Antibiotika nix gut

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Die ersten Festtage haben wir alle gut überstanden. Ich musste am 1. Weihnachtstag arbeiten und hatte entgegen meiner Erwartungen eine eher ruhige Schicht. Ich musste mich zusammen mit einer rund 60 Jahre alten Kinderärztin, die nur aushilfsweise eingesetzt war und normalerweise in einer Behörde arbeitet, um vier periphere Kinder- und Jugendstationen kümmern sowie um alle ambulanten Patienten unter 18 Jahren, die keiner sofortigen Notfallbehandlung bedürfen.

Als einziges kleines Drama kam gleich am frühesten Morgen ein 2 Jahre altes Kind auf dem Arm des Vaters zur Station. Der Vater verstand nur einzelne Worte, die Mutter auch nicht viel mehr. Zum Glück sind sie nicht erst durch das ganze Gebäude gelaufen, sondern haben sich sofort am Empfangstisch gemeldet und die examinierte Pflegekraft hat sie gleich umgeleitet: „Kannst du dir das Kleinkind mal bitte ansehen? Das könnte ansteckend sein, daher hab ich die Familie gleich isoliert.“

„Mach ich“, sagte ich. Meine Aushilfskollegin sagte: „Ich will mal gucken, wie das im Rollstuhl so klappt. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wenn es dich nicht stört.“ – „Nö, kein Problem.“

Als ich die Tür öffnete und das glühende und eher teilnahmslose Kind auf dem Arm des Vaters sah, fiel mir sofort das sogenannte Milchbärtchen auf. So nennt man ein typisches Symptom, bei dem der Bereich um den Mund von einem (ebenfalls typischen) Hautausschlag ausgespart bleibt. Auch die Kollegin erkannte das von weitem und sagte gleich: „Oha, du hast Kinder zu Hause, oder? Soll ich das übernehmen?“ – „Nein, ist okay.“ – „Zieh dir einen Mundschutz an.“ – „Ja.“ – So fürsorglich ist es ja selten an meinem Arbeitsplatz.

Die Symptome waren so eindeutig, dass man sich fast schon die weiter eingehende Diagnostik sparen könnte, um den sich unmittelbar aufdrängenden Verdacht auf Scharlach zu bestätigen. Die Mutter gab an, bereits vor fünf Tagen bei einer Krankenschwester gewesen zu sein, die Kamillentee gegen die Entzündung im Hals und Wadenwickel gegen das Fieber empfohlen hätte. Wenn ich das richtig verstanden habe. Der Hals war ein einziger Eiterherd, das Kind musste unheimliche Schmerzen haben. Der Puls lag bei 150 Schlägen pro Minute. Abstrich ließ es problemlos mit sich machen. „Ich würde auch einmal Blut abnehmen“, sagte ich. Beim Schnelltest bestätigte sich dann das, was ich eigentlich ausschließen wollte: Eine akute Sepsis. Vermutlich ist der Eiterherd im Hals bereits in der Blutbahn angekommen.

Die Mutter sagte: „Antibiotika? Oder nix Antibiotika?“ – Ich sagte: „Antibiotikum auf jeden Fall, ja.“ – „Antibiotika nix gut, Gift für Kind.“ – Die Kollegin konnte nicht mehr an sich halten: „Antibiotika sofort.“ – „Kind nix Antibiotika.“ – „Kind ist morgen mausetot ohne Antibiotika.“ – Die Mutter guckte mich mit großen Augen an. Ich holte unsere Übersetzungsfolien aus der Schublade. Ihre Sprache war mit drauf, nur leider konnte sie nicht lesen. Aber der Vater ein wenig, als er seine Brille aus der Tasche geholt hatte. Ich nahm mir einen Fasermaler und kreiste Blutvergiftung, Scharlach, Intensivstation und Antibiotikum ein. Er redete mit seiner Frau. Sie kam in Fahrt: „Kind doll krank?“ – Ich antwortete: „Kind ganz doll krank! Kind braucht Hilfe. Okay?“ – „Kind muss sterben?“ – „Nein. Doktor hilft Kind. Kind bleibt hier. Okay?“ – „Doktor bitte Hilfe. Kind nix Antibiotika.“ – Die Kollegin holte schon tief Luft, als die Mutter einen Allergiepass aus ihrer Jackentasche fischte. Allergie gegen Penicillin. Das wollte sie also mitteilen. Sie war also nicht grundsätzlich gegen Antibiose, sondern wollte verhindert wissen, dass ihr Kind Penicillin bekommt. Ich sagte: „Penicillin. No. Nix Penicillin.“ – Die Mutter nickte aufgeregt. „Nix Penicillin gut. Bitte Doktor Hilfe.“ – Jetzt fing sie auch noch zu weinen an.

