Wohlfühlsauna

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Ich bin weder krank noch gestorben. Nur leider habe ich im Moment sehr wenig Zeit, um mich intensiv mit dem Fehler zu beschäftigen, der immer wieder verhindert, dass ich Beiträge posten kann. Verschiedene Dinge, die mir von verschiedenen Leserinnen und Lesern empfohlen worden waren, haben leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Aber ich probiere weiter. Meistens klappt es ja sonntags abends. Ich bin zuversichtlich, nachdem ich in der letzten Woche unterwegs war und diese Chance verpasst hatte.

Heute war ich zwar auch unterwegs, aber nicht so lange. Ich war mit Steffi erneut in der Sauna. Es war erneut sehr schön und sehr entspannt, wir waren beide sehr happy und auch eine längere Zeitlang ziemlich albern. Nicht übermütig, aber dennoch so, dass ein älterer Mann, geschätzt um die 70, uns ansprach. Er hielt uns die Tür zu einem Bistro auf, dann sagte er: „Wissen Sie, warum ich hierhin immer wieder gerne komme?“

Ich verneinte und er sagte dann: „Weil Sie hier sind.“

Ich guckte Steffi an, Steffi runzelte kaum sichtbar die Stirn und ich überlegte, ob ich antworten und somit nachfragen sollte. Ich entschloss mich, das zu tun: „Aber wir sind nur sehr selten hier und wenn ich das richtig sehe, kennen wir uns gar nicht.“

Er antwortete: „Ich meinte damit auch nicht Sie persönlich, sondern ‚Sie‘ im Sinne von behinderten Menschen. Wenn hier behinderte Menschen kommen und sich wohlfühlen, dann gibt es mir das Gefühl, dass auch ich als alter Mann hier willkommen bin. Ich meine damit, dass ich weiß, dass behinderte Menschen eher ausgeschlossen werdem als alte Menschen. Und wenn sich behinderte Menschen wohl fühlen, darf auch ich mich wohlfühlen.“

Steffi bedankte sich für das Aufhalten der Tür und fuhr davon. Und ich? Ich muss jetzt damit leben, eine Rechtfertigung für einen alten Mann zu sein, sich in der Sauna wohlzufühlen…

Dringender Reformbedarf

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Die Sozialhilfe soll ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Sie steht in der Regel an letzter Stelle, ist also fast immer nachrangig. Die Gewährung von Sozialhilfe setzt immer eine Bedürftigkeit voraus. Wer sich selbst helfen kann, muss sich auch selbst helfen. Ein eigenes Einkommen ist muss verwendet werden, bevor Sozialhilfe gezahlt wird. Gleiches gilt für Vermögen, für das Einkommen des Ehemannes, unterhaltspflichtiger Kinder und Eltern.

Für Leistungen zur Sicherung des Grundbedarfs, einer persönlichen Existenz, klingt das logisch. Aber insbesondere durch Steffi, die Assistenzleistungen, die sie eigentlich bräuchte und die sie auch bewilligt bekäme, nicht in Anspruch nimmt, um sich aus eigenen Mitteln ein Auto und einen Jahresurlaub zu finanzieren, habe ich in den letzten Tagen sehr viel nachgedacht und mir einige Fragen gestellt, deren Antworten ich nicht kenne und deren Antworten ich auch nicht neutral ermitteln kann, denn meine Meinung ist pro Steffi gefärbt.

Ich frage mich wirklich ernsthaft, ob es angemessen ist, von einem Menschen, der täglich Pflege und Assistenz in einem Umfang benötigt, wie er nicht (mehr) durch die Pflegeversicherung abgedeckt ist, zu verlangen, diese Leistungen selbst zu bezahlen. Oder sie von Ehepartnern, Kindern oder Eltern bezahlen zu lassen. Dabei rede ich nicht von Wahl- und Zusatzleistungen, sondern von Grundleistungen zur Sicherung eines menschenwürdigen Lebens. Ich frage mich auch, ob es korrekt ist, hier von Sozialhilfe zu sprechen.

