Ergebniskosmetik

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Ich hatte gestern morgen einen weiteren Termin in Helenas Schule. Zusammen mit Marie. Beim Direktor. Wegen des dicken Bretts. Mir war klar, dass sein Sekretariat erstmal mit ihm Rücksprache hält, bevor wir einen Termin bekommen. Wir bekamen aber sofort einen. Wurden in sein Büro geführt, wir sollten uns an einen Tisch setzen, er würde gleich kommen. Marie sagte: „Ich bin mal gespannt, was für eine eklige Erklärung wir hier gleich bekommen.“ – Ich antwortete: „Gar keine. Du ahnst nämlich noch nicht, wie eklig ich werden kann.“

In dem Moment kam der Direktor herein, gab uns die Hand. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie warten lasse, ich musste erstmal eine Vertretung organisieren, normalerweise habe ich jetzt Unterricht. Aber wenn hier etwas so dringlich ist, hat das natürlich Vorrang. Ich wünsche mir zwar, dass Sie keine neuen Horrornachrichten für mich haben. Aber wenn ich die Dringlichkeit und Ihre bedrückten Gesichter sehe, bekomme ich fast schon Angst. Schießen Sie mal los, was ist passiert?“

Ich öffnete meine Mappe, die ich vor mir auf den Glastisch gelegt hatte, holte eine Kopie von Helenas Zeugnis heraus, legte es vor dem Direktor auf den Tisch und sagte nichts. Er nahm das Zeugnis in die Hand, guckte es mit großen Augen an, guckte mich an, guckte Marie an und sagte: „Mir läuft es gerade eiskalt den Rücken runter. Ich möchte dazu gar nichts sagen. Wo ist das Original?“

„Bei uns zu Hause“, sagte ich. Der Direktor antwortete: „Tun Sie mir mal bitte einen Gefallen. Stellen Sie bitte schriftlich den offiziellen Antrag, dass die schriftlichen Leistungsnachweise von Helena im Fach Englisch auf die Einhaltung der Prüfungsbedingungen überprüft und nachträglich für ungültig erklärt werden. Erstens. Und zweitens, dass daraus folgend die Englischnote im Halbjahrszeugnis überprüft wird.“

Ich sagte: „Das will ich gerne machen. Können Sie mir denn erklären, wie Ihre Unterschrift unter das Zeugnis kommt?“ – „Frau Socke, machen Sie es nicht komplizierter als es schon ist. Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, wie es jetzt laufen muss, damit Helena zu einem angemessenen Zeugnis kommt. Wenn Sie jetzt noch andere Feuer entzünden, kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Ich kann hierzu im Detail nichts ausführen. Sie wird ein neues Zeugnis bekommen, dann ohne Englischnote. Das ist im Moment alles, was ich für Euch tun kann. Gehen Sie diesen Weg, jeder andere wird Jahre dauern mit ungewissem Ausgang.“

Auf mich wirkt es so, als hätte der Direktor mit der Englisch-Lehrkraft gesprochen, und als hätte die Englisch-Lehrkraft sich jetzt im Zeugnis darüber hinweg gesetzt. Oder sich sogar gerächt. Unter diesen Umständen wäre ein weiterer Unterricht bei dieser Person für Helena nicht mehr zumutbar. Also gehen wir jetzt den Schritt und lassen offiziell überprüfen, ob das seine Richtigkeit hat. Dazu müsste es ja dann einen schriftlichen Bescheid geben, der wiederum eine Grundlage für weitere Schritte bietet.

Ein Schulwechsel kommt für Helena nicht in Betracht. Die nächste geeignete Schule ist 26 Kilometer weit entfernt. Und es ist nicht gesagt, dass es dort besser wird. Im Gegenteil. Von daher hoffe ich, dass der Direktor es schafft, ein wenig mehr Ordnung in seinen Laden zu bringen. Und sein Angebot nicht nur kurzfristige kosmetische Effekte hat. Auch wenn das leider zu befürchten ist.

Dicker als dick

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Ich hatte es ja schon befürchtet. Das dicke Brett ist richtig dick. Nachdem ich ja schon mit dem Direktor von Helenas Schule gesprochen hatte, war ich einigermaßen zuversichtlich, dass in naher Zukunft keine Missgeschicke mehr passieren.

Anfang Januar bekamen wir erstmal einen Verwarnungsgeld-Bescheid des Landkreises ins Haus: 35 Euro werden fällig, weil wir trotz des abgelehnten Freistellungsantrags Helena einen Tag eher in die Weihnachtsferien nahmen. Wir haben mit ihr ja einen Schwänz-Deal, bei dem sie ohne Rückfrage von mir eine Entschuldigung bekommt, damit sie keine unentschuldigten Fehlzeiten hat. Marie und ich halten das im Rahmen ihrer schwierigen Vorgeschichte für angezeigt – im Ergebnis schwänzt sie nicht mehr. Bis jetzt.

Merkwürdig war ja die Formulierung „trotz des abgelehnten Freistellungsantrags“, da weder Marie noch ich einen solchen gestellt hatten und auch keine Ablehnung bekommen haben.

