direkt gesagt hat. Aus der Generation meiner Eltern. Nach meinem Unfall. Nach dem Bruch mit meinen Eltern. Nein, ich sehe die beiden nicht als Elternersatz, so ein Quatsch. Aber darf mich das bitte unheimlich bewegen und sehr berühren, wenn mir jemand, der vom Alter her meine Mutter sein könnte, sagt, dass er mich sehr lieb hat, nachdem der Kontakt zu meinen Eltern zerbrochen ist? Weil sie mich irgendwie wohl nicht mehr lieb hatten? Obwohl ich eigentlich kein anderer Mensch bin? Sorry für diesen Absatz völlig überzogener Sentimentalität.

Zum Glück war es dunkel. Maries Mutter hockte neben mir. „Heulst du? Och Jule, du heulst doch nicht. Was ist denn los mit dir? So kenn ich dich ja gar nicht.“ – „Sorry, ist gerade bißchen viel auf einmal. Ich fang mich gleich wieder.“ – Maries Mutter nahm mich in den Arm und drückte mich. Dann sagte sie: „Ich will mich nirgendwo einmischen, Jule, und nirgendwo zwischendrängen. Aber ich bin auch nicht blind. Wenn ich dir irgendetwas geben kann, was du brauchst und von dem du denkst, dass du es bei mir bekommen kannst, dann scheue dich keine Sekunde, es dir bei mir zu holen, okay?“

„Was meinst du damit? Kannst du mir ein Beispiel geben, woran du denkst? Das kann so vieles bedeuten.“ – „Ist egal, Jule. Irgendwas. Guck mal: Marie -ich weiß, sie wird mich dafür hassen, dass ich das erzähle, aber- Marie kommt fast jeden abend zu mir, legt sich neben mich aufs Sofa und will gekrault und gestreichelt werden. Und wenn ich das eine Viertelstunde gemacht habe, redet sie wie ein Wasserfall. Was sie bedrückt, was ihr Freude macht, womit sie Probleme hat, was sie angestellt hat, worüber sie traurig und worüber sie glücklich ist. Und mit dem Satz, den ich gerade gesagt habe, meinte ich: Würdest du den Kopf auf meinen Schoß legen, würde ich dich auch kraulen und dir zuhören. Okay? Mach daraus, was du willst. Vielleicht möchtest du nicht von mir gekrault werden, aber ich würde auch nachts um drei mit dir auf alle Männer schimpfen, wenn dein Typ mit einer anderen durchgebrannt ist. Oder dir alternativ eine heiße Badewanne einlassen. Ich möchte, dass du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst. Oder zu meinem Mann. Falls es mal etwas gibt, womit du zu Marie oder zu anderen Freunden nicht gehen kannst. Komm bitte nicht auf die Idee und habe irgendeine Scheu oder denke, das müsste dir peinlich sein.“

Sie hielt mich immernoch im Arm. Ich drückte sie fest an mich heran und musste ihr einen Kuss auf die Wange geben. Und bekam postwendend einen zurück. Und mit der flachen Hand über den Hinterkopf gestreichelt. Das klingt vielleicht alles kitschig, aber das tat so gut. Ich habe ganz sicher meine Freundinnen und ich weiß, wie sehr sie mich mögen und wie lieb wir uns haben. Aber Maries Mutter hätte ich in dem Moment am liebsten nicht mehr losgelassen.

Die anderen waren bereits hörbar im Wasser angekommen. Warm sei es. Maries Mutter streckte mir ihren Rücken zu, umfasste meine Kniekehlen, ich umklammerte ihren Oberkörper. Sie hob mich hoch und latschte mir mir im Schein des Lagerfeuers zum Wasser. Es wurde hier wesentlich schneller tiefer als in Scharbeutz und es waren wohl auch mehrere große Steine unter der spiegelglatten Wasseroberfläche. Maries Mutter ging sehr vorsichtig, um nicht zu stolpern. Als sie bauchnabeltief im Wasser war, drehte sie sich um und hockte sich hin, so dass ich zwar von einer Sekunde auf die nächste im Wasser war.

In der Nacht zu Sonntag waren wir insgesamt zu zehnt, schliefen in einem großen und zwei kleinen Igluzelten. Die ganzen Rollifahrer waren in dem großen Zelt. Am Sonntag gingen wir bestimmt vier Mal ins Wasser. Das Wetter war herrlich, am späten Nachmittag fingen die beiden Männer an zu grillen und nach und nach kamen noch weitere Leute aus unserem Sportverein dazu. Auch Frank kam noch dazu.

Und plötzlich erklärte sich dann auch, was es mit dieser Viertelstunde auf sich hatte. „Am Dienstag müssen wir fast alle arbeiten, Jule, und das Wetter soll auch wieder blöder werden. Daher haben wir die Gunst der Stunde genutzt und schenken dir an diesem Wochenende eine große Strandparty, sozusagen zu deinem zwanzigsten. Aber gratulieren werden wir dann alle später. Da man dir mit Geld oder gekauften Geschenken vermutlich nur halbe Freuden macht, haben wir uns überlegt, dass dir jeder mindestens eine Viertelstunde schenkt. Also insgesamt ungefähr zwanzig Viertelstunden. Meine Viertelstunde ist dieser selbstgemachte Nudelsalat, den ich zu deiner Party dazu steuere.“

Tolle Idee! Was gab es noch? Eine Viertelstunde Verwöhnmassage in der Abenddämmerung (die gab es gleich mehrmals und doppelt und nur von Jungs…), selbstgemachte Bowle, selbstmariniertes Fleisch und Salate fürs Buffet – aber auch solche Sachen wie: Ein Inhaltsverzeichnis für meinen Blog. Da hat sich wirklich jemand einige Zeit hingesetzt und über 500 Beiträge geordnet und mit jeweils einem Satz zusammengefasst. Werde ich schnellstmöglich einpflegen, muss technisch noch etwas angepasst werden. Und einiges mehr.

Es war eine sehr tolle Party. Am Sonntagabend sind etliche wieder nach Hause gefahren, einige sind noch bis Montagmittag geblieben. Und bis Dienstag sind dann noch Jana, Cathleen, Marie und Simone geblieben. Anschließend kam Uwe, Maries Patenonkel, noch einmal, um das große Zelt mit abzubauen. Diesmal nicht in Uniform. Und … es war mehr als eine Viertelstunde. Die waren alle so lieb zu mir!!!

Danach war ich froh, wieder festen Boden unter den Rädern zu haben. Und mal wieder mit Seife duschen zu können. Besonders habe ich mich gefreut, dass Ronja und Maria am Sonntag zum Strand gekommen sind. Und für das nächste Wochenende haben sich nun meine beiden Halbschwestern angekündigt. Was für eine aufregende Zeit!