Fremde Luft

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Es gibt im Leben Situationen, in denen werden wichtige Entscheidungen getroffen, ohne dass Betroffene nach ihren Wünschen gefragt werden. Mein Unfall vor knapp sechs Jahren war so eine wichtige Entscheidung, zu der ich vorher keine Wünsche äußern konnte. Ich habe diese Entscheidung inzwischen akzeptiert und mache mir keine Gedanken mehr darüber, ob und wie ich sie rückgängig machen möchte und könnte.

Ich lege heute sehr großen Wert darauf, mein Leben selbst zu gestalten. Autonomie ist mir sehr, sehr wichtig.

Es wäre sicherlich falsch, anzunehmen, dass ich mit stärkerer Selbstbestimmung meinen Unfall verhindert hätte. Autonomie kann nicht vor Unfall, Unglück, Krankheit oder anderen Dingen, die sich niemand wünscht, schützen. Ferner lassen sich auch mit einem noch so selbst bestimmten Leben keine bereits bestehenden (körperlichen) Einschränkungen ausgleichen. Dem Irrglauben, dass das funktionieren könnte, sitzen gerade einige Sportkolleginnen und Sportkollegen auf, die Autonomie mit Unzuverlässigkeit, Egoismus und Illoyalität verwechseln und sich damit gerade zunehmend selbst isolieren.

Meine Mutter fühlt sich derzeit von ihren Nachbarn bedroht. Menschen in der Wohnung nebenan bestrahlen sie mit Mikrowellen, vergewaltigen sie permanent. Niemand hilft ihr, niemand beschützt sie. Dabei sind die Spuren, wie beispielsweise ein Sonnenbrand im Gesicht, offensichtlich. Dass der vermutlich eher von einem strahlenden Himmelskörper als von einer strahlenden Mikrowelle der Nachbarn ausgelöst wurde, beweist einmal mehr, dass derzeit alle gegen sie sind. Auch die eigene Tochter, denn die hält sich nach wie vor auf Distanz.

Sie unternimmt alles mögliche, um mit mir in Kontakt zu kommen. Das Sperren meiner Kreditkarten hat zwar nervige Folgen, aber die Bank hat sich entschuldigt, mir ein neues Kartendoppel per Kurier nach Hause geschickt und mich zum Essen eingeladen. Damit ist das (soweit es die Bank betrifft) für mich auch erledigt. Ich kann diese Entschuldigung annehmen. Nachdem ich mit meiner Mutter darüber aber nicht ins Gespräch kommen möchte, weder für eine Erklärung, für eine Aussprache, noch für eine Entschuldigung, triggert sie immer weiter.

Seit Tagen sitzt sie fast permanent vor meiner Haustür. Teilweise legt sie sich sogar quer vor unsere Hauseingangstür. Es ist einfach nur schrecklich und ich fühle mich total hilflos. Sie hat kein Geld, sie ist wegen ihres psychischen Gesundheitszustandes angeblich nicht haftfähig, eine Aufnahme in eine psychiatrische Klinik lehnt sie ab und zwangsweise geht das nur bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung. Dafür reicht aber nicht aus, ein bißchen vor einer Haustür rumzuliegen – zumindest reicht es nicht für länger als eine Nacht. Am Morgen, nachdem der sozialpsychiatrische Dienst sie hat einweisen lassen, war sie wieder da. Offiziell entlassen. Auch die Betreuerin kann oder möchte nicht viel machen. Jeder Mensch habe einen Anspruch auf Freiheit, auch der psychisch kranke. Sie war lange Zeit in der Psychiatrie, man habe alles für sie getan, was getan werden könne. Nur weil sie nervt, könne man sie nicht wegsperren.

Vielleicht muss ich lernen, die Autonomie, die ich für mich einfordere, auch meiner Mutter zuzugestehen.

