Von einem Komma, dem Weltuntergang und Weihnachten

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Es gibt mal wieder was lustiges: Als ich gestern mit der U-Bahn nach Hause fuhr, stand auf der elektronischen Zuganzeige am Bahnsteig der Hinweis: „Achtung! Letzter Zug vor dem Weltuntergang!“ – Leider war der Akku meines Handys schon so weit leer, dass ich kein Foto mehr machen konnte. Schade. Ein Typ regte sich auf, dass da ein Komma fehle…

Gleiches (Akku-) Problem hatte ich auch kürzlich beim Schwimmtraining, allerdings hatte dort jemand ein Billighandy dabei, um dokumentieren zu können, was regelmäßig bestritten wird, wenn man sich bei den zuständigen Stellen beschwert:

Das einzige barrierefreie WC im Schwimmbad ist seit Wochen defekt. Eigentlich wurde an der Kasse gesagt, es sei wieder in Ordnung, aber als ein 12jähriges Mädchen aus der parallel zu uns statt findenden Gruppe in die Gemeinschaftsumkleide zurück gerollt kam und Tatjana ansprach, ob sie mal bitte mit ihr kommen könne, ahnte ich schon, dass man uns mal wieder für dumm verkauft hatte. Tatjana kam eine Minute später ohne das Mädchen zurück, kniete sich vor mir hin, nahm meine Hand und guckte mich mit ihrem unschuldigsten Blick und klimpernden Wimpern an: „Tatjana, darf ich in der Dusche Pipi machen?“ – „Nur im Handstand“, blödelte ich zurück.

Wir waren vorgestern auf dem Weihnachtsmarkt. Mit acht Rollis und sechseinhalb zweibeinigen Fußgängern enterten wir die Spitalerstraße, den Rathausmarkt und den Jungfernstieg. Es war so brechend voll, dass wir fast nur darauf achten mussten, niemandem über die Füße zu fahren. Die meisten Leute waren noch nicht in ihrer Weihnachtsruhe angekommen, sondern suchten hektisch und genervt nach Geschenken. Am besten fand ich die Werkzeuge in Lebensgröße aus Schokolade: Schrauben, Muttern, Schraubenschlüssel, Hammer, … konnte man alles aus Schokolade kaufen.

Den Spruch, ob wir hier nun unbedingt mit unseren Rollstühlen durchfahren müssten, hörte ich mindestens drei Mal. Ich hatte mir vorgenommen, an diesem Tag auf keinen dummen Spruch zu reagieren und alles ignoriert. Beim dritten Mal kam die Antwort allerdings von direkt hinter mir: „Ja, sollen sie über das Pflaster krabbeln oder was?“, fragte eine Stimme, die ich irgendwo schon einmal gehört hatte. Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht eines Mannes um die 60, das ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Bevor ich irgendwas erwidern konnte, war er auch schon wieder in der Menge verschwunden.

Schade, ich hätte ihn bei zwei weiteren Sprüchen gerne noch einmal hinter mir gehabt. Erstens: „Wünschen Sie sich zu Weihnachten, noch einmal wieder laufen zu können?“ – Von einer wildfremden Frau. Und: „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass sich eine ihrer Behinderten aus dem Staub gemacht hat!“ – Zu einer unserer Fußgängerinnen, als eine siebzehnjährige Rollifahrerin in die Sparkassenfiliale in der Spitalerstraße abgebogen ist, während der Rest der Gruppe schonmal langsam weiterrollte…

Ich werde den Heiligen Abend zum ersten Mal seit fünf Jahren nicht für mich alleine verbringen. Die letzten Jahre bin ich abends mit einigen Leuten aus der WG in den Michel zum Gottesdienst gefahren, in diesem Jahr bin ich von Marie und ihren Eltern eingeladen worden, Weihnachten mit ihnen zusammen zu verbringen. Ich freue mich auch schon sehr darauf, denn Cathleen fährt am 24. zu ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern, Frank und Sofie sind heute für eine Woche in die Sonne geflogen, … ich wäre sonst so ziemlich alleine. Meine beiden Halbschwestern hatten auch gefragt, ob ich zu ihnen kommen möchte, aber mein Vater will wohl auch dorthin – vielen Dank.

Ich wünsche auf diesem Weg allen meinen Leserinnen und Lesern ein paar ruhige Festtage!

Meine Viertelstunde

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Ich hatte die Augen schon zu, träumte von stinkenden Stinkesocken knackigen Jungs mit knackigem Popo, als es plötzlich an meiner Zimmertür wummerte. Dem Geräuschpegel nach musste irgendjemand etwas hochgradig wichtiges mitzuteilen haben. Vielleicht lag eine Bombe in der Waschküche? Oder Elvis Presley hockte in unserem Gruppenraum und aß Popcorn? Als es ein zweites Mal aufgeregt klopfte, schälte ich mich aus dem Bett und rollte zur Tür. Cathleen stand draußen: „Dein Handy ist aus. Steh auf, zieh dich an, in einer Stunde ist Training angesetzt. Tatjana hat eine SMS geschickt und Marie ist auch schon ganz aufgeregt, weil sie dich nicht erreicht.“

„Ja, ich war im Bett, da ist mein Handy immer aus! Sag mal, können die das nicht mal etwas langfristiger planen? Ich hab schon geschlafen!“ – „Nun sabbel nicht rum, zieh dich lieber an. Marie fährt und holt uns in 15 Minuten ab.“ – „Biken? Oder Rennrolli?“ – „Schwimmen.“ – „Schwimmen?!?! Bei Nacht?!“ – Cathleen zuckte mit den Schultern. – „Nun sag doch mal was dazu. Gestern habe ich Tatjana noch gefragt, ob wir am Wochenende nicht nochmal trainieren wollen, solange noch gutes Wetter ist. Da hieß es, es hätten zu viele Leute abgesagt und sie habe selbst auch keine Zeit.“ – „Jetzt entspann dich mal. Kannst dich gleich im Wasser auspowern.“

Also schnell ins Bad, auf Klo, Badeanzug an, T-Shirt und Sporthose drüber, Haare einigermaßen ordentlich zusammengebunden, Handtücher in die Tasche gefeuert, Duschzeug eingepackt, vorsichtshalber den Neo rausgeholt, Abfahrt. „Willst du keine Schuhe anziehen?“, fragte Cathleen.

„Wofür brauche ich Schuhe, wir haben 25 Grad draußen. Ich wollte am See nicht rumlaufen.“ – „Nicht?“ – „Heute nicht.“ – Als wir unten ankamen, wartete Marie schon. Ihr Auto parkte mit Standlicht mitten auf dem Parkplatz, sie selbst saß bereits in ihrem Rolli und gab sich betont genervt. „Hi. Na? Was ist das denn für eine Aktion hier mitten in der Nacht? Schwimmen im Freien, das kann doch keiner vernünftig beaufsichtigen. Manchmal begreife ich nicht, was in deren Köpfen vorgeht.“

Cathleen: „Ihr seid nur am Meckern. Jetzt entspannt euch doch mal und genießt das schöne Wetter.“ – Cathleen krabbelte auf die Rückbank, Marie und ich zerlegten ihren Rollstuhl und packten ihn in den Kofferraum, dann setzte ich mich auf die Türschwelle der Beifahrertür, Marie schob meinen Rolli nach hinten und packte ihn ins Auto, Klappe zu. Dann stieg sie auf der Fahrerseite ein, zerlegte ihren Rolli, schob den Beifahrersitz nach vorne und lud die Einzelteile auf die Rückbank. Anschließend konnte ich mich auf den Beifahrersitz setzen, Tür zu, Abfahrt.

