Niedlich

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Wie niedlich!

Gestern bekam ich eine E-Mail, in der behauptet wurde, man habe mich beim Anschauen von Videos mit Erwachsenen-Inhalten, also P*rn*s, erwischt, indem man auf meinem PC einen Trojaner installiert habe. Dieser erzeuge und versende nun ganz lustige Split-Screen-Videos: Auf der oberen Hälfte des Bildes sei zu sehen, was ich mir da im Internet anschaue, auf der unteren Hälfte das Bild meiner Webcam. Und man habe mich und mein bestes Stück wirklich gut getroffen. Wenn ich nun verhindert wissen möchte, dass dieses Video an alle meine Kontakte gelangt, solle ich eintausend Dollar auf ein Bitcoin-Konto überweisen.

Soweit einleuchtend.

Leider schreibt der Mensch nicht, wieviel ich ihm überweisen muss, damit er mir auch mal dieses Video schickt. Ich würde so gerne mal mein bestes Stück sehen. Hoffentlich erschrecke ich mich nicht! Und ich habe schon immer gewusst, dass Monitore heimlich Videoaufzeichnungen machen können. Durch den Bildschirm sozusagen. Deswegen habe ich mir nämlich auch weder eine Webcam gekauft, geschweige denn eine angeschlossen.

Achso, dass ich hin und wieder masturbiere, habe ich schonmal erwähnt, oder? Ansonsten berichte ich nochmal kurz: Gestern abend vor dem Einschlafen zuletzt, vorgestern abend auch, davor allerdings vier Tage nicht. Deswegen war es vorgestern abend auch etwas heftiger. Ich erwähne das auch, falls die Split-Screen-Aufnahme von mir zu dunkel geworden ist. Das könnte ich mir vorstellen, nachdem unter meiner Bettdecke ja leider keine Lampe ist.

Um das jetzt nochmal etwas nüchterner zu betrachten: Mal angenommen, diese Mail würde inhaltlich stimmen und es würde ein Video geben, auf dem ich beim Masturbieren zu sehen bin, und das wäre in fremder Hand, dann würde mich das schon sehr beunruhigen. Nicht, weil ich daraus ein Geheimnis mache. Sondern weil ich keine Videos von mir im Umlauf haben möchte. Auch keine, auf denen ich nicht masturbiere. Aber ich würde dafür doch kein Geld durch die Gegend schicken und dabei naiv glauben, dass es damit erledigt wäre. Der wollte dann doch immer mehr und so etwas bekommt man doch nie mehr in den Griff!

Mal angenommen, diese Mail würde inhaltlich stimmen und ich wäre auf der Kontaktliste einer anderen Person, die damit erpresst wird, und ich würde so ein Video bekommen. Würde ich es mir ansehen? Vermutlich nicht. Vermutlich würde ich das gar nicht sehen wollen. Wäre es ein enger Freund, würde ich ihn vermutlich anrufen und ihm sagen, dass sowas im Umlauf ist. Bei allen anderen würde ich es vermutlich kommentarlos löschen und es von mir aus nicht erwähnen.

Einen Vorteil hätte so eine Trojaner-Welle allerdings: Aus dem Tabu würde quasi über Nacht eine total langweilige Sache werden. Weil morgen dann jeder wüsste, dass fast alle masturbieren, offiziell zwischen 80 und 90 Prozent, die Dunkelziffer dürfte aber bei etwa 120% liegen. Und dass die Mehrzahl der Männer und die Mehrzahl der Frauen sich erotische Bilder oder Filme anschauen. Ohne diesen Trojaner glauben doch bestimmt 120% der Menschen, die P*rn*-Industrie verdiene ihr Geld mit Brötchen backen. Oder?

