Rucksack

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So häufig komme ich ja nicht mehr zum Schwimmtraining, aber ich versuche, es irgendwie hinzubekommen. Und nach Möglichkeit auch mit Marie zusammen, was hier nicht klappte. In der letzten Woche war unser Trainer mal wieder krank, der „dienstälteste“ Schwimmer übernahm, während er selbst schwamm, die Aufgabe, sich das Trainingsprogramm auszudenken und anzusagen. Wir waren fünfundzwanzig Leute in zwei fünfundzwanzig Meter langen Bahnen. Ich kann beim Tempo deshalb ganz gut mithalten, weil ich in der Bahn schwimme, in der diejenigen schwimmen, die lediglich trainieren, um fit zu bleiben, nicht, um den Deutschen Rekord zu knacken.

Ich bin 14 von 16 Bahnen eingeschwommen, als eine etwa fünfundzwanzig Jahre alte Trainingspartnerin, die ich nur oberflächlich kenne, verspätet ins Wasser steigt, ihre erste Bahn zurückgelegt hat und auf der gegenüber liegenden Beckenseite mit Mühe und Not ihren Oberkörper auf den Beckenrand legt, sich auf den Rücken umdreht, die Arme über dem Kopf ausgestreckt, die Beine ab Knie ins Wasser hängend. Hatte sie einen Wadenkrampf? Kreislaufprobleme? Oder nur ein Trainingsdefizit? Sie war lange nicht beim Training.

Als ich drüben ankam, tickte ich sie am Bein an. „Hey, was ist los mit dir?“ – Im Lärm des Schwimmbads war keine Antwort zu verstehen. Sie hatte irgendwas gemurmelt. In Ruhe lassen? Nee, das kam mir komisch vor. Ich stützte mich auf den Rand, legte mich auf den Bauch, drehte mich herum, setzte mich neben sie und blickte in ein kalkweißes Gesicht und auf bläuliche Lippen. Ich erschrak mich. Sie sah ernsthaft krank aus. Nee, oder? Lange keinen Notfall gehabt. „Was ist denn mit dir los? Hast du Asthma?“ – Sie schüttelte den Kopf. Sprach nicht. Fasste sich auf den Brustkorb. Herzinfarkt?

„Hast du Schmerzen?“ – Sie schüttelte den Kopf. „Brauchst du ein Medikament? Kann ich dir was bringen?“ – Sie schüttelte den Kopf. Griff nach meiner Hand: Angst. Luftnot. Das sah nicht gut aus. Der Ersatztrainer kam an, spritzte mich nass: „Hey, ihr Schlaffis, schwimmen, nicht feiern!“ – Er wollte gerade weiterschwimmen, ich krallte mir sein Handgelenk. „Hey! In meinem Auto ist ein Notfallrucksack im Kofferraumboden. Schlüssel ist in der Kletttasche im Rollstuhl unter meiner Sitzfläche. Und der Bademeister soll den Notarzt rufen. Zackig!“ – „Scheiße. Bin unterwegs.“

Er kletterte aus dem Wasser, lief um das Becken herum zu meinem Rollstuhl. Während er sich zu meiner Kletttasche vorarbeitete, brüllte er: „Training einstellen! Alle raus aus dem Wasser!“ – Da kein Bademeister anwesend war, drückte er im Rauslaufen einen Alarmknopf. Mehrere Piezzo-Sirenen begannen an unterschiedlichen Stellen unter der Hallendecke ohrenbetäubend zu kreischen. Ich stellte mir vor, wie er nass in Badehose bei einstelligen Gradzahlen barfuß zu meinem Auto läuft und es, weil es auf einem der drei Behindertenparkplätze stand, wohl gleich finden würde. Vier in weiß gekleidete Bad-Angestellte kamen im Abstand von jeweils zehn Sekunden angewetzt.