Marie fuhr auf die Schnellstraße, direkter Weg zu unserem Trainingssee. Doch nach fünf Kilometern bog sie auf die Autobahn ab. Kann man machen, ist aber ein kleiner Umweg. Nur … sie nahm die Auffahrt in die entgegengesetzte Richtung. Ich fragte: „Was machst du denn jetzt? Richtung Lübeck ist falsch, Marie.“ – „Ach du Scheiße. Soll ich wenden?“ – „Auf der Autobahn?“ – „Nachts ist doch kaum einer unterwegs.“ – „Marie!“ – „Was?!“ – „Ich bin nicht lebensmüde. Fahr ordentlich!“ – Sie grinste. – „Und hör auf, mich zu ärgern. Ich war bereits in schönsten Träumen.“

Fünfhundert Meter vor der nächsten Ausfahrt fragte Marie: „Was meinst du, wer gleich alles kommt?“ – „Du musst hier raus, ja?“ – „Also außer uns dreien?“ – „Marie! Wie weit willst du denn jetzt noch in die falsche Richtung fahren?“ – „Ich fahr über das Kreuz Ost, das ist mir sicherer.“ – „Oah, Mädel, da kann man doch nirgendwo abfahren.“ – „So eine schöne Nachtfahrt.“ – Unglaublich.

Als sie auch noch an der Ausfahrt Barsbüttel vorbei fuhr, wo man nun eigentlich wunderbar hätte wenden können, drehte ich mich zu Cathleen um. Die guckte aus dem Fenster und sagte gar nichts. Ich kam mir ein bißchen verarscht vor. Als Marie an der nächsten Ausfahrt auch noch vorbei fuhr, sagte ich: „Wir fahren nicht zum See, oder? Was macht ihr hier mit mir?“ – „Wir fahren zum Schwimmtraining. Vom See war nie die Rede.“

„Okay, wohin fahren wir?“ – „Zum Schwimmtraining.“ – „Okay. Ihr habt irgendwas vor, ich lass mich überraschen. Hat es wenigstens irgendwas mit Schwimmen zu tun oder habe ich mir meine Badesachen umsonst angezogen?“ – „Wir fahren zum Schwimmtraining.“ – Okay, okay, ich bin ja schon ruhig. Wir fuhren die A1 in Richtung Lübeck, dann weiter in Richtung Oldenburg. Außer uns war kaum jemand unterwegs. Ich überlegte: Wollten die beiden mit mir an den Strand? Inzwischen waren wir rund eine Stunde unterwegs. Ich sagte: „Mädels, ich bin ja für jeden Scheiß zu haben, aber ich bin davon ausgegangen, wir fahren mal eben schnell an unseren See. Ich habe also keine Pampers um und auch keine Pampers dabei. Wenn die Fahrt also noch länger dauert, sollten wir zwischendurch mal irgendwo anhalten, damit ich vorsichtshalber nochmal pinkeln kann.“ – „Schaffst du noch eine halbe Stunde? Sag bitte rechtzeitig Bescheid.“

In Oldenburg bogen wir auf eine Bundesstraße in Richtung Kiel ab. Fuhren durch ein paar Orte und plötzlich ging rechts ein kleiner Waldweg ab. Ein aufgeblasener Luftballon hing an einem Baum. Es war stockdunkel. Wären es nicht Marie und Cathleen, die mich entführt hatten, hätte ich spätestens jetzt Panik geschoben. Plötzlich war der Wald zu Ende. Ein Haus stand dort, daneben eine Holzhütte. Ein leerer Parkplatz für etwa 20 Autos tauchte im Scheinwerferlicht auf. Marie fuhr über den Parkplatz. Auf der anderen Seite ging der Weg weiter. Ich sagte: „Wo sind wir hier? Das ist voll unheimlich!“ – „Das ist nicht unheimlich, das ist schön hier!“, antwortete sie grinsend.

Wir fuhren durch einen weiteren kleinen Wald. Man konnte vor Dunkelheit nur sehen, was sich im Lichtkegel vor dem Auto abspielte. Kurz vor Ende dieses zweiten kleinen Wäldchens lehnte jemand an einem Baum. So sah es zumindest aus. Doch, tatsächlich, da stand jemand. Und hatte irgendwas in der Hand. Plötzlich ging derjenige los, stellte sich uns in den Weg und hob ein rotes Licht hoch. Eine Polizeikelle. Super. Marie sagte: „Oh nee.“ – Cathleen fragte: „Was ist?“ – „Die Bullen. Bestimmt ist hier Durchfahrt verboten oder so.“

Marie hielt an und machte das Fenster runter. „Nabend!“ – „Nabend, Herr Wachtmeister. So alleine hier im dunklen Wald?“ – Ich dachte, ich höre nicht richtig. Der Typ sagte: „Im Gegenteil, mein Kollege steht an Ihrer Beifahrertür, falls Sie es noch nicht bemerkt haben. … ist mein Name, wir führen hier eine Verkehrskontrolle durch, machen Sie mal bitte den Motor aus und die Innenbeleuchtung an?“ – „Dazu habe ich eigentlich keine Lust.“ – „Sie tun das, was ich Ihnen sage, Sie befinden sich in einer polizeilichen Maßnahme.“

„Marie!“, fuhr ich sie an. Das musste doch nun wirklich nicht sein. Und wieso kontrollieren die hier im Wald? Suchten die jemanden? Oder war das wirklich ein illegaler Schleichweg? – Der Typ sagte weiter: „Ihren Führerschein und die Zulassungspapiere hätte ich gerne mal gesehen.“ – „Das wollen viele. Was bekomme ich dafür?“, fragte Marie. – Was sollte das?! War sie nicht ganz dicht? – „Marie!“, rief ich nochmal. Sie sagte: „Ich hab die im Handschuhfach, zusammen mit meiner Kalaschnikow.“ – Ey … jetzt fehlte nur noch, dass die die Waffen ziehen und wir uns hier flach auf den Boden legen müssen. Den Typen, der irgendwo im Dunkeln hinter mir stehen müsste, konnte ich nicht sehen. Der Beamte auf Maries Seite legte eine Hand auf seinen Pistolenholster und fragte: „Jetzt mal ohne Blödsinn, junge Frau, das ist nicht witzig. Haben Sie eine Waffe im Fahrzeug?“ – „Ich bin die Waffe!“, sagte Marie.

„Steigen Sie mal bitte aus. Langsam. Okay?“ – Mein Herz raste. Ich sagte: „Marie, spinnst du! Ich habe keine Lust, hier deinetwegen Ärger zu kriegen. Jetzt reiß dich mal zusammen.“ – Marie sagte: „Ich kann nicht aussteigen, meine Tür klemmt.“

Der Polizist sagte: „Okay, dann dürfen Sie weiterfahren.“ – Häh? Was war denn das jetzt für eine Nummer? Marie sagte: „Baby, ich will einen Kuss von dir.“ – Der Polizist beugte sich ins offene Fenster, nahm Maries Kopf in beide Hände, zog sie zu sich ran und drückte ihr ein Küßchen auf die Wange. Dann sagte er: „Kann ich mich jetzt endlich umziehen? Ist das Jule da? Die so verstört guckt?“ – Marie grinste. „Ist sie. Ist mein Papa schon da?“ – „Zelt ist schon alles aufgebaut. Die sind gerade nochmal los und holen noch Leute vom Bus ab.“ – „Alles klar.“

Mir fiel alles aus dem Gesicht. Cathleen saß auf dem Rücksitz und klatschte vor Lachen in die Hände. Ich war so baff, ich schnappte mir Marie, zog ihr Gesicht zu mir ran, sagte: „Du Arschloch!“ und gab ihr einen Kuss. Auf den Mund. Worauf sie antwortete: „Bäh. Darf ich vorstellen? Das ist Uwe. Kollege von Papa. Mein Patenonkel.“ – „Und der stellt sich hier nachts in den Wald und zieht die Show ab, nur um mich zu verarschen?“ – „Klar. Ich hab ihn drum gebeten. Das war seine Viertelstunde.“ – „Viertelstunde?“ – „Wirst du später verstehen.“ – Ich glaub es nicht.