Also habe ich mir Helena vorgeknöpft und sie gefragt, ob sie am letzten Schultag vor den Ferien in der Schule war. Sie nickte und verstand sofort, dass ich nicht ohne Grund fragen würde. Ich bohrte nach: „Du möchtest also keine von deinen Entschuldigungen haben? Der Deal gilt: Ich frage nicht weiter.“ – Sie antwortete: „Nein! Ich war da. Ich habe doch sogar noch diese alberne Weihnachtsmütze beim Wichteln bekommen. Das weiß ich genau.“

Ich sagte: „Gut, ich vertraue dir da, und ich weiß, dass du mich nicht anlügst. Also schreibe ich der Behörde, die uns eine Strafe aufbrummt, weil du am letzten Tag nicht da gewesen sein sollst, dass sie sich irren und ich die 35 Euro nicht zahle. Oder meinst du, ich sollte sie einfach zahlen und dann wäre Ruhe?“ – Das sollte eine Brücke sein. Stattdessen fing Helena zu weinen an. Setzte sich zu mir auf den Schoß, lehnte sich an meine Schulter. „Ich hab nichts gemacht, okay? Ich bin in der Schule gewesen. Wirklich.“ – „Ja, Helena, dann haben die sich vertan. Ich schicke denen ne Mail, damit das nochmal überprüft wird.“

Seitdem haben wir nichts mehr von denen gehört oder gelesen. Ich bin gespannt. Und Helena fragt. Fast jeden Tag.

Gestern gab es Zeugnisse. Zeugnisse sind für Helena sowieso schon eine sehr große Sache, da das Stück Papier in Helenas früherer Pflegefamilie regelmäßig und systematisch dafür genutzt wurde, Helena als wertlos, dumm und behindert darzustellen und sie auszugrenzen. Dieses Verhalten hatten sich dann irgendwann wohl auch die in der Familie wohnenden leiblichen Kinder angewöhnt. Also ganz schlimm.

Am Abend vor dem Zeugnistag verschwand sie schon früh in ihrem Zimmer, wünschte uns auch schon früh eine gute Nacht. Nervös. Die meisten Noten sind besprochen, so dass es eigentlich keine Überraschungen mehr geben dürfte. Außer in Englisch, wo es große Probleme mit der Lehrkraft und ihrem Verständnis von Chancengleichheit bei körperlichen Einschränkungen gibt. Und genau das machte Helena Angst. Inzwischen brauche ich nur noch wenige Minuten bis sie sagt, was ihr auf der Seele liegt. „Helena, wir brauchen das gar nicht zu vertiefen. Du bist super gut in der Schule, besser als ich es in deinem Alter war. Und sollte es ernsthafte Probleme mit irgendeiner Note geben, weil sie ungerecht ist, dann können Eltern, auch Pflegeeltern, ein Zeugnis auch anfechten. Also nicht einverstanden sein und mit dem Direktor sprechen. Und alle Noten, die gerecht sind, sind in Ordnung. Auch wenn es eine 5 oder eine 6 ist. Das ist eine Moment-Aufnahme, wie ein Lehrer deine Leistungen einschätzt. Und Marie und ich haben dich mit einem Zeugnis voller Fünfer genauso lieb wie mit einem Zeugnis voller Dreier. Und Susi und Otto auch.“

Schon am Mittag des Zeugnistags bekamen Marie und ich eine Nachricht von ihr: „Mein Zeugnis ist super schlimm. Sowas hatte ich noch nie! Ich fühle mich wie ein Stück Dreck.“ – Marie und ich hatten uns die Arbeitszeiten schon extra so eingeteilt, dass den ganzen Tag jemand zu Hause ist. Falls sie früher kommt, falls sie abhaut … hat sie zwar alles noch nicht gemacht, aber wir machen uns ja unsere Sorgen. Ist einfach so. Als sie durch die Tür kam und mich in der Küche sah, breitete ich die Arme aus. Sie blieb wie angewurzelt stehen und hatte einen eisigen Blick im Gesicht. Guckte mich aus dem Augenwinkel an, sagte nichts. Fast schon beängstigend. Ich sagte: „Hey, du hast den Schultag hinter dir. Du bist wieder zu Hause. Lass dich in den Arm nehmen.“

Helena setzte sich auf meinen Schoß. Eiskalt war sie am ganzen Körper. Sie roch säuerlich, und einige Sekunden später erzählte sie mir, warum: „Jule, ich habe gespuckt. Auf dem Weg nach Hause. Das kam ganz plötzlich, ich habe mich gerade noch zur Seite gelehnt und dann habe ich auf die Straße gekotzt. Neben einen Gully. Eine Frau ist mit ihrem Auto stehen geblieben und hat mir Taschentücher gegeben und eine Flasche Wasser, damit ich mir den Mund ausspülen kann. Mir war schon den ganzen Morgen schlecht.“ – „Wollen wir uns kurz dein Zeugnis angucken, damit du diese Last von der Seele hast?“ – Sie nickte und holte das Giftblatt aus ihrem Rucksack.

Religion 2, Deutsch 3, Geschichte 1, Erdkunde 3, Spanisch 1, Biologie 1, Physik 1, Mathe 3, Kunst 3, Musik 2 und Sport 2. Hammer. Ich hatte, glaube ich, niemals vier Einser im Zeugnis. Schon gar nicht in Klasse 8. Noch dazu in solchen anspruchsvollen Fächern. Noch dazu auf gymnasialem Anforderungsniveau. Tja, der Aufreger war dann die Fünf in Englisch. Genau. In dem Fach, in dem die Lehrkraft konsequent ihren Anspruch auf Nachteilsausgleich ignoriert. Da sie in den schriftlichen Arbeiten eine 3 und eine 4 hatte (beides ohne Nachteilsausgleich, also Zeitverlängerung geschrieben) und ihr allgemein eine rege Beteiligung, viel Fleiß und eine strukturierte Arbeitsweise bescheinigt wird, möchte ich jetzt schriftlich begründet haben, wie diese Note zustande gekommen ist. Wir werden also notfalls einen Anwalt einschalten und das Zeugnis rechtlich anfechten, wenn nicht im ersten Anlauf eine verständliche Erklärung präsentiert oder eine sofortige Änderung vorgenommen wird.

