Dickes Brett

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Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit. Als ich so alt war wie Helena und die 8. Klasse besuchte, war ich, genauso wie sie mit ihren 13 Jahren, ganz oft im Reitstall. Ich habe mich damals, genauso wie Helena heute, mit noch zwei anderen Mädchen um ein wunderschönes Pferd gekümmert, dass einer Reiterin gehörte, die nur am Wochenende Zeit hatte. Sie hatte noch ein zweites Pferd, das wir regelmäßig reiten durften. Ich erinnere mich gut, dass ich meistens um 15 Uhr, selten erst um 15.30 Uhr dorthin gefahren bin. Ich hatte meine Hausaufgaben fertig. Vielleicht musste ich abends vor dem Einschlafen hin und wieder nochmal ein paar Vokabeln wiederholen. Aber das war es.

Helenas Schule hat ein Ganztagsprogramm, das täglich Mittagstisch sowie bis 16.00 Uhr Unterricht und Hausaufgabenbetreuung anbietet. An inzwischen vier Wochentagen gibt es darüber hinaus noch ein offenes Programm bis 20.00 Uhr, am Freitag sogar bis 21.00 Uhr. So etwas gab es bei mir früher nicht. Die Teilnahme bis 16.00 Uhr ist verpflichtend, wobei für die letzte Doppelstunde eine sogenannte „vereinfachte Freistellung“ beantragt werden kann. Mit Unterschrift der Eltern kann das Kind einmalig um 14.15 Uhr die Schule verlassen, ohne dass Gründe angegeben oder eine Genehmigung abgewartet werden müssen. Es reicht die Bitte, freizustellen. Allerdings ist so eine Freistellung immer nur einen Tag lang gültig. Helena, die an einem Tag früh zur Physiotherapie soll, muss jede Woche so einen Zettel vorlegen. Aber es ist okay.

Helena fährt meistens um 16.00 Uhr direkt weiter zum Reitstall, ist dann mit ihren Hausaufgaben bereits fertig. Wenn sie abends nach Hause kommt, essen wir noch was zusammen und dann fällt sie ins Bett. Nun schreibt Helena in den Wochen bis Weihnachten noch insgesamt sechs Klassenarbeiten, für die sie lernen muss. Während es mir in dem Alter für Klassenarbeiten oft gereicht hat, den Stoff am Vorabend noch einmal durchzulesen, möchte Helena gerne abgefragt werden und intensiv üben. Das geht während der Hausaufgabenzeit nicht, das müssen wir zu Hause machen. Nach dem Abendessen ist sie nicht mehr aufnahmefähig, also fällt das Reiten aus. Wohlgemerkt: Das ist keine Auflage von Marie und mir, sondern ihre freiwillige Entscheidung. Bei neun Klassenarbeiten oder Tests alleine im Dezember ist klar, dass sie theoretisch einen ganzen Monat lang nicht mehr in den Reitstall kann.

Und als würde das noch nicht ausreichen, haben zwei Lehrkräfte ihr noch eine Vorbereitungsarbeit für die Weihnachtsferien aufgedrückt. Am zweiten Schultag nach den Ferien wird eine Deutscharbeit geschrieben, dafür soll sie sich „Kassandra“ von Christa Wolf reinziehen und interpretieren. Ich kenne das Werk nicht, aber Susi hat mir erzählt, dass sie das im Leistungskurs Deutsch in der 12. Klasse hatte. Sie sagte, dass sie damals selbst mit Grundkenntnissen der griechischen Mythologie nur deshalb durchgestiegen ist, weil sie parallel einen Zeitstrahl und ein Beziehungsgeflecht gemalt hatte. Die Klassensprecherin in Helenas Klasse habe bereits protestiert, darauf vom Deutschlehrer aber nur gehört: „Natürlich ist das über die Ferien freiwillig. Wer es nicht liest, ist dann zur Klassenarbeit eben schlecht vorbereitet.“

Die Englischlehrerin kam noch mit dem Wunsch daher, ein Buch anzuschaffen. 118 Seiten in A6, nur Englisch. Bitte eine schriftliche Zusammenfassung verfassen, acht Fragen beantworten (zum Beispiel Frage 1, auf Englisch wohlgemerkt: „Wie beurteilst du das Verhältnis von … und … zueinander, an welches berühmte Werk erinnert dich dieses Verhältnis und welche Gefahr birgt sich in ihm?“)

Helena macht das alles ohne Murren und Knurren. Aber ich finde das nicht gut. Ein knapp 14 Jahre altes Kind muss auch Freizeit haben. Es kann nicht sein, dass sich alles nur noch um Schule, Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie und Schlafen dreht, der Sport (eigentlich schwimmt sie noch neben dem Freizeitreiten) gar nicht mehr stattfinden kann, sie abends um acht von sich aus ins Bett geht, an den Wochenenden nicht vor 12 Uhr mittags aus dem Bett kommt und so weiter. Ich sehe langsam das Burnout auf uns zukommen. Zumal Helena ja ohnehin sehr viel langsamer schreibt.

Womit ich beim nächsten Thema bin: Sie hat, wegen ihrer Behinderung, eine Zeitverlängerung bei Klassenarbeiten und Tests. Aktuell liegt sie bei 30 Prozent und mindestens fünf Minuten. Schreibt die Klasse also eine Klassenarbeit über zwei Schulstunden, also 90 Minuten, darf Helena 117 Minuten lang Zeit beanspruchen. Darüber gibt es einen schriftlichen Bescheid, den alle Lehrkräfte kennen.

Wenn eine Doppelstunde lang geschrieben wird, dann ist nach den 90 Minuten in der Regel die große Pause. Helena darf also die große Pause (15 Minuten) sowie 12 Minuten der nächsten Stunde noch für ihre Klassenarbeit nutzen, während alle anderen spätestens zu Beginn der großen Pause abgeben mussten.

Ich möchte unbedingt vorweg schicken, dass die große Mehrzahl der Lehrkräfte an der Schule Helena vollkommen korrekt, verständnisvoll und gerecht behandelt und benotet. Viele machen sich einen Kopf, überlegen sich, wie sie Helena gut teilhaben lassen. Viele erkennen an, dass Helena fleißig ist und genauso viel versteht wie die anderen Kinder auch – oft sogar mehr. Dass das Mitschreiben oder das Aufschreiben aber etwas länger dauert, dass sie in Bewegung und Koordination eingeschränkt ist. Sie fordern sie, sie geben ihr keine Sonderrolle. Sie achten darauf, dass es ein gutes Miteinander in der Klasse gibt, dass die Schülerinnen und Schüler füreinander Verständnis haben und sich gegenseitig wertschätzen. Sie haben ein offenes Ohr, gehen auf die Kinder ein, reißen sich oft den Allerwertesten auf, kümmern sich, identifizieren sich. Machen einen guten Job.