Sofie hat lange mit ihr gesprochen, ohne an ihrem Verhalten irgendwas beeinflussen zu können. Sofie sagt, meine Mutter sei schwer krank und gehöre eigentlich in eine Klinik. Maries Mutter hat sie auch vor meiner Haustür besucht, ihr hat sie nach drei Minuten in die Hand gebissen und sie an den Haaren gezogen. Da Maries Mutter Kampfsport macht, war das -zum Glück- ein ungleicher und daher sehr kurzer Kampf. Meine Mutter erzählte anschließend der Polizei, sie hätte eine Graffitti-Sprayerin in die Flucht geschlagen, die ihr den Ehemann ausspannen (!) und außerdem die Mauersteine, auf denen sie gerade sitzt, mit giftigen Substanzen auflösen wollte. Die Polizei hat sie nach Hause gefahren, nach zwei Stunden saß sie mit einer Thermoskanne auf der Bank gegenüber.

Sie ist auch bereits mehrmals auf dem Unigelände aufgetaucht, nur hat sie dort bisher noch kein Theater gemacht. Außer dass sie eine Mitarbeiterin in der Verwaltung permanent anruft und ihr auf den Keks geht. Ich habe noch immer keinen Praktikumsplatz. Ich weiß auch nicht, wo ich mich bewerben soll, denn sie wird mich auch dort finden und dann möglicherweise da auf Station oder in der Ambulanz oder wo auch immer man mich einsetzen wird, auftauchen. Das geht nicht. Auch beim Sport brauche ich mich im Moment nicht blicken lassen, denn auch dort taucht sie auf. Ich bin mir manchmal, ehrlich gesagt, nicht sicher, ob sie diesen Unsinn, Nachbarn würden sie bestrahlen, wirklich glaubt, oder ob das nur vorgespielt ist, um nicht bestraft werden zu können. Ich bin kein Psychiater, aber ich finde es auffallend, welchen Stuss sie einerseits erzählt; andererseits überzeugt sie Menschen davon, Kreditkarten zu sperren und findet sich überall in Hamburg zurecht und kann sich genau merken, wann sie mich wo treffen könnte. Lange genug war sie ja in der Klinik, um sich abzugucken, wie andere Leute mit anderen Krankheiten so drauf sind…

Maries Mutter setzt sich derzeit mit meinem Einverständnis oder vielmehr auf meine Bitte dafür ein, dass ich die Uni wechseln kann. Alle, die im Moment berechtigterweise in meiner Nähe sind, finden die Idee recht gut, für zwei oder drei Semester etwas weiter weg zu studieren. Ob das klappen kann, klärt sich am Montag. Und Marie, lieb wie sie ist, sagt: „Wenn das klappen sollte, komme ich zum nächsten Semester nach. Dann bist du da nicht ganz alleine und jede Medizinstudentin sollte auch mal für ein paar Semester fremde Luft schnuppern.“

Nochmal Wüste

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Es gibt zur Zeit bei mir nur zwei Themen, und trotzdem wird es nicht langweilig. Mir zumindest nicht.

Gerade kam ich völlig dehydriert zurück aus der deutschen Servicewüste, da muss ich schon wieder hinein. Oder vielleicht war ich auch nie wirklich draußen?

Erwarte ich eigentlich zu viel, wenn ich erwarte, dass ein Autohaus mich bezüglich meiner Bestellung eines Neuwagens auf dem Stand der Dinge hält? Ende Januar sollte das Auto fertig umgebaut bei denen auf dem Hof stehen, inzwischen haben wir April und das Ding ist noch nicht mal in der werkseigenen so genannten „After-Sales-Werkstatt“, in der der behindertengerechte Umbau des Fahrzeuges vorgenommen wird. Beziehungsweise ich wusste erstmal nicht, ob es da vielleicht schon steht, denn mein Autohaus redet im Moment nicht mehr mit mir. Ja, krasse Worte. So empfinde ich es aber.

Am letzten Freitag, also vor einer Woche, wollte man sich wieder bei mir melden und mir einen aktuellen Stand durchgeben. Das habe ich meinem Verkäufer abgerungen. Also dass er mich anruft und nicht ich es bin, die den ganzen Tag vergeblich versucht, ihn mal ans Telefon zu bekommen. Irgendwie war klar, dass dabei nichts rauskommt, und nach einer Woche des Wartens war ich es denn mal wieder, die zum Hörer gegriffen hat. „Ja, der Kollege ist krank und leider kann niemand anderes in die Unterlagen schauen.“