Bisher habe ich Menschen belächelt, die sowas tun, weil ich immer der Meinung war (und auch immernoch bin), dass jeder Mensch die Beurteilung seiner Leistung akzeptieren muss. Und das neben allen objektiven Kriterien auch immer eine subjektive Komponente vorhanden ist. Aber, und ich entschuldige mich schon vorab für meine Wortwahl, es kotzt mich an, wenn ein offensichtlich benachteiligtes Kind einen Nachteilsausgleich zugesprochen bekommt (darüber gibt es einen schriftlichen Bescheid), eine Lehrkraft aus ignoranter Bequemlichkeit die Vorgaben missachtet und offenbar keine Skrupel hat, das verzerrte Ergebnis dann auch noch durch die Zeugniskonferenz zu prügeln. Ich bin sehr auf die Erklärung des Direktors gespannt, der sich der Sache ja bereits vorher annehmen wollte und – so sieht es für mich im Moment aus – diese (mutmaßliche Fehl-) Beurteilung nicht gestoppt hat.

Dickes Brett

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Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit. Als ich so alt war wie Helena und die 8. Klasse besuchte, war ich, genauso wie sie mit ihren 13 Jahren, ganz oft im Reitstall. Ich habe mich damals, genauso wie Helena heute, mit noch zwei anderen Mädchen um ein wunderschönes Pferd gekümmert, dass einer Reiterin gehörte, die nur am Wochenende Zeit hatte. Sie hatte noch ein zweites Pferd, das wir regelmäßig reiten durften. Ich erinnere mich gut, dass ich meistens um 15 Uhr, selten erst um 15.30 Uhr dorthin gefahren bin. Ich hatte meine Hausaufgaben fertig. Vielleicht musste ich abends vor dem Einschlafen hin und wieder nochmal ein paar Vokabeln wiederholen. Aber das war es.

Helenas Schule hat ein Ganztagsprogramm, das täglich Mittagstisch sowie bis 16.00 Uhr Unterricht und Hausaufgabenbetreuung anbietet. An inzwischen vier Wochentagen gibt es darüber hinaus noch ein offenes Programm bis 20.00 Uhr, am Freitag sogar bis 21.00 Uhr. So etwas gab es bei mir früher nicht. Die Teilnahme bis 16.00 Uhr ist verpflichtend, wobei für die letzte Doppelstunde eine sogenannte „vereinfachte Freistellung“ beantragt werden kann. Mit Unterschrift der Eltern kann das Kind einmalig um 14.15 Uhr die Schule verlassen, ohne dass Gründe angegeben oder eine Genehmigung abgewartet werden müssen. Es reicht die Bitte, freizustellen. Allerdings ist so eine Freistellung immer nur einen Tag lang gültig. Helena, die an einem Tag früh zur Physiotherapie soll, muss jede Woche so einen Zettel vorlegen. Aber es ist okay.

Helena fährt meistens um 16.00 Uhr direkt weiter zum Reitstall, ist dann mit ihren Hausaufgaben bereits fertig. Wenn sie abends nach Hause kommt, essen wir noch was zusammen und dann fällt sie ins Bett. Nun schreibt Helena in den Wochen bis Weihnachten noch insgesamt sechs Klassenarbeiten, für die sie lernen muss. Während es mir in dem Alter für Klassenarbeiten oft gereicht hat, den Stoff am Vorabend noch einmal durchzulesen, möchte Helena gerne abgefragt werden und intensiv üben. Das geht während der Hausaufgabenzeit nicht, das müssen wir zu Hause machen. Nach dem Abendessen ist sie nicht mehr aufnahmefähig, also fällt das Reiten aus. Wohlgemerkt: Das ist keine Auflage von Marie und mir, sondern ihre freiwillige Entscheidung. Bei neun Klassenarbeiten oder Tests alleine im Dezember ist klar, dass sie theoretisch einen ganzen Monat lang nicht mehr in den Reitstall kann.

Und als würde das noch nicht ausreichen, haben zwei Lehrkräfte ihr noch eine Vorbereitungsarbeit für die Weihnachtsferien aufgedrückt. Am zweiten Schultag nach den Ferien wird eine Deutscharbeit geschrieben, dafür soll sie sich „Kassandra“ von Christa Wolf reinziehen und interpretieren. Ich kenne das Werk nicht, aber Susi hat mir erzählt, dass sie das im Leistungskurs Deutsch in der 12. Klasse hatte. Sie sagte, dass sie damals selbst mit Grundkenntnissen der griechischen Mythologie nur deshalb durchgestiegen ist, weil sie parallel einen Zeitstrahl und ein Beziehungsgeflecht gemalt hatte. Die Klassensprecherin in Helenas Klasse habe bereits protestiert, darauf vom Deutschlehrer aber nur gehört: „Natürlich ist das über die Ferien freiwillig. Wer es nicht liest, ist dann zur Klassenarbeit eben schlecht vorbereitet.“

Die Englischlehrerin kam noch mit dem Wunsch daher, ein Buch anzuschaffen. 118 Seiten in A6, nur Englisch. Bitte eine schriftliche Zusammenfassung verfassen, acht Fragen beantworten (zum Beispiel Frage 1, auf Englisch wohlgemerkt: „Wie beurteilst du das Verhältnis von … und … zueinander, an welches berühmte Werk erinnert dich dieses Verhältnis und welche Gefahr birgt sich in ihm?“)

Helena macht das alles ohne Murren und Knurren. Aber ich finde das nicht gut. Ein knapp 14 Jahre altes Kind muss auch Freizeit haben. Es kann nicht sein, dass sich alles nur noch um Schule, Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie und Schlafen dreht, der Sport (eigentlich schwimmt sie noch neben dem Freizeitreiten) gar nicht mehr stattfinden kann, sie abends um acht von sich aus ins Bett geht, an den Wochenenden nicht vor 12 Uhr mittags aus dem Bett kommt und so weiter. Ich sehe langsam das Burnout auf uns zukommen. Zumal Helena ja ohnehin sehr viel langsamer schreibt.