Vier Mal kam die Frage auf, ob es ein Ertrinkungsunfall war. Der Trainer kam mit dem Notfallrucksack angelaufen. „Lass den an der Seite stehen, bevor das hier alles ins Wasser fällt. Könnt ihr die Frau mal bitte unter den Schultern und unter den Knien mit ins Trockene nehmen?“ – „Wir haben da so ein Rettungsbrett. Das könnten wir holen.“ – „Nee. Vier Mann, vier Ecken, ab in den Sanitätsraum. Keine großartigen Manöver jetzt. Ich komme mit.“

Der Trainer brachte meinen Rollstuhl zum Rand. Ich ließ mich zurück ins Wasser fallen, tauchte unter den Leinen hindurch zum Rand, kletterte dort wieder aus dem Wasser. Das ging schneller, als zwischen den Startblöcken hindurch zu krabbeln. Im Sanitätsraum stand eine Bank. „Habt ihr ein Handtuch?“ – Sofort holte jemand drei Handtücher. Die Trainingspartnerin konnte kaum sprechen. Im Sanitätsraum war es relativ ruhig. Ich versuchte, mit einem Stethoskop die Lunge abzuhören, konnte kein Pfeifen, wie man es üblicherweise beim Asthma-Anfall hört, hören. Sie war extrem kurzatmig und es hörte sich so an, als wenn das Atemgeräusch nicht überall gleich war. Ich wollte sie auch nicht unnötig bewegen, und es gab noch kein EKG. Für eine Diagnose war es zu früh, aber ich tippte auf eine Lungen-Embolie.

Ich legte ihr einen Zugang in die Armvene. Kurz darauf traf der Rettungswagen ein. Wir verständigten uns, dass sie so schnell wie möglich in das Fahrzeug kommt. Es klappte wunderbar. Ich hoffte, dass der Notarzt gleich eintreffen würde, denn mit dem Rollstuhl würde ich nicht in den Rettungswagen kommen. Der Badmitarbeiter lieh mir einen Kapuzenpullover, den ich überziehen konnte. Ich rollte mit nach draußen. Als sie gerade in den Rettungswagen geschoben wurde, kam der Notarzt auf den Parkplatz gefahren. Stellte sich vor. Ich äußerte meinen Verdacht und bekam zwei dämliche Reaktionen. Erstens: „Lungenembolie? Und dann noch kein EKG dran?“ – Als wir geklärt hatten, dass der Rettungswagen gerade erst eingetroffen war, sagte er: „Mit Verlaub, aber eine Lungenembolie sieht anders aus. Aber Sie sind ja noch sehr frisch und deshalb recht unerfahren auf dem Gebiet. Ich tippe eher auf einen entzündlichen Prozess. Vielleicht einen verschleppten Infekt.“

Klar. Alles möglich. Ich habe meinen Verdacht ausdrücklich als erstes Bauchgefühl gekennzeichnet. Training war gelaufen. Ich ging heiß duschen und ab nach Hause. Am Abend bekam ich eine Kurznachricht vom Ersatztrainer: Eine weitergeleitete Message von der Mutter der Trainingspartnerin. Sie bedankt sich tausendfach für die schnelle und beherzte Reaktion. Ihre Tochter hatte: Eine Lungen-Embolie. Absolut krass. Und völlig unnötig, gerade in dem Alter. Außer der Ersten Hilfe konnte ich nichts für sie tun. Und wäre ich nicht dort gewesen, hätte in den nächsten zwanzig Sekunden vermutlich der Ersatz-Trainer was unternommen. Aber ich konnte ihr helfen. Und inzwischen bin ich froh, den Rucksack im Auto dabei zu haben, auch wenn ich ihn dieses Mal nicht wirklich gebraucht habe. Aber ich wette: Bei meinem Glück ist es eines Tages soweit.

