Eine Woche Stress

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Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der ich mittags aus der Schule kam (ja, ich gehöre noch zu der Generation, die die Zeit vor den Ganztagsschulen zu einem großen Teil miterlebt hat), meine Hausaufgaben in den langweiligen Unterricht der ersten beiden Stunden des Folgetages verschoben habe und stundenlang Zeit für mich selbst hatte. Und für meine Pferde.

Ich habe mich vor ein paar Tagen mit Jana unterhalten, vor allem über das Theater hier auf meiner Seite. Ich will den Inhalt des Gesprächs hier nicht weiter vertiefen, aber eins ist mir besonders aufgefallen. Ich habe mich, was meine Zeit vor dem Unfall betrifft, immer für ein eher liebes (im Sinne von artig) Mädchen gehalten. Das kann man absolut oder relativ sehen, ich sah es immer in Relation zu meinen Mitschülerinnen oder damaligen Freundinnen. Was für Scheiße die teilweise gebaut haben, und was für Scheiße ich nicht gebaut habe, insoweit hatten meine Eltern wirklich Glück mit mir gehabt. Aber ich war natürlich auch kein Engel: Hausaufgaben morgens abschreiben, weil man lieber reitet als Matheaufgaben rechnet, ist natürlich … nicht okay. Wobei ich finde, dass es sich eher um eine kleinere als um eine größere Sünde handelt.

Umso erstaunter war ich, als Jana mir erzählte, dass sie nie Hausaufgaben abgeschrieben hat. Oder „vergessen“ hat. Dass sie nie Dinge getan hat, die verboten waren. Nie geschwänzt. Stille Wasser sind tief. Jana ist mit mir neulich verkehrt herum durch die Einbahnstraße gefahren, weil sie keinen Bock auf einen großen Umweg hatte. Es war Nacht, das Teilstück der Einbahnstraße war rund 30 Meter lang und sie meinte, wenn man erwischt wird, koste es nur 10 Euro. Ja ja.

Egal. Damals war es noch so, dass meine größte Sorge war, meine Lehrerin oder meine Eltern könnten herausfinden, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Andererseits habe ich die viele Freizeit genossen. Manchmal habe ich mich an einen See gesetzt und stundenlang auf das Wasser geschaut und geträumt. Das habe ich damals nie jemandem erzählt. War aber so. Die Ruhe, der Frieden, den ich dabei gefunden habe, hat mir sehr viel bedeutet.

Heute ist es anders. Die letzte Woche war nur stressig. Mir fehlt mein Auto. Dieses Gegurke mit öffentlichen Verkehrsmitteln macht mich wahnsinnig. Auch als ich ein Auto hatte, habe ich mich mehrmals pro Woche bewusst dafür entschieden, mit Öffis zu fahren. Aber wenn ich gar keine Alternative mehr habe und ich zum Beispiel zur Physio nicht mehr 15 Minuten sondern 90 unterwegs bin und sich diese 90 dann auch noch auf 180 ausweiten, weil irgendwelche Knalltüten mutwillig Einkaufswagen ins Gleis schieben oder Aufzüge außer Betrieb setzen oder ähnliches, dann ist das nur noch anstrengend. Ich komme nicht mehr zum Training, ohne andere Leute zu bitten, ob sie mein Bike oder meinen Rennrolli mitnehmen können. Und meistens findet sich keiner, da die alle selbst schon das Auto bis zum Rand vollgepackt haben.

Ich habe mein Auto jetzt bestellt, es soll in der letzten Maiwoche fertig sein. Plan war darüber hinaus, ein weiteres Auto für Sofie anzuschaffen. Sofie versucht nun, über eine öffentliche Stelle einen Zuschuss zum Umbau (nicht zum Fahrzeug selbst) zu bekommen. Und das zieht sich. Bevor die Behörde nicht „ja“ oder „nein“ gesagt hat, darf sie nicht bestellen, sonst verwirkt sie den Zuschuss. Ätzend.