Wir fuhren weiter. Cathleen flippte hinten auf der Rückbank aus, versuchte mich von hinten zu umarmen und rief: „Ich freu mich so, ich freu mich so.“ – Ich begriff nur, dass hier ganz offensichtlich diverse Leute irgendwas ausgeheckt hatten. Wir rollten auf einen Parkplatz. Diverse Autos standen hier. Etliche davon kannte ich. Unter anderem meins, mit dem offenbar Sofie gekommen war.

Der Parkplatz lag direkt hinter einer Düne und hinter der Düne war: Strand! Und die Ostsee. Und ein großes Lagerfeuer in einer großen, festinstallierten Feuerschale. Und ganz viele Leute vom Training und aus meiner WG. Ein befestigter Weg ging bis zum Strand, dahinter waren diverse dickere Platten ausgelegt. „Guten Abend allerseits!“

Nach endloser Begrüßungsrunde kamen noch drei Leute, die Maries Eltern vom Busbahnhof abgeholt hatten. „Können wir jetzt endlich schwimmen gehen?“ – „Wow, machen wir jetzt nachtbaden?“ – „Nacktbaden?“ – „Meinetwegen auch das.“ – „Jule? Ich habe dir ein großes Zelt aufgebaut und innen drin deine Luftmatratze für heute nacht aufgeblasen. Dazu auch noch eine zweite, die du mit ins Wasser nehmen kannst. Meine Viertelstunde“, sagte Maries Papa. Was hatten die alle mit ihrer Viertelstunde? Ich bedankte mich erstmal.

Maries Mama sagte: „Achso. Jule? Ich trag dich ins Wasser rein und hol dich wieder raus. Damit du nicht durch den Sand krabbeln musst. Sooft wie du möchtest.“ – „Okay?!“ – „Meine Viertelstunde. Wenn auch nicht an einem Stück.“ – „Ey, was habt ihr hier alle mit einer Viertelstunde?“ – „Das bekommst du schon noch raus. Einfach beobachten.“ – „Wollen wir jetzt noch schwimmen oder nicht?“

Es waren noch weit über 20 Grad. Die ersten machten sich auf dem Weg zum Wasser. Selbst Marie fing an, durch den Sand zu rutschen. Maries Mutter sagte: „Wir warten noch kurz, bis die am Wasser angekommen sind, okay? Die brauchen ja wesentlich länger.“ – „Und wieso willst du mich jetzt tragen? Und was hat das mit dieser Viertelstunde auf sich?! Das ist hier alles sehr geheimnisvoll.“ – „Das bekommst du schon noch raus. Die anderen können schön krabbeln, du wirst an diesem Wochenende mal getragen. Geht es dir gut?“ – „Ja danke! Ich bin zwar ein wenig verwirrt, aber angenehm verwirrt. Ich komm mir gerade vor, als wenn ich träume.“ – „Das freut mich. Es wird bestimmt lustig.“ – „Ich hab gar kein Handtuch mit. Und keine Schlafsachen. Und keine Pampers.“ – „Wir haben genug Handtücher dabei. Marie hat ein paar T-Shirts mehr mitgenommen. Und Cathleen hat Pampers für dich mit eingepackt.“ – „Das ist echt eine tolle Überraschung.“ – „Ja. Ach und Jule?“ – „Ja?“ – „Du hast in deinem Blog geschrieben, dass dir das unendlich peinlich war. Mit deiner Blase, als ich dich das letzte Mal reingetragen habe.“ – „Ja. Ziemlich. Kann mal wohl sagen.“ – „Kannst du dir da bitte nicht so viele Gedanken machen? Weißt du, wie oft Marie mich schon angepiescht hat in all den Jahren?“ – „Marie ist aber auch ist deine Tochter.“ – „Das stimmt. Aber dich hab ich auch lieb. Mach dich bitte nicht verrückt damit, okay?“ – „Hast du gerade gesagt, du hast mich lieb?“ – „Doch, Jule. Sehr sogar. Hast du das noch nicht gemerkt?“ – „Ja, doch. Nein. Doch.“ – Oah, stotter. Völlig falsche Richtung. – „‚Gern‘ hab ich gemerkt, ‚lieb‘ hab ich noch nie für möglich gehalten. Irgendwie. Vielleicht gewünscht und verdrängt?“ – „Och, Jule. Wieso nie für möglich gehalten? Ich hab dich lieb. Sehr lieb sogar. Ich freue mich natürlich, dass Marie und du so eng befreundet seid, aber ich selbst hab dich auch sehr lieb. Und mein Mann hat dich auch lieb. Der sagt das zwar nicht so direkt, aber wenn man über zwanzig Jahre miteinander verheiratet ist, kennt man seinen Partner.“

Ich schluckte. Das war das erste Mal, dass mir das in den letzten vier Jahren jemand so offen und direkt gesagt hat. Aus der Generation meiner Eltern. Nach meinem Unfall. Nach dem Bruch mit meinen Eltern. Nein, ich sehe die beiden nicht als Elternersatz, so ein Quatsch. Aber darf mich das bitte unheimlich bewegen und sehr berühren, wenn mir jemand, der vom Alter her meine Mutter sein könnte, sagt, dass er mich sehr lieb hat, nachdem der Kontakt zu meinen Eltern zerbrochen ist? Weil sie mich irgendwie wohl nicht mehr lieb hatten? Obwohl ich eigentlich kein anderer Mensch bin? Sorry für diesen Absatz völlig überzogener Sentimentalität.

Zum Glück war es dunkel. Maries Mutter hockte neben mir. „Heulst du? Och Jule, du heulst doch nicht. Was ist denn los mit dir? So kenn ich dich ja gar nicht.“ – „Sorry, ist gerade bißchen viel auf einmal. Ich fang mich gleich wieder.“ – Maries Mutter nahm mich in den Arm und drückte mich. Dann sagte sie: „Ich will mich nirgendwo einmischen, Jule, und nirgendwo zwischendrängen. Aber ich bin auch nicht blind. Wenn ich dir irgendetwas geben kann, was du brauchst und von dem du denkst, dass du es bei mir bekommen kannst, dann scheue dich keine Sekunde, es dir bei mir zu holen, okay?“

