Behinderter Busparkplatz

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Noch ein Foto: Hamburgs vermutlich größter Behindertenparkplatz befindet sich in der alten Tiefgarage unter dem ehemaligen Postamt Altona. Er ist so groß wie drei Wohnzimmer und erlaubt dem schwer, schwerst, allerschwerst behinderten Benutzer, sein Auto so hinzustellen wie er es (nicht) braucht:

Ich vermute, es ist ein Busparkplatz. Falls mal ein ganzer Bus voller voller allerschwerst behinderter Benutzer dort parken will.

Apropos Bus: Seit knapp zwei Jahren steht ja der Ersatz meines geliebten Vianos aus. Bestellt war er schon, nur liefern konnte keiner. Es gab Probleme bei einem Zulieferer, der ein Steuergerät baut, das für den behinderungsbedingten Umbau nötig ist. Inzwischen ist dieser Zulieferer verkauft worden, nachdem dessen Mutterunternehmen in die Insolvenz ging und inzwischen wiederum von einer aggressiv expandierenden Firma geschluckt wurde. Kurzum: Ich bin inzwischen mit anwaltlicher Hilfe vom Kaufvertrag zurückgetreten.

Dadurch habe ich ja aber trotzdem kein Auto. Zwar kann ich mich mit Sofie sehr gut verständigen, dass wir den 2012 angeschafften Touran beide nutzen und sie dafür nur den halben Preis zahlt, aber spätestens, wenn ich meinen Rennrolli und mein Handbike mitnehmen will, ist das Auto zu klein. Geschweige denn, dass ich dann noch jemanden im Auto mitfahren lassen kann.

Jetzt bekam ich den Tipp, bei Volkswagen zu bestellen, und zwar nicht den vermeintlich überteuerten Multivan, der ja überall in den Vordergrund geschoben wird, sondern einen Transporter. Damit verbindet man zwar in erster Linie eine Blechkiste, aber es gibt ihn eben auch in bunt, mit Einzelsitzen, Teppichverkleidung, Klimaanlage, Standheizung, Navi-Radio, Freisprecheinrichtung, elektrischen Fensterheber, elektrischen Seitentüren, abgedunkelten Scheiben, Lederlenkrad, Tempomat, Leichtmetallfelgen, Sitzheizung. 179 PS Diesel mit 7-Gang-Automatik, 191 km/h Spitze, Verbrauch kombiniert rund 7 Liter. Mit behindertemgerechten Umbau, Überführung und Zulassung auf den Cent genau 48.000 €.

Und damit 5 große Kröten teurer als der Viano. Fakt ist, dass das nicht noch ein Jahr so weiter geht. Von dem logistischen Problem, dass ich meine Sportausrüstung ständig anderen Leuten (meistens dem bereits überfüllten Vereinstransporter) auf die Augen drücken muss, bis hin zum finanziellen Problem, dass die Versicherung, die für meinen Gesundheitsschaden aufkommen muss, zu dem Auto einst Zuschüsse gezahlt hat und sie nun zurückfordert, wenn ich nicht bis Ende des Jahres tätig werde und Ersatz beschaffe. Zur Zeit liegen die Kröten von damals auf meinem Konto und werden dort bei der momentanen Zinsentwicklung eher weniger als mehr.

Ich würde sofort zuschlagen, bin mir aber noch nicht ganz schlüssig, ob das Modell nicht etwas zu gewagt ist. Nicht von der Größe, die soll es schon sein. Aber ist der Tipp mit dem Transporter wirklich so gut?

Spastische Attacke

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Die eine oder andere Veränderung gibt es immer in unserem Wohnprojekt. Bei insgesamt 21 Personen, die sich über drei Etagen verteilen, ist das aber auch kein Wunder. Zwei Zimmer wurden frei, nachdem die beiden Bewohnerinnen außerhalb Hamburgs eine Ausbildung beziehungsweise ein Studium beginnen und dadurch in ein Internat beziehungsweise in ein Studentenwohnheim ziehen. Zum 01.08. bekamen wir nach längerem Auswahlverfahren und Probewohnen einen neuen Bewohner und eine neue Bewohnerin dazu, er ist 23 und wegen einer vererbten Erkrankung ständig, also auch innerhalb der Wohnung, Rollstuhlfahrer, sie ist 16 und Spasti, fährt längere Strecken außerhalb des Hauses im Rollstuhl.