Ist es wirklich gerecht, dass ein Mensch, der so schwer pflegebedürftig ist, dass die Mittel aus der Pflegeversicherung nicht reichen, für seine Pflege mit eigenem Geld aufkommen muss? Gibt es einen Unterschied zu der Behandlung akuter Krankheiten, wo ja auch nicht nach der Schwere oder den Kosten unterschieden wird?

Aktuell liegt der Freibetrag, den jemand, der trotz Assistenzbedarf einen Job hat, auf dem Sparbuch haben darf, bei 2.600 €. Sobald ein Euro mehr auf dem Sparbuch ist, muss man für Kosten, die über der maximalen monatlichen Leistung der Pflegeversicherung benötigt werden, und für Assistenzleistungen selbst aufkommen. Damit ist klar: Familien, in denen ein Mitglied hohen Pflege- oder Assistenzbedarf hat, haben ein Leben lang nur das Nötigste zum Leben und niemals Geld auf dem Sparbuch. Ist das gerecht?

Heiratet mich jemand, wenn ich Assistenzbedarf habe? Würde es sich, wenn ich Pflege- oder Assistenzbedarf hätte, überhaupt lohnen, einen Beruf zu lernen oder zu studieren? Mich dort anzustrengen, um die Karriereleiter hochzuklettern? Brauchen wir überhaupt die Bemühungen, auch Menschen mit Einschränkungen auf Regelschulen zu beschulen und sie in vernünftige Jobs zu bringen, wenn sie mitunter am Ende das Geld, das sie verdienen, doch nur für ihre Pflege verwenden? Bringt das was?

Ich frage mich ernsthaft, ob sich hinter diesem Thema nicht auch eine Chance verbirgt, etwas für die Wirtschaft zu tun. So gut verdienen Assistenz- und Pflegekräfte nicht, dass zu befürchten ist, dass sie Geld unter der Matratze oder im Ausland horten. Also geben sie es aus – das ist doch genau das, was unsere Politik möchte, oder? Und bei der Gelegenheit werden eben nicht nur ein paar neue Bahnhöfe gebaut, sondern Menschen leben in Würde.

Ich weiß nicht, ob man bei dieser Leistung einen Freibetrag braucht. Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet. Aber eines sagt mir der gesunde Menschenverstand: Der Staat, wir alle, haben nicht einen Cent mehr zur Verfügung, wenn jemand wie Stefanie auf Assistenz verzichtet, weil da mehr als 2.600 € auf dem Konto sind. Und was auch sehr wundert: Selbst bei Hartz IV (Arbeitslosengeld II) gibt es erheblich höhere Freibeträge.

Wie schon gesagt, meine Meinung ist gefärbt. Aber ich sehe hier einen dringenden Reformbedarf.

Macht es mir was aus?

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Gestern war ich noch einmal mit der quotenbehinderten Steffi in der Therme und es war noch einmal sehr schön. Wir haben uns erneut gut unterhalten über sehr viele verschiedene Themen und es war so ein vertrautes Verhältnis zwischen uns beiden, dass es mir so vorkam, als würden wir uns schon viele Jahre kennen. Es haben mich aber einige Dinge erneut sehr nachdenklich gestimmt und mich auch überlegen lassen, wie es mir wohl gehen würde, wenn mich nach meinem Unfall niemand an die Hand genommen und mir gezeigt hätte, wie man im Rollstuhl, mit einer körperlichen Einschränkung, zurecht kommt. Wie man die Hilfe bekommt, die man braucht; wie man trotz Hilfe noch selbständig sein kann.

Ich kenne Maria, die für viele Alltäglichkeiten Hilfe braucht, sie perfekt organisiert und bei uns in der WG klar kommt. Mir der abrufbaren und finanzierbaren Assistenz. Die vorher in einem Pflegeheim gelebt hat, wo sie, rückblickend betrachtet, sich eigentlich selbst aufgegeben hatte. Ich kenne noch andere Menschen, die ebenfalls deutlich mehr Hilfe im Alltag brauchen als ich. Sie alle sind enorm selbständig.