Ja, ich bin auch dafür, Antibiotika sehr sparsam, gut überlegt und korrekt einzusetzen. Aber sorry, wenn ich die radikalen Positionen einiger Eltern, die Antibiotika, Impfstoff und Bluttransfusionen generell und konsequent ablehnen, nicht nachvollziehen und nicht teilen kann. Zum Glück hat sich dieses „Missverständnis“ sehr schnell aufgeklärt. Es wäre ansonsten ein Fall gewesen, bei dem wir über das Jugendamt eine gerichtliche Anordnung zur Behandlung eingeholt hätten. Denn das war schon lebensgefährlich.

Auf dem Rückweg nach Hause stand eine relativ neue A-Klasse mitten auf der Straße. Mit Warnblinklicht. Ein Rad stand auf der Gegenfahrbahn, wie nach einem Ausweich-Manöver. Der Fahrer hatte eine Warnweste angezogen und kam mir mit dem Warndreieck entgegen. Na super. Jemanden angefahren? Mein neuer Notfall-Rucksack liegt noch zu Hause. Ich hielt an. „Brauchen Sie Hilfe?“ – „Nein, die Polizei ist schon unterwegs. Die Ricke ist tot.“ – „Sie sind nicht verletzt?“ – „Nein, mir geht es gut. Naja, ‚gut‘ ist übertrieben, aber es ist alles in Ordnung. Vielen Dank.“ – Vor dem Auto lag ein totes Reh, relativ jung. Am Auto hing das Kennzeichen senkrecht herunter. Blechschaden war nicht sichtbar. Airbags waren auch zu. Mehr war im Vorbeifahren nicht zu erkennen. Ich entschied mich, weiterzufahren.

Am 2. Weihnachtstag waren wir bei Maries Eltern. Es gab kein Flattervieh zu essen, sondern einen Kartoffel-Auflauf mit ganz vielen unterschiedlichen Gemüsesorten. Super lecker. Am Nachmittag waren Marie und ich mit Helena in der Sauna und im Pool, während Maries Eltern bei Freunden zum Weihnachtsbesuch waren. Helena entwickelt sich definitiv zum Wassertier.

Bis jetzt haben wir die Anschaffung eines Smartphones für Helena noch nicht bereut. Sie legt es tatsächlich von sich aus nach einiger Zeit weg. Zwei Nächte lag es in der Küche, so dass ich davon ausgehe, dass sie es nachts nach unserem Einschlaf-Ritual nicht noch einmal in die Hand nimmt. Aber das Ding ist schon eine gewisse Größe im Alltag. Wir beobachten es im Moment noch ohne Sorge.

Als ich heute von der Arbeit nach Hause kam, war Marie kurz zum Silvestereinkauf los. Helena und ihre beste Freundin waren alleine zu Haus. Als ich aus dem Auto stieg, hörte ich schon laute Musik. Und als ich die Tür aufmachte, tanzten im Wohnzimmer zwei Mädels gackernd zur aufgerissenen Anlage. Gerade war Morandi mit seiner Kalinka fertig, nun sang Willy William ihnen was vor, sofern man das „singen“ nennen kann. In diesem Sinne: „La lalalala la la la!!!“

Arbeiten, saunieren, reiten

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Oh, ich darf mal atmen. Zwischendurch. Nur ein wenig. Nur ganz flach. Durchatmen würde ich ja gar nicht verlangen. Das wird sowieso überbewertet.

Zum ersten Mal seit vier Wochen habe ich mal zwei Tage am Stück frei. In meiner Klinik steppt der Bär, die ohnehin schon dünne Personaldecke ist, als die erste Atemwegs-Infekt-Herbstwelle sie aufschüttelte, zerbröselt. Wie ein alter, staubiger Lumpen, der fünfzig Jahre auf dem Dachboden in der Sonne lag. Eigentlich mache ich eine Facharzt-Ausbildung, eigentlich habe ich keine Erfahrung, aber wenn ein ebenso frischer Kollege und ich nicht mehrere 24-Stunden-Schichten hingelegt hätten, hätten sie den Laden wohl schließen müssen.

