Noch ne Seefahrt 3

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Heute ist bereits der letzte Tag unseres Ausflugs im Mittelmeer. Sollte mich Hamburg irgendwann mal so derbe anöden, dass ich nur noch weg möchte, kaufe ich mir eine Insel im Mittelmeer und mache den ganzen Tag nichts anderes als das schöne Wetter zu genießen. Vielleicht kommt der schöne Sommer ja noch nach Norddeutschland. Ich würde es mir wünschen und bin bislang noch wirklich unzufrieden. Etwas weiter südlich gab es ja bereits schon einige schöne Tage und auch einige sehr warme Nächte, aber auch Hamburg würde Sonne mal sehr gut stehen! Falls also eine verantwortliche Stelle mitliest: Meinen Wunsch habe ich hiermit geäußert!

Inzwischen reicht es aber auch mit der Party. Und dem eher abgedrehten Leben. Heute morgen mussten wir rund zwanzig Kilometer mit der Yacht in den nächsten Hafen waren, weil uns das Crush-Eis ausgegangen war. Eine Tankstelle hatte noch welches…

Ich kann derzeit übrigens nicht behaupten, dass ich mich untervö… sportlich unterfordert fühle. Der Kitzel, nachts auf einer Art Sonnenterrasse erwischt zu werden, ist zwar recht groß und entsprechend faszinierend. Aber das Gefühl, wenn mein Puls in die Höhe schießt, weil es dann tatsächlich passiert und plötzlich jemand mitten in der Nacht schwimmen, ein paar Stückchen der total leckeren Ananas essen oder einfach nur seinen letzten Cocktail wegbringen möchte und unangekündigt um die Ecke biegt, macht auf mich allergrößten Eindruck. Mein Kopf weiß natürlich, dass wir uns gerade auf einer Veranstaltung befinden, auf der alle jederzeit mit solchen Dingen rechnen müssen. Mein Herz weiß in dem Moment aber von nichts und lässt meinen Puls in atemberaubende Höhen schnellen.

Ich werde aber dennoch nicht zur leichtsinnigen Egoistin und werde zu Hause weiterhin auf die Gefühle meiner Mitmenschen achten. Soll heißen: Ernsthaft versuchen, auch im Alltag zu Hause nicht erwischt zu werden, werde ich nicht. Auch werde ich mich freuen, wenn demnächst mein Studium weitergeht und ich wieder arbeiten kann. Bei aller Faszination, die so ein Wochenende voller Massagen, leckerem Essen, Ruhe und unentwegtem zärtlichen Geschaukel haben kann: Auf Dauer wäre es mir zu langweilig.

Absolut fasziniert war Philipp übrigens von dem Gefühl, das entsteht, wenn man in einem warmen Bett in einem warmen Raum neben einer Stinkesocke liegt, die gerade eine halbe Stunde lang im kühlen Wasser schwimmen war. Die letzten Wassertropfen noch auf der kalten Haut, kann diese Kälte in der warmen Umgebung wohl sehr erotisieren. Bevor ich aber auch das zu umfangreich beschreibe, möchte ich lieber jene Worte von Marie erwähnen, die mich am Ende doch sehr nachdenklich gemacht haben: „Ich würde mich freuen, wenn ihr mich nächstes Jahr wieder dabei haben wollt.“ – Leider ist es schon gedanklich nicht einfach, sich als Single mit einem Paar ein Schlafzimmer zu teilen. Und ich fürchte, sie hat sich doch zu sehr als drittes Rad der Schubkarre gesehen. Ich muss aber dennoch ganz deutlich sagen: Ohne sie würde ich gar nicht mitfahren wollen. Denn dass ich mit jemandem eine Partnerschaft habe, bedeutet ja nicht, dass mir dabei meine Freunde egal sind. Was mir dabei nur immer wichtig ist, den Mittelweg zu finden: Zwischen dem nötigen Respekt vor den Freunden und dem Verlangen nach dem Partner. Ich glaube, dass wir das alle zusammen sehr gut hinbekommen haben.