Steffi ist auch enorm selbständig. Sie lebt alleine, sie arbeitet, fährt Auto, kauft ein, putzt ihre Wohnung, treibt Sport … im Rollstuhl sitzend und ohne Handfunktion eine beachtliche Leistung, wie ich finde. Sie lebt ausschließlich von dem Geld, das sie durch ihre Arbeit verdient, bekommt keinen Cent Unterstützung vom Staat. „Für eine Pflegestufe bin ich zu selbständig. Ich kann alleine duschen, ich kann alleine aufs Klo, damit ist eigentlich schon alles gesagt. Ob das Duschen eine Stunde dauert, spielt keine Rolle, es zählt, dass ich es alleine kann. Für Assistenz bekomme ich auch kein Geld, die müsste ich selbst bezahlen.“

Auf meine Frage, ob sie denn überhaupt so viel verdiene, dass sie das könnte, sagte sie: „Natürlich nicht. Ich bekomme knapp 1.500 € pro Monat. Davon lege ich jeden Monat 300 Euro auf mein Sparbuch, für mein Auto, für den Zahnarzt, meine Brille – und weil ich im Februar gerne zwei Wochen ins Warme fliege. Das ist der einzige Luxus, den ich mir gönne, und der muss auch sein – dieser kalte Winter mit Schnee tut meinem Körper nicht gut und mein Allgemeinbefinden verschlechtert sich, wenn es lange Zeit kalt ist. Ich bekomme dann Schmerzen, ich bin kraftlos, unkoordiniert – wenn es dann geschneit hat und morgens um 5.30 Uhr noch nicht geräumt ist, brauche ich manchmal über eine Stunde von der Haustür zum Parkplatz. Um die Zeit sind nur selten Menschen auf der Straße, und wenn, hilft auch nicht jeder. Das sind nicht mal 30 Meter, aber die Mehrzahl der Leute reagiert gar nicht oder sagt: ‚Sorry, keine Zeit!‘ – Wenn ich dann mit einer Stunde Verspätung am Arbeitsplatz ankomme, kommen die üblichen Sprüche, ob es bei Schnee mit dem Autofahren nicht klappt, ob ich verschlafen hätte, … nachmittags ist es besser, da sind die Leute entspannter, da helfen eigentlich so 7 von 10.“

700 € gehen für die Miete samt Nebenkosten drauf, von den verbleibenden 500 € zahlt sie Klamotten, Essen, Benzin für den Arbeitsweg, und was man sonst noch so braucht. Das Problem mit dem Sparen ist bekannt. Sobald man mehr als 2.600 € auf dem Sparbuch hat, muss man benötigte Assistenz selbst finanzieren. Steffi legt dieses Geld aber zurück, damit sie ihr Auto unterhalten kann – das muss ja von Zeit zu Zeit mal in die Werkstatt. Oder ersetzt werden. Sie könnte jetzt von den 5.000 € drei Monate lang je 500 € für Assistenz aufwenden. Dann wäre sie unter dem magischen Betrag von 3.600 €, dann käme das Sozialamt für ihre Assistenz auf. Aber dann hätte sie nicht mehr genug Geld zum Verreisen und dazu, die Autoreparaturen zu zahlen. Also verzichtet sie auf die Assistenz – ihrem Urlaub zuliebe.

Steffi geht den falschen Weg. Aus moralischer Sicht gewiss nicht. Aber aus egoistischer, gewinnorientierter Sicht. Würde sie das Geld nämlich nicht zurücklegen, sondern sofort alles ausgeben, dann würde sie das Auto und die Reparaturen von der Rentenversicherung oder vom Sozialamt bezahlt bekommen. Sie braucht das Auto schließlich, um zur Arbeit zu kommen. Und sie würde die Assistenz bewilligt bekommen. Und jedes Jahr eine vierwöchige Kur im Februar. Sie müsste sich laut Frank mit etwa 220 € pro Monat an den Kosten beteiligen – mehr wäre ihr mit Blick auf die Höhe des Verdienstes nicht zuzumuten.