Und Maria? Unglaublich, aber wahr: Es gibt nichts neues. Wir warten, warten, warten. Zur Zeit ist ein weiterer Gutachter eingeschaltet worden, der das Gutachten der Gutachterin gutachterlich bewerten soll. Nach Aktenlage also. Solange leisten wir vor. Maria ist totunglücklich. Muss sie aus meiner Sicht nicht sein, sie zermürbt aber die lange Verfahrensdauer und die Ungewissheit. Man kann aber nach wie vor nur abwarten.

Besser läuft es allerdings mit Ronja. Im Haus sind seit einer Woche die Handwerker dabei, ordentlich Lärm zu machen. Soll heißen: Es klappt! Seit Montag ist alles so weit eingepflanzt, dass es losgehen kann. Offizieller Starttermin ist vorläufig der 2. Mai.

Kein schönes Ostertraining

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Nein, natürlich habe ich nicht gemeint, dass alle Sozialpädagogen einen an der Waffel haben, als ich in der letzten Woche vom Pädagogischen Konzept schrieb. Ich finde, man muss eine Menge in meinen Text hinein interpretieren, um das herauszulesen. Allerdings mache ich keinen großen Hehl daraus, dass ich recht fest davon überzeugt bin, dass es unter Sozialpädagogen mindestens genauso viele Idioten gibt wie in anderen Berufen. Und dass ich glaube, dass idiotische Sozialpädagogen deutlich mehr Unheil anrichten können als Idioten in anderen Berufen – zumal das Unheil wohl oft erst dann auffällt, wenn vieles bereits zu spät ist und ganz offensichtlich viele Kontrollen nicht funktionieren oder zu lasch sind. Oder kann mir jemand erklären, wieso ein Gruppen-, Abschnitts- oder Einrichtungsleiter zulässt, dass Susanne zur Durchsetzung pädagogischer Ziele die eigene Mobilität noch weiter eingeschränkt wird als sie es ohnehin schon ist?

Zum Beispiel habe ich auch keinerlei Zweifel, dass Susanne alleine mit Bus und Bahn zu mir fahren könnte – oder auch zum Training. Zumal der letzte Bus direkt über den Deich fährt, auf dem wir trainieren. Trotzdem darf sie das nicht alleine und wir müssen sie zu zweit aus ihrer WG abholen. Zu zweit, damit im Notfall einer Hilfe holen kann, während sich der andere um Susanne kümmert. Kein Kommentar.

Nun hat es unser Verein auch endlich geschafft, zu der absolut geilen Outdoor-Trainingsstrecke die passende Dusch- und Umkleidemöglichkeit zu finden. Bisher war das alles recht improvisiert, doch ab sofort dürfen wir bei einem Sportverein, dessen Vereinshaus am Ende unserer Strecke liegt, duschen und uns umziehen. Und parken. Was natürlich absolut genial ist. Und wie schon gesagt, der Linienbus hält auch direkt vor der Tür. Eingefädelt hatte das übrigens der Dorfpolizist, der in der Nähe dieses Sportvereins wohnt und regelmäßig nach dem Rechten sieht, wenn wir trainieren. Ein etwas rundlicher, älterer Herr mit je drei silbernen Sternen auf den Schultern, der grundsätzlich alleine in seinem Streifenwagen sitzt und uns offenbar in sein Herz geschlossen hat. Fast jedes Mal, wenn wir nachts trainieren, taucht er auf dem Fahrrad sitzend mit seinem Hund auf, grüßt einmal und haut wieder ab.