Immenhof

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Inzwischen hat es Zeugnisse gegeben. Ich bin ganz überrascht, wie groß das Interesse unter meinen Leserinnen und Lesern ist. Diverse Nachfragen habe ich dazu bekommen. Maries und mein Interesse war natürlich auch sehr groß. Und Helena war, obwohl wir keinen Druck gemacht haben, so aufgeregt, dass sie morgens überhaupt nichts essen wollte. Zum Glück hat sie das nicht erst nach den ersten zwei Bissen gemerkt, sondern vorher, so dass wir die Insulindosis anpassen konnten. Und dabei waren die Noten eigentlich alle halbwegs bekannt.

Ich hatte an dem Tag frei, war morgens zwei Stunden zusammen mit Marie schwimmen. Als Helena mittags von der Schule kam, verschwand sie zunächst ohne ein Wort zu sagen in ihrem Zimmer. Kam dann aber mit ihrer Zeugnismappe in die Küche, legte sie aufgeschlagen auf den Tisch und setzte sich wortlos daneben. Aus ihrem Gesicht waren keine Emotionen abzulesen. Ich wusste nicht, wie ich das einordnen sollte. Ich bekam aber ein unmissverständliches Bild davon, welche Bedeutung der Zeugnistag bei ihren vorherigen Pflege-Eltern gehabt haben musste.

Ich rollte zum Tisch. Sie guckte mich nicht an, sondern starrte auf das Zeugnis. Ich klappte die Zeugnismappe zu, ohne irgendwas gesehen zu haben. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie guckte mich an. Ich fragte: „Möchtest du jetzt darüber sprechen?“ – Sie zuckte mit den Schultern. Ich fragte: „Wie fühlst du dich denn überhaupt? Du musst doch Hunger haben, wenn du heute morgen schon so gut wie nichts gegessen hast.“ – „Nö. Ich möchte das hier möglichst schnell hinter mich bringen, okay?“ – „Helena, setz dich doch nicht so unter Druck. Wegen so einem blöden Zettel!“

Marie holte Luft, aber Helena sagte: „Okay. Ihr bestraft mich ja nicht. Das hab ich ja inzwischen gelernt. Folgendes: Es gibt eine Sache, die ist ganz kacke, eine ist doof und vier sind so naja.“ – Marie fragte: „Und der Rest?“ – Helena lächelte. Marie sagte: „Die guten Dinge darfst du auch gerne erzählen, junge Frau.“ – Helena sagte: „Ich bin gespannt, wie ihr das findet. Bei meinem letzten Zeugnis hat es von meinem Pflegevater richtig Dresche gegeben. Und da war im Zeugnis eigentlich nix Kacke. Sondern nur ‚doof‘ und ’naja‘.“ – Marie antwortete: „Helena, …“ – Helena unterbrach: „Ja, ich weiß, ihr seid nicht mein Pflegevater.“

Ich blätterte die Mappe wieder auf. Deutsch 3, Mathematik 2, Englisch 4, Biologie 2, Physik 2, Geschichte 1, Geographie 3, Religion 3, Kunst 3, Musik 2, Sport 1, Spanisch 2. Noten auf der gymnasialen Anforderungsebene. Allgemeines Lernverhalten (Raster): Arbeitsorganisation und Selbstständigkeit stark, Methodik im Mittelfeld, Konzentration und Engagement gut. Sozialverhalten in Team- und Konfliktfähigkeit: Vorbildlich.

Helena guckte mich mit großen Augen an. Marie schaute mir über die Schulter und las mit. Was sollte hieran nun „Kacke“ sein? Die Vier in Englisch? Hab ich andere Maßstäbe? Ich fand das Zeugnis toll. Sie hatte in einer Klassenarbeit in Englisch eine Fünf. In der zweiten eine Drei. Von einem fragwürdigen Test in Erdkunde abgesehen, war alles andere gut oder zumindest okay. Marie kam mir zuvor: „Kannst du mir mal bitte erklären, was du an diesem Zeugnis doof findest?“ – „Die Vier in Englisch.“ – „Und was ist ‚ganz kacke‘?“ – Sie deutete auf zehn unentschuldigte Fehlstunden. Marie sagte: „Das stimmt. Das ist Kacke. War das dein Strandausflug?“ – „Ja.“ – „Und was noch?“ – „Darf ich das bitte verschweigen?“

