Open Water III

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An Christins Wettkampftag war es bewölkt. Die Lufttemperatur, die vorher noch über 30 Grad hatte, war auf angenehme 21 Grad gefallen. Fast optimale Bedingungen für einen Wettkampf. Wir fuhren rund 30 Kilometer zu einem Süßwasser-Binnensee, in dem die Wettkämpfe stattfinden sollten. Ich fasse es kurz zusammen: Durch einen heftigen Regenfall zwischendrin war es kurz davor, dass die Veranstalter das Rennen unterbrechen. Christin konnte zwar ihre 10 Kilometer durchschwimmen, war aber fast zehn Minuten langsamer als noch vor einer Woche und entsprechend unzufrieden. „Die ganze Woche brennt die Sonne und in den zwei Stunden, in denen ich schwimme, bricht ein Unwetter über uns herein, dass alle meterweit von der Strecke gepustet werden.“

Immerhin konnte ich mir in der Zeit schon die Startunterlagen für meinen Wettkampf am nächsten Tag abholen. Ich musste vor Ort noch Startgelder entrichten und eine Tageslizenz kaufen, wieder alles mit Kreditkarte, ich wurde darauf hingewiesen, dass ich jede Sonderregel vorher zur Prüfung anmelden müsse, sonst würde ich disqualifiziert, wenn ich beispielsweise statt aus dem Stand im Sitzen starten würde. Persönliches Begleitboot war nicht zugelassen, es würde zwei Runden zu je 2,5 Kilometer geben und nach 2,5 Kilometer könnten mir Getränke und Suppe angereicht werden. Die normalen Begleitboote mit den Lifeguards wären aber immer dabei. Es gebe ein 67 Personen starkes Feld aus Teilnehmenden und darunter seien mit mir fünf Personen mit Handicap. Ich sei aber die Einzige mit Rollstuhl und die am schwersten eingeschränkte Teilnehmerin. Meine Assistenz dürfe mich in den Callroom begleiten und mich bis zum Start bringen und nach dem Ziel auch aus dem Wasser holen. Wenn ich direkt beim Start Assistenz benötigte, müsste ich das vorher angeben. „Nö, auf dem Po von der Stegkante ins Wasser rutschen, bekomme ich hin.“ – „Dann schreibst du bei ‚Start Assistance required‘ ein ‚No‘ und bei ‚Assistance to get off the water‘ ein ‚Yes‘.“

„Die Startplätze werden nach Meldezeit vergeben. Der schnellste Schwimmer darf als erstes auf den Steg und sich frei entscheiden, von welchem der 75 Startplätze er ins Wasser springt. Der zweitschnellste kommt als zweites auf den Steg und so weiter. Die fünf Handicapped-Schwimmer dürfen ihre Plätze frei wählen, bevor der Schwimmer mit der schnellsten Meldezeit den Steg betritt und sich dort auch schon positionieren. Wenn du nicht solange sitzen kannst, kannst du dem Startordner auch die Nummer sagen, dann wird dieser eine Slot mit einem Hütchen für dich gesperrt. Du hast keine besondere Badekappe, die dich als Handicapped Swimmer erkennbar macht, es müssen alle auf alle Rücksicht nehmen. Wer einen anderen Schwimmer überschwimmt, fliegt raus. Das gilt für Menschen mit und ohne Handicap. Du darfst einen Bikini oder einen herkömmlichen Badeanzug ohne Bein benutzen. Neopren ist nicht zugelassen. Die Arme müssen immer frei sein. Wenn du einen Badeanzug mit Beinansatz oder mit langem Bein trägst, muss das Modell von der Weltorganisation abgenommen sein und eine Zulassungsnummer tragen, sonst darfst du es hier nicht verwenden. Du musst beim Abgeben deiner Startkarte morgen auch eine ärztliche Bescheinigung auf Englisch vorweisen, dass du sportgesund bist. Viel Glück.“

Muss ich nochmal vorwarnen, dass mein Wettkampfbericht, wie immer, TMI enthält? Also zu viele Informationen einschließlich der unappetitlichen Details. Wer also zart besaitet ist und gerade frühstückt, liest vielleicht erstmal anderswo weiter.

Ich habe in der Nacht kaum geschlafen. War immer wieder wach, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht aufgeregt war. Es ging für mich um nichts. Im schlimmsten Fall zieht mich irgendein Boot aus dem Wasser. Wenngleich ich natürlich ankommen wollte. Gegen fünf Uhr schlief ich ein und war völlig gerädert, als um kurz nach sechs Uhr der Wecker klingelte. Frühstücken? Nee. Ich würde nichts runterbekommen. Nicht mal irgendeinen Keks. Ich wollte nur so schnell wie möglich zum Start und losschwimmen. Es war bewölkt, es waren 24 Grad angesagt, somit waren Luft und Wasser etwa gleich warm. Kein Wind, kein Regen: Eigentlich beste Bedingungen. Christin holte mir eine Kanne lauwarmen Kamillentee aufs Zimmer. Duschen, Beine rasieren, am Ende doch zum Frühstück rollen und eine Schale mit Müsli essen. „Am besten wird sein, wenn ich dir deine Wettkampfbekleidung hier auf dem Bett liegend anziehe. Da auf dem Acker oder im Auto werden wir das nicht hinbekommen.“ – „Um 11 geht das los. Wir sollen um 10 im Call-Room sein, vorher noch eingecheckt haben, vorher noch dorthin fahren…“ – „Um 9 fahren wir ab.“ – „Zwei Stunden lang in dem engen Ding?“ – „Zweieinhalb, um 8.30 Uhr fangen wir mit dem Anziehen an. Plus die zwei Stunden für deinen Wettkampf, macht viereinhalb Stunden. Wirst du überleben. Stell dich nicht so an, wenn ich 25 Kilometer schwimme, überlebe ich die Zeit auch.“ – „Die Frau an der Anmeldung faselte gestern was davon, dass mein pinker Anzug von der Weltorganisation abgenommen sein muss. Ist er das?“ – „Guckst du hier, die Nummer, die später auf deinem Arsch ist, ist die Zulassungsnummer.“

Sollte ich mir das alles nicht doch nochmal überlegen? Ach nee, das denke ich jedes Mal. Um 8.25 Uhr ging ich nochmal aufs Klo, um halb neun lag ich nackt auf dem Bett und ließ mir von Christin meinen Wettkampfanzug anziehen. Bis zum Knie ging es schnell. Ab da reden wir über zwei Zentimeter pro Minute. Der Stoff dehnt sich so gut wie überhaupt nicht, sondern stattdessen muss die Haut in das Teil reingequetscht werden. Der Anzug, den mir Christin beim letzten Mal geliehen hatte, war bereits etwas ausgeleiert, diesen hatte noch niemand vorher getragen. Zentimeter um Zentimeter. Bloß nicht mit dem Fingernagel in den Stoff fassen, dann würde er sofort reißen. Wieder von unten eine Falte erzeugen, und nach oben schieben. Noch zwei Zentimeter. Die schlimmste Stelle war, den Oberkörperbereich des Anzugs über meinen Po zu bekommen. Als das endlich nach rund fünfzehn Minuten soweit war, ging es relativ schnell. Bis zum Bauchnabel, Arme durch die Träger, langsam hochziehen. Ein wenig links zupfen, ein wenig rechts, … „Sitzt er gut im Schritt?“, fragte Christin und fasste mir dorthin. Bevor ich etwas sagen konnte, warf sie mich aus meiner sitzenden Position im Bett um, legte sich auf mich drauf und küsste mich. „Wenn es nicht so mühsam wäre, würde ich dich jetzt sofort auspacken“, sagte sie.

Ich zog mir eine Leggings und einen Hoody drüber, setzte mich in meinen Rollstuhl und verspürte sofort Blasendruck. „Das kann ja nun nicht sein, du warst vor nicht mal 30 Minuten. Du bist nervös, das ist alles.“ – Ich hoffte, Christin würde recht behalten. Sie schob mich einfach aus dem Zimmer. Tür zu, zum Auto, umsetzen, Rollstuhl in den Kofferraum, los. Ich hoffte immernoch, das meine Blase sich nicht selbständig machen würde. Ohne Pampers würde das eine riesige Sauerei geben und wir haben noch rund 30 Kilometer zu fahren. Christin meinte: „Sind Kunstledersitze. Wenn du schwimmst, habe ich zwei Stunden Zeit, sie abzuwischen. Willst du dich vorsorglich auf ein Handtuch setzen?“ – Besser bei 24 Grad kein großes Handtuch zu haben als dass hier irgendwas plätschert, dachte ich mir. Es passierte aber nichts.