Nein, es ist wirklich unschön. Um nicht zu sagen: Eine Zumutung. An einem Morgen, keine halbe Stunde nach Dienstbeginn, kümmerte sich mein Kollege um eine 14jährige, die so lange hyperventiliert hatte, bis sie Sterne sah und umgekippt ist (durch das verstärkte Ausatmen von Kohlendioxid gerät der Säure-Basen-Haushalt durcheinander und das Blut wird basischer). Mich rief man unterdessen zu einer 14jährigen mit Atemnot, die am Vorabend mit einem entgleisten Diabetes stationär aufgenommen worden war. Mein spontaner Verdacht auf eine frische Lungen-Embolie bestätigte sich später. Insofern bin ich einerseits einigermaßen stolz auf mich, sofort alles richtig gemacht zu haben (schließlich kann man, gerade wenn man bei einer 14-Jährigen, die ohne einschlägige Vorgeschichte aufgenommen worden war, jetzt nicht spontan eine Lungen-Embolie erwartet, sehr viel falsch machen), andererseits in großer Sorge, dass beim nächsten Mal meine fehlende Erfahrung einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Maries Mutter nannte die Zustände „unverantwortlich“, sie habe andere Zeiten erlebt.

Im Moment, so habe ich das Gefühl, ist es auf allen Ebenen anstrengend. Ich habe beispielsweise in den letzten vier Wochen insgesamt sieben Autos abschleppen lassen. Ich weiß nicht, was im Moment los ist. Hat der lange Sommer dazu geführt, dass bei dem einen oder anderen Teile des Hirns eingetrocknet sind? Nein, es ging nicht darum, dass ich mir einen Parkplatz freigeschaufelt hätte. Sondern dass ich Autos entfernen lassen musste, um in mein Fahrzeug einsteigen zu können. Weil sich andere Menschen zu mir auf den von mir belegten Behindertenparkplatz hinzu gestellt haben. Nach dem Motto: „Wieso Raum verschenken? Da passe ich doch noch mit drauf. Klar, es wird dann zwar so eng, dass man neben mir nur noch durch den Kofferraum einsteigen kann, aber das ist ja nicht mein Problem, meine Tür geht ja auf.“ – So ungefähr. Weiße Markierungen auf dem Boden sind doch nur aufgemalt, weil die Stadt zuviel wasserfeste Farbe bestellt hatte. Und das Schild mit dem Rollstuhlsymbol ist eigentlich auch nur ein Landeplatz für Vögel. Immerhin kam die Polizei jedes Mal sehr schnell und der Abschlepper auch. Eine Krone hab ich aber noch draufzusetzen: Einen besonders dreisten (ich würde gerne „Spinner“ sagen, aber das darf ich ja nicht) Menschen hat es gleich zwei Mal erwischt. An einem Tag musste er fragen, wohin sein Auto umgesetzt worden ist, am nächsten Tag parkte er wieder im Abstand von nicht einmal zehn Zentimetern neben mir. Vielleicht hat am zweiten Tag auch der Bruder das Auto gefahren. Dafür spräche, dass einer alleine wohl kaum so doof sein kann.

Vermutlich übernimmt in allen Fällen inzwischen das Handy das Denken. Früher habe ich diejenigen belächelt, die ihr Auto im Fluss versenkt haben, weil das Navi ihnen auf der Kaimauer das Abbiegen empfohlen hat, heute habe ich zunehmend das Gefühl, kaum einer denkt noch mit und ist gleichzeitig vom Blick auf den Bildschirm abgelenkt. Oder davon, sein Gerät wie ein Knäckebrot vor den Mund zu halten und irgendwas ins Mikrofon zu labern. Alleine zwei junge Frauen konnte ich beim Warten auf den Abschlepper dabei beobachten, wie sie nacheinander gegen dieselbe gläserne Bushaltestellen-Box gerannt sind, weil sie mir ihrem Handy beschäftigt waren. Eine hat den Anprall noch mit dem Arm abgefangen, die andere hielt sich hinterher den Kopf und hat morgen vermutlich eine fette Beule an der Stirn.

