Missbilligung

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Das Leben in der Gesellschaft kommt nicht ohne Regeln aus. Regeln und vor allem deren Einhaltung sind vor allem wichtig, um die Schwächeren zu schützen und für alle gleiche und faire Bedingungen zu schaffen. Auch in der Schule gibt es viele Regeln, an die sich die Schülerinnen und Schüler halten müssen. Bei Prüfungen sind beispielsweise Täuschungen verboten. Abgucken vom Nachbarn, Spicker im Mäppchen, Handy unter dem Tisch – selbstverständlich alles verboten.

Nach einer nicht-repräsentativen Sockenumfrage unter mehr als 3.000 Menschen gaben über 90% zu, zumindest gelegentlich mal geschummelt zu haben, fast 75% haben mehr gemacht als nur „mal abgeguckt“. Ich selbst habe früher mit viel Herzklopfen und großer Angst, erwischt zu werden, auch mal auf das Papier der Nachbarin geschaut, allerdings immer nur dann, wenn mir zu einer Frage so gar nichts einfiel. Und ich bin zum Glück auch nie erwischt worden.

Anders erging es Helena. Sie hatte sich für einen Englischtest einen Spickzettel geschrieben. Englisch, das einzige Fach, in dem sie eine 4 im Zeugnis hatte, setzt sie ziemlich unter Druck. Sie hatte den Test geschrieben und am Ende, weil sie sich über eine Sache unsicher war, von der sie wusste, dass sie auf ihrem Spicker stand, diesen hervorgeholt und draufgeschaut. Und hat sich dabei erwischen lassen.

Ihr Test wurde natürlich sofort eingesammelt, wobei sie allerdings ja ohnehin bereits fertig war und nur „kontrollieren“ wollte, die Lehrerin war böse und Helena kam mit eingezogenem Kopf aus der Schule. Ich merkte sofort, dass was nicht stimmte, und sie erzählte mir auch sehr rasch davon. Natürlich fand ich es nicht gut, denn die Regeln sind nunmal klar vorgegeben und jede so erzielte Leistung hat keinen Wert. Anders als bei einem sportlichen Wettkampf, bei dem man konkret jemanden schädigt, wird hier allerdings zuerst ein System betrogen, das aus meiner Sicht einiger dringender Reformen bedarf. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich sehe natürlich auch, dass Helena gelernt und sich gut vorbereitet hat. Ich sehe auch, dass sie Regeln kennt, Regeln beachtet und gezielte Versuche unternimmt, Regeln zu brechen. Ich sehe auch, dass sie Eigenverantwortung übernimmt und ein Gewissen hat. Vor allem sehe ich aber, dass sie sich inzwischen auch bei solchen Anlässen nicht in Lügen und Märchen verstrickt, sondern so viel Selbstvertrauen hat, dass sie von sich aus den Blödsinn eingesteht und Verantwortung übernimmt.

„Frau … hat mich beim Schummeln erwischt. Ich hatte einen Spickzettel dabei und bin damit aufgeflogen.“ – Ein Blick aus dem Augenwinkel, wie ich wohl reagieren würde. Ich fragte: „Das hast du gemacht? Was hast du dir denn dabei gedacht?“ – „Ich wollte einfach nur mal eine etwas bessere Leistung dazwischen haben, um nicht immer so viel Druck vor den nächsten Arbeiten zu haben.“

Den Druck macht sie sich selber. Oder das Schulsystem. Marie und ich können mit einer 4 in Englisch leben. Und ich finde ihr gesprochenes Englisch gar nicht so schlecht. Schriftlich ist es nicht ganz so gut wie mündlich, aber es ist jetzt auch nicht wirklich schlecht. Sie macht öfter Fehler, die sie im zweiten Anlauf selbst korrigieren kann. Ich möchte dem eigentlich gar nicht so viel unnötige Aufmerksamkeit geben. Aber Helena sagt: „Aus einer 4 wird schnell mal eine 5. Und die brauche ich nicht auf dem Zeugnis.“

Das Thema war eigentlich erledigt, als wir Post von der Schule bekamen. Aus Anlass ihres Fehlverhaltens mögen wir mit Helena über „durch Täuschungsversuche entstehenden Vertrauensschaden“ sprechen. Und eine „schriftliche Missbilligung“ unterzeichnet zur Schule zurücksenden. Sie bekam also einen blauen Brief nach Hause, einen Tadel – wie es in meiner ersten Schule noch hieß.

Das fand ich nun allerdings reichlich übertrieben. Einen Zettel unterschreiben zu müssen, der dann in der Akte abgeheftet wird? Und überhaupt: Vertrauensschaden? Basieren Klassenarbeiten und Englischtests neuerdings auf Vertrauen? Klar gehört Vertrauen dazu. Wie überall im Leben. Aber über 90% der Menschen haben schonmal geschummelt in der Schule. Und die sind dann alle nicht vertrauenswürdig? Und die Lehrer unter den 90%, die das Vertrauen beanspruchen wollen, sind auch darunter? Nee, Leute, kommt. Falsches Verhalten, ja. Aber schriftlicher Verweis wegen so einer Sache? Das ist überzogen.