Christin zog meinen wasserdichten Bezug auf mein Rollstuhl-Sitzkissen und hängte ein Handtuch über die Rückenlehne, ich zog meine Leggings aus und rollte mit allen Unterlagen zum Check-In. Es war alles vollständig, ich bekam mehrere Klebe-Tatoos mit meiner Startnummer ausgehändigt, dazu eine Anleitung, wohin das alles geklebt werden müsse. Erneut kein Wort über meine Behinderung. Auffallend. Zurück bei Christin, drückte sie mir eine Flasche Wasser in die Hand. „Trinken, sonst dehydrierst du später.“ – „Ich muss seit dem Hotel dringend aufs Klo. Ich muss erstmal gucken, wie und wo ich das erledige.“ – „Du setzt sich jetzt ins Gras und ich klebe dir die Tatoos auf und schmiere dich mit Sonnencreme und Fett ein. Und währenddessen wässerst du bitte den Rasen, der ist sehr trocken.“

Ich war die Nummer 141. Und bekam diese Nummer auf beide Oberarme und auf beide Handrücken. Christin cremte mich mit Sonnencreme ein, richtig dick, am Hals und an den Schultern bekam ich zusätzlich noch eine Fettcreme aufgetragen, ich bekam meine Haare zusammengebunden, bekam meine erste Badekappe auf, meine Schwimmbrille, die zweite Badekappe, alles festkleben … Christin war in Action. Und ich versuchte, gleichzeitig zu trinken und mich zu entspannen. Klappte nicht. Ich setzte mich wieder in meinen Rollstuhl, fuhr zum Callroom. Ich war eine der ersten. Bekamen wir noch eine Einweisung? Wir saßen in einem Zelt, drinnen knapp 70 Plastik-Klappstühle. Ich parkte mich neben einen und setzte mich wieder ins Gras. Irgendwann müsste es ja mal klappen, zumal es schon anfing, weh zu tun. Mit gestreckten Beinen ging es nicht, mit angewinkelten Beinen ging es nicht, im Schneidersitz ging es auch nicht. Keine Chance. Ich hörte aufmerksam der Einweisung zu, dann hieß es: „Die Nummer 141 kann auf den Steg oder kann sich einen Slot reservieren lassen.“ – „Auf den Steg“, sagte ich. Christin setzte mir eine Basecap auf. „Da ist pralle Sonne. Kühl dir bloß ab und zu mal den Kopf mit Wasser. Notfalls gehst du einmal komplett rein und kommst wieder raus. Das ist erlaubt. Die Mütze setzt du kurz vor dem Start ab und lässt sie einfach auf dem Steg liegen. Ich sammel sie später ein.“

Wenn es nun die Regel gab, dass niemand über den anderen absichtlich überschwimmen dürfe, dann könnte ich mich ja an der strategisch günstigsten Stelle platzieren, also auf dem Slot 75. Machte ich auch. Christin schob mich auf die Hinterräder gekippt über die doch recht unebene Rampe zum Steg, ich setzte mich auf die Stegkante, Füße ins Wasser, Rollstuhl hinter mich, Bremsen fest, so konnte ich mich noch eine Zeitlang anlehnen. Christin versorgte mich mit zwei weiteren Literflaschen Wasser, dazu noch drei Fruchtsäfte zu je 200 ml in Tüten, die ich mir später am Rücken in den Badeanzug stecken konnte. Christin stellte sich so neben mich, dass ich einigermaßen im Schatten saß. Ich schob den Rollstuhl ein paar Zentimeter weiter zurück, damit ich bequemer sitzen konnte. Nach und nach kamen die anderen Athletinnen die Rampe herunter. Der Steg schaukelte.

Welche anderen Handicaps die anderen vier behinderten Athleten hatten, konnte ich nicht sehen. Neben mich stellte sich eine junge Frau, etwas jünger als ich, begrüßte mich. Kurz darauf setzte sie sich auf die 74 und fing an, ihren Oberkörper mit Seewasser zu bespritzen. Ich bekam einige Tropfen ab und plötzlich funktionierte das, worauf ich seit Stunden wartete. Ich traute mich nicht, nach unten zu schauen und hoffte nur, es würde nach vorne direkt in den See laufen und nicht nach hinten oder zur Seite. In erster Linie hatte ich aber das Gefühl, es lief im Anzug nach oben. Aber glücklicherweise nicht nur, denn es begann unter mir im Wasser zu plätschern. Die Frau neben mir musste das mitbekommen. Ich sah im Augenwinkel, dass sie mich plötzlich anschaute. Ich hoffte nur, es lief nicht auch zur Seite weg und sie bekam nicht noch was davon ab. Das wäre der größte Gau. Sie hörte nicht auf, mich anzugucken. Irgendwann drehte ich meinen Kopf zu ihr und guckte zurück. Sie grinste mich an und sagte: „We are real nasties.“

Es war 10:30 Uhr. Es ging mir sehr viel besser. Ich versuchte, möglichst viel von dem Wasser vorab zu trinken, um für die nächsten zwei Stunden in praller Sonne genügend hydriert zu sein. Es war zwar nicht so warm wie an den ersten Tagen, aber inzwischen war keine Wolke mehr am Himmel. Der Steg füllte sich immer mehr. Ich konnte langsam nicht mehr sitzen. Christin hatte mir ihre Uhr geliehen. Noch 8 Minuten bis zum Start. Es plätscherte noch einmal unter mir. Ich war froh, dass das so klappte. Die Frau neben mir guckte mich schon wieder grinsend an. Dann wurden alle zunehmend unruhiger, hampelten und sprangen auf dem wackeligen Steg auf und ab und irgendwann durften wir los. Ich ließ die Leute, die springen können, vor mir ins Wasser springen. Der Steg schaukelte wie ein Frachter nach einem Seitwärts-Stapellauf. Dann drückte ich mich hoch und ließ mich vorwärts ins Wasser fallen. Das Wasser war genauso warm wie die Luft, allerdings fühlt sich Wasser ja immer kälter an als Luft.

Ich konnte mich gut bewegen, ich bekam eine gute Wasserlage, es war kein Wind, das Atmen klappte gut. Einmal bekam ich den Fuß einer anderen Athletin gegen meine Hand, einmal bekam ich die Bugwelle einer anderen Athletin direkt in den Mund, als sie mich überholte, das Wasser schmeckte eklig. Etwas sandig. Ich versuchte, mich ein wenig zu bremsen, um die fünf Kilometer durchhalten zu können. Es schwamm sich gerade besser als erwartet. Ich hatte ein gutes Tempo drauf und war nicht die Letzte. Es waren sogar mehr als vier Personen hinter mir, so dass ich nicht nur Menschen mit Handicap hinter mir haben konnte.

Ich war gerade 20 Minuten unterwegs, als das Schwimmen zunehmend schwieriger wurde. Ich bekam Bauchweh. Nein, Bauchkrämpfe. Richtig starke Bauchkrämpfe. Was war das jetzt? Aufregung? Psyche? Zuviel getrunken? Zuviel Sonne? Ich drehte mich auf den Rücken und entspannte mich. Es gelang mir, ein weiteres Mal zu pinkeln. Ich hoffte, dass das die Ursache war und versuchte, keine Zeit zu verlieren. Nach zwei Minuten drehte ich mich erneut auf den Rücken. Richtig heftige Bauchkrämpfe. Ein Paddelboot mit einem Lifeguard kam auf mich zu. Ich schloss für einen Moment die Augen. Entweder geht das jetzt in den nächsten Minuten vorbei oder ich müsste den Wettkampf abbrechen. Ich versuchte mich zu entspannen. Plötzlich, ich erschrak mich fast, musste ich pupsen. Ich liebe meine Querschnittlähmung. Mein erster Gedanke war: Bitte keine große Sauerei jetzt. Der Lifeguard war auf meiner Höhe und fragte: „Any problems?“ – „No, I’m only a little bit gassy.“ – „Oh, you are trying to fart? I better keep some distance when you butter the biscuit.“

Na, der hatte ja Humor. Ich schwamm weiter. Nein, es schien wirklich nur zu viel Gas gewesen zu sein. Es ging mir bereits wesentlich besser. Während der nächsten Minuten pupste ich noch ein paar Mal mitten beim Schwimmen, und ja, ich weiß, es ist eklig, aber ich fasste mit meiner Hand einmal an meinen Po, um festzustellen, dass das wirklich nur Gas war. War es. Ich musste mir also keine Gedanken darum machen, ob ich noch ein paar Kilometer vollgeschissen weiterschwimmen möchte, denn ich war nicht vollgeschissen. Nachdem das auch geklärt war, hatte ich den Anschluss zu der Gruppe verloren und schwamm alleine hinter ihr her. Der Lifeguard hatte mich aus einiger Entfernung stets im Blick, aber mehr passierte nicht. Ich erreichte die Bojen, um die ich schwimmen müsste, um das zweieinhalb Kilometer lange Dreieck zu absolvieren, als ich um die zweite Boje herum war, nuckelte ich mir meinen ersten Apfelsaft aus meiner Trinkpackung in den Mund, um 12.06 Uhr kam ich als letzte am Steg an. Wohlgemerkt nach der ersten Runde, während einige Teilnehmer schon fast mit ihrer zweiten Runde fertig waren. Christin wartete auf dem Steg und hatte an einer langen Angel eine Flasche Wasser für mich, ich nahm sie mir, drehte mich auf den Rücken, füllte oben einen halben Liter nach, ließ unten gleichzeitig gefühlt einen halben Liter raus.

