Liebend getan

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Vielleicht hat der Eine oder die Andere gedacht, dass ich heute ein Gyrosbaguette essen würde. Und lag damit richtig. Allerdings nicht dort, wo sich die Crew, die mich vor zehn Jahren von der Straße gekratzt hat, am Tag meines Unfalls ihr Gyrosbaguette geholt hat. Denn den griechischen Imbiss gibt es nicht mehr. Und auch „meine“ Notärztin, die mich vor zehn Jahren im Heli begleitete und vermutet hatte, dass ich meine Verletzungen nicht überleben werde, gibt es leider nicht mehr. Sie ist, wie ich gestern erfuhr, im September letzten Jahres verstorben.

Warum, wieso, weshalb, weiß ich nicht. So alt, dass man damit rechnen müsste, war sie noch nicht. Sie hat mich in meinen gesundheitlich schwersten Minuten begleitet und korrekt behandelt. Ohne sie wäre ich vermutlich tot. Und trotzdem kannte ich sie nicht wirklich. Ich habe sie, einerseits aus einer Schüchternheit heraus, andererseits aus großem Interesse mal gefragt, warum sie Ärztin geworden ist. Sie hat geantwortet: „Aus Liebe.“ – Sie war eine „Institution“ für mich, keine Bekannte oder Freundin. Die Nachricht schockt mich, auch noch am heutigen „Tag danach“, extrem. Ich habe mit vielem gerechnet, dass sie mal versetzt werden könnte, inzwischen vielleicht gekündigt hat, woanders arbeitet – aber nicht mit ihrem Tod. Das berührt mich gerade sehr, und das nimmt mich emotional auch gerade sehr mit. Ich habe bereits einige Tränen vergossen. Es kam, zugegebenermaßen, höchst unerwartet.

Zehn Jahre ist der Unfall jetzt her. Zehn Jahre Querschnittlähmung. Sie sind vergangen wie im Flug. Ich hatte überwiegend eine schöne Zeit, wenngleich ich gerade in den letzten drei Jahren einige Erfahrungen gemacht habe, von denen ich noch nicht vollständig verstanden habe, wofür sie gut sein werden. Ich merke aber, dass mich diese Erfahrungen sehr viel gelassener, vorausschauender, kritischer und vor allem selbstbewusster gemacht haben. Und dass ich sehr viel über Menschen gelernt habe. Viele Eigenschaften, die mir bis dahin fremd waren, und die ich an mir sofort ändern würde, sind offenbar sehr verbreitet.

Ich bin früher eher still gewesen. Nicht schüchtern, aber ich mochte es nicht, wenn mich Menschen ansprachen. Wenn mich jemand nach dem Weg fragte, konnte ich darauf reagieren, die Uhrzeit bekam ich auch immer zusammen. Aber mit dummen Sprüchen bin ich früher eher selten konfrontiert worden. Das hat sich, seit ich im Rollstuhl fahre, enorm geändert. Eigentlich täglich sprechen mich in der Öffentlichkeit Menschen an. Gerade heute im Supermarkt wollte ebenfalls eine wildfremde Frau von mir wissen, ob ich eine Querschnittlähmung hätte. Zwischen dem Erdbeerregal und der Salatbar. Und sie erzählte mir, ohne dass ich es wissen wollte und während ich mein Gemüse zusammensuchte, dass sie mit einem sehr berühmten Ernährungsprogramm zwanzig Kilo abgenommen hat und dass sie es nicht mag, wenn Menschen mit ihren Handys laut im Supermarkt telefonieren.

Auch bin ich früher kein großes sportliches Licht gewesen. Heute habe ich eine gewisse Trainingsdisziplin, den Ehrgeiz, etwas schaffen zu wollen, und ich habe auch eine vergleichbar gute Kondition. Oft, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, und ja, es können auch mal 100 Stück oder sogar noch mehr in einer Trainingszeit sein, sind Menschen davon fasziniert. Und dann denke ich oft: Leute, wenn ihr zehn Jahre das Schwimmen ohne Beine trainiert, würdet ihr das mindestens genauso gut können. Andererseits ist diese Bewunderung, die diese Menschen dann äußern, auch eine gewisse Motivation für mich. Offenbar trauen sie es sich dann doch nicht zu, sich am Schopf zu packen und sich einfach verbessern zu wollen.

Ich hatte früher, und auch dieses Thema wird oft angesprochen, auch von wildfremden Menschen, die dann aber meistens keine Antwort von mir bekommen, keinen Sex. Vor meinem Unfall habe ich mich nicht einmal selbst befriedigt. Klar, Busen hatte ich schon, Regel auch schon lange, aber sexuelle Bedürfnisse? Die waren einfach nie so ausgeprägt, dass ich sie gezielt befriedigen wollte oder sogar musste. Nach meinem Unfall war ich sehr neugierig, was geht und was ich empfinde. Und vielleicht ist das sogar sehr gut gewesen, weil ich so etwas dazubekommen habe, anstatt dass mir etwas weggenommen wurde.

An anderer Stelle wurde mir sehr viel weggenommen. Meine früheren Freunde, meine Eltern. Aber auch hier habe ich etwas dazu gewonnen: Marie mit ihrer Familie, einzelne Menschen, die ich im Blog nicht (mehr) erwähne, und auf die ich mich verlassen kann.

