Abgriff

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Es ist fast genau vier Jahre her, da stand ich an einer Tankstelle, wollte mit meiner Kreditkarte bezahlen und wurde fast verhaftet. Warum? Meine Mutter, damals psychisch schwer erkrankt, heute vermutlich noch immer schwer erkrankt, hatte bei Nacht und Nebel meine sämtlichen Bankkarten sperren lassen. Sich bei meiner Bank als ihre Tochter ausgegeben und behauptet, die Handtasche verloren zu haben.

Murmeltiere grüßen ja bekanntlich täglich, von daher hinkt dieser Vergleich hier. Nach vier Jahren. Aber für ein Déjà-vu war das, was mir heute passiert ist, zu realistisch.

Ich stehe im Verkaufsraum einer Tankstelle, habe rund 60 Liter frischen Diesel gezapft, will mit meiner (erst drei Monate alten) Kreditkarte zahlen, gebe die Geheimzahl ein und: Karte abgelehnt. Häh?

„Versuchen Sie es nochmal“, bittet mich die Verkäuferin. „Vielleicht haben Sie nur die Geheimzahl falsch eingegeben.“

Dann würde ja nicht „Karte abgelehnt“ kommen, sondern „PIN falsch“ oder sowas. Denke ich. Ich versuche es ein zweites Mal, mit demselben Ergebnis. Hinter mir wird die Schlange länger. Der Typ hinter mir sagt laut: „Wird das nochmal was?“

Die Behinderte zahlt alternativ mit ihrer regulären Bankkarte. Wenigstens das kann sie. Zur Freude des vorlauten Typens dahinter. Also sind schon mal nicht alle Karten gesperrt. Als ich wieder zu Hause bin und gerade bei meiner Bank anrufen will, finde ich einen Brief im Kasten.

Na super. Ich rufe die Stelle an und erfahre, dass irgendjemand einen so genannten „Ping“ mit meinen Kreditkartendaten versucht hat. Also hat er angefragt, ob er einen Cent abbuchen kann. So erfahren diese Betrüger, ob Kreditkartendaten richtig und vor allem (noch) aktiv sind. Da die Anfrage außerhalb Europas losgeschickt wurde, hat man vermutet, dass da ein so genannter Datenabgriff stattgefunden hat und man in Kürze meine Kreditkarte mit Luftbuchungen belasten würde.

Die Dame auf der anderen Seite der Leitung wollte mit mir noch einmal die letzten Buchungen durchgehen, um sicher zu sein, dass nicht bereits jetzt jemand Mist damit gemacht hat. „Deutsche Bahn?“ – „Ja, passt.“ – „Aber gleich drei Mal?“ – „Ja.“ – „1,98 Euro für Musik?“ – „Kann sein.“ – „Für 66 Euro getankt?“ – „Ja.“ – „Für über 100 Euro im Hotel gewesen?“ – „Ja.“ – „Und etwas *räusper* Pikantes für 79,90 Euro gekauft?“ – „Was?“ – „Ich glaube, das ist ein … ähm … Online-Sexshop. Für knapp 80 Euro.“ – „Achso, ja, mein Vibrator.“

Stille in der Leitung. Wie gut, dass sie mein Grinsen nicht sehen konnte. War ihr das peinlich? Immerhin konnte sie doch mit dem Namen des Ladens gleich etwas anfangen. Ich habe mir vor kurzer Zeit einen neuen Delfin gekauft, dieses Mal einen, der vibriert. Böse Zungen behaupten ja, Querschnittgelähmte mit Vibrator sind wie Blinde mit Fernseher. Wenn jetzt jemand denkt, ich benutze den nur, weil er dabei so schön surrt, sei ihm gesagt, dass nicht jeder Blinde nur noch schwarze Nacht sieht – und nicht jeder Querschnitt nix mehr fühlt. Gerade die weiblichen Geschlechtsorgane sind nicht nur über das Rückenmark angeschlossen. Und nicht jedes traumatisierte Rückenmark ist bis auf den letzten Faden durchtrennt. Soll heißen: Man kann auch querschnittgelähmt Empfindungen haben. Was viele außerhalb meines Blogs nicht wissen, die mich das mitunter ja auch mal auf der Straße oder im Supermarkt fragen, ohne dass wir uns kennen.

Die Dame schluckte einmal und sagte dann fast heiser: „Mehr ist da nicht. Dann scheint das alles schön zu sein.“ – „Ja. Bis auf die Tatsache, dass man mir auch eine Mail oder eine SMS hätte schreiben können. Wie man es ja sonst auch für jeden Blödsinn tut.“ – „Wollen Sie keine Umsatzbenachrichtigungen mehr auf Ihr Handy bekommen?“, fragte sie. Doch, wollte ich. Aber vielleicht auch einen Hinweis, wenn sie meine Karten sperren. Das wäre doch immerhin sowas wie Service, oder?

