Artgerecht

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So viel, wie Marie und ich derzeit mit Behörden zu tun haben, habe ich bereits das Gefühl, ich rolle fast schon weltfrauisch auf den Ämtern ein und aus. Sofern ich denn hinein komme. Ich hatte in dieser Woche einen Termin auf dem für meinen Wohnort zuständigen Jugendamt, das nicht einmal barrierefrei ist. Dafür geht es drinnen aber alles auch etwas gemütlicher zu als in jenem für Helenas bisherigen Wohnsitz zuständigen.

An der Information saß eine ältere Dame, ich schätze zwei Jahre vor der Rente. Sie geriet in Aufregung, als ich vor ihrem Fenster freundlich winkte und ihr, nachdem sie nach draußen kam, erzählte, dass ich bei Frau … einen Termin hätte. „Du liebe Zeit, da kommen Sie ja gar nicht hin! Warten Sie, da muss ich was überlegen. Wir sind hier nämlich gar nicht artgerecht.“

Artgerecht? Bin ich im Zoo? Oder bin ich das exotische Tier, das sie am liebsten in einen Käfig stecken möchte, weil artgerechte Haltung nicht möglich ist? Sie wiederholte: „Da sind wir hier echt nicht artgerecht. Als dieses Haus gebaut wurde, hat man an sowas wie Sie gar nicht gedacht.“

Sowas wie ich? Oder sowas wie das, worin ich sitze? Die Gute war hoffnungslos überfordert. Sie kam mit ihrem schnurlosen Telefon wieder raus. „Ich ruf da erstmal für Sie an. Hallo Frau …, hier ist ein Rollstuhl, der will zu Ihnen. Was? Nee, natürlich, mit ner Behinderten drin, nicht leer. Was stellen Sie denn für Fragen?! Ich weiß nur nicht, wie wir die Behinderte jetzt die Treppe hochkriegen. Ich könnte ja mal drüben beim Bauhof anrufen, ob die vielleicht ein Brett haben oder eine alte Tischplatte oder sowas. Ob die uns da auf die Schnelle was auf die Stufen legen. Das könnte ich machen. Was? Ja, kommen Sie mal her, das ist eine gute Idee.“

Fand ich auch. Mein Vorschlag: Akte mitnehmen, nebenan im Supermarkt ist ein Bäcker, dort stehen vier Tische, wir holen uns zwei Getränke und klären alles, was zu klären ist. Nee, das ginge nicht. Da könnte ja jemand mithören. Und überhaupt müsse das Telefon besetzt bleiben. Der Bauhof soll es richten. Es dauerte keine fünf Minuten, da kamen zwei Herren über den Hof. Einer ging schnellen Schrittes, der andere saß in einem Gabelstapler, auf dessen Dach eine gelbe Rundumleuchte rundumleuchtete. Wollten die mich etwa mit dem Ding stapelgabeln? Nee, auf der Gabel, mit der der Staplerfahrer prahlte, schwang scheppernd eine halbverrostete Stahlplatte auf und ab. Zwei Mann, vier Ecken, das Ding abgeladen und mit ungeheurem Getöse auf die Steintreppe geworfen, zwei Holzbohlen drunter, damit sich die ganze Konstruktion nicht so durchbiegt, und bevor ich was sagen konnte, wurde ich mit einem Ungeheuer-Katapult-Anschwung ins Amt befördert.

Mithören und Telefonbesetzung waren wohl nur zwei unwesentliche Gründe, warum das nicht drüben beim Bäcker ging. In das Büro der mich abholenden Dame kamen auch noch die Abteilungsleiterin, die Auszubildende und die Kollegin, weil man ja alles richtig machen wollte. Und man mache ja nicht selbst, sondern arbeite ja nur der vorgesetzten Dienststelle im Landkreis zu. Und überhaupt könne man in solchen Verfahren ja so viel verkehrt machen. „Und wir wollen ja alle, dass es dem kleinen Wurm gut geht später bei Ihnen. Wir müssen ja neutral bleiben, aber wir haben eben schon gesagt, wir finden das ganz toll, was Sie da machen wollen. Wir entscheiden das nicht, aber wir müssen etwas dazu schreiben, ob von uns aus Gründe dagegen sprechen.“

