Glückskäfer

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Ich bin ja noch eine Auflösung schuldig. Nein, ich löse mich nicht selbst auf, sondern die „Prüfungsfragen“, die ich vor einer Woche in den Raum gestellt habe. Ich muss ja erwähnen, dass ich hier keine Rechtsberatung mache und die „Auflösung“ nur meine persönliche Meinung ist, die keinen Anspruch auf Richtigkeit hat. Aber so habe ich es gelöst:

Zu 1) Das kommt ja immer auf den Umfang und das mit der Behandlung verbundene Risiko einerseits, auf die Einwilligungsfähigkeit des Patienten andererseits an. Wenn der Eingriff so schwerwiegend ist, dass selbst bei Erwachsenen regelmäßig ein schriftliches Einverständnis eingeholt wird (Narkose, Operation etc.), dann muss immer auch eine Unterschrift der gesetzlichen Vertretung sein. Gleiches gilt bei allen Handlungen des Kindes gegen ärztlichen Rat. Bei einfachen Behandlungen oder Untersuchungen, die in der Regel keine Folgen haben werden, kann ein Kind ab 14 Jahren zustimmen, wenn es überblickt, worum es geht. Das ist bei der Haselnuss-Sache und dieser Patientin eindeutig der Fall gewesen.

Zu 2) Kann das Kind ab 14 Jahren alleine in eine Behandlung einwilligen, gilt die Schweigepflicht vollumfänglich auch gegenüber den eigenen Eltern. Ich dürfte also nicht mal erwähnen, dass das Kind bei mir gewesen ist oder es auf dem Flur in Anwesenheit anderer grüßen (es sei denn, es grüßt zuerst).

Zu 3) Ich bin nicht erziehungsberechtigt und habe keine Verpflichtung, den Eltern zu berichten, dass ihr Kind die Wohnung verlassen hat. Dass die Eltern das vermutlich nicht wünschen, ist nicht meine Baustelle. Selbstverständlich empfehle ich dem Kind aber, mit dem Taxi zu fahren. Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls, die mich zum Eingreifen zwingen würden, liegen nicht schon deshalb vor, weil ein Kind nachts von der Wohnung zum Krankenhaus geht oder ohne Eltern behandelt werden möchte.

Zu 4) Ich esse Haselnüsse nicht so gerne und habe deshalb auch keine auf meinem „bunten Teller“.

Zu 5) Ich hoffe sehr, dass Helena zu mir kommt, wenn sie ein Problem hat. Im Moment glaube ich auch, dass sie das tun würde. Selbst bei einer Haselnuss. Wie das in ein oder zwei Jahren sein wird, weiß ich allerdings nicht.

Ich war gestern nach Dienstschluss im Schwimmbad. Nicht in dem, in dem Lukas und die anderen Leute trainieren, sondern in einem wesentlich größeren Bad, das direkt auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz nach Hause liegt. Das Training mit der Gruppe um Lukas ist zwar nach wie vor klasse und, sofern ich Zeit habe, auch angesagt, aber außerhalb dieser offiziellen Trainingszeiten sind mir einfach zu viele Rentnerinnen vor Ort, die dann wie Treibgut diagonal durch die Bahnen schwimmen oder die ganze Zeit pupsend und pinkelnd quatschend und tratschend am Rand stehen.

In diesem alternativen Schwimmbad habe ich vor einiger Zeit eine stark sehbehinderte Frau, geschätzt in meinem Alter, getroffen, die super gut und vor allem sehr schnell schwimmt und dort wohl regelmäßig ebenfalls zwei bis drei Kilometer abreißt. Wir sind aufeinander aufmerksam geworden, als diese Frau auf dem Weg zum Becken beinahe über meinen Rollstuhl gestolpert wäre, der am Beckenrand stand. Ich habe das in letzter Sekunde gesehen und sie angesprochen. Sie fragte dann, ob der zu mir gehöre und ob sie mit in die „Behindertenbahn“ dürfe. Genau mein Humor. Die Mitarbeiter des Bades waren so freundlich, ihr ein wenig Extralicht einzuschalten, also kein Kerzenschein und Schummerlicht, sondern 750 Lux Veranstaltungsbeleuchtung. Damit ist zwar ihr Eintrittspreis voll und ganz für Lichtstrom draufgegangen, aber sie konnte nun die Wände vor der Wende sehen, was ja, gerade bei schnellem Schwimmen, gewisse Vorteile mit sich bringt.