Da in der Nacht zu Ostersonntag in dem Bereich ein Osterfeuer war, mussten wir diesmal auf die Nacht von Karfreitag auf Ostersamstag ausweichen. Wir waren gerade mitten im Training, ich auf meiner zweiten Runde mit dem Rennrolli, als ich in weiter Ferne ein Auto mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommen sah. Das machte einmal kurz Fernlicht an, blinkte dann aber rechts, fuhr auf den Grünstreifen und schaltete das Licht aus. Es war noch mindestens einen Kilometer entfernt. Das kam mir im ersten Moment etwas merkwürdig vor. Ich verlangsamte die Fahrt und überlegte, vorher zu drehen und zurückzufahren. Immerhin war ich in dem Moment alleine und es war ziemlich dunkel. Aber einen Rennrollstuhl bekommt man nicht so einfach und schnell gewendet. Also beschloss ich, rechts auf den Parkstreifen zu rollen und auf den nächsten zu warten, der hinter mir kommen würde. Das nächste, was nach gefühlten zwei Minuten kam, war ein weiteres Auto, relativ schnell – es gehörte weder zu uns noch zu dem Fußgänger-Team, das mit uns trainierte. In etwa einem halben Kilometer Entfernung folgte diesem Auto ein Kleinbus, der zu einem der beiden Teams gehören könnte. Auf der nahezu schnurgeraden Strecke konnte man kilometerweit sehen.

Das Auto, ein Golf, fuhr an mir mit etwas überhöhter Geschwindigkeit vorbei. Als ich wieder nach vorne schaute, ging an dem Auto, das in zwei Kilometer Entfernung auf dem Grünstreifen im Dunkeln stand, das Licht wieder an. Das Auto wendete. Oder? Nein, es wendete nicht, es blieb quer auf der Straße stehen. Und plötzlich flackerte Blaulicht auf dem Dach. Häh?! Hatte der Dorfpolizist uns etwa so lieb, dass er jetzt alle Leute, die trotz „Einfahrt verboten“ die Straße passierten, kontrollierte? Um es nicht endlos spannend zu machen: Der Golffahrer hatte am anderen Ende der gesperrten Straße eine Kurve so geschnitten, dass ein Radler aus dem Fußgänger-Triathlon-Team in den Graben geschliddert ist. Außer ein paar Schürfwunden und einigen zerfetzten Klamotten ist dem aber wohl nichts passiert. Der Golffahrer hatte noch gehupt, ist aber gleich weitergefahren. Unfallflucht nennt man sowas wohl. Per Handy hatte jemand aus dem Team direkt die Polizei angerufen. Ein Begleitfahrzeug hatte den Golf verfolgt. Und der Dorfpolizist hat sich die vier Jugendlichen, die ohne Lappen unterwegs waren, gleich geschnappt und zumindest so lange festgehalten, bis seine Kollegen vom nächsten ständig besetzten Revier dort waren. Damit war allerdings auch das Training für diese Nacht erstmal beendet.

Dafür durften wir am heutigen Ostermontag zum ersten Mal draußen schwimmen. Der See, ein Baggersee, bis zu 19 Meter tief, nur rund 500 Meter breit, dafür aber rund 2300 Meter lang, hatte eine Wassertemperatur von 14 Grad. Etliche Kinder plantschten bereits im flachen Wasser, einige wenige waren auch komplett bis zum Hals drinnen, aber nie länger als wenige Sekunden, dafür war es einfach noch zu kalt. Marie, Cathleen, Simone und ich saßen bereits auf einer Decke auf dem Rasen, zogen uns bis auf die Badesachen aus, während Tatjana noch mit Yvonne, Kristina, Merle und Nadine ins Vereinsbüro wollte, weil die da noch irgendeine Wettkampfmeldung dringend faxen mussten. Es sollte angeblich nur höchstens 30 Minuten dauern, wir sollten uns so lange etwas sonnen.