Nach dreißig Minuten kam der Amtsleiter zu uns, stellte sich vor, freute sich, mich kennenzulernen. Und wies seine Abteilungsleiterin an, sie möge acht geben, dass beim Herabfahren sich „einer der Männer“ mit seinen Füßen auf die untere Kante der Rampe stelle. Nicht, dass das abrutscht. „Im schlimmsten Fall muss ich danach im Rollstuhl sitzen“, konnte ich mir nicht verkneifen. Für zwei Sekunden überlegte er, vermutlich wusste er nicht, ob er lachen sollte, dann kam schallendes Gelächter aus ihm heraus: „Ihren Humor haben Sie jedenfalls nicht verloren, das finde ich gut.“

Nee, hab ich nicht. Helena geht ab Montag auf eine Gemeinschaftsschule, die rund einen Kilometer von uns entfernt ist. Es handelt sich um eine Offene Ganztagsschule, wo an jedem Schultag bis 21 Uhr Betreuung angeboten wird. Neben Mittagessen und Hausaufgaben-Betreuung finden dort auch Nachhilfe, Förderunterricht, Sport, Theater und Musik statt. Man kann sich dort einerseits für regelmäßige Angebote eintragen (wie zum Beispiel Unterricht an einem Musikintrument), man kann aber auch individuelle Angebote für sieben bis vierzehn Tage im Voraus buchen, wie Nachhilfe in einem bestimmten Unterrichtsfach. Das hilft natürlich sehr, weil man dann (wenn es gut läuft) solche Maßnahmen an jenen Tagen veranstalten kann, an denen Marie und ich nachmittags arbeiten müssen. Dass wir beide gleichzeitig Nachtdienst haben, wird sich wohl verhindern lassen.

Und ein wenig Glück muss man ja auch haben: Maries Mutter hat uns den Kontakt zu einer Kollegin vermittelt, die im selben Ort wohnt wie wir, und zwei Kinder hat (davon eine Tochter in Helenas Alter). Beide Kinder gehen auf diese Gemeinschaftsschule. Der Vater arbeitet in demselben Krankenhaus, in dem ich zur Zeit freigestellt bin, allerdings in einem anderen Bereich. Zur Familie gehört ein Hund, mehrere Pferde und jede Menge andere Tiere. Wir waren gestern zusammen mit Maries Mutter dort. Helena und die Tochter der Kollegin schienen gleich auf einer Wellenlänge zu sein. Während die Erwachsenen sich bei Kaffee und Kuchen kennenlernten, waren die beiden jungen Mädchen sofort damit beschäftigt, alle Tiere zu begutachten. Auch wenn nicht gesagt ist, dass die beiden gleich beste Freunde werden, sehe ich zumindest die Chancen steigen, dass Helena nicht gleich zur Außenseiterin in der neuen Klasse wird. Ich hoffe wirklich sehr, dass das alles klappt. Dass man Helena nicht in „ihre“ Stadt zurückholt, sondern (offiziell für acht Wochen) hier belässt, weckt in mir diskreten Optimismus.

Heute waren Marie und ich für zwei Stunden in der Ostsee schwimmen. Ernsthaft schwimmen, also mit dem Ziel, Strecke abzureißen, Kondition aufzubauen und Kalorien zu verbrennen. Wir hatten einen Schwimm-Neo und Socken an, da derzeit viele Feuerquallen unterwegs sein sollen. Zum Glück hatten wir keine Kontakte damit an Händen und Gesicht. Helena saß in der Zeit auf eigenen Wunsch mit einem Buch am Strand. Ein Iglu schützte sie mehr vor dem Wind als vor der Sonne. Sie hat auch ein paar Fotos gemacht, Steine gesammelt, ich habe das Gefühl, ihr geht es gut.