Ich weiß nicht, wie ich den Kreis schließen soll. Ich könnte jetzt noch ganz viel schreiben, um am Ende dieses Beitrags noch einmal zu meiner Heli-Ärztin zu kommen. Ich habe ihre Traueranzeige im Internet gesucht und gefunden. Ihre Urne wurde weit weg von Hamburg begraben, vermutlich an ihrem Geburtsort. Ihre beiden Eltern haben die Anzeige aufgegeben. Sie trägt einen Trauerspruch von Horatius Bonar (schottischer Geistlicher aus dem 19. Jahrhundert): „Nimmer vergeht, was Du liebend getan.“

Handbikes und Autos

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Es passiert leider immer wieder. Ich rede schreibe von Unfällen zwischen Handbikern, insbesondere Rennbikern, und motorisierten Fahrzeugen. Gerade wieder mit tödlichen Folgen: Vorgestern wurde im Raum Siegen, das liegt rund 70 Kilometer östlich von Köln, ein 52 Jahre alter Rennbike-Fahrer von einem abbiegenden Auto erwischt. Er erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen. Ein zweiter Rennbiker wich aus, stürzte und verletzte sich schwer. Die beiden befuhren innerhalb einer geschlossenen Ortschaft einen so genannten Schutzstreifen, also einen von der allgemeinen Fahrbahn durch eine durchgezogene Linie abgeteilten Radweg. Der Pkw war vor der Kollision nach links auf ein Fabrikgelände abgebogen und hatte die beiden entgegenkommenden Rennbiker dabei vermutlich übersehen.

Ich habe die beiden verunfallten Kollegen nicht persönlich gekannt. Mit welcher Geschwindigkeit die beiden auf der Straße, die an dieser Stelle bergab geht, unterwegs waren, kann ich auch nicht sagen. Beide hatten ein Fähnchen am Bike, also ein auf rund zwei Meter Höhe stehendes leuchtendrotes Flatterding an einer flexiblen Plastikstange, das den anderen Verkehrsteilnehmern signalisieren soll, dass da noch jemand auf rund einem halben Meter Höhe über der Fahrbahn schwebt. Ob sie einen Helm auf dem Kopf hatten, weiß ich auch nicht. Ob die Sonne geblendet hat, auch nicht. Ich möchte insgesamt nicht spekulieren und die Unfallauswertung der zuständigen Behörde überlassen. Ich bin nur sehr erschrocken und alarmiert angesichts der Häufigkeit dieser Unfälle. Mal wieder. Es gibt keinen aus der Szene, der nicht mindestens einen tödlich verunfallten Kollegen kennt, und der nicht mindestens von drei bis fünf zum Glück glimpflicher verlaufenen Kollisionen mit Autos weiß. Und das liegt nicht nur daran, dass die Handbike-Szene eng vernetzt ist.

Ich selbst kenne eine Handbikerin aus Hamburg, die wirklich sehr umsichtig und vorsichtig fährt. Die auch seit vielen (ich glaube 30) Jahren einen Pkw-Führerschein hat, die aber auch regelmäßig auf der Straße trainiert und dabei bereits mehrere Unfälle mit Autos hatte. Zum Glück ist nie mehr passiert als gebrochene Knochen. Der letzte Crash hat sie ein Jahr lang außer Gefecht gesetzt.

Angesichts solcher Erfahrungen lehne ich es nach wie vor strikt ab, mit meinem Rennbike auf einer öffentliche Straße im fließenden Verkehr zu fahren. Das ist mir einfach zu gefährlich. Die Leute sehen dich auch mit 20 flatternden Fähnchen und Warnweste nicht. Sie rechnen auch nicht damit, dass da jemand in der Höhe mit 20, 30 oder sogar 40 km/h angeschossen kommt. Ich muss eigentlich immer und ständig in alle Richtungen Blickkontakt haben. Und dabei kann ich eben nicht trainieren. Ich muss darauf vertrauen können, dass die Leute hinter mir und die, die meinen Weg kreuzen, mich gesehen haben. Und das kann ich einfach nicht. Von daher trainiere ich nicht im fließenden Straßenverkehr – auch wenn immer wieder behauptet wird, dass man so „nicht richtig“ trainieren könne – und bin bisher zum Glück von Unfällen verschont geblieben.

Schon als Radfahrer nützt es mir nichts, wenn ich hinterher sagen kann: „Der Autofahrer hatte Schuld.“ – Als Rennbikefahrer (also liegend) habe ich gute Chancen, dass ich einen Crash, den ein Radfahrer noch einigermaßen glimpflich übersteht, nicht überlebe. Ich habe schon, als ich mich vor einem Jahr kritisch über das Thema äußerte, einige Dresche bezogen. Ich kann es aber trotzdem nur wiederholen und werde weiterhin an meine Kolleginnen und Kollegen appellieren: Trainiert nicht im fließenden Straßenverkehr! Auch nicht in Ermangelung einer gesicherten Trainingsstrecke.

Ich habe am Studienort auch neu überlegen und Karten studieren, viel ausprobieren müssen. Und es ist auch noch nicht alles optimal. Aber es gibt Strecken, auf denen man mit Autoverkehr kaum zu rechnen hat. Oder ihn zumindest schon von Weitem sieht, ihn nicht kreuzen muss. Und wenn doch, dann muss man an dieser Stelle eben anhalten, das Training unterbrechen und abwarten, bis entweder alles frei ist oder alle einen gesehen haben. Solange die Straßen hauptsächtlich für motorisierte zweispurige Kraftfahrzeuge ausgelegt sind, geht es meiner Meinung nach nicht anders.