Nur die Kur hilft ihr nicht. Was ihr hilft, ist ein anderes Klima, warme Luft. Und das ist Luxus. Dieser „Luxus“ ist ihr so wichtig, dass sie dafür das ganze Jahr über darauf verzichtet, ihren Assistenzbedarf professionell abzudecken. Häufig bittet sie im Moment die Nachbarn, Bekannte, Freunde. Die dann aber nach einiger Zeit davon und damit auch von Steffi die Nase voll haben. Sie sagt, sie versucht die Dinge, die sie absolut nicht alleine kann, auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Und sehr genügsam zu sein – eine ausgeschüttete Geldbörse bleibt dann eben ein paar Wochen leer und solange liegen die Münzen auf dem Fußboden ihres Zimmers verteilt.

Zum Fensterputzen kommt eine Firma, die dafür jedes Mal fünfzig Euro nimmt. Das ist zwar günstig, dafür steht aber hinterher jedes Mal die halbe Wohnung unter Wasser. Beim Einkaufen hilft ihr der Supermarkt, der die ausgesuchten Sachen nach Hause liefert, dabei aber gerne die Eier zerschlägt und die Tiefkühlartikel auftauen lässt.

Und dann wäre da noch: „Jule, kannst du mir, bevor wir ins Schwimmbecken gehen, einmal die Fußnägel schneiden? Du darfst ‚Nein‘ sagen, aber vielleicht macht es dir nichts aus und mir tätest du einen großen Gefallen.“ – Macht es mir was aus?

Und dann wäre da auch noch: „Jule, wenn wir nach dem Schwimmen noch was Essen gehen, macht es dir was aus, mir die Nudeln klein zu schneiden? Ich würde so gerne den überbackenen Nudelauflauf essen, aber ich kann nur eine Gabel oder einen Löffel halten – mit beiden Händen gleichzeitig.“ – Macht es mir was aus?

Und sonst: „Jule, macht es dir was aus, wenn du mir nach dem Föhnen die Haare zusammenbindest? Ich würde so gerne mal wieder einen Zopf haben, aber alleine kann ich das nicht.“ – Macht es mir was aus?

Ich bekam heute eine SMS: „Es war der leckerste Nudelauflauf der letzten 365+ Tage. Und dein geflochtenes Meisterwerk hat die Nacht schadlos überlebt und ich fühle mich so glücklich, weil mir heute schon so viele Leute gesagt haben, dass mir das steht. Vielen, vielen Dank.“ – Macht es mir was aus?

Über eine Quotenbehinderte

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Wir betreiben nicht dieselbe Sportart, aber wir betreiben beide Rollstuhlsport. Laufen Rollen uns dabei auch üblicherweise nicht über den Weg, höchstens mal bei einer Versammlung. Oder wenn wir eher zufällig dazu verdonnert werden, einen Termin wahrzunehmen, bei dem es um sportpolitische Themen geht und bei dem wir unsere Vereine oder zumindest unsere Sportarten vertreten sollen.

Ich habe Stefanie bisher immer völlig anders eingeschätzt. Asche auf mein Haupt, dass ich mich einerseits so verschätzen konnte, andererseits überhaupt geschätzt habe. Aber leider ist es bei mir manchmal so: Ich bekomme einen ersten Eindruck, einen zweiten, einen dritten – und dann male ich mir ein Bild, von dem ich dann später merke, dass es gar nicht stimmt. Ich habe Stefanie bisher als junge Frau gesehen, die mit allen vier Rädern fest im Leben steht, nicht weiß, wie sie die ganzen Verabredungen mit Freundinnen und Freunden in ihrem Terminkalender unterbringen soll, einen guten Job hat, einen tollen Mann, eine gemütliche und unbefangene Familie, ein schönes Haus im Grünen … irgendwie so.