Zweite Runde. Große Lust hatte ich nicht mehr, aber ich wollte ankommen. Nach etwa einem Kilometer, also kurz nach der ersten Boje, zog sich schlagartig der Himmel mit Wolken zu. Die Sonne war verschwunden, Wind kam auf. Wie aus dem Nichts. Einzelne Regentropfen fielen vom Himmel. Ich schwamm weiter. Und schwamm, und schwamm, und schwamm, manchmal hatte ich das Gefühl, der Wind drückt mich zurück, aber ich schwamm, und schwamm, trank einen weiteren Apfelsaft, pullerte um 12.42 Uhr plötzlich mitten im Schwimmen, also ohne Pause zu machen und mich dazu auf den Rücken zu drehen und meine Blase zu bestreichen, schwamm, schwamm, schwamm, irgendwann kam ein Motorboot, auf das der Kayakfahrer neben mir wechselte und um 13.21 Uhr mit einer Zeit von 2:20 Stunden und ein paar zerdrückten Sekunden war ich in der Zielzone. Christin kam ins Wasser, hatte einen Badeanzug an, umarmte mich, gab mir einen Kuss auf den Mund, hielt mich fest, während sie im brusttiefen Wasser fest mit den Füßen am Boden stand. „Du hast es geschafft!“

Christin trug mich aus dem Wasser, setzte mich in meinen Rollstuhl. Meine Beine spielten verrückt. Spastik ohne Ende, sie zitterten als würde ich an einer Nähmaschine sitzen. Das musste an dem ganzen Adrenalin liegen, das auch in meinem Kopf wummerte. Ich sollte direkt zur Siegerehrung kommen. Ich bekam mit der Zeit natürlich keinen Preis, aber ich bekam ein T-Shirt und ein Handtuch sowie eine Teilnehmermedaille überreicht. Nein, erneut kein Hinweis darauf, dass ich ja trotz meiner Behinderung die fünf Kilometer geschafft hatte. Stattdessen baute sich die junge Frau, die auf der 74 gesessen hat, vor mir auf. Inzwischen frisch geduscht reichte sie mir ihre rechte Hand zum Highfive und meinte: „Hey, wir haben es geschafft!“

Die Rückreise nach Deutschland am zweiten Tag nach dem Wettkampf war unspektakulär. Allerdings waren wir gerade wieder im Lande, als der erste einen dummen Spruch machte. Wie habe ich es vermisst! Wir saßen im ICE, ich auf dem Rollstuhlplatz, Christin auf dem Begleiterplatz, als eine Frau sich uns gegenüber auf den für Schwerbehinderte reservierten Sitz setzte und uns fragte, ob wir dort sitzen möchten. Was ja ziemlich unsinnig ist, wenn wir bereits einen Sitzplatz haben, aber: „Ich bin zwar nicht schwerbehindert“, meinte sie, „aber wenn jemand angehumpelt kommt, mache ich Platz. Die meisten Behinderten fahren ja sowieso nicht Bahn.“ – Danke fürs Gespräch. Ja, ich habe es vermisst. Wirklich.

Laktat und Glucagon

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Ab morgen wird uns der Alltag wiederhaben. Marie und ich müssen wieder arbeiten, Helena muss in dieser Woche wieder zur Schule und es wird nicht mehr lange dauern, bis der letzte Weihnachtsschmuck aus den Vorgärten verschwunden ist. Wir haben den Heiligabend mit Susi und Otto bei uns zu Hause an der Ostsee verbracht. Wir waren gemeinsam in der Kirche, wo eine Schulfreundin von Helena ein Solo gesungen hat. Was sie echt toll hinbekommen hat.

Helena hat zu Weihnachten ihr erstes vernünftiges Smartphone bekommen, nachdem sie ein Jahr lang mit einem sehr einfachen Jugend-Smartphone sehr gut zurechtgekommen ist und sich überraschend gut an unsere Vereinbarung gehalten hat. Vereinbarung darüber, wie häufig das Ding genutzt wird. Sie spielt überhaupt nicht, nutzt es ausschließlich für Soziale Medien und zur Kommunikation. Wenn ich mitbekomme, was da in ihrer Klasse bei Gleichaltrigen passiert, können wir uns wirklich nicht beklagen.

Seit einem Jahr hat Helena ein eigenes Taschengeld-Girokonto. Auch das funktioniert erstaunlich gut. Sie bekommt derzeit noch 20 Euro im Monat (mit 13 Jahren), in Kürze hat sie Geburtstag, ab dann werden wir es auf 30 Euro im Monat erhöhen. Sie hat ein zweites Konto, auf das die Reste ihrer Unterhaltsleistung vom Jugendamt gehen, also Geld für Schulsachen, Klamotten und ähnliche einmalige Anschaffungen. Die Karte war anfangs bei Marie oder bei mir und die bekam sie einst nur, wenn wir gemeinsam etwas für sie einkaufen. Im Sommer habe ich Helena mit der Karte zum Schulsachen einkaufen geschickt, auch das hat geklappt. Sie kam mit Bon und Karte zu mir und alles war gut. Seit Dezember hat sie die Karte ständig in ihrer Geldbörse. Sie genießt sehr großes Vertrauen – wenngleich das Tageslimit stark begrenzt ist und Marie und ich eine Mail bekommen, wenn jemand mit der Karte verfügt.

Ein Geschenk, über das sie sich ebenfalls sehr gefreut hat, ist ein langer Neoprenanzug zum Schwimmen, den sie von Otto und Susi bekommen hat. Ja genau, jenes Kind, das vor zwei Jahren nicht ins Wasser wollte, weil alle ihr eingeredet haben, sie könne wegen ihrer Behinderung nicht schwimmen. Und es darf geraten werden, wer am zweiten Weihnachtstag nicht mehr aus dem eiskalten Gartenpool herauszulösen war. Wir waren am 1. Weihnachtag mit Susi und Otto nach Hamburg gefahren.

Und während wir den Jahreswechsel ohne großes Theater bei einer Runde Monopoly zu Hause verbracht haben (zu Mitternacht sind wir drei mit unseren Handbikes an die Ostsee geradelt, bei eiskaltem Wind aber guter Sicht haben wir einen Moment dem Feuerwerk zugeschaut, sind anschließend ins Bett), ging es pünktlich am Neujahrsmorgen für uns drei in ein (kommerzielles) Trainings-Camp nach Niedersachsen.

Wir haben uns schon zwei Mal von diesem Anbieter schinden lassen. Fünf Tage für 250 Euro pro Person sind zwar viel Geld, sind aber angemessen. Vollpension wohlgemerkt. Die Unterkunft mit Zwei- oder Vierbettzimmern war für mich okay, da ich mit Marie in ein Zimmer kam. Helena schlief mit drei gleichaltrigen Sportlerinnen in einem Zimmer. Mit Marie und mir hatten sich insgesamt 16 Leute zum Schwimmtraining angemeldet, es gab eine Jugendgruppe für Leichtathletik und eine noch wesentlich größere Gruppe, die Kampfsport trainierte. Gegessen und übernachtet wurde im selben Haus, die Trainingseinheiten waren halt getrennt.

Wir waren die einzigen Menschen mit Behinderung, aber der Veranstalter betonte, dass das kein Problem sei. Ebenso war es kein Problem, dass Helena mit schwamm, statt Leichtathletik zu trainieren – rennen und springen sind nun wirklich nicht ihre Disziplinen. Natürlich konnte sie nicht mit den Schwimmerinnen und Schwimmern mithalten, die das täglich machen, aber sie hatte zusammen mit einer angemeldeten Seniorin ihre eigene Bahn und bekam vom Trainer regelmäßig Aufgaben und Tipps – sie war Feuer und Flamme.

Insgesamt waren viele spannende und sehr freundliche Leute dabei, mit denen jede Unterhaltung Spaß machte. Aber drei Leute schossen natürlich wieder den Vogel ab. Die erste kam mit Fieber und fettem Atemwegsinfekt und wurde quasi noch auf der Türschwelle wieder nach Hause geschickt. Was ich sehr gut fand, denn ich bin dorthin gefahren, um meinem Körper etwas Gutes zu tun und nicht, um krank zu werden. Die zweite wusste genau, wie man „mit Behinderten umgeht“, weil ihr Vater auch mal im Rollstuhl saß. Und so wurde sie regelmäßig übergriffig. Räumte ungefragt unseren Teller weg (obwohl wir nochmal Nachschlag wollten), brachte uns Getränke mit zum Essen (zum Beispiel Kirschsaft aus Pulver angerührt, ohne vorher zu fragen). Sowohl Marie als auch ich haben beide unabhängig freundlich mit ihr geredet, dass das nicht erwünscht ist und wir alleine für uns sorgen können – und bei Bedarf fragen.

