Etwas Zink und ein paar Pornos

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Welchen Sinn macht es, in einem öffentlichen Blog, den Sebastian liest, zu posten, dass du sein vermeintlich dominantes, vielleicht sogar manipulatives Verhalten, wie Maries Mutter es genannt hat, durchschaut hast?

Diese Frage wurde mir gleich mehrfach gestellt. Als Kommentar, in Mails, einmal sogar mündlich. Dabei finde ich die Antwort ganz naheliegend: „Das Spiel mit den gezinkten Karten ist nur so lange ungerecht, wie einer von dem Zink nichts weiß.“ – Da ich kein ungerechtes Spiel will, spiele ich mit offenen Karten. Und als Frau, auch wenn ich zugeben muss, als solche im sexuellen Bereich noch recht unerfahren zu sein, traue ich mir schon zu, einen Mann auch noch anders um den Finger zu wickeln als durch ein Spiel mit gezinkten Karten. Ich traue mir zu, seine Aufmerksamkeit auch anders lenken zu können.

Einen gefühlten Volltreffer habe ich wohl gelandet, als ich ihn heute morgen darum bat, mit mir noch einmal zu reden. „Komm vorbei“, meinte er. Er hatte meinen Blogeintrag über sich natürlich bereits gelesen und war nur begrenzt begeistert über die Sichtweise von Maries Mutter. Räumte dann allerdings doch ein, sich vor ihrer Sichtweise nicht verschließen zu können. „Ein Blick in den Spiegel kann durchaus unangenehm sein. Ich habe dich aber nicht kränken, verletzen oder bedrängen wollen. Sondern nur sehr direkt gesagt, was ich mir vorstellen kann. Weil ich anhand deiner bisherigen Postings den Eindruck gewonnen hatte, Stinkesocken brauchen eine sehr direkte Ansage.“

„Ich möchte mir gerne deine Pornosammlung angucken“, sagte ich. Fünf Sekunden dauerte es, bis seine Kinnmuskeln wieder Spannung bekamen und der Mund wieder schloss. „Meinst du das ernst?“ – „Ja. Lässt du mich an deinen Rechner?“ – „Wenn du dich darüber lustig machen willst, dann nicht.“ – „Meine Absicht ist es nicht, aber ich warne dich vor: Das eine oder andere könnte auf mich sehr skurril wirken und ob ich dann immer ernst bleiben kann, weiß ich nicht.“ – „Was willst du denn damit erreichen?“ – „Ich möchte mir ein Bild machen über diese Freiheit, wie du sie nennst, die jeder ernsthaften Partnerschaft im Weg steht.“

„Und warum?“, fragte er weiter. Ich antwortete: „Ganz einfach: Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es keine einzige Frau gibt, die mit einer solchen Sammlung auf dem Rechner des Partners nicht leben könnte. Ich kann mir schon vorstellen, dass das zu Eifersucht und Missbilligung führt, aber wenn das angeblich jeder partnerschaftlichen Beziehung im Wege steht, muss es schon etwas sehr besonderes sein. Und das würde ich mir gerne ansehen. Jetzt, wo ich davon weiß, hast du mich neugierig gemacht.“ – „Ist das eine Bedingung?“, wollte er wissen. Ich antwortete: „Nein, aber ein Schlüssel.“

Er fragte nicht, wieviele Schlüssel er bräuchte, sondern startete seinen PC. Mein Bauch kribbelte. Ich fühlte mich einerseits sehr clever, andererseits war ich gespannt, was mich erwarten würde; gleichzeitig bekam ich aber auch große Angst davor. Was, wenn ich gleich von Dingen Zeuge werde, die ich niemals sehen wollte? Die mich vielleicht in eine schwierige Situation bringen? Vielleicht auch in einen Loyalitätskonflikt? Oder sogar in Gefahr?

