Uschi und das Wasser

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Neues Halbjahr, neuer Stundenplan. Ich durfte heute ausschlafen, wenn ich gewollt hätte, sogar bis um 11, da ich erst um kurz vor 12 zur ersten Stunde gemusst hätte. Das ist so, weil ich pro Tag nicht mehr als vier Unterrichtsstunden machen soll. Würde ich öfter anwesend sein, würde ich meinen Rentenanspruch verlieren. Das will ich natürlich nicht.

Aber es kann mir ja niemand verbieten, den Sportkurs zu besuchen, der ab 10 Uhr im Schwimmbad das Wasser umrührt. Und mit „besuchen“ meine ich nicht „offiziell teilnehmen“, sondern regulär Eintritt zahlen und als Gast das Schwimmbad besuchen. Die Anlage ist groß genug, für Schulen wird nur ein komplettes Becken abgetrennt, der Rest ist für jedermann zugänglich.

Ich schwimme so gerne! Uschi, unsere Sportlehrerin, geht schon auf die 60 zu, lässt es sich aber nicht nehmen, noch selbst Sport und Schwimmen zu unterrichten. Normalerweise gibt es in Hamburg keinen Schwimmunterricht mehr durch Lehrkräfte, das macht das Schwimmhallenpersonal. Allerdings nicht bei reinen Sportlehrern, die können ja nicht in ihrem anderen Fach mehr Stunden übernehmen, so dass diese dann doch noch Schwimmen unterrichten dürfen. Und so eine reine Sportlehrerin ist unsere Uschi.

Ich habe sie vorher gefragt, ob sie das doof findet, wenn ich einfach parallel zur Schulzeit, wo der Rest meines Jahrgangs Schwimmen hat, privat in dieselbe Schwimmhalle komme. Nein, im Gegenteil, sie fand es gut. Es gibt aber weder ein „anwesend“ noch am Ende eine Note, ich müsste Eintritt zahlen und dürfte eigentlich auch nicht mit in dasselbe Becken. Eigentlich.

Ich war tierisch aufgeregt. Weil ich nicht wusste, ob und wie das alles mit dem Umziehen funktioniert, habe ich mich zu Hause bereits schwimmfertig gemacht. Ich muss mich ja hinten zustöpseln, oder sagen wir mal, es ist besser. Warmes Wasser und die intensiven Körperbewegungen können die Darmtätigkeit anregen und das muss nun wirklich nicht sein. Es gibt aber so genannte Analtampons, die genauso funktionieren wie die Tampons für vorne und für hygienische Verhältnisse beim Schwimmen sorgen.

Am Ende war ich froh, dass ich das bereits zu Hause gemacht habe, denn die Behindertenumkleide und -dusche war in dem Bereich, der nur für die Schulen freigegeben war. Ich konnte mit Engelszungen reden, wenn ich in den „öffentlichen“ Bereichen nicht klar kommen würde, müsste ich nachmittags wiederkommen. Was für eine Kundenfreundlichkeit! Zumal keine weitere Person meines Jahrgangs diese Rollstuhlumkleide nutzt, sie steht leer! Die andere Rollstuhlfahrerin ist vom Sport befreit. Egal. Ich zog mich auf dem Gang aus, Badeanzug hatte ich ja schon drunter, donnerte die Sachen in irgendeinen Schrank, geduscht hatte ich zu Hause (in die normalen Duschen kam ich ja auch nicht rein) – ab in die Halle.

Mein Jahrgang war noch nicht da, also nutzte ich das öffentliche Becken und schwamm sechs Bahnen, dann sah ich Uschi. Alleine in der Halle. Als ich winkte, stellte sie ihre Tasche auf die Wärmebank und kam zu mir. „Sie sind ja doch hier. Wollen Sie nicht mit nach drüben kommen?“ – „Ja doch, gerne.“

Sie ging wieder rüber, ich setzte mich wieder in den Rollstuhl und fuhr nach drüben in den für den Schulsport abgetrennten Teil der Halle. Und wartete. Uschi füllte irgendwelche Zettel aus, nach und nach kamen meine Mitschüler dazu. „Schwimmst du mit?“ fragte mich eine von ihnen. Ich nickte freundlich, dachte aber gleichzeitig: „Nö, ich sitze hier zum Spaß im nassen Badeanzug.“