Jedenfalls wurde es gestern plötzlich wieder krass hell in der Halle und siehe da: Jene Frau war wieder da. Während sie am Rand entlang tappste und vermutlich austestete, aus welcher Bahn die wenigsten Geräusche kamen, schwamm ich zum Rand und sagte: „Hier wäre noch ein Platz in der Behindertenbahn frei.“ – „Jule, alte Socke, ich hatte schon Sehnsucht nach dir! Wie geht es dir und deinem Rollstuhl? Steht er hier oder drüben?“ – „Noch zwei Schritte nach rechts und du sitzt drin. Mir geht es gut. Und wie sieht es bei dir aus?“ – „Alles ein wenig verschwommen gerade und drinnen dunkler als draußen, aber sonst bestens. Hast du das Becken schon ordentlich umgerührt?“ – „Aufgeschäumt. Hab mich über einen Kollegen geärgert und meine ganze schlechte Laune am Wasser ausgelassen. Könnte sein, dass ich es an einigen Stellen ein wenig kaputt gemacht habe.“

In der Nachbarbahn steht ein älterer Herr und grinst. Dann kommt er zur Leine uns sagt: „Ich hab da mal eine Frage.“ – Wenn das schon so losgeht, kommt meistens irgendwas mit Schicksal, Behinderung und „wie schaffen Sie das eigentlich“. Ohne meine Reaktion abzuwarten, fragt er: „Wie schaffen Sie das eigentlich, trotz ihrem schweren Schicksal so viel Humor zu haben?“ – Bingo. Die sehbehinderte Schwimmerin sagt: „Tja, Jule, da will ich nicht stören. Der Blindfisch schwimmt sich inzwischen mal locker ein. Kann ich da mit dem Kopf voraus reinspringen oder tut das jemandem weh?“ – „Kannst springen, wir sind zu zweit in der Bahn.“ – Zu dem Mann sage ich: „Es klappt nicht immer und es ist auch nicht immer einfach, aber ich gebe mir größte Mühe.“

Ohne seine Reaktion abzuwarten, schwimme ich weiter. Ich bin nicht zum Quatschen und Tratschen hier, sondern zum Schwimmen. Heute nur 2.300 Meter insgesamt. Als ich wieder zu Hause ankomme, Helena begrüßt habe und meine nassen Sachen aufhängen will, hängen da schon wieder diverse nasse Klamotten von Helena. Einschließlich Jeans und Kapuzenpullover. Die Jeans ist allerdings ohne Falten aufgehängt, ein Wischlappen drunter, weil sie noch tropft. Sie kommt um die Ecke, steht schweigend in der Tür und guckt mich an. Inzwischen kenne ich diesen Ich-habe-etwas-ausgefressen-Blick von ihr.

„Was ist denn das hier schon wieder für nasses Zeug?“, frage ich sie. Als hätte sie darauf gewartet, sagt sie grinsend: „Ich schweige.“ – „Du warst aber nicht in der Ostsee schwimmen bei vier Grad und Schneetreiben, oder?“ – „Ich schweige. Nein, in der Ostsee war ich nicht.“ – „Darf ich trotzdem eine Frage stellen, auch wenn du schweigst?“ – „Darf ich trotzdem schweigen, wenn ich nicht antworten will?“ – „Ja. Warum Jeans und Jacke?“ – Sie überlegt einen Moment und sagt, immer noch grinsend: „Ich möchte schweigen.“ – Und geht in ihr Zimmer. Tja. Es gibt Dinge, die gehen mich nichts an. Das ist so.

Einen Moment später, ich bin gerade in der Küche, bereite das Abendessen vor und freue mich, dass sie von sich aus den Geschirrspüler ausgeräumt hat, setzt sie sich bei mir auf den Schoß, umarmt mich und drückt ihre linke Wange gegen meine linke Wange. Bewegt sich bestimmt zwanzig Sekunden lang nicht, sondern atmet ganz entspannt, gibt mir dann einen Kuss auf meine linke Wange und geht ohne ein Wort zu sagen wieder in ihr Zimmer. Ich werde noch nicht aus jeder Geste schlau, aber mir reicht es manchmal auch, wenn ich das in meinem Kopf in jene Kiste mit dem großen roten Glückskäfer packen darf.