Die junge Frau kommt direkt aus einer psychiatrischen Klinik zu uns. Was sie auch jedem relativ rasch und offen erzählt und sich selbst als „Psychospaste, waschfest und lichtecht“ beschreibt. Ich finde sie süß, auch wenn ihr Lieblings-T-Shirt den Spruch „Ich bin nicht süß!“ trägt. Und wäre das Wort „keck“ noch nicht entdeckt oder erfunden worden, wäre dafür spätestens jetzt großer Bedarf. Ein kleiner Wirbelwind mit Sommersprossen im Gesicht, eine kleine Nase, kinnlange dunkle Haare und eine sehr schlanke Figur fallen beim ersten Hinsehen auf. Das Jugendamt wurde intensiv tätig, um uns davon zu überzeugen, sie auch in dem Alter und mit der Vorgeschichte bei uns aufzunehmen. Selbst der behandelnde Klinikpsychologe kam persönlich hier vorbei, da es ihm, wie er sagte, eine Herzensangelegenheit sei, dass sie eine vernünftige Wohnung und damit zur Ruhe finde. Ich glaube, die Worte sind eindeutig.

Unterschiedlicher können die beiden Neulinge nicht sein. Trotzdem feierten sie ihren Einstand gestern abend gemeinsam mit einem feudalen Nudelauflauf. Mit allen, die spontan Zeit hatten. Und während der junge Mann keinen externen Besuch bekam, nahmen die Eltern und die Großeltern der jungen Frau an dem Essen teil. Insbesondere die Großeltern wollten sich anschauen, wo ihre Enkelin künftig lebt, und da wir strikt gegen „Besichtigungen“ sind, schließlich wohnen wir hier nicht im Streichelzoo, haben wir das gemeinsame Essen zum Anlass genommen, sie gezielt einzuladen und uns dabei kennenzulernen.

Damit das niemand falsch versteht: Jeder darf hier Besuch empfangen, wann er will und wen er will. Aber dann in seinem Zimmer. Es gibt auch kein Problem damit, wenn der Besuch mitkommt in die Küche oder in den Gruppenraum, mit kocht oder mit fernsieht. Und wenn sich dabei jemand bekleckert, wird auch niemand meckern, wenn man kurzfristig die Jeans eines Besuchs durch die Waschmaschine schickt. Aber Führungen durch alle Etagen, gerade noch mit mehreren Peronen, mal eben alle Bewohnerinnen und Bewohner kennen lernen, an alle Zimmer anklopfen und reinschauen wollen, wie das öfter von Organisationen und interessierten Personen angefragt wird, lehnen wir kategorisch ab. Das würde jemand aus einem Mietshaus oder einer großen Mehrgenerationen-/Patchwork-WG auch nicht einfach so mit sich machen lassen wollen.

Der Nudelauflauf schmeckte mir recht gut, den Eltern unseres Neuzugangs hingegen überhaupt nicht. Die Mutter ließ nach dem ersten Bissen durchblicken, dass man „bisher immer genug Geld gehabt hat, um die einzelnen Komponenten einer Mahlzeit sauber zu trennen“, und der Vater fügte mit spitzer Zunge hinzu, dass der Kommentar seiner Gattin „möglicherweise unberücksichtigt gelassen hat, dass der Matsch zwischen den zerkochten Teigwaren auch das Produkt einer spastischen Attacke sein könnte, in der seiner Tochter alles in den Häcksler geraten sei, was in der Küche so herumlag.“ Das entschuldige zwar einiges, erkläre aber auch, wie die zwischen den Zähnen knirschenden Eierschalen in den Braten geraten seien.