Es gab ein paar Verhaltensregeln (keine Leute reinstoßen, wir haben nur die Bahnen 7 und 8, es wird vorher geduscht) und dann kam die Ansage: „Wer nicht mitschwimmt, braucht ein Attest.“ Sandra, die sich anscheinend sicher war, dass Uschi nichts von alledem, was sie sich im letzten Halbjahr schon geleistet hatte, mitbekommen hat, fügte hinzu: „Oder einen Behindertenausweis.“

Es lachte … keiner! Uschi ging auf Sandra zu und ich dachte, sie knallt ihr eine. Sandra zog den Kopf zwischen die Schultern und wurde sichtbar nervös. Dreißig Zentimeter vor ihr stehend sprach sie sie an: „Haben Sie einen Behindertenausweis?“ – „Sehe ich so aus?“ – „Sie schreiben mir bis morgen handschriftlich eine DIN-A4-Seite darüber, warum man mit einem Behindertenausweis nicht automatisch vom Schulschwimmen befreit ist und ob man jedem Menschen seine Behinderung ansieht. Das lassen Sie mir von Ihren Eltern unterschreiben und wenn das bis morgen 10.00 Uhr nicht im Lehrerzimmer in meinem Fach liegt, erteile ich Ihnen einen Tadel.“

Sandra schluckte. Das saß besser als jede Ohrfeige. „Möchte noch irgendjemand einen dummen Spruch machen oder können wir jetzt mit dem Unterricht anfangen?“ – „Entschuldigung, können Sie das Thema nochmal wiederholen?“ fragte Sandra kleinlaut. Sie bekam als Antwort: „Nein, hören Sie zu oder fragen Sie Ihre Mitschüler. Nach der Stunde.“ Es war mucksmäuschenstill, nur das Wasser rauschte. Keiner sagte auch nur einen Piep. Ich bin kein Fan von extrem autoritären Lehrern, aber Uschi hatte ich ja auch schon nett erlebt und nach der Antwort hatte sie bei mir gleich einen Stein im Brett.

„Gibt es jemanden, der nicht schwimmen kann?“ fragte Uschi. Alle guckten in die Runde, eine Mitschülerin sprach mich leise an: „Kannst du schwimmen?“ Ich nickte. Sie machte einen erstaunten Gesichtsausdruck. Ich kam mir vor als käme ich vom Mond. „Gut, dann verteilen wir uns auf die Bahnen 7 und 8 und schwimmen jeder vier Bahnen hin und vier zurück, jeder in seinem Tempo und in seinem Schwimmstil. Es geht nicht um Zeit.“ Ich kraulte locker meine acht Bahnen und war die vierte oder fünfte. Ich konnte also locker mithalten.

Dann sollten wir nochmal zehn Bahnen schwimmen. 2 Brust, 2 Rücken, 2 Kraul, 2 Rückenkraul und 2 in einem ganz anderen Stil. Wer einen Stil nicht kann, darf stattdessen Brustschwimmen oder kraulen. Ich kann nur vier Stile, keine fünf, also habe ich am Ende nochmal gekrault. Es gab aber etliche dazwischen, die nur Brustschwimmen konnten und etliche, die nur Brust und Rücken konnten. Also war ich mit meinen vier Stilen schon gut. Dann mussten wir tauchen. Einmal tief, einmal weit. Das war auch kein Problem. Und dann war die Stunde auch schon vorbei. Die anderen durften, wer wollte, nochmal vom Dreier springen, ich durfte in die Behindertendusche – alles bestens. Nächste Woche will ich wieder mitschwimmen.

Vieles neu im neuen Jahr

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Ich bin schon wieder voll im Stress. Das neue Jahr ist schon fast gar nicht mehr neu. Heute Statistik-Klausur, morgen Chemie und Donnerstag noch Bio. Die zählen alle noch für das alte Halbjahr.

Seit heute ist Sandra auch wieder in der Schule. Sie bekommt nach diesem Theater eine neue, eine letzte Chance. Sie musste sich bei mir entschuldigen, tat das eher widerwillig, soll sich benehmen. Ich gehe, äh rolle, ihr möglichst nicht über den Weg und hoffe, dass sie irgendwann mal merkt, dass das, was sie getan hat, zu weit gegangen ist.

Gerne würde ich auch Jan mal wieder sehen. Ich hoffe, dass ich wenigstens morgen zum Schwimmen komme. Dieser beschissene Neuschnee! Und diese beschissene Räum-und-Streu-Moral der meisten Leute! Sagenhaft.