Antibiotika nix gut

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Die ersten Festtage haben wir alle gut überstanden. Ich musste am 1. Weihnachtstag arbeiten und hatte entgegen meiner Erwartungen eine eher ruhige Schicht. Ich musste mich zusammen mit einer rund 60 Jahre alten Kinderärztin, die nur aushilfsweise eingesetzt war und normalerweise in einer Behörde arbeitet, um vier periphere Kinder- und Jugendstationen kümmern sowie um alle ambulanten Patienten unter 18 Jahren, die keiner sofortigen Notfallbehandlung bedürfen.

Als einziges kleines Drama kam gleich am frühesten Morgen ein 2 Jahre altes Kind auf dem Arm des Vaters zur Station. Der Vater verstand nur einzelne Worte, die Mutter auch nicht viel mehr. Zum Glück sind sie nicht erst durch das ganze Gebäude gelaufen, sondern haben sich sofort am Empfangstisch gemeldet und die examinierte Pflegekraft hat sie gleich umgeleitet: „Kannst du dir das Kleinkind mal bitte ansehen? Das könnte ansteckend sein, daher hab ich die Familie gleich isoliert.“

„Mach ich“, sagte ich. Meine Aushilfskollegin sagte: „Ich will mal gucken, wie das im Rollstuhl so klappt. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wenn es dich nicht stört.“ – „Nö, kein Problem.“

Als ich die Tür öffnete und das glühende und eher teilnahmslose Kind auf dem Arm des Vaters sah, fiel mir sofort das sogenannte Milchbärtchen auf. So nennt man ein typisches Symptom, bei dem der Bereich um den Mund von einem (ebenfalls typischen) Hautausschlag ausgespart bleibt. Auch die Kollegin erkannte das von weitem und sagte gleich: „Oha, du hast Kinder zu Hause, oder? Soll ich das übernehmen?“ – „Nein, ist okay.“ – „Zieh dir einen Mundschutz an.“ – „Ja.“ – So fürsorglich ist es ja selten an meinem Arbeitsplatz.

Die Symptome waren so eindeutig, dass man sich fast schon die weiter eingehende Diagnostik sparen könnte, um den sich unmittelbar aufdrängenden Verdacht auf Scharlach zu bestätigen. Die Mutter gab an, bereits vor fünf Tagen bei einer Krankenschwester gewesen zu sein, die Kamillentee gegen die Entzündung im Hals und Wadenwickel gegen das Fieber empfohlen hätte. Wenn ich das richtig verstanden habe. Der Hals war ein einziger Eiterherd, das Kind musste unheimliche Schmerzen haben. Der Puls lag bei 150 Schlägen pro Minute. Abstrich ließ es problemlos mit sich machen. „Ich würde auch einmal Blut abnehmen“, sagte ich. Beim Schnelltest bestätigte sich dann das, was ich eigentlich ausschließen wollte: Eine akute Sepsis. Vermutlich ist der Eiterherd im Hals bereits in der Blutbahn angekommen.

Die Mutter sagte: „Antibiotika? Oder nix Antibiotika?“ – Ich sagte: „Antibiotikum auf jeden Fall, ja.“ – „Antibiotika nix gut, Gift für Kind.“ – Die Kollegin konnte nicht mehr an sich halten: „Antibiotika sofort.“ – „Kind nix Antibiotika.“ – „Kind ist morgen mausetot ohne Antibiotika.“ – Die Mutter guckte mich mit großen Augen an. Ich holte unsere Übersetzungsfolien aus der Schublade. Ihre Sprache war mit drauf, nur leider konnte sie nicht lesen. Aber der Vater ein wenig, als er seine Brille aus der Tasche geholt hatte. Ich nahm mir einen Fasermaler und kreiste Blutvergiftung, Scharlach, Intensivstation und Antibiotikum ein. Er redete mit seiner Frau. Sie kam in Fahrt: „Kind doll krank?“ – Ich antwortete: „Kind ganz doll krank! Kind braucht Hilfe. Okay?“ – „Kind muss sterben?“ – „Nein. Doktor hilft Kind. Kind bleibt hier. Okay?“ – „Doktor bitte Hilfe. Kind nix Antibiotika.“ – Die Kollegin holte schon tief Luft, als die Mutter einen Allergiepass aus ihrer Jackentasche fischte. Allergie gegen Penicillin. Das wollte sie also mitteilen. Sie war also nicht grundsätzlich gegen Antibiose, sondern wollte verhindert wissen, dass ihr Kind Penicillin bekommt. Ich sagte: „Penicillin. No. Nix Penicillin.“ – Die Mutter nickte aufgeregt. „Nix Penicillin gut. Bitte Doktor Hilfe.“ – Jetzt fing sie auch noch zu weinen an.