Ich wünsche dem verletzten Kollegen gute Besserung und der hinterbliebenen Familie mein Beileid.

Neue Kraft für eine neue Saison

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Der Sport hat mich aus einem der tiefsten seelischen Tiefs meines Lebens geholt. Das ist jetzt fünf Jahre, sieben Monate und ein paar Zerdrückte her. Über den Sport habe ich die ersten Kontakte zur Rollstuhl-Szene gefunden. Der Sport hat meinem Leben nach dem Unfall einen ersten Sinn gegeben. Ohne den Sport wäre ich heute nicht da, wo ich heute bin.

Dennoch habe ich mich am letzten Samstag nach einem sehr langen persönlichen Gespräch dazu entschieden, ab dem kommenden Jahr neue Wege zu gehen rollen. Die Gründe dafür waren weniger, dass ich aktuell nicht in Hamburg bin, schließlich komme ich ja zurück, sondern mehr, dass meine Vorstellungen vom organisierten Sport aktuell nicht mehr mit der örtlichen Realität unter einen Hut zu bringen sind.

Das soll nicht heißen, dass ich keinen Sport mehr machen möchte. Im Gegenteil, ich freue mich schon auf den ersten Triathlon-Wettkampf im neuen Jahr und nutze die Winterzeit eifrig für Training. Sondern das soll heißen, dass ich mich voerst nicht mehr in dem Umfang für gemeinsame Ziele einbringe, wie ich es einst versucht habe. Ich werde in dieser Hinsicht egoistischer und kümmere mich erstmal um mich.

Denn mein Engagement für andere Menschen im Sport scheint trotz bestem Willen zu lästig geworden zu sein. Ich habe wahrgenommen, sobald ich unerwünschte Fragen gestellt oder allzu kritisch kommentiert hatte, war es mit der Sachlichkeit vorbei. Vielleicht muss ich mir tatsächlich vorwerfen lassen, dass mir eine schriftliche Auseinandersetzung mit einer Sache mehr liegt und weniger emotional gelingt als eine mündliche, und ich insofern für persönliche Gespräche am Ende nicht mehr zur Verfügung stand. Vielleicht muss ich mir ebenfalls vorwerfen lassen, wegen der Probleme mit meiner Mutter nicht so offen mit meinen persönlichen Daten umzugehen wie es andere Menschen machen – politisches Engagement aus einer bestehenden Deckung heraus kann tatsächlich schwierig sein. Auch ich mache Fehler, auch ich lerne dazu.

Ich habe gehofft, etwas Gutes tun und etwas Besseres erreichen zu können. Es hat Kraft gekostet. Diese Kraft werde ich künftig anders einsetzen. Für mich. Und für meine Freunde, die meine Kraft und meine Gutmütigkeit teilen möchten.

Ich bin sehr froh, keinen Mannschaftssport zu treiben. Und im Triathlon auch am neuen Studienort so gut aufgestellt zu sein, dass der Schritt meine sportliche Laufbahn kaum beeinflussen wird. Ich habe allerdings auch dazugelernt und rechtzeitig persönliche Erfahrungen gemacht, die mich vor noch größeren Enttäuschungen bewahrt haben. So kann ich meine Energie anders verwenden und nach dem Winter mit neuer Kraft in eine neue Saison starten.

Eins noch: Ich führe hier für mich ein Tagebuch. Nicht mehr und nicht weniger. Ich führe es öffentlich, weil ich Menschen an meinem Leben, an meinen Gedanken und an meinen Träumen teilhaben lassen möchte. Ich wünsche mir allerdings von keinem Leser irgendeinen Aktionismus in dieser Sache. So aufgeheizt, wie die Stimmung hier ist, schadet das im Moment nur den Menschen, die mich jahrelang unterstützt haben. Und das wäre keineswegs in meinem Sinne.

Ohne Unterhose im Kettenkarussell

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Ich gehöre zu den Menschen, die ihr Handy nachts lautlos stellen. Wenn ich gefragt werde, warum, erzähle ich immer die Geschichte aus einem Trainingslager, als ich mit einer anderen jungen Frau aus Niedersachsen in einem Zimmer schlief. Beziehungsweise: Sie schlief, alle anderen waren wach. Weil alle anderen im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass ein technisches Gerät nachts in einer Tour irgendwelche Geräusche von sich gibt. So ein leises, diskretes „Plopp“ oder „Klack“ kann ich auch noch überhören, aber spätestens, wenn das Ding ganze Melodien pfeift oder irgendwelche Alltagsgeräusche immitiert, bin ich hellwach. Besagtes Handy der Niedersachsin konnte Autohupe, rülpsendes Kind, Rasierapparat, Steinzeittelefon und mit den Stimmen prominenter Comedians schwachsinnige Dialoge rufen. Nachdem diverse Schlafhungrige wegen eines Whatsapp-Dialogfeuers zunehmend den Eindruck bekamen, ein Hochzeitskonvoi hätte sich in unserem Schlafzimmer zum Probehupen versammelt, und sämtliches Gerede nichts brachte, weil die Niedersachsin trotz inzwischen wieder tagheller Beleuchtung bereits tief und fest schlummerte, krabbelte Cathleen wieder aus ihrem Bett, schnappte sich das Ding und sperrte es, nachdem sich wegen einer Tastensperre nichts einstellen ließ, kurzerhand in ein Handtuch und eine Mülltüte gewickelt im Kosmetikeimer im Bad ein. Dann war Ruhe – und uns blieb auch die Kuhherde erspart, die für nächsten Morgen als Weckton eingestellt war. Nicht nur Männer können verspielt sein. Über chronisch defizitäre persönliche Aufmerksamkeit möchte ich wegen eines einzigen muhenden Handys noch nicht nachdenken …