Womit ich beim nächsten Thema bin: Sie hat, wegen ihrer Behinderung, eine Zeitverlängerung bei Klassenarbeiten und Tests. Aktuell liegt sie bei 30 Prozent und mindestens fünf Minuten. Schreibt die Klasse also eine Klassenarbeit über zwei Schulstunden, also 90 Minuten, darf Helena 117 Minuten lang Zeit beanspruchen. Darüber gibt es einen schriftlichen Bescheid, den alle Lehrkräfte kennen.

Wenn eine Doppelstunde lang geschrieben wird, dann ist nach den 90 Minuten in der Regel die große Pause. Helena darf also die große Pause (15 Minuten) sowie 12 Minuten der nächsten Stunde noch für ihre Klassenarbeit nutzen, während alle anderen spätestens zu Beginn der großen Pause abgeben mussten.

Ich möchte unbedingt vorweg schicken, dass die große Mehrzahl der Lehrkräfte an der Schule Helena vollkommen korrekt, verständnisvoll und gerecht behandelt und benotet. Viele machen sich einen Kopf, überlegen sich, wie sie Helena gut teilhaben lassen. Viele erkennen an, dass Helena fleißig ist und genauso viel versteht wie die anderen Kinder auch – oft sogar mehr. Dass das Mitschreiben oder das Aufschreiben aber etwas länger dauert, dass sie in Bewegung und Koordination eingeschränkt ist. Sie fordern sie, sie geben ihr keine Sonderrolle. Sie achten darauf, dass es ein gutes Miteinander in der Klasse gibt, dass die Schülerinnen und Schüler füreinander Verständnis haben und sich gegenseitig wertschätzen. Sie haben ein offenes Ohr, gehen auf die Kinder ein, reißen sich oft den Allerwertesten auf, kümmern sich, identifizieren sich. Machen einen guten Job.

Ich will zudem allen Lehrkräften zugute halten, dass es viel zu wenig Personal gibt, dass viele kaum bis gar nicht auf inklusiven Unterricht vorbereitet wurden und heute überfordert sind. Ich möchte denen, wo es nicht läuft, gar keinen bösen Willen unterstellen, das wäre sicherlich nicht korrekt. Aber bei einzelnen der hiesigen Pädagogen gibt es mit Sicherheit eine Gedankenlosigkeit und ein viel zu dickes Fell.

Übel 1: Die Lehrkraft möchte auch ihre Pause haben und sammelt mit dem Beginn der großen Pause alle Hefte ein, schickt die Schüler aus der Klasse und verschwindet. Die Lehrkraft lässt Helena also alleine weiterschreiben. Zum Ende der großen Pause kommen die anderen Schüler wieder rein und sind natürlich alles andere als leise. Die Lehrkraft der Folgestunde beginnt ihren Unterricht und labert rum, malt Tafelbilder, beginnt Dialoge, während Helena immernoch schreibt und sich auf ganz andere Dinge konzentrieren muss. Irgendwann sammelt die Lehrkraft der Folgestunde Helenas Heft im Auftrag ein und reicht es nach der Stunde an die andere Lehrkraft weiter.

Es würde zu weit führen, das hier wissenschaftlich abzuhandeln, aber es lässt sich medizinisch erklären, warum Menschen mit Cerebralparese leichter ablenkbar sind als Menschen ohne Hirnverletzung. Menschen mit Cerebralparese fällt es im Allgemeinen sehr viel schwerer, sich zu fokussieren. In der Folge gelingt es auch unverhältnismäßig schwer, sich zu konzentrieren. Wenn nun im Klassenraum während einer Leistungsüberprüfung Papierflieger geworfen werden, Mitschüler grölend zwischen Tafel und Helenas Tisch oszillieren, allgemein rücksichtslos gequatscht und gelacht wird, dann noch Unterricht, vielleicht in fremder Sprache, stattfindet, fällt es einem nicht eingeschränkten Menschen schon schwer, für sich dieselben Bedingungen auszumachen, die in der Stunde zuvor herrschten. Im Ergebnis hat Helena also nicht dieselben Bedingungen für ihre Klassenarbeit wie die anderen Schüler, sondern ist benachteiligt. Trotz ihres Nachteilsausgleichs.

Übel 2: Die Klassenarbeit wird offiziell auf 70 Minuten angesetzt. Die Klassenarbeit soll also in 70 Minuten schaffbar sein. Mit ihrer Zeitverlängerung kommt Helena nun auf ziemlich genau 90 Minuten. So muss die Lehrkraft niemanden durch die Pause hindurch betreuen. Die Klassenarbeit wird aber nicht nach 70 Minuten eingesammelt, sondern die anderen Schülerinnen und Schüler dürfen „überziehen“ – bekommen also einen Bonus bis zu dem Zeitpunkt, an dem Helena fertig sein muss. Im Ergebnis sind also alle gleichzeitig fertig und Helena hat keine Zeitverlängerung bekommen. Die Klassenarbeit ist auch nicht in 70 Minuten zu schaffen und dieselbe Arbeit war im Schuljahr vorher noch für 90 Minuten angesetzt. Wenn die Lehrkraft allen nun 20 Minuten Bonus gibt, Helena aber nicht, ist Helena benachteiligt. Trotz ihres Nachteilsausgleichs. Helena hat das der Lehrkraft gegenüber als „Taschenspielertrick“ bezeichnet. Der Ausdruck gehört sich natürlich nicht und sie hat sich für diese Wortwahl auch bereits schriftlich entschuldigen müssen. Gleichwohl halte ich an der von ihr beabsichtigten Aussage, einer Benachteiligung durch Schönrechnen, fest. Damit konfrontiert, dass die Lehrkraft Klassenarbeiten zu 90 Minuten schreiben müsse (laut Lehrplan), antwortete sie: „Die Schülerinnen und Schüler durften ja 90 Minuten schreiben.“ – Also mit anderen (meinen) Worten sagt die Lehrkraft damit aus: Nachteilsausgleiche interessieren mich nicht. Oder ich nehme sie zumindest nicht ernst.