Ich sagte: „Ich geb dir mal einen Tipp, Helena. So von Schulschwänzerin zu Schulschwänzerin. Okay?“ – Sie guckte mich mit großen Augen an. „Melde dich beim Lehrer ab. Geh nicht einfach so weg.“ – „Nee, die unentschuldigten Stunden kommen davon, wenn ich von zu Hause keine Entschuldigung mitbringe.“ – „So ein Eintrag im Zeugnis ist wirklich unnötig, Helena. Er dient dazu, dass wir das erfahren. Er macht aber gleichzeitig einen schlechten Eindruck, wenn du dich mal bewerben musst. Und beim Jugendamt. Marie und ich erfahren es sowieso. Dann kannst du auch gleich zu uns kommen und nimmst eine Entschuldigung mit.“ – „Fürs Schwänzen?“ – „Ja.“ – „Häh? Wo bleibt denn da die Erziehung?“ – „Was brauchst du denn da, als Erziehung?“ – „Das klingt ja fast so, als wenn ihr keine Ideen mehr habt. Kapitulation? So schnell?“ – „Sei bitte nicht so frech, Helena. Ideen haben wir genug, aber wir sind hier auch nicht im Kasperle-Theater. Du weißt, wie es läuft, du bist alt und schlau genug. Marie und ich möchten unsere Zeit mit dir gerne anders verbringen, als dir zu erklären, warum du nicht schwänzen darfst.“ – „Zum Beispiel?“

Marie sagte: „Eigentlich wollten wir mit dir in die Stadt fahren und dich heute abend ins Kino einladen. Und anschließend mit dir zusammen nett essen gehen und danach bei [meinen Eltern] schlafen. Aber wir können auch gerne übers Schwänzen philosophieren und uns gemeinsam Erziehungsmethoden überlegen. Wenn du das lieber möchtest.“

Helena guckte einen Moment auf das Zeugnis, dann sagte sie: „Das mit dem Kino, meint ihr das ernst?“ – „Na sicher.“ – „Und das mit der Entschuldigung meint ihr auch ernst?“ – „Ja. Wenn es sich im Rahmen hält.“ – „Was ist der Rahmen?“ – „Zehn Stunden im nächsten Halbjahr.“ – „Und wenn ich weniger als 10 Stunden schwänze, bekomme ich dann für jede nicht geschwänzte Stunde eine Prämie oder was? Ich finde zwei Tage im Halbjahr voll im Rahmen. Und mehr werden es nicht. Versprochen.“

Damit können wir wohl alle leben. Wenn sie diesen einen Tag der Regelübertretung pro Quartal so unbedingt braucht, dann soll sie den bekommen, ohne dass wir das immer wieder ausdiskutieren müssen. Ihr ist es wohl enorm wichtig. Insofern haben wir das Thema abgehakt und sie ausgiebig gelobt. Das Zeugnis zeigt nämlich nicht nur, dass sie zwei Tage geschwänzt hat, sondern vor allem, dass sie 100 Tage lang dort war und einen sehr guten Job gemacht hat.

Wir haben uns „Immenhof“ im Kino angeschaut. Ich meine … was auch sonst?! Es war unterhaltsam. Viele Pferde, hübsche Mädchen, … Zu Maries Eltern hat Helena ihr Zeugnis auch mitgenommen. Maries Mutter hat nicht danach gefragt. Nach dem Abendessen kam Helena damit an. „Möchtest du mal gucken?“, hat sie sie gefragt und sich bei ihr auf den Schoß gesetzt. Ganz anders als bei uns. Maries Mama hat den Arm um sie gelegt. Und dann gefragt: „Geschichte ne Eins? Sport auch eine Eins? Und dazu fünf Zweier? Das ist doch klasse! Da siehst du mich wirklich positiv überrascht.“ – Helena deutete mit dem Finger auf die zehn unentschuldigten Fehlstunden. Maries Mutter guckte sie an und flüsterte ihr ins Ohr: „Geschwänzt?“ – Helena nickte und flüsterte zurück: „Zwei Mal. Mit Absicht. Das musste sein.“ – „Gab es Ärger?“, flüsterte Maries Mutter weiter. Helena antwortete: „Richtigen Ärger nicht. Den bekomme ich von Jule und Marie nicht. Also wirklich nicht. Und für nächstes Halbjahr haben wir heute einen Deal ausgemacht.“