Ich will zudem allen Lehrkräften zugute halten, dass es viel zu wenig Personal gibt, dass viele kaum bis gar nicht auf inklusiven Unterricht vorbereitet wurden und heute überfordert sind. Ich möchte denen, wo es nicht läuft, gar keinen bösen Willen unterstellen, das wäre sicherlich nicht korrekt. Aber bei einzelnen der hiesigen Pädagogen gibt es mit Sicherheit eine Gedankenlosigkeit und ein viel zu dickes Fell.

Übel 1: Die Lehrkraft möchte auch ihre Pause haben und sammelt mit dem Beginn der großen Pause alle Hefte ein, schickt die Schüler aus der Klasse und verschwindet. Die Lehrkraft lässt Helena also alleine weiterschreiben. Zum Ende der großen Pause kommen die anderen Schüler wieder rein und sind natürlich alles andere als leise. Die Lehrkraft der Folgestunde beginnt ihren Unterricht und labert rum, malt Tafelbilder, beginnt Dialoge, während Helena immernoch schreibt und sich auf ganz andere Dinge konzentrieren muss. Irgendwann sammelt die Lehrkraft der Folgestunde Helenas Heft im Auftrag ein und reicht es nach der Stunde an die andere Lehrkraft weiter.

Es würde zu weit führen, das hier wissenschaftlich abzuhandeln, aber es lässt sich medizinisch erklären, warum Menschen mit Cerebralparese leichter ablenkbar sind als Menschen ohne Hirnverletzung. Menschen mit Cerebralparese fällt es im Allgemeinen sehr viel schwerer, sich zu fokussieren. In der Folge gelingt es auch unverhältnismäßig schwer, sich zu konzentrieren. Wenn nun im Klassenraum während einer Leistungsüberprüfung Papierflieger geworfen werden, Mitschüler grölend zwischen Tafel und Helenas Tisch oszillieren, allgemein rücksichtslos gequatscht und gelacht wird, dann noch Unterricht, vielleicht in fremder Sprache, stattfindet, fällt es einem nicht eingeschränkten Menschen schon schwer, für sich dieselben Bedingungen auszumachen, die in der Stunde zuvor herrschten. Im Ergebnis hat Helena also nicht dieselben Bedingungen für ihre Klassenarbeit wie die anderen Schüler, sondern ist benachteiligt. Trotz ihres Nachteilsausgleichs.

Übel 2: Die Klassenarbeit wird offiziell auf 70 Minuten angesetzt. Die Klassenarbeit soll also in 70 Minuten schaffbar sein. Mit ihrer Zeitverlängerung kommt Helena nun auf ziemlich genau 90 Minuten. So muss die Lehrkraft niemanden durch die Pause hindurch betreuen. Die Klassenarbeit wird aber nicht nach 70 Minuten eingesammelt, sondern die anderen Schülerinnen und Schüler dürfen „überziehen“ – bekommen also einen Bonus bis zu dem Zeitpunkt, an dem Helena fertig sein muss. Im Ergebnis sind also alle gleichzeitig fertig und Helena hat keine Zeitverlängerung bekommen. Die Klassenarbeit ist auch nicht in 70 Minuten zu schaffen und dieselbe Arbeit war im Schuljahr vorher noch für 90 Minuten angesetzt. Wenn die Lehrkraft allen nun 20 Minuten Bonus gibt, Helena aber nicht, ist Helena benachteiligt. Trotz ihres Nachteilsausgleichs. Helena hat das der Lehrkraft gegenüber als „Taschenspielertrick“ bezeichnet. Der Ausdruck gehört sich natürlich nicht und sie hat sich für diese Wortwahl auch bereits schriftlich entschuldigen müssen. Gleichwohl halte ich an der von ihr beabsichtigten Aussage, einer Benachteiligung durch Schönrechnen, fest. Damit konfrontiert, dass die Lehrkraft Klassenarbeiten zu 90 Minuten schreiben müsse (laut Lehrplan), antwortete sie: „Die Schülerinnen und Schüler durften ja 90 Minuten schreiben.“ – Also mit anderen (meinen) Worten sagt die Lehrkraft damit aus: Nachteilsausgleiche interessieren mich nicht. Oder ich nehme sie zumindest nicht ernst.

Übel 3: Die Klassenarbeit wird in einem Fachraum geschrieben, der per Rollstuhl nur über einen Aufzug erreicht werden kann. Helena ist pünktlich in der Schule, hat auch einen Transponder, um den Aufzug rufen zu können, allerdings kommt der nicht. Der Aufzug sei laut Display fahrbereit, stehe aber im dritten Stock. Alles Klopfen und Rufen hilft nichts in den lauten Gängen, die Mitschülerinnen und Mitschüler wollen schnell an ihren Platz und können leider nicht nach dem Aufzug schauen. Der Schulhausmeister ist unterwegs, die Sekretärin hat erst in 20 Minuten kurz Zeit. Inzwischen hat die Stunde begonnen. Helena lässt also ihren Rollstuhl im Erdgeschoss stehen und klettert mit Rucksack (da ist ja ein wertvoller Laptop drin) auf dem Rücken Stufe für Stufe bis ins dritte Stockwerk hoch, um dort einen verlassenen Putzwagen aus der Lichtschranke zu ziehen, mit dem Aufzug runterzufahren, ihren Rollstuhl zu holen, in den Fachraum zu fahren und dann … am Ende keine Zeitverlängerung mehr zu bekommen. „Wer zu spät kommt, kann nicht noch Vergünstigungen in Anspruch nehmen.“ – Sie traut sich dann nicht zu widersprechen, ist emotional so angespannt, dass sie sich nicht mehr gut konzentrieren kann. Ich habe ihr empfohlen, künftig dann als letzte Zeile zu schreiben: „ZV verweigert, 11:20 Uhr unfertig abgeben müssen.“ – Ich dachte, dass so etwas die Lehrkraft vielleicht zu einem schriftlichen Kommentar verleitet. Nö: Sie malt einen Smiley dahinter.

