Sonderpädagogischer Förderbedarf

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Dass die Suche nach einer Schule für mich nicht einfach werden wird, war mir von vornherein klar. Immerhin sind, gerade in Hamburg, sehr viele Schulgebäude bereits sehr betagt und damit gebaut in einer Zeit, in der Rollstuhlfahrer nur ausnahmsweise ein Recht auf angemessene Bildung hatten.

Als ich heute nacht mein Online-Mailpostfach aufräumte, fand ich im Spam-Ordner eine Antwort der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung auf eine Anfrage, die ich vor einigen Wochen dort gestellt hatte. Ich hatte in einem Absatz geschrieben, dass ich für das Schuljahr 2009/2010 auf der Suche nach einem rollstuhlgerechten Gymnasium bin. Die Antwort der Schulbehörde:

„Sehr geehrte Frau …, wir bedanken uns für Ihre Anfrage und teilen Ihnen mit, dass es in Hamburg kein rollstuhlgerechtes Gymnasium gibt. Die schulische Erziehung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird durch individuelle Integrationsmaßnahmen, Integrationsklassen und Sonderschulen sichergestellt. Über Art und Umfang einer Fördermaßnahme entscheidet im Einzelfall die Schulbehörde im Rahmen eines Feststellungsverfahrens.“

Häh? Was? Eine Millionenstadt wie Hamburg hat in 2010 noch immer kein einziges Gymnasium so aus- oder umgebaut, dass man mit einem Rollstuhl dort am Unterricht teilnehmen kann? Und wer will mich erziehen? Mir wäre es lieber (und vor allem wichtiger), wenn ich was lernen dürfte!

Und was ist denn bitte sonderpädagogischer Förderbedarf? Ich möchte lediglich sitzend in den Klassenraum rollen und nicht laufend auf zwei Beinen. Braucht man dafür ein Feststellungsverfahren? Das hört sich fast so an, als wenn mein Schulbesuch zum Schuljahr 2019/20 weitergeht. Unfassbar, diese gebündelte Kompetenz – ich sage es lieber nicht zu laut, bevor ich noch jemandem in die Suppe spucke.

Bitte bleiben Sie doch nicht zu Hause

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Da braucht es erst einem Posting in einem öffentlichen Board, um die Augen geöffnet zu bekommen. Wie man die Entscheidung der Behörde über meine Rente zu verstehen hat, wurde mir so erklärt:

Erwerbsunfähig ist jemand, der wegen seiner Behinderung oder chronischen Krankheit auf Dauer nicht mehr als eine Drittel-Stelle schafft. Das sind offiziell bei einer Fünf-Tage-Woche weniger als 15 Stunden pro Woche.

So, das heißt ganz klar: Lass Dir alle Zeit der Welt für Schule und Ausbildung. Lass es langsam angehen. Rede mit Deiner (zukünftigen) Schule. Mehr als 4 Unterrichtsstunden a 45 Minuten pro Tag sind nicht drin. Das ist nicht verhandelbar. Konzentriere Dich auf das, was Du für das Abi brauchst und lasse den ganzen anderen Käse hinten runterfallen. Du brauchst eine gewisse Mindesstundenzahl für das Abi. Frage, inwieweit hier eine Ausnahmegenehmigung beim Land erwirkt werden kann aufgrund Deines Gesundheitszustandes, Gutachten und Verwaltungsentscheidung können vorgelegt werden. Ich bin sicher, da kann man nochmal um 10 bis 15% handeln. Notfalls hängst Du ein Jahr dran. Wen kratzt es? Du bist in der Zeit finanziell abgesichert. Mehr noch: Die Mehrkosten, die Dir nur durch Deine Behinderung entstehen und die ein nicht behinderter Schüler nicht hätte, kannst Du Deinem Kostenträger mit Bitte auf Erstattung einreichen.

Ich würde Dir sogar davon abraten, gleich wieder in den normalen Alltag einsteigen zu wollen. Wenn Du 10 Stunden am Stück sitzt, ohne zwischendrin mal Deinen Hintern zu entlasten, hast Du spätestens nach einer Woche die ersten leckeren Druckstellen, die Dich erstmal mindestens ein Vierteljahr aus der Bahn werfen, im schlimmsten Fall mit neuem Krankenhausaufenthalt und OP. Also lass es einfach, nimm die 4 wichtigsten Stunden mit und leg Dich danach zu Hause ne Stunde aufs Bett, um Deinen Po zu entlasten. Dabei kannst Du dann fleißig die Sachen lernen, die der Lehrer Dir als Hausarbeit mitgibt, denn freiwillige Unterrichtsvorbereitung wird nicht auf die Stunden angerechnet.