Nach 20 Minuten begannen wir, uns in die Neoprenanzüge zu zwängen, inzwischen konnten wir es alleine, lediglich Marie machte es zum ersten Mal und brauchte Hilfe. Gefühlte hundert Augen glotzten uns an. Für die ganzen Kinder war es super spannend, dass ein paar Rollifahrer sich dort auf der Erde liegend in ihre Wurstpellen pressten, deren Eltern ließen für Minuten glatt ihre Campinggrills aus den Augen. Nach 10 Minuten saßen wir da, die Einteiler bis zur Brust hochgezogen, auf Tatjana und den Rest wartend. Nach weiteren dreißig (!) Minuten kamen sie dann endlich. Während die anderen sich am Auto umzogen, quetschten wir noch unsere Arme in das Ding, schlossen einander die Reißverschlüsse und warteten darauf, dass es jeden Moment losgehen würde.

Wir rollten langsam vom Rasen auf den Sandstreifen nach unten. Als wir uns wieder umsahen, waren die anderen vier immernoch am Auto. Meine Güte, brauchten die lange. Wir setzten uns schonmal in den Sand. Marie fing an, mich zu ärgern, indem sie mich so anstieß, dass ich (in Ermangelung von Oberkörperstabilität) seitlich umkippte. Sofort warf sie sich auf mich drauf und drückte mich auf die Erde. „Ich bin stärker als du“, meinte sie. Wir kämpften. Es gelang mir, sie umzustoßen und mich zumindest für einige Sekunden mit meinem Oberkörper auf sie draufzulegen, bevor sie uns ein Stück weiter rollte und wieder oben lag. Sie war mir durch ihre niedrigere und imkomplette Querschnittlähmung körperlich eindeutig überlegen. Wir wälzten uns in dem Sand hin und her, aber ich schaffte es nicht, sie irgendwie festzuhalten. Stattdessen hatte sie mich ein paar Mal so unter sich fixiert, dass ich kapitulieren musste. Wir sahen aus wie die panierten Schnitzel. Aber wir wollten ja ohnehin gleich schwimmen.

Tatjana kam und brachte uns vier Flaschen Mineralwasser. „Damit ihr nicht völlig dehydriert in dem warmen Ding“, meinte sie fürsorglich. Sie habe ihren Neo im Auto vergessen, ergo müsse sie jetzt mit dem Kleinbus nochmal zum Parkplatz zurück. Das würde noch weitere 15 Minuten dauern. Die anderen kämen gleich. Wir sollten warten. Wahnsinn. Marie hatte es faustdick hinter den Ohren. Teilweise trank sie, aber zwischendurch nahm sie den Mund voll Mineralwasser, spitzte die Lippen und spuckte es in meine Richtung, mir direkt auf den Arm oder auf die Brust. Das Spielchen fanden Cathleen und Simone natürlich auch toll und so durften etliche Leute beobachten, wie vier Behinderte sich gegenseitig mit Mineralwasser bespuckten, sich in Schwitzkästen nahmen und im Sand herumrollten. Cathleen begann irgendwann, mit Matsch zu werfen und irgendwann waren wir, obwohl wir auf Tatjana warten sollten, im Wasser. Es war dermaßen arschkalt, dass mir richtig ein wenig übel wurde, als ich komplett drinnen war. Im Neo muss sich ja erstmal ein Wasserfilm bilden, bis er isoliert, und der ist erstmal so kalt wie das Seewasser.

Das Schwimmtraining dauerte nur rund 20 Minuten. Das reichte auch. Vor allem mein Kopf fühlte sich wie eingefroren an und meine Stirn fühlte sich leicht schmerzhaft an. Ich war froh, als wir endlich wieder draußen waren, die nassen Sachen ausziehen und uns abtrocknen konnten. Danach kurz gemeinsam duschen, bevor wir dann einen wunderbaren Grillabend am See hatten – es war richtig herrlich.

In der nächsten Woche sind Osterferien, ich werde die Zeit nutzen, um für meinen Test zu lernen, zwei Referate und zwei Hausarbeiten zu schreiben und intensiver zu trainieren. Das Ostertraining war irgendwie nicht der Brüller. „Nicht schön“, wie auch Cathleen fand. Dieser abgebrochene Nachteinsatz und dieses Schwimmen im Eiswasser … da wäre eigentlich mehr drin gewesen. Schwimmen in der Halle wäre jedenfalls effektiver. Auf jeden Fall möchte ich in diesem Jahr noch an mindestens einem Triathlon teilnehmen!