Leute, für wie blöd haltet ihr mich eigentlich? Was macht ihr denn, wenn einer Eurer Verkäufer vom Blitz getroffen wird? Ich komme mir vor wie in der Eiszeit, wo alle Ehen geschieden sind, sobald das Standesamt schmilzt! Klar, ich bin eine Kundin mit Sonderwünschen. Die auch noch so viel Rabatt vom Hersteller versprochen bekommt, dass das Autohaus an mir kaum noch was verdient. Aber was kann ich denn dafür? Und sonst gebt mir wenigstens meine Bestellnummer, damit ich selbst dort anrufen und nachfragen kann. „Das sind interne Daten, die nicht ohne Grund geheim gehalten werden. Schließlich wünschen wir keine Sonderabsprachen des Kunden mit dem Werk, für die wir am Ende haften müssen.“

Als ich Frank das erzählte, tippte er sich an die Stirn. Frank ist ohnehin schon genervt, denn er ärgert sich derzeit mit demselben Autohaus herum. Wegen Sofies Touran, den ich hin und wieder mitnutzen kann. Zum Glück. Besagter Touran war wegen eines Garantiemangels in der Werkstatt. Der Beifahrersitz ließ sich nicht mehr umklappen, das Verladen des Rollstuhls war damit erheblich erschwert. Das Problem war ein ausgehakter Seilzug, der aber schon zum vierten Mal ausgehakt war. Mit entsprechender Welle hatte man sich schlussendlich bereit erklärt, das komplette Sitzgestell auszutauschen. Frank hatte darum gebeten, dass das dann vor Ort ist, damit das Auto nicht endlos in der Werkstatt steht.

Ende vom Lied: Das Auto stand vier Tage in der Werkstatt, weil man nach Ausbau des Beifahrersitzes festgestellt hatte, dass das Ersatzteil ja doch noch gar nicht da ist. Und das war dann zwar am nächsten Mittag in Hamburg, jedoch brauchte es noch drei weitere Tage, bis alles wieder zusammengebaut war. Und dabei hat man dann auch noch zwei tiefe Schrammen ins Armaturenbrett gemacht. Sofies Glück war es, dass sie die sofort gesehen hatte, bevor sie das erste Mal wieder ins Auto stieg. Ihr kam es komisch vor, dass der Kundendienst-Mitarbeiter ihr nur am Tisch den Schlüssel aushändigte. Nach dem Motto: „Und tschüss.“ – Eigentlich begleitet man den Kunden ja einmal zum Auto und zeigt, was man getan hat und dass alles wieder funktioniert.

„Das kommt von Ihrem Rollstuhl, den Sie dorthin immer verladen.“ – „Ich war ja gar nicht wieder im Auto. Außerdem verlade ich den Stuhl von links nach rechts. Die Schrammen sind aber in einem Bereich, an den der Rollstuhl nur dann kommen könnte, wenn man ihn durch die offene Beifahrertür einlädt. Und dann wäre da auch nichts derart Scharfkantiges. Zudem hängen da noch frische Späne dran.“ – Und während Sofie auf Frank wartete, wollte man ihr noch erklären, dass das alles nicht am defekten Sitzgestell lag, sondern daran, dass jemand das Sitzgestell gefettet hatte. Was nicht vorgesehen sei. Somit wäre das eigentlich keine Gewährleistung, aber man sei ja kulant. Als wenn irgendwer von uns auch nur ansatzweise wüsste, wo er was fetten könnte, ohne dass das sich an den Polstern abreibt oder ähnliches. Das wird die Werkstatt selbst bei einer der vorherigen Werkstattbesuche gemacht haben.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe Frank zwei Mal belächelt, als er mir ein Schreiben aufgesetzt hat, mit dem ich dem Autohaus schriftlich eine Nachfrist für die Bestellung gesetzt habe. Jurist halt. Inzwischen könnte ich ihn knutschen. Er nahm die Stinkesocke an die Hand und rollte mit ihr zu einem anderen Autohaus, das uns Maries Vater empfohlen hatte. Ein kleiner Familienbetrieb. Nicht 30, sondern nur vier Neuwagen im Verkaufsraum. Wir hatten einen Termin beim Junior-Chef. Und der hatte Zeit! In Wirklichkeit bestimmt nicht, aber er hat sich die Zeit genommen, die wir brauchten. Und er hatte ein ernsthaftes Interesse. „Ich hatte zwar erst einen Kunden, der einen Umbau ab Werk hatte, der ältere Herr hatte rechts eine Prothese und hat mit links Gas gegeben, also wurde das Gaspedal im Fußraum verlegt. Aber die Telefonnummern habe ich genauso wie der Mitbewerber, und ich rufe da jetzt mal den Leiter dieser Werkstatt an.“