Maries Hündin lag die ganze Zeit bei Helena. Ließ sich kraulen und konnte gar nicht eng genug an ihr dran sein. Helena setzte sich extra auf den Fußboden, um besser mit ihr kuscheln zu können. Und Helena krault sie dann auch eine Stunde lang. Hin und wieder dreht die Hündin sich von der linken Seite auf die rechte Seite oder umgekehrt, streckt Helena ihren Bauch hin und schaut entsetzt auf, wenn Helena aufhört. Ansonsten ist die Hündin tiefenentspannt und lässt sich von ihr überall anfassen.

Am nächsten Morgen waren Helena, Marie und ich in der Sauna. Pool gibt es wegen der kalten Außentemperaturen nicht mehr, sondern nur noch eine Dusche und ein paar Liegen, auf denen man sich in eine Art Schlafsack einwickeln und an der frischen Luft, bei Schnee oder Regen auch unter einem Vordach, ruhen oder schlafen kann. Die Sauna war auf 60 Grad eingestellt und Helena genießt das. Sie sitzt zwar ganz unten und schwitzt meistens erst beim dritten Saunagang richtig, aber wir müssen sie vom fünften Saunagang abhalten. Sie würde dieses Rein und Raus und dampfend nackt bei Schneefall durch den Garten gehen am liebsten den ganzen Tag machen.

Außerdem haben wir an diesem Wochenende endlich ihre Insulinpumpe in Betrieb nehmen können. Nach der Sauna, versteht sich. Es ist für sie ein wenig ungewohnt, weil neu und völlig anders, aber sie ist sehr interessiert und lernt sehr schnell. Wir haben ausgenutzt, dass einerseits Maries Mutter als erfahrene Ärztin vor Ort ist, andererseits wir dort zu dritt in einem Zimmer schlafen, so dass wir mitbekommen, falls nachts irgendwas los ist, und quasi auch im Halbschlaf den Blutzucker bestimmen können. Es hat aber alles gut funktioniert bislang.

Gute Vorsätze und: Wie man damit umgeht

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„Gute Vorsätze“ ist, glaube ich, ein Instrument, um vom Jahreswechsel-Blues, den viele Menschen schieben, wenn sie die letzten 365,25 Tage in ihren Gedanken Revue passieren lassen, abzulenken. Genauso wie die Knallerei. Die soll böse Geister vertreiben. Vermutlich nicht nur die draußen, sondern auch die, die auf der Psyche liegen. Wenn Weihnachten, das Fest der Liebe, vorbei ist, und alle Aufregung verflogen, dann brauchen die Menschen etwas, an dem sie sich festhalten können. Gute Vorsätze.

Früher oder später ist der Jahreswechsel-Blues weg. Alle sind wieder im Alltag angekommen, sind wieder im Stress, sind mittendrin. Mit ihm weg sind dann auch die guten Vorsätze. Einmal pro Tag ins Schwitzen kommen, respektvoll und wertschätzend mit meinen Mitmenschen umgehen, nicht auf Behindertenparkplätzen parken und so weiter – spätestens Ende Januar ist alles so wie früher.

Alle Behindertenparkplätze sind belegt, mit Leuten ohne Ausweis. Das Schwimmbad ist wieder leer, niemand zieht mehr seine Bahnen. Außer die Verrückten, die auch ohne gute Vorsätze schon immer regelmäßig trainiert haben. So wie Marie und ich, die heute beide 2,8 Kilometer geschwommen sind. Und Helena, die nebenbei, ganz cool, ihr Jugendschwimm-Abzeichen in Silber geschafft hat. Zum Sprung vom Dreimeter-Brett ist die Mitarbeiterin der Schwimmhalle doch tatsächlich Stufe für Stufe mit ihr die Leiter hochgeklettert und hat sie gesichert. Und oben, ohne lange zu überlegen: Zack, erledigt.

