Einzeltraining

20 Kommentare2.971 Aufrufe

Eigentlich wollte ich ja schon viel früher darüber schreiben, aber ständig kommt ja etwas dazwischen: Helena, jenes Mädel, das vor zwei Jahren überhaupt nicht schwimmen konnte und auch irgendwie zumindest halbwegs davon überzeugt war, wegen ihrer Cerebralparese das Schwimmen auch nicht erlernen zu können, ist seit etwa sechs Wochen in einem Schwimmverein. In demselben, in dem Marie und ich auch trainieren, wobei wir beide ja keiner festen Trainingsgruppe angehören, sondern, wenn wir Zeit haben, dazu stoßen, da wir uns ja in erster Linie für Triathlon und Freiwasserschwimmen interessieren. Helena hat ja schon im Januar ihr Jugendschwimmabzeichen in Silber geschafft, aktuell trainiert sie für Gold. Dafür muss sie Kraulschwimmen und Rückenkraul können. Daran hatten wir geübt, es sieht auch schon ganz gut aus, aber sie überlegt noch zuviel und verheddert sich dann. Aber das wird schon werden.

Jedenfalls hat ihr, als sie neulich uns wieder begleitet hat und ein wenig für sich geschwommen ist, während Marie und ich trainiert haben, ein Trainer des Vereins den Floh ins Ohr gesetzt, dass er mit ihr richtig trainiert und sie dann irgendwann auch auf Wettkämpfen mitschwimmen kann. Das Problem ist: Die Gruppe, in der sie mithalten kann, ist altersmäßig um die 8 Jahre. Für die Gruppe der 13 und 14 Jahre alten Mädchen ist sie viel zu langsam. Sie solle aber mal bei den Achtjährigen Schnuppertraining machen, was sie getan hat. Inzwischen haben sie sich nun darauf geeinigt, dass sie weiterhin mit den Achtjährigen mittrainiert und anschließend noch eine Stunde Einzeltraining bekommt. Aktuell habe noch ein zweites Mädchen mit Behinderung aus einer Nachbargemeinde Interesse und komme nach den Ferien zu diesem Einzeltraining dazu. Der Trainer sagt, er möchte da etwas aufbauen. Wir zahlen derzeit nun auch den Vereinsbeitrag für Helena – und sind gespannt, wie sich das entwickelt.

Helena schwärmt natürlich von ihm. Da nimmt sich jemand eine ganze Stunde nur für sie Zeit. Und der hat natürlich Ahnung vom Schwimmen und auch davon, wie man es vermittelt. Allerdings sei sie seine erste Schwimmerin mit Cerebralparese, er habe lediglich mal einen sehbehinderten Schwimmer aus dem Iran eine Zeitlang betreut. Nur erklärt Helena ja sehr genau, wo eventuelle Probleme liegen, so dass die beiden wohl ein gutes Team sind. Ich bin in den ersten zwei Wochen mit dorthin gefahren, hab es mir angeschaut, in der Zwischenzeit einige Dinge auf meinem Laptop erledigt, dann ist Marie einmal mit dorthin gefahren, die letzten Male ist Helena alleine gewesen.

Ich hoffe, dass das alles gut wird. Der Trainer ist Mitte 30, sehr engagiert, freundlich, die beiden verstehen sich gut. Helena erzählt sehr viel, wenn sie wieder zu Hause ist. Ich habe kürzlich mit einer Kollegin darüber gesprochen, einfach ohne Anlass, weil sich das ergeben hat: Sie fand das merkwürdig. Ich bin im Moment nun überfragt, ob sie ängstlich ist oder gar eifersüchtig, oder ob sie einfach nur vorsichtiger oder erfahrener ist – oder Marie und ich uns so für Helena freuen, dass wir keinen neutralen Blick mehr haben. Sie meint, es sei unüblich, dass ein Schwimmlehrer Einzelstunden gebe und dann auch noch mit ins Wasser komme.

Also Helena schwimmt in der Gruppenstunde die ganze Zeit mit den anderen im tiefen Wasser, während der Einzelstunde auch, die erste Dreiviertelstunde, die letzte Viertelstunde mache er technische Übungen mit ihr, und immer, wenn sie etwas nicht richtig hinbekomme, steige er zu ihr in das dann brusttiefe Wasser und halte sie fest. Oder gebe ihr einen Schubs, damit sie erstmal Geschwindigkeit aufnehme. Oder korrigiere ihre Körperhaltung. Einerseits freue ich mich ja über das Engagement und möchte nicht übervorsichtig sein, andererseits … warum sagt die Kollegin sowas? Argh.