Übel 4: Es wird ein Vokabeltest geschrieben. Die Lehrkraft diktiert die Vokabeln, die Schülerinnen und Schüler sollen sie auf einen leeren Zettel notieren, Übersetzung dahinter. Anschließend wird eingesammelt. 15 Vokabeln in zehn Minuten. Helena dürfte nun noch fünf Minuten länger schreiben (Mindestverlängerung). Aber die Lehrkraft sammelt alle Zettel ein, Helenas sogar zuerst, weil sie vorne sitzt. Begründung: Bei zwei Stunden mache eine Zeitverlängerung Sinn, drei Minuten hingegen seien ja auf einer analogen Uhr kaum zu erkennen. Während die anderen Schülerinnen und Schüler schon beim Diktieren schnell die Übersetzung dazugeschrieben haben, hat Helena sich darauf konzentriert, alle diktierten Wörter mitzubekommen und möglichst keins auszulassen. Es ist unheimlich schwierig in dem Alter, bewusst eine Lücke zu lassen, um wieder in den Takt zu kommen und nicht ganz zu versanden. Oder sich aktiv zu entscheiden, erst alles mitzuschreiben, vielleicht auch nur ein paar Buchstaben, und dann die Zeitverlängerung zu nutzen, um zu Ende zu ergänzen und zu übersetzen. Tja … die Übersetzungen wurden bewertet, das richtige Mitschreiben nicht. Sie hatte 2 von 15 Punkten. Obwohl sie am Vorabend alle Vokabeln konnte. Und dann stand drunter: „Vokabeln lernen ist eine Fleißarbeit!!“

Ich könnte jetzt noch mehr Beispiele aufzählen. Aber es geht ja nicht darum, anzuklagen. Sondern deutlich zu machen, dass dringendst sensibilisiert werden muss. Und zwar überall.

Ich will noch einmal erwähnen, dass diese Beispiele nicht der Maßstab sind und eine untergeordnete Rolle spielen; trotzdem schafft es aber eine Minderheit, das Positive derer, die sich engagieren, in den Schatten zu stellen. Helena hat nunmal eine Cerebralparese und damit etwas, was derzeit nur einmal an dieser Schule vorkommt. Unser Bildungssystem hat darauf keine adäquate Antwort, sondern behilft sich mit individuellen Sonderregeln. Ich will nicht behaupten, dass ich bessere Antworten kenne. Aber wenn die Zeitverlängerung die Antwort ist, weil erkannt wurde, dass unser Bildungssystem sonst Menschen wie Helena ausgrenzt, dann muss diese Antwort auch verbindlich sein. Sie ist keine Vergünstigung, kein Entgegenkommen, keine Diskussionsgrundlage. Es kann nicht sein, dass eine Dreizehnjährige um ihren gleichberechtigten Zugang zu Bildung kämpfen muss – neben dem ausufernden Lernstoff.

Also ist die Socke mal wieder eskaliert. Hat sich mit Marie, Susi und Otto ausgetauscht und zum persönlichen Gespräch angemeldet. Dieses Mal nicht bei den betroffenen Lehrkräften, sondern die Mail ging an den Jahrgangskoordinator und an den Direktor. Ich bekam sofort einen Termin und das Ergebnis lässt hoffen: Der Schulleiter war sichtlich mitgenommen, hat mehrfach geschluckt. Hat sich bei mir entschuldigt, will sich bei Helena, die bei dem Gespräch aus guten Gründen nicht dabei war, persönlich entschuldigen. Und möchte nun selbst mit den betroffenen Lehrkräften sprechen, wie künftig besser sichergestellt sein kann, dass Helena gleichberechtigt am Unterricht teilnimmt. „Darüber brauchen wir gar nicht weiter reden. Das geht so überhaupt nicht. Ich werde mir jeden Test und jede Klassenarbeit aus dem letzten Halbjahr vorlegen lassen und persönlich anschauen. Ich kann Ihnen schon jetzt sagen, dass dieser Vokabeltest nicht in die Wertung einfließt. Entweder wird der nachgeschrieben oder rausgenommen. Und wir werden intern abstimmen, ob Helena entweder nur jedes zweite Wort mitschreibt und dann am Ende noch drei weitere Worte bekommt; oder ob sie einen Zettel bekommt, auf dem bereits jedes zweite Wort schon steht, oder ähnliches. Das kann ich so nicht aus dem Ärmel schütteln. Aber so geht es nicht weiter.“

Wenigstens ist er jemand, mit dem man wohl reden kann. Er hat mir seine Karte gegeben, er möchte von mir sofort direkt informiert werden, wenn wieder irgendwas passiert. Und die Raumpflege werde ebenfalls sensibilisiert, dass es auch unter den Schülerinnen und Schülern Menschen gibt, die den Aufzug benutzen. „Vermutlich haben die das nicht überlegt.“

Ich habe Hoffnung, dieses dicke Brett heute etwas weiter durchbohrt zu haben. Ich weiß allerdings, dass es nicht mein letzter Besuch in der Schule sein wird.

Missbilligung

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Das Leben in der Gesellschaft kommt nicht ohne Regeln aus. Regeln und vor allem deren Einhaltung sind vor allem wichtig, um die Schwächeren zu schützen und für alle gleiche und faire Bedingungen zu schaffen. Auch in der Schule gibt es viele Regeln, an die sich die Schülerinnen und Schüler halten müssen. Bei Prüfungen sind beispielsweise Täuschungen verboten. Abgucken vom Nachbarn, Spicker im Mäppchen, Handy unter dem Tisch – selbstverständlich alles verboten.

Nach einer nicht-repräsentativen Sockenumfrage unter mehr als 3.000 Menschen gaben über 90% zu, zumindest gelegentlich mal geschummelt zu haben, fast 75% haben mehr gemacht als nur „mal abgeguckt“. Ich selbst habe früher mit viel Herzklopfen und großer Angst, erwischt zu werden, auch mal auf das Papier der Nachbarin geschaut, allerdings immer nur dann, wenn mir zu einer Frage so gar nichts einfiel. Und ich bin zum Glück auch nie erwischt worden.

Anders erging es Helena. Sie hatte sich für einen Englischtest einen Spickzettel geschrieben. Englisch, das einzige Fach, in dem sie eine 4 im Zeugnis hatte, setzt sie ziemlich unter Druck. Sie hatte den Test geschrieben und am Ende, weil sie sich über eine Sache unsicher war, von der sie wusste, dass sie auf ihrem Spicker stand, diesen hervorgeholt und draufgeschaut. Und hat sich dabei erwischen lassen.