Also habe ich der Englischlehrerin gemailt, dass ich das nicht unterzeichnen werde und um ein Gespräch bitte. Gleich am nächsten Morgen in der dritten Stunde traf ich mich mit ihr in der Schule. Helenas Klassenlehrerin kam auch dazu. Selbstverständlich hatte ich mit Helena darüber gesprochen. Ich fände es sehr schlimm, wenn sie mich da sehen würde, ohne zu wissen, was ich da wollte. Und meine Vermutung, dass das Gespräch zunächst ohne Helena stattfinden würde, bestätigte sich gleich.

Die Englischlehrerin drehte erstmal ziemlich auf und begann, mich über meine elterlichen Pflichten zu unterrichten. Dazu gehöre nicht, die pädagogischen Maßnahmen der Schule zu kritisieren oder zu kommentieren, sondern sie zur Kenntnis zu nehmen. Dazu brauchte ich gar nichts erwidern, weil die Klassenlehrerin sofort einschritt: „Frau Kollegin, ich finde schon, dass wir unser Verhalten auch immer überprüfen lassen dürfen. Und auch Eltern dürfen immer einen Anstoß dazu geben.“

Danke. Der nächste Hammer: Helena werden wegen ihrer körperlichen Einschränkung einige Sonderregeln, sogenannte Nachteilsausgleiche, zugestanden. Wie beispielsweise eine Zeitverlängerung, da sie im Vergleich zu nicht eingeschränkten Schülerinnen und Schülern langsamer schreibt. Die Englischlehrerin meinte allen Ernstes: Wenn Helena von Regelerleichterungen profitiere, sei es eine doppelte Ohrfeige, wenn sie diese Regeln, die ihr einen Bonus verschafften, mit Füßen treten würde.

Bonus? Ernsthaft? Mir platzte echt der Kragen: „Wenn vor einem Pflegeheim die Fußgängerampel nur sechs Sekunden grün zeigt, so dass selbst fitte Fußgänger fast sprinten müssen, um rechtzeitig auf die andere Seite zu gelangen, und man dann wegen des Pflegeheims die Phase auf 12 Sekunden verlängert: Zahlen dann alle Senioren ab 65 doppeltes Bußgeld, wenn sie noch schnell bei Rot mit ihrem Rollator über die Straße hüpfen und dabei vielleicht noch den moralischen Umstand ausnutzen, dass kein Autofahrer sich traut, gebrechliche Menschen anzuhupen?“

Die Englischlehrerin holte Luft, aber die Klassenlehrerin war schneller und vermittelte gleich: „Frau Socke hat Recht. Was Frau [Englischlehrerin] meint: Helena, die Nachteilsausgleiche in Anspruch nimmt, weiß einmal mehr, wie wichtig fair erreichte Leistungen sind. Da wirkt es besonders, wenn sie dann wissentlich die Regeln bricht, nachdem sie für mehr Fairness gekämpft hat.“

Ich antwortete: „Mit Verlaub, das sehe ich etwas anders. Jeder, der in der Schule schummelt, weiß, dass er eine Regel übertritt. Manche Menschen kalkulieren sogar einen Regelübertritt. Wenn der Handwerker auf der Autobahn schneller fährt, weil er sich ausrechnet, dass 35 Euro Verwarngeld günstiger sind als ein verlorener Auftrag. Wenn der Sportler ein taktisches Foul macht, um einen neuen Einwurf zu provozieren. Es gibt sicherlich noch Dutzende Beispiele. Wie verwerflich und unfair ein Regelübertritt ist, bemisst sich nicht daran, wie sehr jemand um seine Rechte kämpfen musste und wie rechtskundig jemand durch diesen Kampf geworden ist. Sondern im Sinne der Gleichbehandlung bitte an Faktoren, die für alle gleichermaßen gelten. Wie beispielsweise die Moral.“

Darauf die Englischlehrerin: „Moral, da sagen Sie was. Ich kann nicht auf der einen Seite die Moral für mich in Anspruch nehmen, mit der die Gesellschaft meine Behinderung respektiert, und auf der anderen Seite die Moral mit Füßen treten.“ – Ich reagiere ja höchst allergisch auf eine Haltung, mit der jemand für zuerkannte Rechte (wie Parken auf Behindertenparkplätzen oder ermäßigten Eintritt für Menschen im Rollstuhl) Dankbarkeit erwartet. Diese Rechte sind meistens hart erkämpft worden, und meistens gleichen Sie einen Missstand aus, von dem derjenige, der die (meistens auch noch persönliche) Dankbarkeit erwartet, oft gar keinen Schimmer hat.