Das Wasser war wärmer als die Luft, der Wind blies in Stärke 3 bis 4, seitwärts, also parallel zur Küste, so dass man weder vom Wind noch von irgendwelchen Strömungen auf das offene Meer hinausgezogen wurde. Es waren also anstrengende, aber schöne Trainingsbedingungen. Als Marie und ich wieder bei Helena angekommen waren und uns gerade wieder in das flachere Wasser bewegten, kam Lukas in Badehose ins Wasser gelaufen. Jener junge Mann aus meinem derzeitigen Schwimmverein, der in mich verknallt ist, sich seit Monaten aber nicht traut. Nun kam natürlich hinzu, dass ich einige Male nicht beim Training war. Heute begegneten wir uns an der Stelle, an der er gerade noch stehen konnte. Er streckte Marie seine Hand zu einem High-Five hin, um mich hüpfte er herum, umklammerte mich von hinten um meinen Bauch, hob mich ein paar Zentimeter nach oben und schaukelte mich übermütig durch die Wellen. Dabei drückte er meinen Po fest an seinen Bauch. Anders herum wäre es bestimmt schöner gewesen, aber immerhin passierte mal irgendwas. Ich drehte meinen Kopf schräg zur Seite, um ihn zu sehen, er sagte mir ins Ohr: „Du siehst bombe aus in dem Teil. Und fühlst dich auch so an. Ich will ein paar Meter schwimmen. Ihr wollt raus? Viel Spaß noch, ich will nicht länger stören.“

Und bevor ich irgendwas sagen konnte, war er mit dem Kopf im Wasser und kraulte davon. Ohne Neopren. Ich hoffe, auch ihn berühren die Quallen nicht. Drei Jungs aus seiner Trainingsgruppe kamen hinterher, ebenfalls nur mit Badehose bekleidet. Helena machte Fotos von einer Seemöwe, die sich frech bis auf zwei Meter an sie heran traute, vermutlich in der Hoffnung, etwas zu fressen abzugreifen. Es ist zwar noch immer ein wenig ungewohnt, dass Helena derzeit ständig bei uns ist. Aber ich würde sie bereits jetzt sehr vermissen, wenn sie plötzlich nicht mehr da wäre.

An der Nudel

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Es ist der dreiundzwanzigste August und ich bin vor etwa dreimalzwanzig Stunden dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Draußen waren dreiundzwanzig Grad, zumindest am Meer, das nicht mehr ganz dreiundzwanzig Grad hatte. Eher neunzehn. Ja, wir waren am Strand, dreiundzwanzig weniger neunzehn Leute, also eine eher kleine Runde, bestehend aus Marie, einem Freund, einer Freundin, die zusammen sind und sich in meinem Blog keine Kosenamen wünschen, und mir.

Geflohen sind wir. Für ein ruhiges und entspanntes Wochenende zum Erholen. Maries Eltern haben uns ihr Wochenendhaus überlassen. Einzige Bedingung war, dass wir am Ende einmal grob saubermachen und den Müll rausbringen. Das sollte möglich sein.

Es war sehr entspannt. Wir sind am Freitag vor einem gemeinsamen Wochenend-Einkauf nochmal schnell in die Ostsee gehüpft, haben abends meinen Geburtstag gefeiert, weniger mit großem Besäufnis, mehr mit leckerem Abendessen und einer anschließenden angeregten Quatschrunde bis spät in die Nacht. Ich habe alleine auf einem Klappsofa geschlafen in himmlischer Ruhe, wurde am Samstagmorgen durch den Duft von Aufbackbrötchen geweckt, bevor wir im Garten gefrühstückt haben.

Am Samstag waren wir den ganzen Tag am Strand, haben mehrmals im Meer gebadet, uns gesonnt – und weiter nichts. Lustig war eine Begegnung mit einem jungen Mädchen, geschätzt zwölf Jahre alt, das mit ihrer Mutter am Strand, aber alleine im Wasser war. Wir hatten sie zuerst nicht wahrgenommen und schwammen im eher flachen Wasser an ihr vorbei. Wir hatten zwei Luftmatratzen dabei und unsere beiden zu Fuß gehenden Freunde machten sich einen Spaß draus, Marie und mich so in die (eigentlich eher flachen) Wellen zu schieben, dass sie entweder über das Kopfteil spritzten oder die ganze Matratze umkippte. Ja, man kann nicht immer nur erwachsenes Verhalten zeigen…

Dieses Mädchen suchte ganz offensichtlich unsere Nähe, tauchte immer wieder zwischen uns auf und suchte schüchtern Blickkontakt. Irgendwann, als ich zum gefühlt zwanzigsten Mal von der Matratze gefallen war, schob ich ihr das Ding hin und fragte: „Willst du auch mal?“ – Sie nickte und kletterte drauf. Eher vorsichtig. Meine Freundin schob sie ebenfalls in eine Welle, so dass die Matratze kenterte. Wir spielten einen Moment in der Fünfergruppe weiter, dann brüllte plötzlich die Mutter vom Rand. Das Mädchen fragte: „Seid ihr später noch hier?“ – „Wir sind den ganzen Tag hier.“ – „Ich muss raus.“