Sie ist absolut hübsch. Würde mir jemand ein Foto von ihrem Gesicht zeigen und behaupten, sie sei ein erfolgreiches, teures Model, würde ich das sofort glauben. Sie wirkt absolut ruhig und gefasst, sagt klar, was sie denkt und was sie fühlt, lacht sehr gerne, macht insgesamt einen absolut sympathischen ersten Eindruck. Ohne es übertreiben zu wollen, sie wirkt automatisch auch etwas majestätisch. Allerdings nicht im Sinne von herrschaftlich, theatralisch, pompös, sondern eher beeindruckend im Sinne von berühmt, imponierend, souverän, würdevoll. Alleine durch ihr Aussehen, ihren Kleidungsstil, ihre Bescheidenheit, ihre Zurückhaltung.

Zurückblickend hätte ich große Lust gehabt, sie näher kennen zu lernen. Ich habe aber nie von mir aus den Kontakt gesucht. Ich habe gedacht, die Antwort würde lauten: „Du bist zu jung, du bist zu albern, wir haben keine Gemeinsamkeiten. Für Smalltalk bei einem zufälligen Treffen reicht es, ansonsten habe ich genügend Freunde, die jetzt schon wegen meines viel zu vollen Terminkalenders viel zu kurz kommen. Aber nett, dass du gefragt hast.“ – Wer hat darauf schon Bock?

Bis ich vor einigen Tagen eine Mail bekam: „Ich habe erfahren, dass du im Krankenhaus liegst. Leider habe ich deine Handynummer nicht. Ich hätte gerne mal mit dir gequatscht. Wenn du magst und deine Zeit es erlaubt, ruf mich doch einfach mal an. Liebe Grüße aus [einem Nobelstadtteil Hamburgs] und gute Besserung für dich! Werd schnell wieder fit!“

Ich war einigermaßen überrascht und habe ihr eine SMS zurück geschrieben, mich für die netten Wünsche bedankt. Und quasi bevor die SMS fertig gesendet war, rief sie mich an. Und begann das Gespräch mit: „Hallo Jule, ich habe immer einen Anlass gesucht, dich mal anzurufen, aber er war nie wichtig genug. Heute ist der Anlass zwar ein blöder, aber ich habe mich durchgerungen, dir zu schreiben. Wenn du das jetzt doof findest, sag das einfach, dann leg ich einfach wieder auf und werde dich nicht weiter nerven.“

Ich war so perplex, dass ich erstmal gar nichts gesagt habe. Bis ich dann ein „nein, ich freue mich, ich bin nur gerade etwas überrascht und durcheinander“ über die Lippen brachte. Sie wollte wissen, ob ich noch im Krankenhaus sei und als ich das verneinte, was ich den ganzen Tag so machen würde. Ich sprach kurz über mein Studium und über meinen Sport, erzählte irgendwann, dass ich letztes Wochenende in der Sauna war – da sagt sie: „Ich bin früher auch gerne in die Sauna gegangen. Mit meinen Eltern. Aber da konnte ich noch laufen.“

Sie meinte, sie würde es eines Tages gerne mal ausprobieren, ob das auch mit dem Rollstuhl geht. Ich sagte: „Warum sollte das nicht gehen?“ – Und ohne dass wir lange überlegt haben, waren wir verabredet. Wir kennen uns überhaupt nicht und gehen zusammen in die Sauna. Verstanden habe ich das selbst nicht. Aber es war ein wunderschöner Tag. Wir haben über neun Stunden lang über alles mögliche geredet und uns gegenseitig fast die gesamte Lebensgeschichte erzählt.

Und dabei hat sie mir auch erzählt, dass sie einen beschissenen Job hat, bei dem sie als „Quotenbehinderte“ zur Vermeidung der Ausgleichsabgabe nur gemobbt und ausgegrenzt wird (Betriebsweihnachtsfeier im Restaurant mit Stufen, man geht einfach davon aus, dass sie nicht dabei ist und sagt ihr das auch so ins Gesicht), dass sie aber nichts anderes findet. Sie hat eine kaufmännische Ausbildung, kann aber wegen ihrer Behinderung nur mit den beiden kleinen Fingern am Computer schreiben, da sie keine Handfunktion hat. Mit Stift und Papier kann sie überhaupt nichts anfangen.