Auch das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen: „Eine Beeinträchtigung zu respektieren hat doch nichts mit Moral oder Anstand zu tun. Es nicht zu tun und jemanden zu behindern, beispielsweise mit der Forderung nach gleich schneller Erledigung einer geistigen Aufgabe, für die jemand aufgrund einer körperlichen Beeinträchtigung mehr Zeit braucht, wäre ein moralisches Problem. Unser Bildungssystem reagiert auf seine eigenen Schwächen und die daraus entstehenden Benachteiligungen inzwischen mit Nachteilsausgleichen. Sie sind ein Instrument, das rechtlich bindend ist und keine Almosen. Es gleicht eine Benachteiligung aus, die erst durch dieses System entstanden ist.“ – „Sie drehen sich die Welt gerne ein wenig zurecht, oder?“

Bevor ich darauf antworten konnte, und mir lag etwas Passendes auf der Zunge, unterbrach die Klassenlehrerin: „Frau Kollegin, ich mache den Vorschlag, dass wir es dabei belassen, dass für Helena dieselben Rechte gelten wie für alle anderen Schülerinnen und Schüler. Und ich würde vorschlagen, dass wir Helena einmal zu uns holen und ihre Meinung hören. Und wir sollten alle nicht vergessen, dass es sich nur um einen Spickzettel handelt.“ – Die Englischlehrerin antwortete: „‚Nur‘ ist gut. Es ist eine Täuschung, ein Betrug.“ – „Ja, Frau Kollegin, aber auf der Skala der vorstellbaren Schülerdelikte ist es eher eine Kleinigkeit als ein Kapitalverbrechen, da sind wir uns doch einig, oder?“

Die Klassenlehrerin ging Helena holen. Ich dachte mir, ich gehe mir in der Zwischenzeit mal die Hände waschen. Schließlich hatte ich nur wenig Lust, das zu zweit noch weiter auszudiskutieren. Besser wäre wohl, wenn alle ein wenig runterfahren. Nach dem Händewaschen wartete ich draußen auf dem Flur, bis die Klassenlehrerin mit Helena wiederkam.

Helena sagte: „Also, was ich dazu sagen möchte: Ich habe Blödsinn gebaut, es war nicht okay. Ich habe vorher gewusst, dass es nicht okay ist, und ich weiß es jetzt auch. Ich habe geschummelt, ich bin erwischt worden, ich muss die Konsequenzen tragen. Ich weiß, dass es das nicht besser macht, aber ich möchte auch sagen, dass ich den Test geschrieben habe, ohne auf den Zettel zu schauen. Ich habe ihn erst am Ende rausgeholt, weil ich mir bei einer Sache unsicher war. Und dabei wurde ich dann erwischt. Ich habe mich tierisch erschrocken, alle haben geguckt, ich musste das zu Hause erzählen, mein Plan, etwas mehr Abstand zur Fünf zu bekommen, war falsch, und jetzt ist alles richtig Scheiße.“

Die Englischlehrerin machte eine Geste, aus der man ein mitleidloses „selbst Schuld“ ablesen könnte. Ich habe sie echt gefressen, wenn ich das mal so sagen darf. Und das Schuljahr ist noch jung. Die Klassenlehrerin sagte: „Das bedeutet aber, dass es sich nicht um eine Täuschung, sondern um einen Täuschungsversuch gehandelt hat. Wir haben also eine Leistung, die bewertbar ist, weil klar ist, wann das Täuschungsmittel eingesetzt werden sollte. Wenn ich das richtig verstanden habe. Und was meinst du mit ‚Abstand zur Fünf‘, Helena? Stehst du in Englisch auf Fünf? Frau Kollegin, können Sie da mal …“

„Die letzte Zeugnisnote war eine Vierplus. Stand eine Vier im Zeugnis. Aktuell steht sie mündlich auf Zweiminus und schriftlich auf glatt Vier. Nach dem Test wohl auf schriftlich Fünf.“ – „Frau Kollegin, das ist doch noch gar nicht raus. Wir wollen doch eine Lösung finden.“ – Ich sagte: „Ich möchte einfach die Verhältnismäßigkeit bewahren. Ich finde eine schriftliche Missbilligung unangemessen. Ich denke, dass eine mündliche Rüge völlig ausreichend ist und dass man auch den Test bis zum Zeitpunkt der Täuschung bewerten kann. Oder ihr vielleicht aufgibt, eine Hausarbeit zu schreiben, damit sie sich noch intensiver mit dem Stoff, den sie vielleicht noch nicht beherrscht, auseinandersetzt.“

Die Klassenlehrerin sagte: „Das wäre doch immerhin eine Möglichkeit.“ – „Frau Kollegin, meinen Sie, dass Sie damit erreichen, dass Helena künftig nicht mehr bei Leistungsnachweisen täuscht?“ – Ich fand es in Gegenwart von Helena völlig unangemessen und fuhr ihr gleich in die Parade: „Das erreichen Sie mit einer schriftlichen Missbilligung auch nicht. Sie wird doch dadurch kein anderer Mensch. Soll sie jetzt versprechen, dass sie bis zum Abi nicht mehr schummelt?“ – Helena guckte mich mit großen Augen an.

Am Ende einigten wir uns auf eine mündliche Verwarnung. Der Test wird gewertet (und war mit einer Drei gar nicht so schlecht). Die Sache ist vom Tisch. Helena und ihre Englischlehrerin haben sich die Hand gegeben und sie hat von sich aus gesagt, dass sie Helenas „Übertretung“ damit jetzt vergisst, alle sind glücklich, aber Popcorn gab es keins. Das muss ich uns noch kaufen.