Noch ne Seefahrt 2

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Wahnsinn! Es sind 27 Grad im Schatten, der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau, kaum ein Lüftchen weht und das Wasser soll immerhin schon erfrischende 21 Grad haben. „Es sind erstaunlich wenige Leute aus dem letzten Jahr dabei“, dachte ich mir, bevor Philipp darauf bestand, mich an Bord zu tragen. Meinen Rollstuhl brachte Shane höchstpersönlich hinterher. Ich war mir einen Moment lang nicht sicher, ob es sich um dasselbe Boot (um nicht zu sagen: dieselbe Yacht) handelte wie im letzten Jahr, aber ich hatte es wohl zunächst lediglich anders in Erinnerung. Wir bekamen dasselbe Zimmer, das Bett war frisch bezogen, lediglich ein neues großes Panoramafoto einer Mittelmeer-Insel bei Nacht hing über unserem Bett. Marie hatte seit der Landung unangenehmen Druck auf den Ohren und bekam den trotz der üblichen Manöver zum Druckausgleich nicht in den Griff. Aber das sollte sich bald geben und dann stand einem zugleich entspannten wie aufregenden Pfingstwochenende nichts mehr im Wege.

Der Kapitän war derselbe wie im letzten Jahr. Er sprach nur englisch und war sehr zurückhaltend, hatte aber, wie ich fand, einen tollen Job. Um das Ungetüm lenken zu dürfen, brauchte man zweifelsohne einen vernünftigen Führerschein. Und eine Köchin war an Bord, jedoch kannten wir ihr Gesicht noch nicht. Ich hätte mir durchaus zugetraut, mich (oder auch die komplette Gruppe) ein Wochenende lang selbst zu verpflegen, zumal man bei der Wärme draußen sowieso eher wenig isst, aber ich lasse mich natürlich auch in dieser Hinsicht gerne verwöhnen.

Insgesamt war die Veranstaltung mindestens genauso abgehoben wie im letzten Jahr. Absolut ungeeignet für Menschen, die bereits an einem normalen FKK-Strand über den Sittenverfall philosophieren würden, und mindestens genauso ungeeignet für Leute, die nicht „Nein“ sagen können. Philipp brauchte einen Moment, um sich einzugewöhnen, aber dann hatte er jede Menge Spaß. Ein großer Sonnenschirm auf dem Deck wurde mein Freund und der Text würde abdriften, wenn ich über nahtlose Bräune und gepflegte Körper weiterschreiben würde. Obwohl mich immer wieder fasziniert, wie schön einige Menschen aussehen.

Von daher greife ich lieber ein paar himmlische Stunden im kristallklaren Wasser über einer großen Sandbank auf, schwärme über herrliche Möglichkeiten, die eine knapp überspülte Badeplattform am Heck des Bootes bieten und denke wehmütig an den Sternenhimmel zurück und an den Kitzel, nachts außerhalb des Schlafzimmers erwischt werden zu können. Nein, nicht beim schlafwandeln. Noch ist es nicht soweit, aber Philipp und ich haben uns „heimlich“ verabredet und werden Marie einige Momente alleine lassen. Vielleicht braucht sie auch mal eine halbe Stunde ihre Ruhe vor uns.

Vorher steht für heute abend noch ein Gummitier-Rennen an. Es gibt einige aufblasbare Badeinseln, Schwimmreifen und tierisch geformtes Plastikzeugs und wer am schnellsten damit von der imaginären Start- zur Ziellinie kommt, gewinnt einen Cocktail. Ja, der Einfall mag eher aus einem intellektuellen Tiefdruckgebiet stammen, macht aber nichts, denn auch Unsinn kann Spaß machen. Und Marie und ich freuen sich bereits, nicht wegen der Cocktails, sondern weil der Einsatz der Beine zum Fortkommen aus Gründen der Gleichbehandlung generell verboten wurde. Ich hoffe, es gibt auch alkoholfreie Cocktails, denn wir werden gewinnen!