Klassenfahrt

20 Kommentare2.931 Aufrufe

Seit heute ist Helena wieder da. Am Mittwoch war sie mit ihrer Klasse nach Bayern gefahren. Auf Klassenfahrt. Zusammen mit einer Parallelklasse. Und vier Lehrkräften. Diejenige Lehrkraft, mit der wir vorher alles besprochen haben, war kurzfristig nicht dabei. Als ich Helena am Mittwoch zum Bahnhof brachte, hieß es, dass die eine Lehrerin „sich mit dem Fahrrad gemault“ hätte und mit Gipsarm nicht arbeitsfähig sei. Natürlich erfuhren wir das erst bei Abfahrt.

Ich will ja nicht immer nur meckern, zumal Helena die Klassenfahrt sehr gut gefallen hat. Andererseits finde ich aber auch, dass es nicht sein kann, dass Menschen mit Behinderung ständig Maxima an Toleranz, Geduld, Aufgeklärtheit, Milde, Wohlwollen, Freundlichkeit, Hinnahme und Opferbereitschaft abverlangt werden. Insbesondere, wenn dieser Mensch noch ein Kind oder eine Jugendliche ist.

Ich hätte nämlich schon wieder im Strahl kotzen können, als sich herausstellte, dass im Zug die Reservierungen in Verbindung mit dem Gruppenfahrschein so gebucht wurden, dass alle im selben Großraumwagen sitzen würden. Alle bis auf Helena. Sie sollte auf dem Rollstuhl-Stellplatz untergebracht werden. So hatte sie ihren Platz in Wagen 9, alle anderen in Wagen 3. Ich verstehe ja, dass ein Lehrer damit überfordert ist, und ich verstehe auch, dass für Gruppenreservierungen bestimmte Platzkontingente vorgesehen sind. Ich verstehe auch, dass das schief geht, wenn das jemand noch nie gemacht hat. Ich verstehe aber nicht, dass die Lehrkraft mit mir im Austausch ist und das überhaupt nicht thematisiert. Also es vermutlich gar nicht auf dem Schirm hat.

Und ich schreibe das auch einer Überforderung zu, wenn dann der Lehrer auf meinen Einwand Helena fragt, ob es ihr was ausmache, alleine zu sitzen. Helena antwortete nicht, entsprechend habe ich dann höflich gesagt: „Ich glaube nicht, dass Helena das einfordern muss. Schon die Aussicht, mit dem Wunsch erhebliche Unruhe zu stiften, ist wohl keine gute Basis für diese Diskussion.“ – Der Kragen platzte mir aber dennoch nach seiner Antwort. Grinsend fragte er mich, und ich glaube, es sollte ein Spaß sein: „Also stiften Sie dann jetzt stellvertretend für Helena Unruhe?“

Ich antwortete schnippisch: „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?! Also ich hoffe nicht, dass ich das muss.“ – Am Ende durfte Kiara bei ihr sitzen. Am Nachmittag bekamen Marie und ich eine Kurznachricht: Sie habe sich durchsetzen müssen, nicht im Einzelzimmer untergebracht zu werden, während der Rest in Vierer- und Sechserzimmern pennt. Man hatte für sie ein barrierefreies Zimmer gebucht. Alleine. Die Lehrkraft meinte, an der Zimmerbelegung sei nichts mehr zu ändern, woraufhin die Klassensprecherin der Nachbarklasse (!) die Leitung der Jugendherberge aufgesucht habe. Die machte das -im Gegensatz zu den Lehrern- wohl nicht zum ersten Mal. Sie trat mit dem Angebot, die Zimmerbelegung kurzfristig zu ändern, an die Lehrer heran. Das Problem war: Der Rollstuhl durfte nicht in anderen Zimmern und nicht im Gang stehen. Damit im Evakuierungsfall niemand darüber fällt und damit ihn keiner klaut oder damit durch die Gänge heizt. Am Ende wurden einfach weitere Leute mit in das barrierefreie Zimmer gelegt. Was die Lehrer zuerst nicht wollten, weil das in einem anderen Flur lag als der Rest der Klassen. Ich nehme an, das war auch der Grund, warum das nicht gleich anders gebucht wurde. Ich sehe mich schon auf dem nächsten Elternabend noch einen Impulsvortrag über gleichberechtigte Teilhabe halten.