Studium, Nachbar, Partner

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Es wird allerhöchste Zeit, dass mein Praktisches Jahr vorbei ist. Ich fühle mich, als machte ich im Moment außer arbeiten, lernen und schlafen nichts anderes mehr. Derzeit zeichnen sich Interesse und Arbeitsbereitschaft enorm aus. Und die Bereitschaft, die Scheißjobs ohne großes Aufsehen abzuarbeiten. Entsprechend habe ich acht bis vierzehn Stunden pro Tag oft ununterbrochen mit Menschen zu tun, die einfach nur anstrengend sind. Respektlos, laut, egoistisch, dumm. Und oft auch sexistisch. Mein gestriges Highlight war die Frage, ob man einen Sonografie-Schallkopf auch vaginal einführen könnte und ob das Spaß macht. Als ich direkt zum roten Faden zurückkehrte, griff der Mann um die 40 das Thema noch einmal auf und fragte direkt noch einmal nach, ob ich jemanden kennen würde, der sich das Ding schonmal eingeführt hat. Seine Frau sitzt daneben und lacht sich kaputt. Und nein, es war kein Stab-Sono, wie es der Frauenarzt benutzt und das aussieht wie eine elektrische Zahnbürste, sondern ein ganz normaler Konvexscanner, wie man ihn auch vom Babys-Gucken kennt. Den wird sich niemand freiwillig irgendwo einführen.

Zu meinem verstorbenen Nachbarn gibt es auch einige Neuigkeiten: Inzwischen haben sich Kinder dieses Mannes daran gemacht, die Wohnung aufzuräumen und den ganzen Müll in blauen Säcken aus dem Fenster zu werfen (und unten mit einem Pritschenwagen einer Autovermietung zur Mülldeponie zu bringen). Tatsächlich klingelten sie am Freitag hier und wollten sich mit einer großen Tafel Schokolade bei mir bedanken. Sie hätten gehört, dass ich mich um ihn gekümmert hätte. Leider hatten beide seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, da er diesen nicht wünschte. Wir haben uns eine Zeitlang unterhalten.

Danach hätten beide Kinder noch bis vor etwa vier Jahren regelmäßig Kontakt gehabt und ihren (geschiedenen) Vater etwa zwei bis drei Mal pro Jahr besucht. Sie hätten auch noch etwa einmal monatlich bis zum Schluss mit ihm telefoniert. Er sei immer klar gewesen und orientiert, konnte mitreden, auch zum Tagesgeschehen. In den letzten vier Jahren wollte er schlagartig keinen Besuch mehr und hat es immer wieder mit neuen Ausreden erklärt. Letztlich hätten sich die Kinder oft die Frage gestellt, was wichtiger ist: Der Kontakt und das Vertrauen – oder das Hinwegsetzen über die Wünsche (niemanden zu sehen), verbunden mit Klarheit (über die Situation), aber vermutlich auch mit einem Vertrauensverlust. Aufgesprochen auf den massiven Alkoholmissbrauch, sagten beide Kinder, dass der Vater bereits vor 30 Jahren alkoholkrank war und nie eine Therapie gemacht hat. Schon als beide zur Schule gingen, hat er jeden Abend bis zu 10 Dosen (0,5 Liter) Bier getrunken. Erst später kam auch noch Hochprozentiges dazu.

Das heißt im Klartext, dass er seit dreißig Jahren kaum mehr nüchtern war. Selbst wenn er normal gebaut war, normal gegessen, sich normal bewegt hat, tagsüber kein Alkohol getrunken hat: Bis 5 Liter Bier abgebaut sind, braucht es wohl rund 20 bis 24 Stunden. Wenn ich mir das vorstelle … nicht nur die Menge, die man anschließend pinkeln muss, sondern auch die Ausfälle, die das mitbringt! Ich habe einmal auf einer Party an einem Badesee an einem warmen Sommerabend über mehrere Stunden verteilt insgesamt drei große Flaschen kühles Bier getrunken. Dazu normal gegessen (es wurde gegrillt, gab dazu Brot und Salate und später noch Knabberzeugs). Okay, ich bin nicht so groß und wiege nicht so viel, ich bin eine Frau, das ist nicht vergleichbar. Dennoch: Die dritte Flasche war mir schon zu viel. Ich war nach zwei Flaschen schon so durch den Wind, dass mich plötzlich alle Jungs süß fanden. Und ich hatte gefühlt auch alle lieb. Am Ende war ich froh, dass wir dort gezeltet haben und ich nicht noch irgendwo hinrollen musste.