Andere träumen, während sie sich darauf verlassen, dass ich für sie mitdenke. Noch anstrengender. Die erste Vollbremsung der letzten Woche musste ich an der Ausfahrt eines Baumarktes hinlegen. Jemand kam mit einem alten Ford Fiesta vom Parkplatz, ohne auch nur eine Sekunde auf die vierspurige Straße geschaut zu haben. Als ich hupend und quietschend einen halben Meter vor dem Kollisionspunkt zum Stehen kam, niemand hinten reinkrachte, Helena noch in den Seilen hing, winkte dieser falsch abbiegende Fahrer mir zu und zeigte mir „Daumen hoch“. Die zweite Vollbremsung war nötig, weil eine Radfahrerin ein Stopp-Schild missachtete. Ich fuhr auf einer abknickenden Vorfahrtstraße, bog links ab, sie kam aus der von vorne einmündenden Straße mit Stopp-Schild, allerdings ohne anzuhalten. Marie saß neben mir auf dem Beifahrersitz und schrie nur: „Die fährt!“ – Da bremste ich aber schon lange. Statt sich zu entschuldigen, brüllte die Radfahrerin draußen herum, zeigte mir eine Scheibenwischer-Geste und versuchte im Vorbeifahren, meinen Spiegel abzutreten. Packte sich dabei fast noch auf die Nase. Vollbremsung Nummer drei war vor einer Engstelle. Ich hatte das blaue Schild, die Dame, die mir entgegen kam meinte offenbar, sie könne einfach auf meiner Spur weiterfahren, musste dann aber auch scharf abbremsen, um nicht mit mir zusammenzukrachen, schüttelte den Kopf und lenkte, statt die zehn Meter zurückzufahren, über den Rad- und Gehweg rechts an mir vorbei. Hatte dabei ein Handy am Ohr und diskutierte aufgeregt. Vermutlich nicht über die brenzlige Situation im Straßenverkehr.

An den letzten beiden Sonntagen waren wir bei Maries Eltern. Zu dritt, mit Helena. Ja, sie wohnt noch immer bei uns und ja, wir sind zuversichtlich, dass sie auch weiterhin bei uns wohnen darf. Allerdings ist noch immer keine endgültige Entscheidung gefallen. Den Tag bei Maries Eltern haben wir zur gemeinsamen Entspannung genutzt. Sind morgens hingefahren, haben gemeinsam gebruncht, sind anschließend zu dritt (Marie, Helena und ich) in der Sauna im Garten gewesen und im Pool geschwommen. Maries Eltern waren nachmittags bei Freunden eingeladen. Eigentlich wollten wir mit Helena nur ein wenig schwimmen. „Dürfen wir nicht in die Sauna?“, fragte sie. Marie antwortete: „Doch, aber das mag ja nicht jeder.“ – „Ich liebe Sauna. Darf man, wenn man in der Sauna war, anschließend eigentlich auch nackt in den Pool?“ – Alles klar, alle Sorgen mal wieder unbegründet.

Aber es gab auch begründete Sorgen zwischenzeitlich. Grenzen austesten gehört ja dazu und manchmal würde ich mir wünschen, Helena testet gemächlicher. Ich bekam eine Nachricht von ihrer Lehrerin, dass sie ohne Entschuldigung zwei Stunden zu spät gekommen war. Dabei war sie pünktlich los. Am Nachmittag saß Helena mit ihrer besten Freundin, der Tochter der Kollegin von Maries Mama, in ihrem Zimmer, als ich nach Hause kam. Immerhin waren die beiden mit irgendwelchen Schuldingen beschäftigt. Ich fragte Helena direkt: „Warst du heute in der Schule?“ – Immerhin log sie mich nicht an, sondern sagte gar nichts. Ich fragte ihre Freundin: „War Helena heute in der Schule?“ – Sie zögerte einen Moment, antwortete dann: „Na klar war sie heute in der Schule.“ – Ich fragte: „Und wann?“ – Sie seufzte. Dann sagte Helena: „Nach der großen Pause. Na und?“

Ich sprach die Freundin an: „Geh bitte nach Hause.“ – Helena fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sie tat mir so leid, aber das musste sein. Helena sagte: „Englisch kotzt mich an. Wir machen die ganzen zwei Stunden nichts weiter als Vokabeln wiederholen, weil die anderen sie zu Hause nicht richtig lernen. Da sind wir halt reiten gewesen.“ – „Helena, erstens möchte ich wissen, wann du reitest, zweitens bin ich nicht damit einverstanden, dass du die Schule schwänzt.“ – „Ich weiß. Deswegen haben wir vorher ja auch niemanden von unserem Plan erzählt.“ – „Helena, das geht nicht. Schule ist keine Party, bei der man kommt und geht, wann man will.“ – „Du hast nie geschwänzt früher, oder?“ – „In deinem Alter nicht, nein.“ – „Später?“ – „Später ja.“ – „Heute fängt man mit vielen Dingen früher an.“ – „Nee, Helena, vergiss es. Das ist einfach nicht okay. Wo wart ihr überhaupt mit den Pferden?“ – „Wir waren am Strand und sind mit Fullspeed durch das flache Wasser galoppiert.“