Ich dachte mir so: So weitläufig wird das Gebäude jawohl nicht sein, dass die Lehrer Wanderstiefel brauchen, um bei der abendlichen Kontrollrunde auch einmal in einen anderen Gang zu gehen. Von einem Mitschüler kam der Spruch, dass wegen „einer Behinderten wieder alles aufgemischt wird, nur weil sie nicht im Stehen pinkeln kann“, was Helena mit „F*ck dich“ und ein weiterer Mitschüler mit „Spar die solche Sprüche, sonst pinkelst du die nächsten Tage gar nicht mehr“ kommentiert hat. Anstatt sich zuerst den ersten Idioten zur Brust zu nehmen, wurden der zweite Schüler wegen indirekter Gewaltandrohung und Helena wegen sexualisierter Sprache sanktioniert. Dass die Lehrer mit diesen zahlreichen nachbesserungsbedürftigen und halbherzigen Vorbereitungen die Gruppe spalten, muss wohl nochmal erklärt werden.

Ich glaube, mit Helena werden wir noch unseren Spaß haben. Sie sollte schriftlich über eine Seite erklären, warum sexualisierte Sprache nicht tolerierbar ist. Sie hat dann geantwortet, dass sie aufgrund ihrer Behinderung jede Schularbeit am Laptop anfertigen dürfe, ein solcher aber nicht vor Ort sei. Das ist zwar sehr frech, aber genau nach meinem Geschmack. Ich habe heute gelesen, was Helena und ihr „Gewalt androhender“ Mitschüler gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich zitiere: „Die Gesellschaft und jeder Einzelne [haben] das Recht, nicht mit sexualisierter Sprache belästigt zu werden. Das Recht möchte ich auch für mich. Wenn mein Recht nicht respektiert wird, darf ich mich aber wehren. Ein Subjekt, das selbst übergriffige Sprache benutzt, hat nicht mehr das Recht, weil [es] selbst bereits auf dieser Ebene ist und nicht fordern kann, dass ihm da niemand begegnet. Es kommt immer wieder vor, dass […] gegen mich mit Sprache übergriffig ist. Dagegen sollten die Lehrer auch etwas tun und nicht nur die bestrafen, die sich wehren!“

Es war aber nicht alles schlecht, sondern es sei überwiegend toll gewesen. Und die Mehrzahl der Mitschülerinnen und Mitschüler habe Helena inzwischen akzeptiert und es herrscht wohl ein freundliches, respektvolles und angenehmes Klima untereinander. Helena erzählte mir von lediglich vier Ausnahmen, die aus einer provozierenden Minderheit heraus regelmäßig versucht hätten, um Helena herum Stunk zu machen. Einmal hätte man sich wohl zum Quatschen mit einem Dutzend Leuten in Helenas Zimmer getroffen, und in den ersten zwei Minuten hat einer der stets Provozierenden gefragt: „Warum bekommen die Behinderten eigentlich immer die besten Zimmer?“ – Woraufhin derselbe, der auch schon wegen der angeblichen Gewaltandrohung sanktioniert worden war, geantwortet hat: „Warum haben die dümmsten Leute immer die größte Klappe?“ – Nachdem Helena erzählte, dass er auch immer morgens ihr Frühstückstablett geholt hat, scheint ihm wohl ziemlich viel an Helena zu liegen. Was ich sehr schön finde.

Krass soll aber wohl auch der gemeinsame Freibadbesuch gewesen sein. Helena wurde im Vorfeld von einer Lehrkraft darauf hingewiesen, dass sie sich zwar Badesachen anziehen und sich sonnen dürfe, aber nicht mit ins Wasser gehe, weil das mit ihrer Behinderung zu gefährlich sei. Helena erzählte, dass sie danach erstmal geheult hätte, vor allem, weil sie sich bei dieser Entscheidung so sehr an ihre vorherigen Pflegeeltern und unser Kennenlernen erinnert gefühlt hatte. Sie erzählte: „Aber dann habe ich gedacht, dass das ja ein guter Neuanfang war und bin erstmal so mit ins Freibad.“ – Und am Ende war es dann doch super. Eine Traube von Mitschülern habe sie ins Wasser geschubst. „Ob das vorher so abgesprochen war, sag ich nicht, man muss sich ja nicht selbst belasten“, erzählte sie lachend. Der Lehrer eskalierte am Rand, wäre fast hinterher gesprungen, Kiara hat aber derweil am Rand auf ihn eingeredet, dass sie mit Helena sogar in der Ostsee schwimmen geht. Ich frage mich, warum wir vorher besprechen, dass Helena schwimmen gehen darf. Sie kann schwimmen. Rücken. Brust. Und Kraul sieht auch schon gut aus. Punkt. Ende der Diskussion um Sicherheit und Verantwortung.