Noch ne Seefahrt 1

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Als Marie und ich im letzten Jahr gefragt wurden, ob wir für ein verlängertes Wochenende ein wenig mit einem großen privaten Boot, eher einer Yacht, mitfahren möchten, über ein paar Seen und die Mittelmeerküste entlang, haben wir zunächst gezögert und am Ende zugesagt. Zugesagt zu einem eher abgehobenen Party-Wochenende, an dem es zwar keine Drogen und kein Rock’n’Roll, aber jede Menge Hormone gab. Und diese dann auch sehr selbstverständlich ausgetauscht wurden, wie wir damals vor Ort bemerkten. Ob wir in diesem Jahr noch einmal mitfahren würden, stand lange Zeit nicht fest. Ob wir überhaupt gefragt werden würden, auch nicht, denn die Tochter der Eigentümer, die zusammen mit mir nach wie vor an derselben Uni studiert, läuft mir normalerweise nicht unbedingt über den Weg.

Und wie die Antwort ausfallen würde, wussten wir auch noch nicht. Es war im letzten Jahr ein tolles Event, wenngleich mitunter das Schrägste, was ich je erlebt habe. Ich halte mich zwar nicht für allzu anständig, brav und bieder, aber für eine halbwegs eindeutige Sexparty über drei Tage und drei Nächte kann mich eigentlich auch niemand begeistern. Uneigentlich dann aber doch, denn irgendetwas in mir ist doch zumindest voyeuristisch veranlagt und voller Abenteuerlust.

Ziemlich kurzfristig, ob nun in der allgemeinen Spontanität oder einer erneuten Absage anderer vorrangiger Leute begründet, konnten und wollten wir nicht herausfinden, wurden wir dann doch noch gefragt. Hin- und hergerissen, weil man ja eigentlich so etwas nicht tut, andererseits aber schon das Miterleben des ganzen bunten Spektakels Spaß machte und sich die Risiken doch in sehr engen Grenzen hielten, holten wir uns moralische Unterstützung von Maries Mutter. „In eurem Alter hätte ich nicht gezögert“, meinte sie, „man muss ja vor Ort nicht jeden Mist mitmachen. Insbesondere würde ich dringend davon abraten, Crack zu konsumieren. Das ist auf solchen Veranstaltungen ja leider oft an der Tagesordnung. Oder irgendein anderer Scheiß.“

„Im letzten Jahr hat Shane“, so hieß die Tochter der Bootseigentümer, „von vornherein gesagt, dass an Bord keine Drogen geduldet werden. Wir hatten schon den Eindruck, dass das auch ernst genommen wurde.“ – „Dann nehmt Kondome mit und genießt das Wochenende!“

Und Philipp? Er könnte nicht mit. Keine Zeit, meinte er. Wir hatten sowieso nur ein Doppelbett, aber laut Shane hätten wir uns das auch zu dritt teilen können. Hört sich vielleicht merkwürdig an, weil viele Menschen nicht mal auf die Idee kämen, sich zu zweit ein Doppelbett zu teilen. Schon gar nicht mit einem Fremden. Aber wenn ich in der Mitte liegen würde, hätte niemand von uns damit ein Problem.

Womit ich allerdings ein Problem hatte, war, dass mir Philipp nicht sagen wollte, was er vorhatte über Pfingsten. Das führte fast zu unserem ersten ernsthaften Streit. Am Ende war es dann doch so, dass er gerne mitfahren wollte, mehr wegen des dortigen Sommers als wegen der „komischen Party“, aber er meinte, dass er mir (oder uns) mit seiner Anwesenheit keinen großen Gefallen tut. „Ich unterhalte mich lieber statt zu tanzen, ich würde nie meine Partnerin eintauschen wollen und ich verkleide mich auch nicht als Elektroinstallateur und frage, warum in der Ecke Stroh liegt. Ich kann mich nur schwer von solchen Dingen anstecken lassen und würde dann eher die Spaßbremse sein. Du sollst aber gerne diesen Spaß haben und sollst keine Rücksicht auf mich nehmen. Von daher ist es okay, wenn du alleine fährst.“