Wenigstens funktioniert mein Internet wieder. Nachdem wohl irgendein Scherzkeks den Straßenkasten gesprengt hatte, waren ISDN und DSL über den Jahreswechsel und das Wochenende lahmgelegt. Vielleicht musste aber auch nur ein neuer Chip eingebaut werden, weil der alte „2010“ nicht verstand. Wie der auf meiner Bankkarte…

Es gibt noch etwas neues: Ich bekomme eine neue Physiotherapeutin. Meine bisherige hat zum Jahreswechsel aufgehört ohne mir vorher ein Sterbenswörtchen zu sagen. Wie finde ich denn so etwas? Bei der neuen habe ich morgen einen Termin. Ich bin äußerst gespannt, denn Ronja (Räubertochter?) hat, so erfuhr ich schon aus Insider-Kreisen, selbst eine leichte körperliche und auch eine leichte kognitive Einschränkung.

Jana war bereits bei ihr heute, sie musste mich gleich danach anrufen. Sie sagte, im ersten Moment habe sie geschluckt. Sie torkelt ein bißchen beim Gehen, habe eine etwas unvorteilhafte Frisur und einen ebenso unvorteilhaften Gesichtsausdruck, bemühe sich zwar, laut und deutlich zu reden, klinge dabei aber wie mit einer Kartoffel im Mund, ihr Niveau sei relativ einfach, sie habe angeblich „nur“ einen Hauptschulabschluss, aber, und nun kommt es und deswegen bin ich äußerst gespannt: Sie habe mit ganz viel Fleiß in fast doppelter Ausbildungszeit mit Unterstützung des Arbeitsamtes ihre Ausbildung abgeschlossen und eine Zulassung als Physiotherapeutin. Ich weiß nicht, wie man das ohne mittlere Reife schafft und welche kognitiven Einschränkungen sie wirklich hat, aber wenn das alles so stimmt: Hut ab!

Jana meinte jedenfalls, dass sie keinen Grund hätte, gleich zu wechseln. Das ist doch mal was.

Kurzer Prozess

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Eigentlich hätte ich heute erst um kurz vor zehn Uhr zur Schule gemusst, aber bereits um Viertel vor Acht klingelte mein Handy. Normalerweise schalte ich das immer aus, wenn ich schlafe. Ich war zwar schon wach und auch schon aus dem Bett, aber eigentlich noch nicht „online“. Meistens stelle ich das Handy erst nach dem Frühstück an. Ich habe es wohl gestern abend vergessen auszuschalten.

Am anderen Ende war der Vertrauenslehrer. Er hatte nicht auf dem Plan, dass ich erst gegen 10 Uhr zur Schule muss und dachte, ich wäre jeden Moment dort. Er habe den Brief bekommen, mit dem sich jemand anonym beschwert, dass ich immer meine gebrauchten Windeln in den Mülleimer der Klasse werfen soll und er sei heute morgen von dem Lehrer meiner gestrigen letzten Schulstunde angesprochen worden, dass ich geäußert hätte, ich werde gemobbt. Er sagte, dass an dieser Schule Mobbing nicht geduldet wird und er wissen möchte und wissen muss, ob ich mich gemobbt fühle und warum.

Ich erzählte im kurz, was in den letzten drei Schultagen passiert ist und bat ihm an, meine drei Blog-Einträge (ich habe gesagt, ich schreibe Tagebuch) per Mail zu schicken. Ich war noch nicht mit dem Frühstücken fertig, als er erneut anrief. Er wollte wissen, ob wir heute eine Klausur schreiben. Als ich verneinte, sagte er, dass er nicht möchte, dass ich heute in den Unterricht gehe. Statt dessen soll ich um 10 Uhr für ein Gespräch zum Lehrerzimmer kommen.