Ich bin froh, dass auch mein derzeitiger Partner kaum Alkohol trinkt, nicht raucht und auch keine Drogen nimmt. Wir hatten am letzten Wochenende endlich mal wieder viel Zeit für uns. Während mir meine wenigen früheren Beziehungen immer sehr viel bedeutet haben, sehe ich das inzwischen etwas lockerer. Damit ist nicht gemeint, dass wir eine offene Beziehung führen und jemand noch mit anderen Leuten ins Bett geht. Im Gegenteil: Wir gehen beide sehr wohl von Exklusivität aus. Ich halte mich daran auch, und ich vertraue ihm, dass er es auch tut. Mit „etwas lockerer“ meine ich die Hoffnung, den Glauben, vielleicht sogar den Anspruch daran, dass diese Beziehung für immer halten wird. Dass wir in zwei, drei, fünf, zehn Jahren noch zusammen sind. Wenn es so ist und wir damit glücklich sind, ist es schön (denn glücklich zu sein ist immer schön), wenn nicht, hat es dafür wohl nicht gepasst. Ich will insgesamt damit sagen, dass ich mir komplett abgewöhnt habe, eine Beziehung als „Institution“ anzusehen und diese „Institution“ zu bedienen. Stattdessen „bediene“ ich die Beziehung selbst. Gerade in der schwierigen Zeit der letzten zwei Jahre habe ich einige Gedanken dazu durchaus noch einmal etwas neu ausgerichtet. Und zwar durchaus tiefgründiger als es in einen Absatz passt. Vielleicht schreibe ich darüber demnächst noch einmal ausführlicher.

Für den Moment habe ich es erwähnt, weil er nicht nur total verknallt ist und mich noch immer anhimmelt, was ich wunderschön finde, sondern mich irgendwie auch „vergöttert“. Was auch sehr schön sein kann, was mir bei ihm manchmal aber eine Spur zu extrem wird. Zum Beispiel, wenn er die erwähnte „Exklusivität“ der Beziehung für ihn auch bedeutet, dass er sich außerhalb unseres Zusammenseins jede sexuelle Aktivität verbietet. Als freiwillige Entscheidung, an der ich mir kein Beispiel nehmen müsse. Er sagt, er brauche eine gewisse visuelle Stimulation, wenn er masturbiert. Oder auf Deutsch: Augen zu und träumen reicht nicht. Und da ich ihm keine entsprechenden Bilder oder Clips von mir zur Verfügung stellen möchte (nicht nur ihm, sondern niemandem, denn man weiß ja nie, wo die nach einer hässlichen Trennung oder nach einem Systemfehler noch überall auftauchen), findet er, dass er mich so betrügen würde (beim Anschauen anderer Frauen).

Und tatsächlich scheint er das auch durchzuziehen. Was aber zur Folge hat, dass er, wenn wir uns am Wochenende nach fünf bis sechs, manchmal auch zwölf bis dreizehn Tagen wiedersehen, dermaßen unter Druck steht, dass ich gerade nicht weiß, ob es ihm und uns vielleicht besser ginge, wenn er sich hier mehr Freiräume gönnen würde. Dass er, soweit es geht, gleich über mich herfällt, gefällt mir meistens sehr. Nur ist er dann nach spätestens drei Minuten fertig. Neulich kam er schon, als ich ihm die Jeans aufgemacht habe. Mengenmäßig nehme ich ihm die ein bis zwei Wochen Enthaltsamkeit sofort ab. Emotional auch. Wobei es sehr gemischte Emotionen sein können. Neulich fing er zu weinen an und wusste gar nicht, warum. Er meinte, er wollte eigentlich lachen, aber das ginge gerade nicht. Es ginge ihm aber gut.

Wenn ich komme, möchte ich anschließend am liebsten ganz eng kuscheln. Und vielleicht in fünf, zehn, fünfzehn Minuten nochmal wieder etwas heftiger werden. Er ist, wenn er gekommen ist, erstmal offline. Er könnte, wie ein sattes Baby im Arm, dann unvermittelt glücklich einschlafen. Das Problem ist: Mir bringt „Jeans öffnen“ vielleicht klebrige Finger, aber keine eigene Befriedigung. Das ist kein Vorwurf, im Gegenteil: Wenn ich merke, dass es bei ihm so schnell geht, mache ich alles, damit es sich der Moment für ihn trotzdem toll anfühlt. Und es ist auch völlig okay. Sex ist für mich kein Wettbewerb, bei dem es darum geht, wer der Beste ist. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie viel Angst ich um meine Attraktivität wegen meiner Querschnittlähmung hatte (und auch manchmal immernoch habe).