Wer über solche Themen nichts lesen möchte, spart sich besser den Rest. Ansonsten: Der Ordner war unauffällig beschriftet und kaum versteckt. Der Inhalt war gut sortiert. Das meiste waren Videoclips aus dem Internet. Keine kommerziellen Filme mit professionellen oder semiprofessionellen Darstellerinnen, die sich bei softer Klimpermusik gegenseitig die Sprühsahne vom Dekoltee schlecken, sondern eher jede Menge sehr verspielte Amateurclips von einschlägigen Internetplattformen. Insgesamt eher wenige bis keine sehr plumpen, harten Sachen, wie ich sie zunächst vermutet hätte, sondern hauptsächlich bis fast ausschließlich erotisches, sehr aufreizendes Zeug.

Ich will mal nicht zu sehr ins Detail gehen, aber vielleicht ein Beispiel bringen: Ich selbst würde mir eher angucken, wie sich ein muskulöser Knackpo in knallenger Jeans am Strand in den Wellen unter der Abendsonne räkelt, als unmittelbare Zeugin eines lautstarken Geschlechtsaktes zwischen einer silikonbusigen Achtzehnjährigen und Crocodile Dundee in vollausgeleuchteter Badewanne zu sein. Damit haben wir zumindest eine Gemeinsamkeit: Eine Antenne für sinnliche Erotik…

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auch er offenbar einen Faible für alles hat, was knack-eng anliegt und Rundungen betont. Diesen Faible scheint er mit mehreren Leuten zu teilen, zum Beispiel mit meinem letzten Partner von vor nunmehr dreieinhalb Jahren, nur der war nicht ehrlich. Egal, das ist Geschichte. Sebastian scheint außerdem einen Faible zu haben für alles, was nass und matschig ist! Das könnte durchaus mal recht lustig werden. Einer kleinen Schlammschlacht bin ich jetzt nicht unbedingt abgeneigt, nur weiß ich noch nicht, ob das bei mir nicht eher frühkindliche Spieltriebe anspricht statt meine sexuellen Fantasien – und falls doch letztes, ob es dann am Ende nicht etwas zu sandig werden könnte. Schaun wir mal – es muss ja am Anfang nicht gleich speziell werden.

Und sonst? Erotische Fotos waren da, jede Menge. Keine selbst geschossenen, aber die vorhandene Auswahl zeugte schon von einem guten Auge und einem seriösen Anspruch. Nein, ernsthaft, die haben mir sehr gut gefallen, auch wenn da ausschließlich Frauen zu sehen waren. Oder Teile selbiger. Behinderungen waren übrigens kein Thema. Und so könnte ich mir inzwischen sogar vorstellen, an einem lauen Sommerabend an einem einsamen Sandstrand erotische Fotografie mal selbst auszuprobieren. Wenn ich bis dahin etwas Säunenbräune tanken durfte.

Was am Ende übrig blieb war meine Verwunderung über seine Ängste und seine Erfahrung, seine spezielle Sammlung würde auf Frauen generell abschreckend wirken. Ich fand sie jetzt eher spannend. Und ich bin, bei allen Ängsten und Befürchtungen, froh, dass wir das zusammen gemacht haben.

Sebastian

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Alle waren sie da. Alle Meinungen. So ist das, wenn man viele Menschen fragt. Da bekommt man viele Antworten. Von „steig noch heute mit ihm in die Kiste“ über „abwarten und Tee trinken“ bis „halte dich von ihm fern, er wird dich töten“ war alles dabei. Am Ende stellt sich heraus: Meine Entscheidung wird mir niemand abnehmen. Ich muss selbst Verantwortung übernehmen für das, was ich tue und lasse. Aber das wusste ich auch vorher schon und die Erwartung, jemand könnte mir meine Entscheidungen abnehmen, habe ich nie gehabt. Allerdings sehen viele Augen mehr als meine zwei vielleicht geblendeten – und bringen damit vielleicht etwas mehr Licht in die Dunkelheit.