Ich überlegte, warum die Mutter sie so streng aus dem Wasser holte. Dachte einen Moment nach, ob es richtig war, mit einem fremden Mädchen zu spielen. Wobei sie ja auf uns zugekommen ist und nicht anders herum. Aber egal, wir hätten auch „Nein“ sagen können. Oder sogar „Nein“ sagen müssen? Oder wenigstens vorher die Mutter fragen, ob das okay ist? Ich schob diese Gedanken zur Seite. Schlimm finde ich sie. Weil ich nie einem Kind etwas antun würde. Aber ich bin ja nicht alleine auf der Welt und deshalb … andererseits: Wo sind wir eigentlich, dass man nicht mal mehr spontan mit jemandem spielen darf? Okay, ich bin dreiundzwanzig … ich schob die Gedanken erneut zur Seite.

Später, als wir wieder aus dem Wasser kamen und uns abgetrocknet hatten, kam die Mutter zu uns. Und sagte: „Es tut mir leid, dass ich euer schönes Spiel unterbrechen musste. Aber meine Tochter ist zuckerkrank und musste spritzen und essen.“ – Ich fühlte mich verfolgt. Kam jetzt gleich die Frage, ob ich gerade im Krankenhaus … meine Famulatur ableiste? Nein, sie kam nicht, aber ich war dennoch einigermaßen perplex. Hat sich mein Idiotenmagnet umschulen lassen und zieht künftig junge Diabetiker an?

Das zwölfjährige Mädchen kam später noch einmal zu uns, wir bauten eine große Sandburg zusammen. Zu fünft. Ich fühlte mich ein wenig an die Begegnung mit Mia erinnert, die vor rund einem Monat einfach auf uns zusteuerte und mit der wir auch eine Sandburg bauten. Diese sah sehr gut aus. Als sie gerade fertig war, zogen mal wieder dunkle Wolken auf. Wir entschieden uns, zusammenzupacken und abzufahren. Erst jetzt bemerkte das Mädchen, dass Marie und ich nicht laufen können. „Ach, gehören euch etwa die Rollstühle da oben an den Dünen?“ – Ich fühlte mich erneut an Mia erinnert und glaubte inzwischen schon fast an ein Déjà-vu. Wenn sie nun noch fragt, ob sie auch mal damit fahren darf…

Tatsächlich. Das Mädchen wollte dann noch unbedingt ausprobieren, wie es sich anfühlt, in so einem Ding zu sitzen. Und meinte, dass es ja gar nicht so schlimm sei, wie sie es sich vorgestellt hätte. Allerdings wird sie nicht verstanden haben, welche weiteren Einschränkungen damit verbunden sind. Muss sie auch nicht.

Heute waren wir, bevor wir aufgeräumt, geputzt, den Müll rausgebracht und alles gut abgeschlossen haben, mit Fahrrädern und Handbikes an einem nahen Badesee. Leider war das Wetter nicht mehr so gut, so dass wir nur einmal kurz im Wasser waren und die übrige Zeit auf einer Decke liegend mit der Sonne flirteten, die sich immer wieder hinter Wolken versteckte.

Mit uns war, neben einigen anderen Sonnenhungrigen, eine Gruppe aus einer Behinderteneinrichtung vor Ort. Der Altersdurchschnitt der Bewohner lag bei Mitte 40, der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter bei gefühlt 20. Rollstühle kannte Klaus, so nenne ich ihn mal, wohl aus seinem täglichen Leben, wenngleich er selbst Fußgänger war. Er kam zu uns, stellte sich demonstrativ direkt vor unserer Decke in die Sonne, biss sich seitlich auf seinen Zeigefinger und wippte mit dem Oberkörper hin und her. Marie, die gerade auf dem Bauch auf der Decke lag, schaute über ihre Schulter und fragte: „Na, wer bist du denn?“ – Er nahm seinen Finger aus dem Mund und sagte, weiterhin wippend: „Ich bin Klaus.“ – „Oh, hallo Klaus, ich bin Marie.“ – „Marie! Das ist Marie! Ich bin Klaus. Wasser ist kalt.“ – „Joa, das Wasser ist etwas kalt. Aber die Sonne scheint.“ – „Etwas kalt, ja, etwas kalt. Gehst du auch schwimmen?“ – „Ich war schon im Wasser.“ – „Ich geh heute auch schwimmen, Wasser ist nicht tief, ist nicht tief. Bist du Marie?“ – „Ich bin Marie. Und das ist Jule.“ – Er klatschte in die Hände. Ich winkte. Er hatte eigentlich gerade aufgehört mit dem Oberkörper zu wippen, jetzt biss er wieder auf seinen Finger und wippte weiter. Meine blendende Schönheit, die ihn verunsicherte? – „Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie“, sagte er und ging zu seiner Gruppe zurück. Aus der Ferne hörten wir: „Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie. Die sitzen im Rollstuhl.“