Sprach es aus und hatte innerhalb von fünf Minuten auch ohne die Auftragsnummer alle nötigen Infos. Das Auto wird in der kommenden Woche gebaut und ist danach etwa zwei Wochen in dieser After-Sales-Werkstatt. Das ist bereits disponiert, der Termin steht. Anschließend dauert es noch etwa eine Woche, bis das Auto nach Hamburg überführt ist. Und, was ich nie für möglich gehalten hätte, er griff gleich noch einmal zum Telefonhörer, rief den Chef des Autohauses an, mit dem ich die beiden Lieferverträge habe. „Die sitzen hier bei mir. Eure Kundin und ihr Anwalt. Sie stornieren die Bestellung, Fax geht heute abend raus, zwei Nachfristen sind verstrichen. Ich will mich da nicht einmischen, aber ich biete Euch an, dass ich die Kundin übernehme. Ihr seid sie los und mit ihr den ganzen Ärger, der sonst jetzt losgeht. Was wollt ihr mit einem umgebauten Vorführfahrzeug? Ich werde ihr klar machen, dass ich sie nur übernehme, wenn sie auf alle rechtlichen Schritte gegen Euch verzichtet.“

Zehn Minuten später rief er zurück. Sie gehen darauf ein. Die Bestellung wird storniert und anschließend beim Werk so umgestellt, dass ein anderes Autohaus diese Bestellung bekommt. Darum will sich der Junior-Chef am Montag kümmern. Und die Bestellung von dem Bus kommen auch mit in die neuen Hände. Jetzt kann ich nur hoffen, dass der neue Weg besser ist und endlich mal alles klappt.

Defekte Dose und ein Pupsplan

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Kann man mir vorwerfen. Muss man aber nicht. Denn ich vergesse sie nicht. Die vielen Menschen, die sich normal benehmen gegenüber den vielen Menschen, die nicht normal sind. Setzt man voraus, dass es den „normalen“ Menschen nicht gibt, ist eigentlich schon alles gesagt. Jeder benimmmt sich einzigartig gegenüber anderen Menschen, von denen jeder einzigartig ist. Klar, dass mir dabei vor allem die auffallenden Menschen auffallen. Und dass ich über sie schreibe. Immer wieder.

So wie über den Netzwerktechniker mit der feinen Nase. Er kommt in unsere WG, soll einen Netzwerkfehler beheben. Das halbe Haus hat kein Internet, die Physio- und Ergopraxis unter unserem Wohnprojekt ist auch betroffen. Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich um einen Fehler außerhalb des Hauses handelt, aber das hatte der Internetanbieter zuvor ausgeschlossen. Bis zum Hausanschluss funktioniere alles. Wie sich später herausstellte, war die Hausanschlussdose selbst defekt, aber … der Reihe nach.

Dieser Netzwerktechniker kam also in unsere WG, ging direkt zum Büro (wobei mir „Büro“ ein wenig zu offiziell klingt, eigentlich ist es ein hübsch eingerichteter Raum, in dem der ganze Papierkram erledigt wird und in dem die Assistenz- und Pflegekräfte sich aufhalten können), traf auf Sofie und mich und fragte, ob wir ihn zum Chef bringen könnten. Der Chef sei nicht da, sagte Sofie, sie wisse aber Bescheid und schließe ihm den Raum auf, in dem die ganze Technik untergebracht ist. Er fragt: „Ist das hier ein Behindertenheim?“

„Eine Wohngemeinschaft“, antwortete Sofie.

„Worin liegt der Unterschied?“, wollte der Techniker wissen.