„Was meinst du damit? Kannst du mir ein Beispiel geben, woran du denkst? Das kann so vieles bedeuten.“ – „Ist egal, Jule. Irgendwas. Guck mal: Marie -ich weiß, sie wird mich dafür hassen, dass ich das erzähle, aber- Marie kommt fast jeden abend zu mir, legt sich neben mich aufs Sofa und will gekrault und gestreichelt werden. Und wenn ich das eine Viertelstunde gemacht habe, redet sie wie ein Wasserfall. Was sie bedrückt, was ihr Freude macht, womit sie Probleme hat, was sie angestellt hat, worüber sie traurig und worüber sie glücklich ist. Und mit dem Satz, den ich gerade gesagt habe, meinte ich: Würdest du den Kopf auf meinen Schoß legen, würde ich dich auch kraulen und dir zuhören. Okay? Mach daraus, was du willst. Vielleicht möchtest du nicht von mir gekrault werden, aber ich würde auch nachts um drei mit dir auf alle Männer schimpfen, wenn dein Typ mit einer anderen durchgebrannt ist. Oder dir alternativ eine heiße Badewanne einlassen. Ich möchte, dass du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst. Oder zu meinem Mann. Falls es mal etwas gibt, womit du zu Marie oder zu anderen Freunden nicht gehen kannst. Komm bitte nicht auf die Idee und habe irgendeine Scheu oder denke, das müsste dir peinlich sein.“

Sie hielt mich immernoch im Arm. Ich drückte sie fest an mich heran und musste ihr einen Kuss auf die Wange geben. Und bekam postwendend einen zurück. Und mit der flachen Hand über den Hinterkopf gestreichelt. Das klingt vielleicht alles kitschig, aber das tat so gut. Ich habe ganz sicher meine Freundinnen und ich weiß, wie sehr sie mich mögen und wie lieb wir uns haben. Aber Maries Mutter hätte ich in dem Moment am liebsten nicht mehr losgelassen.

Die anderen waren bereits hörbar im Wasser angekommen. Warm sei es. Maries Mutter streckte mir ihren Rücken zu, umfasste meine Kniekehlen, ich umklammerte ihren Oberkörper. Sie hob mich hoch und latschte mir mir im Schein des Lagerfeuers zum Wasser. Es wurde hier wesentlich schneller tiefer als in Scharbeutz und es waren wohl auch mehrere große Steine unter der spiegelglatten Wasseroberfläche. Maries Mutter ging sehr vorsichtig, um nicht zu stolpern. Als sie bauchnabeltief im Wasser war, drehte sie sich um und hockte sich hin, so dass ich zwar von einer Sekunde auf die nächste im Wasser war.

In der Nacht zu Sonntag waren wir insgesamt zu zehnt, schliefen in einem großen und zwei kleinen Igluzelten. Die ganzen Rollifahrer waren in dem großen Zelt. Am Sonntag gingen wir bestimmt vier Mal ins Wasser. Das Wetter war herrlich, am späten Nachmittag fingen die beiden Männer an zu grillen und nach und nach kamen noch weitere Leute aus unserem Sportverein dazu. Auch Frank kam noch dazu.

Und plötzlich erklärte sich dann auch, was es mit dieser Viertelstunde auf sich hatte. „Am Dienstag müssen wir fast alle arbeiten, Jule, und das Wetter soll auch wieder blöder werden. Daher haben wir die Gunst der Stunde genutzt und schenken dir an diesem Wochenende eine große Strandparty, sozusagen zu deinem zwanzigsten. Aber gratulieren werden wir dann alle später. Da man dir mit Geld oder gekauften Geschenken vermutlich nur halbe Freuden macht, haben wir uns überlegt, dass dir jeder mindestens eine Viertelstunde schenkt. Also insgesamt ungefähr zwanzig Viertelstunden. Meine Viertelstunde ist dieser selbstgemachte Nudelsalat, den ich zu deiner Party dazu steuere.“

Tolle Idee! Was gab es noch? Eine Viertelstunde Verwöhnmassage in der Abenddämmerung (die gab es gleich mehrmals und doppelt und nur von Jungs…), selbstgemachte Bowle, selbstmariniertes Fleisch und Salate fürs Buffet – aber auch solche Sachen wie: Ein Inhaltsverzeichnis für meinen Blog. Da hat sich wirklich jemand einige Zeit hingesetzt und über 500 Beiträge geordnet und mit jeweils einem Satz zusammengefasst. Werde ich schnellstmöglich einpflegen, muss technisch noch etwas angepasst werden. Und einiges mehr.

Es war eine sehr tolle Party. Am Sonntagabend sind etliche wieder nach Hause gefahren, einige sind noch bis Montagmittag geblieben. Und bis Dienstag sind dann noch Jana, Cathleen, Marie und Simone geblieben. Anschließend kam Uwe, Maries Patenonkel, noch einmal, um das große Zelt mit abzubauen. Diesmal nicht in Uniform. Und … es war mehr als eine Viertelstunde. Die waren alle so lieb zu mir!!!

Danach war ich froh, wieder festen Boden unter den Rädern zu haben. Und mal wieder mit Seife duschen zu können. Besonders habe ich mich gefreut, dass Ronja und Maria am Sonntag zum Strand gekommen sind. Und für das nächste Wochenende haben sich nun meine beiden Halbschwestern angekündigt. Was für eine aufregende Zeit!

Tränen vor der Tür

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„Wenn ich nachts um halb drei Uhr bei dir vor der Tür stehe, mit Tränen in den Augen – lässt du mich hinein? Wenn ja, bitte liken.“

Solchen oder ähnlichen Blödsinn liest man ja immer wieder in einschlägigen Geschichtsbüchern, und es gibt auch immer wieder Leute, die so etwas teilen und posten. Dabei geht es nur um eins: Derjenige, der das erstmalig online gestellt hat, verdient -was auch immer- an den Likes. Ich behaupte immer frech: Meine Freunde wissen, ob und wann ich für sie da bin und wann ich wen in mein Zimmer lasse.

Dass das doch mal jemand ernsthaft wissen möchte, hatte ich nie für möglich gehalten. Und von daher war ich sehr perplex, als ich vor einigen Wochen eine SMS auf mein Handy bekam, von einer mir nicht bekannten Nummer, die mir genau diese Frage stellte (natürlich ohne das „bitte liken“).

Im ersten Moment, als ich die SMS bekam, wusste ich nicht, ob das ernst gemeint ist. Ich schrieb zurück: „Wer bist du denn?“

Als Antwort kam Sekunden später ein Vor- und Zuname eines 12jährigen Mädchens, das ich (aus meiner Sicht oberflächlich) vom Schwimmen kannte. Sie ist in einer Gruppe vor uns dran, man rollt sich über den Weg, hin und wieder habe ich auch in der Gruppe ausgeholfen. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie mich sehr mochte, wusste aber nicht, warum, denn viele Berührungspunkte hatten wir nicht. Sie fand mich wohl einfach sympathisch. Jedenfalls hat sie mich immer begrüßt und mir bei jeder Gelegenheit auch von sich erzählt. Sie plapperte immer einfach drauf los, erzählte von ihrer Schule, von ihren Schwimmleistungen, von irgendwelchen Untersuchungen, die bei ihr gemacht wurden. Ich habe dann einfach zugehört, viel dazu sagen konnte ich oft nicht. Sie sitzt wegen einer angeborenen Querschnittlähmung im Rollstuhl, besucht eine Gesamtschule, ist recht hübsch, gepflegt, aufgeweckt, teilweise schon kiebig; auffallend schlank, hat dunkle, schulterlange Haare und trägt neuerdings eine feste Zahnspange.