Übel 3: Die Klassenarbeit wird in einem Fachraum geschrieben, der per Rollstuhl nur über einen Aufzug erreicht werden kann. Helena ist pünktlich in der Schule, hat auch einen Transponder, um den Aufzug rufen zu können, allerdings kommt der nicht. Der Aufzug sei laut Display fahrbereit, stehe aber im dritten Stock. Alles Klopfen und Rufen hilft nichts in den lauten Gängen, die Mitschülerinnen und Mitschüler wollen schnell an ihren Platz und können leider nicht nach dem Aufzug schauen. Der Schulhausmeister ist unterwegs, die Sekretärin hat erst in 20 Minuten kurz Zeit. Inzwischen hat die Stunde begonnen. Helena lässt also ihren Rollstuhl im Erdgeschoss stehen und klettert mit Rucksack (da ist ja ein wertvoller Laptop drin) auf dem Rücken Stufe für Stufe bis ins dritte Stockwerk hoch, um dort einen verlassenen Putzwagen aus der Lichtschranke zu ziehen, mit dem Aufzug runterzufahren, ihren Rollstuhl zu holen, in den Fachraum zu fahren und dann … am Ende keine Zeitverlängerung mehr zu bekommen. „Wer zu spät kommt, kann nicht noch Vergünstigungen in Anspruch nehmen.“ – Sie traut sich dann nicht zu widersprechen, ist emotional so angespannt, dass sie sich nicht mehr gut konzentrieren kann. Ich habe ihr empfohlen, künftig dann als letzte Zeile zu schreiben: „ZV verweigert, 11:20 Uhr unfertig abgeben müssen.“ – Ich dachte, dass so etwas die Lehrkraft vielleicht zu einem schriftlichen Kommentar verleitet. Nö: Sie malt einen Smiley dahinter.

Übel 4: Es wird ein Vokabeltest geschrieben. Die Lehrkraft diktiert die Vokabeln, die Schülerinnen und Schüler sollen sie auf einen leeren Zettel notieren, Übersetzung dahinter. Anschließend wird eingesammelt. 15 Vokabeln in zehn Minuten. Helena dürfte nun noch fünf Minuten länger schreiben (Mindestverlängerung). Aber die Lehrkraft sammelt alle Zettel ein, Helenas sogar zuerst, weil sie vorne sitzt. Begründung: Bei zwei Stunden mache eine Zeitverlängerung Sinn, drei Minuten hingegen seien ja auf einer analogen Uhr kaum zu erkennen. Während die anderen Schülerinnen und Schüler schon beim Diktieren schnell die Übersetzung dazugeschrieben haben, hat Helena sich darauf konzentriert, alle diktierten Wörter mitzubekommen und möglichst keins auszulassen. Es ist unheimlich schwierig in dem Alter, bewusst eine Lücke zu lassen, um wieder in den Takt zu kommen und nicht ganz zu versanden. Oder sich aktiv zu entscheiden, erst alles mitzuschreiben, vielleicht auch nur ein paar Buchstaben, und dann die Zeitverlängerung zu nutzen, um zu Ende zu ergänzen und zu übersetzen. Tja … die Übersetzungen wurden bewertet, das richtige Mitschreiben nicht. Sie hatte 2 von 15 Punkten. Obwohl sie am Vorabend alle Vokabeln konnte. Und dann stand drunter: „Vokabeln lernen ist eine Fleißarbeit!!“

Ich könnte jetzt noch mehr Beispiele aufzählen. Aber es geht ja nicht darum, anzuklagen. Sondern deutlich zu machen, dass dringendst sensibilisiert werden muss. Und zwar überall.

Ich will noch einmal erwähnen, dass diese Beispiele nicht der Maßstab sind und eine untergeordnete Rolle spielen; trotzdem schafft es aber eine Minderheit, das Positive derer, die sich engagieren, in den Schatten zu stellen. Helena hat nunmal eine Cerebralparese und damit etwas, was derzeit nur einmal an dieser Schule vorkommt. Unser Bildungssystem hat darauf keine adäquate Antwort, sondern behilft sich mit individuellen Sonderregeln. Ich will nicht behaupten, dass ich bessere Antworten kenne. Aber wenn die Zeitverlängerung die Antwort ist, weil erkannt wurde, dass unser Bildungssystem sonst Menschen wie Helena ausgrenzt, dann muss diese Antwort auch verbindlich sein. Sie ist keine Vergünstigung, kein Entgegenkommen, keine Diskussionsgrundlage. Es kann nicht sein, dass eine Dreizehnjährige um ihren gleichberechtigten Zugang zu Bildung kämpfen muss – neben dem ausufernden Lernstoff.