„Nee, die liegen auf der Decke“, murmelte Marie leise. Ich grinste. Kurz darauf kam Klaus wieder angelaufen. „Jetzt gehts los ins Wasser! Wasser ist kalt.“ – „Ach, so schlimm wird das nicht. Die Sonne scheint ja.“ – Die größten Probleme hatten die Betreuer damit, Klaus ins Wasser zu bekommen. Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er motorisch einfach enorm unkoordiniert agierte, sich auf den Po setzte und sich krampfhaft an einer grünen Schwimmnudel festhielt, obwohl das Wasser gerade mal zwanzig Zentimeter tief war. Eine Betreuerin, die mit einer jungen, vor Freude kreischenden Frau bereits viel weiter im tieferen Wasser war, brüllte laut: „Zieh ihn einfach an seiner Nudel ins Wasser.“

Unsere Freundin prustete los und Marie setzte gleich noch einen drauf: „Wenn sie die mal findet, wo er doch eben schon solche Angst vor kaltem Wasser hatte!“ – Die Betreuerin legte noch einmal nach: „Zieh ihn an seiner Nudel ins Wasser!“, brüllte sie. Am Ende klappte es am besten ohne die Nudel. Klaus plantschte wie ein kleines Kind, und als er irgendwann wieder nach draußen kam, meinte er im Vorbeigehen, ohne uns anzugucken: „Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie.“

Klaus hatte es erfasst. Und es war ein schönes Wochenende.

Wanda

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Der Regen, das Gewitter – wenn die Stinkesocke an den Strand fährt, halten sich die beiden ausnahmsweise mal zurück. Überall dunkle Wolken, auf der Hinfahrt öfter mal den Scheibenwischer eingeschaltet. Und zehn Kilometer vor der Küste strahlender Sonnenschein. Ich war mit Marie und noch zwei anderen Rollstuhlfahrerinnen dort. Die beiden anderen Rollstuhlfahrerinnen kannten wir locker, hatten uns vorher ein paar Mal getroffen, und uns verabredet, einmal gemeinsam an den Strand zu fahren. Dabei hätte uns eigentlich vorher klar sein müssen, dass das eine Schnapsidee war, denn die beiden konnten sich nicht vorstellen, dass man mit dem Rollstuhl am Strand klar kommen könnte – und Marie und ich wussten nicht, wo das Problem ist.

Natürlich ist das alles eine Herausforderung, und im Sand kann man mit einem Rollstuhl auch absolut nichts anfangen. Aber bisher sind wir immer an einen Ort gefahren, an dem eine lange Holzrampe vom Parkplatz direkt bis auf den Strand führt und man auf dem Hintern durch den warmen Sand rutschend in wenigen Sekunden das lange Zeit seichte Wasser erreicht. Weil es sich nicht um einen typischen Touristenort handelt, finden wir direkt am Strand einen Parkplatz, müssen keine Kurtaxe bezahlen und sind fast alleine, selbst bei bestem Wetter. Dafür muss man halt in Kauf nehmen, dass der Anfahrtsweg nicht asphaltiert und eher schaukelig ist, viele Steine am Strand liegen, dass man nicht mit fettigen Pommes und hochkalorischem Eis verwöhnt wird, dass Leute auch mal nackt baden oder plötzlich ein Hund durch dein Gesicht schleckt. Und es keine barrierefreie Toilette nach DIN 18040 gibt.