Puls bekam Marie, als die Dame ihr im Vorbeigehen in der Schwimmhalle, beim Aufwärmtraining an Land, plötzlich unvermittelt den Kragen vom Poloshirt richtete. Sie grabbelte Marie einfach so an und faltete da am Hemdkragen rum. Marie sagte: „Lass es, ich möchte nicht andauernd angefasst werden.“ – Sie meinte es natürlich nur gut. Wie immer. Als die Dame mir unter Wasser an den Po fasste, um diesen Waschzettel, also dieses eingenähte Etikett, wo draufsteht, wie man etwas waschen kann, wieder in meinen Badeanzug zu stecken, habe ich ihr Schläge angedroht. Wirklich, sowas mache ich normalerweise nicht. Aber wenn es inzwischen drei ganz deutliche Ansagen gegeben hat, muss das wohl sein, um noch klarer zum Ausdruck zu bringen, dass ich es nicht möchte, dass mir jemand ungefragt an den Po greift.

Und der Hammer war auch eine andere Dame, in den Vierzigern, wie ich schätze. Bei einigen Sportlern, die wirklich sehr gut waren und sich auch entsprechend für ein teures Einzeltraining angemeldet hatten, wurde der Laktatspiegel im Blut gemessen. Damit kann man salopp gesagt die Fitness und die Belastbarkeit eines Sportlers messen (und später den Trainingserfolg). Laktat steigt im Blutkreislauf an, wenn die von den Muskeln verwertete Energie nicht vollständig verbrannt wird, also salopp gesagt nach einer Überlastung. Ziel eines solchen Trainings unter Bestimmung des Laktatgehalts im Blut ist es, diese Schwelle, ab der der Körper beginnt, wegen Überlastung die Energie nur noch unvollständig zu verheizen, zu verschieben.

Die Dame behauptete nun ernsthaft, Laktat sei ein Glückshormon, das bei intensivem Training ausgeschüttet würde und für das Glücksgefühl nach einem Ausdauertraining verantwortlich sei. Sie vertiefte das immer weiter und immer abenteuerlicher. Ich habe sie reden lassen. Sie brauchte vermutlich Aufmerksamkeit. Als sie Helena ansprach, dass der frühere Handelsname des synthetisch hergestellten, therapeutisch verwendeten Insulins „Glucagon“ sei, antwortete Helena, sie habe in der Diabetes-Schulung gelernt, dass Glucagon ein Gegenspieler zum Insulin sei – es sei doch fatal, wenn zwei so unterschiedliche Dinge denselben Namen trügen. Ich habe dann gesagt, dass ich vermute, dass die Dame etwas verwechselt. Da war ja was los. Es gibt eben Menschen, die keine Kritik vertragen – und ich hatte das schon befürchtet.

Alles in allem war das aber eine sehr tolle, wenn auch anstrengende Urlaubswoche.

Nochmal Openwater

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Nachdem mir der Fünf-Kilometer-Wettkampf vor vier Wochen so gut gefallen hat, war es klar, dass ich zustimmen würde, dieses Mal sogar sofort, als Christin mich in der letzten Woche fragte, ob ich sie noch einmal begleiten würde. Wieder Ausland, dieses Mal anderes Land, wieder nur wenige Autostunden von meinem derzeitigen Wohnort entfernt. Wieder in einem Binnensee, wieder über zwei Tage, wieder mit unterschiedlichen Wettkämpfen für Schüler und Erwachsene.

Wir wollten direkt nach meinem Dienst losfahren. Ich hatte angeboten, Christin von Zuhause abzuholen. Plötzlich, ich schrieb gerade einige Berichte an meinem Arbeitsplatz, klingelte mein Telefon in der Hemdtasche. „Hier ist eine junge Frau. Sie möchte direkt zu dir.“ – „Name?“ – „Christin […]“ – „Kannst du schicken.“

Eine halbe Minute später klopfte es an meiner Tür. Als Christin vorsichtig ihren Kopf durch die Tür steckte, konnte ich mir nicht verkneifen, sie so zu begrüßen, wie sie es immer macht, wenn ich in der Schwimmhalle darauf angewiesen bin, dass mir jemand den Nebeneingang öffnet. „Tschuldigung, haben Sie sich in der Tür geirrt? Das hier ist die Kinderstation.“ – Christin antwortete schlagfertig: „Bin noch ein Baby und möchte mir einen Schnuller abholen. Außerdem habe ich gerade meine Dreimonatsblähungen, wollen Sie mal hören?“

Sie kam hinein, setzte sich auf einen freien Stuhl und meinte: „Hier arbeitest du also. Und so siehst du aus, wenn du arbeitest.“ – „Ja. So sehe ich aus.“ – „Warum hast du kein Stethoskop um den Hals? Ich habe das immer für ein Erkennungszeichen gehalten.“ – „Das brauche ich zum Briefe tippen nicht. Das liegt hier.“ – „Warum hast du keinen weißen Kittel an?“ – „Das ist kein Kittel, sondern ein Mantel.“ – „Wie, der Kittel ist ein Mantel?“ – „Genau. Ich darf aber statt des weißen Mantels auch nur weiße Jeans und weißen Kasack tragen.“ – „Was ist ein Kasack?“ – „Das ist ein hüftlanges Hemd mit überlappendem V-Ausschnitt, das man sich über den Kopf zieht.“ – „Und das jetzt?“ – „Das sind eine blaue Hose und ein blaues Schlupfhemd.“ – „Hast du einen BH drunter?“ – „Willst du nachgucken?“

„Später. Und wieso steht hier keine Liege drin?“ – „Weil das hier ein Rückzugs- und Schreibraum ist und kein Untersuchungsraum. Hier kommen keine Patienten rein.“ – „Hast du Drogen hier?“ – „Hier nicht, aber im Stationszimmer ist ein Giftschrank.“ – „Ist da Marihuana drin?“ – „Nö. Brauchst du welches?“ – „Nee, ich bin Sportlerin und will morgen starten und da bestimmt keine Dopingsperre bekommen. Aber ich würde gerne mal sehen, wie sowas aussieht. Also in echt. Hast du schonmal einen Joint geraucht?“ – „Nee. Und das möchte ich auch nicht. Drück mal bitte die Daumen, dass das hier heute ohne größere Katastrophen vorüber geht, damit wir pünktlich loskommen. Wieso bist du eigentlich hierher gekommen? Ich hätte dich doch abgeholt?“ – „Naja, wäre halt eine Stunde Umweg gewesen für dich und ein paar Busse fahren doch.“

Nachdem Christins erste Neugier gestillt war und die letzte Stunde meines Dienstes ohne größere Katastrophen vorüber ging, saßen wir pünktlich im Auto. Kamen sehr gut durch und waren nach einigen Stunden trotz Geschwindkeitsbeschränkungen und Sommerreiseverkehr sehr schnell dort, wo wir hin wollten. Zelt aufbauen, den Kompressor das Luftbett aufblasen lassen, schnell noch eine Kleinigkeit essen, in einem Waschhaus, sogar mit Klappsitz an der Wand für Menschen mit Behinderung, duschen, Zähne putzen, ab in die Falle. Wir zwei unter einen aufgefalteten Schlafsack, wegen der Wärme, vielleicht auch aus anderen Gründen, unbekleidet. Christin: „Ich hab mich schon seit Tagen darauf gefreut, mit dir zu schmusen. Du bist so sanft und so zärtlich.“

Oha. Was für Komplimente. Nein, es gab wieder einfach nur Hautkontakt. Ein wenig den Rücken streicheln, eng aneinander liegen. Kein Knutschen, keine Intimitäten. Wobei ich das schon sehr intim finde. Aber ich könnte mir natürlich noch sehr viel mehr vorstellen. Und ehrlicherweise auch mit ihr. Aber ich bin da zurückhaltend. Ich stimme zu, aber ich fordere es nicht heraus. Es ist sehr schön mit ihr und es macht sehr viel Spaß. Vor allem ihre Unbefangenheit finde ich sehr erfrischend. Manchmal benehmen wir uns wie Kinder.

Zum Beispiel wachte ich mitten in der Nacht auf. Zum Glück. Das, was ich zum Abendessen getrunken hatte, wollte raus. Das ist der Nachteil beim Zelten: Zu Hause wäre ich jetzt vom Bett schnell in meinen Stuhl rübergerutscht und zum Klo gerollt. Das kann ich auch im Dunkeln. Hier müsste ich vom Fast-Boden nach oben. Zum Waschhaus. Mir vorher was anziehen. Bis das alles so weit ist, hat meine autonome Querschnitt-Blase schon ihre Geduld verloren. Irgendein Gefäß würde ich im Dunkeln sicherlich auch nicht treffen. Also Pampers anziehen und hoffen, dass Christin mich morgen früh nicht allzu eklig findet. Wobei ich sie ja inzwischen etwas besser einschätzen kann und die Sorge wohl unbegründet ist. Während ich in meiner Tasche wühlte, flüsterte sie: „Was rödelst du denn da rum?“ – „Ich muss dringendst pissen“, flüsterte ich zurück. Sie stand schlagartig auf und wollte mich hochheben. „Ich trag dich.“ – „Nackt oder was?“ – „In die Sauna gehst du doch auch nackt. Ich dachte, es wäre dringend.“ – „Ja, aber ich gehe doch nicht nackt in das beleuchtete Waschhaus!“ – „Quatsch, nächste Hecke!“ – „Wenn das einer sieht.“ – „Wenn du die Klappe hältst, bestimmt nicht. Die pennen alle. Wehe, du furzt dabei laut.“