„Vielleicht möchte ich aber gerade mit dir unter einem romantischen Sternenhimmel im Mittelmeer schwimmen“, antwortete ich und erklärte ihm, dass ich auch nicht mitfahre, um mit wildfremden Leuten in die Kiste zu springen. Das hat es auch letztes Jahr nicht gegeben. Kurz vor Abfahrt war dann doch alles wieder entspannt. Außer dass Shane äußersten Wert darauf legte, Philipp in der letzten Woche noch einmal kennenzulernen. Und dafür mal eben quer durch Deutschland zu fahren, war schon eine Herausforderung. Aber: „Ohne Kennenlernen nehme ich ihn nicht mit. Ich will da keine Überraschungen.“

Eine Seefahrt, Tag 4

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Selbstverständlich gibt es auch von den letzten Stunden auf dem Mittelmeer noch einiges weniges zu erzählen. Die zweite Mottoparty, überschrieben mit „Schlafen“, verlief wesentlich entspannter als die dominante am Abend davor. Marie und ich gingen mit Matthias im Schlafanzug schwimmen, oder genauer gesagt, legten wir uns entsprechend bekleidet in drei Schwimmreifen und ließen uns im Vorbeipaddeln am Boot immer weider neue Getränke in die Getränkehalter stellen. Andere fanden ziemlich schnell heraus, dass „Schlafen“ ja auch „Miteinander schlafen“ heißen könnte und übten sich darin. Um Mitternacht wurden noch drei Raketen abgefeuert und kurz nach Mitternacht packten sich die beiden behinderten Mottopartymuffel ins Bett und wurden erst wieder vom Frühstücksduft geweckt, während das Schiff schon unterwegs zu unserem Hafen war. Unsere beiden Flieger sollten noch am Vormittag abheben – und idealerweise waren wir gut in der Zeit.

Zum Abschied sagte Shane, dass Marie und ich übrigens für die nächste Yachtfahrt erneut eingeplant sind. „Allerdings würde ich mich freuen“, sagte Shane, „wenn ihr dann auch mal eine Nacht mit mir verbringt. Also wir zu dritt. Denkt mal drüber nach!“ – „Machen wir“, versprach Marie. Also dass wir darüber nachdenken. Wir bedankten uns artig bei ihr, umarmten sie zum Abschied und checkten ein.

Kaum war ich wieder auf deutschem Boden gelandet, hatte mich mein Alltag wieder. Okay, es ist noch Feiertag, aber auf dem Wasser schien der Idiotenmagnet nicht so stark zu sein wie an Land. Ich stand mit meiner Tasche an der Bushaltestelle, als es plötzlich einen Knall gab. Ich erschrank, konnte nicht ausmachen, woher der Knall gekommen war – es hätte auch eine extrem laut zugeschlagene Autotür sein können. Ich hatte das fast schon abgehakt, als eine Frau zu schreien begann. Derart laut und aufgeregt, dass ich mich, ohne nachgedacht zu haben, entschied, dorthin zu rollen und sie zu beruhigen. Ich vermutete, dass sie vielleicht jemandem mit dem Auto aufgefahren war und nun abdrehte, vielleicht einen beruhigenden Beistand brauchte. Das Geschrei kam von einem geschätzt 14 Jahre alten Mädchen, das wild herumsprang und immer wieder, sich mit den Händen auf den Knien abstützend, halb in die Hocke ging. Beim näheren Hinsehen bemerkte ich, dass ihre Kleidung zerissen und ihre nackten Füße völlig verdreckt waren, dass sie am linken Schienbein blutete und im Gesicht eine Schnittwunde hatte.

Der Inhaber eines türkischen Imbiss brachte einen Stuhl heraus, stellte ihn dem Mädchen hin. Ohne ein Wort setzte das immernoch schreiende Mädchen sich auf den Stuhl. Er kippte eine Kiste Wassermelonen in seinen Laden und stellte die Kiste so vor den Stuhl, dass das Mädchen, immernoch schreiend, ihr Bein darauflegen konnte. Ich erreichte das Mädchen und versuchte, es zu beruhigen: „Hallo, beruhig dich mal, was ist los mit dir?“ – „Ich hab solche Schmerzen!“ – Ein Mann sagte: „Sie ist vom Auto angefahren worden, hier der BMW.“ – Ein BMW stand einige Meter weiter im Fahrstreifen. Eine sehr vorneh gekleidete Frau stieg aus. Ich versuchte weiter, sie zu beruhigen. „Okay, wie heißt du denn? Magst du mir mal deinen Namen sagen?“ – „Lea“, schluchzte sie. Ich fragte sie weiter: „Ich bin Jule. Hast du denn mitbekommen, wie das passiert ist?“ – „Ich bin auf die Straße gelaufen und dann hat es geknallt.“ – „Bist du hingefallen?“ – „Das weiß ich nicht. Meine Mama soll kommen. Sie wohnt da vorne, klingel mal bitte bei …“