Gegen 9 Uhr bekam ich eine SMS von meiner Banknachbarin: „Bist du schon in der Schule? Hier ist der Teufel los! Vetrauenslehrer sitzt hier, kein Unterricht. Sandra, Lisa und 2 andere bei Direktorin. Jeder muss einzeln vor der Klasse sagen, was er gesehen hat und warum er nichts gesagt hat. Das zieht sich wohl noch die ganze Stunde hin!“

Oh nein! Schon wieder meinetwegen so ein Aufriss. Ich beeilte mich, packte meine Sachen und fuhr zur Schule. Vor dem Lehrerzimmer sollte ich warten. Als es zur großen Pause gongte, kam der Vertrauenslehrer auf mich zu und sagte, dass in der nächsten Stunde ein Gespräch zwischen Sandra, Lisa, mir und ihm stattfinden soll. Ich antwortete nur: „Ich hoffe nur, dass der Schuss nicht nach hinten losgeht.“

Er sagte: „Ich bin ja dabei.“ Ich schüttelte den Kopf: „Nee, ich meine hinterher.“ Er meinte, da bräuchte ich keine Angst zu haben. Ich sollte ihm vertrauen. Ich ging mit ihm in einen Konferenzraum, wir beide setzten uns an einen runden Tisch. Kurz danach wurden eine Frau mit Mantel und Mütze und ein Typ in beiger Latzhose mit Firmenschild (irgendeine Tischlerei) auf der Brust und Weste von der Sekretärin reingebracht. Die Frau war die Mutter von Lisa, der Mann war der Vater von Sandra. Die beiden kamen rein, gaben dem Vertrauenslehrer und mir die Hand, die Mutter wirkte ziemlich normal, der Vater wirkte ein wenig fassungslos. Beide setzten sich hin, sagten kein Wort, kurz danach ging die Tür auf und die Sekretärin brachte Lisa und Sandra hinein. Keine Ahnung, welche anderen beiden Schülerinnen noch mit bei der Direktorin waren, meine Banknachbarin hatte von vier Leuten geschrieben in der SMS. Egal.

„Setzt Euch bitte. Wir warten noch einen kleinen Moment.“ Kurz danach klopfte es. Unser Deutschlehrer reichte einen Rucksack und eine Umhängetasche herein. Unser Vertrauenslehrer stellte sie auf den Tisch. „Das sind unsere Taschen“, sagte Sandra kleinlaut. Der Vertrauenslehrer antwortete: „Das ist gut. Es steht im Raum, dass ihr andere Schüler mit einer Waffe angegriffen habt.“ Die Mutter von Lisa erstarrte förmlich. Er setzte fort: „Im juristischen Sinn. Auch eine mit Chemikalien gefüllte Spritzflasche kann dabei eine Waffe sein.“ – Sandra widersprach gleich: „Das war nur Wasser.“ – „Sie haben jetzt Sendepause. Sie können gleich etwas dazu sagen. Ich habe den Verdacht, dass Sie in der Schule Waffen bei sich führen und es sich bei der Flüssigkeit nicht um Wasser gehandelt hat. Sie haben also bereits einmal eine Waffe gegen eine Schülerin eingesetzt. Ich möchte Ihre Taschen durchsuchen. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder gestatten Sie mir, Ihre Tasche vor Zeugen zu durchsuchen oder ich stelle die Taschen sicher und rufe die Polizei. Dann entscheidet die Polizei, ob durchsucht wird. Sofern die Polizei gerufen wird, springt unter Garantie dabei auch eine Anzeige gegen Sie beide heraus.“

„Durchsuchen Sie die Tasche“, sagte der Vater. Die Mutter nickte. Sandra wollte widersprechen, aber der Vater fuhr sie gleich an: „Ich will hier keinen Mucks hören, sonst vergesse ich mich. Ich bin so geladen, ich gebe dir nur den guten Rat: Lege dich nicht mit mir an, Fräulein.“ Was kam zum Vorschein? Keine Spritzflasche, dafür aber ein Springmesser und zwei Mal Pfefferspray. Der Lehrer nahm das Messer in die Hand. „Was ist das hier?“ – „Ich weiß nicht, wo das her kommt“, antwortete Sandra.

„Sie kennen die Schulordnung, die ist Ihnen zu Beginn des Jahres ausgehändigt worden. Beim Pfefferspray hätte ich jetzt nichts gesagt, aber ein Springmesser ist eindeutig eine Angriffswaffe. Sie werden von der Schule eine Anzeige bekommen. Diese Messer sind auch außerhalb der Schule nicht erlaubt.“ – „Muss das sein?“ fragte der Vater sofort. Der Vertrauenslehrer antwortete: „Das habe ich nicht entschieden. Sie befinden sich hier in einer staatlichen Schule. Ihre Tochter bekommt die Anzeige von Amts wegen. Automatisch sozusagen. Ob ich will oder nicht, spielt dabei keine Rolle.“