Wie toll. Ich sagte: „Helena, ich kann dich wirklich gut verstehen. Aber ich kann das nicht dulden. Und wenn es nicht reicht, dass wir darüber reden, muss ich mir Konsequenzen überlegen. Und das möchte ich eigentlich nicht. Und du, glaube ich, auch nicht.“ – „Jule, ich hab zwei Stunden geschwänzt, okay? Zwei Stunden. Ich habe das jetzt nicht jeden Tag oder jede Woche vor. Aber ich will eigentlich auch nicht versprechen, dass das nie wieder vorkommt.“ – Ich holte schon Luft, da fuhr sie fort: „Ich verspreche aber, dass es erstmal nicht wieder vorkommt und dass ich dir das erzähle, wenn es nochmal vorgekommen sein sollte. Ich wollte dir das von heute auch erzählen, aber du hast mich ja gar nicht zu Wort kommen lassen.“

Kann ich damit leben? Erstmal ja. Ansonsten wird es wohl darauf ankommen, wann sie das wieder macht. Die Mutter der Freundin rief mich kurz darauf an und wollte mir verkünden, dass die beiden Scheiße gebaut haben. „Ich weiß es schon. Helena hat es mir erzählt und ich gehe davon aus, dass das nicht wieder vorkommt.“ – „Diese kleinen Kröten. Sie sind so süß mit ihrem eigenen Kopf. Einerseits sind sie so selbständig, dass sie das alles aushecken und mit den Viechern loskommen und da auch hinterher alles richtig gemacht haben, andererseits haben sie keinen Plan, warum das nicht geht und was alles passieren kann. Und damit meine ich nicht, dass sie jemand sieht. Meine war wohl die Anstifterin und hat von mir erstmal eine Woche Stubenarrest aufgebrummt bekommen. Damit fällt das Reiten bei ihr für die nächste Woche flach. Jetzt sitzt sie in ihrem Zimmer und heult.“

Ich überlegte, was das früher wohl bei meinen Eltern ausgelöst hätte. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Ölwechsel und Glitzerstaub

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Ich habe zu Weihnachten von Maries Eltern eine Winterjacke geschenkt bekommen. Genauso wie Marie. Worüber ich mich sehr gefreut habe. Genauso wie Marie. Marie und ich haben jeweils dem anderen traditionell einen neuen Badeanzug geschenkt. Vielleicht schaffen wir es ab Sommer ja, mal wieder regelmäßig gemeinsam zu trainieren.

Von meinen Kolleginnen und Kollegen der letzten Station habe ich ein T-Shirt bekommen, auf dem steht: „Ich habe es mit Laufen versucht, aber es hat mir nicht gefallen.“ – Soll witzig sein (ich schreib es extra dazu, weil bisher alle nur müde gegrinst haben). Mal sehen, vielleicht steht demnächst mal wieder ein Ölwechsel oder eine Renovierung an, dann hätte ich auf jeden Fall schon mal die passende Kleidung.

Und von Schatzi? Ein Flausch-Onesie-Overall zum Loungen in dunkelrot, mit Flauschkapuze (diese jedoch zum Glück ohne Plüschohren). Der fühlt sich auf jeden Fall gut an. Einziger Nachteil ist natürlich, dass man zum Pinkeln obenrum erstmal alles ausziehen muss. Und einen Gutschein (keinen selbstgemachten, sondern einen offiziellen) von einem Sauna-Klub. Ja, richtig gelesen, keine Eintrittskarte für eine Therme (wohin ich sonst rollen würde, wenn ich nicht gerade bei und mit Marie im Garten saunieren kann), sondern er möchte mit mir in einen Sauna-Klub.

Ich habe natürlich erstmal weder Contenance noch Continence verloren, sondern mich nur überrascht gezeigt und ihn gefragt, was genau dort passiert. Er hat mir dann mit einem gewissen Funkeln in den Augen erzählt, dass er sich im Internet und telefonisch informiert hat, dass dort ausschließlich Paare hingehen (als Einzelperson kommt man nicht hinein), und dass es dort nicht nur eine Sauna-, sondern auch eine Badelandschaft mit märchenhaften Grotten, Whirlpools und Relaxräumen sowie einem großen Garten geben soll. Attraktiv ist aus seiner Sicht, dass man dort miteinander nicht nur küssen darf, was, so sind seine Worte, im Wasser gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität vielleicht noch die eine oder andere ungeahnte Möglichkeit bietet. Und nein, Partnertausch sei nicht zwingend vorgesehen.

Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, ob ich das wirklich will, habe das Geschenk aber erstmal als „spannend“ angenommen. Ich werde in den nächsten Tagen dazu noch ein wenig recherchieren…

Über Silvester bekommen wir von Marie und einer Freundin Besuch. Wir sind zur Zeit an der Ostsee und lassen uns den viel zu warmen Wind um die Nase pusten. Am morgigen letzten Tag des Jahres wollen wir Fondue machen, und entsprechend hatte ich für heute bereits Fleisch und Baguettes vorbestellt. Um elf Uhr sollte beides zum Abholen bereit sein, anschließend wollte ich Marie und Freundin vom Bahnhof der nächsten größeren Stadt abholen (nachdem Marie derzeit kein eigenes Auto hat – ein neues ist noch nicht ausgeliefert und bei ihrem alten hat das Automatikgetriebe bei 260.000 km den Geist aufgegeben).

Ich kam also gegen kurz vor zwölf Uhr bei der Fleischerei an und fragte nach meinem vorbestellten Fondue-Fleisch. Nein, das sei noch nicht fertig, man wollte es heute morgen frisch schneiden, aber es sei zu viel los gewesen. Ob ich es in etwa einer Stunde abholen könnte, wollte man wissen. An der Bedientheke arbeiteten drei Leute die anstehenden Kunden ab, etwa zehn warteten, im hinteren Teil des Raums lag auf einer Arbeitsplatte ein großes Stück Schweinefleisch, ich hätte es als nur bedingt sachkundige Person für die Oberschale, also ein Teilstück des Schinkens, gehalten. Das Stück Fleisch lag auf einem Schneidebrett und dieses Schneidebrett bedeckte den Namen „Müller“ auf einem Stück Papier so, dass man nur „Müll“ lesen konnte – was mir spontan ins Auge fiel.

Also erst zum Bahnhof und anschließend das Fleisch abholen. Dafür aber jetzt noch schnell zum Bäcker. Dort hieß es: „Also, wenn Sie um zwölf Uhr kommen, eine Stunde vor Ladenschluss, dann müssen Sie damit rechnen, dass keine Baguette-Brote mehr da sind.“ – „Deswegen hatte ich ja extra vorbestellt.“ – „Ja, aber nicht mehr um zwölf. Da haben wir die noch nicht abgeholten Vorbestellungen auch mit abverkauft.“ – „Ich hatte aber bereits bezahlt. Und hätte jetzt gerne meine Ware.“ – „Bei wem haben Sie das bezahlt?“ – „Bei Ihrer Kollegin. Etwa Eins-Sechzig groß, blond, blaue Brille.“ – „Haben Sie denn einen Beleg bekommen?“ – „Ja, Moment … hier.“ – „Das ist ein Kassenbon über drei Baguette-Brote. Die haben Sie an dem Tag gekauft.“ – „Jetzt ist es aber genug! Sie haben es verpeilt, dann wäre es wohl das Mindeste, sich zu entschuldigen.“ – „Sie kommen nicht von hier, oder? Das hört man. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und einen guten Rutsch“, sagte sie und hielt mir die Tür auf.

Okay, das war das letzte Mal, dass ich dort etwas gekauft habe. So eine blöde Schrippe! Da ich in den nächsten zwei bis drei Wochen dort nicht wieder hinfahre, lohnt es sich vermutlich auch nicht mehr, sich die Kollegin mit der blauen Brille zur Brust zu nehmen. In dem Ort, in dem meine Ostsee-Wohnung steht, gibt es gar keinen Bäcker, und in diesem nächsten Nachbarort zum Glück gleich drei. Ein Wechsel ist also angezeigt.

