Leggings und Schokokuchen

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Als ich von der Schule nach Hause kam, hatte ich schon wieder die Nachricht auf dem AB, dass heute das Schwimmtraining erneut ausfällt. Okay, lässt sich nicht ändern, hoffentlich ist der Winter bald vorbei, damit wir wieder draußen trainieren können. Das Tauwetter hat nur kurz angedauert, heute schneite es schon wieder. Da sie auch einen Temperatursturz sowie Schneeregen mit Straßenglätte angesagt hatten, beschloss ich, zur Physio mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

Schwimmen fiel aus, Bewegungsbad war nur für letztes Mal abgesprochen, also ließ ich meine Badesachen zu Hause, packte aber meine nicht gestohlene und frisch gewaschene und damit nicht mehr nach Chemie stinkende (vergleiche hier) Leggings ein. Ronja, meine Physiotherapeutin, hat einen Leggings-Faible. Weil man in den Leggings die Beine so gut sieht (ob sie gestreckt sind, ob sie verdreht sind, welche Muskeln man trotz seines Querschnitts anspannen kann, …), schickt sie erstmal alle Patienten zum Klamottenkaufen. Jana war auch schon auf Einkaufstour, ist jedoch nicht des Ladendiebstahls verdächtigt worden.

Als ich nach drei verpassten Anschlüssen endlich im Krankenhaus ankam und mit dem Gerätetraining beginnen wollte, kam Ronja auf mich zu und sagte: „Wir haben ein Problem. Zwei Kolleginnen haben sich krank gemeldet und hier herrscht gerade großes Chaos. Kannst du gleich zur Massage kommen und danach Gerätetraining machen und wir lassen die Einzelbehandlung ausfallen? Ich muss noch eine Patientin von meiner Kollegin übernehmen und habe danach noch eine Patientin, die ihren Termin verlegt hat und die krieg ich nicht ans Telefon. Ich kann ihr nicht absagen und ich will sie nicht einfach so wieder wegschicken. Kompromiss sozusagen.“

Ja, kein Problem. Solange ich meine Massage bekomme, bin ich glücklich. „Och Ronja, nun hab ich nur für dich extra so eine tolle Leggings gekauft und nun sagst du das ab“, scherzte ich. Sie guckte mich entsetzt an. Ronja versteht solchen Humor erst im zweiten Anlauf. „Hast du die wirklich extra gekauft?“ – „Ronja, das war nur ein Scherz. Ich kann sie ja zur Massage anziehen.“ – „Ey, verarsch mich nicht! Sonst gibts auch keine Massage!“

Na gut. Die Massagen von ihr sind und bleiben einfach nur genial. Ich stehe ja eher auf die harte und kräftige Tour, allerdings darf es nicht weh tun und muss gleichzeitig noch entspannend sein und vor allem was bringen. Also dass die eher verspannten Muskeln sich hinterher entspannt anfühlen und man richtig merkt, dass sie da irgendeine Verspannung bearbeitet und dabei auch was bewirkt. Das tut sie. Der kleine Kampfzwerg ist gut. Ich hatte zwar erst drei Massagen bei ihr, aber wenn mich jemand fragen würde, ob ich sie empfehlen würde, würde ich es uneingeschränkt tun. Man muss eben nur mit ihrer sehr einfachen und eher tollpatschig wirkenden Art klar kommen. Und mit ihrem Leggings-Faible…

Als ich zum Gerätetraining fuhr, traf ich Jana auf dem Flur. Sie wollte auch dorthin. „Hast du danach bei Ronja einen Einzeltermin?“ Sie nickte. Ich erzählte ihr kurz vom heutigen Chaos. „Wollen wir sie nicht fragen, ob wir zu zweit was machen können? Da geht doch bestimmt was. Und wenn nicht, kannst du doch vielleicht so lange schwimmen, wie ich mit ihr Therapie mache.“ – „Hast du Bewegungsbad?“ fragte ich sie. Sie nickte.

„Ich habe nicht mal Badesachen mit“, antwortete ich. Jana zuckte mit den Schultern: „Hast du keine zweite Unterhose mit? Kannst von mir eine kriegen. Da unten guckt doch keiner zu. Unterhose und T-Shirt.“ Wir fragten Ronja. „Natürlich kannst du mitmachen, wenn Jana damit kein Problem hat.“

„Sie hat nur keine Badesachen dabei. Kann sie mit Unterhose und T-Shirt schwimmen?“ fragte Jana. Ronja zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ich kann ja meine neuen Leggings anziehen“, scherzte ich. Ich würde das alles gar nicht erwähnen, wenn Ronja mich daraufhin nicht blitzartig angeschaut hätte und -zwar mit einem Grinsen, aber dennoch- eindeutig ernsthaft gesagt hätte: „Ja, das könntest du machen. Das sieht bestimmt sexy aus!“

Mir wären fast die Augen rausgefallen. Jana kam mir zuvor und fragte lachend: „Hey Ronja, stehst du etwa auf Frauen in sexy Leggings?“ Sie wurde rot wie eine Tomate. „Nein, natürlich nicht!“

Jana antwortete: „Na, ich glaub aber doch.“ Ich musste lachen. Die Vorstellung war schon ziemlich absurd. Aber sie belästigte ja niemanden mit ihrem komischen Faible. Er war nur sehr amüsant.

Auf dem Rückweg durch den Schneematsch fuhren wir über Bergedorf. Im Bahnhof Bergedorf ging natürlich der Aufzug zum Gleis 4 mal wieder nicht. Der nächste Regionalexpress zum Hauptbahnhof fuhr erst in über einer Stunde. Unten war auch keine Infosäule, also überlegten wir, wie wir am besten nach Mümmelmannsberg zur U-Bahn kommen würden. In Billstedt wird ja auch gerade gebaut. Das würde uns jetzt rund eine Stunde kosten – dann könnten wir uns auch in die Dönerbude setzen und auf den Regionalexpress warten. Während wir redeten und Jana zum fünften Mal auf den Knopf drückte und senkrecht nach oben in den Schacht guckte, ob der Aufzug nicht doch kommen würde, sprach uns plötzlich eine Frau dumm von hinten an: „Könnt ihr nicht die Treppe nehmen? So jung und schon so behindert?“

Lediglich die offensichtlich verstellte Stimme hinderte mich daran, mich gleich mit ausgestreckter Faust umzudrehen… Es war Sofie. „Hey, was machst du denn hier?“ – „Ja und ihr? Immer wieder die üblichen Verdächtigen vor defekten Aufzügen!“

Die zündende Idee hatte Sofie. „Wir fahren einfach auf Gleis 5, dort steht eine Infosäule. Dann soll sich Unternehmen ‚S-Bahn‘ mal was einfallen lassen.“ Gesagt, getan. Die Frau von der Infosäule war schnell im Bilde. „So ein Mist, der Aufzug steht hier als okay im System“, sagte sie. „Aber bleiben Sie auf dem Bahnsteig, Sie bekommen Hilfe.“ Oha. Alle Achtung. Das 5. Gleis wurde eigentlich nur zu Hauptverkehrszeiten benutzt. An der Anzeigetafel stand: „Hier kein Zugverkehr“