Er fuhr fort: „Sie müssen auch damit rechnen, von der Schule verwiesen zu werden. Sie haben heute morgen schon einen Verweis kassiert, das wäre hier der zweite.“ Sandra antwortete: „Muss man nicht drei haben, bevor man fliegt?“ Sagenhaft. Unglaublich. Der Vertrauenslehrer: „Es kann auch einer reichen. Bei Ihnen ist das Maß voll. Sie werden die letzte Woche vor den Ferien auch hier nicht mehr auftauchen. Sie bekommen Hausverbot. Sollten Sie hier angetroffen werden, bekommen Sie die nächste Anzeige. Anfang des neuen Jahres werden wir uns zusammensetzen, wenn Sie das möchten, und schauen, wie es weiter geht. Ob an unserer Schule oder anderswo, kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Das hängt auch von Ihnen ab.“

Der Vater sagte: „Warum machst du dir alles kaputt? Warum? Du wolltest so gerne auf diese Schule, hast gebetet und gebettelt, dass sie dich nehmen. Und kein halbes Jahr später machst du alles kaputt durch so eine Scheiße? Warum? Was hast du dir dabei gedacht? Und warum lässt du das ausgerechnet an einem behinderten Mädchen aus? Ich bekomme Angst!“ Er wandte sich zum Vertrauenslehrer. „Ich habe noch eine zweite Tochter, die seit Geburt behindert ist und bei uns lebt. Sandra sorgt sich liebevoll um sie, die beiden sind unzertrennlich. Ich kann das überhaupt nicht verstehen.“

Sandra fing an zu heulen. „Sie hat mich gedisst vor der ganzen Klasse. Hat mich als Bitch dargestellt, die später mal beim Chef auf dem Schoß sitzt und ihre Titten auspackt statt zu arbeiten. Das war nur die Rache und die hat sie verdient. Ich habe sie mit Wasser bespritzt, nichts weiter!“

„Sie haben Sie geohrfeigt, angespuckt, ihre Toilettenartikel in der Klasse herumgereicht, sie psychisch massiv unter Druck gesetzt, durch üble Gerüchte, durch Drohungen. Mobbing wie aus dem Lehrbuch. So etwas dulden wir hier nicht.“

Ich sagte: „Sandra, ich habe mich dreißig Sekunden später vor der gesamten Klasse für meine Bemerkung entschuldigt und gesagt, dass ich das überzogen habe. Du weißt aber genauso, dass es eine Reaktion darauf war, dass du mich davor vor der ganzen Klasse bloßgestellt hast. Du hattest behauptet, ich hätte die Lösungen der Klausur vorab vom Lehrer bekommen und nur deswegen 15 Punkte bekommen. Du hattest behauptet, ich würde meine Behinderung ausnutzen, um bessere Noten zu bekommen.“

„Das ist ja auch so“, sagte Sandra erneut. Und sie war davon überzeugt und ließ sich auch nicht davon abbringen, dass man am Laptop nicht schummeln kann. Sie meinte, es sei ein technisches Gerät und da könnte man immer irgendwie schummeln.

Inzwischen finde ich die Information mit ihrer behinderten Schwester sehr wertvoll. Ich vermute, dass sie ihr Leben lang gelernt hat, dass behinderte Menschen Hilfe und Fürsorge und Schutz benötigen. Ich weiß nicht, welche Behinderung ihre Schwester hat, aber möglicherweise hat sie derartige Einschränkungen, dass sie täglich immer wieder auf Hilfe angewiesen ist. Dann würde das natürlich erklären, warum Sandra nicht sofort verstehen kann oder verstehen will, dass es auch andere Menschen mit Behinderung gibt, die eben in bestimmten Bereichen besser sind als die Schwester oder sogar besser als Sandra selbst. Dieser Aspekt wurde aber im Gespräch nicht angeführt.

Trotzdem darf jemand nicht so reagieren und mich so einschüchtern und unter Druck setzen. Und ich kann auch Lisa nicht verstehen, die das ohne nachzudenken mitspielt. Was mich aber sehr positiv überrascht hat, ist, dass die Personen Nummer 3 und 4, die heute morgen bei dem Klassengespräch ebenfalls nicht anwesend waren, zwei Mitschülerinnen waren, die aus eigenem Antrieb ebenfalls zum Vertrauenslehrer gegangen sind und dieses Mobbing gemeldet haben. Ich weiß bis jetzt noch nicht, wer das war, aber das möchte ich noch rauskriegen. Meine Banknachbarin weiß ja, wer außerdem nicht anwesend war, ich werde sie morgen fragen.