Meistens ist es dann am Samstagmorgen oder Sonntagmorgen richtig schön. Da passt dann alles. Außer dass ich abends oft mehr Hormone im Blut habe als morgens. Aber es klappt trotzdem. Gerne würde ich auch die „stürmische Begrüßung“ noch anders genießen können. Vielleicht sind meine Erwartungen diesbezüglich zu hoch. Ich werde es wohl herausfinden müssen.

Darum

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Ob wir eines Tages noch erfahren, warum sie nicht mehr schreibt?

Tja, wie soll ich es nun erklären? Ich habe im Knast gesessen. Sitzen weil … stehen kann ich ja bekanntlich nicht. Und immer nur liegen? Uncool. Dreiundzwanzig lange Monate kein Internet!

Man verhaftete mich wegen meines Blogs. Einige Beiträge waren einfach zu schlecht, stilistisch und inhaltlich flach.

Okay. Ganz so war es nicht. Ich durfte mir neulich im Rahmen meines Studiums eine Justizvollzugsanstalt von innen ansehen. Es gab in der dortigen „Röchel-Abteilung“, wie man den Trakt für die älteren und kranken Gefangenen nannte, sogar rollator- und rollstuhlgerechte Zellen. Ich kam allerdings noch am selben Tag wieder raus.

Meine mediale Enthaltsamkeit hatte zuweilen einen anderen Grund, der aber mindestens genauso verstört: Ich hatte einst politische Ansichten und für mich fragwürdige Einsätze öffentlicher Mittel durch einen in Deutschland ansässigen Konzern kritisch hinterfragt. Nicht öffentlich, sondern per Mail. Gezielt und direkt. Zunächst antwortete man mir gar nicht, auf nochmalige Nachfrage teilte mir die Kommunikations-Abteilung mit, dass man dazu nicht schriftlich Stellung nehmen wollte. Aus meiner Sicht war das Thema allerdings zu banal, um es öffentlich zu machen. Aber es hatte mich eben persönlich gestört.

Kurz darauf bekam ich per E-Mail ein Jobangebot von eben dieser Firma. Statt zu bloggen, solle ich doch künftig jenes Unternehmen in den sozialen Netzwerken sympathisch machen. Als authentische Figur, die sogar mit einer Behinderung fröhlich und sympathisch im Leben stehe.

Zunächst habe ich das für einen Witz gehalten, Sekunden später gelächelt, am Ende habe ich das Angebot natürlich mit zwei nüchternen Sätzen abgelehnt. Ohne Gründe zu nennen. Und auch eine weitere persönliche Einladung konnte mich nicht umstimmen. Die fand ich fast schon lächerlich. Und selbst wenn ich gerade einen Job gesucht hätte – ich möchte authentisch bleiben. Meine eigene Meinung vertreten. Und nicht etwa eine vorgegebene, die gerade bestmöglich in ein -vielleicht sogar verlogenes- Konzern-Image passt. Das wäre niemals mein Ding.

Ausgerechnet ein junges Küken, das aber bisher weder etwas im Leben geleistet hatte, noch im Geringsten ahnte, wie die Welt funktionierte, dabei scheinbar beiläufig Millionen Klicks und hunderte Abonnements einstrich, hatte vermutlich -ohne es zu wissen- den Finger in irgendeine tiefe Wunde gelegt. Eigentlich eignet sich mein Blog nicht für einen dramatischen Krimi, aber plötzlich war ich ungefragt mittendrin.

Es gab wohl eine große Angst, ich könnte meine Fragen in meinem Blog öffentlich machen. Oder dessen unglückliche Reaktion auf meine Frage. Hinzu kam anscheinend einiger Neid auf eine stinkende Socke, die mit ihrer Party in einem Monat mehr Aufmerksamkeit erzeugte als jener Konzern mit seiner Party. Dazu Missgunst und nicht zuletzt ein wenig Frust darüber, dass der -wie auch immer geartete- Plan mit dem lustigen Job nicht aufgegangen war.

Scheinbar ohne große Mühen fand der bislang Verantwortliche vier Freunde aus seinem engeren Netzwerk, alle um die 40 Jahre alt, die für und mit ihm das mit mir und meinem Blog offenbar verbundene Risiko neutralisieren wollten. Entweder sie redet mit uns – oder künftig mit keinem mehr. Bemühte ich meinen küchenpsychologischen Kaffeesatz, würde ich sie alle in die Profilneurotiker-Schublade packen. Mit den inzwischen über meinen Anwalt erlangten Erkenntnissen kann ich feststellen, dass es ihnen so richtig Spaß gemacht hat.