Ihr Test wurde natürlich sofort eingesammelt, wobei sie allerdings ja ohnehin bereits fertig war und nur „kontrollieren“ wollte, die Lehrerin war böse und Helena kam mit eingezogenem Kopf aus der Schule. Ich merkte sofort, dass was nicht stimmte, und sie erzählte mir auch sehr rasch davon. Natürlich fand ich es nicht gut, denn die Regeln sind nunmal klar vorgegeben und jede so erzielte Leistung hat keinen Wert. Anders als bei einem sportlichen Wettkampf, bei dem man konkret jemanden schädigt, wird hier allerdings zuerst ein System betrogen, das aus meiner Sicht einiger dringender Reformen bedarf. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich sehe natürlich auch, dass Helena gelernt und sich gut vorbereitet hat. Ich sehe auch, dass sie Regeln kennt, Regeln beachtet und gezielte Versuche unternimmt, Regeln zu brechen. Ich sehe auch, dass sie Eigenverantwortung übernimmt und ein Gewissen hat. Vor allem sehe ich aber, dass sie sich inzwischen auch bei solchen Anlässen nicht in Lügen und Märchen verstrickt, sondern so viel Selbstvertrauen hat, dass sie von sich aus den Blödsinn eingesteht und Verantwortung übernimmt.

„Frau … hat mich beim Schummeln erwischt. Ich hatte einen Spickzettel dabei und bin damit aufgeflogen.“ – Ein Blick aus dem Augenwinkel, wie ich wohl reagieren würde. Ich fragte: „Das hast du gemacht? Was hast du dir denn dabei gedacht?“ – „Ich wollte einfach nur mal eine etwas bessere Leistung dazwischen haben, um nicht immer so viel Druck vor den nächsten Arbeiten zu haben.“

Den Druck macht sie sich selber. Oder das Schulsystem. Marie und ich können mit einer 4 in Englisch leben. Und ich finde ihr gesprochenes Englisch gar nicht so schlecht. Schriftlich ist es nicht ganz so gut wie mündlich, aber es ist jetzt auch nicht wirklich schlecht. Sie macht öfter Fehler, die sie im zweiten Anlauf selbst korrigieren kann. Ich möchte dem eigentlich gar nicht so viel unnötige Aufmerksamkeit geben. Aber Helena sagt: „Aus einer 4 wird schnell mal eine 5. Und die brauche ich nicht auf dem Zeugnis.“

Das Thema war eigentlich erledigt, als wir Post von der Schule bekamen. Aus Anlass ihres Fehlverhaltens mögen wir mit Helena über „durch Täuschungsversuche entstehenden Vertrauensschaden“ sprechen. Und eine „schriftliche Missbilligung“ unterzeichnet zur Schule zurücksenden. Sie bekam also einen blauen Brief nach Hause, einen Tadel – wie es in meiner ersten Schule noch hieß.

Das fand ich nun allerdings reichlich übertrieben. Einen Zettel unterschreiben zu müssen, der dann in der Akte abgeheftet wird? Und überhaupt: Vertrauensschaden? Basieren Klassenarbeiten und Englischtests neuerdings auf Vertrauen? Klar gehört Vertrauen dazu. Wie überall im Leben. Aber über 90% der Menschen haben schonmal geschummelt in der Schule. Und die sind dann alle nicht vertrauenswürdig? Und die Lehrer unter den 90%, die das Vertrauen beanspruchen wollen, sind auch darunter? Nee, Leute, kommt. Falsches Verhalten, ja. Aber schriftlicher Verweis wegen so einer Sache? Das ist überzogen.

Also habe ich der Englischlehrerin gemailt, dass ich das nicht unterzeichnen werde und um ein Gespräch bitte. Gleich am nächsten Morgen in der dritten Stunde traf ich mich mit ihr in der Schule. Helenas Klassenlehrerin kam auch dazu. Selbstverständlich hatte ich mit Helena darüber gesprochen. Ich fände es sehr schlimm, wenn sie mich da sehen würde, ohne zu wissen, was ich da wollte. Und meine Vermutung, dass das Gespräch zunächst ohne Helena stattfinden würde, bestätigte sich gleich.

Die Englischlehrerin drehte erstmal ziemlich auf und begann, mich über meine elterlichen Pflichten zu unterrichten. Dazu gehöre nicht, die pädagogischen Maßnahmen der Schule zu kritisieren oder zu kommentieren, sondern sie zur Kenntnis zu nehmen. Dazu brauchte ich gar nichts erwidern, weil die Klassenlehrerin sofort einschritt: „Frau Kollegin, ich finde schon, dass wir unser Verhalten auch immer überprüfen lassen dürfen. Und auch Eltern dürfen immer einen Anstoß dazu geben.“

Danke. Der nächste Hammer: Helena werden wegen ihrer körperlichen Einschränkung einige Sonderregeln, sogenannte Nachteilsausgleiche, zugestanden. Wie beispielsweise eine Zeitverlängerung, da sie im Vergleich zu nicht eingeschränkten Schülerinnen und Schülern langsamer schreibt. Die Englischlehrerin meinte allen Ernstes: Wenn Helena von Regelerleichterungen profitiere, sei es eine doppelte Ohrfeige, wenn sie diese Regeln, die ihr einen Bonus verschafften, mit Füßen treten würde.

Bonus? Ernsthaft? Mir platzte echt der Kragen: „Wenn vor einem Pflegeheim die Fußgängerampel nur sechs Sekunden grün zeigt, so dass selbst fitte Fußgänger fast sprinten müssen, um rechtzeitig auf die andere Seite zu gelangen, und man dann wegen des Pflegeheims die Phase auf 12 Sekunden verlängert: Zahlen dann alle Senioren ab 65 doppeltes Bußgeld, wenn sie noch schnell bei Rot mit ihrem Rollator über die Straße hüpfen und dabei vielleicht noch den moralischen Umstand ausnutzen, dass kein Autofahrer sich traut, gebrechliche Menschen anzuhupen?“

Die Englischlehrerin holte Luft, aber die Klassenlehrerin war schneller und vermittelte gleich: „Frau Socke hat Recht. Was Frau [Englischlehrerin] meint: Helena, die Nachteilsausgleiche in Anspruch nimmt, weiß einmal mehr, wie wichtig fair erreichte Leistungen sind. Da wirkt es besonders, wenn sie dann wissentlich die Regeln bricht, nachdem sie für mehr Fairness gekämpft hat.“