Das gleiche gilt für das Studium. Was meinst Du, warum die ganzen zeitlichen Beschränkungen (Regelstudienzeit, Bafög, Kindergeld) bei behinderten Studenten nicht gelten? Dann bist Du eben nicht mit 23 fertig, sondern mit 27. Dafür bist Du aber eine der wenigen Studentinnen, die bis zu 1.900 Euro in der Tasche haben, ohne dafür in vier Kneipen gleichzeitig kellnern zu müssen. Und die ihr Busticket nicht bezahlen müssen und notfalls auch noch das Taxi zur Uni bezahlt kriegen, wenn draußen die Schneeflocken waagerecht fliegen.

Fazit: Ich würde mich tatsächlich zurücklehnen. Aber nicht, um die nächsten 70 Jahre Ruth Herz und Barbara Salesch beim Verknacken von bösen Jungs und Vera Int-Veen und Oliver Geißen beim Lösen der Frage, ob Dein Nachbar wirklich nebenan wohnt, zuzuschauen. Geh Du Deinen Weg – die Türen stehen weit offen, Du musst sie nur sehen.

Wenn es kein Abi wird und kein Studium, aus welchen Gründen oder Einstellungen auch immer, machst Du halt was anderes. Und wenn es ein ehrenamtliches Engagement ist. Nur hast Du schon vor einigen Tagen geschrieben, dass Du unbedingt ernst genommen, akzeptiert werden möchtest. Jetzt frage ich Dich selbst: Wie ernst nimmst Du jemanden, dessen Leben aus keiner einzigen Aufgabe besteht und der aus seinem Leben nichts weiter macht, außer eine Rente zu beziehen und Fernsehen zu schauen, obwohl er 1000 Mal mehr drauf hätte? Und dann, als Rechtfertigung möglicherweise noch anführt: „Ja was, meine Behörde hat mir das Arbeiten verboten.“

Also ganz klar: Ich möchte auf jeden Fall etwas machen. Ich werde mich nicht auf die faule Haut legen und Gerichtsshows und Talkshows reinziehen.

Ruth Herz gibt es schon gar nicht mehr im Fernsehen, das macht jetzt Alexander Holdt! Ich kann diesen Stumpfsinn nicht mehr sehen, aber ich gebe ehrlich zu, als ich nicht aufstehen durfte, habe ich mir das auch reingezogen.

Mein Anwalt hat schon gesagt, dass das furchtbar kompliziert wird. Ich möchte natürlich nicht übertreiben und alles an Geld einsacken, was ich kriegen kann, wenn ich mich bißchen doof anstelle. Aber mein Anwalt hat genau das gesagt: Wenn ich zu ehrgeizig bin, streichen sie mir die Unterstützung, weil ich dann selbst für mich sorgen kann. Dann muss ich aber ein Leben lang auf die Unterstützung verzichten. Ich kann aber jetzt nicht sagen, ob ich das immer kann. In der Schule kann man mal 2 Jahre 200% geben, aber im Job geht das vielleicht später nicht immer!

Ich werde jetzt erst mal versuchen, eine Schule zu finden, die mich für das Schuljahr 2009/2010 haben will. Ich muss in Klasse 10 wieder einsteigen. Das mit den 4 Stunden hat mein Anwalt mittlerweile auch so bestätigt. Aber er hat auch gesagt, dass so etwas oft gemacht wird und man in Klasse 10 in Hamburg 28 Stunden pro Woche hat. 3 mal ist Sport, dann bleiben 5 Stunden pro Woche, die man durchwechseln muss. Eine Woche Religion, eine Woche Kunst, eine Woche Musik und die dritte Fremdsprache lässt man ganz sein. Dafür kriegt man aber Physik, Mathe, Englisch, Deutsch, Erdkäse, Geschi, Chemie und Bio voll mit. Ich glaub, das krieg ich hin. Man muss nur fragen, ob die Stunden so gelegt werden können, dass ich nicht an einem Tag 8 Stunden und am nächsten 1 Stunde hab. Aber das kriegt man auch hin und man kann ja drum bitten, dass das nicht überall so groß breit getreten wird, dass das wegen mir ist.