Noch zwei Minuten. Dann sprang die Anzeige um: Nächste S-Bahn zum Hauptbahnhof in 6 Minuten. Drüben, auf Gleis 4, wo die Bahnen sonst abfahren, schaltete sich die Anzeige um auf „Bitte Ansage beachten“. Rund 150 Leute standen auf dem Bahnsteig. *GONG* „Verehrte Fahrgäste, bitte beachten Sie: Auf Grund einer Betriebsstörung verkehrt der nächste Zug in Richtung Hauptbahnhof abweichend aus Gleis 5. Ich wiederhole: Auf Grund einer Betriebsstörung verkehrt der nächste Zug in Richtung Hauptbahnhof abweichend aus Gleis 5. Wir bitten um Entschuldigung. Knack. Plopp.“

„Sind wir die Betriebsstörung?“ fragte ich Sofie. Sofie antwortete: „Nö, der kaputte Fahrstuhl.“ Jana versteckte ihr Gesicht hinter ihren Händen. Einige Fahrgäste schauten zu uns rüber. „Sorry Leute, drüben geht der Aufzug nicht“, rief Sofie nach drüben. Einige schüttelten die Köpfe. Als hätte jemand den Startschuss gegeben, setzten sich die Leute langsam in Bewegung. Treppe runter, durch den Tunnel, Treppe rauf. 150 Leute müssen wegen 3 Behindis den Bahnsteig wechseln. Dann kam die Bahn. Der Fahrer stieg aus: „Na Mädels, schafft ihr das ohne Rampe?“

Jana sagte: „Das ist so peinlich! Die mussten wegen uns alle den Bahnsteig wechseln. Aber wir freuen uns, dass wir mitkommen.“ Der Fahrer antwortete: „Och, da macht euch mal keinen Kopf. Die können ja alle laufen! Und die Weiche war noch nicht gestellt, dann ist das alles kein Problem! Ist ja nicht eure Schuld, wenn der Aufzug nicht geht. Da setzt sich immer das ganze Streuzeug in die Türschienen und dann blockieren die Dinger.“

Mit anderen Worten: Es fehlt der Mann mit dem Besen. Kein Kommentar. Der Zug fuhr ab, alles gut. Bis Berliner Tor. Dann ging es über Minuten nicht weiter. Alle Türen sperrangelweit offen, arschkalt, keine Information. Immer, wenn Sofie die Tür zu machte, wollte 10 Sekunden später wieder einer raus oder rein. Und das Problem bei den alten Zügen ist, dass die Heizung nicht geht, wenn der Zug nicht fährt. Weil nämlich, kaum zu glauben aber wahr, die Wärme von den Bremsen zum Heizen genommen wird. Und wenn der Zug steht, wird nicht gebremst, und wenn nicht gebremst wird, wird nicht geheizt. Dann endlich eine Durchsage: „Wegen eines Polizeieinsatzes im Bereich Hauptbahnhof verzögert sich die Weiterfahrt um voraussichtlich 10 bis 15 Minuten.“

Alle bis auf wir drei und zwei Omas stiegen aus dem Wagen aus. Die meisten gehen natürlich zu Fuß die eine Station weiter. Wenn die schon von 15 Minuten sprechen, werden es erfahrungsgemäß eher 30. Sofie schloss zum mindestens 20. Mal die Tür. Dann kam der Zugführer aus seinem Kabuff. „Da hat es wohl einen Personenunfall gegeben. Das kann noch dauern. Aber ich kann euch hier nicht raussetzen, ihr kommt hier nicht weg. Vom Hauptbahnhof kommt kein Zug in die Gegenrichtung, wir fahren auch nicht weiter und vom Bahnsteig kommt ihr nicht die Treppen runter. Ihr müsstet leider abwarten.“ Ja, lässt sich ja nicht ändern.

Ich kippte meinen Rollstuhl gegen die Wand, um entspannter zu sitzen. Jana fuhr vor eine Bank und legte ihre Füße hoch. „Erstmal bequem machen, wer weiß, wie lange das hier noch dauert“, sagte sie. Die eine Oma, die noch nicht ausgestiegen war, regte sich gleich auf. „Mit den Schuhen auf den Sitz?“ fragte sie. Jana antwortete gleich: „Auf der Sohle ist noch nie jemand gelaufen. Die sind blitzeblank.“ Hat die Oma nicht verstanden. Macht nichts.

Sofie allerdings war weniger entspannt. Ich möchte mich nicht rechtfertigen, warum ich mal wieder über den Schweinkram schreibe. Es gehörte zum heutigen Tag genauso wie der Gleiswechel und die sonderbare Schwimmstunde. Es war genial. Wer es aber trotzdem nicht lesen will, sei vorgewarnt und kann runterscrollen. Wer meint, dass er für Sofie Partei ergreifen muss: Sie hat ihr Okay gegeben für meinen Blog und ist sehr entspannt. „Ich piss mir gleich in die Hosen“, meinte sie irgendwann. Jana hatte die Idee, ob es nicht auf dem Bahnsteig irgendeine Möglichkeit gibt. Nein, gab es nicht. Es rannten noch genug Leute herum, wir würden auf jeden Fall die Aufmerksamkeit des Fahrers auf uns ziehen, wenn wir hier plötzlich aus- und wieder einsteigen. „Ist hier nicht irgendwo eine leere Flasche?“ fragte ich, zwängte mich durch den Wagen und suchte in den Mülleimern und unter den Sitzen. „Jule wird zur Flaschensammlerin“, spottete Jana.

Keine Flasche. Es hatte auch niemand eine Trinkflasche mit, deren Inhalt man aus der Tür rauskippen könnte, um sie anschließend für andere Zwecke zu benutzen. „Hock dich doch einfach zwischen zwei Sitzbänke“, sagte Jana. Sofie zeigte ihr einen Vogel. „Und in dem Moment kommt jemand rein oder der Kutscher aus seiner Butze raus und fragt, ob ich Hilfe brauche, oder was. Näh!“ – „Wir stellen uns davor!“ – „Nix.“ – „Willst du von mir ne Pampers haben und die anziehen?“ – „Vergiss es, ich zieh hier nicht in einer hell erleuchteten Bahn blank. Und fall dabei vielleicht noch aus dem Stuhl.“

Der Fahrer kam erneut raus. „Kein Personenunfall, ein Polizeieinsatz im Zug. Da haben sich wohl welche gekloppt. Es soll in 10 Minuten weiter gehen.“ Als die Tür wieder zu war, fragte ich Sofie: „Hältst du das noch aus.“ – „Ist schon zu spät.“ Janas schaute intensiv unter Sofies Stuhl. „Es leckt noch gar nicht.“ Wer den Schaden hat… Sie kann so nett sein. Aber, auch wenn es für außenstehende eher skurril, eklig oder gar abartig scheint, wir hatten unseren Spaß. Jeder setzte noch einen drauf. Sofie: „Das Kissen ist sehr saugfähig. Das fängt erst mit der Zeit an zu kleckern. Und dann vor allem, wenn man bergauf fährt.“ – „Oder kippelt“, fügte ich hinzu.