Endlich Ferien

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Vor einem halben Jahr war es schon ein kleines Drama. Der letzte Zeugnisausgabetag war für Helena sehr aufwühlend, obwohl Marie und ich nie Druck gemacht hatten. Nachgewirkt hatte offenbar das unmögliche Verhalten der früheren Pflegeeltern, die offenbar ihre Ziele ausschließlich durch Bestrafung ereichen wollten. Das ist so sehr eingebrannt, dass Helena auch an diesem Morgen völlig in sich gekehrt am Frühstückstisch saß. Inzwischen konnten wir es ja bereits einordnen. Allerdings gefiel es mir nicht, denn die Stimmung wird nicht heute morgen, sondern schon viel früher umgeschlagen sein.

Ich muss sagen, dass ich mir früher nie großartige Gedanken darüber gemacht habe, wie ich wohl eines Tages ein Kind begleiten könnte. Die Kinder und Jugendlichen, die jünger als ich waren und mit denen ich bis dahin zu tun hatte, habe ich immer nur ernst genommen und mit Respekt behandelt. Das fand ich schon damals wichtig. Heute hat sich daran nichts geändert. Hinzu gekommen ist, dass ich glaube, dass Kindern und Jugendlichen klare Positionen und klare Grenzen brauchen. Und zwar auch als Feedback zu ihrem Verhalten und ihren Ideen. Aber auch das ändert nichts am Ernst nehmen und Respekt aufbringen.

Was gar nicht geht, ist Angst. Kinder, die nicht mehr lachen, sondern beten und Gott bitten, etwas besser zu machen. Die sich nicht mehr trauen, Fehler zu machen oder eigene Wege zu gehen, die sich später als unglücklich oder ungünstig herausstellen. An der Anzahl der Wörter, die sie morgens sprach, an dem fehlenden Blickkontakt und an der innerlichen Anspannung merkte ich, wie sehr sie unter Strom stand. Ich bat ihr meinen Schoß an. Sie kam dieses Mal sofort, setzte sich, umarmte mich, und fing zu weinen an. „Mach dir nicht solchen Stress, Helena. Ein Zeugnis entscheidet nicht darüber, wie sehr du gemocht und geliebt wirst. Es entscheidet nur darüber, ob du vielleicht künftig in einem Fach Unterstützung brauchst, um die als ‚wichtig‘ definierten Inhalte zu verstehen. Hast du vor irgendeiner Sache besondere Angst oder ist es nur dieser offizielle Anlass, der dich so unter Druck setzt?“

„Es sind die Erinnerungen. Immer, wenn ich daran denke, dass ich ein Zeugnis bekomme, denke ich automatisch daran, wie schlimm diese Tage früher waren.“ – „Kannst du diesen Tag heute als Indikator sehen, was sich in deinem Leben im letzten Jahr verändert hat?“ – „Ich muss automatisch immer wieder daran denken, was gewesen ist, und dann möchte ich mir am liebsten Augen und Ohren zuhalten und mich irgendwo verstecken.“ – „Möchtest du zu Hause bleiben und wir fahren später gemeinsam zur Schule und holen dein Zeugnis aus dem Sekretariat ab?“ – „Nee, bloß nicht. Ich muss da jetzt durch. Herr [Therapeut] sagt, wenn das kalte Wasser irgendwie auszuhalten ist, ist es am besten, einmal die Zähne zusammen zu beißen. Immer schauen, wie ich notfalls schnell raus komme. Aber sonst die Chance nutzen, sich daran zu gewöhnen, die Angst abzustreifen und mit gutem Gefühl wieder rauszuklettern. Und das mache ich jetzt und höre auf zu heulen, sonst fragt mich jeder, warum ich mit so einem Matschgesicht zur Schule komme“, sagte sie und kletterte von meinem Schoß.

Als sie mittags nach Hause kam, legte sie sofort ihr Zeugnis auf den Tisch. Da ich wusste, wie sehr sie unter Strom stand, sah ich es mir sofort an. Deutsch 3, Mathematik 2, Englisch 4, Biologie 2, Physik 2, Geschichte 1, Geographie 3, Religion 2, Kunst 3, Musik 2, Sport 1, Spanisch 2. Noten auf der gymnasialen Anforderungsebene. Also, bis auf Religion, alles wie im Halbjahr zuvor. Auch die Beurteilung des Lern- und Sozialverhaltens war dieselbe. Aber: „Versäumnisse 12 Stunden, davon unentschuldigt: 0 Stunden. Verspätungen: 0“.