Ende vom Lied: Lisa hat einen Verweis bekommen und sich nach dem Gespräch bei mir entschuldigt. Sie sagte, sie habe einfach nicht darüber nachgedacht. Sandra sei ihre beste Freundin und sie habe einfach mitgemacht. Sandra hat sich am Ende nicht entschuldigt. Vielleicht kommt da noch was im neuen Jahr. Die Mutter sagte zu mir, dass sie zu Hause mit ihrer Tochter noch einmal intensiv reden wird. Sie sagte mir: „Das wird nicht noch einmal vorkommen.“

Der Vater sagte zu mir: „Sie haben meine Tochter mit Ihrer Beleidigung vor der ganzen Klasse sehr gekränkt. Ich spüre das. Darüber bin ich sehr sauer und ich kann Ihnen auch nicht ausdrücken, wie tief ich das verabscheue. Trotzdem rechtfertigt das nicht, was meine Tochter getan hat. Ich möchte mich für sie entschuldigen.“

Ich habe ihm dann auch nochmal gesagt, dass es mir Leid tut, was ich gesagt habe.

Im Anschluss an das Gespräch sollte ich nach Hause fahren. Der Vertrauenslehrer meinte, es wäre besser so. Ich sollte erst morgen wieder normal am Unterricht teilnehmen. Als ich im Auto saß und meinen Rollstuhl verladen hatte, merkte ich, dass ich völlig durchgeschwitzt war. Meine Güte, was für ein Stress. Jetzt habe ich erstmal geduscht und fühle mich wieder einigermaßen frisch. Bei mir wird es echt niemals langweilig.

Gekränkte Eitelkeit II

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Als wäre das gestern noch nicht genug gewesen, heute folgt Teil 2. Ich hatte mir vorgenommen: Sollte Sandra heute wieder mit in den Aufzug steigen, steige ich wieder aus und lasse sie alleine fahren. Tatsächlich ging sie mit mir ins Gebäude, lief hinter mir her, bog dann aber, während ich auf den Aufzug wartete, ins Treppenhaus ab. Ich stieg ein und noch bevor die Kabinentür sich schloss, kam sie um die Ecke gelaufen, stellte sich so in den Weg, dass ich nicht mehr aussteigen konnte und auch nicht mehr an die Bedienknöpfe kam. Die Tür schloss sich.

„Hallo Krüppel, gut geschlafen? Weißt du, bei mir kann man sich aussuchen, ob man Krieg oder Frieden will. Normalerweise bin ich für Frieden, aber du hast dich unmissverständlich für Krieg entschieden. Kannst du haben.“ Ich reagierte sofort: „Packst Du mich nochmal an, kriegst du von mir ohne Vorwarnung ein paar in die Fresse.“

„Ich mache mir doch an dir nicht die Finger schmutzig. Vielleicht stecke ich mich noch mit irgendwas an. Nee lass mal. Wer weiß, was du alles in dir trägst.“ Sie zog ihren Rucksack vor den Bauch und öffnete ihn. Was holte sie raus? Irgendeine Waffe? Ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich öffnete den Reißverschluss meiner Jackentasche und griff hinein. Aber sie holte keine Waffe hervor. Also ließ auch ich mein Pfefferspray stecken. Sie holte eine Trinkflasche raus.

Obwohl … das war keine Trinkflasche. Das war so eine durchsichtige Spritzflasche aus dem Chemie-Unterricht. Was war da drin? Wasser? Irgendeine Säure? Benzin? Was hatte dieses Psychoweib vor? Bevor ich irgendwie reagieren konnte, spritzte sie mir den Inhalt mit großem Druck in den Schritt. Ich schrie. Es war wohl wirklich nur Wasser. Als die Tür aufging, sagte sie zu mir: „Arme Irre. Schreit wie ein Schwein beim Schlachten.“ Draußen stand niemand. Mein Herz raste. Alter Schwede, was war das denn?!

Ich fuhr auf direktem Weg zur Toilette. Wechselte die Hose und den Kissenbezug. Meine Hände zitterten von dem Adrenalin-Flash. Als ich kurz nach Unterrichtsbeginn in die Klasse kam, war auf meinem Platz ein großer nasser Fleck auf dem Fußboden. Meine Nachbarin war nicht da, also stellte ich mich gleich auf ihren Platz.