Ich antwortete: „Mit Verlaub, das sehe ich etwas anders. Jeder, der in der Schule schummelt, weiß, dass er eine Regel übertritt. Manche Menschen kalkulieren sogar einen Regelübertritt. Wenn der Handwerker auf der Autobahn schneller fährt, weil er sich ausrechnet, dass 35 Euro Verwarngeld günstiger sind als ein verlorener Auftrag. Wenn der Sportler ein taktisches Foul macht, um einen neuen Einwurf zu provozieren. Es gibt sicherlich noch Dutzende Beispiele. Wie verwerflich und unfair ein Regelübertritt ist, bemisst sich nicht daran, wie sehr jemand um seine Rechte kämpfen musste und wie rechtskundig jemand durch diesen Kampf geworden ist. Sondern im Sinne der Gleichbehandlung bitte an Faktoren, die für alle gleichermaßen gelten. Wie beispielsweise die Moral.“

Darauf die Englischlehrerin: „Moral, da sagen Sie was. Ich kann nicht auf der einen Seite die Moral für mich in Anspruch nehmen, mit der die Gesellschaft meine Behinderung respektiert, und auf der anderen Seite die Moral mit Füßen treten.“ – Ich reagiere ja höchst allergisch auf eine Haltung, mit der jemand für zuerkannte Rechte (wie Parken auf Behindertenparkplätzen oder ermäßigten Eintritt für Menschen im Rollstuhl) Dankbarkeit erwartet. Diese Rechte sind meistens hart erkämpft worden, und meistens gleichen Sie einen Missstand aus, von dem derjenige, der die (meistens auch noch persönliche) Dankbarkeit erwartet, oft gar keinen Schimmer hat.

Auch das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen: „Eine Beeinträchtigung zu respektieren hat doch nichts mit Moral oder Anstand zu tun. Es nicht zu tun und jemanden zu behindern, beispielsweise mit der Forderung nach gleich schneller Erledigung einer geistigen Aufgabe, für die jemand aufgrund einer körperlichen Beeinträchtigung mehr Zeit braucht, wäre ein moralisches Problem. Unser Bildungssystem reagiert auf seine eigenen Schwächen und die daraus entstehenden Benachteiligungen inzwischen mit Nachteilsausgleichen. Sie sind ein Instrument, das rechtlich bindend ist und keine Almosen. Es gleicht eine Benachteiligung aus, die erst durch dieses System entstanden ist.“ – „Sie drehen sich die Welt gerne ein wenig zurecht, oder?“

Bevor ich darauf antworten konnte, und mir lag etwas Passendes auf der Zunge, unterbrach die Klassenlehrerin: „Frau Kollegin, ich mache den Vorschlag, dass wir es dabei belassen, dass für Helena dieselben Rechte gelten wie für alle anderen Schülerinnen und Schüler. Und ich würde vorschlagen, dass wir Helena einmal zu uns holen und ihre Meinung hören. Und wir sollten alle nicht vergessen, dass es sich nur um einen Spickzettel handelt.“ – Die Englischlehrerin antwortete: „‚Nur‘ ist gut. Es ist eine Täuschung, ein Betrug.“ – „Ja, Frau Kollegin, aber auf der Skala der vorstellbaren Schülerdelikte ist es eher eine Kleinigkeit als ein Kapitalverbrechen, da sind wir uns doch einig, oder?“

Die Klassenlehrerin ging Helena holen. Ich dachte mir, ich gehe mir in der Zwischenzeit mal die Hände waschen. Schließlich hatte ich nur wenig Lust, das zu zweit noch weiter auszudiskutieren. Besser wäre wohl, wenn alle ein wenig runterfahren. Nach dem Händewaschen wartete ich draußen auf dem Flur, bis die Klassenlehrerin mit Helena wiederkam.

Helena sagte: „Also, was ich dazu sagen möchte: Ich habe Blödsinn gebaut, es war nicht okay. Ich habe vorher gewusst, dass es nicht okay ist, und ich weiß es jetzt auch. Ich habe geschummelt, ich bin erwischt worden, ich muss die Konsequenzen tragen. Ich weiß, dass es das nicht besser macht, aber ich möchte auch sagen, dass ich den Test geschrieben habe, ohne auf den Zettel zu schauen. Ich habe ihn erst am Ende rausgeholt, weil ich mir bei einer Sache unsicher war. Und dabei wurde ich dann erwischt. Ich habe mich tierisch erschrocken, alle haben geguckt, ich musste das zu Hause erzählen, mein Plan, etwas mehr Abstand zur Fünf zu bekommen, war falsch, und jetzt ist alles richtig Scheiße.“

Die Englischlehrerin machte eine Geste, aus der man ein mitleidloses „selbst Schuld“ ablesen könnte. Ich habe sie echt gefressen, wenn ich das mal so sagen darf. Und das Schuljahr ist noch jung. Die Klassenlehrerin sagte: „Das bedeutet aber, dass es sich nicht um eine Täuschung, sondern um einen Täuschungsversuch gehandelt hat. Wir haben also eine Leistung, die bewertbar ist, weil klar ist, wann das Täuschungsmittel eingesetzt werden sollte. Wenn ich das richtig verstanden habe. Und was meinst du mit ‚Abstand zur Fünf‘, Helena? Stehst du in Englisch auf Fünf? Frau Kollegin, können Sie da mal …“

„Die letzte Zeugnisnote war eine Vierplus. Stand eine Vier im Zeugnis. Aktuell steht sie mündlich auf Zweiminus und schriftlich auf glatt Vier. Nach dem Test wohl auf schriftlich Fünf.“ – „Frau Kollegin, das ist doch noch gar nicht raus. Wir wollen doch eine Lösung finden.“ – Ich sagte: „Ich möchte einfach die Verhältnismäßigkeit bewahren. Ich finde eine schriftliche Missbilligung unangemessen. Ich denke, dass eine mündliche Rüge völlig ausreichend ist und dass man auch den Test bis zum Zeitpunkt der Täuschung bewerten kann. Oder ihr vielleicht aufgibt, eine Hausarbeit zu schreiben, damit sie sich noch intensiver mit dem Stoff, den sie vielleicht noch nicht beherrscht, auseinandersetzt.“

Die Klassenlehrerin sagte: „Das wäre doch immerhin eine Möglichkeit.“ – „Frau Kollegin, meinen Sie, dass Sie damit erreichen, dass Helena künftig nicht mehr bei Leistungsnachweisen täuscht?“ – Ich fand es in Gegenwart von Helena völlig unangemessen und fuhr ihr gleich in die Parade: „Das erreichen Sie mit einer schriftlichen Missbilligung auch nicht. Sie wird doch dadurch kein anderer Mensch. Soll sie jetzt versprechen, dass sie bis zum Abi nicht mehr schummelt?“ – Helena guckte mich mit großen Augen an.