Erstes Straßentraining 2011

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Yes. Erstes nächtliches Straßentraining 2011 heil überstanden. Es gibt einige Veränderungen: Wir trainieren künftig verstärkt im Hamburger Südwesten, im Bereich der Elbe, weil dort gute Straßenverhältnisse sind, nachts dort absolut tote Hose ist und man das Training im Sommer auch gleich mit Outdoor-Schwimmen verbinden kann. Nein, nicht in der Elbe. Bäh. In einem großen Baggersee.

Die Straße ist sehr übersichtlich und sehr lang, man kann also mehrmals hin und her fahren und hat nicht das gefährliche Stadtgebiet zu durchkreuzen. Wir dürfen sogar im Rahmen einer Sondernutzung die Straße auf einer Länge von knapp 10 Kilometern für den Durchgangsverkehr sperren. Nicht jedes Wochenende, auch nicht jedes zweite, aber so etwa 15 Mal im Jahr sei es okay. Weil da eben nachts kein Durchgangsverkehr ist, und wenn doch, dann könnte dieser das Gebiet auch weiträumig umfahren oder eine Parallelstraße nutzen und so zu seinem Ziel kommen. Der Typ vom zuständigen Bezirksamt und ein Typ von der Polizei (in zivil) waren vor Ort, war sehr nett und haben sich das alles angeschaut. „Das ist sehr toll, was Sie hier machen, das unterstützen wir auf jeden Fall.“ Wir müssen uns allerdings mit zwei anderen Triathlon-Vereinen (Fußgänger) arrangieren, die hier nachts ebenfalls trainieren wollen und dürfen. Mit denen sollen wir uns absprechen. Das sollte nicht das Problem sein. Diese hatten schon Jahre lang um eine Sondernutzungs-Erlaubnis gebeten, sie aber nie bekommen. Erst als jetzt der Antrag für die Rollstuhlsportler kam, wurde bewilligt. Das finde ich irgendwie super klasse.

Lisa gehört ab sofort fest zu unserem Trainingskader. Und wir bekommen noch einen zusätzlichen Trainer, allerdings nur aushilfsweise. Aber das ist doch schonmal was. Und wir dürfen am Ende in einer Sporthalle duschen, für die unser Verein einen Transponder (Schlüssel) bekommt. Manchmal bin ich richtig erstaunt, wie unbürokratisch Hamburg dann doch sein kann. Wenn man die richtigen Leute anspricht.

Und es wurde ein Sponsor gefunden, der uns mit Funktionskleidung für das Training versorgt. Wir dürfen zwei Mal pro Jahr bestellen (einmal Sommer, einmal Winter), die Teile werden auf Maß angefertigt. Es handelt sich dabei um einteilige „Ganzkörperkondome“, die halt ideal sowohl für den Rennrolli als auch zum Handbiken sind. Die Maßanfertigung ist besonders wichtig (und eigentlich sehr teuer), da einige Sportler seit Geburt ihre Querschnittlähmung oder andere Behinderung haben, noch nie gelaufen sind und somit keine normal langen Beine haben. Oder nur sehr dünne. Einteilig ist wichtig, weil es sonst hoch- bzw. runterrutscht und viele das nicht merken, weil der Übergang von Hose zum Oberteil in einem Bereich liegt, den sie nicht spüren. Die Nähte sollten so platziert sein, dass sich keine Scheuerstellen ergeben. Es sollte sich nicht mit Schweiß oder Pipi vollsaugen, es sollte einigermaßen strapazierfähig sein, leicht, und trotzdem warm. Zumindest im Winter.