Vorher musste Helena eine Karte lösen. Marie und ich nicht, wir kommen mit unserem Mitgliedsausweis rein. Helena stellt sich brav an der Kasse an, vor ihr führt eine ältere Dame unendliche Gespräche wegen Gutscheinen und Rabatten. Als Helena endlich dran ist und schon Luft holt, kommt eine Frau von rechts und drängelt sich vor. Helena, nicht auf den Mund gefallen, fragt ganz höflich: „Möchten Sie vor?“ – Da sagt doch die Frau: „Nicht nötig, ich bin schon dran.“

Löst ihre Karte, bezahlt mit einem Dutzend Münzen, grinst Helena nochmal an, dreht sich zum Eingang und muss ruckartig stehen bleiben, weil ich mich ihr in den Weg gestellt habe. Ich frage: „Was war das denn eben?“ – Sie geht um mich herum ohne zu antworten. Ich hätte ja große Lust, sie in der Halle noch einmal anzusprechen. Aber was würde das bringen? Sie hat sich lediglich vorgedrängelt. Ich denke mir so: Hoffentlich verschluckt sie bei der nächsten Wende zwei Liter Beckenwasser mit drei richtig fetten Haarbüscheln. Und ein wenig ärgert es mich, dass ich nicht auf Kommando neben ihr pinkeln kann.

Während wir unsere Bahnen schwimmen, schiebt plötzlich ein Badegast unsere beiden Rollstühle an die Wand. Also er hebt sie mehr als dass er sie trägt, weil sie ja festgebremst sind. 25 Meter Kraul schaffe ich, wenn ich mich beeile, in rund 20 Sekunden. Das ist eine Geschwindigkeit von immerhin fast 2,5 Knoten! Oder 4,5 km/h. Okay, die schnellste Schwimmerin der Welt mit einer in etwa vergleichbaren körperlichen Einschränkung schafft rund 6,5 km/h, aber das Ziel, die weltschnellste Schwimmerin mit Querschnittlähmung im Lumbalbereich zu sein, hatte ich noch nie. „Entschuldigung, was machen Sie mit unseren Rollstühlen?“, frage ich den recht sportlich aussehenden Herrn, der zwischen 55 und 60 Jahre alt sein dürfte.

„Die dürfen hier nicht am Beckenrand stehen, das ist eine Unfallgefahr“, sagt er. Ich antworte: „Und wie kommen die später wieder zu uns zurück? Ich krabbel doch jetzt nicht quer über die Fliesen.“ – „Das müssen Sie auch nicht. Sagen Sie mir einfach Bescheid, dann hole ich sie Ihnen wieder.“ – „Nein, lassen Sie die bitte hier am Beckenrand stehen.“ – „Unfallgefahr. Die müssen hier weg.“ – „Dann müssten Sie die Startblöcke da aber auch abmontieren. Ob die nun da stehen oder direkt daneben ein Rollstuhl …“ – „Die Startblöcke sind fest, die Rollstühle beweglich. Jemand könnte darüber stolpern und mit den Stühlen ins Wasser stürzen.“ – „Nun ist aber gut.“ – „Wie gesagt, sagen Sie mir kurz Bescheid, wenn Sie wieder raus wollen. Ich bin dahinten in Bahn 2. Wenn es sein muss, hebe ich Sie sogar hoch. Ich habe jahrelang meine behinderte Mutter gepflegt, von daher weiß ich, wie man damit umgeht.“

Wie man damit umgeht. Aha. Ich schwimme zurück, tauche unter der Leine durch und kralle mir die Schwimmhallen-Aufsicht. „Entschuldigung? Der Herr dort hinten hat unsere Rollstühle vor die Wand geschoben. So kommen wir jetzt aber nicht mehr dran. Könnten Sie uns die bitte wieder an den Beckenrand stellen?“ – „Ja, selbstverständlich.“ – „Danke.“

Wie man damit umgeht.