Es dürfen mich gerne tausende Leserinnen und Leser für bescheuert halten und die Szene total verstörend, aber das war ein Spaß! Christin hat mich unter meinen Kniekehlen vor sich hergetragen, wie man ein kleines Mädchen in freier Natur abhalten würde, bis zu einer Hecke. Es fehlte nur, das gleich ein Platzwart mit einer Taschenlampe irgendwo um die Ecke biegt und uns in die Augen leuchtet. Ich hatte dermaßen Herzklopfen, dass uns hier jemand sehen oder beobachten würde. Es war zwar stockdunkel, aber eben auch total still. Man hörte jeden Schritt auf dem Gras. Christin stach der Hafer, sie schwenkte mich hin und her wie eine Gießkanne, mit der jemand ein Beet bewässern wollte. „Merkst du das eigentlich, wenn ich deinen Arsch durch die Brennesseln schwenke?“, flüsterte sie mit gepresster Stimme, ihr Lachen unterdrückend. Ich flüsterte: „Merken nicht, aber die Hautreaktion wäre die gleiche. Also lass es!“

Ich war so erleichtert und glücklich, als wir wieder unter dem Schlafsack lagen. Am nächsten Morgen war zuerst unser Check-In angesagt. Wir mussten unsere Unterlagen abholen und im Internet ein Video anschauen, mit dem wir instruiert werden sollten. Hier fiel die Begrüßung weniger herzlich aus als beim vorherigen Wettkampf. Was mir nicht schlechter gefiel, denn eigentlich mag ich keine Sonderrollen. Auch wenn ich erneut die einzige Rollstuhlfahrerin war. Aber es gebe noch einen älteren Herrn mit einem im Oberschenkel amputierten Bein, sagte man uns. Der schwimme schon seit Jahren mit. Persönliches Begleitkajak sei hier übrigens nicht zugelassen. Allgemein wären Rettungsschwimmer im Kajak dabei, aber persönliche Assistenz sei nicht möglich. Das würde ich aber so überleben, davon war ich überzeugt.

Am Samstagmorgen war Christin dran. Das Teilnehmerfeld war nicht allzu groß, lediglich acht Frauen wollten die zehn Kilometer lange Strecke schwimmen. Christin kam nach zwei Stunden und knapp fünfzehn Minuten als erste an. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die nächste Frau war rund zehn Sekunden hinter ihr. Wahnsinn. Ich habe fast geheult, als ich die beiden gegeneinander kämpfen sah und sich immer mehr abzeichnete, das Christin vorne sein würde. Keine Ahnung, woher sie nach zwei Stunden die Energie nahm, noch einen Sprint einzulegen. Aber am Ende hat sie sich belohnt.

Mein Start war am frühen Nachmittag. Christins weiche Knie hatten sich inzwischen einigermaßen erholt. Ich lag im Zelt auf dem Luftbett, wir zogen mir zusammen ihren Schwimmanzug an. Wenn ich das öfter machen sollte, würde ich mir selbst so ein Teil für 300 Euro und mehr kaufen. Jetzt, für den zweiten Wettkampf, wollte sie mir ihren alten Wettkampfanzug, den sie nur noch als Ersatz dabei hat, erneut leihen. Und ich hatte das Glück, das unsere Körpergröße und auch unser Körperbau relativ gleich ist. Wenn man von meinen etwas dünneren Beinen mal absieht, aber sie sind immerhin noch dick genug, dass sie die langen Beine des Anzugs ohne Falten ausfüllen. Nach zwanzig Minuten hatte ich das Ding an. Vielleicht würden wir das auch in 15 Minuten hinbekommen, aber das Ding sitzt so eng, dass man bloß nicht ins Schwitzen kommen sollte. Dann geht nämlich gar nichts mehr.

Das Briefing hatten wir ja schon per Onlinevideo bekommen, von daher konnten wir uns eine lange Warterei im aufgeheizten Großraumzelt sparen und gleich auf den Steg. Christin cremte mich zum letzten Mal fett mit Sonnenmilch ein. Und mit Vaseline an jenen Stellen, an denen der Anzug scheuern könnte und die Haut sich die ganze Zeit bewegt. Badekappe und Brille vernünftig festgeklebt, drei Trinkbeutel hinten in den Anzug gesteckt, am liebsten wäre ich mich nochmal etwas eingeschwommen, nur wäre ich nie im Leben vom Wasser aus wieder auf den Steg gekommen. Nur mit einem riesigen Umweg über Land.

Als endlich gestartet war, dachte ich mir: Nee, oder? Worauf hast du dich da jetzt nochmal eingelassen? Zwei Stunden schwimmst du jetzt durch diesen See. Und dieses Mal zeigte sich gleich am Anfang, dass die elf Frauen, die gegen mich antreten würden, schneller sein werden als ich. Erheblich viel schneller. Aber das war mir egal. Ich hing meinen Gedanken nach und schwamm einfach. Irgendwo tuckerte ein Motorboot vor mir her. Jedes Mal, wenn ich einatmen wollte, atmete ich Abgase ein. Das war sehr lästig. Aber auch schnell wieder vorbei. Ich schwamm. Und schwamm. Und schwamm.

Ein Begleitkajakfahrer interessierte sich für mich und blieb auf meiner Höhe. Irgendwann war er wieder weg. Es passierte rein gar nichts. Außer dass ich schwamm. Nach einem Kilometer kam die erste Boje. Oder vielmehr eine etwas größere aufgeblasene Tüte, die auf dem Wasser hin und her schaukelte. Mir ging es gut. Mein Tempo hatte ich richtig gewählt, ich konnte gut atmen, die Wassertemperatur war okay. Plötzlich war die zweite Boje da. Ich hatte sie zwar angeschwommen und immer mal wieder nach ihr geschaut, aber dann war sie sehr überraschend dichter gekommen. Noch fünfhundert Meter bis zur Wasserstation. Sollte ich schonmal was trinken? Das Bedürfnis hatte ich nicht.

Als ich an dem Schwimmsteg in der Nähe des Ufers ankam, fragte mich jemand: „Warm oder kalt?“ – „Kalt!“ – „Große oder kleine Flasche?“ – „Große!“ – Ich bekam eine 750-Milliliter-Wasserflasche mit einem Sportdeckel drauf, wie man sie auch in einem berühmten Discounter bekommt, angereicht. Ich drehte mich auf den Rücken, legte meinen Kopf waagerecht hinein, ließ mich treiben und nuckelte an dieser Flasche. Ich hatte doch ziemlichen Durst. Knapp einen halben Liter soff ich aus, das restliche frische Wasser spritzte ich mir über mein Gesicht, um mal etwas anderes wahrzunehmen als immer nur Seewasser und um einmal kurz etwas sauberes Wasser ins Gesicht zu bekommen. Dann warf ich die Flasche in Richtung des Stegs und schwamm weiter.

An der nächsten Boje hatte ich zum ersten Mal das Bedürfnis, etwas zuckerhaltiges zu mir zu nehmen. Ich griff nach einem Trinkbeutel und schüttete dessen Inhalt in mich hinein. „Bitte ohne spucken dieses Mal“, dachte ich mir. Klappte. Ich bildete mir ein, die Wirkung des eingeflösten Zuckers in den Muskeln merken zu können. Kurz vor der vierten Boje schüttete ich noch einmal den Inhalt eines Trinkbeutels in mich hinein. Wieder glaubte ich, einen kleinen Energieschub wahrnehmen zu können. Es schwamm sich besser als ich erhofft hatte und ich hatte auch nach vier Kilometern keine nennenswerten Probleme. Ich musste nicht spucken, wie beim letzten Mal, meine Blase spielte nicht verrückt, wie beim letzten Mal, ich verschluckte mich nicht in einer Tour, wie beim letzten Mal, sondern ich hatte das Gefühl, dass ich auch noch einen sechsten Kilometer schaffen würde. Allerdings war keine schnellere Geschwindigkeit drin. Und ich schätze, dass ich einen sechsten Kilomter zumindest anteilig geschwommen bin, denn zuletzt kam mir der Wind entgegen.

Nach zwei Stunden und 21 Minuten schlug ich an. Deutlich langsamer als beim letzten Mal. Aber dafür war mein Kreislauf wesentlich fitter. Ich schwamm in einen flacheren Bereich. Erst jetzt merkte ich, dass eine ganze Traube von Zuschauern mir applaudierte. Und erst jetzt erfuhr ich, dass diejenige, die zuletzt vor mir ins Ziel kam, schon seit einer Dreiviertelstunde da war. Aber ankommen ist alles.