Ich weiß zwar nicht, was im Vorfeld alles vorgefallen sein mag, damit man so wird. Aber vor unbeteiligten Menschen derart über seine eigene Tochter zu pesten, passt in ein Familienbild, das durch mindestens eine psychische Erkrankung und Entscheidungen der Jugendbehörde mitgezeichnet wurde. Unser Frischling fing zu heulen an und bat die Eltern, zu gehen, Sofie setzte ein eindeutiges Zeichen, rollte zur Tür, öffnete diese demonstrativ und sagte zu Marias Assistentin: „Könnten Sie den Herrschaften vielleicht ein Bündel rohe Karotten und eine Flasche Mineralwasser, sauber getrennt, mit auf ihren Weg nach draußen geben?“ – Worüber sich die Tochter plötzlich kiechernd amüsierte. Die Eltern gingen und ließen ihren dampfenden Auflauf und einen ratlosen Opa zurück, dessen zwei Hörgeräte anscheinend mehr auf einen direkten Dialog als auf eine größere Unterhaltung eingestellt waren, und der die mit zerknirschter Miene ebenfalls zurück gebliebene Oma mit gerunzelter Stirn fragte: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Woraufhin die Oma laut antwortete: „Das erzähle ich dir später, lass uns essen.“

Der Rest des Essens verlief ruhig und harmonisch. Anschließend schaute sich der Opa das Zimmer seiner Enkelin an und war wohl schwer begeistert. Er sprach auch mit Maria und bat sie, ob sie ihm auch ihr Zimmer zeigen könnte. Er erzählte, dass seine letzten Erinnerungen an Menschen, die ständig „untergebracht“ seien, ihn in die 1960er Jahre zurück führten, als ein selbstmordgefährdeter Bruder lange Zeit in einer geschlossener Einrichtung gelebt habe. Maria erklärte ihm, dass hier niemand „untergebracht“ sei, sondern alle Menschen hier freiwillig und aus persönlicher Überzeugung wohnen würden – und sich jederzeit auch eine eigene Wohnung suchen dürften und könnten. Sie seien halt nur von Pflege oder Assistenz abhängig. Beides lasse sich besser im großen Rahmen organisieren als für eine einzelne Person – wenngleich hier jeder seine Hilfen für sich selbst organisiere und Leute wie beispielsweise die Stinkesocke allenfalls hauswirtschaftliche Hilfen (Getränkekiste tragen, Glühbirne wechseln) abrufe.

Der Opa sagte, er habe sich das ganz anders vorgestellt. Selbst ein Zimmer, in dem jemand wohne, der ständig auf Hilfe durch andere Menschen angewiesen sei, unterscheide sich nicht von einem Zimmer in einer ganz normalen Familie mit nicht behinderten Menschen. Und niemand laufe in weißen Hosen herum. Als er gehört hatte, seine Enkelin werde in einer Einrichtung untergebracht, hätte er sich eine Anschlussbehandlung an den Klinikaufenthalt, so etwas wie eine Kurklinik, vorgestellt. Etwas stationäres. Hier würde man jedoch wohnen und leben. „Das gefällt mir ganz ausgezeichnet, das ist sehr gut für unser Mädchen“, sagte er zur Oma und nahm sie in den Arm. Und fragte sie: „Ich finde, wir sollten uns erkundigen, ob wir ihr monatlich ein kleines Taschengeld zahlen können, was denkst du?“ – „Das finde ich eine sehr gute Idee von dir, Vater, das unterstütze ich sofort!“

So wie du bist

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Habe ich zu viel Traffic oder was? Ich muss tagelang offline schreiben, weil immer, wenn ich einen neuen Beitrag einstellen will, ich eine Meldung über einen Internal Server Error bekomme. Aber inzwischen scheint es ja wieder zu funktionieren. Oder etwa nicht!? *fauch*

Ja. Wir waren endlich im Kino. Und haben den Gold-Film geschaut. Maria, Marie, Cathleen, Sofie, Frank, Jana und ich sowie ein Freund von Cathleen, eine Freundin von Sofie, eine Assistenin von Maria und die Eltern von Marie. An der Kasse gab es einen kurzen Stau, aber die sieben Rollis waren am Ende nicht das Problem. Allerdings stand eine ältere Frau draußen im Schneegestöber und keifte von hinten: „Können die Behinderten da vorne vielleicht mal ein kleines Stück weiter gehen? Ich kriege einen kalten Hintern!“