Also ist die Socke mal wieder eskaliert. Hat sich mit Marie, Susi und Otto ausgetauscht und zum persönlichen Gespräch angemeldet. Dieses Mal nicht bei den betroffenen Lehrkräften, sondern die Mail ging an den Jahrgangskoordinator und an den Direktor. Ich bekam sofort einen Termin und das Ergebnis lässt hoffen: Der Schulleiter war sichtlich mitgenommen, hat mehrfach geschluckt. Hat sich bei mir entschuldigt, will sich bei Helena, die bei dem Gespräch aus guten Gründen nicht dabei war, persönlich entschuldigen. Und möchte nun selbst mit den betroffenen Lehrkräften sprechen, wie künftig besser sichergestellt sein kann, dass Helena gleichberechtigt am Unterricht teilnimmt. „Darüber brauchen wir gar nicht weiter reden. Das geht so überhaupt nicht. Ich werde mir jeden Test und jede Klassenarbeit aus dem letzten Halbjahr vorlegen lassen und persönlich anschauen. Ich kann Ihnen schon jetzt sagen, dass dieser Vokabeltest nicht in die Wertung einfließt. Entweder wird der nachgeschrieben oder rausgenommen. Und wir werden intern abstimmen, ob Helena entweder nur jedes zweite Wort mitschreibt und dann am Ende noch drei weitere Worte bekommt; oder ob sie einen Zettel bekommt, auf dem bereits jedes zweite Wort schon steht, oder ähnliches. Das kann ich so nicht aus dem Ärmel schütteln. Aber so geht es nicht weiter.“

Wenigstens ist er jemand, mit dem man wohl reden kann. Er hat mir seine Karte gegeben, er möchte von mir sofort direkt informiert werden, wenn wieder irgendwas passiert. Und die Raumpflege werde ebenfalls sensibilisiert, dass es auch unter den Schülerinnen und Schülern Menschen gibt, die den Aufzug benutzen. „Vermutlich haben die das nicht überlegt.“

Ich habe Hoffnung, dieses dicke Brett heute etwas weiter durchbohrt zu haben. Ich weiß allerdings, dass es nicht mein letzter Besuch in der Schule sein wird.

Missbilligung

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Das Leben in der Gesellschaft kommt nicht ohne Regeln aus. Regeln und vor allem deren Einhaltung sind vor allem wichtig, um die Schwächeren zu schützen und für alle gleiche und faire Bedingungen zu schaffen. Auch in der Schule gibt es viele Regeln, an die sich die Schülerinnen und Schüler halten müssen. Bei Prüfungen sind beispielsweise Täuschungen verboten. Abgucken vom Nachbarn, Spicker im Mäppchen, Handy unter dem Tisch – selbstverständlich alles verboten.

Nach einer nicht-repräsentativen Sockenumfrage unter mehr als 3.000 Menschen gaben über 90% zu, zumindest gelegentlich mal geschummelt zu haben, fast 75% haben mehr gemacht als nur „mal abgeguckt“. Ich selbst habe früher mit viel Herzklopfen und großer Angst, erwischt zu werden, auch mal auf das Papier der Nachbarin geschaut, allerdings immer nur dann, wenn mir zu einer Frage so gar nichts einfiel. Und ich bin zum Glück auch nie erwischt worden.

Anders erging es Helena. Sie hatte sich für einen Englischtest einen Spickzettel geschrieben. Englisch, das einzige Fach, in dem sie eine 4 im Zeugnis hatte, setzt sie ziemlich unter Druck. Sie hatte den Test geschrieben und am Ende, weil sie sich über eine Sache unsicher war, von der sie wusste, dass sie auf ihrem Spicker stand, diesen hervorgeholt und draufgeschaut. Und hat sich dabei erwischen lassen.

Ihr Test wurde natürlich sofort eingesammelt, wobei sie allerdings ja ohnehin bereits fertig war und nur „kontrollieren“ wollte, die Lehrerin war böse und Helena kam mit eingezogenem Kopf aus der Schule. Ich merkte sofort, dass was nicht stimmte, und sie erzählte mir auch sehr rasch davon. Natürlich fand ich es nicht gut, denn die Regeln sind nunmal klar vorgegeben und jede so erzielte Leistung hat keinen Wert. Anders als bei einem sportlichen Wettkampf, bei dem man konkret jemanden schädigt, wird hier allerdings zuerst ein System betrogen, das aus meiner Sicht einiger dringender Reformen bedarf. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich sehe natürlich auch, dass Helena gelernt und sich gut vorbereitet hat. Ich sehe auch, dass sie Regeln kennt, Regeln beachtet und gezielte Versuche unternimmt, Regeln zu brechen. Ich sehe auch, dass sie Eigenverantwortung übernimmt und ein Gewissen hat. Vor allem sehe ich aber, dass sie sich inzwischen auch bei solchen Anlässen nicht in Lügen und Märchen verstrickt, sondern so viel Selbstvertrauen hat, dass sie von sich aus den Blödsinn eingesteht und Verantwortung übernimmt.

„Frau … hat mich beim Schummeln erwischt. Ich hatte einen Spickzettel dabei und bin damit aufgeflogen.“ – Ein Blick aus dem Augenwinkel, wie ich wohl reagieren würde. Ich fragte: „Das hast du gemacht? Was hast du dir denn dabei gedacht?“ – „Ich wollte einfach nur mal eine etwas bessere Leistung dazwischen haben, um nicht immer so viel Druck vor den nächsten Arbeiten zu haben.“

Den Druck macht sie sich selber. Oder das Schulsystem. Marie und ich können mit einer 4 in Englisch leben. Und ich finde ihr gesprochenes Englisch gar nicht so schlecht. Schriftlich ist es nicht ganz so gut wie mündlich, aber es ist jetzt auch nicht wirklich schlecht. Sie macht öfter Fehler, die sie im zweiten Anlauf selbst korrigieren kann. Ich möchte dem eigentlich gar nicht so viel unnötige Aufmerksamkeit geben. Aber Helena sagt: „Aus einer 4 wird schnell mal eine 5. Und die brauche ich nicht auf dem Zeugnis.“

Das Thema war eigentlich erledigt, als wir Post von der Schule bekamen. Aus Anlass ihres Fehlverhaltens mögen wir mit Helena über „durch Täuschungsversuche entstehenden Vertrauensschaden“ sprechen. Und eine „schriftliche Missbilligung“ unterzeichnet zur Schule zurücksenden. Sie bekam also einen blauen Brief nach Hause, einen Tadel – wie es in meiner ersten Schule noch hieß.