Ich schwamm vorsichtig zu einer Stelle, an der das Wasser so flach war, dass ich mit dem Po auf den Grund sitzen konnte, während mein Kopf noch über Wasser war. Christin hatte Shorts und Shirt an und kam in meine Nähe, bis sie bis zu den Knien im Wasser war. „Ich weiß nicht, wieviele spitze Steine hier im flachen Wasser sind. Oder Scherben. Ich würde dich gleich auf den Arm nehmen. Sag du mir Bescheid, wann wir loslegen können.“ – „Bescheid.“

Als ich im Stuhl saß, begannen meine Beine zu zittern. Ihnen fehlte mal wieder der Nervenimpuls. Einige der umstehenden Leute guckten etwas sparsam aus der Wäsche. Was ich etwas doof fand: Die Siegerehrung für „meinen“ Wettkampf war bereits gelaufen. Ich meine: Einerseits ist klar, dass man nicht auf mich warten möchte, zumal ich als Letzte ja nicht aufs Treppchen komme. Aber andererseits kenne ich das nicht, dass man eine Siegerehrung durchführt, während der Wettkampf noch läuft. Aber egal. Ich hängte mir ein Handtuch um, Christin schob mich zu unserem Campingplatz, ich duschte mir dort Vaseline und grünes Seewasser ab und befand: Das war nicht die letzte lange Strecke. In diesem Sommer vielleicht. Aber in diesem Leben sicher nicht.

Kein Triathlon IV

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Hier kommt nun der letzte Teil meines mal wieder ausführlich beschriebenen Erlebnisses. Und ich warne vor: Es wird exkrementlastig. Wer da empfindlich ist, liest vielleicht lieber ein wenig im Telefonbuch.

An meinem „großen Tag“ weckte mich der Wecker. Nicht die Enten. Als ich nach dem Duschen wieder im Zelt war, sagte Christin: „Ziehe ich dir das Ding jetzt im Zelt im Liegen an oder legen wir drüben eine Decke auf die Wiese? Im Sitzen wirst du es nicht über den Hintern kriegen.“ – Gemeint war ihre Ersatz-Hightech-Schwimmkleidung, die sie bereits ausrangiert und nur für den Notfall noch dabei hatte. Oder für Stinkesocken, die ziemlich genau die gleichen Körperproportionen haben. Ich antwortete: „Ich lege mich nicht nackt vor den Augen anderer auf eine Decke.“ – „Dann hier. Danach nur noch Zelt abbauen, das mache ich, alles ins Auto, Klappe zu, rüberrollen.“

Ich habe noch nie in meinem Leben so ein enges Teil angezogen. Christin meinte die ganze Zeit, dass das so eng sein müsse. Ich dachte, ich implodiere gleich. Über die Beine ging es in etwa zehn Minuten. Das war wie eine superenge Feinstrumpfhose. Stück für Stück. So stelle ich es mir vor, Kompressionsstrümpfe anzuziehen. Dann über den Hintern. Was an sich kein Problem wäre, müsste nicht der ganze Stoff, der später den Oberkörper bedeckt, auch mit drüber. Der Stoff erinnerte mich irgendwie an Butterbrotpapier. Ich war in erster Linie damit beschäftigt, nicht wegzurutschen. Aber Christin war völlig ruhig. Nach weiteren zehn Minuten hatte sie das Ding über meinen Popo bekommen. Dann nochmal überall etwas nachziehen, dann bis zur Brust hochziehen und wieder runterschieben. „Oben ziehst du dir jetzt ein Shirt drüber, das machen wir erst kurz vor dem Start, sonst schneidet es später an den Schultern so in die Haut ein.“ – „Darf ich atmen?“ – „Wenn es noch geht, gerne. Unten ziehst du dir eine lange Sporthose drüber, damit du nirgendwo hängen bleibst und ein Loch reinreißt. Du siehst klasse aus.“

Hatte schonmal irgendwer so ein Teil an und weiß, wovon ich schreibe? Ich fürchte: Nein. Während ich mich schonmal auf den Weg zum Call-Tent machte, wo sich alle Schwimmerinnen eine halbe Stunde vor dem Start zu letzten Anweisungen einfinden sollte, baute Christin unser Zelt ab. Eigentlich wollte ich mich nochmal einschwimmen. Aber das würde ich zeitlich nicht mehr schaffen. Egal, es ging um nichts. Außer ankommen. Ein Mensch vom Orgateam kam auf mich zu und sprach mich in gebrochenem Deutsch an. „Mein Name ist Freddi und ich bin für ihre persönliche Assistenz zuständig. Wenn Sie Hilfe benötigen, rufen und winken Sie bitte nach mir. Ich bin immer auf dieser Wiese oder auf dem Steg.“ – „Dankeschön.“

Ich war so aufgeregt. Meine Badekappe hatte ich irgendwo. Meine Schwimmbrille auch. Christin kam zu mir. „Ich habe das gerade noch mit dem Kajak geklärt. Ich helfe dir auf den Steg und beim Start, dann komme ich im Kajak hinter dir her und begleite dich bis zum Ziel. Die ersten fünf bis zehn Minuten müsstest du alleine schaffen. Ich habe mir schon eine Schirmmütze organisiert gegen die Sonne. Eincremen mache ich, wenn ich dir den Anzug hochgezogen habe, sonst habe ich keine Kraft. Und dann geht es los. Bist du aufgeregt?“ – „Wahnsinnig.“ – „Hör gleich gut zu beim Briefing. Nicht dass du die Bojen falsch anschwimmst und disqualifiziert wirst. Ich würde deinen Rollstuhl auch gerne ins Auto werfen. Zum Steg kommen wir damit eh nicht runter, das Ding versandet unterwegs. Ist es okay, wenn ich dich auf den Arm nehme?“ – „Meinetwegen ja, aber bin ich dir nicht zu schwer?“ – „Das kriege ich hin.“

Sie war sehr fürsorglich. Was ich sonst nicht so mag. Aber irgendwie konnte sie es so gut abgrenzen. Verstand, wo es mir half und wo es unangebracht war. Bis das Briefing startete, dauerte es gefühlt endlos. Ich saß zusammen mit Christin in der letzten von fünf Klappstuhlreihen in einem großen weißen Zelt. Mein Herz raste vor Aufregung. Ich versuchte, mich zu entspannen. Christin drückte mir erneut meine Trinkflasche in die Hand und brachte erstmal meinen Rollstuhl ins Auto, während ich auf einem wackeligen Holzklappstuhl saß. Neben mir saßen rund dreißig Frauen, wenige ein paar Jahre jünger als ich, etliche ein paar Jahre älter als ich. Durchschnittlich wohl um die 30. Als Christin wieder da war und sich neben mich setzte, fing endlich jemand mit der Begrüßung an. Der Zeitplan war schon nicht mehr zu halten. In zwei Minuten sollte der Start sein. Die Männer waren schon lange im See. Es begann damit, dass die Windstärke unter drei sei, die Wassertemperatur 23,6 Grad und die Luft bereits 25 Grad hätte. Alles auf Englisch. Was wichtig sei, wenn jemand einen Krampf bekäme. Dass man sich nirgendwo festhalten dürfe, auch nicht am Begleitboot. Dass die Strecke amtlich vermessen sei und zur Qualifikation für höhere Leistungsstufen geeignet sei. Mein größtes Problem war (wie könnte es auch anders sein) mal wieder meine Blase. Das würde nicht mehr lange gut gehen. Und er hörte einfach nicht auf zu sabbeln. Noch eine Regel, noch ein Hinweis. Die junge Frau neben mir war auch schon ganz nervös und wippte die ganze Zeit mit ihren Beinen. Ich flüsterte Christin ins Ohr: „Wenn der noch lange labert, geht hier was schief.“ – Christin sagte: „Ist Rasen unterm Stuhl. Merkt keiner.“

Nö, das würde ja auch gar nicht plätschern. Ich überlegte, ob ich mich lieber auf den Boden setzen sollte. Dann endlich war er fertig. „Wenn keine weiteren Fragen mehr sind, begeben Sie sich bitte direkt bis vor den Steg. Sie werden einzeln aufgerufen.“ – Christin nahm mich auf den Arm. Einen Arm unter meine Knie, einen Arm hinter meinen Rücken und unter meine Schultern, ich hielt mich mit einem Arm an ihren Schultern fest. Sie trug mich nach draußen und setzte mich auf den Rasen vor den Steg. Wahnsinn, wie kräftig sie war. Es machte ihr scheinbar überhaupt nichts aus. Ich bin nun auch nicht sehr schwer, aber ich bin auch kein Kind mehr. Ein herumstehendes älteres Paar, er mit einem Wanderstock in der Hand, tuschelte hörbar: „Ach, die ist behindert. Ich wundere mich schon, warum sie getragen wird. Schwimmt die auch mit? Nicht, dass die untergeht.“ – Christin murmelte leise: „Fresse.“