Eine Frau, die nicht zu uns gehörte, drehte sich empört um. „Nicht aufregen! Wo haben Sie denn Ihre Tabletten?“ – „Was für Tabletten?“ – „Nicht dass Sie mir hier vor lauter Aufregung noch aus dem Anzug springen!“ – Maries Mutter musterte die beiden Streithähne unauffällig von der Seite und murmelte sich ein „Was geht denn hier ab?“ in ihren nicht vorhandenen Bart.

In einem Programmkino kommt man zum Glück um die sonst üblichen 37 Trailer und 84 überwiegend saudummen Werbeclips einschließlich der 11, mit denen für noch freie Werbeplätze geworben wird, herum. Auch geht nicht noch drei Mal das große Licht wieder an, weil der Eismann, drei alberne Kartoffelchips-Bunnys mit Hasenohren auf dem Kopf oder die Trink-doch-noch-ne-Cola-bei-drei-Grad-Gang in ihren einteiligen Bodysuits und umgeschnallten Bauchladen lautstark nervend in den Saal einfällt, ihren Spruch aufsagt und erst wieder abzittert, wenn sie dem ohnehin schon geschröpften Zuschauer noch durchschnittlich fünf Euro fünfzig aus dem Kreuz geleiert hat.

Nein, zack, plötzlich waren wir mittendrin im Geschehen. Ich will den Inhalt des Films nicht vorweg nehmen, aber wenn ich nach meiner Meinung gefragt werden würde, sage ich: Es ist nicht mein Geschmack. Ich weiß, erst meckert Jule darüber, dass sie den Film nirgendwo sehen kann, nun kommt sie endlich rein, ist es wieder nicht richtig. Aber ich möchte ehrlich sein: Das einzige, was ich interessant fand, waren die Lebensumstände des blinden Läufers aus Afrika und ein paar Szenen vom Einzug der Mannschaften in das Olympiastadion. Und ein paar bekannte Bilder aus meinem Krankenhaus, in dem einige Innenaufnahmen gemacht wurden.

Aber insbesondere die deutsche Athletin, die Schwimmerin Kirsten Bruhn aus Neumünster, wirkte auf mich im Film derbe unsympathisch. Sie war über den gesamten Film so extrem emotional, dass es mich nach fünf Minuten nervte. Ich finde, sie macht einen extrem schlechten Eindruck auf Menschen mit einer frischen Behinderung, die zu der Annahme kommen müssen, nach 20 Jahren bist du -überspitzt gesagt- immernoch ständig am Flennen, wenn dich einer fragt, warum du im Rollstuhl sitzt. Gleiches gilt für den Vater des dritten Athleten, der auf mich den Eindruck vermittelte, er hat noch immer nicht verkraftet, dass sein Sohn eine angeborene Behinderung hat. In der Beziehung war mir die Mutter des akfrikanischen Läufers irgendwie noch am liebsten, die betonte, dass ihr Sohn trotz seiner Behinderung von ihr genauso geohrfeigt wird wie ihre anderen nicht behinderten Kinder. Uff.

Die für mich schönste Szene des Abends spielte sich nach dem Abspann ab. Nach der Vorstellung fragte Marie ihren Papa, ob er ihren Rolli wieder zu ihrem Sitz in Reichweite schieben könnte. Stattdessen schnappte er sich blitzartig Marie mit einem Arm um ihren Rücken, mit dem anderen unter ihren Kniekehlen, warf sie hoch, gab ihr einen Kuss und meinte: „Mir ist es sehr recht, dass du deine Möglichkeiten von vornherein meistens richtig einschätzt.“ – Marie runzelte die Stirn und er fügte hinzu: „Naja, du musst nicht mehr können als du denkst. Ich liebe dich so wie du bist.“

Budgetkonferenz für Maria

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Die Woche begann mit einem Gespräch über das persönliche Budget von Maria, aus dem sie ihre Pflege und Assistenz finanziert. Das zuständige Sozialamt (oder besser die dortige Sachbearbeiterin) hatte alle Beteiligten, also die Krankenkasse, die Pflegekasse, einen Amtsarzt, eine Sozialarbeiterin, einen Vertreter unseres Wohnprojekts und Maria zu einem runden Tisch eingeladen, um über „die Notwendigkeit der Weitergewährung von Leistungen nach Ablauf des Bewilligungszeitraums“ zu sprechen.