„Oder kippelt“, bestätigte Sofie. Jana: „Hast du ein Handy in der Hosentasche? Das würde ich rausnehmen, falls es nicht die Trekking-Ausführung ist.“ – „Gut, dass du das sagst. Aber mein Handy ist im Rucksack“, antwortete sie. „Zwischen den Schwimmsachen“, setzte ich noch oben drauf. „Achso, zum Thema Schwimmsachen: Unsere Physio steht darauf, wenn ihre Patientinnen mit knackig engen Leggings schwimmen gehen.“ – „Echt?“ grinste mich Sofie an. „Ach ist das die mit der geistigen Behinderung, von der du neulich erzählt hast?“

Ich nickte. „Und jetzt wart ihr drei mit Leggings im Whirlpool kuscheln oder was?“ – „Nein, ich hatte keine Badesachen mit und wir hatten spontan zusammen Bewegungsbad. Da hab ich meine Sporthose angezogen und sie fand es sexy.“ – Sofie antwortete: „Sexy!?! Na super! Pass bloß auf, dass sie dich nicht mal in der Kniekehle krault, während du da auf der Liege liegst und das nicht merkst.“ Jana krümmte sich schon vor Lachen.

„Na, Sofie, wie fühlt man sich mit nasser Hose?“ fragte Jana. Sofie antwortete: „Och, noch ist es schön warm am Arsch. Frag mich in einer halben Stunde nochmal.“ – „Wir können ja im Hauptbahnhof für dich noch schnell ein Getränk kaufen, dann kannst du bis zu Hause nochmal nachwärmen.“ – „Bäh, Jana, jetzt wirds eklig.“ – „Nee, das ist schon eklig. Guck dir die Sauerei doch mal an hier. Wenn die Bahn losfährt, läuft das alles hin und her.“ – „Wie gut, dass wir nächste Station aussteigen.“

Kaum ausgesprochen, ging es tatsächlich endlich weiter. Die letzten bissigen Sprüche bekomme ich nicht mehr zusammen, aber im Hauptbahnhof kam der Fahrer aus seiner Tür und wollte uns helfen. Aussteigen geht jedoch auch bei den alten Bahnen ohne Hilfe. Sofie antwortete auf sein Hilfsangebot ohne eine Miene zu verziehen: „Nein danke, raus kommen wir alleine. Und passen Sie auf, hier ist irgendwas ausgelaufen. Tschüss und danke nochmal!“

Als wir eine Dreiviertelstunde später endlich wieder zu Hause waren, stand Lina in der Küche und backte einen Kuchen. Sofie begrüßte sie: „Hi! Na? Das war wieder ein Tag. Aufzug in Bergedorf kaputt, unseretwegen haben sie alle aufs Gleis 5 gejagt, dann Schlägerei im Hauptbahnhof mit Polizei, so dass keine Bahn mehr fuhr – jetzt haben wir es gleich 20 Uhr und ich hatte noch nicht mal Mittagessen.“ – „Frag mich mal. Den Kuchen wollte ich schon heute mittag backen.“ – „Oh nee, und ich muss dir was ekliges erzählen.“ Lina antwortete, während sie nach dem Kuchen schaute. „Lass mich raten. Du hast gerade gepupst.“ – „Falsch.“ – „Du hast dir in die Hosen gemacht.“ – „Richtig.“ – „Bin ich gut? Im zweiten Anlauf! Achso, und ich soll dir von Frank ausrichten, dass du morgen das Auto haben kannst.“

Ich wollte Sofie nochmal ärgern und gleichzeitig auch eine Steilvorlage kreieren, um Lina von der Physiotherapeutin erzählen zu können. „Sag mal, hast du eigentlich ne Leggings drunter?“ – „Oh nee. Nicht die Story schon wieder. Ich geh duschen.“

Lina verstand nur Bahnhof. „Welche Story? Erzähl! Ich wills hören!“ So wäre fast der Kuchen angebrannt. Schokoladenkuchen übrigens.

Alles nicht geklaut

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„Ich glaub, es geht schon wieder los! Das darf doch wohl nicht wahr sein…“ *sing*

Sandra hat mich heute morgen als dumme Schlabberfotze bezeichnet. Natürlich so, dass es niemand mitbekommt. Ich habe nichts gemacht. Weder bewusst einen Anlass geliefert, noch darauf in irgendeiner Form reagiert. Mal sehen, wie das weiter geht. Sie kann es anscheinend nicht sein lassen und spielt definitiv mit ihrem Schulplatz. Es ist einfach nur erbärmlich.

Da die letzte Doppelstunde ausfiel, konnte ich schon sehr früh wieder nach Hause. Mit 11 Punkten aus der Chemieklausur in der Tasche. Bin ich gut?

Der frühe Schulschluss war aber ganz gut, da Mittwoch ja bekanntlich Großkampftag ist. Erst Gerätetraining, dann Physiotherapie, anschließend noch Schwimmtraining. Lässt sich leider nicht anders legen, allerdings sagt mein behandelnder Arzt aus der Klinik, dass das nicht problematisch ist, da es beim Gerätetraining ja nicht um ein Leistungstraining geht, sondern lediglich um einen Ausgleich der einseitigen Belastung – unter therapeutischer Aufsicht. Also besteht keine Gefahr, irgendetwas zu überanstrengen.

Irgendwo in meinem Schrank fand ich dann auch noch dunkelblaue Baumwoll-Leggings. Die neue Physiotherapeutin, mein kleiner Kampfzwerg, hat ja einen Leggings-Faible. Damit man die Beine sieht. Als ich das Ding zu Hause anprobierte, schließlich hatte ich das Jahre lang nicht mehr an, merkte ich: Am Hintern und an den Beinen zu kurz. Sagt mal, werde ich dicker? Oder wachse ich noch? Unten gucken fünf Zentimeter meiner Storchenbeine raus, das muss ja nun wirklich nicht sein. Ich hatte ja durch die ausgefallenen Stunden genug Zeit, noch ein kurzes Shopping einzuschieben.

Ein großes Sportwarenhaus liegt direkt am Hamburger Hauptbahnhof. Eine Person an der Kasse, ansonsten kein Personal weit und breit. Endlose Schlange. Am Aufzug stehen Hinweisschilder, allerdings steht nicht drauf, was man wo bekommt, sondern welche Hersteller in welchen Etagen zu finden sind. Und dann sind doch tatsächlich alle Klamotten nach Herstellern sortiert. Und ich habe aus meiner Sitzposition null Überblick, sehe immer nur die nächsten drei Kleiderständer.

Dann fand ich endlich doch noch eine Mitarbeiterin, die hinter einer Stahltür heraus kam. „Entschuldigung, wo finde ich Leggings?“ – „Haben wir nicht.“ – „Wie… keine Leggings?“ – „Nö. Wir haben so Longtights. Wofür wollen Sie die haben?“ – „Äh, was meinen Sie?“ Ich stand etwas auf dem Schlauch. Zum Anziehen wollte ich die haben, nicht zum Fensterputzen. Ich verstand die Frage nicht.

„Ja, wofür brauchen Sie die? Zum Laufen?“ – Äh, was? Wenn Sie welche haben, mit denen ich wieder laufen kann, kaufe ich Ihnen gleich 10 Stück davon ab. Sowas blödes. „Ähm, nee, eher so für Gerätetraining.“ – „Ah ja, da haben wir einmal hier unten welche von Firma A, die sind hier, und sonst im 1. OG welche von Firma B und im 5. OG von Firma C.“ – „Sind die nach Firmen getrennt?“ – „Ja. Jede Firma hat hier ihre Ausstellfläche.“ Kein Wunder, dass die Kette pleite geht, wenn der Kunde für eine Hose durch drei verschiedene Etagen toben muss.