Ich sprach einen Mann an, der neben mir stand und glotzte, ob er dort bitte klingeln könnte. Und einen anderen, ob er bitte einen Krankenwagen rufen könnte. Lea sagte: „Ich will keinen Krankenwagen.“ – „Lea, du blutest am Bein. Es ist besser, wenn sich das mal ein Doktor anguckt und das desinfiziert und ein Pflaster drauf macht.“ – Der Typ fragte: „Soll ich einen Krankenwagen rufen? Ich meine, wenn sie doch nicht will?“ – Ich funkelte ihn an: „Ja! Dringend.“ – „Ich geh aber nur zum Doktor, wenn meine Mama mitkommt.“ – „Die kommt mit“, versprach ich, nicht wissend, was uns gleich blühte. Ich bat Lea: „Lea, kannst du dich mal bitte vorsichtig hier unten hinlegen? Guck mal, dein Schienbein blutet und das müssen wir hoch legen, okay? Das ist besser.“

Lea legte sich auf den Boden. Der Imbissbesitzer brachte eine Wolldecke nach draußen und legte sie Lea unter den Kopf. Ich legte ihre Beine auf den Stuhl. So langsam beruhigte sie sich, begann tierisch zu zittern, wimmerte nach wie vor laut. Der Imbissmann brachte eine zweite Decke zum Zudecken. Ich fauchte den Mann an: „Haben Sie da jetzt angerufen?“ – Er diskutierte: „Ich hab mal Erste Hilfe am Kind gemacht, sollten wir ihr nicht ein bißchen Wasser zu trinken geben?“ – „Sie sollen einen Krankenwagen anrufen, Himmel, Arsch und Zwirn.“ – Ich wühlte mein Handy raus. Setzte mich aus dem Rollstuhl nach unten neben sie auf den Fußboden, nahm ihre Hand. Nach dem zweiten Tuten gab es eine Verbindung: „Feuerwehr und Rettungsdienst, wo ist der Notfallort?“ – „In der …straße, direkt vor dem Imbiss …“ – „Was ist passiert?“ – „Ein Kind, etwa 14 Jahre, weiblich, wurde von einem Auto angefahren.“ – „Ist das Kind ansprechbar?“ – „Im Moment ja, es hat aber einen Schock sowie mehrere oberflächliche Verletzungen und vermutlich ein Schädelhirntrauma.“ – „Sind weitere Personen verletzt?“ – „Nein.“ – „Ist jemand eingeklemmt?“ – „Nein.“ – „Woher wissen Sie, dass das Kind einen Schock hat?“ – „Typische Symptomatik.“ – „Sind Sie ausgebildeter Ersthelfer?“ – „Medizinstudentin.“ – „Versuchen Sie, das Kind auf die Erde zu legen und die Beine erhöht zu lagern. Geben Sie dem Kind nichts zu essen und nichts zu trinken. Hilfe ist unterwegs. Ich verständige auch die Polizei.“