Die Firma, die das jetzt liefert, sitzt im Erzgebirge und berechnet für das erste Stück 30 Euro, für jedes weitere 60 Euro, allerdings kann nur einmal pro Halbjahr gesammelt bestellt werden. Wenn jemand einzeln nachbestellt, liegt man bei etwa 120 bis 150 Euro, je nach Aufwand. Und man kann wirklich alles angeben: Oberschenkellänge und Dicke, auch noch rechts und links verschieden, wenn es sein muss, Unterschenkel, Arme, Oberweite, Oberkörpergröße, Hüftbreite – wirklich alles. Das passt dann auch wie angegossen. Man kann kurzen Arm wählen oder langen, Beinlänge, mit Fuß oder ohne, die nähen einem bei Bedarf sogar einen überlappenden Mini-Schlitz in den Schritt (Reiß- oder Klettverschluss würde ja schon wieder Druckstellen machen), falls man kathetern will ohne das ganze Ding ausziehen zu müssen. Ich weiß, too much information, ich finde es dennoch erwähnenswert, weil einzigartig.

Obwohl es Synthetikfaser ist, sieht es gar nicht mal schlecht aus, da die Oberfläche matt und angerauht ist. Komplett schwarz, nur auf dem Rücken sind so silberne Reflektoren eingearbeitet oder aufgebügelt, keine Ahnung. Und von innen sind die Dinger absolut flauschig, selbst dann noch, wenn sie nassgeschwitzt sind, was mich sehr beeindruckt hat. Für den Winter hat man eine Stoffstärke von 240 g/m² gewählt, ein T-Shirt hat etwa 60 bis 150 g/m², wobei man bei 60 durchgucken kann und 150 sehr dick ist. Jedenfalls bekamen wir das Zeug endlich ausgegeben, wir haben alle gleich getestet und: Es waren draußen 2 bis 3 Grad, also ar…kalt, es hat zeitweilig genieselt und ich habe nicht gefroren. Auch nicht, als nach zwei Stunden alles verschwitzt war. Ich bin begeistert.

Ziemlich böse

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Ich war böse. Ziemlich böse. Keine Ahnung, ob es schlau ist, das hier zu schreiben. Ich habe aber auch keine Ahnung, ob es schlauer ist, nur die braven Dinge zu schreiben. Von ein paar kleinen Ausrastern mal abgesehen, die aber meistens Reaktionen und nicht Aktionen waren. Ich weiß es wirklich nicht.

Wie gesagt, ich war böse. Ich war ja vor zwei Wochen auf einem Triathlon, habe im Anschluss daran weniger Muskelkater gehabt als befürchtet, hatte mich ein paar Mal von meiner Physiotherapeutin durchkneten lassen und sogar auch schon zwei Mal wieder an lockerem Schwimmtraining teilgenommen. Nur Straßentraining wurde noch nicht wieder angeboten. Dieses Wochenende sollte es sein, es wurde aber bereits am Donnerstag abgesagt, weil zu viele Leute krank sind.

Also war ich gestern nachmittag in der Sporthalle, in der einige Rennrollis eingeschlossen waren (auch meiner), und habe meinem Stuhl zwei neue Reifendecken verpasst, da die alten an einer Stelle bereits eine Kerbe hatten und es dann nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es knallt. Außerdem hatte ich nach dem Wettkampf sämtliche Sitzbespannungen mit nach Hause genommen und mal von der Waschmaschine durchwaschen lassen. Auch wenn sie sonst nach dem Training regelmäßig abgespült werden, gerade nach einem Triathlon sollte das dann doch mal drin sein.

Jedenfalls fummelte ich diese nun auch wieder auf den Stuhl und plötzlich überlegte ich mir: Eigentlich könntest du ja den Stuhl einfach mitnehmen und für dich selbst ein bißchen trainieren. Das ist nicht ungewöhnlich, andere machen das auch, Simone beispielsweise hat ihren Stuhl fast nie in der Halle stehen. Die einzige Hürde war: Ich musste ganz alleine managen, dass ich in den Stuhl kam und ich musste eine Strecke finden, wo ich gut fahren konnte, ohne dabei in den Straßenverkehr zu geraten. Das wäre ohne Begleitfahrzeug lebensmüde.