„Die gehen ja gerade bis zum Schienbein. Ich suche schon welche, die bis zum Knöchel gehen.“ – „Sie meinen Acht-Achtel-Hosen. Dieses sind Sieben-Achtel-Hosen. Schauen Sie mal, die haben wir hier. Diese würde Ihnen gut stehen.“ – „119 Euro? Das sind irgendwie 100 zu viel.“ – „Ja, die sind so teuer.“ – „Nee, ich suche wirklich was ganz einfaches.“ – „Sowas gibt es nicht.“ – „Sie meinen, Sie haben sowas nicht. Kann ich mir gar nicht vorstellen, Sie werden doch über 6 Etagen noch irgendwo andere Hosen haben.“ – „Ja, dann müssen Sie mal im 1. und im 5. schauen, ob da noch was ist, was Ihnen besser gefällt.“

Nö. Aber im dritten Obergeschoss waren so Tanz- und Fitness-Klamotten. Und da fand ich dann auch eine schwarze Leggings für stolze 24,95 Euro. Ich nahm dann auch gleich noch einen auf 30 Euro runtergesetzten Marken-Schwimmanzug mit, bezahlte brav an der Kasse, verzichtete auf die Tüte und stopfte das Zeug in meinen Rucksack. Und dann bloß raus hier.

Als ich endlich unten ankam, fuhr ich auf dem direkten Weg zum Ausgang Mönckebergstraße. Der ist dichter am Bahnhof, so dass ich nicht durch den ganzen Schnee musste, dafür musste ich aber noch einmal quer durch den Laden. Es geht bergab, so dass man mit dem Rollstuhl auch ein wenig schneller wird. Als ich die Tür erreichte, merkte ich, wie ein Typ im blauen Pullover hinter mir her rannte. Er überholte mich und ich dachte, er wollte mir die Tür aufhalten. Das wäre doch aber nicht nötig gewesen. Fehlanzeige. Er stellte sich mir in den Weg. Ich schaute etwas dumm aus der Wäsche. „Guten Tag, kann es sein, dass Sie vergessen haben zu bezahlen?“

„Bitte?“ Ich überlegte eine Sekunde. „Nein, kann nicht sein. Ich habe bezahlt.“ – „Kann ich mal bitte in Ihren Rucksack reinschauen?“ In meinen Pampers wühlen? Nö. „Sie können meinen Kassenbon sehen.“ – „Nee, ich möchte in den Rucksack schauen. Den haben Sie geöffnet.“ – „Ja, um die bezahlte Ware darin zu verstauen.“ – „Haben Sie was zu verbergen?“ – „Ja.“ – „Gut, dann rufe ich jetzt die Polizei.“ – „Ja, dann machen Sie das.“ – „Gut, dann kommen Sie jetzt mit in mein Büro.“ – „Nö. Wenn Sie die Polizei rufen wollen, dann machen Sie das, ich warte hier solange, ansonsten fahre ich jetzt weiter.“ – „Nee, Sie kommen mit in mein Büro.“ – „Nix. Ich gehe nicht mit Ihnen in irgendwelche Büros. Darf ich mal Ihren Ausweis sehen?“

Stinkesocke zitterte am ganzen Körper, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen und möglichst cool zu bleiben. „So, entweder Sie kommen jetzt freiwillig mit ins Büro oder ich schiebe Sie dorthin.“ – „Flossen weg!“ – „Sie verhalten sich super verdächtig.“ – „Zeigen Sie mir Ihren Ausweis und rufen Sie eine Verkäuferin, dann darf die von mir aus hier an Ort und Stelle in den Rucksack schauen.“ Der Typ schüttelte den Kopf. „Sie kommen jetzt erstmal mit ins Büro, da rufen wir eine Mitarbeiterin als Zeugin dazu. Wir machen hier keine Show im Laden.“

Die Rettung! Vor der Tür durch die Fußgängerzone schlenderte eine Fußstreife. Der Typ stand mit dem Rücken zur Glastür. Ich fuhr langsam einige Zentimeter zurück, dann mit Anlauf zum Türflügel rechts neben ihm. Es gelang mir, die Tür aufzustoßen. Der Typ öffnete auch seine Tür, stellte sich mich sofort wieder in den Weg. Ich brüllte in Richtung der Fußstreife: „Entschuldigung, können Sie mir mal bitte helfen?“ Die beiden hatten mich gehört, schauten, kamen auf mich zu. „Wie können wir Ihnen helfen?“

„Der Typ hier behauptet, er sei Ladendetektiv und ich hätte geklaut. Ich soll in sein Büro kommen, er will meinen Rucksack durchsuchen, ich darf nicht weiterfahren. Er hat keinen Ausweis und ich habe nicht geklaut.“ – „Okay, ich weiß, dass der Herr hier als Detektiv angestellt ist.“ sagte der eine Polizist. Die Polizistin sagte: „Haben Sie denn sehen können, dass die Dame etwas eingesteckt hat?“ Und der Idiot sagt auch noch: „Ja.“

„Das stimmt doch überhaupt nicht“, erwiderte ich.

„Moment mal. Konnten Sie sehen, was das war?“ – „Ja, ein schwarzer Badeanzug.“ – „Ja, den habe ich aber bezahlt. Den Kassenbon habe ich hier, den wollten Sie nicht sehen.“ – „Sie haben einen bezahlt und einen zweiten so eingesteckt. Das habe ich genau über den Überwachungsmonitor gesehen. Der ist jetzt in Ihrem Rucksack.“ Für einen Moment war ich mir unsicher. Hingen da zwei zusammen? Aber die hätte die Kassiererin doch auseinander gemacht. Nein, das war ein Badeanzug und auf dem Schoß lag auch nichts. Blödsinn.

Die Polizistin sagte: „Okay, dann möchte ich tatsächlich einmal in Ihren Rucksack schauen.“ – „Bitte, wenn es sein muss.“ – „Ach, jetzt doch?“ fragte der Detektiv.

„Ich lasse keine fremden Männer ohne Grund in meiner Unterwäsche und meinen Hygieneartikeln wühlen. Ich habe nichts gestohlen.“ – „Ja ja“, sagte der Detektiv.

„So, sind da irgendwelche spitzen Gegenstände im Rucksack? Irgendwas, woran ich mich verletzen könnte? Spritzen, Messer, andere Waffen?“ fragte die Polizistin. Ich händigte ihr den Rucksack aus und schüttelte den Kopf. Der andere Polizist sagte: „Ich hätte in der Zwischenzeit gerne mal einen Ausweis von Ihnen.“ Ich drückte ihm meinen Ausweis in die Hand. Er fing gleich an, meinen Namen durchzufunken. Na super. Sie holte inzwischen die eingekauften Klamotten raus. „Die sind bezahlt“, sagte der Detektiv. Dann holte sie meine blaue Baumwollhose raus. „Die ist verwaschen“, sagte die Polizistin. Dann kramte sie weiter, holte ein Badehandtuch, einen Kissenbezug und meinen schwarzen Badeanzug raus. Den ich für die Physio und für das Schwimmen hinterher mitgenommen hatte. „Da haben wir ihn doch“, sagte der Detektiv und wollte ihn der Polizistin aus der Hand nehmen.