Heini, Bärbel, Aschenbrödel

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Bei kaltem Wetter wird mehr gekuschelt. Deswegen werden ja auch in den Monaten Juli, August und September in Deutschland die meisten Kinder geboren. Einen kleinen Kick gibt es nochmal mit den ersten Frühlingsgefühlen, aber ansonsten ist die stimmungsvolle Zeit vor Weihnachten und kurz danach diejenige, in der die meisten Kinder gezeugt werden. Das bedeutet auch: Jemanden, der aus eher peinlichen Gründen die Notaufnahme aufsucht, wird man am ehesten in dieser Zeit dort antreffen.

Nun arbeite ich derzeit nicht in der Notaufnahme und bin damit schon gar nicht für gynäkologische oder urologische Notfälle zuständig. Worum ich, ehrlich gesagt, auch nicht traurig bin. Allerdings gibt es weniger spektakuläre Notfälle oder auch Entscheidungen, die durch die aktuelle Auslastung der Notaufnahme begründet sind. Oder auch Menschen, die sich selbst nicht als Notfall einschätzen und eher in eine fachspezifische Ambulanz gehen.

Eine Kinder-Ambulanz haben wir nicht, Kinder werden bei uns nur mit Einweisungsschein oder als Notfall aufgenommen. Alle anderen müssten wir eigentlich wieder wegschicken. Es sei denn, dass es unzumutbar ist, zum Notdienst zu laufen oder bis zum nächsten Werktag zu warten.

Mein Wochenend-Nachtdienst hat gerade begonnen, ich kümmere mich gerade um ein Mädchen, das sich bei bestehender Mukoviszidose noch einen fiebrigen Atemwegsinfekt eingefangen hat und vom ärztlichen Notdienst eingewiesen worden ist. Ich bin gerade mit der Aufnahme fertig, als mein Melder losgeht. Ich rufe zurück, flitze zum Aufzug, stehe drin, die Tür schließt sich, als in letzter Sekunde eine ältere Dame ihren Stock dazwischen hält. Die Tür geht wieder auf. „Heini, kommst du?“ – Heini ist noch nicht in Sichtweite. Die Dame grinst mich an. „Heini hat sich mal wieder festgequatscht.“ – „Können Sie bitte den nächsten Aufzug nehmen? Ich muss dringend zu einem Notfall.“ – „Wie bitte?“ – „Rein oder raus. Aber nicht den Aufzug blockieren, bitte.“ – „Heini kommt gleich.“ – „Ich muss zu einem Notfall. Geben Sie bitte die Tür frei.“ – „Ach, das hab ich nicht verstanden. Heini, komm schnell! Die Schwester muss zum Notfall. Heini!“

Heini kommt angetrottet. Dreht sich nochmal um. „Jetzt mal ein bißchen zackig!“, sage ich und klatsche in die Hände. Heini guckt mich mit bösem Blick an: „Würden Sie nicht im Rollstuhl sitzen, hätte ich Ihnen das aber jetzt übel genommen. Wieso scheuchen Sie mich so?“ – „Ich muss dringend zu einem Notfall und Sie blockieren den Aufzug.“ – „Na na, der Aufzug ist aber für alle da! Aber warum haben Sie das denn nicht gesagt?“ – „Hab ich, vier Mal.“ – „Bärbel, sie sagt, sie muss zum Notfall.“ – „Wird schon nicht so schlimm sein.“ – What? Die Aufzugstür öffnet sich. Bärbel steht im Weg. Bevor sich die Tür wieder schließt und ich noch eine Ehrenrunde durch das ganze Haus drehe, schiebe ich Bärbel sanft zur Seite und motze: „Aus dem Weg jetzt mal! Sie sind jawohl nicht ganz dicht.“