Eine weitere krasse Szene hat sich beim Besuch einer Veranstaltung ergeben. Das war so ein Dorffest oder ähnliches. Ein paar Mitschülerinnen haben sich irgendwelche Gummitiere gekauft. Vorher natürlich brav gefragt. Helena wollte sich eine Zuckerwatte kaufen. „Nee, Zucker ist ja nun schlecht bei Diabetes, das müsstest du doch aber wissen.“ – Helena hat dann geantwortet: „Die spritze ich mir weg.“ – „Nein, also auf gar keinen Fall, blabla.“ – Darf ich eigentlich erwarten, dass ein Lehrer sich vor Abreise informiert und, wenn etwas passiert, wo er sich unsicher ist, sich vergewissert, ob das Kind das Griff hat? Er hätte mich auch anrufen können. Helena macht das über Tage alles selbständig. Ist auf Reisen, bekommt fremdes Essen, am letzten Tag spielte die Pumpe verrückt, da hat sie sich mit Insulinpräparaten aus zwei Pens über Wasser gehalten. Selbständig. „Ich habe nur Kiara erzählt, was ich mache, der Lehrer hätte mich sonst bestimmt ins Krankenhaus gebracht. Hätte ich ihm zugetraut.“ – Da könnte sie Recht haben, denn der Lehrer rief mich am letzten Abend an, um zu fragen, ob sie ohne ärztliche Verordnung eine Ibu 200 nehmen darf, weil sie ihre Regel bekommen und Unterleibsschmerzen hat.

Ja, ich weiß, das ist speziell. Und ja, ich weiß, wer sich damit nicht auskennt, ist schnell überfordert. Aber der Erfolg lässt sich ganz einfach am Blutzucker ablesen und dafür gibt es ein Messgerät. Solange der in dem vorgegebenen Rahmen ist, ist alles in Ordnung. Und das kann sich auch eine Lehrkraft mal eben unter vier Augen zeigen lassen und anschließend darauf vertrauen, dass die Schülerin alles richtig macht. Marie und ich haben mit Helena die Diabetes-Woche nachbesprochen, als sie damit anfing und uns erzählte, wie es gelaufen ist. Wir haben uns am PC gemeinsam die gespeicherten Werte angesehen und ich fasse es zusammen: Es war alles in Ordnung. Ich hätte nichts anders gemacht. Und auch den ersatzweisen Einsatz der beiden Pens hat sie ohne Probleme gemeistert. Das ist etwa so, als wenn beim Flugzeug eins der beiden Triebwerke ausfällt. Man muss wissen, was zu tun ist. Aber es lässt sich trotzdem alles beherrschen. Alles richtig gemacht. Ich bin so stolz auf unsere „Große“.

Braun geworden ist sie in der einen Woche. Ohne Sonnenbrand. Viele tolle Fotos hat sie gemacht. Stundenlang erzählt. Zwei Drittel ihres Taschengelds für die Woche wieder mit nach Hause gebracht. Stichwort: Kaff. Regelmäßig geduscht, Zähne geputzt, Wäsche gewechselt, … was sie hier auch alleine und zuverlässig macht, was aber, nach ihren Schilderungen, bei anderen offenbar noch nicht überall so selbstverständlich ist. Und was mich nochmal mehr in meiner Annahme von einem pflegeleichten Pflegekind bestärkt.

Rucksack

15 Kommentare2.543 Aufrufe

So häufig komme ich ja nicht mehr zum Schwimmtraining, aber ich versuche, es irgendwie hinzubekommen. Und nach Möglichkeit auch mit Marie zusammen, was hier nicht klappte. In der letzten Woche war unser Trainer mal wieder krank, der „dienstälteste“ Schwimmer übernahm, während er selbst schwamm, die Aufgabe, sich das Trainingsprogramm auszudenken und anzusagen. Wir waren fünfundzwanzig Leute in zwei fünfundzwanzig Meter langen Bahnen. Ich kann beim Tempo deshalb ganz gut mithalten, weil ich in der Bahn schwimme, in der diejenigen schwimmen, die lediglich trainieren, um fit zu bleiben, nicht, um den Deutschen Rekord zu knacken.