Ja, ich bin auch dafür, Antibiotika sehr sparsam, gut überlegt und korrekt einzusetzen. Aber sorry, wenn ich die radikalen Positionen einiger Eltern, die Antibiotika, Impfstoff und Bluttransfusionen generell und konsequent ablehnen, nicht nachvollziehen und nicht teilen kann. Zum Glück hat sich dieses „Missverständnis“ sehr schnell aufgeklärt. Es wäre ansonsten ein Fall gewesen, bei dem wir über das Jugendamt eine gerichtliche Anordnung zur Behandlung eingeholt hätten. Denn das war schon lebensgefährlich.

Auf dem Rückweg nach Hause stand eine relativ neue A-Klasse mitten auf der Straße. Mit Warnblinklicht. Ein Rad stand auf der Gegenfahrbahn, wie nach einem Ausweich-Manöver. Der Fahrer hatte eine Warnweste angezogen und kam mir mit dem Warndreieck entgegen. Na super. Jemanden angefahren? Mein neuer Notfall-Rucksack liegt noch zu Hause. Ich hielt an. „Brauchen Sie Hilfe?“ – „Nein, die Polizei ist schon unterwegs. Die Ricke ist tot.“ – „Sie sind nicht verletzt?“ – „Nein, mir geht es gut. Naja, ‚gut‘ ist übertrieben, aber es ist alles in Ordnung. Vielen Dank.“ – Vor dem Auto lag ein totes Reh, relativ jung. Am Auto hing das Kennzeichen senkrecht herunter. Blechschaden war nicht sichtbar. Airbags waren auch zu. Mehr war im Vorbeifahren nicht zu erkennen. Ich entschied mich, weiterzufahren.

Am 2. Weihnachtstag waren wir bei Maries Eltern. Es gab kein Flattervieh zu essen, sondern einen Kartoffel-Auflauf mit ganz vielen unterschiedlichen Gemüsesorten. Super lecker. Am Nachmittag waren Marie und ich mit Helena in der Sauna und im Pool, während Maries Eltern bei Freunden zum Weihnachtsbesuch waren. Helena entwickelt sich definitiv zum Wassertier.

Bis jetzt haben wir die Anschaffung eines Smartphones für Helena noch nicht bereut. Sie legt es tatsächlich von sich aus nach einiger Zeit weg. Zwei Nächte lag es in der Küche, so dass ich davon ausgehe, dass sie es nachts nach unserem Einschlaf-Ritual nicht noch einmal in die Hand nimmt. Aber das Ding ist schon eine gewisse Größe im Alltag. Wir beobachten es im Moment noch ohne Sorge.

Als ich heute von der Arbeit nach Hause kam, war Marie kurz zum Silvestereinkauf los. Helena und ihre beste Freundin waren alleine zu Haus. Als ich aus dem Auto stieg, hörte ich schon laute Musik. Und als ich die Tür aufmachte, tanzten im Wohnzimmer zwei Mädels gackernd zur aufgerissenen Anlage. Gerade war Morandi mit seiner Kalinka fertig, nun sang Willy William ihnen was vor, sofern man das „singen“ nennen kann. In diesem Sinne: „La lalalala la la la!!!“

Arbeiten, saunieren, reiten

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Oh, ich darf mal atmen. Zwischendurch. Nur ein wenig. Nur ganz flach. Durchatmen würde ich ja gar nicht verlangen. Das wird sowieso überbewertet.