Da ich nicht wusste, ob die SMS wirklich von dem Mädchen kam und ob sie das nur mal so allgemein wissen wollte, um die Tiefe unserer Freundschaft festzustellen oder mich besser einschätzen zu können, fragte ich zurück: „Hast du Kummer?“ – Sie schrieb zurück: „Ziemlich. Hab einen Fehler gemacht. Kannst du mir helfen?“ – „Wie kann ich dir denn helfen?“ – „Weiß nicht. Vielleicht reden?“ – „Klar. Wann denn? Und wo bist du überhaupt?“ – „Vor deiner Tür.“

Die Antwort: „Es ist jetzt aber nicht nachts halb drei, sondern vormittags halb 12!“ sparte ich mir selbstverständlich, guckte aus dem Fenster und sah ein Häufchen Elend auf dem Parkplatz stehen. Keine Verarsche. Ich fuhr nach unten. „Was ist denn passiert? Bist du abgehauen von zu Hause?“

„Aus der Schule. Ich hab gesagt, ich fühl mich nicht und möchte heim. Meine Mutter kommt aber erst um zwei von der Arbeit.“ – War das jetzt schon das Problem? Schule schwänzen? Ich musste es rausfinden. „Wovor hast du solche Angst?“, fragte ich sie.

„Vor meiner Mutter. Aber da kannst du mir nicht helfen, da muss ich alleine durch. Vielleicht hau ich auch ab und geh nie wieder nach Hause.“ – „Soll ich mit deiner Mutter sprechen?“ – „Nein, das bringt nichts. Das macht alles nur noch schlimmer.“ – Ich nahm sie erstmal mit in mein Zimmer. „Was macht deine Mutter denn, dass du solche Angst vor ihr hast?“ – „Sie schimpft und gibt mir Strafe. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Darf ich dich mal was geheimes fragen?“

„Was geheimes?“ – „Ja.“ – „Was ist denn ‚was geheimes‘?“ – „Na was geheimes eben, etwas, worüber man nicht redet.“ – „‚Was intimes‘ meinst du?“ – „Was bedeutet denn ‚intimes‘?“ – „Ja genau das, Dinge die man nur mit sich selbst abmacht und über die man höchstens mal mit der besten Freundin redet.“ – „Ist das normal, wenn man so intime Sachen hat?“ – „Sicher, sowas hat jeder Mensch.“ – „Du auch?“ – „Na klar. Du auch, da bin ich mir sicher. Ich bin zwar sehr offen, auch mit einigen intimen Dingen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Jeder Mensch ist verschieden. Einige ziehen sich vor anderen nackig aus, andere zeigen nicht mal ihren BH. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden.“

„Ist das schlimm, wenn man sehr intim ist?“ – Ich musste mich bemühen, nicht zu grinsen. Ich antwortete: „Jeder Mensch hat eine Intimsphäre, das ist sowas wie ein gedachter, virtueller Raum, in den man alles das packt, was andere Leute nicht wissen sollen. Man kann von anderen Leuten verlangen, dass sie diese Intimsphäre beachten und sie nicht verletzen. Also nicht in diesen Raum eindringen. Das heißt, wenn du nicht möchtest, dass beim Umkleiden einer auf deine Brust schielt oder dich fragt, ob du gerade deine Tage hast, dann sagst du ihm, dass du das nicht möchtest, weil er in deine Intimsphäre eindringt. Und das darf er nicht.“

„Darf meine Mutter denn da eindringen?“, fragte sie. Ich antwortete: „Nein.“ – „Wirklich nicht?“ – „Nein! Deine Intimsphäre müssen auch Eltern respektieren.“ – Sie schluckte. Ich fügte hinzu: „Aber deine Eltern müssen natürlich auch aufpassen, dass es dir gut geht. Deswegen kann es manchmal sein, dass deine Eltern, wenn du dich zu sehr ein-igelst, auch mal unangenehme Fragen stellen. Oft sind Eltern ja sehr beunruhigt, weil sie sich Sorgen machen, dir könnte etwas passieren. Hast du denn das Gefühl, dass deine Mutter in deine Intimsphäre eindringt?“

Sie nickte. Ich fragte weiter: „Und hast du ihr mal gesagt, dass dich das stört?“ – „Nee. Ich wusste ja bis eben nicht mal, dass es so etwas gibt. Und ich glaube, das interessiert sie auch nicht.“ – „Aber wenn es da Probleme gibt, dann kann man ja durchaus mal mit deiner Mutter reden. Und sie darauf hinweisen, dass sie deine Intimsphäre beachten soll, ohne dass man darüber reden muss, was genau dich denn so stört.“

„Was ist denn bei anderen Leuten in dieser Intimsphäre so drin?“ – „Och du, ganz verschiedene Sachen, das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Die meisten Menschen reden nicht gerne über Krankheiten und Behinderungen, über Sexualität, über Nacktheit, über Probleme – innerhalb der Familie, mit Geld – oder so.“ – „Und es darf einen keiner zwingen über Dinge zu reden, die in dieser Intimsphäre drin sind?“ – „Naja, was heißt zwingen. Gerade unter Freunden oder wenn man ein gutes Verhältnis zu den Eltern hat, kann es sehr erleichternd sein, wenn man nicht alles mit sich selbst ausmachen muss, sondern auch mal über etwas Fragen stellen kann. So wie du gerade mit mir über das Thema redest, damit du ein bißchen mehr Ordnung in deine ganzen Gedanken bekommst.“

„Kann ich mit dir auch über solche Sachen reden?“ – „Wenn du zu mir das Vertrauen hast und darüber reden möchtest, klar, warum nicht.“ – „Ich möchte eigentlich über was reden, was aber sehr heftig ist. Eigentlich trau ich mich nicht.“ – „Musst du für dich entscheiden, ob du das willst.“ – „Es gibt doch Menschen, die … naja … die spielen da unten dran rum. Du weißt schon.“ – „Du meinst Selbstbefriedigung, ja die gibt es. Das machen viele Menschen.“ – „Du auch?“ – „Das ist zum Beispiel eine sehr intime Frage gerade. Aber ja, ich auch. Du auch, oder?“ – „Nee, auf keinen Fall.“ – „Okay. Du nicht.“ – „Ja, ich wollte mal fragen, wenn man das macht, also nur wenn, muss man dann mit der Mutter drüber reden oder kann man das auch zu dieser Intimsphäre dazu packen?“

So süß. „Nein, darüber musst du mit deiner Mutter nicht reden. Das kannst du ganz alleine für dich machen, abends im Bett, morgens im Bett, unter der Dusche, wenn du alleine zu Hause bist, das ist egal. Du solltest nur aufpassen, dass andere das nicht sehen, denn viele andere Menschen finden das unangenehm, wenn sie das bei anderen sehen. Und vielleicht hinterher einmal die Hände waschen, das wäre auch noch ganz gut.“

„Ich muss dir was sagen. Ich hab das doch schonmal gemacht. Ein, zwei Mal. Eigentlich wollte ich damit aufhören, aber dann … irgendwie ist das doch so, dass ich das dann wieder mache und immer wenn ich fertig bin denke ich: Das war jetzt das letzte Mal.“ – „Aber warum willst du denn damit aufhören? Mach es doch einfach, wenn du Lust dazu hast.“

„Wahrscheinlich findest du mich jetzt total peinlich und ich finde mich nachher auch total peinlich und jedes Mal, wenn ich dich wieder sehe, würde ich am liebsten vor Scham im Boden versinken.“ – „Ach, jetzt spinn nicht rum. Du bist 12 und ich bin 20. Das ist doch klar, dass du andere Fragen hast als ich. Ich bin sogar sehr überrascht, dass du mit mir darüber sprechen möchtest.“