Okay. Ich gehöre also zu den Menschen, die ihr Handy nachts lautlos stellen. Und damit habe ich erst relativ spät mitbekommen, dass mir mein Angehimmelter mit dem knackigen Po geantwortet hat. Und so, wie ich es nicht erwartet hätte: „Bin zufällig gerade zum Trainieren in Hamburg. Vielleicht trainieren wir zusammen? Melde dich bei mir!“

So schnell war ich noch nie so wach. Die SMS war vor zwei Stunden abgesendet worden. Eigentlich war ich mit Marie und Cathleen verabredet, tatsächlich zum Handbiken. Also zum Trainieren. Möglicherweise würden noch weitere Leute dazu kommen. Vielleicht hatte er sich auch bereits zuvor verabredet und mehrere Kollegen dabei? Keine gute Ausgangslage für ein Stelldichein, und Speed-Dating konnte irgendwie nicht in meinem Interesse sein.

Marie meinte: „Wenn er alleine ist, kannst du ihm ja eine andere Strecke vorschlagen. Dann trainiere ich mit Cathleen und den anderen ohne dich. Und falls er mit mehreren Leuten hier ist, muss sich das irgendwie ergeben. Oder du lädst ihn hinterher noch irgendwohin ein.“

Ziemlich schnell klärte sich, dass er alleine trainiert. Das kleine Männchen in meinem Kopf ermahnte mich: „Jule, er wird nicht deinetwegen alleine hierher gekommen sein, er hatte das sowieso vor und deine SMS kam genau im richtigen Moment. Also nutze die Chance, aber interpretiere nicht zuviel hinein.“ – Marie sagte: „Dann wünsche ich euch viel Spaß!“ – Ich fragte: „Und das ist jetzt okay für dich, dass ich unsere Verabredung zum Training so spontan absage?“ – „Ich hätte dich zwar gerne dabei gehabt, aber dein Rendezvous geht eindeutig vor. Hast du Kondome dabei?“ – „Ähm, was?“ – „Soll ich meine Mutter fragen, ob sie welche hat? Ich habe im Moment keine hier.“ – „Das fehlte noch.“ – „Wieso?“ – „Ich frag deine Mutter doch nicht nach Kondomen!“ – „Nein, ich frag sie.“ – „‚Hast du mal Kondome für Jule?‘ Wie peinlich ist das denn bitte?“ – „Gar nicht. Ich bezweifel aber, dass sie welche hat.“ – „Ich kaufe welche. Ich glaube aber nicht mal, dass ich heute welche brauche.“ – „Sicher ist sicher. Kauf welche. Und werd bloß nicht rot dabei.“ – „Deine Sorgen möchte ich haben!“

In einer Stunde wollten wir uns treffen. War ich aufgeregt! So aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Mein Gesicht glühte. Nochmal rasieren? Ja, und bloß nicht schneiden. Klamotten packen. Was ziehe ich zum Training an? Wieso ist das so kalt? Wieso brauche ich lange Kleidung, wo ich so schön sonnengebräunt bin? Soll ich wirklich noch Kondome kaufen? Besser ist das. Gibt es die im Supermarkt um die Ecke?

Tatsächlich gab es die dort. In allen möglichen Farben und Geschmacksrichtungen. Kiwi-Banane? Bah, pfui. Ich entschied mich für ein geschmacks- und farbneutrales niedersächsisches Markenprodukt mit fast einhundertjähriger Tradition – haltbar waren sie auch noch ein paar Jahre. Dann konnte ja nichts schief gehen, selbst falls der Akt mal etwas länger dauert. Der Laden war leer, ich war die Einzige an der Kasse. Die Kassiererin musterte mich. Ich nahm schonmal mein Portmonee in die Hand. Die Kassiererin musterte mich weiter. Würde ich nicht im Rollstuhl sitzen, könnte man denken, ich hätte vier Eiterpickel und mindestens einen Popel im Gesicht. Die Kassiererin, eine Frau, geschätzt auf Mitte bis Ende Fünfzig, starrte mich weiter an. Ich dachte mir: „Frollein, gibt es hier jetzt irgendein Problem? Siehst du zum ersten Mal in deinem Leben eine Packung Kondome? Habt ihr die Dinger neu im Sortiment? Oder übersteigt es deinen Horizont, dass Behinderte ficken und dabei keine Kinder zeugen und auch keine Krankheiten übertragen wollen? Zieh die Packung über den Scanner, nimm mein Geld, und dann ist gut.“