Dass Frank dort mit auftaucht, war klar. Maria hatte außerdem mich gebeten, sie als Vertrauensperson zu begleiten. Die bisherigen Termine waren mir noch in schrecklicher Erinnerung. Frank war vor dem Termin schon auf 180, weil die Sozialarbeiterin vorher ein amtsärztliches Gutachten in Auftrag gegeben hatte, das allerdings nach Aktenlage erstellt wurde und Maria nicht lesen durfte. Auf mehrfache Nachfrage bekam Maria die Antwort, dass das Gutachten erst am Gesprächstermin eröffnet werde. Frank fand das unmöglich, er meinte, man muss ihr als Betroffene die Möglichkeit geben, sich auf das Gespräch vorzubereiten.

Die Leute von der Kranken- und Pflegekasse kannten wir schon von einem der letzten Male, die Sozialarbeiterin war auch dieselbe, allerdings war der Amtsarzt ein anderer. Ein Mann, geschätzte vierzig Jahre alt, nicht sehr groß, aber sehr kräftig gebaut, auf dem Kopf kaum Haare, sehr sonnengebräunt. Was mir erst später auffiel: Er hatte unter seinem Sweatshirt kein Oberhemd, dafür aber eine Krawatte. Und die war auch nur mit einem einfachen Knoten zusammengebunden. Es sah aus, als gäbe es eine Dienstvorschrift, nach der er bei Publikumsverkehr eine Krawatte umzubinden hat – und die hatte er damit erfüllt.

So standen wir mit acht Leuten in einem Treppenhausflur und warteten auf die Mitarbeiterin mit dem Schlüssel. Irgendwann kam eine Frau, geschätzte dreißig Jahre alt, mit einer Akte unter dem Arm, begrüßte uns. Sie habe Anfang des Jahres die Sachbearbeitung übernommen und freue sich, dass alle erschienen seien. Sie schloss den Raum auf, guckte vorsichtig um die Ecke. „Der ist frei, aber ich fürchte, wir müssen da erstmal aufräumen. Vier Leute mit Rollstuhl sprengt die Pläne des Architekten, der dieses Haus gebaut hat. Ich schlage vor, wir nehmen einen Tisch weg und räumen ein paar Stühle in die Ecke.“

Der Mitarbeiter von der Krankenkasse zog sein Jacket aus, stopfte mit den Worten „nicht, dass ich mich hier noch stranguliere“ seine Krawatte in den Kragen seines Hemdes und krabbelte unter den Tisch, um irgendwelche Verstrebungen zu lösen. Dann trugen der Arzt und der Krankenkassenmitarbeiter zwei Teile des Konferenztisches an die Seite und stapelten sie in der Ecke. So war genug Platz für alle, vor allem für Marias E-Rolli, der natürlich nicht so wendig ist wie ein handbetriebener Aktivrolli. Die neue Sachbearbeiterin stellte sich noch einmal für alle vor und meinte, es sollte jeder noch einmal kurz sagen, wer er ist und in welcher Funktion er heute hier ist.