Zum ersten Mal seit vier Wochen habe ich mal zwei Tage am Stück frei. In meiner Klinik steppt der Bär, die ohnehin schon dünne Personaldecke ist, als die erste Atemwegs-Infekt-Herbstwelle sie aufschüttelte, zerbröselt. Wie ein alter, staubiger Lumpen, der fünfzig Jahre auf dem Dachboden in der Sonne lag. Eigentlich mache ich eine Facharzt-Ausbildung, eigentlich habe ich keine Erfahrung, aber wenn ein ebenso frischer Kollege und ich nicht mehrere 24-Stunden-Schichten hingelegt hätten, hätten sie den Laden wohl schließen müssen.

Nein, es ist wirklich unschön. Um nicht zu sagen: Eine Zumutung. An einem Morgen, keine halbe Stunde nach Dienstbeginn, kümmerte sich mein Kollege um eine 14jährige, die so lange hyperventiliert hatte, bis sie Sterne sah und umgekippt ist (durch das verstärkte Ausatmen von Kohlendioxid gerät der Säure-Basen-Haushalt durcheinander und das Blut wird basischer). Mich rief man unterdessen zu einer 14jährigen mit Atemnot, die am Vorabend mit einem entgleisten Diabetes stationär aufgenommen worden war. Mein spontaner Verdacht auf eine frische Lungen-Embolie bestätigte sich später. Insofern bin ich einerseits einigermaßen stolz auf mich, sofort alles richtig gemacht zu haben (schließlich kann man, gerade wenn man bei einer 14-Jährigen, die ohne einschlägige Vorgeschichte aufgenommen worden war, jetzt nicht spontan eine Lungen-Embolie erwartet, sehr viel falsch machen), andererseits in großer Sorge, dass beim nächsten Mal meine fehlende Erfahrung einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Maries Mutter nannte die Zustände „unverantwortlich“, sie habe andere Zeiten erlebt.

Im Moment, so habe ich das Gefühl, ist es auf allen Ebenen anstrengend. Ich habe beispielsweise in den letzten vier Wochen insgesamt sieben Autos abschleppen lassen. Ich weiß nicht, was im Moment los ist. Hat der lange Sommer dazu geführt, dass bei dem einen oder anderen Teile des Hirns eingetrocknet sind? Nein, es ging nicht darum, dass ich mir einen Parkplatz freigeschaufelt hätte. Sondern dass ich Autos entfernen lassen musste, um in mein Fahrzeug einsteigen zu können. Weil sich andere Menschen zu mir auf den von mir belegten Behindertenparkplatz hinzu gestellt haben. Nach dem Motto: „Wieso Raum verschenken? Da passe ich doch noch mit drauf. Klar, es wird dann zwar so eng, dass man neben mir nur noch durch den Kofferraum einsteigen kann, aber das ist ja nicht mein Problem, meine Tür geht ja auf.“ – So ungefähr. Weiße Markierungen auf dem Boden sind doch nur aufgemalt, weil die Stadt zuviel wasserfeste Farbe bestellt hatte. Und das Schild mit dem Rollstuhlsymbol ist eigentlich auch nur ein Landeplatz für Vögel. Immerhin kam die Polizei jedes Mal sehr schnell und der Abschlepper auch. Eine Krone hab ich aber noch draufzusetzen: Einen besonders dreisten (ich würde gerne „Spinner“ sagen, aber das darf ich ja nicht) Menschen hat es gleich zwei Mal erwischt. An einem Tag musste er fragen, wohin sein Auto umgesetzt worden ist, am nächsten Tag parkte er wieder im Abstand von nicht einmal zehn Zentimetern neben mir. Vielleicht hat am zweiten Tag auch der Bruder das Auto gefahren. Dafür spräche, dass einer alleine wohl kaum so doof sein kann.

Vermutlich übernimmt in allen Fällen inzwischen das Handy das Denken. Früher habe ich diejenigen belächelt, die ihr Auto im Fluss versenkt haben, weil das Navi ihnen auf der Kaimauer das Abbiegen empfohlen hat, heute habe ich zunehmend das Gefühl, kaum einer denkt noch mit und ist gleichzeitig vom Blick auf den Bildschirm abgelenkt. Oder davon, sein Gerät wie ein Knäckebrot vor den Mund zu halten und irgendwas ins Mikrofon zu labern. Alleine zwei junge Frauen konnte ich beim Warten auf den Abschlepper dabei beobachten, wie sie nacheinander gegen dieselbe gläserne Bushaltestellen-Box gerannt sind, weil sie mir ihrem Handy beschäftigt waren. Eine hat den Anprall noch mit dem Arm abgefangen, die andere hielt sich hinterher den Kopf und hat morgen vermutlich eine fette Beule an der Stirn.