Ich bin 14 von 16 Bahnen eingeschwommen, als eine etwa fünfundzwanzig Jahre alte Trainingspartnerin, die ich nur oberflächlich kenne, verspätet ins Wasser steigt, ihre erste Bahn zurückgelegt hat und auf der gegenüber liegenden Beckenseite mit Mühe und Not ihren Oberkörper auf den Beckenrand legt, sich auf den Rücken umdreht, die Arme über dem Kopf ausgestreckt, die Beine ab Knie ins Wasser hängend. Hatte sie einen Wadenkrampf? Kreislaufprobleme? Oder nur ein Trainingsdefizit? Sie war lange nicht beim Training.

Als ich drüben ankam, tickte ich sie am Bein an. „Hey, was ist los mit dir?“ – Im Lärm des Schwimmbads war keine Antwort zu verstehen. Sie hatte irgendwas gemurmelt. In Ruhe lassen? Nee, das kam mir komisch vor. Ich stützte mich auf den Rand, legte mich auf den Bauch, drehte mich herum, setzte mich neben sie und blickte in ein kalkweißes Gesicht und auf bläuliche Lippen. Ich erschrak mich. Sie sah ernsthaft krank aus. Nee, oder? Lange keinen Notfall gehabt. „Was ist denn mit dir los? Hast du Asthma?“ – Sie schüttelte den Kopf. Sprach nicht. Fasste sich auf den Brustkorb. Herzinfarkt?

„Hast du Schmerzen?“ – Sie schüttelte den Kopf. „Brauchst du ein Medikament? Kann ich dir was bringen?“ – Sie schüttelte den Kopf. Griff nach meiner Hand: Angst. Luftnot. Das sah nicht gut aus. Der Ersatztrainer kam an, spritzte mich nass: „Hey, ihr Schlaffis, schwimmen, nicht feiern!“ – Er wollte gerade weiterschwimmen, ich krallte mir sein Handgelenk. „Hey! In meinem Auto ist ein Notfallrucksack im Kofferraumboden. Schlüssel ist in der Kletttasche im Rollstuhl unter meiner Sitzfläche. Und der Bademeister soll den Notarzt rufen. Zackig!“ – „Scheiße. Bin unterwegs.“

Er kletterte aus dem Wasser, lief um das Becken herum zu meinem Rollstuhl. Während er sich zu meiner Kletttasche vorarbeitete, brüllte er: „Training einstellen! Alle raus aus dem Wasser!“ – Da kein Bademeister anwesend war, drückte er im Rauslaufen einen Alarmknopf. Mehrere Piezzo-Sirenen begannen an unterschiedlichen Stellen unter der Hallendecke ohrenbetäubend zu kreischen. Ich stellte mir vor, wie er nass in Badehose bei einstelligen Gradzahlen barfuß zu meinem Auto läuft und es, weil es auf einem der drei Behindertenparkplätze stand, wohl gleich finden würde. Vier in weiß gekleidete Bad-Angestellte kamen im Abstand von jeweils zehn Sekunden angewetzt.

Vier Mal kam die Frage auf, ob es ein Ertrinkungsunfall war. Der Trainer kam mit dem Notfallrucksack angelaufen. „Lass den an der Seite stehen, bevor das hier alles ins Wasser fällt. Könnt ihr die Frau mal bitte unter den Schultern und unter den Knien mit ins Trockene nehmen?“ – „Wir haben da so ein Rettungsbrett. Das könnten wir holen.“ – „Nee. Vier Mann, vier Ecken, ab in den Sanitätsraum. Keine großartigen Manöver jetzt. Ich komme mit.“

Der Trainer brachte meinen Rollstuhl zum Rand. Ich ließ mich zurück ins Wasser fallen, tauchte unter den Leinen hindurch zum Rand, kletterte dort wieder aus dem Wasser. Das ging schneller, als zwischen den Startblöcken hindurch zu krabbeln. Im Sanitätsraum stand eine Bank. „Habt ihr ein Handtuch?“ – Sofort holte jemand drei Handtücher. Die Trainingspartnerin konnte kaum sprechen. Im Sanitätsraum war es relativ ruhig. Ich versuchte, mit einem Stethoskop die Lunge abzuhören, konnte kein Pfeifen, wie man es üblicherweise beim Asthma-Anfall hört, hören. Sie war extrem kurzatmig und es hörte sich so an, als wenn das Atemgeräusch nicht überall gleich war. Ich wollte sie auch nicht unnötig bewegen, und es gab noch kein EKG. Für eine Diagnose war es zu früh, aber ich tippte auf eine Lungen-Embolie.