„Moment mal, ich durchsuche die Tasche.“ Ich sagte: „Das ist meiner. Der ist gebraucht.“ Sie krempelte das Ding auf Links. Guckte den sehr genau an. „Ein Etikett hängt zwar nicht mehr dran, Hygieneschutz auch nicht mehr. Aber der Waschzettel ist nicht ausgeblichen, keine losen Fäden. Ist das wirklich Ihrer?“

Ich nickte. „Riechen Sie mal dran. Der war gerade in der Wäsche.“ – „Der riecht eindeutig nach Persil.“ Sie roch an dem neuen mit Etikett. „Und der nach Chemie. Nee, der ist schonmal gewaschen worden. Ohne Etikett, ohne Hygieneschutz, da würde ich mal der Dame glauben schenken wollen, dass das ihrer ist. Das passt auch zum Handtuch, zum Duschgel im Rucksack.“ – „Ich habe gleich einen Therapietermin im Krankenhaus im Bewegungsbad. Das lässt sich nachprüfen, der ist in zwei Stunden und dorthin werde ich nicht ohne Badeanzug gehen.“

„Pack wieder zusammen den Kram“, sagte der Polizist, der die ganze Zeit daneben stand, zu seiner Kollegin. In der Zwischenzeit liefen alle möglichen Leute an uns vorbei und gafften. Ich sah vermutlich aus wie eine Tomate. Dann bekam ich meinen Rucksack wieder. „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte der Detektiv. Ich antwortete: „Sie können mich mal. Ich weiß nicht, wie Sie steif und fest behaupten können, Sie hätten gesehen, wie ich etwas eingesteckt habe.“ Zu der Streife sagte ich: „Darf ich weiterfahren?“ – „Sie kriegen noch Ihren Ausweis zurück. Einen schönen Tag noch.“ – „Vielen Dank.“

So ein Saftladen! Das war wohl für die nächste Zeit das letzte Mal, dass ich da drin war. Da gehe ich lieber woanders shoppen.

Beim Gerätetraining war alles wie immer, danach sollte ich erst eine Massage bekommen und dann ins Wasser. Okay, dieses Mal in anderer Reihenfolge. Ich erzählte Ronja erstmal von meinem Einkaufserlebnis. Sie war völlig fassungslos: „Was echt? Ich wüsste gar nicht, was ich machen soll.“ Die Massage war, wie letztes Mal schon, sehr gut. Auch die Physiotherapie im Wasser war gut. Also es bringt auch wirklich was. Ich merke Muskeln, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie einsetzen kann.

Das Schwimmtraining mit dem Verein war dieses Mal eher nicht so spitze. Tatjana hat eine neue Kollegin, die auch Nadine heißt, und alles besser weiß. Die beiden können sich überhaupt nicht leiden, hatte man den Eindruck. Allerdings macht Tatjana das Training sonst immer supergut und lässt sich von Nadine nicht die Butter vom Brot nehmen. Tatjana wollte eine Übung machen und Nadine sagt einfach: „Ich würde gerne etwas anderes machen.“ Hallo? Was für ein Durcheinander! Dann musste sie ständig das Gegenteil von dem machen, was Tatjana angesagt hatte. Ich bin gespannt, wie lange das so weiter geht.

Hinterher wollten wir eigentlich mit einigen Leuten (dieses Mal mit allen Leuten) in den heißen Pool, der war aber geschlossen. Also gingen wir zusammen in das Kinderbecken. Das war zwar nur 60 Zentimeter tief, aber genauso warm. Im Kinderbecken war auch eine große Höhle, in der es regnete. Die Höhle war ziemlich groß, dreißig Leute hätten wohl locker reingepasst, und unter der Decke waren so Wassersprüher wie bei einer Sprinkleranlage. Der feine Nieselregen war aber eher unangenehm, so dass ich da lieber wieder raus wollte. Als dann Jan noch sagte: „Das ist Beckenwasser, was da umgewälzt und nach oben gepumpt wird, kein Frischwasser“, erst recht. Igitt!

Schade. Gemeinsame Knutsch- und Fummelstunde musste leider ausfallen. Dafür sehen wir uns aber am nächsten Wochenende!

Viel Chemie und ein Kampfzwerg

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Zum Glück ist es vorbei. Den ganzen Vormittag lang war mein Kopf voller Chemie. Kohlenwasserstoffe bis zum Umfallen. Als ich auf dem Rückweg von der Schule mein Auto vollgetankt habe, glaubte ich, die ganzen Strukturformeln durch den Schlauch kriechen zu sehen. Während ich tankte, kam ein Mitarbeiter angesprungen und wollte mir helfen. Leider kommt er immer erst, wenn ich schon meinen Rollstuhl zusammengebaut habe, aus dem Auto ausgestiegen bin und die Zapfpistole bereits im Einfüllstutzen steckt. Aber er durfte den Ölstand kontrollieren. Dieser Stab ist so angebracht, dass man in sitzender Position nicht sehen kann, wo man ihn wieder reinstecken muss.

Als ich nach dem Bezahlen wieder zu meinem Auto rollte, wurde ich auf einen alten Mercedes aufmerksam, dessen Motor laut aufheulte, während das Auto selbst nicht einmal Schrittgeschwindigkeit fuhr. Der Fahrer, ein alter Mann, hatte das Spiel mit Gas und Kupplung wohl nicht mehr so ganz im Griff, während er versuchte, möglichst nah an die Zapfsäule heranzufahren. Während ich meinen Rollstuhl verlud, stieg er aus. Er benötigte für das Aussteigen genauso lange wie ich für das Einsteigen. Nur dass ich dabei noch einen Rollstuhl verlade. Dann schlurfte er an seinem Auto entlang, hielt sich an der Dachreling fest und holte einen Gehwagen aus dem Kofferraum.

Ich kenne inzwischen etliche Leute (Kristina, Nadine, Britta, …), die auch die paar Schritte zum Kofferraum oder Laderaum (so nennt man es ja beim Kombi) gehen, um dann dort ihren Rollstuhl auszuladen. Die halten sich zum Teil auch an der Dachreling fest. Nur haben die alle ein umgebautes Fahrzeug, das sie mit den Händen fahren. Damit sie dann, wenn es darauf ankommt, auch sicher bremsen und ausweichen können. Was dieser alte Mann mit Sicherheit nicht könnte. Nicht wegen seines Alters, sondern wegen seiner körperlichen Einschränkungen. Wenn ich darüber nachdenke, was für einen (aus meiner Sicht berechtigten) Aufriss man (nicht nur bei mir) gemacht hat, damit man als Rollstuhlfahrer ein Auto fahren darf, will es mir nicht in den Kopf, warum es für ältere Menschen nicht wenigstens eine körperliche Pflichtuntersuchung gibt. Einmal mit 60, mit 70, mit 75, 80 und dann alle 2 Jahre. Zum Beispiel. Ich wäre dafür.

Zurück in der WG, fällt mir Cathleen um den Hals. Umarmt mich, drückt mich, knutscht mich ab, so stürmisch, dass wir uns, nur noch auf den linken Rädern stehend, fast auf die Nase gelegt hätten. Eine Zwei in Deutsch war der Auslöser. Oder vielmehr, dass sie früher immer mit Glück eine Vierminus bekommen hat. Bis wir zusammen geübt haben. Darüber habe ich mich doch sehr gefreut.