Die Fünf legten allerlei Fleiß an den Tag. Recherchierten über mich, was das Zeug hielt. Alle Recherchen endeten dabei aber stets bei jenen Menschen, die mir zuvor meine psychotische Mutter und einen kleinen Haufen in meine Querschnittlähmung verliebter Irrer aus meinem unmittelbaren Radius herausgefiltert hatten. Also bei Maries Eltern. Bei einer ambulanten Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung, die mich bis zu meiner Volljährigkeit begleitet hatte. Sogar bei meiner Psychologin. Und natürlich bei meinen Freundinnen und Freunden. Wie ich später aus einer Akte erfuhr, standen eines Abends sogar Männer auf dem Parkplatz meiner früheren (ambulanten!) Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung und suchten mich, glaubten, ich würde dort wohnen. Es gab verschiedenste Anfragen an alle möglichen Stellen, sogar an Behörden.

Kurzum: So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen nicht an mich persönlich heran. Ich meine: Wozu auch? Wo gibt es das, dass eine Privatperson oder ein Angestellter eines Unternehmens einen Anspruch durchsetzen könnte, mich persönlich zu treffen? Und was dann? Will man mich zum Reden und Diskutieren zwingen? Mich verprügeln? Oder was hatte man vor? Ich muss gestehen, ich hatte schon immer Angst vor solchen Menschen, Angst vor ihren Fantasien und vor ihrer Besessenheit.

Plan B: Meine Freunde wurden unter Druck gesetzt. Zwei Freunde ganz besonders. Die würden schon quatschen. Also wurde denen erstmal ernsthaft unterstellt, mit mir zusammen meinen Blog ausgeheckt zu haben, um sich gemeinsam mit mir zu bereichern. Es gab ja mal einen Bloggerverein, der sollte nun angeblich die Plattform für die systematische Veruntreuung von Spendengeldern sein. Über meinen Blog würden die Spender akquiriert. Die bisherigen Recherchen der fleißigen Fünf hätten angeblich genügend Anhaltspunkte ergeben, um zumindest einen Anfangsverdacht für einen solchen Spendenbetrug in den Raum stellen zu können. Außerdem sei mein Blog ja p*rn*grafisch.

Ich bekam eine Mail, ob ich unter diesen Umständen nicht doch noch einmal über alles persönlich sprechen wollte. Ein befreundeter Anwalt telefonierte daraufhin für mich. Nachdem ich jeden persönlichen Kontakt (selbstverständlich) weiterhin ablehnte, teilte man meinem Anwalt mündlich mit, man würde nun Anzeige erstatten. Über Einsichtnahme in die Verfahrensakte käme man früher oder später doch an meine Daten und an meine Adresse.

Tatsächlich interessierte sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft. Aber nicht etwa für mich, sondern erstmal für die privaten Kontounterlagen desjenigen, der in dem Bloggerverein die Finanzen abwickelte. Und gegen den legten zwei der fleißigen Fünf schriftlich auch noch ein paar andere „beiläufige Informationen“ nach, die man angeblich vom Hörensagen kannte: Mein Bekannter hätte auch im Job Gelder veruntreut, zudem Kinder angefasst und Drogen genommen! Wow. Alles war so formuliert, dass der Verfasser jederzeit sagen konnte: „Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber man munkelt.“

Der kam nun natürlich sofort auf mich zu und bat mich, als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Einerseits wollte ich ihn natürlich nicht hängen lassen, andererseits konnte ich aber nichts aussagen, was sich nicht auch anderweitig aus Dokumenten oder aus den Aussagen anderer Menschen herleiten ließe. Nur mit dem Unterschied, dass mit meiner Zeugenaussage auch meine persönlichen Daten in den Akten auftauchen würden. Es war eine absolut beschissene Situation, denn ich wusste nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen kann. Würden wirklich alle meine Freunde einem solchem Druck standhalten, oder würden mir irgendwann doch zwei bis fünf Typen gegenüber stehen, vor deren Fantasien man inzwischen sogar Todesangst haben musste? Die Vorstellung, dass die über meine Freunde doch an meine Adresse kämen, mir vielleicht dort auflauern, löste in mir Panik aus. Was hatten diese Menschen vor? Was lief da?

Ich habe mich mit Marie gestritten, weil ich ihr auch nicht vertrauen konnte. Ihr Vater ist Polizist – könnte er mich beschützen oder müsste er irgendwann irgendwas gegen mich unternehmen, was er nicht mehr kontrollieren kann? Wer könnte wissen, was die fleißigen Fünf so alles über mich in die Welt setzen? Ich habe mich mit anderen Freunden gestritten, weil ich ihnen nicht vertrauen konnte. Schließlich habe ich den Kontakt zu allen anderen Menschen völlig auf Eis gelegt. Und erstmal aufgehört, zu bloggen. Um zu vermeiden, dass es aktuelle Informationen über mich geben könnte. Vielleicht würde man mich sogar orten? Das alles ging so weit, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe, mein Studium unterbrochen hatte, aus meiner Wohnung ausgezogen bin, meine Immobilie verkauft, in Panik sogar Deutschland zeitweilig verlassen hatte. Dorthin, wo mich keiner kennt. Wo freundliche Menschen sind. Und wo es warm ist.