Nun war der Notfall kein lebensbedrohlicher, aber trotzdem: Das hat mich insgesamt locker zwei Minuten Zeit gekostet. Und solche Arroganz konnte ich noch nie leiden. Im Behandlungsraum war ein junges Paar. Sie ist vermutlich gerade volljährig oder knapp davor, er laut Gesundheitskarte gerade Sweet Sixteen. Er weinte, hatte Schmerzen, stand relativ unentspannt im Raum, sie umsorgte ihn wie eine Mama. Und eindeutig sie war es auch, die den Hut auf hatte. Ich fragte ihn, was sein Problem sei. Ihm war alles nur noch peinlich und er weinte nur. Es war kein Ton aus ihm herauszubekommen. Seine Freundin: „Wir waren im Bett und seine Vorhaut ist zu lang und zu eng, wie wir jetzt wissen.“

Da sollte man jetzt nicht zu lange warten, zumal sie ja nun auch, trotz Anfahrt mit dem Taxi, etwas länger unterwegs waren. Ich war schon auf weniger schöne Bilder gefasst, aber es sah erstmal halb so wild aus. Ich will das jetzt auch nicht unnötig ausschmücken, nur die Tatsache, dass sein bestes Stück sonst immer völlig bedeckt ist, macht bestimmte Stellen natürlich extrem empfindlich, wenn es dann mal gerade nicht so ist. Bevor ich einen Facharzt anpiepen musste, war alles schon wieder in Ordnung. Mit viel Gel und zwei, drei Handgriffen war das akute Problem erstmal behoben. Und augenblicklich ging es ihm auch wieder besser. „Hast du mich noch lieb?“, fragte er als erstes seine Freundin. Oh jee!

Direkt danach ein sechsjähriger Junge mit aufgeschlagenem Kinn. Gestolpert und auf eine Eckbank gefallen. Blutet heftig. Die Zähne sind aber noch alle drin. Mit fusselnden Papiertaschentüchern in der Wunde herumzudrücken war vielleicht nicht die schlaueste Idee, aber wir haben es wieder hinbekommen. Und der junge Mann war ganz tapfer.

Um halb zwei, ich will mich gerade für einen Moment hinlegen, kommt der nächste „Notfall“ aus der Kategorie, die man sonst nicht alle Tage hat und dafür heute doppelt. Obwohl – das Paar war ja vor Mitternacht dran. Das zählt also nicht zum selben Tag. Ein weiblicher Teenie, Aschenbrödel nenne ich sie mal für meinen Blog, vierzehn Jahre alt, unten eine Schlafanzughose und eine Jogginghose, oben ein Schlafanzug-Oberteil und eine Daunenjacke. Und eine Plüschmütze. Ist aus dem Fenster geklettert. Mama und Papa schlafen zu Hause. Sie sollen nichts erfahren. Die Krankenkassenkarte hat sie in ihrer Geldbörse.

Auf meine letzte Anmerkung, dass ich gerne Kommentare lese, habe ich neben vielen Gratulationen und tollen technischen Anregungen für meinen Blog auch den Hinweis bekommen, dass ich es manchmal zu wenig konkret für kommentierfreudige Menschen mache. Auch wenn ich mein Tagebuch in erster Linie für mich schreibe …

… stelle ich heute mal folgende Prüfungsfragen: 1. Dürfen Sie das Kind behandeln, ohne dass die Eltern dabei sind und ohne dass Ihnen ein schriftliches Einverständnis vorliegt? 2. Dürfen oder müssen Sie die Eltern informieren, oder verstoßen Sie damit gegen Ihre Schweigepflicht? 3. Dürfen Sie das Kind (nach der Behandlung oder davor, falls Sie diese ablehnen) durch die dunkle Nacht alleine wieder nach Hause gehen lassen oder müssen Sie die Eltern verständigen? Viel Spaß!

Der Grund für ihren Besuch war eine verschwundene Haselnuss, vermutlich vom „bunten Teller“. Nicht der Stubenhase hat sie gefressen, sondern eher der Stubentiger. Ich schmücke auch das nicht weiter aus, und es war auch hier am Ende ziemlich harmlos. Hätte sie sich in die warme Badewanne gelegt (okay, das ist um halb zwei in der Nacht vielleicht mit etwas Radau verbunden), und sich mal völlig entspannt, wäre das Ding wohl ganz von selbst wieder rausgekommen. Zum Glück war es nur eine Haselnuss und keine drei, insofern stimmt der Name Aschenbrödel nicht ganz.