Im letzten Jahr waren es zehn unentschuldigte Fehlstunden, weil sie zwei Mal geschwänzt hatte, ohne uns davon zu erzählen. Die entschuldigten Stunden waren jetzt kränk und Jugendamt. Marie sprach sie drauf an: „Wie jetzt … gar nicht blau gemacht dieses Halbjahr?“ – „Nö.“ – „Wie kommt’s?“ – „Naja, wenn ich zwei Tage schwänzen darf, ist der Druck ja weg. Außerdem brauchte ich den Eintrag im Zeugnis, um von meinen schlechten Noten abzulenken. Aber da irgendwie keiner meine Noten schlecht findet, muss ich von denen auch nicht ablenken. Klingt unlogisch, oder?“ – „Ja, weil du keine schlechten Noten hast, von denen du ablenken müsstest.“ – „Ich hätte mich über eine 3 in Englisch gefreut. Nach 5, 3, 3 und 3 hätte das eigentlich drin sein können.“ – „Helena, eine Vier ist ausreichend. Alles darüber ist schön.“ – „Ich möchte da aber eine 3.“ – „Nächstes Halbjahr gibst du nochmal Gas, und dann klappt das schon.“ – „Wenn da jetzt eine Fünf gestanden hätte, welche Folgen hätte das für mich gehabt?“ – „Hm. Gutschein über Nachhilfe? Keine Ahnung. Was hättest du dir dann gewünscht?“ – „Das ihr mich trotzdem lieb habt.“

Es. Geht. Einfach. Nicht. Aus. Ihr. Raus. Noch nicht. Aber erstmal: Endlich Ferien.

Klassenfahrt

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Seit heute ist Helena wieder da. Am Mittwoch war sie mit ihrer Klasse nach Bayern gefahren. Auf Klassenfahrt. Zusammen mit einer Parallelklasse. Und vier Lehrkräften. Diejenige Lehrkraft, mit der wir vorher alles besprochen haben, war kurzfristig nicht dabei. Als ich Helena am Mittwoch zum Bahnhof brachte, hieß es, dass die eine Lehrerin „sich mit dem Fahrrad gemault“ hätte und mit Gipsarm nicht arbeitsfähig sei. Natürlich erfuhren wir das erst bei Abfahrt.

Ich will ja nicht immer nur meckern, zumal Helena die Klassenfahrt sehr gut gefallen hat. Andererseits finde ich aber auch, dass es nicht sein kann, dass Menschen mit Behinderung ständig Maxima an Toleranz, Geduld, Aufgeklärtheit, Milde, Wohlwollen, Freundlichkeit, Hinnahme und Opferbereitschaft abverlangt werden. Insbesondere, wenn dieser Mensch noch ein Kind oder eine Jugendliche ist.

Ich hätte nämlich schon wieder im Strahl kotzen können, als sich herausstellte, dass im Zug die Reservierungen in Verbindung mit dem Gruppenfahrschein so gebucht wurden, dass alle im selben Großraumwagen sitzen würden. Alle bis auf Helena. Sie sollte auf dem Rollstuhl-Stellplatz untergebracht werden. So hatte sie ihren Platz in Wagen 9, alle anderen in Wagen 3. Ich verstehe ja, dass ein Lehrer damit überfordert ist, und ich verstehe auch, dass für Gruppenreservierungen bestimmte Platzkontingente vorgesehen sind. Ich verstehe auch, dass das schief geht, wenn das jemand noch nie gemacht hat. Ich verstehe aber nicht, dass die Lehrkraft mit mir im Austausch ist und das überhaupt nicht thematisiert. Also es vermutlich gar nicht auf dem Schirm hat.

Und ich schreibe das auch einer Überforderung zu, wenn dann der Lehrer auf meinen Einwand Helena fragt, ob es ihr was ausmache, alleine zu sitzen. Helena antwortete nicht, entsprechend habe ich dann höflich gesagt: „Ich glaube nicht, dass Helena das einfordern muss. Schon die Aussicht, mit dem Wunsch erhebliche Unruhe zu stiften, ist wohl keine gute Basis für diese Diskussion.“ – Der Kragen platzte mir aber dennoch nach seiner Antwort. Grinsend fragte er mich, und ich glaube, es sollte ein Spaß sein: „Also stiften Sie dann jetzt stellvertretend für Helena Unruhe?“

Ich antwortete schnippisch: „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?! Also ich hoffe nicht, dass ich das muss.“ – Am Ende durfte Kiara bei ihr sitzen. Am Nachmittag bekamen Marie und ich eine Kurznachricht: Sie habe sich durchsetzen müssen, nicht im Einzelzimmer untergebracht zu werden, während der Rest in Vierer- und Sechserzimmern pennt. Man hatte für sie ein barrierefreies Zimmer gebucht. Alleine. Die Lehrkraft meinte, an der Zimmerbelegung sei nichts mehr zu ändern, woraufhin die Klassensprecherin der Nachbarklasse (!) die Leitung der Jugendherberge aufgesucht habe. Die machte das -im Gegensatz zu den Lehrern- wohl nicht zum ersten Mal. Sie trat mit dem Angebot, die Zimmerbelegung kurzfristig zu ändern, an die Lehrer heran. Das Problem war: Der Rollstuhl durfte nicht in anderen Zimmern und nicht im Gang stehen. Damit im Evakuierungsfall niemand darüber fällt und damit ihn keiner klaut oder damit durch die Gänge heizt. Am Ende wurden einfach weitere Leute mit in das barrierefreie Zimmer gelegt. Was die Lehrer zuerst nicht wollten, weil das in einem anderen Flur lag als der Rest der Klassen. Ich nehme an, das war auch der Grund, warum das nicht gleich anders gebucht wurde. Ich sehe mich schon auf dem nächsten Elternabend noch einen Impulsvortrag über gleichberechtigte Teilhabe halten.