Hokuspokus

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Ich war heute nach Feierabend noch einmal im Schwimmbad. Helena war mit eine Freundin verabredet, Marie hilft heute ihrer Mutter bei einer Jahresabrechnung und ich hatte nochmal Lust auf den Blindfisch.

Normalerweise glaube ich nicht an Hokuspokus. Aber manchmal habe ich das Gefühl, als gäbe es eine gewisse Paranormalität. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Frau bereits fertig ist mit Schwimmen und im nassen Badeanzug, in ein Handtuch eingewickelt, auf einer gefliesten Bank sitzt und … auf mich wartet? Würde sie sehen können, würde ich sagen, sie starrt Löcher in die Luft. Ich rolle zu ihr und begrüße sie mit einem herzlichen „Moin“, wie sich das für ein Nordlicht gehört.

Sie dreht ihr Gesicht in meine Richtung. Weint sie? Oder ist das vom Chlorwasser? Nein, sie weint. Neulich hat mich noch jemand gefragt, ob blinde Menschen weinen können. Sie versucht, das, was sie bedrückt, einigermaßen zu überspielen, aber es gelingt ihr nicht. „Hi Jule, schön, dass du hier bist. Wie geht es dir?“ – „Danke. Was ist denn los mit dir? Ärger?“ – „Nee, alles gut.“ – „Du kannst mit mir sprechen. Oder möchtest du nicht?“ – Sie schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, fängt an, Rotz und Wasser zu heulen. Ich nehme sie in den Arm und streichel ihr den Rücken. Ich kenne die Frau kaum.

Da ist was ganz bescheuertes passiert. So mitgenommen, wie sie ist. Das hab ich im Gefühl. Zum Glück hab ich noch nicht geduscht. „Wir ziehen uns jetzt an und dann setzen wir uns zu mir ins Auto und dann erzählst du mir alles, okay?“ – Würde sie das wollen? Ich möchte mich nicht aufdrängen. Aber sie nickte. Eine Viertelstunde später saßen wir tatsächlich in meinem Auto. Die Standheizung versuchte, die kalten Temperaturen draußen zu lassen. Und die sehbehinderte Frau fing sofort zu erzählen an: „Ich war heute nicht arbeiten. Ich konnte nicht.“

„Was ist denn passiert? Hat dich da jemand geärgert?“ – „Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe mich gewundert, warum er nicht neben mir liegt heute morgen, habe totale Panik bekommen, dass ihm was passiert sein könnte, will ihn anrufen und lese eine Nachricht auf meinem Handy. Ich habe sie noch immer nicht vollständig entziffert. Magst du sie mir mal vorlesen, bitte?“

„Oh nein. Wie lange seit ihr denn verheiratet?“ – „Seit knapp drei Jahren. Kannst du mir das bitte vorlesen?“ – „Wenn du das unbedingt möchtest?“ – „Keine Sorge, Jule, ich kann das trennen. Ich verknüpfe das nicht mit dir. Aber ich möchte wirklich wissen, was er geschrieben hat. Wenn ich so aufgeregt bin, kann ich mich nicht konzentrieren, da können Schrift und Kontrast noch so groß sein.“

Er schrieb sinngemäß: Liebe […], das ist ein Abschiedsbrief. Ich brauche eine Veränderung. Ich weiß noch nicht, wohin es geht und wo ich landen werde. Aber vor allem, dass wir keine gemeinsamen Kinder haben können, wird für mich zunehmend zu einem Problem. Ich habe nicht vermutet, dass mir etwas fehlen könnte, wenn ich immer im Hinterkopf habe, dass wir verhüten. Du bist eine wunderbare Frau und ich werde auch in Zukunft immer an dich denken. Alles Gute, […]