Ihr war das so unangenehm, dass sie mich beim Sprechen zuerst nicht ansehen wollte. Sie erzählte mir erst, sie habe sich aus Versehen draufgesetzt. Ich werde ja nicht gerne angelogen. „Du musst mir nicht sagen, wie es passiert ist“, sagte ich und streichelte ihren Arm. Sie murmelte: „Wahrscheinlich wissen Sie es sowieso.“ – „Genau. Ich vermute mal, du konntest nicht einschlafen. Du musst dir aber keinen Kopf machen, du bist nicht die Erste und auch nicht die Letzte, die mit so einem Problem hier auftaucht. Andere Leute probieren auch mal was aus.“

Nicht prüfungsrelevant: 4. Isst du gerne Haselnüsse und wieviele liegen noch auf deinem „bunten Teller“? 5. Würde dein Kind aus dem Fenster klettern und ins Krankenhaus laufen oder mit allen Problemen zu dir kommen?

Rapunzeln

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Unsere konzeptionelle Bewerbung für Helena haben wir Mitte dieses Monats offiziell eingereicht. Die formellen Voraussetzungen erfüllen wir, das örtliche Jugendamt hat keine Bedenken, Maries Eltern haben schriftlich zugesagt, uns bei Bedarf zu unterstützen, in der Schule und der anschließenden Tagesbetreuung gibt es keine nennenswerten Probleme, der Vormund ist „grundsätzlich einverstanden“, lässt sich aber von der fachlichen Einschätzung des derzeit betreuenden Jugendamtes leiten. Wir drei wollen nach wie vor unbedingt. Einige Menschen um uns herum sind vorsichtig optimistisch, dass das klappen wird, andere behaupten sogar, dass die das nicht mehr ablehnen können … wir sind gespannt und hoffen, dass die Entscheidung noch in diesem Jahr gefällt wird. Damit einige Dinge endlich mal einen Schritt weitergehen und für alle lieber heute als morgen Klarheit herrscht.

In ihrer Schule sind sie derzeit mit Sexualkunde-Unterricht beschäftigt. Helena kommt aus der Schule, hüpft zuerst bei Marie auf den Schoß und fragt: „Marie, darf ich dich mal was extrem Intimes fragen? Also was richtig ganz extrem Intimes?“ – „Na sicher. Darf ich mir nach der Frage aber noch überlegen, ob ich das beantworten möchte?“ – „Ähm … ja. Okay. Also. Wie soll ich das fragen? Ähm: Haben deine Eltern dir jemals das … ähm … Rapunzeln verboten?“ – „Das Rapunzeln? Ist es das, was ich denke?“ – „Ja. Genau das.“

Ich sitze im Nebenzimmer und spitze die Ohren. Was ist denn mit ihr los? Marie sagt: „Nein. Warum sollten sie das tun?“ – „Keine Ahnung.“ – Helena flitzt zu mir, springt bei mir auf den Schoß, hält sich an mir fest. „Jule?“ – „Meine Eltern haben mir das Rapunzeln auch nicht verboten. Aber ich muss dazu sagen, dass ich, solange ich zu Hause gewohnt habe, das auch nicht gemacht habe. Aber sie hätten es mir auch nicht verboten. Wer verbietet sowas?“ – „Ich weiß es nicht, ich glaube, die Eltern von der [Mitschülerin]. Sie hat ganz extrem nachgefragt, ob Eltern so etwas verbieten dürfen. Also ob so ein Verbot zählt.“ – „Ach du liebe Zeit. Aber du kennst die richtige Antwort dazu.“ – „Na klar. Mein Körper gehört mir und wer ihn anfassen will, braucht mein Okay.“ – „Das sowieso. Und was Rapunzel angeht: Es ist immer nur schwierig, wenn andere das mitbekommen. Weil man das von anderen Leuten nicht ungefragt und unvorbereitet sehen will.“ – „Nein. Aber die [Mitschülerin] tut mir leid.“ – „Das hat man früher sehr häufig gemacht, dass man das verboten hat. Man hat sogar den Kindern eingeredet, wenn sie das machen, würden sie krank werden. Das Rückenmark zerstört sich und sowas.“ – „Aber das stimmt nicht.“ – „Nein, und ich bin mindestens verwundert, wenn nicht sogar entsetzt, dass es sowas heute noch gibt.“