Um mit Marie zu telefonieren, habe mich mir ein Handy geliehen, bin im Dunkeln an einen abgelegenen großen See gefahren, wo man Personen, die mir zu nahe kämen, schon von weitem sehen konnte. Es kam natürlich niemand. Es vergingen Wochen, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. In denen ich nicht wusste, wo hinein ich geraten war, welche Sorgen berechtigt waren, und was Paranoia war. In denen ich kaum etwas essen konnte. Marie war die einzige, die immer wieder Kontakt zu mir suchte. Mein Herz wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Mein Kopf hatte aber keinen Plan, wie es weiter gehen könnte.

Die Wende nahm es, als ich eines abends mit ihr telefonierte und sie das Telefon an ihre Mutter weitergab. Maries Mutter weinte. Sie fragte mich immer wieder, was genau ich getan hätte. Wie sie mir helfen könnte. Und ob ich nicht selbst merken würde, dass ich mich genau so verhalte wie jemand, dem man Schreckliches angetan hätte. Im Studium hatte ich das alles mal gehört und gelesen. Wie sich viele Frauen verhalten, nachdem sie beispielweise vergewaltigt wurden. Aber zu reflektieren und zu erkennen, in welchen Denkmustern ich mich gefangen hatte, das bedurfte eben genau eines solchen Anstoßes von außen. „Auch wenn du nicht mein leibliches Kind bist, bist du für mich wie eine Tochter. Ich würde niemals etwas tun, was du nicht willst. Und ich würde dich niemals in eine Falle locken. Wenn ich der Meinung wäre, du solltest dich irgendwo melden, dann würde ich versuchen, dich davon zu überzeugen. Aber ich würde dich niemals ausliefern. Darauf hast du mein Ehrenwort.“

Meinen nächsten Termin hatte ich bei einem Rechtsanwalt. Eine völlig kuriose Situation. Ich bekam seine Handynummer von Maries Mutter. Maries Papa hatte sie besorgt. Ich gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erfuhr, dass der Mann schon deutlich über 60 Jahre alt war. Und dass er einige Menschen vertreten hatte, die jeder kennt. „Lassen Sie uns nicht so viel am Telefon reden, das mache ich nach einigen schlechten Erfahrungen grundsätzlich nicht“, sagte er mir. Wir verabredeten ein Treffen vor einem Gerichtsgebäude. Er würde sich zu mir ins Auto setzen. Seine Kanzlei sei nicht barrierefrei. War das wirklich keine Falle?

Er verspätete sich um fast 90 Minuten. Hörte mir dann aber fast eine Stunde zu. Stellte Fragen. Ging zwei Mal los, um uns einen Becher Kaffee zu besorgen. Kam tatsächlich alleine und mit Kaffee wieder. Regen trommelte auf die Scheiben. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Er brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was hier lief. Und etliche Anläufe: „Was ich aber noch immer nicht begriffen habe…“ – Am Ende sagte er: „Darüber muss ich erstmal schlafen. Und nachdenken.“ – „Das heißt aber, Sie wollen mir helfen?“ – „Ja. Die Sache hat mein Interesse geweckt. Und bevor Sie fragen, was es kostet: Sie werden es sich leisten können. Es wird nicht billig, aber Sie wollen ja auch einen guten Job von mir.“

Erstmals nach Wochen telefonierte ich mit jenem Freund, dem man diesen Unsinn mit den Drogen unterstellt hatte. Er freute sich, von mir zu hören. Er hatte zwar bereits einen Anwalt, der ihn gut verteidigte, ich konnte ihn aber überzeugen, zusätzlich auch noch einen Kollegen, der in derselben Kanzlei meines Anwalts arbeitete, in Anspruch zu nehmen. Auf meine Kosten.

Neun Monate später stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass ein Betrug anhand der ganzen eingeholten Unterlagen und Auskünfte nicht beweisbar sei. Die Geschäfte des Bloggervereins waren also korrekt geführt worden. Die Ermittlungen gegen den Freund wurden abgeschlossen. Nachdem es bei dem Projekt ja in erster Linie um ideelle Zwecke ging, wurden über die Jahre zusammengerechnet keine 300 € bewegt. Vielmehr hatte der Finanzbeauftragte früher schon aus seinem privatem Vermögen Geld hinzugesteuert, um anfallende Gebühren zahlen zu können. Und ich hatte in meinem Blog niemals jemanden um Geld für mich gebeten. Am Ende stellte auch das Finanzamt nach eigener gründlicher Prüfung schriftlich fest, dass alles in Ordnung war.