Asphaltierte Wege an den Elbdeichen sind doch etwas schönes. Auch im Dunkeln. Man ist fast alleine, von ein paar Joggern abgesehen, am Weg stehen in gewissen Abständen Laternen, man kann auf die Elbe schauen, Schiffe beobachten, hat wunderbare frische Luft und himmlische Ruhe.

Und einen gewissen Nervenkitzel. Schreib ich es wirklich? Ja, ich schreibe es. Ein Hauptgrund, warum ich für mich alleine trainieren wollte, war gar nicht mal der Sport, die Bewegung, die körperliche Fitness. Sondern ich brauchte einen Kick. Einen Hormonkick. Ich weiß, es hört sich komisch an. Vielleicht sogar etwas krank. Vielleicht mache ich mich auch absolut lächerlich. Und vermutlich locke ich jetzt scharenweise irgendwelche komischen Leute hier auf die Seite. Also doch nicht schreiben? Menno!!!

Ich brauchte einen Kick. Einen Hormonkick. Ich habe trainiert und … hatte keine Hose an. Klingt jetzt vielleicht albern. Und vermutlich werden sich jetzt die Hälfte meiner Freunde von mir distanzieren und mir raten, mal zum Psychiater zu gehen, aber es hat sich irgendwie einfach so ergeben. Natürlich war ich Herr äh Frau meiner Sinne. Und natürlich wäre das auch anders gegangen. Aber ich bin auf einen Parkplatz gefahren, völlig dunkel, völlig einsam, von allen Seiten gut einsehbar, direkt an der Elbe, bin im Auto nach hinten gekrabbelt, habe die Seitentür geöffnet, meinen Rennrolli rausgeschoben und wollte mich umziehen. Unter einem Laken (damit nicht alles dreckig wird) lag die Matratze und mein Schlafsack, und während ich mich auf der Matratze liegend auszog, um meine Trainingsklamotten anzuziehen, verspürte ich eine gewisse Lust, mich nackt in den flauschigen Schlafsack zu legen, ein bißchen Musik zu hören und mich zu streicheln, während draußen das Wasser der Elbe an mir vorbei floss und die Sterne leuchteten. Aber ich wollte ja trainieren.

Und plötzlich kam mir der Gedanke, wie es wohl wäre, nackt zu trainieren. Ich bekam Herzklopfen, wurde kribbelig, spürte eine gewisse Erregung und das alles wurde immer stärker mit jedem Gedanken daran, dass ich das ja wirklich machen könnte. Und irgendwann dachte ich dann: Naja, oben ohne, wenn das einer sieht, vermutet jemand ein Verbrechen oder eine Irre (bin ich ja auch) und ruft gleich die Polizei. Aber unten? Sieht ja keiner. Hinter dem Po ist die Rückenlehne, wenn das Shirt weit genug runter geht, sieht das niemand. Schon gar nicht bei der Geschwindigkeit. Von den Seiten kann niemand reinschauen und von vorne liegen die Brüste nahezu auf den Knien. Man sieht nur die nackten Beine unterhalb des Knies – ich könnte ja auch eine kurze Hose tragen. Mein Herz raste und ich beschloss mehr und mehr, es wirklich zu tun.

Die Scheiben vom Auto sind getönt, man kann von außen nicht reingucken, es sei denn, man drückt sich mit der Nase an die Scheibe. Hingegen konnte ich alles sehen. Und es war weit und breit niemand. Also zog ich nur ein enganliegendes, langärmliges Shirt an und kletterte in Windes-Eile in meinen Rennrolli. Autotür zu, abschließen, Schlüssel in die Kletttasche an der Rückenlehne … und los. Es war nicht kalt, es war angenehme Luft und mein Puls war mindestens bei 150. Meine Trainingspartner hätten natürlich sofort gesehen, dass ich untenrum nackig war, aber wer das nicht vermutete, würde das auch nicht ahnen.