Andere träumen, während sie sich darauf verlassen, dass ich für sie mitdenke. Noch anstrengender. Die erste Vollbremsung der letzten Woche musste ich an der Ausfahrt eines Baumarktes hinlegen. Jemand kam mit einem alten Ford Fiesta vom Parkplatz, ohne auch nur eine Sekunde auf die vierspurige Straße geschaut zu haben. Als ich hupend und quietschend einen halben Meter vor dem Kollisionspunkt zum Stehen kam, niemand hinten reinkrachte, Helena noch in den Seilen hing, winkte dieser falsch abbiegende Fahrer mir zu und zeigte mir „Daumen hoch“. Die zweite Vollbremsung war nötig, weil eine Radfahrerin ein Stopp-Schild missachtete. Ich fuhr auf einer abknickenden Vorfahrtstraße, bog links ab, sie kam aus der von vorne einmündenden Straße mit Stopp-Schild, allerdings ohne anzuhalten. Marie saß neben mir auf dem Beifahrersitz und schrie nur: „Die fährt!“ – Da bremste ich aber schon lange. Statt sich zu entschuldigen, brüllte die Radfahrerin draußen herum, zeigte mir eine Scheibenwischer-Geste und versuchte im Vorbeifahren, meinen Spiegel abzutreten. Packte sich dabei fast noch auf die Nase. Vollbremsung Nummer drei war vor einer Engstelle. Ich hatte das blaue Schild, die Dame, die mir entgegen kam meinte offenbar, sie könne einfach auf meiner Spur weiterfahren, musste dann aber auch scharf abbremsen, um nicht mit mir zusammenzukrachen, schüttelte den Kopf und lenkte, statt die zehn Meter zurückzufahren, über den Rad- und Gehweg rechts an mir vorbei. Hatte dabei ein Handy am Ohr und diskutierte aufgeregt. Vermutlich nicht über die brenzlige Situation im Straßenverkehr.

An den letzten beiden Sonntagen waren wir bei Maries Eltern. Zu dritt, mit Helena. Ja, sie wohnt noch immer bei uns und ja, wir sind zuversichtlich, dass sie auch weiterhin bei uns wohnen darf. Allerdings ist noch immer keine endgültige Entscheidung gefallen. Den Tag bei Maries Eltern haben wir zur gemeinsamen Entspannung genutzt. Sind morgens hingefahren, haben gemeinsam gebruncht, sind anschließend zu dritt (Marie, Helena und ich) in der Sauna im Garten gewesen und im Pool geschwommen. Maries Eltern waren nachmittags bei Freunden eingeladen. Eigentlich wollten wir mit Helena nur ein wenig schwimmen. „Dürfen wir nicht in die Sauna?“, fragte sie. Marie antwortete: „Doch, aber das mag ja nicht jeder.“ – „Ich liebe Sauna. Darf man, wenn man in der Sauna war, anschließend eigentlich auch nackt in den Pool?“ – Alles klar, alle Sorgen mal wieder unbegründet.

Aber es gab auch begründete Sorgen zwischenzeitlich. Grenzen austesten gehört ja dazu und manchmal würde ich mir wünschen, Helena testet gemächlicher. Ich bekam eine Nachricht von ihrer Lehrerin, dass sie ohne Entschuldigung zwei Stunden zu spät gekommen war. Dabei war sie pünktlich los. Am Nachmittag saß Helena mit ihrer besten Freundin, der Tochter der Kollegin von Maries Mama, in ihrem Zimmer, als ich nach Hause kam. Immerhin waren die beiden mit irgendwelchen Schuldingen beschäftigt. Ich fragte Helena direkt: „Warst du heute in der Schule?“ – Immerhin log sie mich nicht an, sondern sagte gar nichts. Ich fragte ihre Freundin: „War Helena heute in der Schule?“ – Sie zögerte einen Moment, antwortete dann: „Na klar war sie heute in der Schule.“ – Ich fragte: „Und wann?“ – Sie seufzte. Dann sagte Helena: „Nach der großen Pause. Na und?“