Plan B hatte also auch nicht funktioniert. Nicht zuletzt, weil sich Behörden ungern instrumentalisieren lassen. Außer Spesen nichts gewesen. Heute arbeiten drei der fleißigen Fünf allerdings mehr oder weniger unfreiwillig woanders. Die anderen beiden haben andere Entfaltungsmöglichkeiten gefunden.

Mich erinnert die Sache ein wenig an eine Geschichte um Helene Fischer. Nach verschiedenen Medienberichten wollte ein österreichischer „Fan“ mit Behinderung ihr ein Geschenk persönlich überreichen, wozu es aber nicht gekommen ist. Er hatte sich ortsgünstig positioniert und behauptete später, sie habe ihn im Vorbeigehen ausgelacht und beschimpft. Sie bestritt das. Er setzte ebenfalls alle Hebel in Bewegung, um sie vor Gericht zu bekommen und dort zu treffen. Am Ende ohne Erfolg.

Ich glaube nicht, dass alle fleißigen Fünf künftig ihre Füße still halten werden. Sie werden andere Wege finden, um mir zumindest das Leben schwer zu machen. Die teilweise Anonymität des Internets macht eben doch einiges möglich. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse schon bald über mich berichtet werden und wer künftig belästigt wird. Ich glaube, meine Grenzen werden niemals akzeptiert werden. Auch wenn ich noch so oft sage, dass ich über meine Erlebnisse, Gedanken, Meinungen und Ansichten schreibe, ohne dabei als Person in der Öffentlichkeit stehen zu wollen. Und ohne von zweifelhaften Personen verfolgt werden zu wollen. Ich möchte nicht den Atem desjenigen spüren, der aus meinem Blog fast alles über mich weiß.

Wenn jemand tolle Fotos macht, kann man heute nicht mehr die Fotos genießen, ohne den Fotografen dazu zu kennen. Man braucht die Story über das Genie hinter dem Okular, die Orte seiner Lieblingsmotive und am besten noch ein paar Geheimtipps für schönes Knipsen. So zerstört man die Einzigartigkeit, die Kunst, die Seele. Leider begreifen das zu viele nicht.

Inzwischen habe ich mich mit Marie wieder vertragen. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Aber wir haben uns gerade gestern gesehen. Und vorgestern. Und zusammen in einem Bett geschlafen. Rücken an Rücken. Wir sind, wie Jugendliche es formulieren würden, nach wie vor allerbeste Freunde.

Ich studiere noch. Um genau zu sein: Ich habe zwar meine Dissertation sausen lassen, dafür aber trotz der mehrwöchigen Auszeit (überwiegend in den Semesterferien) nichts wirklich verpasst, alle Scheine bekommen, und habe inzwischen auch das 2. Examen durch. Aktuell bin ich im Praktischen Jahr, bin nach einem Drittel Pädiatrie in Kürze in der Chirurgie, bevor es am Ende nochmal kurz in die Innere Medizin geht. Wenn alles gut geht, bin ich im nächsten Sommer so weit fertig, so dass ich mich um meine Facharztausbildung kümmern kann. Wie anhand meiner Wahl für das erste Drittel meines Praktischen Jahres schon zu vermuten ist, wird es später in Richtung Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen.

Auch Marie studiert noch, derzeit allerdings an einem anderen Ort als ich. Ich wohne aktuell gar nicht mehr in Hamburg und weiß nicht, ob es mich später einmal in meine Lieblingsstadt zurück ziehen wird. Derzeit bewohne ich eine kleine Mietwohnung in einem 30-Parteien-Haus in der Nähe meines aktuellen Studienortes. Und ich habe tatsächlich eine weitere kleine Wohnung gefunden, ebenfalls zur Miete, als Rückzugsraum in unmittelbarer Nähe zu meiner geliebten Ostsee und rund eine Autostunde von meinem geliebten Hamburg entfernt. Ein Schnäppchen, einst als „gemütliches Nest“ inseriert, mit separatem, ebenerdigen Eingang, keine 200 € kalt im Monat von privat.