In der ersten Pause kam Lisa, Sandras beste Freundin, zu mir und fragte mich, ob ich heute morgen mein Getränk verschüttet hätte oder warum der Fußboden so nass wäre. Bevor ich überlegen konnte, ob es sich lohnt, auf diesen Schwachsinn was zu erwidern, schnappte sich Sandra meine Schultasche, lief damit quer durch den Klassenraum und holte die Tüte mit der nassen Hose und dem nassen Kissenbezug raus. Dazu noch die obligatorische Pampers. Die Pampers packte sie auf den Lehrertisch, die Hose warf sie einer Mitschülerin zu, die nur kreischend zur Seite wich: „Geh weg mit dem Pissding!“ Die anderen Mädels liefen kreischend auf den Flur. Pissding? Woher wusste die, dass die Hose nass war? Sie triefte ja nicht. Ich vermute, Sandra hatte irgendwelche Gerüchte verbreitet.

„Wollen wir mal nicht so sein“, sagte sie und hängte die Hose auf einen Heizkörper, an den ich jedoch nicht dran kam, weil Tische davor standen. Die Windel warf sie in den Mülleimer. Dann gab sie mir meine Tasche zurück. „Ich will meine Hose wiederhaben!“ – „Wie heißt das? Schonmal was von dem Wörtchen ‚Bitte‘ gehört?“ – „Du kannst mich mal“, fuhr ich sie an. Dann kam die erste Drohung: „Jedes falsche Wort in der nächsten Stunde hat Konsequenzen.“ Ich antwortete: „Fragt sich nur, für wen.“ Zweite Drohung: „Wage es ja nicht! Du halbe Portion.“

Während der Lehrer zu seinem Tisch ging, ging Sandra auf ihren Platz und beschwerte sich lautstark: „Muss die vollgepisste Hose hier auf der Heizung hängen? Die stinkt!“ Allgemeines Gelächter. Nur Schwachmaten in der Klasse. Der Lehrer fragte: „Was ist das für eine Hose?“ – „Eine Pisshose“, wiederholte Sandra.

„Ja wem gehört die?“ fragte der Lehrer weiter. Ich meldete mich. „Mir gehört die Hose. Die hat Sandra mir in der Pause gerade weggenommen und hier durch die Klasse geworfen. Außerdem ist die nicht vollgepisst, sondern Sandra hat mir heute morgen Wasser auf den Schoß gekippt für diese Show.“ – „Das stimmt doch überhaupt nicht“, mischte sich Lisa ein. „Ehrlich, Jule, ich kann verstehen, wenn dir das peinlich ist, wäre mir auch peinlich, aber jetzt fang nicht an, andere Leute da mit reinzuziehen und hier irgendwelche Geschichten zu erzählen. Pack die Hose ein und dann ist es gut.“

„Das sind keine Geschichten, sondern ich werde hier gemobbt“, versuchte ich mich zu wehren. Der Lehrer hakte ein: „Hat das jemand gesehen?“ Niemand meldete sich. Große Klasse. Ich sagte: „Ist in Ordnung. Ich packe jetzt meine Sachen zusammen und fahre nach Hause. Mir geht es nicht gut. Vielleicht sind Sie wenigstens so freundlich und achten darauf, dass die beiden da nicht hinter mir her laufen. Ein tätlicher Übergriff im Aufzug pro Tag reicht mir.“ Sandra kommentierte: „Heul doch!“

„Hat man Sie geschlagen?“ fragte mich der Lehrer. „Nein, mit Wasser bespritzt“, antwortete ich. Er seufzte. „Julia, das ist kein tätlicher Übergriff, das ist Kindergarten. Wasser trocknet wieder. Das ist nicht schön, aber ich wurde in meiner Schulzeit mit Hemd und Hose in den Rhein geworfen. Ich habe jetzt echt keine Lust auf so einen Zirkus. Wenn Sie meinen, dass Sie nach Hause gehen müssen, werde ich Sie nicht aufhalten, aber ich möchte jetzt mit dem Unterricht beginnen.“

Ich verließ den Klassenraum. Im Aufzug fing ich an zu heulen. Ich fuhr zum Lehrerzimmer und fragte, ob der Vertrauenslehrer da sei. Nein, der wäre heute gar nicht da. Also fuhr ich nach Hause, in der Hoffnung, ihn morgen zu erwischen bevor ich Sandra sehe.