Vielleicht sollte ich ihr auch nur ein einfaches „Ist was!?“ vor den Kopf knallen. Ach nee, das klischeebehaftete Denken findet ja wieder nur in meinem Kopf statt. Ich entschied mich, gar nichts zu sagen, nahm einen 10-Euro-Schein und legte ihn neben der Kondompackung auf den Kassentisch. Müsste ich noch erwähnen, dass ich die Packung jetzt gerne kaufen möchte? Sie musterte die Packung, guckte mich erneut an. „Haben Sie gefunden, wonach Sie suchen?“, fragte sie mich. Grinste sie? Tatsächlich, sie grinste. Ich antwortete: „Ja, vielen Dank. Was macht das bitte?“ – „Sieben neunundsiebzig.“ – „Zehn Euro habe ich Ihnen dort schon hingelegt.“ – „Ja, bitte immer erst geben, wenn der Kassiervorgang abgeschlossen ist, das könnte sonst ins Laufband geraten oder ein Windzug weht es weg.“ – „Ja, gewiss.“ – „Und zwei einundzwanzig zurück. Und den Bon dazu. Brauchen Sie eine Tüte?“

Hatte ich jetzt gerade nicht schon genug Tüten gekauft? Immerhin fragte sie nicht, ob sie mir die Kondome hinten rein stecken soll. In den Rucksack natürlich. Ich schüttelte den Kopf und nahm den Rucksack von meiner Rückenlehne, um die Packung dort zu verstauen. Sie sagte: „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und ganz viel Spaß, bei was auch immer Sie noch vorhaben.“ – „Danke.“ – „Das Wetter lädt ja quasi so richtig zu einem Schmusenachmittag auf der Couch ein. Ich wünschte, ich wäre nochmal so jung wie Sie.“ – Oh. Mein. Gott. Ich lächelte einmal freundlich in ihre Richtung. Das hätte ich besser gelassen. „Darf ich Sie mal was fragen?“, wollte sie wissen.

Was nun wohl kommt. Warum kann ich nicht mal eine Packung Kondome kaufen, ohne in Gespräche verwickelt zu werden? Will sie jetzt wissen, ob ich lieber oben oder lieber unten liege? Oder ob es trotz Behinderung mit dem Sex noch klappt? Oder ob ich richtig feucht werde? Oder ob mein Partner auch im Rollstuhl sitzt? Bevor ich zu Ende denken und mir passende Antworten zurechtlegen konnte, fragte sie leise über den Kassentisch: „Ich habe immer gedacht, wenn man im Rollstuhl sitzt, kann man keine Kinder mehr bekommen.“

Ach daher wehte der Wind. Deshalb das lange Anstarren und Überlegen, bevor sie die Packung über den Scanner gezogen hat. Wollte ich mit einer wildfremden Frau dieses Gespräch führen? Hatte sie eine Suchmaschine zu Hause, die ihr die Frage beantworten könnte? Wenn ich jetzt behaupte, ich hätte es eilig, was auch stimmte, würde das so aussehen, als sei ich verlegen. Das ging gar nicht. Also machte ich sie diskret darauf aufmerksam, dass sie sich gerade komplett daneben benahm, und sagte mit leiser Stimme: „Ach Sie meinen wegen der Kondome? Die sind gar nicht für mich. Die muss ich meiner Zimmernachbarin im Pflegeheim mitbringen. Die ist schon weit über 90 und nicht mehr so gut zu Fuß. Schönen Tag noch. Ein hübsches Halstuch haben Sie da!“

Nichts wie raus. Nicht mehr umdrehen. Draußen konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Und nun direkt zu meinem Angehimmelten mit dem Knackpo. Er wartete schon auf mich, obwohl ich zwei Minuten vor dem verabredeten Termin am verabredeten Ort eintraf. Umgezogen war er auch schon. Ich hielt am Straßenrand, ließ das Fenster runter. Er kam zum Fenster. Ich sagte: „Guten Tag, der Herr!“ – „Guten Tag, junge Dame! Schönes Auto haben Sie da. Neu? Geklaut?“ – „Geklaut. Aber bitte nicht petzen. Du bist ja schon umgezogen.“ – „Ja, in zwei Minuten ist Trainingsbeginn, etwas mehr Disziplin bitte, ja?“ – „Wie lange bist du denn schon hier?“ – „Zehn Minuten ungefähr.“ – „Dann beeil ich mich und dann können wir gleich los.“ – „Keinen Stress.“ – „Kannst du schonmal mein Bike hinten rausholen? Dann kann ich so nach hinten krabbeln und mich dort eben umziehen. Das geht im Liegen einfacher.“ – „Klar, ist hinten offen?“ – Ich drückte auf den Knopf für die Zentralverriegelung. „Jetzt ja.“