Vorsichtig mein T-Shirt ausziehen und vor die Brust halten, während Christin mir die Träger über die Schultern zog. Das war nochmal ein Akt. Und ich weiß, too much information, aber es blieb uns nichts erspart: „Ich piss jetzt echt hierhin“, sagte ich. Christin meinte: „Ja schön. So trocken, wie das Gras ist, versickert das an Ort und Stelle.“ – Ich war froh, es zumindest bis hierhin geschafft zu haben. Christin schmierte mich an den Schultern und am Hals fett mit Sonnencreme und Vaseline ein. Eine Badekappe auf den Kopf, Schwimmbrille drüber, zweite Badekappe, festkleben. An der Stirn, an den Wangen. Ich bekam meinen Transponder ums Handgelenk. Auch festkleben. Mit wasserfestem Klebeband. „Der rödelt sich sonst los in den nächsten Stunden“, wusste Christin. Hätte ich alles nicht auf dem Schirm gehabt. Nun kam endlich die Frau mit dem dicken schwarzen Fasermaler und schrieb mir meine Startnummer auf die Oberarme und auf die Hände. Christin gab mir drei Squeez-Trinkbeutel für unterwegs. „Steck sie dir hinten rein.“ – „Was?“ – „Am Hintern oben in den Badeanzug. Dann hast du was mit Zucker, wenn du schnelle Energie brauchst. Wasser bekommst du an der Verpflegungsstation, das hat er ja eben erklärt. Gesalzene Suppe gibt es heute nicht.“ – „Haha.“

Dann durfte Christin mich endlich auf den Steg bringen. Ich saß am äußersten linken Ende. Man rechnete wohl damit, dass ich die langsamste sein würde. Ich saß auf Christins Handtuch. Mit meinem angepinkelten Hintern. Es dauerte nochmal rund fünf Minuten, dann hob ein Mensch auf einem Motorboot endlich seine Fahne. „Take your marks …“ – Mit dem lauten Hupen aus einer Druckluft-Tröte sollte es losgehen. Ich war durch das lange Sitzen außerhalb des Wassers richtig aufgeheizt und dachte für einen Moment, ich bekäme Kreislauf, als ich in das kalte Wasser fiel. Ich schwamm einfach. Christin hatte Recht. Die optimierte Wasserlage durch den geringfügigen zusätzlichen Beinauftrieb in dem langen Schwimmanzug war vorteilhaft. Und die Gleit-Eigenschaften auch. Ich kraulte. Ich suchte eine Geschwindigkeit, die ich möglichst eine lange Zeit durchhalten könnte. Ohne dass ich heute abend noch beschäftigt wäre. Die ersten hundert Meter liefen gut. Ich war nicht die letzte, sondern hatte bereits zwei Frauen überholt. Ohne mich angestrengt zu haben. Ich versuchte eine lockere Armfrequenz und eine ganz ruhige Sechser-Atmung. Klappte. Allerdings nicht immer, manchmal wollte ich atmen und bekam wegen einer Miniwelle den Mund nicht aus dem Wasser. Dann zur anderen Seite … klappte. Doch, es lief besser als gedacht. Schon zweihundert Meter? Und noch immer zwei Leute hinter mir. Gut.

Ich versuchte, abzuschalten. Sechser-Atmung. Ganz ruhige und lange Züge. Ellenbogen weit aus dem Wasser raus. Schön den letzten Druckpunkt noch mitnehmen. Kopf konkret zum Atmen hochdrehen und nach dem Einatmen zackig wieder ins Wasser zurück. Finger zusammen. Sauber eintauchen, Arme weit vorstrecken. Lief. Um Christin zu entdecken, atmete ich jetzt zur anderen Seite. Nein, sie war noch nicht da. Oder? Egal. Sie würde mich schon entdecken und im Moment brauchte ich sie nicht. Richtiger Kurs? Ja. Die nächste Boje liegt vor mir. Die beiden Frauen waren weiterhin hinter mir. Nicht ablenken lassen. Schwimmen.

So schwamm ich. Und schwamm. Und schwamm. Irgendwann sah ich Christin. Ihr Kajak fuhr etwa zehn Meter neben mir. Tipps dürfte sie mir nicht geben. Aber falls irgendwas schief gehen würde, wäre sie da. Ich schwamm. Und schwamm. Das Tempo schien okay zu sein. Das würde ich durchhalten können. Vermutlich. Habe ich es auf Anhieb richtig gewählt? Wahnsinn. Das ist das erste Mal, dass ich eine so lange Strecke im See schwimme. Die beiden Frauen sind noch immer hinter mir. Die erste Boje würde bei 1,5 Kilometern kommen. Da war ich noch lange nicht. Obwohl … Konzentration. Nicht so viele Gedanken machen, sondern sauber schwimmen.

Plötzlich war sie da. Wenn ich nach vorne schaute, konnte ich sie sehen. Die erste rote Boje. Alles lief gut. Wenn es so weitergehen würde, würde ich es schaffen. Die erste Wasserstation war in einem Kilometer. Ich griff nach einem Trinkbeutel. Ein Plastikverschluss. Ich legte mich auf den Rücken, bekam den Verschluss geöffnet und kippte das Zeug in mich rein. Apfelsaft. Geschätzt 200 Milliliter. Christin kam dicht an mich heran. „Schwimm du weiter, ich fische den Müll gleich aus dem Wasser“, rief sie mir zu. Das Trinken muss ich noch üben. Ich hatte dabei Luft geschluckt. Hat schonmal jemand unter Wasser gerülpst? Nee? Mahlzeit. Weiter im Text. Sechser-Atmung. Ging noch immer. Nochmal, nochmal, und Zack! Hatte ich eine Welle im Mund und verschluckt. Bäh. Ich musste husten. Heftig husten. Und kotzte dabei den Apfelsaft wieder aus. Boa, wie widerlich. Ich hustete nochmal. Und kotzte. Unter Wasser. Schwallweise. Ich drehte mich auf den Rücken. Nochmal husten. Nicht mehr kotzen. Und atmen. Atmen. Husten. Atmen. Ich drehte mich wieder in Bauchlage. Und musste wieder husten. Wieder zurück in Rückenlage. Eine Frau zog an mir vorbei. Ich hoffe, sie hatte nichts von meinem Apfelsaft abbekommen. Christin rief: „Was ist los? Verschluckt? Einmal aufrichten, abhusten, weitermachen!“ – Ich versuchte, meinen Oberkörper in eine senkrechte Position zu bekommen. Ich hatte noch mehr Luft im Magen, die jetzt rauskam. Danach war auch der Hustenreiz weg. „Weiter!“, brüllte Christin. Ist ja gut.

Weiter. Trinken will gelernt sein. Ich schwamm wieder. Vierer-Atmung. Irgendwann wieder Sechser-Atmung. Schwimmen, schwimmen, schwimmen. Meine Arme wurden schwer. Zuckermangel? Noch einen Versuch mit dem Apfelsaft starten? Wäre wohl besser. Wieder auf den Rücken drehen. Dieses Mal klappte es besser. Ich ging gleich nach dem Trinken einmal in die Horizontale, rülpste die Luft aus dem Magen, und schwamm weiter. So oft und so laut habe ich das wohl noch nie in meinem Leben gemacht. Aber wie sagte Christin? Ich bräuchte mich nicht zu genieren. Meine Blase war ruhig, mein Darm war ruhig, mein Magen war ruhig. Die schweren Arme wurden wieder leichter. Die Wasserstation kam in Sichtweite. Eigentlich hatte ich keinen Durst. Aber besser wäre es wohl. Die Wasserstation bedeutete auch, dass ich die Hälfte gleich geschafft hätte. Ich bekam eine Trinkflasche gereicht. Öffnete sie auf dem Rücken liegend und soff. Doch, ich hatte Durst. Zum Glück war es Wasser ohne Gas. Ich sah, dass inzwischen drei Leute hinter mir waren. Und ich konnte mich nicht erinnern, zwei überholt zu haben. War ich so konzentriert?

Einmal in die Horizontale. Nee, keine Luft im Bauch. Das lag wohl an diesen komischen Trink-Squeeze-Beuteln. Ich schwamm und schwamm. Und überholte tatsächlich noch eine Frau. Jetzt hatte mich der Ehrgeiz gepackt. Vier Schwimmerinnen hinter mir, obwohl sie mit Armen und Beinen schwammen? War ich so gut oder konnten die nur ihre Kräfte besser einteilen und würden mich auf dem letzten Kilometer überholen, während ich auf den Seegrund absinke? Schwimmen. Nicht so viel denken. Auch nicht darüber nachdenken, dass ich heute noch mit dem Auto wieder nach Hause fahren musste. Oder was wohl Helena macht, ob es ihr gut geht. Wie es Marie geht. Hallo, Kopf! Schwimmen!

Irgendwann war die nächste Boje in Sicht. Schon dreieinhalb Kilometer geschafft. Aber noch 1.500 Meter. Soviel wie 60 kurze Bahnen. Nach der Boje kamen die Wellen eklig von der Seite. Ich atmete zur anderen Seite. Und sah jetzt Christin ständig neben mir. Die Arme wurden schwer. Fühlte ich sie überhaupt noch? Halte ich das durch? Eigentlich nicht. Aber durchbeißen ist jetzt angesagt. Konzentrieren. Es war die letzte Boje. Und ich bin nicht die letzte Schwimmerin. Noch immer waren vier Schwimmerinnen hinter mir. Bei jedem dritten Versuch, zu atmen, bekam ich jetzt eine Welle ab. Und immer, wenn ich Seewasser in den Mund bekam, versuchte ich, es wieder auszuspucken. Was mir nicht immer gelang. Aber zum Glück verschluckte ich es nicht. Ich bekam Bauchweh. Das war auch keine Luft im Bauch, das war der Darm. Den ich eigentlich heute morgen entleert hatte. Würde ich am Ende auch so eine tolle Story erzählen können? Bitte. Nicht.