Ich dachte mir so: So weitläufig wird das Gebäude jawohl nicht sein, dass die Lehrer Wanderstiefel brauchen, um bei der abendlichen Kontrollrunde auch einmal in einen anderen Gang zu gehen. Von einem Mitschüler kam der Spruch, dass wegen „einer Behinderten wieder alles aufgemischt wird, nur weil sie nicht im Stehen pinkeln kann“, was Helena mit „F*ck dich“ und ein weiterer Mitschüler mit „Spar die solche Sprüche, sonst pinkelst du die nächsten Tage gar nicht mehr“ kommentiert hat. Anstatt sich zuerst den ersten Idioten zur Brust zu nehmen, wurden der zweite Schüler wegen indirekter Gewaltandrohung und Helena wegen sexualisierter Sprache sanktioniert. Dass die Lehrer mit diesen zahlreichen nachbesserungsbedürftigen und halbherzigen Vorbereitungen die Gruppe spalten, muss wohl nochmal erklärt werden.

Ich glaube, mit Helena werden wir noch unseren Spaß haben. Sie sollte schriftlich über eine Seite erklären, warum sexualisierte Sprache nicht tolerierbar ist. Sie hat dann geantwortet, dass sie aufgrund ihrer Behinderung jede Schularbeit am Laptop anfertigen dürfe, ein solcher aber nicht vor Ort sei. Das ist zwar sehr frech, aber genau nach meinem Geschmack. Ich habe heute gelesen, was Helena und ihr „Gewalt androhender“ Mitschüler gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich zitiere: „Die Gesellschaft und jeder Einzelne [haben] das Recht, nicht mit sexualisierter Sprache belästigt zu werden. Das Recht möchte ich auch für mich. Wenn mein Recht nicht respektiert wird, darf ich mich aber wehren. Ein Subjekt, das selbst übergriffige Sprache benutzt, hat nicht mehr das Recht, weil [es] selbst bereits auf dieser Ebene ist und nicht fordern kann, dass ihm da niemand begegnet. Es kommt immer wieder vor, dass […] gegen mich mit Sprache übergriffig ist. Dagegen sollten die Lehrer auch etwas tun und nicht nur die bestrafen, die sich wehren!“

Es war aber nicht alles schlecht, sondern es sei überwiegend toll gewesen. Und die Mehrzahl der Mitschülerinnen und Mitschüler habe Helena inzwischen akzeptiert und es herrscht wohl ein freundliches, respektvolles und angenehmes Klima untereinander. Helena erzählte mir von lediglich vier Ausnahmen, die aus einer provozierenden Minderheit heraus regelmäßig versucht hätten, um Helena herum Stunk zu machen. Einmal hätte man sich wohl zum Quatschen mit einem Dutzend Leuten in Helenas Zimmer getroffen, und in den ersten zwei Minuten hat einer der stets Provozierenden gefragt: „Warum bekommen die Behinderten eigentlich immer die besten Zimmer?“ – Woraufhin derselbe, der auch schon wegen der angeblichen Gewaltandrohung sanktioniert worden war, geantwortet hat: „Warum haben die dümmsten Leute immer die größte Klappe?“ – Nachdem Helena erzählte, dass er auch immer morgens ihr Frühstückstablett geholt hat, scheint ihm wohl ziemlich viel an Helena zu liegen. Was ich sehr schön finde.

Krass soll aber wohl auch der gemeinsame Freibadbesuch gewesen sein. Helena wurde im Vorfeld von einer Lehrkraft darauf hingewiesen, dass sie sich zwar Badesachen anziehen und sich sonnen dürfe, aber nicht mit ins Wasser gehe, weil das mit ihrer Behinderung zu gefährlich sei. Helena erzählte, dass sie danach erstmal geheult hätte, vor allem, weil sie sich bei dieser Entscheidung so sehr an ihre vorherigen Pflegeeltern und unser Kennenlernen erinnert gefühlt hatte. Sie erzählte: „Aber dann habe ich gedacht, dass das ja ein guter Neuanfang war und bin erstmal so mit ins Freibad.“ – Und am Ende war es dann doch super. Eine Traube von Mitschülern habe sie ins Wasser geschubst. „Ob das vorher so abgesprochen war, sag ich nicht, man muss sich ja nicht selbst belasten“, erzählte sie lachend. Der Lehrer eskalierte am Rand, wäre fast hinterher gesprungen, Kiara hat aber derweil am Rand auf ihn eingeredet, dass sie mit Helena sogar in der Ostsee schwimmen geht. Ich frage mich, warum wir vorher besprechen, dass Helena schwimmen gehen darf. Sie kann schwimmen. Rücken. Brust. Und Kraul sieht auch schon gut aus. Punkt. Ende der Diskussion um Sicherheit und Verantwortung.