Marie und ihre Freundin kamen pünktlich mit dem Zug an. Die Freundin, die Fußgängerin ist, kümmerte sich um das Verladen unserer Rollstühle in den Kofferraum, was gerade bei zwei Rollstuhlfahrerinnen im selben Auto eine Erleichterung ist. Zur Fleischerei wollte sie auch schnell reinlaufen, aber ich wollte unbedingt dabei sein. Aus Gründen. Tatsächlich lag das Stück Fleisch dort immer noch genauso wie vor einer Stunde. Ungekühlt, ungeschützt, immer noch ein Teil des Namens auf dem Papier verdeckend. Mein Fondue-Fleisch war noch nicht fertig. Immerhin wollte man jetzt aber beginnen, es zu schneiden – und zwar aus diesem Stück Fleisch, das dort seit über einer Stunde ungekühlt auf der Arbeitsplatte lag.

„Moment mal bitte! Das Fleisch liegt da jetzt seit über einer Stunde bei Zimmertemperatur auf Ihrer Arbeitsplatte. Daraus möchte ich kein Fonduefleisch geschnitten haben.“ – „Das hab ich vor zwei Minuten aus der Kühlung geholt.“ – „Und wieder genauso auf das Stück Papier gelegt wie vor einer Stunde?“ – „Das weiß ich nicht, aber das habe ich eben gerade erst aus der Kühlung geholt.“ – „Okay, dann schneiden Sie bitte die ersten Stücke ab, füllen sie in die Tüte und lassen mich die Tüte bitte einmal anfassen.“ – „Wozu das denn?“ – „Ich möchte mich gerne davon überzeugen, dass das Fleisch in der Kühlung war, denn ich habe das anders wahrgenommen.“ – „Ich kann auch ein neues Stück aus der Kühlung holen, damit habe ich doch gar kein Problem!“ – „Sie brauchen mir doch nur einmal zu zeigen, dass das aktuelle Stück dort kalt ist.“

Konnte er wohl nicht. Er holte ein neues Stück. Worüber ich gar nicht nachdenken möchte. Als er die Verpackung öffnete, lief die gesamte darin enthaltene Flüssigkeit einmal quer über einen Leitz-Ordner mit Zetteln drin, der ebenfalls offen rumlag. Neben dem offenen Stück Fleisch. Was für eine Sauerei, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich möchte wetten, dass er das warme Stück Fleisch anschließend wieder in die Kühlung packt, sobald ich weg bin. Jedenfalls begann er nun damit, dünne Scheiben aus dieser frischen Oberschale zu schneiden. „Nur noch einmal zur Sicherheit: Ich wollte Fondue-Fleisch.“ – „Ist das keins?“ – „Das sind eher dünne Schnitzel. Vielleicht für Raclette. Fondue ist das mit der Gabel und dem heißen Topf.“ – „Ah, entschuldigen Sie, jetzt habe ich tatsächlich an Raclette gedacht. Aber Sie können das ja noch durchschneiden.“

Ich ließ ihn stehen und rollte ohne ein weiteres Wort nach draußen. Irgendwann ist meine Geduld auch mal am Ende. Marie rollte wortlos hinter mir her, die Freundin ebenfalls. Dreihundert Meter weiter ist ein Supermarkt mit Fleischerei. Normalerweise kaufe ich Fleisch nicht in Supermärkten, aber schlimmer konnte es nicht mehr werden. Ohne irgendein Problem und ohne vorbestellt zu haben, bekam ich an der dortigen Fleischtheke die Menge Fonduefleisch, die ich haben wollte.

„Kann ich sonst noch etwas Gutes für Sie tun?“, fragte der junge Mann hinter der Theke. Zum ersten Mal wurde ich heute freundlich bedient. Vielleicht war es doch ein Fehler, den lokalen Einzelhandel unterstützen zu wollen. Zumindest könnte der sich in diesem Punkt von dem Lebensmittel liebenden Filialbetrieb noch eine Scheibe abschneiden.

Bald ist ein neues Jahr. Ich wünsche euch mehr Liebe, Freundschaft und Wahrheit. Weniger Missgunst, Hass und Lüge. Ich wünsche euch mehr Sonne für die Herzen, und für Zwischendurch einen Schirm, mit dem es sich im Regen tanzen lässt. Ich wünsche allen, die im Moment nur graue Wolken sehen, dass sie schon ganz bald einen Regenbogen finden, an dessen Ende die Einhörner Glitzerstaub verteilen.

Schlümpfe und Massage

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Das schönste Eiland weit und breit,
wir haben hier die schönste Zeit,
die Sonne scheint, es gibt kein Grau,
der Himmel über uns ist blau.

Die Felder, sie sind reif und grün,
so weit kann kaum ein Auge sehn,
wir wolln für immer hier nur sein
und uns den ganzen Tag nur freu’n!