Im August letzten Jahres habe ich einen neuen Kerl kennengelernt, im September mit ihm und Marie erstmals einen Nachmittag zusammen verbracht, ihn danach auch hin und wieder alleine getroffen. Eigentlich war uns beiden schon von Anfang an klar, was wir voneinander wollten, es hat aber noch bis Mitte März dieses Jahres gedauert, bis wir zum ersten Mal miteinander im Bett waren. Es ist, wie überall, nicht alles optimal, aber es ist sehr schön. Sehr körperlich. Sehr lieb. Oft sehr verspielt. Manchmal sehr versaut. Und vor allem sehr intensiv. Ich genieße, ohne dabei an Morgen zu denken. Was bekanntlich gefährlich sein kann, aber vielleicht nicht immer gefährlich werden muss.

Das neunte Gyrosbaguette hat geschmeckt. Nicht außergewöhnlich. Aber normal. Und zu meinem 25. Geburtstag haben mir tatsächlich mehr als 25 Menschen gratuliert. Einige von ihnen haben erst heute erfahren, warum ich in den letzten zwei Jahren nichts mehr schrieb.

Ich sehe dich

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Endlich, nach langer Zeit, bin ich heute mal wieder dazu gekommen, in Ruhe zu trainieren und bin fast vier Kilometer geschwommen. Hatte mit der Ausdauerleistung keine Probleme, habe auf meine Technik achten können, habe von Philipp regelmäßig Feedback bekommen und war herrlich ausgepowert am Ende. Draußen regnete es, der Vollmond stand am Himmel, es war ungewöhnlich warm – beste Gelegenheit, um dem Außen-Whirlpool noch einen Besuch abzustatten. „Dein Rollstuhl bleibt drinnen, ich trage dich raus“, meinte er. „Sonst wird der nass.“

Zack, nahm er mich auf den Arm. Jetzt nur nicht hinfallen auf den nassen Fliesen. Die schwere Glastür nach draußen war das größte Hindernis. Er konnte sich natürlich nicht nehmen lassen, anzudeuten, dass er mich in den Whirlpool werfen würde. Tat er natürlich nicht, aber für einen Moment habe ich mich tatsächlich erschrocken. Obwohl ich diese Spielchen eigentlich kenne. Zum Glück neige ich nicht dazu, laut zu kreischen. Wir waren alleine, auch in dem regulären Außenschwimmbecken war niemand mehr. Es war schon sehr spät und die wenigen Besucher, die um diese Zeit noch in der Anlage waren, saunten offenbar. Auf Sauna hätte ich ja auch mal wieder Lust gehabt, aber dafür hatten wir keine Karte gelöst. Und zu spät war es auch.

Der Pool war angenehm warm. Der Regen war nicht stark genug, um die Dampfschwaden niederzuschlagen. So konnte man nicht sofort alles sehen, das fand ich gut. Geblubbert wurde allerdings gerade nicht, ich hoffte, dass das lediglich an dem Zyklus lag und nicht an einer generellen Abschaltung. Philipp ließ mich gar nicht erst los, sondern fiel gleich knutschend über mich her. Ich umklammerte ihn. „Fliegen wir raus, wenn du deinen Badeanzug ausziehst?“, fragte er. Ob das ernst gemeint war oder ob er mich damit nur verrückt machen wollte, wusste ich nicht. Ich wusste aber die Antwort: Ich zog meine Träger über die Schultern und den Stoff bis unter die Brust hinunter.

Philipp drückte mich eng an sich heran. Würde er mir jetzt das Ding komplett ausziehen, ich glaube, ich hätte es zugelassen. Als Ausrede hätte ich dann dem Bademeister gesagt, dass ich gedacht hätte, es wäre heute textilfreies Baden (was sonst an einem anderen Wochentag abends ist). Aber ziemlich bald begann das Geblubber wieder. Ich mag gar nicht schreiben, wie das geendet ist. Ausgezogen hat er mich nicht, aber das war auch nicht unbedingt nötig. Meine Sorge, dass er mich hinterher nicht mehr aus dem Becken tragen könnte, bestätigte sich nicht.

Als wir an dem Glashaus vorbei kamen, in dem die Bademeisterin, geschätzt 20 Jahre alt, saß, fiel mein Blick beiläufig auf dort angebrachte Kontrollmonitore. Einer davon hatte den Whirlpool in Großaufnahme. Mir wurde für zwei Sekunden richtig schwindelig. Ich guckte sie an, sie grinste verschmitzt, kam aus ihrer Kabine. „Soll ich dir die Tür aufhalten?“, fragte sie und hielt mir eine Durchgangstür zu den Umkleiden auf. Jede Wette, sie hatte alles genau beobachtet. Sollte ich irgendwas sagen? Ich guckte ihr erneut ins Gesicht. Sie guckte mir in die Augen und grinste erneut. Nein, besser nichts sagen. Mein Gesicht war vermutlich dunkelrot. Und Philipp? Der merkte nichts. Männer.