Und im Studium muss man dann später eben viel Hausarbeiten machen. Aber erst mal schau ich, dass ich Klasse 10 schaff und dann sehen wir weiter.

Ich glaub, das kann man schaffen, und vielleicht wollen die mir damit auch was Gutes tun, denn durch zu langes Sitzen ohne zwischendrin zu entlasten kann man ganz viel kaputt machen. Das hab ich ja gleich am Anfang kurz nach Weihnachten mitgekriegt, da habe ich nur eine Stunde zu lange gesessen und lag gleich wieder für Wochen mit einer Druckstelle im Bett.

Ausruhen werde ich mich auf meiner Behinderung nicht. Das steht für mich fest.

Bitte bleiben Sie zu Hause!

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Die nächste Zwickmühle… es nimmt einfach kein Ende.

Und das ist auch nicht grade gut, um hier mal klare Gedanken zu fassen. Es ist einfach nur Mist.

Ich hatte gestern ein sehr langes Gespräch mit meinem Anwalt. Er hat mich über ein paar rechtliche Sachen aufgeklärt, die ich absolut schwachsinnig finde.

Ich bin letztes Jahr im Juli von einem Auto auf dem Schulweg umgefahren worden als Fußgängerin. Ich wurde lebensgefährlich verletzt und bin in eine Spezialklinik geflogen worden. Dort lag ich 4 Monate auf Intensiv, 3 Monate davon im künstlichen Koma und an der Beatmungsmaschine. Kopf, Rippen, Bauch, Lunge und Herz haben was abgekriegt, etliche Knochen waren gebrochen, etliche Hautverletzungen. Das alles wurde operiert oder ist so wieder verheilt, in einem Arm habe ich noch 2 Schrauben. Auch die Wirbelsäule hat was abgekriegt, einmal am Hals, das war aber nur gestaucht und ist wieder weg, aber so am oberen Rand von der Arschritze sind mehrere Wirbel gebrochen und auch das Rückenmark verletzt. Da wurde eine Titanplatte eingesetzt, damit sich das stabilisiert. Mehr kann man aber nicht machen, das heißt im Klartext: Rollstuhl, Inkontinenz, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Spastik in den Beinen, Kreislaufprobleme. Die Behandlung im Krankenhaus wird noch bis Juni dauern, dann bin ich fast 12 Monate hier.

Wenn die Fahrerin verurteilt wird, also Schuld hat, muss ihre Versicherung Schmerzensgeld zahlen. Mein Anwalt sagt, das wird irgendwo zwischen 30 und 150 Tausend liegen, wahrscheinlich in der Mitte. Bis das feststeht, haben wir mindestens 2012, eher 2015.

Außerdem muss die dann meiner Krankenkasse die Behandlungskosten zurück zahlen, ein Leben lang. Wenn sie nicht verurteilt wird, muss das die Unfallversicherung machen, wo meine Schule versichert ist. Das kratzt mich aber nicht weiter.

Aber nun kommt es. Wenn ich jetzt nicht mehr zur Schule gehe und nicht studiere und nicht arbeite, kriege ich eine Rente. Das hat mit dem Schmerzensgeld nichts zu tun, das ist quasi Ersatz für Einkommen. Bis ich 18 bin, sind das rund 730 Euro pro Monat, ab 18 rund 1100 Euro, ab 21 rund 1400 Euro und ab 25 rund 1900 Euro im Monat.

Wenn ich aber weiter zur Schule gehe, oder irgendeinen Job mache, wird die Rente sofort gestrichen und auch nie mehr wieder gezahlt, auch wenn ich irgendwann keinen Job mehr finde oder mein Studium abbreche oder sonstwas. Wenn ich beim Studium dann Geld brauche, muss ich entweder reiche Eltern haben oder jobben wie alle andern Leute auch. Ist ja auch ok. Aber wenn ich nichts mach und mich ab heute nur noch vor den Fernseher knalle, krieg ich monatlich Geld bis zum Lebensende.

Irgendwie versteh ich die Welt nicht mehr. Wenn man sagen würde, dass mein Einkommen voll angerechnet wird wie bei Hartz 4, dann würde ich sagen: Ok. Aber so?!