Sofie antwortete: „Mit einem Behindertenheim verbinde ich eine Einrichtung, in der Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf ein fest strukturiertes Tages- oder Wohnprogramm angeboten wird. Bei uns mieten sich Menschen ein barrierefreies Appartment und organisieren gemeinsam, dass sie benötigte Hilfen zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in angemessenem Umfang erhalten.“

„Ist das nicht dasselbe?“, fragte der Techniker weiter.

„Keineswegs“, antwortete Sofie. „Im ersten Fall gibt es ein starres Angebot aus Zimmer, Essen und Pflege, in das man sich einfügen kann, im zweiten Fall gibt es eine Wohnmöglichkeit und den Rest organisiert sich jeder selbst.“

„Da würde ich doch aber die erste Möglichkeit vorziehen. Die Pflege brauche ich doch, wenn ich irgendwann mal so senil bin, dass ich jemanden haben muss, der mir den Hintern abputzt, nachdem ich ein Ei gelegt habe, sowieso. Dann ist es doch besser, ich kann auf den roten Klingelknopf drücken, als wenn ich erst noch im Internet drei Stellenanzeigen aufgeben muss und mich dann hinterher noch mit dem Finanzamt rumschlage, weil ich vergessen habe, für die 400-Euro-Kraft die Pauschalen an die Knappschaft zu überweisen.“

Sofie antwortete: „So hat jeder seine Präferenzen. Mir wäre es zum Beispiel wichtiger, dass ich nicht um halb sieben schon ins Bett muss, weil die Schicht in den Feierabend geht.“ – „Och, wenn man morgens um sechs geweckt wird, geht man abends auch früh schlafen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Aber eines fällt trotzdem angenehm auf: Bei Euch stinkt es nicht so extrem wie in manchen Einrichtungen. Ich komme ja viel rum, und in manchen Heimen stinkt das, als wenn die alle die Hosen voll haben“, befand der Techniker.

Sofie versuchte einen neuen Aufschlag: „Das kann aber auch daran liegen, dass krankheitsbedingte Ausfälle beim Personal oder vielleicht nur die Bohnen beim Mittagessen den Abführplan der Einrichtung durcheinander gebracht haben. Wenn dann bei dem einen oder anderen Kacken erst morgen früh um neun auf der Tagesordnung steht, kann es zu solchen Kollateralschäden kommen.“

Aber der Techniker konnte Sofies Einstellung zum selbstbestimmten Leben nicht nachvollziehen. Er antwortete: „Ich sehe schon, Sie kennen sich mit solchen Dingen viel besser aus als ich. Wollen Sie das mal als Beruf machen? Ist ja auf jeden Fall toll, wenn es einfache Möglichkeiten gibt, die Behinderten besser unterzubringen. Und es ist natürlich besser, wenn alles schön sauber ist und nicht stinkt. Dass man dafür Pläne erstellen muss, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber es leuchtet ein, dass es auch Regeln gibt, wenn so viele spezielle Leute unter einem Dach wohnen.“

Sofie gab endgültig auf. Eine Bewohnerin mit frühkindlicher Hirnschädigung, körperlich sehr stark eingeschränkt, hat in einem Vierteljahr voraussichtlich ihr Abitur in der Tasche, hatte die letzten Worte mitgehört und krähte: „Für unsere frische Luft hier sorgt die ‚Zentrale Anweisung zur strukturierten Methanabgabe in Wohnräumen der Behindertenhilfe‘, in Bewohnerkreisen auch ‚Pupsplan‘ genannt.“

Bevor sie weiterreden konnte, sagte der Techniker: „So viele Einzelheiten möchte ich das gar nicht wissen. Ich sehe, es ist alles gut strukturiert und dann kümmere ich mich mal darum, dass das Internet wieder funktioniert.“

Immerhin hatte er es in weniger als zehn Minuten geschafft, den Fehler zu finden. Die Anschlussdose, die eigentlich der Netzbetreiber in Ordnung zu halten hatte, war defekt. Er tauschte sie, schrieb eine umfangreichen Text in die Rechnung und mit etwas Glück bekommt Frank die Kosten vom Netzanbieter wieder.