Das fand ich nun allerdings reichlich übertrieben. Einen Zettel unterschreiben zu müssen, der dann in der Akte abgeheftet wird? Und überhaupt: Vertrauensschaden? Basieren Klassenarbeiten und Englischtests neuerdings auf Vertrauen? Klar gehört Vertrauen dazu. Wie überall im Leben. Aber über 90% der Menschen haben schonmal geschummelt in der Schule. Und die sind dann alle nicht vertrauenswürdig? Und die Lehrer unter den 90%, die das Vertrauen beanspruchen wollen, sind auch darunter? Nee, Leute, kommt. Falsches Verhalten, ja. Aber schriftlicher Verweis wegen so einer Sache? Das ist überzogen.

Also habe ich der Englischlehrerin gemailt, dass ich das nicht unterzeichnen werde und um ein Gespräch bitte. Gleich am nächsten Morgen in der dritten Stunde traf ich mich mit ihr in der Schule. Helenas Klassenlehrerin kam auch dazu. Selbstverständlich hatte ich mit Helena darüber gesprochen. Ich fände es sehr schlimm, wenn sie mich da sehen würde, ohne zu wissen, was ich da wollte. Und meine Vermutung, dass das Gespräch zunächst ohne Helena stattfinden würde, bestätigte sich gleich.

Die Englischlehrerin drehte erstmal ziemlich auf und begann, mich über meine elterlichen Pflichten zu unterrichten. Dazu gehöre nicht, die pädagogischen Maßnahmen der Schule zu kritisieren oder zu kommentieren, sondern sie zur Kenntnis zu nehmen. Dazu brauchte ich gar nichts erwidern, weil die Klassenlehrerin sofort einschritt: „Frau Kollegin, ich finde schon, dass wir unser Verhalten auch immer überprüfen lassen dürfen. Und auch Eltern dürfen immer einen Anstoß dazu geben.“

Danke. Der nächste Hammer: Helena werden wegen ihrer körperlichen Einschränkung einige Sonderregeln, sogenannte Nachteilsausgleiche, zugestanden. Wie beispielsweise eine Zeitverlängerung, da sie im Vergleich zu nicht eingeschränkten Schülerinnen und Schülern langsamer schreibt. Die Englischlehrerin meinte allen Ernstes: Wenn Helena von Regelerleichterungen profitiere, sei es eine doppelte Ohrfeige, wenn sie diese Regeln, die ihr einen Bonus verschafften, mit Füßen treten würde.

Bonus? Ernsthaft? Mir platzte echt der Kragen: „Wenn vor einem Pflegeheim die Fußgängerampel nur sechs Sekunden grün zeigt, so dass selbst fitte Fußgänger fast sprinten müssen, um rechtzeitig auf die andere Seite zu gelangen, und man dann wegen des Pflegeheims die Phase auf 12 Sekunden verlängert: Zahlen dann alle Senioren ab 65 doppeltes Bußgeld, wenn sie noch schnell bei Rot mit ihrem Rollator über die Straße hüpfen und dabei vielleicht noch den moralischen Umstand ausnutzen, dass kein Autofahrer sich traut, gebrechliche Menschen anzuhupen?“

Die Englischlehrerin holte Luft, aber die Klassenlehrerin war schneller und vermittelte gleich: „Frau Socke hat Recht. Was Frau [Englischlehrerin] meint: Helena, die Nachteilsausgleiche in Anspruch nimmt, weiß einmal mehr, wie wichtig fair erreichte Leistungen sind. Da wirkt es besonders, wenn sie dann wissentlich die Regeln bricht, nachdem sie für mehr Fairness gekämpft hat.“

Ich antwortete: „Mit Verlaub, das sehe ich etwas anders. Jeder, der in der Schule schummelt, weiß, dass er eine Regel übertritt. Manche Menschen kalkulieren sogar einen Regelübertritt. Wenn der Handwerker auf der Autobahn schneller fährt, weil er sich ausrechnet, dass 35 Euro Verwarngeld günstiger sind als ein verlorener Auftrag. Wenn der Sportler ein taktisches Foul macht, um einen neuen Einwurf zu provozieren. Es gibt sicherlich noch Dutzende Beispiele. Wie verwerflich und unfair ein Regelübertritt ist, bemisst sich nicht daran, wie sehr jemand um seine Rechte kämpfen musste und wie rechtskundig jemand durch diesen Kampf geworden ist. Sondern im Sinne der Gleichbehandlung bitte an Faktoren, die für alle gleichermaßen gelten. Wie beispielsweise die Moral.“

Darauf die Englischlehrerin: „Moral, da sagen Sie was. Ich kann nicht auf der einen Seite die Moral für mich in Anspruch nehmen, mit der die Gesellschaft meine Behinderung respektiert, und auf der anderen Seite die Moral mit Füßen treten.“ – Ich reagiere ja höchst allergisch auf eine Haltung, mit der jemand für zuerkannte Rechte (wie Parken auf Behindertenparkplätzen oder ermäßigten Eintritt für Menschen im Rollstuhl) Dankbarkeit erwartet. Diese Rechte sind meistens hart erkämpft worden, und meistens gleichen Sie einen Missstand aus, von dem derjenige, der die (meistens auch noch persönliche) Dankbarkeit erwartet, oft gar keinen Schimmer hat.