Und dann in meinem Zimmer: Acht Anrufe in Abwesenheit auf meinem Festnetztelefon. Mit Nachrichten. Ich hörte den AB ab. 1. Tatjana: Schwimmen fällt aus. Scheiße. 2. Jan: Schwimmen fällt aus. Er vermisst mich so. Ob wir uns am Freitag sehen? Wie süß, endlich meldet er sich mal. 3. Meine Hausärztin: Ich möge sie mal bitte zurückrufen. 4. Frau Bummel: Ich möge sie mal bitte zurückrufen. 5. Frau Bummel: Ich möge sie mal bitte zurückrufen, wenn ich aus der Schule wieder da bin. 6. Frau Bummel: Ich müsste doch schon lange wieder da sein. Wo ich denn bleibe. 7. Frau Bummel: Sie mache sich Sorgen, ich möge mich dringend melden. 8. Frau Bummel: Aufgelegt. Meine Fresse.

Also habe ich als erstes bei Frau Bummel zurückgebummelt, äh -gebimmelt. Ob ich nicht die Mittagszeiten kennen würde? Ey hallo?! Ich dachte, es sei dringend. Und auf meinem Handy hat sie übrigens nicht versucht. Sie wollte mir nur sagen, dass sie beim Gericht nachgefragt hat wegen meines Vermögensverzeichnisses. Es müsste doch eins angelegt werden, da der Rechtsanwalt nur die Gelder aus dem Unfall betreut. „Da müssen Sie wohl doch eine Inventur machen“, scherzte sie. Sehr witzig. Ich werde hier nicht meine Filzstifte zählen. Und auch nicht meine Büroklammern. Die spinnen doch. Ich habe das erstmal so zur Kenntnis genommen, werde nun aber selbst beim Gericht nachfragen, was genau da aufgeführt werden muss. Nur leider konnte ich noch keinen erreichen.

Und was wollte meine Hausärztin? Ich wurde gleich durchgestellt. Eine Frau Bummel habe sie angerufen und ihr Dokumente gefaxt. Was denn da los sei. Ich erzählte ihr kurz, was los ist. Frau Bummel wollte Informationen über Medikamente, Therapien und Arztbesuche. Für ihre Akte. Meine Ärztin hat gesagt, dass sie schriftlich anfragen soll, mündlich bekomme sie gar keine Informationen. Daraufhin habe ich gesagt: „Schriftlich auch nicht. Das möchte ich nicht.“ – „Das ist Ihr gutes Recht. Genau deswegen rufe ich an. Ich werde also schreiben, dass die Patientin mich nicht von der Schweigepflicht entbunden hat, so dass ich keinerlei Auskünfte erteilen kann.“

Ich wollte wissen, woher sie überhaupt die Information hat, dass sie meine Hausärztin ist. Von der Unfallkasse! Frau Bummel habe zu meiner Hausärztin gesagt, ihr liege auch mein Gutachten über die Erwerbsfähigkeit und Schwerbehinderung sowie den Pflegebedarf vor. Laut Frank dürfe sie das bekommen, nur fragen wir uns alle, was sie damit vorhat. Die Frau ist mir ein wenig zu eifrig unterwegs in ihrem Ehrenamt.

Es blieb mir gerade noch Zeit zum Mittagessen, dann musste ich auch schon wieder los zur Physio. Nicht die KG, die ich ein- bis zwei Mal pro Woche für 20 Minuten in einer privaten Praxis habe, sondern der einmal wöchentliche Mega-Termin im Krankenhaus, mit Krafttraining und anschließender Einzelstunde. Krafttraining und Physiotherapie müssen ja sein, da beim Rollstuhlfahren der Körper ja nur einseitig belastet wird. Normalerweise bekomme ich auch noch eine Massage des Schulter-Nacken-Bereichs, so dass ich insgesamt locker zwei bis zweieinhalb Stunden beschäftigt bin. Aber heute erwartete mich ja Ronja und ich wollte erstmal schauen, wie lange ich es mit ihr aushalte, und danach, ob sie massieren kann.

Beim Gerätetraining sah ich sie noch nicht, da laufen Sporttherapeuten herum, aber danach fuhr ich in den Behandlungsraum (ein riesiger Raum, den man durch Vorhänge sechsfach unterteilen kann). Der komplette Raum ist zu meinem Termin meistens nur mit mir belegt. So war es auch heute. Ronja kam reingetorkelt, sie hatte ganz offensichtlich eine Gehbehinderung. Sie schloss die Tür hinter sich, aber nicht richtig, so dass sie, sobald sie drei Schritte weg war, sich langsam wieder öffnete. „Huch? Hab ich die nicht richtig zu gemacht?“ Sie wackelte noch einmal dorthin, schloss die Tür noch einmal, rüttelte am Griff und sagte: „Nun. Nun ist sie zu.“

Dann kam sie auf mich zu, streckte mir ihre Hand aus und sagte: „Wollen wir ‚Du‘ sagen? Ich heiß Ronja.“ – „Ja gerne, ich bin Jule.“ – „Jule kann ich mir gut merken. Achso übrigens, hast du bestimmt schon gemerkt, ich habe auch eine Behinderung. Ich versuche immer, laut und deutlich zu reden, aber wenn ich zu doll nuschel, musst du einfach nachfragen. Das nehm ich dir nicht übel.“ – „Okay.“ – „Achso und ich laufe bißchen komisch. Das ist bei mir aber normal, da musst du gar nicht drauf achten.“ Das wird mir schwerfallen, weil es sehr offensichtlich ist und man im ersten Moment denken würde, sie ist beschwipst.

„So als erstes müssen wir das mit der Unterschrift machen.“ Sie hatte meine Karteikarte in der Hand, faltete sie auf und hinaus fielen erstmal jede Menge loser Blätter. „Huch, was ist das denn alles.“ Sie legte die Karteikarte auf die Liege, sammelte die ganzen Blätter wieder vom Boden, konnte sich dabei aber nur mühsam auf den Beinen halten. Ich hatte Angst, sie würde jeden Moment umfallen. Aber sie fiel nicht um. Dann holte sie einen Kugelschreiber von der Fensterbank und trug das Datum ein. Sie malte die Ziffern quasi. Aber es war richtig. „So. Ein Autogramm bitte.“

Dann fing sie an, meine Diagnose auf der Karteikarte zu suchen. Sie stand oben drauf, ich sah sie überkopf und auf weite Entfernung, sie suchte. Ich dachte mir: Das kann sie alleine. Ob das heute noch was wird mit der Therapie, ist eine andere Frage, wenn das so weitergeht, aber ich werde ihr nicht dazwischenfunken. „Bin ich blind?“ Sie suchte. „Ach da. Herrje! Fett oben drauf. Inkomplett, ja toll, was heißt das jetzt? Das kann ja nun alles mögliche bedeuten.“ Recht hat sie. Sinnvollerweise hätte man zumindest die motorischen und sensiblen Restfunktionen angeben können. Ich bin mir sicher, irgendwo in den ganzen Zetteln, die sie runtergeworfen und wieder aufgesammelt hat, steht das auch, aber sie hatte die zündende Idee: „Ich probier das aus. Setz dich mal bitte um auf die Liege, möglichst weit an den Rand, Beine mal locker runterhängen lassen.“