Eine weitere krasse Szene hat sich beim Besuch einer Veranstaltung ergeben. Das war so ein Dorffest oder ähnliches. Ein paar Mitschülerinnen haben sich irgendwelche Gummitiere gekauft. Vorher natürlich brav gefragt. Helena wollte sich eine Zuckerwatte kaufen. „Nee, Zucker ist ja nun schlecht bei Diabetes, das müsstest du doch aber wissen.“ – Helena hat dann geantwortet: „Die spritze ich mir weg.“ – „Nein, also auf gar keinen Fall, blabla.“ – Darf ich eigentlich erwarten, dass ein Lehrer sich vor Abreise informiert und, wenn etwas passiert, wo er sich unsicher ist, sich vergewissert, ob das Kind das Griff hat? Er hätte mich auch anrufen können. Helena macht das über Tage alles selbständig. Ist auf Reisen, bekommt fremdes Essen, am letzten Tag spielte die Pumpe verrückt, da hat sie sich mit Insulinpräparaten aus zwei Pens über Wasser gehalten. Selbständig. „Ich habe nur Kiara erzählt, was ich mache, der Lehrer hätte mich sonst bestimmt ins Krankenhaus gebracht. Hätte ich ihm zugetraut.“ – Da könnte sie Recht haben, denn der Lehrer rief mich am letzten Abend an, um zu fragen, ob sie ohne ärztliche Verordnung eine Ibu 200 nehmen darf, weil sie ihre Regel bekommen und Unterleibsschmerzen hat.

Ja, ich weiß, das ist speziell. Und ja, ich weiß, wer sich damit nicht auskennt, ist schnell überfordert. Aber der Erfolg lässt sich ganz einfach am Blutzucker ablesen und dafür gibt es ein Messgerät. Solange der in dem vorgegebenen Rahmen ist, ist alles in Ordnung. Und das kann sich auch eine Lehrkraft mal eben unter vier Augen zeigen lassen und anschließend darauf vertrauen, dass die Schülerin alles richtig macht. Marie und ich haben mit Helena die Diabetes-Woche nachbesprochen, als sie damit anfing und uns erzählte, wie es gelaufen ist. Wir haben uns am PC gemeinsam die gespeicherten Werte angesehen und ich fasse es zusammen: Es war alles in Ordnung. Ich hätte nichts anders gemacht. Und auch den ersatzweisen Einsatz der beiden Pens hat sie ohne Probleme gemeistert. Das ist etwa so, als wenn beim Flugzeug eins der beiden Triebwerke ausfällt. Man muss wissen, was zu tun ist. Aber es lässt sich trotzdem alles beherrschen. Alles richtig gemacht. Ich bin so stolz auf unsere „Große“.

Braun geworden ist sie in der einen Woche. Ohne Sonnenbrand. Viele tolle Fotos hat sie gemacht. Stundenlang erzählt. Zwei Drittel ihres Taschengelds für die Woche wieder mit nach Hause gebracht. Stichwort: Kaff. Regelmäßig geduscht, Zähne geputzt, Wäsche gewechselt, … was sie hier auch alleine und zuverlässig macht, was aber, nach ihren Schilderungen, bei anderen offenbar noch nicht überall so selbstverständlich ist. Und was mich nochmal mehr in meiner Annahme von einem pflegeleichten Pflegekind bestärkt.

Elternabend

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Ich war kürzlich beim Elternabend. Ich hätte nicht vermutet, dass ich so schnell einmal selbst zum Elternabend gehen würde. Der letzte fiel krankheitsbedingt komplett aus, zum allerersten dieses Schuljahres war Marie dort, da waren allerdings nur fünf weitere Personen vor Ort. Dieses Mal musste Marie arbeiten, also war ich vor Ort. Helena war spürbar verunsichert an dem Nachmittag davor, ich fragte sie noch, ob wir vorher noch über irgendwas reden wollen, aber sie sagte: „Das Schwierige ist, dass ich nie so genau weiß, ob ich alles richtig gemacht habe.“

Ich erklärte ihr dann nochmal, dass sie nicht alles richtig machen muss. Sondern dass sie ein gutes Gewissen und ein gutes Gefühl mit dem haben sollte, was sie tut. Und falls das einmal nicht so ist, sollte sie darüber sprechen und bereit sein, für die Zukunft etwas daran zu ändern. Sie sagte: „Aber manchmal denke ich, es ist alles gut, und dann kommt ganz plötzlich irgendwas auf mich zu, was doch nicht so gut war.“ – „Dass immer alles gut ist, kann dir niemand garantieren. Aber wichtig ist, und das sage ich gerne nochmal, dass du mit dem, was du tust, ein gutes Gefühl hast. Vertraue auf deinen Bauch, höre auf dein Herz, schalte deinen Verstand ein und sei offen für Kritik.“

Der Elternabend selbst war inhaltlich überschaubar. Es steht noch eine Klassenfahrt an. Fünf Tage wollen sie nach Bayern. Ein männliches Elternteil fragte tatsächlich, ob Helena nicht zur Klassenfahrt ihren Rollstuhl zu Hause lassen könnte, weil das doch die Möglichkeiten aller sehr einschränke. Ich musste darauf aber gar nicht reagieren, vor mir platzten schon drei anderen Müttern die Krägen. „Das ist doch nicht Ihr Ernst“, „Habe ich das wirklich gerade gehört?“ und irgendwas mit „Problem erkannt“ riefen sie durcheinander. Der Vater legte noch einmal nach: „Bevor sich alle so aufregen, möchte ich noch die Information liefern, dass das Kind zeitweilig auch ohne Rollstuhl zurecht kommt und damit offensichtlich steuern kann, wann es ihn braucht und wann nicht. Es wäre also für alle anderen 22 Schüler von Vorteil, wenn das eine Kind den während der Klassenfahrt mal nicht bräuchte und im Gegenzug alle 23 Kinder auf Berge klettern, Sommerrodelbahnen herabbrausen, ins Schwimmbad gehen und Sessellift fahren können, statt langweilige Museen anzuschauen und Abende in der Oper zu verbringen.“