Ich zog sie zu mir auf den Schoß rüber und nahm sie in den Arm. Sie klammerte sich sofort wie ein Baby an mich. Ohne Blickkontakt fragte sie weiter: „Du hast doch auch einen Querschnitt. Hast du auch eine gelähmte Blase?“ – „Ja. Jeder Querschnitt wirkt sich auch auf die Blase aus.“ – „Siehst du und darüber kann ich eben nicht mit jedem sprechen.“ – „Macht deine Blase Theater dabei?“ – „Ja. Deswegen will ich ja eigentlich aufhören damit.“ – „Kannst du nicht vorher einmal kathetern?“ – „Das mach ich ja schon. Aber manchmal dauert es so eine Stunde oder anderthalb, bis ich fertig bin und dann läuft doch schon wieder was raus. Gerade so kurz vor Schluss hab ich das Gefühl, fühlt sich meine Blase unheimlich gefragt.“

„Und wenn du das beim Duschen machst? Oder in der Badewanne? Da stört das doch keinen.“ – „Doch, meine Mutter. Wenn ich nach zwanzig Minuten nicht aus der Dusche bin, kommt sie rein und sieht nach mir. Und wenn ich dann da sitze und … das geht gar nicht. Und in der Wanne habe ich das schonmal probiert, aber das ist zu glitschig und ich rutsch auch immer weiter runter mit dem Oberkörper, ich kann mich dann nicht halten.“

„Dann ziehst du dir eine Pampers an. Klebst die nicht ganz so eng und … merkt ja keiner, weiß ja keiner. Außer dir.“ – „In der Wanne?!“ – „Im Bett!“ – „Ich darf im Bett keine Pampers anziehen. Meine Mutter sagt, die haben wir abgeschafft, die gibt es nur noch, wenn ich meine Medikamente mal nicht nehmen kann.“ – „Merkt sie das?“ – „Ja klar, ich komm ja nicht mal dran. Ich müsste sie fragen und alles erklären. Das mach ich nicht und das würde sie auch nicht mitmachen.“

„Und so Zellstoffunterlagen?“ – „Darf ich auch nicht. Ich habe nur so ein Stecklaken, aber das ist halt nur für den Notfall wenn es schief geht und muss gewaschen werden.“ – „Und wenn du dann hin und wieder mal einen Notfall hast?“ – „Das geht nicht. Dann schleppt sie mich zum Arzt oder weckt mich alle zwei Stunden nachts zum Klogang. Ich hab mir die letzten Male immer so zwei oder drei Waschlappen aus dem Bad mitgenommen und eine Mülltüte und dann daraus was gebastelt und drunter gelegt. Und gestern abend hat es halt nicht funktioniert und … meine Mutter hat heute morgen den Fleck gesehen und ist völlig ausgetickt. Wie das angehen kann, da oben, wenn sonst alles trocken ist, was ich da gemacht habe, und so weiter. Heute morgen war keine Zeit, aber sie hat gesagt, heute mittag reden wir darüber. Und was das heißt, weiß ich schon. Jule, ich will nicht nach Hause. Ich hab solche Angst.“

„Och Mädel, das ist ja fürchterlich. Meinst du nicht, dass deine Mutter weiß, was du tust?“ – Sie überlegte. Zuckte mit den Schultern. – „Bestimmt weiß sie das. Deine Mutter ist doch auch nicht dumm. Sie weiß doch, dass du Sexualität entwickelst und dann auch entdecken möchtest. Das machen doch alle Kinder, wenn sie erwachsen werden. Und ich meine, sie musste akzeptieren, dass du nicht normal auf Klo gehen kannst, dass du nicht laufen kannst, dass du ständig zu Kontrolluntersuchungen musst – dann wird sie doch auch akzeptieren, dass es bei dir etwas anders ist und du da einfach auch Freiräume brauchst, in denen sie absolut nichts zu suchen hat. Soll ich nicht doch mal mit ihr reden?“

„Nein, mir ist das so peinlich, wenn sie weiß, was ich da mache.“ – „Aber sie weiß es. Mütter wissen das, das ist völlig normal. Sie weiß vielleicht nicht, ob du jetzt so weit bist oder in drei Monaten, aber willst du sie anlügen, wenn sie dich fragt, wo der Fleck hergekommen ist? Willst du das ewig verheimlichen? Irgendwann kommt das sowieso raus.“ – „Ich schäme mich so.“ – „Mädel, du wirst erwachsen! Dafür muss man sich nicht schämen.“

Ich umarmte sie noch fester. „Soll Sofie mit ihr reden? Sofie ist Psychologin, die kriegt das hin.“ – Sie zuckte mit den Schultern. – „Sofie und ich zusammen? Wir bringen dich nach Hause und reden zuerst mit deiner Mutter. Ich bin mir sicher, sie kriegt das hin.“ – „Und wenn nicht, dann nehmt ihr mich wieder mit?“

Ich redete mit Sofie, die beiden lernten sich kennen, das Mädel war am Ende einverstanden. Wir fuhren zur Mutter, die begrüßte uns sehr freundlich und bat uns herein, mich kannte sie vom Sehen, Sofie nicht. Sie sah ihre Tochter und die erste Frage war: „Hast du geweint?“ – Bevor sie antworten konnte, sagte Sofie: „Frau …, lassen Sie Ihre Tochter mal in ihr Zimmer, ich möchte gerne mal mit Ihnen reden.“

Die Mutter war ziemlich überrumpelt, bat uns ins Wohnzimmer. „Frau …, mein Name ist Sofie …, ich bin Diplom-Psychologin und wohne mit Jule zusammen in einem Haus. Ihre Tochter und Jule kennen sich aus dem Sportverein. Frau …, Ihrer Tochter geht es sehr schlecht. Nicht körperlich, aber psychisch. Sie hat einen sehr guten und sehr erwachsenen Schritt getan und sich Hilfe geholt. Deshalb bin ich hier.“

Die Mutter schluckte. „Wie kommen Sie darauf, dass es ihr schlecht gehen könnte?“ – „Es ist für Ihre Tochter nicht greifbar und für Sie als Angehörige, die sie täglich sieht und schleichende Veränderungen nicht so schnell wahrnimmt wie jemand von außen, nur schwer zu erkennen. Hinzu kommt, dass Sie als Mutter ein ganz intensives Verhältnis haben und den sehnlichsten Wunsch, dass es Ihrer Tochter gut gehen möge. Sie ist nicht zu Jule gekommen, weil sie glaubt, ein Problem mit Ihnen oder mit sich selbst zu haben, sondern weil sie sich in einer ausweglosen Situation sieht. Ihr 12jähriger Kopf ist noch zu klein, um selbst eine Lösung zu erarbeiten. Sie braucht Hilfe. Von Ihnen.“

„Was ist denn los? Wie kann ich ihr helfen? Sie soll von mir jede Hilfe bekommen, die ich ihr geben kann. Sie hat von mir immer jede Hilfe bekommen, die ich ihr geben konnte.“ – „Frau …, es ist aus unserer Erwachsenensicht nichts dramatisches. Aber aus der Sicht eines 12jährigen Kindes und den Umständen zu Hause, wie Ihre Tochter sie subjektiv wahrnimmt – ich betone: subjektiv wahrnimmt -, ergibt sich für Ihre Tochter ein unlösbares Problem: Ihre Tochter wird erwachsen.“

„Ich verstehe nicht. Was meinen Sie? Ihre Tage hat sie bereits, seit sie 10 ist. Sehr früh, aber normal für Kinder mit Spina bifida, sagte der Kinderarzt.“ – „Ihre Tochter entwickelt ihre Sexualität. Und damit ist nicht gemeint, dass sie ihre Tage bekommt oder Kinder zeugen könnte, damit ist der gesamte Prozess im Kopf gemeint. Und dazu gehört, dass sie Schamgefühle entwickelt, eine Intimsphäre braucht, Rückzugsräume, Möglichkeiten, alleine zu sein und vor allem ihren Körper kennen zu lernen. Einen behinderten Körper, der so völlig anders ist, über den es kaum Literatur gibt, über den es in der Öffentlichkeit viele Tabus gibt, der vieles schwierig macht – ich habe selbst Spina bifida und weiß sehr genau, wovon ich spreche.“