Ich bin weder unter die Dichter noch unter die Pöten gegangen. Poeten meine ich. Grund: Ich kann nicht gehen. Habe ich amtlich bescheinigt bekommen. Meine Gehfähigkeit ist auf unbestimmte Zeit außergewöhnlich eingeschränkt. Man könnte es auch so ausdrücken wie ein älterer Herr gestern in der U-Bahn: „Sind Sie absolut geh-untauglich?“ – App solut. Und ganz dicht bin ich auch nicht. Aber ich will nicht vom Thema ablenken: Diese schönen Verse sollten meine älteren Leserinnen und Leser vielleicht noch kennen. Jene, die in den frühen 1980er Jahren Kind waren und wussten, dass die Schlümpfe nicht deshalb so nach Helium klingen, weil jemand den Schallplattenspieler verkehrt eingestellt hat (45 rpm statt 33).

Eine Mitbewohnerin meiner WG hat gerade einen vierjährigen Neffen zu Besuch, soll auf ihn aufpassen, und während Mama und Papa im Musicaltheater sind, lauscht er gespannt auf die „Hitparade der Schlümpfe“ und träumt vermutlich von dem Stückerl heile Welt, das da beschrieben wird.

Ein anderes Stückerl heile Welt hatten wir gestern abend beim Marie im Pool. Oder anders angefangen: Wir haben uns zur Abwechslung einen heißen Feger aus einer Schwimmgruppe eingeladen, die immer parallel zu unserer trainiert. Ein Typ, den ich richtig auf 22 geschätzt habe, gut aussehend mit knackiger Figur, fiel mir zum ersten Mal auf, als er seinen Corsa so blöde geparkt hatte, dass ihn – den jungen Mann, nicht den Corsa – jemand aus dem Becken geholt hat und ihn nur mit einem Handtuch um die Badehose hängend sein Auto umparken ließ. Ich habe ihn, aufdringlich wie ich nunmal bin, immer mal wieder durch meine Schwimmbrille angeblinzelt und ein schüchternes Hallo zugemurmelt, und neulich kamen wir vor der Rolli-Umkleide ins Gespräch, als ich nämlich frierend auf jemanden wartete, der die Rolli-Dusche unberechtigterweise blockierte und er mir quasi im Vorbeigehen sein großes Handtuch über die Schultern legte, damit mir warm werden würde. Als ich es ihm später zurück gab, meinte er, ich sollte mir mal überlegen, ob ich nicht nach dem Schwimmen noch 10 Minuten in die Sauna gehe, wenn ich dann so friere.

Ich sagte, dass ich normalerweise ja gleich die warme Dusche hätte, nur ausnahmsweise im Kalten warten musste, und dass mir der Preisaufschlag (5,99 €) für 10 Minuten Sauna zu teuer ist. Im selben Moment kam Marie um die Ecke. Als er fragte, ob wir denn mit den Rollstühlen überhaupt in die Sauna rein kommen würden, oft sei da ja eine Schwelle, ergab es sich nach einigen Minuten so, dass wir ihn für gestern abend eingeladen haben. Zu einem Saunaabend mit Marie, Cathleen und mir. Er war sozusagen Hahn im Korb (hin und wieder auch mal Hähnchen auf dem Grill), und wir waren, obwohl wir ja aus der Pubertät schon raus sind, sehr gemein.

Sehr gemein deshalb, weil wir uns vorher darauf geeinigt hatten, dass wir ihn alle drei maximal umwerben würden. Um nicht „anbaggern“ sagen zu müssen. Es war in erster Linie ein Spielchen, ihm den Kopf zu verdrehen. Nein, wir haben ihm keine falschen Hoffnungen gemacht, so gemein waren wir dann doch nicht. Wir haben von vornherein mit offenen Karten gespielt. Aber wir haben immerhin Maries Mutter gebeten, uns nicht besuchen zu kommen.

Mir hat am besten gefallen, als ich im Pool auf seinem Schoß saß und er mir den Rücken massiert hat. Nackt. Und ich dabei meine Augen zugemacht habe und vor mich hin träumte, was er vielleicht noch so alles mit mir machen könnte. Was er aber nicht gemacht hat. Aber alleine die Gedanken daran war schon sehr reizvoll. Allerdings muss man es ja nicht gleich übertreiben. Nicht gleich. Und er kommt nochmal wieder. Wir haben schon eine neue Verabredung in dieser Viererrunde.