Am Ende einigten wir uns auf eine mündliche Verwarnung. Der Test wird gewertet (und war mit einer Drei gar nicht so schlecht). Die Sache ist vom Tisch. Helena und ihre Englischlehrerin haben sich die Hand gegeben und sie hat von sich aus gesagt, dass sie Helenas „Übertretung“ damit jetzt vergisst, alle sind glücklich, aber Popcorn gab es keins. Das muss ich uns noch kaufen.

Endlich Ferien

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Vor einem halben Jahr war es schon ein kleines Drama. Der letzte Zeugnisausgabetag war für Helena sehr aufwühlend, obwohl Marie und ich nie Druck gemacht hatten. Nachgewirkt hatte offenbar das unmögliche Verhalten der früheren Pflegeeltern, die offenbar ihre Ziele ausschließlich durch Bestrafung ereichen wollten. Das ist so sehr eingebrannt, dass Helena auch an diesem Morgen völlig in sich gekehrt am Frühstückstisch saß. Inzwischen konnten wir es ja bereits einordnen. Allerdings gefiel es mir nicht, denn die Stimmung wird nicht heute morgen, sondern schon viel früher umgeschlagen sein.

Ich muss sagen, dass ich mir früher nie großartige Gedanken darüber gemacht habe, wie ich wohl eines Tages ein Kind begleiten könnte. Die Kinder und Jugendlichen, die jünger als ich waren und mit denen ich bis dahin zu tun hatte, habe ich immer nur ernst genommen und mit Respekt behandelt. Das fand ich schon damals wichtig. Heute hat sich daran nichts geändert. Hinzu gekommen ist, dass ich glaube, dass Kindern und Jugendlichen klare Positionen und klare Grenzen brauchen. Und zwar auch als Feedback zu ihrem Verhalten und ihren Ideen. Aber auch das ändert nichts am Ernst nehmen und Respekt aufbringen.

Was gar nicht geht, ist Angst. Kinder, die nicht mehr lachen, sondern beten und Gott bitten, etwas besser zu machen. Die sich nicht mehr trauen, Fehler zu machen oder eigene Wege zu gehen, die sich später als unglücklich oder ungünstig herausstellen. An der Anzahl der Wörter, die sie morgens sprach, an dem fehlenden Blickkontakt und an der innerlichen Anspannung merkte ich, wie sehr sie unter Strom stand. Ich bat ihr meinen Schoß an. Sie kam dieses Mal sofort, setzte sich, umarmte mich, und fing zu weinen an. „Mach dir nicht solchen Stress, Helena. Ein Zeugnis entscheidet nicht darüber, wie sehr du gemocht und geliebt wirst. Es entscheidet nur darüber, ob du vielleicht künftig in einem Fach Unterstützung brauchst, um die als ‚wichtig‘ definierten Inhalte zu verstehen. Hast du vor irgendeiner Sache besondere Angst oder ist es nur dieser offizielle Anlass, der dich so unter Druck setzt?“

„Es sind die Erinnerungen. Immer, wenn ich daran denke, dass ich ein Zeugnis bekomme, denke ich automatisch daran, wie schlimm diese Tage früher waren.“ – „Kannst du diesen Tag heute als Indikator sehen, was sich in deinem Leben im letzten Jahr verändert hat?“ – „Ich muss automatisch immer wieder daran denken, was gewesen ist, und dann möchte ich mir am liebsten Augen und Ohren zuhalten und mich irgendwo verstecken.“ – „Möchtest du zu Hause bleiben und wir fahren später gemeinsam zur Schule und holen dein Zeugnis aus dem Sekretariat ab?“ – „Nee, bloß nicht. Ich muss da jetzt durch. Herr [Therapeut] sagt, wenn das kalte Wasser irgendwie auszuhalten ist, ist es am besten, einmal die Zähne zusammen zu beißen. Immer schauen, wie ich notfalls schnell raus komme. Aber sonst die Chance nutzen, sich daran zu gewöhnen, die Angst abzustreifen und mit gutem Gefühl wieder rauszuklettern. Und das mache ich jetzt und höre auf zu heulen, sonst fragt mich jeder, warum ich mit so einem Matschgesicht zur Schule komme“, sagte sie und kletterte von meinem Schoß.

Als sie mittags nach Hause kam, legte sie sofort ihr Zeugnis auf den Tisch. Da ich wusste, wie sehr sie unter Strom stand, sah ich es mir sofort an. Deutsch 3, Mathematik 2, Englisch 4, Biologie 2, Physik 2, Geschichte 1, Geographie 3, Religion 2, Kunst 3, Musik 2, Sport 1, Spanisch 2. Noten auf der gymnasialen Anforderungsebene. Also, bis auf Religion, alles wie im Halbjahr zuvor. Auch die Beurteilung des Lern- und Sozialverhaltens war dieselbe. Aber: „Versäumnisse 12 Stunden, davon unentschuldigt: 0 Stunden. Verspätungen: 0“.

Im letzten Jahr waren es zehn unentschuldigte Fehlstunden, weil sie zwei Mal geschwänzt hatte, ohne uns davon zu erzählen. Die entschuldigten Stunden waren jetzt kränk und Jugendamt. Marie sprach sie drauf an: „Wie jetzt … gar nicht blau gemacht dieses Halbjahr?“ – „Nö.“ – „Wie kommt’s?“ – „Naja, wenn ich zwei Tage schwänzen darf, ist der Druck ja weg. Außerdem brauchte ich den Eintrag im Zeugnis, um von meinen schlechten Noten abzulenken. Aber da irgendwie keiner meine Noten schlecht findet, muss ich von denen auch nicht ablenken. Klingt unlogisch, oder?“ – „Ja, weil du keine schlechten Noten hast, von denen du ablenken müsstest.“ – „Ich hätte mich über eine 3 in Englisch gefreut. Nach 5, 3, 3 und 3 hätte das eigentlich drin sein können.“ – „Helena, eine Vier ist ausreichend. Alles darüber ist schön.“ – „Ich möchte da aber eine 3.“ – „Nächstes Halbjahr gibst du nochmal Gas, und dann klappt das schon.“ – „Wenn da jetzt eine Fünf gestanden hätte, welche Folgen hätte das für mich gehabt?“ – „Hm. Gutschein über Nachhilfe? Keine Ahnung. Was hättest du dir dann gewünscht?“ – „Das ihr mich trotzdem lieb habt.“

Es. Geht. Einfach. Nicht. Aus. Ihr. Raus. Noch nicht. Aber erstmal: Endlich Ferien.