Damit sind die grundsätzlichen Beschwerdepunkte, die die beiden im Rollstuhl fahrenden Nörglerinnen vortrugen, schon benannt. „Oh meine Güte, wieso hat der Weg so tiefe Schlaglöcher? Wieso ist der Strand nicht geharkt? Wieso gibt es hier keine Pommes? Und nicht mal Eis? Wieso hat der Mann keine Badehose an? Wieso läuft hier ein Hund frei? Wieso ist die Behindertentoilette so schmal und so weit weg?“ – Es hätte uns von vornherein klar sein müssen, dass zwei so gegensätzliche Ansichten nicht unter einen Hut zu bringen sind. Marie und ich fahren eher um die Schlaglöcher herum und fahren mit dem Auto nicht so schnell über den Sandweg, dann staubt das auch nicht so. Ein paar Steine kann man wegkicken, bevor man seine Standmupfel oder die Decke ausbreitet. Verpflegung gibt es aus der Kühltasche und belegte Brote sind viel leckerer als Eis aus der Tüte. Der Nacktbader interessiert uns nicht, den Hund würde Marie eher noch anlocken und streicheln wollen und die Tatsache, dass es am Strand ein im Notfall erreichbares Klo gibt, in dessen Räumlichkeit mein hineinrollen kann, reicht uns allemal.

„Ich dachte, ihr kauft das Grillfleisch im Supermarkt und nicht vom Biobauern. Da kostet mich das marinierte Stück nur 49 Cent pro einhundert Gramm. Dann hätten wir auch für jeden von uns zwei Stücke nehmen können.“ – Vier Stücke Schweinefleisch zu je 200 Gramm kosten nunmal 22,50 € zusammen, wenn man sicher sein will, dass die Tiere einigermaßen vernünftig gehalten werden. Damit wollte ich keine Diskussion darüber entfachen, ob man überhaupt noch Fleisch essen sollte. Aber wir haben ganz klar gesagt, dass wir Fleisch besorgen, das direkt vom Erzeuger kommt, und wir haben gefragt, ob wir den beiden etwas mitbringen sollen. Es ist erstaunlich, wie reflektiert viele Menschen mit dem Thema umgehen. Und wenn man Spritkosten durch vier teilt, finde ich das auch angemessen. Und zehn Liter Diesel kosten nunmal 12 €. Ja, wir haben uns am Ende nicht über die drei Kröten pro Person gestritten. Aber nur, weil Marie irgendwann gesagt hat: „Ich schenk euch den Sprit, bevor ich mich noch länger mit eurer Piefigkeit auseinandersetzen muss.“

Beim nächsten Mal fahren Marie und ich wieder zu zweit. Oder nehmen Maries Eltern mit. Hinfahren möchte ich auf jeden Fall bald wieder. An den Strand. Denn mir gefällt der weite Blick, die Sonne, der Sand, die Wellen – und nicht zuletzt Wanda, die Wandadüne, die sich vermutlich leicht verirrt hatte.

Wanda:

Ostseefotos

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Ich verspreche, ich habe auf meinem Rechner keine Programme installiert, mit denen man Bilder verändern kann. Entsprechend habe ich auch kein solches Programm verwendet. Sondern ich hatte tatsächlich mal im richtigen Moment die richtige Kamera zur Hand. Und bestimmt drei Dutzend Mal die Sonne hinter einer Wolke fotografiert. Mit unterschiedlichen Belichtungszeiten und unterschiedlichen Blenden. Und mit einem Graufilter. Was dabei rausgekommen ist … ich möchte es niemandem vorenthalten.

Ich finde, das könnte auch ein springender Hund sein. Oder ein Einhorn, wenn man den Kondensstreifen auch noch mit verwursten will. Leider habe ich es nicht geschafft, die unzähligen Blitze, die aus der schwarzen Wolke unten rechts in Richtung Meer gefeuert wurden, vernünftig einzufangen. Aber dieses Bild hat es dennoch in sich, finde ich (kann man auch anklicken).

Wir haben übrigens keinen einzigen Regentropfen abbekommen. Das Gewitter zog an uns vorrüber und anschließend verwöhnte uns ein wunderschöner Sonnenuntergang (Handyfoto).

Ich weiß schon, was ich vermissen werde, wenn die Uni wieder losgeht. Und wenn Herbst wird. Oder Winter. Ich mag gar nicht daran denken. Die Ostsee ist übrigens noch warm!