Eine der beiden Lehrerinnen meldete sich zu Wort: „Ich bin entsetzt, einen solchen inakzeptablen Vorschlag unterbreitet zu bekommen. Noch dazu in Gegenwart der Pflegemutter, die auch noch selbst im Rollstuhl sitzt.“ – Nun lenkte er vom Thema ab: „Soweit ich weiß, gibt es doch zwei Pflegemütter. Und wenn ich mich richtig erinnere, saß die andere doch auch im Rollstuhl.“ – Ich konnte mich nicht mehr zurück halten und sagte: „Na, das ist ja ein Ding.“ – „Finden Sie auch, oder? Aber ich sage ja gar nichts, jede Zeit bringt ihre Veränderungen, und heute dürfen eben auch zwei Frauen zusammenleben und eigene Kinder haben.“

Okay. Er ist doof und will provozieren. Also lass ich das unkommentiert. Erschreckend finde ich, was solche Haltung der Eltern bei den Kindern auslöst. Oder anders: Kein Wunder, wenn Kinder mobben, wenn die Eltern ihnen eine derartige Intoleranz vorleben. Weil ich nicht antwortete, ergriff ein anderer Vater das Wort. Er sagte: „Selbst meine Eltern hatten noch was gegen Homosexualität. Sie haben die Musik von Elton John gerne gehört, bis sie herausgefunden haben, dass er homosexuell ist. Dann mochten sie ihn nicht mehr, weil er angeblich seine Songs mit schwuler Feder geschrieben hatte. Als meine Eltern so redeten, war mir klar, dass ich eine andere Generation bin. Aber dass Sie jetzt solche Ansichten vertreten, kann ich nicht verstehen. Ich habe nichts gegen Homosexualität und ich finde es toll, dass die beiden Frauen trotz ihrer Behinderung ein Kind aufgenommen haben, das offenbar selbst eine Behinderung hat. Darf ich fragen, wie lange Sie ein Paar sind?“

Ich sagte: „Wir sind seit Jahren sehr eng befreundet. Aber wir haben keine Beziehung miteinander.“ – Darauf fängt doch der Vater, der gerne 23 Kinder beim Bergsteigen hätte, zu lachen an und sagt: „Also die Lüge ist ja inzwischen auch ein legitimes Mittel, sich zu verteidigen.“

Was soll ich darauf erwidern? Die Lehrerin fährt mit ihrem Gesprächsprogramm fort, der Vater grinst sich einen und geht zwischenzeitlich drei oder vier Mal mit dem klingelnden Handy vor die Tür … ich habe selten zuvor jemanden so unsympathisch gefunden.

Am Ende sagte die Lehrerin, dass das Programm, das für die Klassenfahrt geplant sei, mit der Klasse und auch mit Helena besprochen worden sei und Helena offenbar sehr genau wisse, was sie könne und was nicht. Allerdings habe die Lehrerin Bedenken wegen des Diabetes und wünsche sich, dass eine Begleitperson, zum Beispiel Marie oder ich, mitfahren würden. Ich habe allerdings gesagt, dass ich davon ausgehe, dass sie die Woche ohne Hilfe auskommen wird und ich jederzeit bei Problemen erreichbar bin. Wir haben, seit die neue Pumpe da ist und seit sich das einigermaßen eingespielt hat, keine einzige Situation mehr gehabt, in der Marie oder ich irgendetwas unternehmen mussten. Wenn was zu unternehmen war, hat Helena das selbständig und richtig entschieden. Zwar meistens in Abstimmung mit Marie oder mir, aber es gab keine Situation, die Helena, wenn sie auf sich gestellt ist, nicht alleine bewältigt hätte. Von daher möchte ich eigentlich ganz bewusst darauf verzichten, sie zu begleiten.

Spannend fand ich dann noch, dass offenbar vor rund drei Wochen eine Gruppe aus vier oder fünf Schülern ein Video herausgebracht haben soll, in dem es um das Körpergewicht eines wohl übergewichtigen Schülers gehen soll. Es soll damit begonnen haben, dass die Mutter bei der Geburt gestorben sei, weil das Kind zu fett war. Die Eltern dieser Schüler seien mit der Schule im Gespräch, man wolle aber nunmehr alle informieren. Helena hat mir davon gar nichts erzählt. Wie sich später herausstellte, wusste sie davon gar nichts. Vielleicht müssen Marie und ich das positiv sehen, weil sie offenbar nicht mit den falschen Leuten zusammen war. Mich erschreckt aber einmal mehr, welche Übergriffigkeit unter den Jugendlichen stattfindet und scheinbar an der Tagesordnung ist.