Ich sprach die Freundin an: „Geh bitte nach Hause.“ – Helena fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sie tat mir so leid, aber das musste sein. Helena sagte: „Englisch kotzt mich an. Wir machen die ganzen zwei Stunden nichts weiter als Vokabeln wiederholen, weil die anderen sie zu Hause nicht richtig lernen. Da sind wir halt reiten gewesen.“ – „Helena, erstens möchte ich wissen, wann du reitest, zweitens bin ich nicht damit einverstanden, dass du die Schule schwänzt.“ – „Ich weiß. Deswegen haben wir vorher ja auch niemanden von unserem Plan erzählt.“ – „Helena, das geht nicht. Schule ist keine Party, bei der man kommt und geht, wann man will.“ – „Du hast nie geschwänzt früher, oder?“ – „In deinem Alter nicht, nein.“ – „Später?“ – „Später ja.“ – „Heute fängt man mit vielen Dingen früher an.“ – „Nee, Helena, vergiss es. Das ist einfach nicht okay. Wo wart ihr überhaupt mit den Pferden?“ – „Wir waren am Strand und sind mit Fullspeed durch das flache Wasser galoppiert.“

Wie toll. Ich sagte: „Helena, ich kann dich wirklich gut verstehen. Aber ich kann das nicht dulden. Und wenn es nicht reicht, dass wir darüber reden, muss ich mir Konsequenzen überlegen. Und das möchte ich eigentlich nicht. Und du, glaube ich, auch nicht.“ – „Jule, ich hab zwei Stunden geschwänzt, okay? Zwei Stunden. Ich habe das jetzt nicht jeden Tag oder jede Woche vor. Aber ich will eigentlich auch nicht versprechen, dass das nie wieder vorkommt.“ – Ich holte schon Luft, da fuhr sie fort: „Ich verspreche aber, dass es erstmal nicht wieder vorkommt und dass ich dir das erzähle, wenn es nochmal vorgekommen sein sollte. Ich wollte dir das von heute auch erzählen, aber du hast mich ja gar nicht zu Wort kommen lassen.“

Kann ich damit leben? Erstmal ja. Ansonsten wird es wohl darauf ankommen, wann sie das wieder macht. Die Mutter der Freundin rief mich kurz darauf an und wollte mir verkünden, dass die beiden Scheiße gebaut haben. „Ich weiß es schon. Helena hat es mir erzählt und ich gehe davon aus, dass das nicht wieder vorkommt.“ – „Diese kleinen Kröten. Sie sind so süß mit ihrem eigenen Kopf. Einerseits sind sie so selbständig, dass sie das alles aushecken und mit den Viechern loskommen und da auch hinterher alles richtig gemacht haben, andererseits haben sie keinen Plan, warum das nicht geht und was alles passieren kann. Und damit meine ich nicht, dass sie jemand sieht. Meine war wohl die Anstifterin und hat von mir erstmal eine Woche Stubenarrest aufgebrummt bekommen. Damit fällt das Reiten bei ihr für die nächste Woche flach. Jetzt sitzt sie in ihrem Zimmer und heult.“

Ich überlegte, was das früher wohl bei meinen Eltern ausgelöst hätte. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Räuber-Essen

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„Ich kann nicht schwimmen lernen, ich bin behindert“, sagte Helena vor etwas mehr als einem Jahr. Man hatte ihr ernsthaft eingeredet, dass ihre Cerebralparese, die verhältnismäßig leicht ausgeprägt ist, der Grund dafür sein sollte. Vor einem Monat hat sie ihr Seepferdchen-Abzeichen gemacht, also einen Sprung ins Wasser und anschließend 25 Meter schwimmen sowie einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser heraufholen. In der letzten Woche hat sie ihren Jugendschwimmschein in Bronze gemacht, also das, was früher der „Freischwimmer“ war. Ich gebe zu, wir haben fleißig geübt. Vermutlich wesentlich mehr als man mit anderen Kindern übt. Aber sie hat es souverän geschafft, und für sie gilt, was für viele Menschen mit Einschränkungen gilt: Wasser ist ihr Element.