„Sie erwischen mich gerade im luftleeren Raum.“ – „Ich möchte nur eins: Bitte machen Sie sich klar, dass Sie Ihre Sexualität nicht mit Ihrer Mutter besprechen. Zumindest haben Sie das nicht getan, als Sie jünger waren.“ – „Heute nicht mal, das wäre unvorstellbar für mich, ihr mein Sexualleben zu erzählen.“ – „Verlangen Sie es nicht von Ihrer Tochter. Und seien Sie hierbei hochsensibel. Kinder legen einen anderen Maßstab an als Erwachsene.“ – „Ich steh ein wenig auf dem Schlauch. Was genau braucht sie von mir? Was mache ich falsch? Was schlagen Sie vor?“

„Ihre Tochter braucht einen Rahmen, in dem sie ihre Sexualität ausleben kann, ohne dass sie sich dafür rechtfertigen muss. Damit meine ich nicht, dass sie hier irgendwelche Freunde oder Freundinnen anschleppt, mit denen sie ins Bett geht, man lebt ja schließlich unter einem Dach und kann Rücksichtnahme erwarten. Und mit 12 fände ich das auch viel zu früh. Nein, ich meine, dass ihre Tochter, sollte sie den Wunsch haben, sich zu befriedigen, ein einschlägiges Buch zu lesen, nackt zu schlafen, was auch immer … dann sollte sie das tun können, ohne dass Sie sich dafür rechtfertigen muss. Das heißt: Rückzugsräume. Wenn sie zwei Stunden duschen will, duscht sie eben zwei Stunden. Wenn „bitte nicht stören“ an der Zimmertür hängt, stört da keiner. Natürlich muss es eine Ordnung geben, es kann nicht sein, dass Sie morgens nicht zur Arbeit kommen, weil die Dusche zwei Stunden belegt ist. Aber Sie helfen Ihrer Tochter, wenn sie nicht nach 20 Minuten reinplatzen um nachzuschauen, ob sie noch lebt. So hat das meine Mutter immer gemacht und es gab Zeiten, da wollte ich da nicht nur duschen.“

„Da muss ich an mir arbeiten. Da muss ich wirklich an mir arbeiten. Da habe ich nie drüber nachgedacht. Ist sie denn schon so weit? Sicher, wenn sie ihre Tage bekommt, ach ich Rindviech.“ – „Ob Ihre Tochter sich jemals selbst befriedigen möchte, weiß ich nicht. Sie werden ihr dabei aber nicht helfen können und nicht helfen sollen. Das muss sie alleine regeln.“ – „Na sicher.“ – „Sie hat aber drei Aufgaben, andere Jugendliche nur eine. Ihre Tochter muss nicht nur den richtigen Dreh finden, sondern auch noch den auf ihren teilweise gelähmten Körper angepassten Dreh und, ganz wichtig, sie muss dabei auch noch ihre Blase in den Griff bekommen, die nämlich, wenn man den Intimbereich stimuliert, gerne mal auf sich aufmerksam macht.“ – Schluck. – „Es ist in Ihrem Interesse, Ihrer Tochter hierfür ohne große Kommentare Zellstoffunterlagen, Pampers oder was auch immer zur Verfügung zu stellen, damit sie für sich einen Weg findet, mit dem auch Sie leben können. Welcher Weg das ist, das werden Sie nie erfahren. Damit müssen Sie leben. Wie gesagt, Sie reden auch nicht mit Dritten über Ihre Sexualität.“

„Scheiße, ich glaube, ich habe alles verkehrt gemacht, was man nur verkehrt machen konnte.“ – „Nein, Sie haben alles richtig gemacht, Sie haben eine wunderbare Tochter. Es gibt nur Momente im Leben, wo man mal Weichen stellen muss, und wenn Ihre Tochter vor so einer Weiche steht, die sie selbst nicht stellen kann und sich dann, wenn auch eher unbeabsichtigt, Hilfe holt, dann haben Sie alles richtig gemacht. Sie können Ihrer Tochter vertrauen. Geben Sie ihr Freiräume, aber begrenzen Sie sie auch sinnvoll, damit sie nach wie vor Halt hat und Grenzen respektiert. Zum Beispiel, indem man ihr sagt, dass man sich nicht in ihre Sexualität einmischt, aber dafür auch jede Menge Vertrauen aufbringt. Und loslässt, was Eltern immer sehr schwer fällt. Auch dafür wird sie Verständnis haben. Dass man glaubt, dass sie verhütet, dass sie bei Problemen sich sofort Hilfe holt und dass sie fragt, bevor hier Leute übernachten. Das müssen Sie individuell schauen – gehen Sie es langsam an.“

„Ich hätte es merken müssen. Wie lange beißt sie denn schon an diesem Problem rum? Wochen? Monate? Jahre? Ich hätte das wirklich merken müssen. Mir dämmert gerade einiges. Hat Sie Ihnen von dem Drama heute morgen erzählt? Mit dem nassen Bett?“ – „Mir nicht“, sagte Sofie, ohne dabei gelogen zu haben. Konnte aber eins und eins spontan zusammen zählen und sagte: „Aber genau das meine ich. Ich schätze Ihre Tochter so ein, dass ihr sehr daran gelegen ist, keinen unnötigen Schweinkram zu veranstalten. Also ziehen Sie da eine wasserdichte Unterlage unters Laken und geben ihr die Chance, selbst dafür zu sorgen, dass was auch immer sie da macht, ohne Drama stattfinden kann.“

Die Mutter saß auf dem Sofa und klopfte sich mit der Faust mindestens ein halbes Dutzend Mal an die Stirn. „Argh. Das ist so peinlich. Ich hab das echt verdrängt. Das tut mir so leid. Was mach ich denn jetzt bloß?“ – „Sie haben bisher wahrscheinlich gar nichts falsch gemacht, es muss eben nur jetzt eine Entscheidung her. Aus Sicht eines Kindes haben Sie als leitende, erwachsene Mutter diese Entscheidung viel zu lange veschleppt. Auch wenn Sie keine Schuld trifft, beginnen Sie beschwichtigend und mit einer Entschuldigung. Sagen Sie ihr, dass es Ihnen Leid tut. Sagen Sie ihr, dass Sie für sie da sind und stellen Sie Ihre Kommunikation sukzessive um. Nicht mehr Sie geben vor, was für Ihre Tochter gut ist, sondern lassen Sie Ihre Tochter äußern, was sie möchte. Und dann denken Sie nach, schlafen bei Bedarf eine Nacht drüber und schlagen einen Kompromiss vor. Ihre Tochter muss insbesondere ihre Sexualität alleine organisieren. Sie können nur Hilfe anbieten. Es kann aber auch sein, dass sie sich die Hilfe woanders herholt.“

Warum schreibe ich darüber? Ich habe an dem Abend, an dem das passiert ist, von der 12jährigen eine lange SMS bekommen, in der sie sagte, ich solle Sofie ganz doll danken, ihre Mutter sei wie ausgewechselt. So verständnisvoll sei sie seit 12 Jahren nicht gewesen. Sie wollte wissen, ob ich ihr noch böse bin, wegen des „Überfalls“.