Nochmal Apfelsaft. Christin fischte den Müll aus dem Wasser. Nochmal rülpsen. Das ist nicht der Darm. Das ist die Blase, die da Theater macht. Als ich kurz in der Horizontalen war, fasste ich mir an den Bauch. Das war die Blase. Warum entleerte die sich nicht? Sonst tut sie das zu den unmöglichsten Momenten, und jetzt, wo sie es dürfte, macht sie es nicht? Soll das jemand verstehen? Ich versuchte, sie zu triggern. Unterleib beklopfen, an den Oberschenkelinnenseiten kratzen. Nö. Interessierte sie nicht. Ich bekam Gänsehaut. Könnte sie sich bitte entleeren?

Sie dachte nicht dran. Weiter im Text. Christin kam zu mir. „Was ist los? Nicht so lange unterbrechen, sonst kommst du raus. Es läuft so gut für dich.“ – „Ich muss dringend pissen und kann nicht.“ – Sie lachte. „Dreh dich auf den Rücken und versuch nochmal.“ – Ich drehte mich auf den Rücken. Kratzte nochmal an meinen Beinen. Nichts. Keine Chance. Die vierte Schwimmerin kam gefährlich nahe. Weiterschwimmen. Bevor ich aus dem Rhythmus kam. Der Ehrgeiz packte mich. Ich wollte es durchziehen. Und vor den vier anderen ins Ziel kommen. Ich schwamm zügig weiter und konnte auch wieder ein wenig größere Distanz zu der gefährlich nahe gekommenen Schwimmerin aufbauen. Ich schaute einmal nach vorne. Die nächste Schwimmerin war sehr weit weg. Die würde ich nicht mehr einholen. Das Ziel ist noch etwa einen Kilometer entfernt. Das würde ich schaffen.

Dann spielte doch tatsächlich noch mein Kreislauf verrückt. Mein Herz raste. Das war die Blase, die hier so extrem auf mein Nervensystem drückte. Einen Moment später hörte ich ein Rauschen in meinen Ohren, mir wurde schwindelig. Nicht lustig. Ich schwamm weiter. Drei, vier Sekunden später ging es wieder. Jetzt durchhalten bis zum Ende. Kreislauf, Kreislauf, Kreislauf. Abwechselnd Herzrasen und dann Blutdruckabfall. Rauschen in den Ohren, schwindelig. Aber immer nur Sekunden. Ich konnte dabei aber weiter schwimmen. Übel war mir. Nochmal spucken? Bitte nicht. Jetzt so kurz vor Ende aufgeben? Bitte auch nicht. Ich schwamm näher an Christin heran. Drehte mich auf den Rücken. Sagte zu ihr: „Ich hab Kreislaufprobleme. Bleib mal bitte in meiner Nähe.“ – Und schwamm weiter. Viereratmung. Die Atmung wurde immer flacher. Am Ende schwamm ich immer langsamer, aber mit Zweieratmung. Übel war mir. Egal jetzt, die Anschlagbrücke, unter der ich durchschwimmen müsste, ist da vorne. Sichtbar. Durchziehen jetzt. Endspurt? Daran war nicht zu denken. Ich könnte froh sein, wenn ich da ohne Abzusaufen ankomme. Kreislauf grüßt erneut. Nie so, dass es unbeherrschbar wurde, aber doch deutlich merkbar. Dann endlich: Das Ende ist keine 50 Meter mehr weg. Und die vier Schwimmerinnen sind noch hinter mir. Eine ist sehr nah dran, aber ich würde das durchziehen. Komme ich mit meiner Hand überhaupt an diese Brücke? Ja, mit den Fingerspitzen. Weiterschwimmen, weiterschwimmen. Ins flache Wasser. Ich kann nicht mehr.

Christin musste um die Anschlagbrücke herum paddeln, fuhr mit dem Kajak auf den Strand, sprang heraus und kam zu mir gelaufen. „Du bist fertig, Jule, du hast es geschafft! Superklasse! Ganz ruhig, leg dich auf den Rücken. Atme ganz ruhig weiter. Alles ist gut. Versuche, auf dem Rücken etwas weiter zu schwimmen. Du bist im flachen Wasser, ich kann hier stehen und passe auf dich auf. Leg dich auf den Rücken. Ganz ruhig.“ – Sie hielt mich fest. Das tat gut. Ich hatte Unterleibsschmerzen, das war unbeschreiblich. Blase und Nieren. Gar nicht gut. Wenn sich das jetzt nicht sofort regulieren würde, müsste ich mich sofort kathetern. Ich wusste nicht, ob sie das auf dem Schirm hatte. Ich sagte: „Ich muss so extrem dringend, dass es schon weh tut, und kann aber nicht. Das macht auch die Kreislaufprobleme, schätze ich.“ – Ich war richtig kurzatmig. Christin nahm mich auf den Arm und ging mit mir noch ein Stück tiefer ins Wasser. „Versuche, dich zu entspannen.“ – Sie drehte mich so, dass ich auf den See hinaus gucken konnte. Hielt mich unter meinen Knien fest. Wie man ein kleines Mädchen abhalten würde. Nur im Wasser. Ich kratzte erneut an den Innenseiten meiner Oberschenkel. Nichts. „Entspann dich. Guck in die Ferne. Bleib ganz ruhig.“ – Meine Güte, tat das weh. Das war so gemein und sicherlich nicht gesund. Dann plötzlich klappte es. Zuerst spürte ich nur die Wärme, dann ließen die Schmerzen langsam nach. Es schien gar nicht mehr aufzuhören. „Es klappt, oder?“, fragte Christin. Ich nickte. Sie hielt mich weiter fest. Was um mich herum passierte, bekam ich nicht mit. Christin sagte: „Gut, dass niemand so genau weiß, was wir hier tun.“

Das war mir so egal. Es waren gefühlt schon zwei Minuten vergangen. Irgendwann ließ Christin meine Beine los. Ich konnte wieder atmen. Die Schmerzen waren weg. Ich fühlte mich so erleichtert. Sowas hatte ich noch nie. So extrem. Ich atmete mehrmals ganz tief ein und aus. Dann begann ich zu frieren. Und gleichzeitig zu lachen. Ich hatte so eine Euphorie in mir, dass ich lachen musste, ob ich wollte oder nicht. Und nicht mehr aufhören konnte. In den ersten Momenten lachte Christin mit. Dann realisierte sie aufgrund ihrer Wettkampferfahrung, was mit mir los war. Und schien zu wissen, dass das nicht angenehm ist. „Du hast einen Flash, oder? Versuche, ruhig zu atmen. Ich bin bei dir. Das ist gleich vorbei. Einfach nur ruhig atmen.“ – Christin trug mich aus dem Wasser und setzte mich auf die Wiese ins Gras. „Ich hole dir dein Handtuch.“

Meine Zeit: Ich war schneller als Christin. Während sie 2:15 Stunden gebraucht hatte, war meine Zeit 2:09:33 Stunden. Okay, ich gebe zu, sie ist die doppelte Strecke geschwommen. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit waren damit etwa 2,3 km/h. Das ist nun wirklich nicht schnell, aber: Schwimme du mal 5 Kilometer am Stück ohne Beine. Und dann reden wir nochmal. Und für ein allererstes Mal ist die Zeit gut. Basta. Christin fand sie super. Und immerhin waren noch vier Leute langsamer als ich. Okay, die waren schon über 60. Aber sie waren langsamer.

Christin trug mich unter eine nicht barrierefreie Dusche. Sie hatte einen Gartenstuhl dort hineingestellt, auf den ich mich setzen konnte. Das Ausziehen dieses Schwimmanzugs ging bedeutend schneller als das Anziehen. Christin und ich duschten in derselben Kabine. Sie seifte mich mit ein. Es war einiges an Shampoo und mechanischer Arbeit nötig, um die Vaseline-Reste und die Reste der Startnummern von der Haut zu bekommen. Ich war völlig platt. „Wenn es für dich okay ist, fahre ich“, sagte Christin. „Dann kannst du schlafen. Du siehst sehr kaputt aus.“

Geschlafen habe ich im Auto zwar nicht, aber es war gut, dass sie gefahren ist. Sie ist sehr gut und aufmerksam gefahren. Wieder zu Hause, empfingen mich bereits Helena und Marie. Sie wollten als Erstes meine Urkunde sehen. Marie fand meine Zeit gut. Und dann erzählte ich von Christin und unseren beiden Nächten. Bevor Marie oder Helena das in meinem Blog lesen. Helena: „Hattet ihr Se* miteinander?“ – „Nein, wir haben nur ein wenig gekuschelt.“ – „Aber nackt?!“, fragte Helena. Ich antwortete: „Ja.“ – Sie überlegte einen Moment und sagte dann: „Das muss so schön sein.“ – „Wir haben nur ein wenig gekuschelt. Den Rücken gekrault und sowas. Aber es war schön.“ – „Aber du kraulst mich doch trotzdem auch noch, oder?“

Na sicher, Helena. Sicher.