Klassenfahrt

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Seit heute ist Helena wieder da. Am Mittwoch war sie mit ihrer Klasse nach Bayern gefahren. Auf Klassenfahrt. Zusammen mit einer Parallelklasse. Und vier Lehrkräften. Diejenige Lehrkraft, mit der wir vorher alles besprochen haben, war kurzfristig nicht dabei. Als ich Helena am Mittwoch zum Bahnhof brachte, hieß es, dass die eine Lehrerin „sich mit dem Fahrrad gemault“ hätte und mit Gipsarm nicht arbeitsfähig sei. Natürlich erfuhren wir das erst bei Abfahrt.

Ich will ja nicht immer nur meckern, zumal Helena die Klassenfahrt sehr gut gefallen hat. Andererseits finde ich aber auch, dass es nicht sein kann, dass Menschen mit Behinderung ständig Maxima an Toleranz, Geduld, Aufgeklärtheit, Milde, Wohlwollen, Freundlichkeit, Hinnahme und Opferbereitschaft abverlangt werden. Insbesondere, wenn dieser Mensch noch ein Kind oder eine Jugendliche ist.

Ich hätte nämlich schon wieder im Strahl kotzen können, als sich herausstellte, dass im Zug die Reservierungen in Verbindung mit dem Gruppenfahrschein so gebucht wurden, dass alle im selben Großraumwagen sitzen würden. Alle bis auf Helena. Sie sollte auf dem Rollstuhl-Stellplatz untergebracht werden. So hatte sie ihren Platz in Wagen 9, alle anderen in Wagen 3. Ich verstehe ja, dass ein Lehrer damit überfordert ist, und ich verstehe auch, dass für Gruppenreservierungen bestimmte Platzkontingente vorgesehen sind. Ich verstehe auch, dass das schief geht, wenn das jemand noch nie gemacht hat. Ich verstehe aber nicht, dass die Lehrkraft mit mir im Austausch ist und das überhaupt nicht thematisiert. Also es vermutlich gar nicht auf dem Schirm hat.

Und ich schreibe das auch einer Überforderung zu, wenn dann der Lehrer auf meinen Einwand Helena fragt, ob es ihr was ausmache, alleine zu sitzen. Helena antwortete nicht, entsprechend habe ich dann höflich gesagt: „Ich glaube nicht, dass Helena das einfordern muss. Schon die Aussicht, mit dem Wunsch erhebliche Unruhe zu stiften, ist wohl keine gute Basis für diese Diskussion.“ – Der Kragen platzte mir aber dennoch nach seiner Antwort. Grinsend fragte er mich, und ich glaube, es sollte ein Spaß sein: „Also stiften Sie dann jetzt stellvertretend für Helena Unruhe?“

Ich antwortete schnippisch: „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?! Also ich hoffe nicht, dass ich das muss.“ – Am Ende durfte Kiara bei ihr sitzen. Am Nachmittag bekamen Marie und ich eine Kurznachricht: Sie habe sich durchsetzen müssen, nicht im Einzelzimmer untergebracht zu werden, während der Rest in Vierer- und Sechserzimmern pennt. Man hatte für sie ein barrierefreies Zimmer gebucht. Alleine. Die Lehrkraft meinte, an der Zimmerbelegung sei nichts mehr zu ändern, woraufhin die Klassensprecherin der Nachbarklasse (!) die Leitung der Jugendherberge aufgesucht habe. Die machte das -im Gegensatz zu den Lehrern- wohl nicht zum ersten Mal. Sie trat mit dem Angebot, die Zimmerbelegung kurzfristig zu ändern, an die Lehrer heran. Das Problem war: Der Rollstuhl durfte nicht in anderen Zimmern und nicht im Gang stehen. Damit im Evakuierungsfall niemand darüber fällt und damit ihn keiner klaut oder damit durch die Gänge heizt. Am Ende wurden einfach weitere Leute mit in das barrierefreie Zimmer gelegt. Was die Lehrer zuerst nicht wollten, weil das in einem anderen Flur lag als der Rest der Klassen. Ich nehme an, das war auch der Grund, warum das nicht gleich anders gebucht wurde. Ich sehe mich schon auf dem nächsten Elternabend noch einen Impulsvortrag über gleichberechtigte Teilhabe halten.

Ich dachte mir so: So weitläufig wird das Gebäude jawohl nicht sein, dass die Lehrer Wanderstiefel brauchen, um bei der abendlichen Kontrollrunde auch einmal in einen anderen Gang zu gehen. Von einem Mitschüler kam der Spruch, dass wegen „einer Behinderten wieder alles aufgemischt wird, nur weil sie nicht im Stehen pinkeln kann“, was Helena mit „F*ck dich“ und ein weiterer Mitschüler mit „Spar die solche Sprüche, sonst pinkelst du die nächsten Tage gar nicht mehr“ kommentiert hat. Anstatt sich zuerst den ersten Idioten zur Brust zu nehmen, wurden der zweite Schüler wegen indirekter Gewaltandrohung und Helena wegen sexualisierter Sprache sanktioniert. Dass die Lehrer mit diesen zahlreichen nachbesserungsbedürftigen und halbherzigen Vorbereitungen die Gruppe spalten, muss wohl nochmal erklärt werden.