Als das beendet war, ging die erste Frage der Sachbearbeiterin an Maria: „Wie geht es Ihnen?“ – Maria antwortete kurz und knapp: „Vielen Dank, sehr gut.“ – Woraufhin die Frau von der Pflegekasse sagte: „Das muss ich gleich kommentieren: Mit Verlaub, das sieht man Ihnen an. Sie sehen sehr vital aus.“

Die Sachbearbeiterin vom Sozialamt sagte: „Ich kenne Sie ja nicht von früher, aber insgesamt scheint es mir doch so, als wenn Sie das alles gut im Griff haben und sich in der Wohngruppe wohl fühlen. Ist das so?“ – „Ja, auf jeden Fall. Kein Vergleich zu dem Pflegeheim, in dem ich vorher war. Ich komme mir vor wie ein völlig anderer Mensch.“

„Schildern Sie mal ein wenig, wie Ihr Tag aussieht und wie Sie das mit der Hilfe koordinieren, bitte.“ – Maria schilderte.

„Sie haben ein Gutachten eingeholt, das mir seit heute vorliegt“, sagte sie zur Sozialarbeiterin. „Es wäre schön, wenn wir das nächstes Mal etwas eher bekommen könnten.“

Frank holte Luft, aber Maria war an dieser Stelle schneller. Auch wenn sie eher leise, langsam und verwaschen spricht, ging sie nicht unter: „Genau. Das fände ich auch schön. Ich möchte mich auch vorbereiten und mag sowas nicht als Überraschungs-Ei.“ – Während die bisherige Sachbearbeiterin eher ihrer Sozialarbeiterin beigestanden hätte, wurde hier schnell deutlich, wer den Hut trug: „Nächstes Mal also bitte etwas eher. Die Betroffene hat das Recht, ihr Gutachten vorher zu lesen, dem werden wir hier bitte auch gerecht“, sagte sie und guckte der Sozialarbeiterin mit strengem Blick in die Augen. Die träumte eher gleichgültig vor sich hin.

Der Arzt guckte sich das Gutachten an. „Im Grunde steht da aber auch nur das drin, was wir hier auch schon gesehen haben. Ihnen geht es gut, Sie kommen zurecht. Sie haben mit den Mitteln gut gewirtschaftet, Sie sind mit Hilfsmitteln und Therapie optimal versorgt, wobei ‚optimal‘ natürlich relativ auf ihre Behinderung zu sehen ist, aber ich wüsste nicht, was man besser machen könnte, oder fällt Ihnen noch etwas ein?“

Maria schüttelte den Kopf. Ihre langen lockigen Haare verdeckten ihre vor Aufregung knallroten Wangen. Dann sagte der Arzt: „Dann müssen wir das hier nicht künstlich aufblähen. Ich unterschreibe, dass das aus medizinischer Sicht so weiter gehen soll wie bisher, und dann würde ich gerne zu meinem nächsten Termin aufbrechen, wenn es keine Einwände gibt.“

Die Sachbearbeiterin vom Sozialamt fragte in die Runde: „Wir würden die Leistung wie bisher weitergewähren, wenn die Pflege- und die Krankenkasse keine neuen Ideen haben.“ – „Haben wir nicht“, sagte der Krankenkassenmitarbeiter, der inzwischen seine Krawatte wieder auf dem Hemdkragen geholt hatte. Die Mitarbeiterin der Pflegekasse schüttelte den Kopf.

„Dann machen wir Nägel mit Köpfen, kurz und schmerzlos. Sie bekommen von uns einen Bescheid, ich schlage vor, den Zeitraum auf zwei Jahre anzusetzen, irgendwelche Einwände?“ – Allgemeines Kopfschütteln. „Sie müssen einmal im Vierteljahr wie gehabt die Belege einsenden, Sie müssen uns mitteilen, wenn sich was ändert, aber das steht alles nochmal im Bescheid. Und dann drücke ich Ihnen die Daumen, dass das alles weiter so gut klappt, bedanke mich und wünsche Ihnen einen guten Heimweg.“

Halten wir fest: Es steht und fällt mit den Leuten, die den Fall bearbeiten. Sollte nicht so sein, ist aber so. Diese Sozialamts-Mitarbeiterin war wirklich auf Zack. Auf dem Handrücken trug sie den nicht völlig abgewaschenen Stempelabdruck einer St.-Pauli-Diskothek, in der sie vermutlich am Samstagabend war. Vielleicht hätten wir die bisherige Mitarbeiterin vorher auch mal dorthin schicken sollen…