„So ein Quatsch“, habe ich geantwortet, „ich war nie böse. Es ist okay.“ – Die Mutter schrieb mir ebenfalls in den Tagen danach eine sehr positive Mail, in der sie sich, ich glaube, vier Mal bedankt hat. Sie schrieb von „kleine Leute, kleine Sorgen; große Leute, große Sorgen“. Dass das nicht so gelte, dass ihr aber deutlich geworden ist, dass die Herausforderungen, die sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ergeben würden, inzwischen eine andere Qualität hätten. Nicht im negativen Sinne, sondern rein inhaltlich. Das Gespräch habe bei ihr einen Knoten platzen lassen, der ihr plötzlich einen neuen Zugang zu ihrer Tochter geschaffen hätte. Es habe einfach ein Baustein gefehlt.

Die 12jährige meinte, dass sie es gut fände, wenn ich darüber in meinem Blog schreiben würde. Sie kannte meinen Blog bis zu dem Besuch nicht, ich habe ihr den Link gegeben, in erster Linie, um ihr die Fragen zu beantworten, die sie nicht stellt. Sie meint: Es gibt bestimmt noch ganz viele andere Töchter und Söhne in ihrem Alter mit einer Behinderung, die genau die gleichen Probleme haben. Und die einfach mal eine Idee bekommen, wie es weiter gehen kann. Mit dem Einverständnis der Mutter schreibe ich nun darüber – allerdings ohne einen Namen zu nennen. Und nein, es gäbe mehrere Möglichkeiten, wer das sein könnte. Es geht um den Inhalt, nicht um die handelnden Personen. Manchmal muss die Neugier auch mal unbefriedigt bleiben.

Die Mutter hat den Text nur in Teilen bekommen und gelesen. Sie meinte, da auch das Gespräch zwischen mir und ihrer Tochter aus dem Text hervor gehe, möchte sie das nicht lesen. Sie vertraue mir und ihrer Tochter, dass alle mit einem blauen Auge davon kämen.

Mit der Einschätzung, es könnte noch andere Leute geben, hat die Tochter nicht ganz Unrecht. Eine, Nele, lernte ich im Frühjahr 2010 kennen. Es gibt noch sporadischen Kontakt zwischen ihr und mir, sie muss derzeit viel für die Schule lernen und kommt daher nicht mehr zum Sport. Aber sie sagt, es gehe ihr gut und eines Tages sei sie wieder dabei.

Minus mal minus und ein Truthahn

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Seit heute habe ich endlich wieder ein Auto und ich hoffe, dieses Mal hält es etwas länger. Ich durfte es heute um kurz vor Feierabend abholen, als letzte Handlung des Autohauses sozusagen. Man war so freundlich und hatte mich noch dazwischen geschoben, eigentlich sollte es erst Freitag fertig sein.

Als ich dann etwas aufgeregt den Zündschlüssel in der Hand hielt und mir bei geöffneter Fahrertür auf dem Fahrersitz sitzend alles erstmal anschaute, kam ein Typ in Jeans und Sakko, braungebrannt, Halbglatze, Brille, an meine Tür. Den Dialog möchte ich unbedingt verewigt haben:

„Guten Abend!“

„Guten Abend!“

„Na, fahren Sie gleich noch vom Hof oder wollen Sie das Auto verkaufen?“

„Nee, ich bin gleich weg.“

„Neues Auto?“

„Ja. Sieht gut aus, oder?“

„Naja, ich würde mir eher den Scirocco kaufen als so einen Truthahn. Können Sie überhaupt Auto fahren? Ich meine wegen dem Rollstuhl? Wie geben Sie denn Gas?“

„Mit der Hand. Das Auto ist umgebaut.“

„Achso. So ein Umbau ist bestimmt sehr teuer.“

„Och, das geht eigentlich. Diese Geräte gibt es inzwischen auch in Serie und ab Werk.“

„Und? Hat Papa bezahlt? Oder das Amt?“

„Nee, hat Tochter selbst bezahlt.“

„Ah, Tochter hat früh geerbt.“

„Nee, Tochter wurde umgenietet und hat deshalb eine Menge Kohle gekriegt. Und um von A nach B zu kommen, kauft sie sich ein Auto. Und damit sie auch noch eine Freundin im Rolli mitkriegt, kauft sie sich einen Truthahn und keinen Scirocco.“

„Und sind die heutigen Zeiten nun schlechter oder besser? Als ich in Ihrem Alter war, haben wir uns einen alten Golf geholt für 600 Mark und den aufpoliert. Wenn da was kaputt ging, wurde das nicht gleich so teuer. Hätte es ein guter Gebrauchter nicht auch getan? Das ist doch nur eine Frage der Zeit bis da die erste Schramme drin ist. Gerade bei Frauen.“

„Bitte?“

„Naja, ich kenn das von meiner Frau, die nimmt auch immer jede Kurve zu eng und semmelt alles um. Wie lange haben Sie jetzt den Führerschein?“

„Seit drei Jahren. Und bisher habe ich noch keinen Unfall verschuldet. Und auch keine Schramme.“

„Aber Sie hatten schon einen. Unfall. Und glauben Sie nicht, Sie hätten daran keine Schuld. Jeder Unfallbeteiligte trägt eine gewisse Teilschuld, auch wenn er freigesprochen wird. Das ist einfach so.“

„Naja, das letzte Auto parkte, als ein Lkw dort reinkrachte.“

„Ja, vermutlich mit einem Hinterrad auf der Fahrbahn oder so.“

„Nee, zufällig nicht.“

„Frauen können nicht parken. Das ist einfach so. Und Behinderte sollten auch nicht Auto fahren. Das ist auch einfach so. Nicht ohne Grund hat man zwei Hände am Lenkrad und zwei Beine an den Pedalen. Sowas kann nicht gut gehen. Heißt ja auch schon Pe-da-le. Hatten Sie Latein?“

„Kann sein.“

„Nun seien Sie nicht gleich zickig. Ich habe einfach meine Erfahrungen gemacht und mir meine Meinung gebildet. Dass Sie eine andere Meinung haben, ist mir klar. Jede Frau glaubt, sie könne Auto fahren. Aber Frauen können es nunmal nicht.“

„Behinderte Frauen können das. Minus mal Minus ergibt nämlich Plus. Schönen Abend noch.“

Tür zu. Nett lächeln und vom Hof fahren… So ein Arschloch. Und nun noch zu den erfreulichen Dingen: Das Auto ist genial. Man soll ja auf den ersten 1.000 Kilometern nicht so viel Gas geben und nur mäßig beschleunigen, aber was ich bisher mitgekriegt habe, ist der Hammer. Die Zwei-Liter-Maschine mit DSG-Getriebe ist ein Traum. Das Ding schnurrt wie ein Kätzchen (trotz Diesel) und hat gerade im unteren Drehzahlbereich eine ungeahnte Durchzugskraft. Schaltet extrem früh hoch (fährt auf ebener Strecke bei 60 schon im 6. Gang) und verbraucht, wenn man bei 60 mit Tempomat auf gerader Strecke fährt laut Anzeige niedliche 2,6 Liter auf 100 km.

Eine Freundin, die die gleiche Motorisierung in ihrem Touran hat, sagt, dass sie bei sparsamer Fahrweise selbst im Stadtverkehr nicht über 6 Liter kommt. Sofie fielen fast die Augen raus, ihr alter Passat hat zwischen 12 und 15 Liter Super verbraucht, vor allem durch die 4-Stufen-Automatik.

Nee, ich bin bisher sehr zufrieden. Endlich wieder ein Auto!