Ich glaube, mit Helena werden wir noch unseren Spaß haben. Sie sollte schriftlich über eine Seite erklären, warum sexualisierte Sprache nicht tolerierbar ist. Sie hat dann geantwortet, dass sie aufgrund ihrer Behinderung jede Schularbeit am Laptop anfertigen dürfe, ein solcher aber nicht vor Ort sei. Das ist zwar sehr frech, aber genau nach meinem Geschmack. Ich habe heute gelesen, was Helena und ihr „Gewalt androhender“ Mitschüler gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich zitiere: „Die Gesellschaft und jeder Einzelne [haben] das Recht, nicht mit sexualisierter Sprache belästigt zu werden. Das Recht möchte ich auch für mich. Wenn mein Recht nicht respektiert wird, darf ich mich aber wehren. Ein Subjekt, das selbst übergriffige Sprache benutzt, hat nicht mehr das Recht, weil [es] selbst bereits auf dieser Ebene ist und nicht fordern kann, dass ihm da niemand begegnet. Es kommt immer wieder vor, dass […] gegen mich mit Sprache übergriffig ist. Dagegen sollten die Lehrer auch etwas tun und nicht nur die bestrafen, die sich wehren!“

Es war aber nicht alles schlecht, sondern es sei überwiegend toll gewesen. Und die Mehrzahl der Mitschülerinnen und Mitschüler habe Helena inzwischen akzeptiert und es herrscht wohl ein freundliches, respektvolles und angenehmes Klima untereinander. Helena erzählte mir von lediglich vier Ausnahmen, die aus einer provozierenden Minderheit heraus regelmäßig versucht hätten, um Helena herum Stunk zu machen. Einmal hätte man sich wohl zum Quatschen mit einem Dutzend Leuten in Helenas Zimmer getroffen, und in den ersten zwei Minuten hat einer der stets Provozierenden gefragt: „Warum bekommen die Behinderten eigentlich immer die besten Zimmer?“ – Woraufhin derselbe, der auch schon wegen der angeblichen Gewaltandrohung sanktioniert worden war, geantwortet hat: „Warum haben die dümmsten Leute immer die größte Klappe?“ – Nachdem Helena erzählte, dass er auch immer morgens ihr Frühstückstablett geholt hat, scheint ihm wohl ziemlich viel an Helena zu liegen. Was ich sehr schön finde.

Krass soll aber wohl auch der gemeinsame Freibadbesuch gewesen sein. Helena wurde im Vorfeld von einer Lehrkraft darauf hingewiesen, dass sie sich zwar Badesachen anziehen und sich sonnen dürfe, aber nicht mit ins Wasser gehe, weil das mit ihrer Behinderung zu gefährlich sei. Helena erzählte, dass sie danach erstmal geheult hätte, vor allem, weil sie sich bei dieser Entscheidung so sehr an ihre vorherigen Pflegeeltern und unser Kennenlernen erinnert gefühlt hatte. Sie erzählte: „Aber dann habe ich gedacht, dass das ja ein guter Neuanfang war und bin erstmal so mit ins Freibad.“ – Und am Ende war es dann doch super. Eine Traube von Mitschülern habe sie ins Wasser geschubst. „Ob das vorher so abgesprochen war, sag ich nicht, man muss sich ja nicht selbst belasten“, erzählte sie lachend. Der Lehrer eskalierte am Rand, wäre fast hinterher gesprungen, Kiara hat aber derweil am Rand auf ihn eingeredet, dass sie mit Helena sogar in der Ostsee schwimmen geht. Ich frage mich, warum wir vorher besprechen, dass Helena schwimmen gehen darf. Sie kann schwimmen. Rücken. Brust. Und Kraul sieht auch schon gut aus. Punkt. Ende der Diskussion um Sicherheit und Verantwortung.

Eine weitere krasse Szene hat sich beim Besuch einer Veranstaltung ergeben. Das war so ein Dorffest oder ähnliches. Ein paar Mitschülerinnen haben sich irgendwelche Gummitiere gekauft. Vorher natürlich brav gefragt. Helena wollte sich eine Zuckerwatte kaufen. „Nee, Zucker ist ja nun schlecht bei Diabetes, das müsstest du doch aber wissen.“ – Helena hat dann geantwortet: „Die spritze ich mir weg.“ – „Nein, also auf gar keinen Fall, blabla.“ – Darf ich eigentlich erwarten, dass ein Lehrer sich vor Abreise informiert und, wenn etwas passiert, wo er sich unsicher ist, sich vergewissert, ob das Kind das Griff hat? Er hätte mich auch anrufen können. Helena macht das über Tage alles selbständig. Ist auf Reisen, bekommt fremdes Essen, am letzten Tag spielte die Pumpe verrückt, da hat sie sich mit Insulinpräparaten aus zwei Pens über Wasser gehalten. Selbständig. „Ich habe nur Kiara erzählt, was ich mache, der Lehrer hätte mich sonst bestimmt ins Krankenhaus gebracht. Hätte ich ihm zugetraut.“ – Da könnte sie Recht haben, denn der Lehrer rief mich am letzten Abend an, um zu fragen, ob sie ohne ärztliche Verordnung eine Ibu 200 nehmen darf, weil sie ihre Regel bekommen und Unterleibsschmerzen hat.

Ja, ich weiß, das ist speziell. Und ja, ich weiß, wer sich damit nicht auskennt, ist schnell überfordert. Aber der Erfolg lässt sich ganz einfach am Blutzucker ablesen und dafür gibt es ein Messgerät. Solange der in dem vorgegebenen Rahmen ist, ist alles in Ordnung. Und das kann sich auch eine Lehrkraft mal eben unter vier Augen zeigen lassen und anschließend darauf vertrauen, dass die Schülerin alles richtig macht. Marie und ich haben mit Helena die Diabetes-Woche nachbesprochen, als sie damit anfing und uns erzählte, wie es gelaufen ist. Wir haben uns am PC gemeinsam die gespeicherten Werte angesehen und ich fasse es zusammen: Es war alles in Ordnung. Ich hätte nichts anders gemacht. Und auch den ersatzweisen Einsatz der beiden Pens hat sie ohne Probleme gemeistert. Das ist etwa so, als wenn beim Flugzeug eins der beiden Triebwerke ausfällt. Man muss wissen, was zu tun ist. Aber es lässt sich trotzdem alles beherrschen. Alles richtig gemacht. Ich bin so stolz auf unsere „Große“.

Braun geworden ist sie in der einen Woche. Ohne Sonnenbrand. Viele tolle Fotos hat sie gemacht. Stundenlang erzählt. Zwei Drittel ihres Taschengelds für die Woche wieder mit nach Hause gebracht. Stichwort: Kaff. Regelmäßig geduscht, Zähne geputzt, Wäsche gewechselt, … was sie hier auch alleine und zuverlässig macht, was aber, nach ihren Schilderungen, bei anderen offenbar noch nicht überall so selbstverständlich ist. Und was mich nochmal mehr in meiner Annahme von einem pflegeleichten Pflegekind bestärkt.