Während er mein Rennbike aus dem Kofferraum holte, krabbelte ich nach hinten auf die Ladefläche. „Ich mach dann hier erstmal wieder zu, dann kannst du dich in Ruhe umziehen“, sagte er, warf die Klappe ins Schloss. Ich konnte ihn genau beobachten, aber durch die schwarz getönten hinteren Scheiben sollte er mich eigentlich nicht erkennen können. Das war mir erstmal ganz recht, denn es gab da so zwei Dinge, die er nicht unbedingt sehen sollte, bevor wir unser erstes Date hatten. Erstens fahre ich natürlich nicht ohne Pampers Auto. Auch wenn die noch völlig trocken war und er einen medizinischen Beruf hat (oder bald hat), würde es dafür mit Sicherheit einen besser geeigneten Moment geben. Zum Trainieren musste sie auf jeden Fall ab, sonst scheuert man sich wund. Und dann wäre es vielleicht ganz gut, nach dem Frühstück nochmal zu pinkeln? Ein Einmalkatheter mit Beutel empfinde ich als die hygienischste Lösung. Zellstoffunterlage drunter, da ich im Auto keine Hände waschen konnte, sterile Handschuhe an, Spiegel in die richtige Position. Guckt jemand außer mir? Nö. Mein Angehimmelter war fasziniert von meinem Rennbike. Also Katheter durch die Harnröhre, vierhundert Milliliter plätschern in den Beutel, rausziehen, fertig. Dank Ventil bleiben die da auch drin. Den ganzen Müll in eine undurchsichtige Tüte hinter den Beifahrersitz, Einteiler an, Heckklappe auf: „Na, überlegst du, auf Handbiken umzusteigen?“ – „Cooles Teil. Habe ich noch nie so eingehend begucken können. Ich bin wirklich gespannt.“ – „Kannst du das Gefährt mal bis hierher schieben, dass ich mich rübersetzen kann, ohne dafür erst meinen Alltagsstuhl ausladen zu müssen? Und machst du mir mal bitte den Reißverschluss am Rücken zu?“

Er guckte mich an. Und konnte sich den Kommentar natürlich nicht verkneifen: „Fesch!“ – „Ja, ich dachte mir, kurze Hose wird zu kalt. Ich strampel ja nicht mit den Beinen.“ – „Ist das ein Stück?“ – „Ja, sonst rutscht die Hose während der Fahrt und Bauarbeiterdekoltee bei Frauen finde ich nun alles andere als sexy. Schon gar nicht, wenn ich das nicht merke. Weil kein Gefühl da. Du verstehst?“ – „Ich verstehe. Wo kann man sowas kaufen?“ – „Keine Ahnung, wir haben die alle mal über einen Sponsor bekommen. Du kannst halt nichts gebrauchen, was in die Räder oder in die Kette gerät und beim Triathlon fährst du ja auch noch Rennrolli, und dann muss es an den Armen auch eng anliegen. Ich zieh aber gleich noch ein Shirt drüber, dass ich nicht ganz so wie eine Pellwurst aussehe.“ – „Du siehst nicht wie eine Pellwurst aus. Das ist halt sehr körperbetont und dein Körper ist ja nun alles andere als unansehnlich.“ – Lechz. Mehr Komplimente. Alle zu mir, bitte. Ich sagte: „Bevor du auf den nächsten Kilometern nun mehrmals vom Weg abkommst und ich dich retten musst, verhülle ich das lieber noch etwas.“ – „Das ist fies von dir, schließlich verhülle ich meinen Popo auch nicht.“

Er streckte mir die Zunge raus. „Deinen Popo sehe ich aber nur, wenn ich hinter dir her fahre. Ich werde aber vor dir herfahren, weil ich schneller bin als du.“ – „Jaja.“ – „‚Jaja heißt ‚leck mich am Arsch‘ und soweit sind wir noch nicht.“ – „Noch nicht? Was hast du denn noch so vor?“ – „Schaun wir mal. Erstmal Radfahren. Können wir endlich los?“ – „Du kommst doch nicht in die Hufe. Ich bin schon seit zehn Minuten abfahrtsbereit.“

Wir mussten um ein paar Kurven, rund zehn Minuten, gut zum Aufwärmen. Dann waren wir an der Trainingsstrecke angekommen: Ein Damm, für Autos gesperrt, gut asphaltiert, verläuft kilometerweit zwischen Wiesen und Feldern, teilweise durch Wälder. Relativ windgeschützt. Hin und wieder kreuzt er Straßen, auf denen Autos kommen, so dass man eventuell stoppen muss. Ansonsten: Freie Fahrt. Ich drehte auf. Grundgeschwindigkeit 30 km/h. Warf oben vom kleinsten auf das mittlere der drei Kettenblätter um. Das größte kann ich nur bei Bergabfahrten ab 45 km/h richtig gebrauchen. Ich fragte: „Wenn ich jetzt mit meiner Freundin trainieren würde, würden wir uns pro Kilometer um 2 km/h steigern, bis wir bei 40 sind. Und dann drei, vier Sprints mit jeweils 40 bis 45 über einen Kilometer, dann einen Kilometer Erholung bei 30 km/h. Wäre das auch was für dich oder hast du einen anderen Vorschlag?“ – „Alter Schwede. Ich weiß nicht warum, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir heute überhaupt über 30 kommen. Ich habe mit 20 bis 25 gerechnet und bergab bis 35. Sorry. Nein, das machen wir. Dann gib mal Gas.“

Auf den ersten drei Kilometern kamen uns vier Autos verbotenerweise entgegen. Ich musste wegen meiner Breite jedes Mal fast bis zum Stillstand anhalten. Aber dann klappte alles. Ich kann nun nicht behaupten, dass mein Angehimmelter außer Atem kam, aber ins Schwitzen kam er schon. Ein Handbike ist leider wesentlich träger als ein Mountainbike. Soll heißen: Um aus dem Stillstand wieder auf 30 zu kommen, tritt er fünf Mal kräftig in die Pedale, während ich acht Gänge mühsam ausfahren muss. Das eine dauert zehn Sekunden, das andere zwei Minuten. Es war sehr lustig. Er fand die Strecke toll, ich schwitzte trotz eher kühler Luft wie bei einem Saunabesuch. Und während ich mich ziemlich verausgabt habe, schien er zwar gut gefordert, aber noch lange nicht müde zu sein. Etliche Male durfte ich seinen knackigen Po von hinten sehen, vor allem dann, wenn wir nicht zu zweit nebeneinander fahren konnten. Nach 24 Kilometern waren wir wieder an den Autos angekommen. Es begann gerade zu tröpfeln. Eine gute Stunde waren wir unterwegs.