In dieser Woche war ich mal wieder besonders stolz auf sie. Was ich ihr nicht in der vollen Breite zeigen möchte, was ich hier aber unverhohlen zugebe. Über Sexualkunde und Rapunzel werden zum Glück keine Tests geschrieben. Aus Gründen. Aber es wurde im Test die Frage gestellt: „Wie entsteht eine Familie?“ – Kann man fragen, dann sollte man aber meiner Meinung nach aber nicht nur konservative Antworten zulassen. Helena hat aus meiner Sicht sehr klug geantwortet: „1. Durch den Wunsch, zusammen zu leben. 2. Durch die Geburt eines Kindes.“ – Leider war das der Lehrkraft keinen der fünf Punkte wert, den diese Frage vorsah. ‚Heiraten und Kinder kriegen‘ hätte vermutlich die volle Punktzahl ausgelöst. Oder noch mehr. Helena möchte der Lehrerin einen Brief schreiben. Ich weiß noch nicht, ob ich das gut finde. Ich möchte brechen.

Liebend getan

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Vielleicht hat der Eine oder die Andere gedacht, dass ich heute ein Gyrosbaguette essen würde. Und lag damit richtig. Allerdings nicht dort, wo sich die Crew, die mich vor zehn Jahren von der Straße gekratzt hat, am Tag meines Unfalls ihr Gyrosbaguette geholt hat. Denn den griechischen Imbiss gibt es nicht mehr. Und auch „meine“ Notärztin, die mich vor zehn Jahren im Heli begleitete und vermutet hatte, dass ich meine Verletzungen nicht überleben werde, gibt es leider nicht mehr. Sie ist, wie ich gestern erfuhr, im September letzten Jahres verstorben.

Warum, wieso, weshalb, weiß ich nicht. So alt, dass man damit rechnen müsste, war sie noch nicht. Sie hat mich in meinen gesundheitlich schwersten Minuten begleitet und korrekt behandelt. Ohne sie wäre ich vermutlich tot. Und trotzdem kannte ich sie nicht wirklich. Ich habe sie, einerseits aus einer Schüchternheit heraus, andererseits aus großem Interesse mal gefragt, warum sie Ärztin geworden ist. Sie hat geantwortet: „Aus Liebe.“ – Sie war eine „Institution“ für mich, keine Bekannte oder Freundin. Die Nachricht schockt mich, auch noch am heutigen „Tag danach“, extrem. Ich habe mit vielem gerechnet, dass sie mal versetzt werden könnte, inzwischen vielleicht gekündigt hat, woanders arbeitet – aber nicht mit ihrem Tod. Das berührt mich gerade sehr, und das nimmt mich emotional auch gerade sehr mit. Ich habe bereits einige Tränen vergossen. Es kam, zugegebenermaßen, höchst unerwartet.