Sie war fünf Jahre mit einem Mann zusammen, der sie allerdings mit einer zweiten Frau betrogen hat und ihr nicht sagen konnte, dass er auch jemanden zum Vorzeigen brauche und sie diese Rolle nicht übernehmen könnte. Sie sagte, sie verstehe heute nicht, wie sie sich so in einem Menschen täuschen konnte. Die Eltern haben sie bis zuletzt überreden wollen, trotzdem mit dem Typen zusammen zu bleiben, weil sie es als ausgeschlossen sahen, dass ihre Tochter jemals einen neuen Mann finden würde. Ihre Behinderung schreitet unaufhaltsam fort – wer liebt schon jemanden, der eines Tages pflegebedürftig sein wird, wenn diese Liebe nicht schon vorher bestanden hat? Also besser jemanden, der unehrlich ist, als gar keinen. Stefanie war da anderer Ansicht und hat den Typen in die Wüste geschickt. Und damit das Verhältnis zu den Eltern auch neu überdenken müssen.

Und zum Thema „Wohnen im Nobelstadtteil“: Sie wohnt tatsächlich in Ecke, in der überwiegend große Villen stehen. Aber es gibt dort auch sozialen Wohnungsbau und ihr Gehalt reicht für eine nicht barrierefreie Einzimmerwohnung. „Nicht barrierefrei“ in dem Sinne, dass sie zwar ohne Stufe rein und raus kommt, alleine sich aber nichts kochen kann, nicht mal alleine die Haustür aufschließen kann.

Als ich dann auch noch erfuhr, dass sie zwar zwei, drei sehr enge Freundinnen von früher hätte, diese aber inzwischen alle verheiratet seien und Familie hätten, so dass sie zwar regelmäßig telefonieren und sich auch mal zum Kaffeetrinken treffen, mehr aber nicht mehr drin wäre, habe ich wirklich gezweifelt, wie ich mich so verschätzt haben könnte. Als ihr zum Geburtstag zwar fünf, sechs Leute gratuliert haben, ihre Feier am Samstagabend aber trotz zahlreicher Einladungen spontan und unfreiwillig im kleinen Kreis stattfand (sie hat den Imbissbudenbesitzer an der nächsten Straßenecke zu einer Currywurst eingeladen, ihm aber nicht erzählen mögen, warum) und sie mir erzählte, dass Weihnachten am schlimmsten sei, weil sie dort drei Tage alleine sei und sich dann am 27. anhören müsse, wie toll alle anderen gefeiert hätten, habe ich wirklich geschluckt. Ich weiß, dass es Tiefstapler gibt, und ich weiß, dass ich sie völlig falsch eingeschätzt hatte – aber ich bin mir absolut sicher, dass das absolut ehrlich war. Und ich fürchte, dass sie zunächst so „majestätisch“ wirkt, macht es ihr nicht einfacher.

Wir hatten ein absolut offenes Gespräch, auch über viele andere, positive, auch intime Themen und ich habe ihr selbstverständlich auch von meinem ersten Eindruck erzählt. Sie sagte, dass sie das schon ganz oft gehört hat und sie aber nicht weiß, woran das liegt und wie sie das ändern kann. Ich hatte die Vermutung geäußert, dass sie ein wenig zu schüchtern ist. Denn wenn man mit ihr eine halbe Stunde zusammen ist und frei von der Leber weg quatschen kann, kommt eine völlig andere Stefanie zum Vorschein. Als Friedrich Ludwig Schröder 1786 das Drama „Stille Wasser sind tief“ geschrieben hatte, hätte er vermutlich nicht für möglich gehalten, 225 Jahre später damit in meinem Blog zusammen mit Stefanie in einer Zeile zu stehen. Nur soviel: Sie hat es faustdick hinter den Ohren und ich glaube, wir werden sehr viel Spaß zusammen haben! Es war ein absolut wertvoller Tag und einen so schönen, langen und anspruchsvollen Dialog hatte ich davor bisher nur in sehr engen und intensiven Freundschaften.