Sehr spannend finde ich, welche Eigenschaften sich aus ein paar Absätzen herauslesen lassen. Und sehr spannend fand ich auch ein Gespräch mit Maries Mutter zu dem Thema. Sie hat sehr viel Gewicht in zwei Sätze gelegt: „Wenn wir dabei Freunde bleiben können, kannst du das bei mir auch haben.“ Und: „Es liegt jetzt an dir, ob du ab sofort nichts mehr mit mir zu tun haben willst.“

Sie findet das sehr dominant, nahezu manipulativ. „Er setzt dir einen, wie er selbst sagt, unmoralischen Wunsch vor, diktiert dabei gleich die künftigen Beziehungsverhältnisse – und falls du darauf nicht eingehen solltest, schiebt er dir gleich noch die Verantwortung dafür zu, wenn im Ergebnis die Freundschaft daran zerbricht. Und dann macht er das nicht in den Stunden, in denen ihr auf Augenhöhe zusammen am Tisch sitzt und esst, sondern quasi mit dem Fuß in der Tür, nämlich während er ohne Jacke im Schneegestöber friert, nachdem er dich sicher im Auto verstaut hat. Du musst dich also entscheiden, ob dein sofortiger Gesprächsbedarf wichtiger ist als seine Gesundheit. Und die einzige Nachfrage, die du wagst, nämlich die nach den Pornos, beantwortet er ausweichend.“ – „Du würdest mir also abraten?“, fragte ich.

Maries Mutter antwortete: „Nein, so pauschal nicht. Du musst dir aber im Klaren sein, worauf du dich da einlässt. Auf einen Typen, der nicht genug Arsch in der Hose hat, um dich gerade heraus zu fragen, ob du mit ihm vögeln willst, der dich als Abenteuer, vielleicht sogar als Spielzeug sieht, mit dem er Spaß haben kann, und der seine Verantwortung vermutlich auch künftig in erheblichen Teilen auf dich abwälzen wird. Das klingt erstmal negativ und nervig, und von einer Partnerschaft mit ihm würde ich dir in der Tat abraten – auch wenn ich glaube, dass Erfahrungen nützlicher sind als gute Ratschläge. Aber wenn du dich stark genug fühlst, um hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen für das, was er im Bett mit dir macht, dann kann das der beste Sex deines Lebens werden.“

„Du meinst…“ – „Genau. Das Spiel mit den gezinkten Karten ist nur so lange ungerecht, wie einer von dem Zink nichts weiß.“

Ich glaube, ich habe verstanden. Wie gesagt, sehr spannend. Ich kenne ihn übrigens seit mehreren Jahren. Nicht aus der Behinderten-Szene. Woher, das verrate ich vielleicht später mal. Womit klar ist, dass es weiter geht. Wie, das weiß ich noch nicht. Und wo schon nach einem Namen gefragt wurde: Sebastian.

Ein unmoralisches Angebot

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Ich weiß, dass einige Menschen meinen Blog lesen. Ich weiß auch, dass einige Freundinnen und Freunde mal häufiger, mal seltener hier reinschauen. Oft höre ich: „Worüber du so alles schreibst! Und was die Leute so alles lesen! Und dass das beides offensichtlich so gut zusammenpasst! Das hätte ich nie gedacht.“ – Wie ich einst zum Bloggen gekommen bin, erzähle ich dann hin und wieder, manchmal aber inzwischen auch nicht mehr.

Die meisten Menschen, die ich persönlich kenne und die nebenbei auch meinen Blog kennen, kritisieren, dass ich zu ausführlich schreibe. Die Texte seien zu lang und meine Meinung sei ihnen zu facettenreich und zu kompliziert zu verstehen. Vielleicht liegt das an meiner Weiblichkeit. Frauen sind ja allgemein schwer zu verstehen, gerade von Männern.

Auf meine Weiblichkeit hat es gerade auch jemand abgesehen, den ich aus Hamburg kenne. Er kennt mich, er kennt meinen Blog, und hat aktuell von meiner beendeten Jörn-Beziehung erfahren. Aus meinem Blog. Und von dem, was ich mit Jörn vorhatte. Sein Statement, für das er mich unbedingt zu einem leckeren Kartoffel-Auflauf eingeladen hat und das er mir quasi erst nach dem Essen, nachdem er mir ins Auto geholfen hatte: „Wenn wir dabei Freunde bleiben können, kannst du das bei mir auch haben.“