Nun war ich mal gespannt. Sie ging vor mir in die Hocke, wieder alles sehr wackelig, drückte an meinen Füßen herum. „Spürst du das? Und das? Das? Oder das? Das hier? Drück mal gegen meine Hand, fester, nach innen, nach außen, geht nicht? Mit Unterstützung? Mal den Arm hierher und mal in der Hüfte drehen? Nein so! Ich stoß dich mal an, nicht erschrecken…“ Dann stellte sie sich hinter mich. „Ich zieh deinen Rumpf nach hinten, halt dich mal fest, keine Angst, ich halte dich, oh, da zittern aber paar Bauchmuskeln. Bis L 1 ist alles 5, L 2 ist links stärker, aber höchstens 2, rechts ist 1, L 3 ist auch links 1. Das muss ich mir aufschreiben.“ Was für ein Salat! Sie nahm wieder meine Karteikarte und fing an zu malen. Mühsam zeichnete sie.

Dann sollte ich mich hinlegen, auf den Rücken. Sie fuhr die elektrische Liege nach unten. „Ich bewege deine Beine durch.“ Als sie mir die Knie auf die Brust drückte und sich mit ihrem Gewicht auf mich lehnte, kam, was immer kommt und was ich schon erwartet hatte und was immer passiert, wenn man den unteren Bauchraum zusammendrückt. Und was Querschnitte nicht unter Kontrolle haben. Pups! Schön laut und deutlich. Sie verzog keine Miene, sondern fragte, bevor ich etwas sagen konnte: „Klappt das bei dir gut mit der Verdauung? Wenn du mal einen Bauchmassage brauchst, ruf einfach kurz an und komm vorbei.“ – „Entschuldigung“, sagte ich. – „Nee, du brauchst dich nicht entschuldigen. Das passiert ja ganz von alleine!“ sagte sie.

„Peinlich ist es aber trotzdem, vor allem, wenn die Leute um einen herum nicht wissen, dass man es nicht aus Respektlosigkeit macht, sondern weil man keine Kontrolle darüber hat.“ – „Das stimmt. Ich bin froh, dass ich es mir verkneifen kann, wenn das gerade nicht passt.“ Es stimmte. Sie ist wirklich sehr einfach gestrickt, aber sehr direkt und ehrlich. Und das muss nicht mal negativ sein, wenn man weiß, dass sie es nicht negativ meint.

„Wo hast du eigentlich deine Ausbildung gemacht?“ fragte ich sie.

„Ich war erst auf einer Sonderschule für motorische Entwicklung und habe dort meinen Hauptschulabschluss gemacht. Dann habe ich zwei Jahre Ausbildung gemacht in der Krankenpflege in einer Wohneinrichtung für Behinderte und dann war ich in Eppendorf an der Physioschule. Hat aber alles bißchen länger gedauert, ich bin schon 24. Aber jetzt bin ich stolz, dass ich das alleine geschafft habe und endlich mein eigenes Geld verdienen kann und vor allem: Das ist mein Traumjob. Das wollte ich schon als kleines Kind machen. Und immer haben alle gesagt: Das schaffst du nicht. Und ich hab es doch geschafft.“ Irgendwie rührte mich dieser kleine Kampfzwerg. Sie war höchstens 155 cm groß.

Dann musste sie niesen. „Oh, jetzt habe ich mir in die Hände geniest. Ich muss die Hände desinfizieren. Nicht runterfallen, bin gleich wieder da.“ Will ich das wissen? Sie eierte zum Waschbecken und murmelte vor sich hin: „Auch zwischen den Fingern und den Handrücken waschen. So.“ Ich grinste in mich hinein.

„Hast du eigentlich auch eine eng anliegende Sporthose?“ fragte sie. Ich schaute sie fragend an. „Weil … da sieht man die Beine besser. Ob das alles gerade ist und ob irgendwo was zuckt. Bei den weiten Hosen sieht man das nicht und da verheddert man sich auch gerne mal drin.“ Ich hatte eine normale Sporthose an.

„Soll ich lieber in knack-engen pinken Leggings zur Physio kommen?“ fragte ich sie grinsend. Aber sie verstand die Anspielung nicht, sondern antwortete: „Nicht so, dass es abschnürt, aber eng wäre schon gut. Die Farbe ist egal. Oder kurze Hosen, wenn es warm genug ist. Oben hast du ja schon was enges an.“

Sie fragte mich, ob ich noch Metall im Rücken hätte und wenn ja, wo. Dann musste ich auf dem Bauch liegen, den Oberkörper über einem nach unten geklappten Teil der Liege in der Luft halten und die Arme auch noch komisch verknoten. Das zwiebelte! „Weiter atmen. Und halten, halten, halten, noch 5, 4, 3, 2 und langsam wieder absenken. Und dann nochmal mit einer Hand hinter dem Kopf.“ Die ganzen Übungen kannte ich noch nicht. Ich hoffte, dass sie wusste, was sie tut. Aber ich hatte keinen Grund, vom Gegenteil auszugehen. Ich vertraute ihr.

Dann sollte ich im Vierfüßlerstand auf der Liege stehen. Sie wusste genau, wo ich Hilfe brauchte. Sie hielt seitlich meine Hüften fest und schob meinen Hintern hoch, dann stellte sie aber meine Knie so hin, dass ich mich alleine halten konnte. Nun korrigierte sie die linke, aufstützende Hand und den rechten Arm sollte ich nach vorne strecken. „Weiter nach unten gucken! Und jetzt das Becken und den Rumpf in gerader Position halten. Nicht zur Seite von der Liege kippen.“ Was hatte sie vor? Sie hob vorsichtig mein linkes Knie an und drückte es nach außen, so dass die linke Seite des Beckens mit nach unten ging. „Halt dich gerade! Das Becken muss gerade bleiben!“ Ich spannte Bauchmuskeln an, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte. Das war grenzwertig. Ich spürte ein leichtes Zittern. Und ich spürte noch etwas ganz anderes. Diese Übung schien sofort meine Blase zur Entleerung zu animieren. Keine Chance, das zu kontrollieren. Ich merkte, wie die Suppe zur Abwechslung mal nach vorne lief und hoffte nur, dass meine Pampers durch das Geturne nicht zu locker saß. Vier Mal machten wir die Übung, dann nochmal seitenverkehrt, dann durfte ich mich wieder hinlegen. Mit der vollgesogenen Pampers. Lecker! Ich betete innerlich, dass es nicht noch eine sichtbare Schweinerei gibt.

Sie zog ihr Programm knallhart durch. Ich glaube, das war die anstrengendste Physiostunde, die ich je in meinem Leben hatte. Aber sie war gut. Ronja wirkt zwar sehr tollpatschig und auf den ersten Blick auch nicht sehr intelligent, aber sie hat einen echt guten Job gemacht. Ich fragte sie, wie das bei ihr mit Massagen ist, und zwar nicht für den Bauch, sondern für den Schulter-Nacken-Bereich. „Ja, im Terminbuch steht, dass das jetzt noch dran ist.“ Ich hatte keine Uhr in Sichtweite. Ich machte mich obenrum nackig, legte mich auf den Bauch, bekam das obligatorische Handtuch untergelegt, aber auch eine Wolldecke auf die Beine. Damit ich nicht friere! Das kannte ich so noch nicht. Im ersten Moment dachte ich, es sei übertrieben, später fand ich das aber angenehmer so.