Auch das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen: „Eine Beeinträchtigung zu respektieren hat doch nichts mit Moral oder Anstand zu tun. Es nicht zu tun und jemanden zu behindern, beispielsweise mit der Forderung nach gleich schneller Erledigung einer geistigen Aufgabe, für die jemand aufgrund einer körperlichen Beeinträchtigung mehr Zeit braucht, wäre ein moralisches Problem. Unser Bildungssystem reagiert auf seine eigenen Schwächen und die daraus entstehenden Benachteiligungen inzwischen mit Nachteilsausgleichen. Sie sind ein Instrument, das rechtlich bindend ist und keine Almosen. Es gleicht eine Benachteiligung aus, die erst durch dieses System entstanden ist.“ – „Sie drehen sich die Welt gerne ein wenig zurecht, oder?“

Bevor ich darauf antworten konnte, und mir lag etwas Passendes auf der Zunge, unterbrach die Klassenlehrerin: „Frau Kollegin, ich mache den Vorschlag, dass wir es dabei belassen, dass für Helena dieselben Rechte gelten wie für alle anderen Schülerinnen und Schüler. Und ich würde vorschlagen, dass wir Helena einmal zu uns holen und ihre Meinung hören. Und wir sollten alle nicht vergessen, dass es sich nur um einen Spickzettel handelt.“ – Die Englischlehrerin antwortete: „‚Nur‘ ist gut. Es ist eine Täuschung, ein Betrug.“ – „Ja, Frau Kollegin, aber auf der Skala der vorstellbaren Schülerdelikte ist es eher eine Kleinigkeit als ein Kapitalverbrechen, da sind wir uns doch einig, oder?“

Die Klassenlehrerin ging Helena holen. Ich dachte mir, ich gehe mir in der Zwischenzeit mal die Hände waschen. Schließlich hatte ich nur wenig Lust, das zu zweit noch weiter auszudiskutieren. Besser wäre wohl, wenn alle ein wenig runterfahren. Nach dem Händewaschen wartete ich draußen auf dem Flur, bis die Klassenlehrerin mit Helena wiederkam.

Helena sagte: „Also, was ich dazu sagen möchte: Ich habe Blödsinn gebaut, es war nicht okay. Ich habe vorher gewusst, dass es nicht okay ist, und ich weiß es jetzt auch. Ich habe geschummelt, ich bin erwischt worden, ich muss die Konsequenzen tragen. Ich weiß, dass es das nicht besser macht, aber ich möchte auch sagen, dass ich den Test geschrieben habe, ohne auf den Zettel zu schauen. Ich habe ihn erst am Ende rausgeholt, weil ich mir bei einer Sache unsicher war. Und dabei wurde ich dann erwischt. Ich habe mich tierisch erschrocken, alle haben geguckt, ich musste das zu Hause erzählen, mein Plan, etwas mehr Abstand zur Fünf zu bekommen, war falsch, und jetzt ist alles richtig Scheiße.“

Die Englischlehrerin machte eine Geste, aus der man ein mitleidloses „selbst Schuld“ ablesen könnte. Ich habe sie echt gefressen, wenn ich das mal so sagen darf. Und das Schuljahr ist noch jung. Die Klassenlehrerin sagte: „Das bedeutet aber, dass es sich nicht um eine Täuschung, sondern um einen Täuschungsversuch gehandelt hat. Wir haben also eine Leistung, die bewertbar ist, weil klar ist, wann das Täuschungsmittel eingesetzt werden sollte. Wenn ich das richtig verstanden habe. Und was meinst du mit ‚Abstand zur Fünf‘, Helena? Stehst du in Englisch auf Fünf? Frau Kollegin, können Sie da mal …“

„Die letzte Zeugnisnote war eine Vierplus. Stand eine Vier im Zeugnis. Aktuell steht sie mündlich auf Zweiminus und schriftlich auf glatt Vier. Nach dem Test wohl auf schriftlich Fünf.“ – „Frau Kollegin, das ist doch noch gar nicht raus. Wir wollen doch eine Lösung finden.“ – Ich sagte: „Ich möchte einfach die Verhältnismäßigkeit bewahren. Ich finde eine schriftliche Missbilligung unangemessen. Ich denke, dass eine mündliche Rüge völlig ausreichend ist und dass man auch den Test bis zum Zeitpunkt der Täuschung bewerten kann. Oder ihr vielleicht aufgibt, eine Hausarbeit zu schreiben, damit sie sich noch intensiver mit dem Stoff, den sie vielleicht noch nicht beherrscht, auseinandersetzt.“

Die Klassenlehrerin sagte: „Das wäre doch immerhin eine Möglichkeit.“ – „Frau Kollegin, meinen Sie, dass Sie damit erreichen, dass Helena künftig nicht mehr bei Leistungsnachweisen täuscht?“ – Ich fand es in Gegenwart von Helena völlig unangemessen und fuhr ihr gleich in die Parade: „Das erreichen Sie mit einer schriftlichen Missbilligung auch nicht. Sie wird doch dadurch kein anderer Mensch. Soll sie jetzt versprechen, dass sie bis zum Abi nicht mehr schummelt?“ – Helena guckte mich mit großen Augen an.

Am Ende einigten wir uns auf eine mündliche Verwarnung. Der Test wird gewertet (und war mit einer Drei gar nicht so schlecht). Die Sache ist vom Tisch. Helena und ihre Englischlehrerin haben sich die Hand gegeben und sie hat von sich aus gesagt, dass sie Helenas „Übertretung“ damit jetzt vergisst, alle sind glücklich, aber Popcorn gab es keins. Das muss ich uns noch kaufen.