„Und nun? Eine Runde schwimmen im See? Abkühlen? Statt Dusche?“, fragte ich. Er antwortete: „Ich habe keine Badesachen dabei.“ – „Was für Badesachen? Gleich so rein! Ein Handtuch habe ich für dich.“ – „Ähm. Ja. Klar. Okay. Dann mal los. Wie kommst du da rein?“ – „Entweder trägst du mich oder ich hole meinen Alltagsstuhl aus dem Auto.“ – „Bekomme ich dich getragen?“ – „Ich wiege mehr als ein Zentner. Aber nur knapp mehr. Wobei man mit so einer Angabe ja aufpassen muss. Ich meine ‚Pfund‘ als Basiseinheit, nicht Kilogramm.“ – „Fünfzig Kilo krieg ich wohl auf den Arm.“ – „Dann ohne Rolli.“ Ich klammerte mich um seinen Hals, er trug mich vor seinem Bauch. Etwas geschwitzt hatte er aber auch. Zum Glück. Er trödelte an der Wasserkante herum. „Guck mal, eine Ringelnatter. Oder?“ – „Wo?“ – „Da. Oder was ist das?“ – Ich konnte die aus dieser Position kaum erkennen. Aber es schien eine solche zu sein, die sich am Rande des Sees durch den Sand ringelte. Er ging langsam bis zu den Knien rein. „Soll ich dich mal fallenlassen?“, grinste er.

„Wehe“, funkelte ich ihn an. Das wurde sowieso noch lustig, denn der Baggersee hatte unterwasser stellenweise richtig steile Uferabbrüche. Dass er schwimmen kann, wusste ich, von daher machte ich mich darauf gefasst, irgendwann mit ihm abzurutschen. Ich spürte das kalte Wasser gerade an meinem Rücken, als er ins Leere trat. Boa, war das arschkalt geworden. Vor zwei Wochen hatte der See noch 26 Grad. Mein ganzer Körper zog sich zusammen, meine Beine spackten wild in der Gegend rum. Ich schwamm zwei, drei Züge, um ihn nicht aus Versehen zu treten. Ich wusste, die Spastik würde gleich wieder vorbei sein. Hauptsache, mein Darm lässt sich davon nicht anstecken. Kacken wäre jetzt nicht ganz so sexy. Wir schwammen um die Wette, spritzten uns nass, tauchten uns gegenseitig unter, dann wurde es relativ schnell kalt. Er trug mich wieder zum Auto. „Setz mich erstmal auf die Erde. Handtücher liegen da lose an der Seite.“

Er setzte mich auf ein Handtuch auf die Ladekante, ich zog mich nackt aus, wickelte mich in ein Handtuch ein, rubbelte mit einem anderen meine Haare trocken. Und guckte. Ja, die Chance lasse ich mir doch nicht entgehen. Natürlich glotzte ich nicht. Aber sehen konnte ich trotzdem alles, was ich sehen wollte. „Lecker. Jetzt gleich? Hier im Auto?“, dachte ich mir. „Könnte sofort losgehen“, dachte ich weiter und spürte mein Herz schneller schlagen. Sah man mir das an? Meinen Augen vielleicht? Sabberte ich schon? Er zog sich an. Hatte vorhin die inzwischen nasse Radhose unter seiner Jeans gehabt und … die Unterhose vergessen. Und war im Begriff, ohne eine solche in seine Jeans zu steigen. „Das ist mir gerade ein bißchen peinlich“, meinte er. Ich antwortete: „Ich finde das gerade ziemlich scharf.“ – „Was, keine Short drunter?“ – Ich nickte. Er sagte: „Ich dachte, das ist eher so ein heimlicher Männertraum. Die Frau, die nichts drunter hat.“ – „Träumst du davon?“ – „Och, reizvoll finde ich das schon.“ – Ehrlich ist er schonmal. Und dann: „Du meinst, dann kommt mein Knackpo besser zur Geltung?“ – „Och, vorne sitzt es gerade auch nicht schlecht“, rutschte es mir halb unbeabsichtigt raus. Eigentlich müsste er spätestens jetzt mal was gemerkt haben.