Es ist für mich ein Lehrstück. Das ewige Kapitel „Glaube versetzt Berge“. Solange sie geglaubt hat, dass sie es wegen ihrer Einschränkung nicht kann, konnte sie es auch nicht. Als sie bei Marie und bei mir gesehen hat, dass man auch mit einer Querschnittlähmung gut schwimmen kann, gab es zuerst keine Argumente mehr. Und später gab es den Glauben daran, dass es machbar sei. Einmal mehr gilt, dass wir nicht die Steine setzen dürfen, aus denen eine Barriere wird. Es ist kein Hexenwerk, an jemanden zu glauben und ein Kind ernst zu nehmen.

Ein Bereich, den wir gerade sehr aufwändig be-ackern, ist ihre kindliche Unbefangenheit. Ich weiß, es gibt verschiedene Theorien, nach denen man eine einmal erlangte Befangenheit nicht mehr ablegen kann. Eingeschränkt durch Verbote, konfrontiert mit nicht altersgemäßen Aufgaben, eingeschüchtert durch die Angst vor Strafen, vielleicht aber auch motiviert von der Aussicht, bei uns bleiben zu dürfen, benahm sich Helena anfangs auffällig „artig“, immer auf der Hut, nichts falsch zu machen. Als ihr mal ein Glas herunterfiel, erwartete sie Schläge.

Ich teile die Theorie, einmal erlangte Befangenheit nicht wieder ablegen zu können, nicht. Und umso mehr haben Marie und ich uns kürzlich darüber gefreut, als Helena mit ihrer derzeit besten Freundin, jene Tochter einer Kollegin von Maries Mutter, die mit Helena zusammen zur Schule geht, sich bei uns zu Hause verabredet hat und, als Krönung des Treffens, ein gemeinsames Abendessen angezettelt hat: Die beiden haben sich in den Garten gesetzt, mitten auf den Rasen, zwischen ihnen lag die Platte eines zusammengeklappten Campingtisches, reichlich gedeckt. Die Mission dabei: Räuber-Essen. Messer und Gabel gab es nicht, Tischmanieren auch nicht. Keine eigenen Teller, es wurde mit den Händen aus Schüsseln gegessen, schmatzend, rülpsend, kleckernd und vor allem: Ausgelassen und albern. Die beiden sahen aus wie die Ferkel und ich bin sehr froh, dass sie sich nach draußen verzogen und alte Sachen (von mir) angezogen haben. Als sie wieder rein wollten, habe ich beide mit T-Shirt und kurzer Hose gleich erstmal unter die Gartendusche gestellt, das gab die nächste Gaudi.

Inzwischen ist Helena so weit, dass sie ihre Grenzen austestet. Was zwar anstrengender ist, aber mir und auch Marie eintausend Mal lieber als ein ängstliches Kind. Beispielsweise im Anschluss an das Räuberessen meinte sie, auch beim gemeinsamen Fernsehen ständig betont laut rülpsen zu müssen. Zwei, drei Mal habe ich sie angeguckt, das reichte aber nicht. Marie fragte: „Brauchst du Aufmerksamkeit? Möchtest du gekrault werden?“ – Sie rülpste ein „Nein“ zurück. Ich sagte: „Och Helena, das ist eklig.“ – Ihre Antwort: „Ja, tschuldigung, das sollte eigentlich hinten raus.“

Lachen wäre jetzt vermutlich kontraproduktiv. Marie übernahm das Wort: „Wir sind hier nicht in der Eckkneipe. Geh bitte in dein Zimmer und lass uns hier in Ruhe Fernsehen. Und mach die Tür hinter dir zu, wir wollen das nicht hören.“ – Helena guckte mich an, ich sagte: „Tschüss.“

Es dauerte keine fünf Minuten, dann kam sie wieder. Mit feuchten Augen, bis zur Zimmertür: „Kann ich mich bitte entschuldigen?“ – „Sicher.“ – „Das war doof von mir. Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe. Ich hatte irgendwie so einen Lauf und fühlte mich gut und … eigentlich möchte ich keinen Streit.“ – Marie antwortete: „Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand verlangt von dir, dass du die Luft in deinem Magen behältst. Aber das kann man leise machen und die Hand vor den Mund halten. Und wenn das zwischendurch vielleicht einmal richtig laut sein muss, habe ich auch kein Problem damit. Aber in einer Tour und dann noch mit so einem ekligen Spruch dazu …“ – „Marie? Es sollte lustig sein und es ist einfach daneben gegangen. Okay?“

Abgehakt.