„Bißchen Glibber in die Hände“, sagte sie und lachte. „Vorsicht, der Glibber ist kalt.“ Sie fing mit ihren Fingerkuppen an. Sie streichelte eher. Oder verteilte sie den „Glibber“, wie sie es nannte? Das ging eine ganze Zeit so weiter und ich dachte schon: „Okay, massieren kann sie nicht.“ Aber dann ging es los. Alte Socke! Kampfzwerg! Hatte die eine Kraft in den Fingern! Ich musste mich teilweise beherrschen, ruhig weiter zu atmen und nicht die Luft anzuhalten. Es knackte mehrmals in ihren Händen. „Wenn es zu feste ist, musst du Bescheid sagen.“ – „Nee nee, alles gut so.“ Ich hatte das Gefühl, sie musste jeden einzelnen Muskelstrang einmal unter oder zwischen die Finger kriegen. – „Der hier oben, der obere Tapez … äh Trapezius … ich sag immer Tapezius, weil ich immer an Tapezieren denken muss … der ist richtig verspannt. Da müssen wir nächstes Mal auch noch was dran machen.“ Den hatte meine bisherige Physiotherapeutin noch nie bearbeitet. Zumindest nicht so. Es fühlte sich an, als wenn sie mir von hinten in den Hals kniff und mir die Haut abzog. Ob das mit dem Tapezieren eine Eselsbrücke war, mit der sie sich die Namen merkte? Möglich wäre es. Ich musste schmunzeln.

Ich merkte, wie sich leise die Tür öffnete und schloss und jemand reinkam. Da ich mit dem Gesicht in Richtung Boden lag, konnte ich nichts sehen. Es war die Sporttherapeutin vom Krafttraining. Sie sagte zu Ronja: „Dein nächster Termin hat gerade abgesagt. Hat unerträgliche Kopfschmerzen.“ – „Oh, das ist blöd.“

Ich scherzte: „Dann kannst du ja noch eine Stunde länger massieren.“ Die Sporttherapeutin antwortete: „Ja, das macht sie gut, oder? Ich hab mich auch schon durchkneten lassen.“ Ronja erwiderte: „Ne Stunde massieren mach ich nicht, aber wir können noch eine Stunde schwimmen gehen, wenn du noch Energie hast. Mit der anderen Patientin hätte ich KG im Wasser gehabt.“

Nein, ich war ja vorher schon an den Geräten, man muss es auch nicht übertreiben. Aber ich würde schon gerne auch mal wieder Physio im Wasser machen. „Wollen wir nächste Woche ins Wasser? Dann bringe ich meine Badesachen mit“, sagte ich. Machen wir so.

Ich fasse zusammen: Wenn ich mir das jetzt aussuchen könnte, ob ich Ronja haben möchte oder meine bisherige – im Moment würde ich mich klar für Ronja entscheiden. Auch wenn ihr Auftreten gewöhnungsbedürftig ist und ich glaube, dass sie in einer privaten Praxis unfairerweise kaum eine Chance hätte, einen Job zu finden. Es bleibt dabei: Sie hat einen sehr guten Job gemacht.

Lang ist er mal wieder geworden, der heutige Blog-Eintrag. Kürzlich wurde ich angesprochen, ob ich die wörtliche Rede vor Ort mitschreiben würde. Ich finde es immer sehr interessant, was meine Leser denken, darum animiere ich ja auch immer wieder, Kommentare zu hinterlassen.

Aber nein, ich schreibe nicht mit. Ich kann mir Gesprächsverläufe und überhaupt Wörter und Abfolgen sehr gut merken. Im Gegensatz zu Gesichtern, Namen und Bildern. Es ist auch nicht so, dass die wörtliche Rede immer 1:1 stimmt. Sie stimmt nur vom Sinn her. Jemand sagt: „Ich bitte um Entschuldigung, ich bin 20 Minuten zu spät.“ Dann kann hinterher bei mir durchaus stehen: „Sorry für meine Verspätung.“ Oder: „Tut mir leid, ich habe es leider nicht pünktlich geschafft.“ Oder ähnliches. Akzeptiert?

Vieles neu im neuen Jahr

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Ich bin schon wieder voll im Stress. Das neue Jahr ist schon fast gar nicht mehr neu. Heute Statistik-Klausur, morgen Chemie und Donnerstag noch Bio. Die zählen alle noch für das alte Halbjahr.

Seit heute ist Sandra auch wieder in der Schule. Sie bekommt nach diesem Theater eine neue, eine letzte Chance. Sie musste sich bei mir entschuldigen, tat das eher widerwillig, soll sich benehmen. Ich gehe, äh rolle, ihr möglichst nicht über den Weg und hoffe, dass sie irgendwann mal merkt, dass das, was sie getan hat, zu weit gegangen ist.

Gerne würde ich auch Jan mal wieder sehen. Ich hoffe, dass ich wenigstens morgen zum Schwimmen komme. Dieser beschissene Neuschnee! Und diese beschissene Räum-und-Streu-Moral der meisten Leute! Sagenhaft.

Wenigstens funktioniert mein Internet wieder. Nachdem wohl irgendein Scherzkeks den Straßenkasten gesprengt hatte, waren ISDN und DSL über den Jahreswechsel und das Wochenende lahmgelegt. Vielleicht musste aber auch nur ein neuer Chip eingebaut werden, weil der alte „2010“ nicht verstand. Wie der auf meiner Bankkarte…

Es gibt noch etwas neues: Ich bekomme eine neue Physiotherapeutin. Meine bisherige hat zum Jahreswechsel aufgehört ohne mir vorher ein Sterbenswörtchen zu sagen. Wie finde ich denn so etwas? Bei der neuen habe ich morgen einen Termin. Ich bin äußerst gespannt, denn Ronja (Räubertochter?) hat, so erfuhr ich schon aus Insider-Kreisen, selbst eine leichte körperliche und auch eine leichte kognitive Einschränkung.

Jana war bereits bei ihr heute, sie musste mich gleich danach anrufen. Sie sagte, im ersten Moment habe sie geschluckt. Sie torkelt ein bißchen beim Gehen, habe eine etwas unvorteilhafte Frisur und einen ebenso unvorteilhaften Gesichtsausdruck, bemühe sich zwar, laut und deutlich zu reden, klinge dabei aber wie mit einer Kartoffel im Mund, ihr Niveau sei relativ einfach, sie habe angeblich „nur“ einen Hauptschulabschluss, aber, und nun kommt es und deswegen bin ich äußerst gespannt: Sie habe mit ganz viel Fleiß in fast doppelter Ausbildungszeit mit Unterstützung des Arbeitsamtes ihre Ausbildung abgeschlossen und eine Zulassung als Physiotherapeutin. Ich weiß nicht, wie man das ohne mittlere Reife schafft und welche kognitiven Einschränkungen sie wirklich hat, aber wenn das alles so stimmt: Hut ab!

Jana meinte jedenfalls, dass sie keinen Grund hätte, gleich zu wechseln. Das ist doch mal was.