Ich legte ihr einen Zugang in die Armvene. Kurz darauf traf der Rettungswagen ein. Wir verständigten uns, dass sie so schnell wie möglich in das Fahrzeug kommt. Es klappte wunderbar. Ich hoffte, dass der Notarzt gleich eintreffen würde, denn mit dem Rollstuhl würde ich nicht in den Rettungswagen kommen. Der Badmitarbeiter lieh mir einen Kapuzenpullover, den ich überziehen konnte. Ich rollte mit nach draußen. Als sie gerade in den Rettungswagen geschoben wurde, kam der Notarzt auf den Parkplatz gefahren. Stellte sich vor. Ich äußerte meinen Verdacht und bekam zwei dämliche Reaktionen. Erstens: „Lungenembolie? Und dann noch kein EKG dran?“ – Als wir geklärt hatten, dass der Rettungswagen gerade erst eingetroffen war, sagte er: „Mit Verlaub, aber eine Lungenembolie sieht anders aus. Aber Sie sind ja noch sehr frisch und deshalb recht unerfahren auf dem Gebiet. Ich tippe eher auf einen entzündlichen Prozess. Vielleicht einen verschleppten Infekt.“

Klar. Alles möglich. Ich habe meinen Verdacht ausdrücklich als erstes Bauchgefühl gekennzeichnet. Training war gelaufen. Ich ging heiß duschen und ab nach Hause. Am Abend bekam ich eine Kurznachricht vom Ersatztrainer: Eine weitergeleitete Message von der Mutter der Trainingspartnerin. Sie bedankt sich tausendfach für die schnelle und beherzte Reaktion. Ihre Tochter hatte: Eine Lungen-Embolie. Absolut krass. Und völlig unnötig, gerade in dem Alter. Außer der Ersten Hilfe konnte ich nichts für sie tun. Und wäre ich nicht dort gewesen, hätte in den nächsten zwanzig Sekunden vermutlich der Ersatz-Trainer was unternommen. Aber ich konnte ihr helfen. Und inzwischen bin ich froh, den Rucksack im Auto dabei zu haben, auch wenn ich ihn dieses Mal nicht wirklich gebraucht habe. Aber ich wette: Bei meinem Glück ist es eines Tages soweit.

Immenhof

21 Kommentare2.057 Aufrufe

Inzwischen hat es Zeugnisse gegeben. Ich bin ganz überrascht, wie groß das Interesse unter meinen Leserinnen und Lesern ist. Diverse Nachfragen habe ich dazu bekommen. Maries und mein Interesse war natürlich auch sehr groß. Und Helena war, obwohl wir keinen Druck gemacht haben, so aufgeregt, dass sie morgens überhaupt nichts essen wollte. Zum Glück hat sie das nicht erst nach den ersten zwei Bissen gemerkt, sondern vorher, so dass wir die Insulindosis anpassen konnten. Und dabei waren die Noten eigentlich alle halbwegs bekannt.

Ich hatte an dem Tag frei, war morgens zwei Stunden zusammen mit Marie schwimmen. Als Helena mittags von der Schule kam, verschwand sie zunächst ohne ein Wort zu sagen in ihrem Zimmer. Kam dann aber mit ihrer Zeugnismappe in die Küche, legte sie aufgeschlagen auf den Tisch und setzte sich wortlos daneben. Aus ihrem Gesicht waren keine Emotionen abzulesen. Ich wusste nicht, wie ich das einordnen sollte. Ich bekam aber ein unmissverständliches Bild davon, welche Bedeutung der Zeugnistag bei ihren vorherigen Pflege-Eltern gehabt haben musste.