Um das Kind herum hatte sich eine Traube von mindestens 30 Leuten gebildet. Ich sagte laut: „So, alle, die jetzt hier nichts zu suchen haben, gehen bitte weiter. Hier gibt es nichts zu gaffen.“ – Ein Typ sagte: „Ich habe das genau gesehen, ich bin Zeuge!“ – „Dann gehen Sie doch einfach ein paar Meter weiter und warten dort auf die Polizei.“ – Lea plapperte: „Ich will nicht ins Gefängnis. Ich spüre meine Füße nicht mehr. Ich will nicht in den Rollstuhl. Meine Mutter soll kommen. Bist du gefahren?“, fragte sie eine Frau, die neben uns stand. Sie antwortete: „Ja, du bist mir ohne zu gucken einfach vor das Auto gelaufen!“ – Ich antwortete: „Nun lassen Sie mal gut sein, das klärt sich alles. Kinder kommen auch nicht ins Gefängnis und in den Rollstuhl musst du auch nicht.“ – Dann kam die Mutter angelaufen, wie von der Tarantel gestochen: „Was ist mit meinem Kind?“ – Der Mann, der Lea schon Wasser geben wollte, sagte: „Sie ist ohne zu gucken auf die Straße gerannt und wurde von dem BMW angefahren!“ – Die Mutter brüllte: „Wieso rennst du einfach so auf die Straße, ich habe dir 1000 Mal gesagt, dass du nur über die Ampel gehen sollst.“ – Die Frau war so aufgedreht, und meckerte immer weiter, dass ich brüllen musste, um mir Gehör zu verschaffen. „Meinen Sie, dass bringt jetzt was? Jetzt lassen Sie sie doch einfach mal in Ruhe. Lea, darf ich mal deinen Puls fühlen?“

Aus der Entfernung war Lalülala zu hören. Gegenüber war eine Uhr am Gebäude angebracht. Drei Minuten waren vergangen. Rettungswagen und Polizei hielten direkt neben uns. Eine Sanitäterin kam zu uns. „Was ist passiert?“ – Lea hatte sich gerade etwas beruhigt, fing nun wieder an zu weinen. Im gleichen Moment hielt noch ein Fahrzeug. Der Notarzt. Auch er fragte sofort, was passiert sei. Ich sagte: „Das ist Lea, sie wurde von dem BMW dort angefahren, ist gestürzt, kann sich aber nicht erinnern. Hat vermutlich ein Schädel-Hirn-Trauma und sicherlich einen Schock. Dazu oberflächliche Verletzungen am linken Schienbein und hier im Gesicht. Klagt über starke Schmerzen und gibt an, ihre Füße nicht mehr zu spüren.“

Lea wurde auf die Trage gelegt und in den Rettungswagen geschoben. Der Imbissbesitzer bekam seine Decken zurück. Ich kletterte wieder in meinen Stuhl. Der Notarzt kam aus dem Rettungswagen und fragte mich: „Haben Sie gesehen, ob sie mit dem Kopf gegen das Auto geschlagen ist? Oder auf den Asphalt?“ – „Nein, ich habe den Unfall selbst nicht beobachtet. Aber sie hatte sofort eine Erinnerungslücke. Und eben einen schweren Schock.“ – „Sind Sie Ärztin?“ – Ich schüttelte den Kopf: „Medizinstudentin.“ – Er fragte: „Sind Sie ein Querschnitt?“ – Ich nickte. Er drückte mir seine Hand auf die Schulter und meinte im Weggehen: „Hut ab.“ – Na das ging ja mal runter wie Öl. Aber dann: Die Mama wollte nicht mit ins Krankenhaus. „Da ist sie selbst Schuld, außerdem bekommen wir morgen Besuch und ich habe einen Braten in der Röhre. Ich kann da im Moment nichts für sie tun. Und ich habe ihr oft genug gesagt, sie soll nicht auf die Straße rennen.“ – Könnte meine Mutter sein.

Entschuldigung, aber wie %&$*!? muss man sein? Und das dann auch noch laut vor der Polizei und vor dem Unfallgegner zu sagen? Egal, nicht meine Baustelle. Ich habe mich um Lea gekümmert so gut es ging, alles weitere zeigt sich. Ich wurde gebeten, auf die Verkehrspolizei zu warten, die dann noch den Unfall aufnehmen würde. Bis die endlich kam (auch mit Lalülala), dauerte es fast eine Stunde. Und wie es mein Magnet so will, kommt das bestimmt vor Gericht und ich werde als Zeugin zur Hauptverhandlung geladen. Um dann nur sagen zu können, dass ich den Unfall selbst nicht gesehen habe.