An ein vernünftiges Trainingsprogramm war in der Aufregung nicht zu denken. Ich fuhr, mal schnell, mal weniger schnell, auf dem asphaltierten Weg auf dem Deich, ich durfte jetzt nur nicht stürzen, umkippen oder vor Schreck in die Elbe lenken. Der Gedanke daran, was wohl passieren würde, wenn ich rausfallen würde und das jemand sieht, machte mich noch wuschiger. Diese exhibitionistische Ader kannte ich noch nicht von mir. In erster Linie reizte mich, etwas verbotenes, anstößiges zu tun. Man kann doch nicht immer nur lieb sein!

Nach einigen Minuten begegnete ich dem ersten Jogger, der war nur mit sich selbst beschäftigt und nahm mich kaum wahr. Ein Inlineskater drehte sich nochmal um. Ein anderer Jogger grüßte, mit einem anderen wäre ich im Dunkeln fast kollidiert, aber insgesamt war alles so wie sonst auch. Außer dass niemand wusste, was ich tat. Als ich an dem Punkt angekommen war, an dem ich wenden wollte, habe ich mich gerade hingesetzt, aus dem Dunkeln heraus lange in alle Richtungen geschaut und als ich niemanden sah, habe ich angefangen, mich zu berühren. Im Bett habe ich dafür meine Bauchlage und meinen Delfin, mit den Fingern im Sitzen habe ich es noch nie getan. Die direkten Berührungen spüre ich wegen meiner Querschnittlähmung nicht. Wohl aber, dass da etwas wohliges passiert und auf jeden Fall, dass das alles irre gut durchblutet ist und ganz viele Hab-mich-lieb-Hormone durch meinen Körper wuseln. Und dann plötzlich kam so eine Phase, in der ich nicht mehr aufhören konnte und nicht genug bekommen konnte. Und dann plötzlich hätte ich fast geschrien, so gut fühlt sich das an.

Ich will hier keinen Porno schreiben. Ich will weder, dass einer den „Flag it!“-Button drücken muss noch dass hier Dinge stehen, von denen sich jemand belästigt fühlen könnte. Ich möchte einfach nur beschreiben, dass ich, wenn auch auf zugegeben seltsame Art, etwas geschafft habe, über das ich sehr glücklich bin. Eben auch, weil ich einige Leute mit Querschnittlähmung kenne, die glauben, Sexualität nicht mehr erleben zu können, nur weil sie da unten keine Berührungen mehr empfinden. Ich muss auch gleich sagen, dass ich nicht weiß, wie das bei mir wäre, wenn ich ein kompletter Querschnitt wäre, vielleicht noch höher. Vielleicht wäre dann alles ganz anders.

Nach diesem Flash war alles ganz anders. Ich fühlte mich glücklich, wie auf Droge, mein Puls war erstaunlich langsam, ich saß da im Stuhl und dachte mir: „Was machst du hier eigentlich für einen Scheiß?“ Mir wurde kalt und ich hätte am liebsten gerne mal geduscht. Ich hätte gerne jemanden gehabt, an den ich mich ankuscheln könnte. Den ich kraulen könnte, den ich umarmen könnte. Stattdessen waren da noch einige Kilometer zum Auto zu bewältigen. Halbnackt. Aber ich habe es ja nicht anders gewollt. Und als ich dann endlich wieder im Auto saß, mich angezogen hatte, die Heizung lief, das Radio mitten in der Nacht schöne sanfte Kuschelmusik spielte, die Bäume begannen, sich im Wind hin und her zu wiegen, einzelne Regentropfen auf die Windschutzscheibe fielen, ich das Fahrlicht anknipste, das einige Hasen von der Wiese scheuchte, und ich langsam vom Parkplatz rollte, dachte ich mir so: Socke, eigentlich geht es dir doch richtig gut.