Ich rollte zum Tisch. Sie guckte mich nicht an, sondern starrte auf das Zeugnis. Ich klappte die Zeugnismappe zu, ohne irgendwas gesehen zu haben. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie guckte mich an. Ich fragte: „Möchtest du jetzt darüber sprechen?“ – Sie zuckte mit den Schultern. Ich fragte: „Wie fühlst du dich denn überhaupt? Du musst doch Hunger haben, wenn du heute morgen schon so gut wie nichts gegessen hast.“ – „Nö. Ich möchte das hier möglichst schnell hinter mich bringen, okay?“ – „Helena, setz dich doch nicht so unter Druck. Wegen so einem blöden Zettel!“

Marie holte Luft, aber Helena sagte: „Okay. Ihr bestraft mich ja nicht. Das hab ich ja inzwischen gelernt. Folgendes: Es gibt eine Sache, die ist ganz kacke, eine ist doof und vier sind so naja.“ – Marie fragte: „Und der Rest?“ – Helena lächelte. Marie sagte: „Die guten Dinge darfst du auch gerne erzählen, junge Frau.“ – Helena sagte: „Ich bin gespannt, wie ihr das findet. Bei meinem letzten Zeugnis hat es von meinem Pflegevater richtig Dresche gegeben. Und da war im Zeugnis eigentlich nix Kacke. Sondern nur ‚doof‘ und ’naja‘.“ – Marie antwortete: „Helena, …“ – Helena unterbrach: „Ja, ich weiß, ihr seid nicht mein Pflegevater.“

Ich blätterte die Mappe wieder auf. Deutsch 3, Mathematik 2, Englisch 4, Biologie 2, Physik 2, Geschichte 1, Geographie 3, Religion 3, Kunst 3, Musik 2, Sport 1, Spanisch 2. Noten auf der gymnasialen Anforderungsebene. Allgemeines Lernverhalten (Raster): Arbeitsorganisation und Selbstständigkeit stark, Methodik im Mittelfeld, Konzentration und Engagement gut. Sozialverhalten in Team- und Konfliktfähigkeit: Vorbildlich.

Helena guckte mich mit großen Augen an. Marie schaute mir über die Schulter und las mit. Was sollte hieran nun „Kacke“ sein? Die Vier in Englisch? Hab ich andere Maßstäbe? Ich fand das Zeugnis toll. Sie hatte in einer Klassenarbeit in Englisch eine Fünf. In der zweiten eine Drei. Von einem fragwürdigen Test in Erdkunde abgesehen, war alles andere gut oder zumindest okay. Marie kam mir zuvor: „Kannst du mir mal bitte erklären, was du an diesem Zeugnis doof findest?“ – „Die Vier in Englisch.“ – „Und was ist ‚ganz kacke‘?“ – Sie deutete auf zehn unentschuldigte Fehlstunden. Marie sagte: „Das stimmt. Das ist Kacke. War das dein Strandausflug?“ – „Ja.“ – „Und was noch?“ – „Darf ich das bitte verschweigen?“

Ich sagte: „Ich geb dir mal einen Tipp, Helena. So von Schulschwänzerin zu Schulschwänzerin. Okay?“ – Sie guckte mich mit großen Augen an. „Melde dich beim Lehrer ab. Geh nicht einfach so weg.“ – „Nee, die unentschuldigten Stunden kommen davon, wenn ich von zu Hause keine Entschuldigung mitbringe.“ – „So ein Eintrag im Zeugnis ist wirklich unnötig, Helena. Er dient dazu, dass wir das erfahren. Er macht aber gleichzeitig einen schlechten Eindruck, wenn du dich mal bewerben musst. Und beim Jugendamt. Marie und ich erfahren es sowieso. Dann kannst du auch gleich zu uns kommen und nimmst eine Entschuldigung mit.“ – „Fürs Schwänzen?“ – „Ja.“ – „Häh? Wo bleibt denn da die Erziehung?“ – „Was brauchst du denn da, als Erziehung?“ – „Das klingt ja fast so, als wenn ihr keine Ideen mehr habt. Kapitulation? So schnell?“ – „Sei bitte nicht so frech, Helena. Ideen haben wir genug, aber wir sind hier auch nicht im Kasperle-Theater. Du weißt, wie es läuft, du bist alt und schlau genug. Marie und ich möchten unsere Zeit mit dir gerne anders verbringen, als dir zu erklären, warum du nicht schwänzen darfst.“ – „Zum Beispiel?“

Marie sagte: „Eigentlich wollten wir mit dir in die Stadt fahren und dich heute abend ins Kino einladen. Und anschließend mit dir zusammen nett essen gehen und danach bei [meinen Eltern] schlafen. Aber wir können auch gerne übers Schwänzen philosophieren und uns gemeinsam Erziehungsmethoden überlegen. Wenn du das lieber möchtest.“