Zehn Jahre ist der Unfall jetzt her. Zehn Jahre Querschnittlähmung. Sie sind vergangen wie im Flug. Ich hatte überwiegend eine schöne Zeit, wenngleich ich gerade in den letzten drei Jahren einige Erfahrungen gemacht habe, von denen ich noch nicht vollständig verstanden habe, wofür sie gut sein werden. Ich merke aber, dass mich diese Erfahrungen sehr viel gelassener, vorausschauender, kritischer und vor allem selbstbewusster gemacht haben. Und dass ich sehr viel über Menschen gelernt habe. Viele Eigenschaften, die mir bis dahin fremd waren, und die ich an mir sofort ändern würde, sind offenbar sehr verbreitet.

Ich bin früher eher still gewesen. Nicht schüchtern, aber ich mochte es nicht, wenn mich Menschen ansprachen. Wenn mich jemand nach dem Weg fragte, konnte ich darauf reagieren, die Uhrzeit bekam ich auch immer zusammen. Aber mit dummen Sprüchen bin ich früher eher selten konfrontiert worden. Das hat sich, seit ich im Rollstuhl fahre, enorm geändert. Eigentlich täglich sprechen mich in der Öffentlichkeit Menschen an. Gerade heute im Supermarkt wollte ebenfalls eine wildfremde Frau von mir wissen, ob ich eine Querschnittlähmung hätte. Zwischen dem Erdbeerregal und der Salatbar. Und sie erzählte mir, ohne dass ich es wissen wollte und während ich mein Gemüse zusammensuchte, dass sie mit einem sehr berühmten Ernährungsprogramm zwanzig Kilo abgenommen hat und dass sie es nicht mag, wenn Menschen mit ihren Handys laut im Supermarkt telefonieren.

Auch bin ich früher kein großes sportliches Licht gewesen. Heute habe ich eine gewisse Trainingsdisziplin, den Ehrgeiz, etwas schaffen zu wollen, und ich habe auch eine vergleichbar gute Kondition. Oft, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, und ja, es können auch mal 100 Stück oder sogar noch mehr in einer Trainingszeit sein, sind Menschen davon fasziniert. Und dann denke ich oft: Leute, wenn ihr zehn Jahre das Schwimmen ohne Beine trainiert, würdet ihr das mindestens genauso gut können. Andererseits ist diese Bewunderung, die diese Menschen dann äußern, auch eine gewisse Motivation für mich. Offenbar trauen sie es sich dann doch nicht zu, sich am Schopf zu packen und sich einfach verbessern zu wollen.

Ich hatte früher, und auch dieses Thema wird oft angesprochen, auch von wildfremden Menschen, die dann aber meistens keine Antwort von mir bekommen, keinen Sex. Vor meinem Unfall habe ich mich nicht einmal selbst befriedigt. Klar, Busen hatte ich schon, Regel auch schon lange, aber sexuelle Bedürfnisse? Die waren einfach nie so ausgeprägt, dass ich sie gezielt befriedigen wollte oder sogar musste. Nach meinem Unfall war ich sehr neugierig, was geht und was ich empfinde. Und vielleicht ist das sogar sehr gut gewesen, weil ich so etwas dazubekommen habe, anstatt dass mir etwas weggenommen wurde.

An anderer Stelle wurde mir sehr viel weggenommen. Meine früheren Freunde, meine Eltern. Aber auch hier habe ich etwas dazu gewonnen: Marie mit ihrer Familie, einzelne Menschen, die ich im Blog nicht (mehr) erwähne, und auf die ich mich verlassen kann.

Ich weiß nicht, wie ich den Kreis schließen soll. Ich könnte jetzt noch ganz viel schreiben, um am Ende dieses Beitrags noch einmal zu meiner Heli-Ärztin zu kommen. Ich habe ihre Traueranzeige im Internet gesucht und gefunden. Ihre Urne wurde weit weg von Hamburg begraben, vermutlich an ihrem Geburtsort. Ihre beiden Eltern haben die Anzeige aufgegeben. Sie trägt einen Trauerspruch von Horatius Bonar (schottischer Geistlicher aus dem 19. Jahrhundert): „Nimmer vergeht, was Du liebend getan.“