Meinen fragenden Blick beantwortete er so: „Ganz einfach: Ich schätze unsere Freundschaft und möchte sie nicht gefährden. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir miteinander auch auf anderer Ebene großen Spaß haben könnten. Ungezwungen. Sieh es als unmoralisches Angebot. Es liegt jetzt an dir, ob du ab sofort nichts mehr mit mir zu tun haben willst, alles so bleibt wie es ist oder wir mal zusammen in die Sauna gehen. Vielleicht ja schon in der nächsten Woche. Ich bin nicht verliebt in dich und ich kann mir auch keine Beziehung mit dir vorstellen. Dafür sind wir zu verschieden und ich habe schon mehrmals schmerzhaft erfahren müssen, dass die von mir beanspruchten Freiheiten jeder ernsthaften Partnerschaft im Weg stehen.“

„Was für Freiheiten sind das?“, fragte ich, um einfach mal eine Frage zu stellen und ein wenig Zeit für ein bis zwei klare Gedanken zu dem doch recht überraschenden unmoralischen Angebot zu gewinnen. Während ich im Auto saß und er in der halb geöffneten Beifahrertür lehnte. Ohne Jacke im eisigen Wind; nachdem er meinen Rollstuhl auf dem Beifahrersitz sicher untergebracht hatte. Er antwortete: „Die Pornosammlung auf meinem PC zum Beispiel. Die mochte bisher noch keine Partnerin.“ – „Hm. Ich glaube, dass viele Männer Pornos auf ihrem PC haben. Davon mal abgesehen, dass ich mir mit dir auch keine Partnerschaft vorstellen kann, und zwar einfach aus dem Gefühl heraus, wüsste ich jetzt hierbei nicht, wo genau das Problem liegen soll. Sind das spezielle Pornos?“

Er antwortete: „Es sind keine verbotenen oder perversen Sachen. Also nichts mit Kindern oder Tieren oder sowas.“ – „Aber dennoch ungewöhnliche?“ – „Was ist schon gewöhnlich? Bei Pornos geht es darum, schnell zur Sache zu kommen und Druck abzubauen. Wenn ich unterhalten werden will, gucke ich einen Spielfilm. Also muss im Porno niemand am Ende heiraten, ich wäre ohnehin vorher fertig. Und bei meinen Partnerinnen war bisher oft das Problem, dass ich ihnen zu wenig romantisch war. Ich brauche keine 200 Teelichter um das Bett und keine fünf Duftkerzen daneben – die einen erzeugen unnötige Wärme, die anderen unnötigen Gestank. Außerdem muss man ständig aufpassen, dass die Bettdecke nicht Feuer fängt.“ – „Banause“, lachte ich. – „Gar nicht! Würde meine Freundin mich bitten, ihr eine herzförmige Trockenbauwand mit roter Hintergrundbeleuchtung und integriertem Flachbildfernseher ins Schlafzimmer zu bauen und die Decke als Sternenhimmel mit 75 Mini-Lämpchen abzuhängen, würde ich mich drei Tage lang mit nichts anderem beschäftigen und ihr ein perfekt verkabelt und verspachteltes Liebesnest bauen. Meinetwegen auch mit Wasserbett und Fußbodenheizung. Allerdings würde ich ihr auch zeigen wollen, dass die roten LEDs bei Bedarf auch lila oder türkis blinken können, und dann wäre wieder alles dahin.“

Ich musste grinsen und fragte weiter, wollte es noch einmal hören: „Und was willst du jetzt von mir?“ – „Wie gesagt: Ich mache dir ein unmoralisches Angebot. Für eine Beziehung bist du mir zu jung. Immerhin sind es zehn Jahre. Oder elf? Egal, deine Ansichten sind mir zu jugendlich. Aber ich finde dich sexy. Dich und deinen Körper.“ – „Meinen Körper? Sexy? Im Rollstuhl?“ – „Ja, wieso? Hast du Komplexe oder was?“ – „Ähm, nein, ich unterstelle sie nur oft unbewusst anderen Menschen.“ – „Ich merke das schon. Überleg es dir. Ruf mich an, wenn du zu Ende überlegt hast. Und fahr vorsichtig, es könnte glatt sein! Tschüss!“

Zack, war die Tür zu. Als er an seinem Hauseingang war, winkte er nochmal. Und jetzt sitzt er vor seinem PC und liest, was ich über ihn geschrieben habe.