Helena guckte einen Moment auf das Zeugnis, dann sagte sie: „Das mit dem Kino, meint ihr das ernst?“ – „Na sicher.“ – „Und das mit der Entschuldigung meint ihr auch ernst?“ – „Ja. Wenn es sich im Rahmen hält.“ – „Was ist der Rahmen?“ – „Zehn Stunden im nächsten Halbjahr.“ – „Und wenn ich weniger als 10 Stunden schwänze, bekomme ich dann für jede nicht geschwänzte Stunde eine Prämie oder was? Ich finde zwei Tage im Halbjahr voll im Rahmen. Und mehr werden es nicht. Versprochen.“

Damit können wir wohl alle leben. Wenn sie diesen einen Tag der Regelübertretung pro Quartal so unbedingt braucht, dann soll sie den bekommen, ohne dass wir das immer wieder ausdiskutieren müssen. Ihr ist es wohl enorm wichtig. Insofern haben wir das Thema abgehakt und sie ausgiebig gelobt. Das Zeugnis zeigt nämlich nicht nur, dass sie zwei Tage geschwänzt hat, sondern vor allem, dass sie 100 Tage lang dort war und einen sehr guten Job gemacht hat.

Wir haben uns „Immenhof“ im Kino angeschaut. Ich meine … was auch sonst?! Es war unterhaltsam. Viele Pferde, hübsche Mädchen, … Zu Maries Eltern hat Helena ihr Zeugnis auch mitgenommen. Maries Mutter hat nicht danach gefragt. Nach dem Abendessen kam Helena damit an. „Möchtest du mal gucken?“, hat sie sie gefragt und sich bei ihr auf den Schoß gesetzt. Ganz anders als bei uns. Maries Mama hat den Arm um sie gelegt. Und dann gefragt: „Geschichte ne Eins? Sport auch eine Eins? Und dazu fünf Zweier? Das ist doch klasse! Da siehst du mich wirklich positiv überrascht.“ – Helena deutete mit dem Finger auf die zehn unentschuldigten Fehlstunden. Maries Mutter guckte sie an und flüsterte ihr ins Ohr: „Geschwänzt?“ – Helena nickte und flüsterte zurück: „Zwei Mal. Mit Absicht. Das musste sein.“ – „Gab es Ärger?“, flüsterte Maries Mutter weiter. Helena antwortete: „Richtigen Ärger nicht. Den bekomme ich von Jule und Marie nicht. Also wirklich nicht. Und für nächstes Halbjahr haben wir heute einen Deal ausgemacht.“

Maries Hündin lag die ganze Zeit bei Helena. Ließ sich kraulen und konnte gar nicht eng genug an ihr dran sein. Helena setzte sich extra auf den Fußboden, um besser mit ihr kuscheln zu können. Und Helena krault sie dann auch eine Stunde lang. Hin und wieder dreht die Hündin sich von der linken Seite auf die rechte Seite oder umgekehrt, streckt Helena ihren Bauch hin und schaut entsetzt auf, wenn Helena aufhört. Ansonsten ist die Hündin tiefenentspannt und lässt sich von ihr überall anfassen.

Am nächsten Morgen waren Helena, Marie und ich in der Sauna. Pool gibt es wegen der kalten Außentemperaturen nicht mehr, sondern nur noch eine Dusche und ein paar Liegen, auf denen man sich in eine Art Schlafsack einwickeln und an der frischen Luft, bei Schnee oder Regen auch unter einem Vordach, ruhen oder schlafen kann. Die Sauna war auf 60 Grad eingestellt und Helena genießt das. Sie sitzt zwar ganz unten und schwitzt meistens erst beim dritten Saunagang richtig, aber wir müssen sie vom fünften Saunagang abhalten. Sie würde dieses Rein und Raus und dampfend nackt bei Schneefall durch den Garten gehen am liebsten den ganzen Tag machen.

Außerdem haben wir an diesem Wochenende endlich ihre Insulinpumpe in Betrieb nehmen können. Nach der Sauna, versteht sich. Es ist für sie ein wenig ungewohnt, weil neu und völlig anders, aber sie ist sehr interessiert und lernt sehr schnell. Wir haben ausgenutzt, dass einerseits Maries Mutter als erfahrene Ärztin vor Ort ist, andererseits wir dort zu dritt in einem Zimmer schlafen, so dass wir mitbekommen, falls nachts irgendwas los ist, und quasi auch im Halbschlaf den Blutzucker bestimmen können. Es hat aber alles gut funktioniert bislang.