Er lachte. „Du bist ja eine. Sitzst nackt auf der Ladekante und baggerst, was das Zeug hält. Ist dir nicht kalt? Willst du dir nichts anziehen?“ – Sollte ich jetzt nochmal plump andeuten, dass ich dachte, er würde mich wärmen? Nein. Das wäre nicht gut. Ich entschied mich für: „Doch, doch, es ist gerade so spannend anzuschauen.“ – „Hast du keinen Freund?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Sagen wir mal so: Ich bin gerade intensiv auf der Suche.“ – So. Noch deutlicher ging es kaum. Fand ich. Es war aber noch nicht deutlich genug. Entweder wollte er nicht oder er war schwer von Begriff. Oder sehr zurückhaltend. Oder überrascht. Jetzt hieß es abwarten. Er zog sich weiter an. Ich zog mich auch an. Er guckte mir zu. So halb unauffällig. Aber er hatte Interesse. In BH und Top fragte ich ihn: „Hast du noch ein wenig Zeit?“ – „Klar.“ – „Wollen wir aufs Volksfest?“ – „Aufs Volksfest?“ – „Nicht?“ – „Ich war seit mindestens zehn Jahren nicht mehr auf dem Volksfest!“ – „Dann wird es doch mal wieder Zeit, oder?“ – „Könnte man so sehen. Ja. Warum nicht!“

„Okay. Und das ist mir jetzt etwas peinlich. Aber ich werde mich jetzt für das Volksfest untenrum lieber gut einpacken. Gelähmte Blasen flippen im Karussell gerne mal aus.“ – „Okay?!“ – „Ja, nicht besonders sexy, ich weiß. Aber besser als nasse Hosen.“ – „Du, kein Problem. Ich bin nur überrascht. Ich habe gelernt, dass man das mit Medikamenten, Botox und chirurgischen Lösungen vollständig in den Griff bekommen kann.“ – „Bei uns war es noch nicht dran im Studium, aber gerade bei inkompletten oder nicht ganz kompletten Querschnitten ist das nicht so einfach. Mich machen die Medikamente so knülle, dass ich nicht mehr Auto fahren kann, doppelt sehe und all so Zeugs. Oder ich müsste davon weniger nehmen, dann bringen sie aber nichts. Und Botox kommt mir nicht ohne große Not in den Körper. Genauso wenig will ich chirurgisches Geschnibbel.“ – „Ja, du, deine Sache. Ich finde es nur interessant, weil man im Studium was ganz anderes vermittelt bekommt.“ – „Bei einigen klappt das halt sehr gut, bei anderen weniger gut und bei einigen überhaupt nicht. Ich habe das eigentlich recht gut im Griff, da passiert eigentlich nur selten was. Aber wenn sowas im Auto oder unterwegs passiert, ist die Sauerei halt enorm groß. Das vermeide ich gerne.“ – „Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen. Ich bin nur gerade etwas durcheinander. Ich habe Windeln bisher immer mit Kindern und dementen alten Menschen in Verbindung gebracht. Es war für mich bis eben ein Zeichen von absoluter Hilflosigkeit und Schwäche. Allerdings sind das zwei Eigenschaften, die so gar nicht zu dir passen. Ich muss da erstmal neu sortieren. ‚Umparken‘, wie man neuerdings sagt.“ – „Ich hoffe, du sortierst jetzt nicht meine Eigenschaften neu.“ – „Quatsch. Ich finde diese Diskrepanz zwischen der Realität und meinen Gedanken nur gerade sehr … sehr … faszinierend irgendwie.“

Merke: Er findet mich faszinierend. Irgendwie. Irgendwie ist das schonmal ein Anfang. Auf dem Volksfest hat er gelernt, dass mein normales Rollitempo sein Laufschritt ist. Was natürlich nicht heißt, dass er nur gerannt ist. Sondern dass ich für ihn langsam fahre. Und dass eine Querschnittlähmung kein Grund ist, nicht in der Frisbee mitzufahren. Okay, Kettenkarussell musste auch sein, weil man sich da während der Fahrt so schön anfassen kann, und im Dancer sowie der Riesenkrake kann man sich wunderbar an den starken Mann anlehnen, gerade wenn man keine Rumpfkontrolle hat und ganz schön durchgewirbelt wird. Er hat mich überall rein- und wieder rausgetragen. Drei Mal habe ich ihm mit meinem Dankeschön einen Kuss auf die Wange gegeben, als er mich wieder in den Rolli setzte. Und am Ende einmal zum Abschied. Die Kondome habe ich nicht gebraucht. Aber wir wollen uns bald wieder treffen. Ich bin gespannt. Und heiß auf ihn. Immernoch. Und irgendwie auch verknallt. Und hach ja, das ist ein schönes Gefühl. Ein sehr schönes.

Dass er meinen Blog liest, muss ich übrigens eher nicht befürchten. Er ist ein Gegner von kommerzieller Standortbestimmung, mobilem Internet und ähnlichem. Hat kein Smartphone, sondern noch ein Tastenhandy mit Prepaidkarte aus dem Supermarkt. Dass ich blogge, weiß er. Was ich dort blogge, auch. Darüber haben wir schon früher mal gesprochen. Er fand es spannend, meinte aber, es sei nichts für ihn. „Ich lese sowas nicht. Mir reicht, wenn ich auf der Arbeit die halbe Zeit vor der Flimmerkiste sitzen muss. Und mich mit den Tücken drahtloser Röntgenbild-Übertragung rumärgern muss.“ – „Darf ich in meinem Online-Blog auch über unseren heutigen Tag schreiben? Über unser Training, über das Volksfest, über dich?“ – „Solange da nicht mein Name steht oder irgendwelche Fotos auftauchen, kannst du von mir aus auch schreiben, dass ich ohne Unterhose im Kettenkarussell gesessen habe.“ – Okay. Hab ich jetzt. Geschrieben.