Als der Techniker weg war, fragte Sofie: „Sagt mal, hat die Anstaltsleitung eigentlich ein Mitbestimmungsrecht, wenn ein neuer Pupsplan aufgestellt wird?“ – Schallendes Gelächter. Und jene Abiturientin in spe fügte hinzu: „Ich pupse am liebsten abends im Bett. Dann wird es schneller warm unter der Decke.“

Alea iacta est

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Ich habe mich entschieden. Und bestellt. Ich bedanke mich bei allen, die mir ihre Meinungen geschrieben haben und mir Tipps gegeben haben.

Ich würde übrigens nicht von mir behaupten, dass ich ein Luxusproblem habe. Wie es behauptet wurde. Ich finde die Forderung, die mehrmals gestellt wurde, ich möge die Zuschüsse, die ich von derjenigen, die mich plattgefahren hat (bzw. ihrer Versicherung) bekomme, um den durch meine Querschnittlähmung bedingten Mehraufwand auszugleichen und mir eine größere Mobilität zu verschaffen, zurückzuzahlen, um so anderen Menschen diese Förderung zu ermöglichen, auch nicht wirklich nachvollziehbar. Als wenn auch nur ein bedürftiger Mensch ein Auto bezahlt bekäme, wenn ich das täte. Auch kann ich die Rechnungen, die teilweise aufgestellt wurden, nicht so nachvollziehen. Und ich kaufe auch kein Auto, weil ich so solidarisch und altruistisch bin und künftig Personen befördern möchte. In erster Linie sollen meine Sportgeräte ins Auto passen und ich möchte das Auto im Sommer dafür nutzen können, hinten auf einer Matratze zu pennen. Wenn dann noch weitere Leute reinpassen, lasse ich sie natürlich nicht stehen.

Meine beiden Sportgeräte passen nicht in den Touran, nicht in den Sharan und nicht in den Caddy. Damit bleibt nur noch ein Bus. Das Thema ist also für mich entschieden. Ich brauche ein Auto mit Automatikgetriebe und Standheizung. Erstes steht im Führerschein, zweites muss sein, weil ich nicht kratzen und sonst im Winter nicht alleine fahren kann. Mit Blick darauf, dass der Umbau teuer ist und ich das Auto einige Jahre fahren möchte, dürfte ein Gebrauchter höchstens zwei, drei Jahre alt sein. Der aktuelle Gebrauchtwagenmarkt hat allerdings nichts Vernünftiges in diesem Bereich: Entweder haben die schon 100.000 km gelaufen oder sie kosten genauso viel wie ich für einen Neuwagen ausgeben müsste, wenn man die Rabatte, die Volkswagen Menschen mit Behinderungen einräumt, abzieht. Selbst wenn da noch 5.000 € Unterschied sind – bei einem Auto, das ich 10 Jahre fahren möchte, investiere ich die gerne und weiß dann wenigstens genau, wieviele Unfälle das Ding schon hatte und über welche Pisten es geprügelt wurde.

Der Touran, den ich mit Sofie zusammen angeschafft habe, und den ich erstmal finanziert habe, steht mir ab 2014 nicht mehr zur Verfügung. Sofie hat eine Stelle angenommen, bei der sie täglich mit dem Auto fahren muss und hat das Auto bis Jahresende bezahlt. Zumindest den aktuellen Zeitwert, auf den wir uns geeinigt haben.

Wenn ich nun alle Autofahrten mit dem Bus mache und im Jahr auf 20.000 bis 30.000 Kilometer komme, zahle ich in den nächsten Jahren dafür einschließlich Reparaturen, Sprit und Versicherung rund 90.000 €. Merke: Stinkesocke hat den Führerschein noch nicht so lange und fährt daher in der Versicherung noch bei über 40%.

Fahre ich allerdings nur 5.000 Kilometer mit dem Bus und die verbleibenden Kilometer mit einem kleineren Fahrzeug, kostet mich der Spaß, wenn ich davon ausgehe, dass der Bus nach 10 Jahren mit 50.000 Kilometern noch einen Restwert von mindestens 10.000 € hat, gerade mal rund 75.000 € – einschließlich der Anschaffungskosten für das zweite Auto.

Entsprechend habe ich einen Transporter und einen Golf bestellt und beide zu einem guten Preis angeboten bekommen. Der Golf soll bereits in der 3. KW geliefert werden, der T5 erst im Juni 2014. Das wäre fast gerade noch rechtzeitig zur neuen Triathlon-Saison. Fast.