Sie hörte auf zu weinen. Eine Zeitlang sagte niemand was. Dann kam von ihr: „Der spinnt ja total. Weiß der, was er tut? Wir haben Jahre lang, bevor wir geheiratet haben, immer wieder darüber gesprochen, dass wir beide es nicht möchten, dass unser Kind ebenfalls sehbehindert sein wird. Das war nie ein Problem. Und plötzlich ist es eins, quasi von heute auf morgen? Und ich erfahre das in einem Abschiedsbrief?“

„Darf ich ehrlich zu dir sein, auch wenn das vielleicht weh tut?“ – „Bitte, Jule, deine Meinung interessiert mich sehr. Du schaust ja quasi von außen drauf.“ – „Für mich klingt es, als ob das vorgeschoben ist. Ist denn überhaupt sicher, dass euer Kind eine Sehbehinderung haben würde? Habt ihr das testen, euch beraten lassen? Und es gibt doch auch andere Möglichkeiten, ein Kind zu bekommen. Adoption zum Beispiel. Wenn man das unbedingt wollte.“ – „Jule, das war nie ein Thema. Ich habe das erwähnt und wir haben Dutzende Male darüber gesprochen, dass uns Kinder nicht wichtig sind. Und an dem Stand hat sich nie etwas geändert. Ich weiß, wie er schreibt, und ich vermute, er hat eine andere Frau kennengelernt. Sein Herz war schon seit Wochen nicht mehr bei mir.“

„Das tut mir so leid.“ – „Weißt du, das Schlimme ist ja, dass ich ihn so liebe. Und dass ich weiß, dass ihn niemand anderes so lieben wird wie ich. Würde er morgen, in einer Woche oder in drei Jahren wieder angekrochen kommen, ich würde ihm die Tür sofort wieder öffnen. Ich kann mir nicht einfach einen neuen Mann suchen. Ich liebe ihn. Und stehe jetzt irgendwo im Niemandsland, hoffe, dass er zurück kommt, wenn er zur Vernunft zurück findet und merkt, dass die andere Frau seine ganzen Träume auch nicht erfüllen kann.“

„Ist er denn so ein Träumer?“ – „Das liebe ich an ihm ja so. Ich hatte vor ihm eine kurze Beziehung, bevor ich ihn kennen gelernt habe. Und egal, mit welcher Freundin ich auch drüber gesprochen habe, alle haben mich beneidet. Er hat alles für mich getan, ich habe alles für ihn getan, wir haben uns manches Wochenende stundenlang geliebt. Nicht nur im Bett, verstehst du? Wir waren selbst nach Jahren noch wie zwei verliebte Turteltäubchen. Schon morgens habe ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass ich ihn nach Feierabend wieder neben mir habe. Und jetzt komme ich nach Hause und alle seine Sachen sind noch da. Und dann gehe ich ins Bett und sein Kopfkissen riecht nach ihm. Und jedes Mal muss ich mir wieder sagen: Der kommt nicht mehr. Oder hoffen, dass er eines Tages doch zurück kommt.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn du erstmal ein paar Tage zu einer Freundin gehst. Oder leben deine Eltern noch?“ – „Meine Mutter, aber die würde sterben vor Mitleid, wenn ich jetzt eine Woche bei ihr einziehe. Aber ich werde meine Schwester fragen, ob ich ein paar Tage zu ihr kann. Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“ – „Wird sie das machen?“ – „Hundertprozentig. Sie ist Single, jünger als ich und hat schon immer gesagt, wenn mal was ist, mein Gästezimmer ist immer für dich offen.“

Während sie im Auto saß, telefonierte sie mit ihr. „Ich fahre dich eben zu ihr.“ – Das war doch kein Zufall, dass sie trotz dieses Zustandes heute schwimmen gegangen ist. Und das war auch kein Zufall, dass ich vorher an sie gedacht habe und gehofft habe, sie zu treffen. Kann mir niemand erzählen.