Mal wieder Rucksack

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Ich hatte ja ein wenig Befürchtungen, dass die Medikamente in meinem Notfallrucksack ablaufen, bevor sie eingesetzt werden. Ja, wer es nicht lesen will und behaupten möchte, dass mein Magnet neben irgendwelchen Idioten auch noch das Unglück magisch anzieht, der soll es tun und weiterblättern, denn: Ich habe in der letzten Woche schon wieder Erste Hilfe leisten müssen. Müssen, denn das Gesetz erwartet es von mir, wenn ich so etwas studiert habe.

Ich wollte unbedingt noch bis 18 Uhr zur Post, musste noch ein Paket loswerden. Und ein Einschreiben. Ich wollte Briefmarken kaufen. Und bei meiner Bank etwas unterschreiben. Stattdessen sah ich, wie in etwa 150 Meter Entfernung eine Frau über die Fahrbahn lief. Die Straße war an dieser Stelle zweispurig, also pro Richtung eine Fahrspur, durch eine gestrichelte Mittellinie unterteilt. Sie wollte einen Bus erreichen, der auf der gegenüberliegenden Seite in einer Bushaltebucht wartete. Ob sie geschaut hat, weiß ich nicht, jedenfalls offenbar nicht in beide Richtungen. Über den ersten Fahrstreifen kam sie hinweg, im zweiten lief sie direkt vor einen weißen Opel, im Nachhein denke ich, es war ein Crossland X. Trotz Vollbremsung erfasste er die Frau mit letzter Restgeschwindigkeit mit seiner vorderen rechten Ecke. Die Frau stolperte und fiel hin. Auf die Entfernung sah es erstmal nicht ganz so heftig aus. Mehr konnte ich aber auch nicht sehen.

Vor mir steuerten bereits zwei andere Personen ihre Autos auf den Radweg und stiegen aus, um der Frau zu helfen. Sie lag am Boden, war offensichtlich ansprechbar, und hielt sich den linken Arm. Aus dem weißen Opel stieg ein geschätzt fünfzig Jahre alter Mann mit schwarzer Hautfarbe, der sofort zu der verletzten Frau lief, sich neben ihr auf den Bordstein setzte und die Hände vor sein Gesicht schlug. Der Bus, den die Frau erreichen wollte, fuhr ab und kurvte dabei umständlich um das stehende Unfallauto herum. Ich fuhr mit meinem Auto an der Unfallstelle vorbei und versuchte, nach links auf die Bushaltebucht zu kommen. Ich wollte auf keinen Fall im fließenden Verkehr aussteigen. Es war schwierig, jemanden aus der wartenden Schlange zu überzeugen, mal einen Moment stehen zu bleiben, um mich dorthin durchzulassen. Blinken nützte nichts, nur meine Hamburger Dreistigkeit (HDL = Hupen, Drängeln, Lächeln) brachte Erfolg. Ich stellte mein Auto gegen die Fahrtrichtung in die Bushaltebucht und konnte so auf der dem Verkehr abgewandten Seite aussteigen.

Inzwischen schrie die Frau, hatte vermutlich Schmerzen. Rund ein Dutzend Menschen stand herum und glotzte. Eine Frau, geschätzt 55 Jahre alt, versuchte, auf die verletzte Frau einzureden. Sie verstand sie offensichtlich nicht, und wie sich später herausstellte, war die verletzte Frau in Kabul geboren und vermutlich noch nicht lange in Deutschland. Problematisch fand ich, dass die Frau bei der Kollision sich offenbar eine größere Gefäßverletzung am linken Arm zugezogen hatte. Das Blut lief in Strömen und die Frau versuchte panisch, ihre eigene Blutung zu stoppen, indem sie den Daumen der anderen Hand in die Wunde presste, was aber nichts brachte.

Der Fahrer des weißen Opel weinte inzwischen und wimmerte: „Ich habe gebremst so stark wie ich konnte. Ich wollte das nicht.“ – Ich öffnete mit der Fernbedienung meine Heckklappe und bat einen der umstehenden Zeugen, die mit dem Auto angehalten waren, meinen Notfallrucksack unter der Ladefläche herauszuholen. Die Frau, die sich bereits um die verletzte Frau kümmerte, war eine Krankenschwester. Sie erkannte richtig, dass die massive Blutung sofort gestoppt werden müsste. Der Sauerei nach würde ich mal vermuten, dass in den zwei Minuten seit dem Unfall locker ein Liter Blut aus dem Arm gelaufen war. Problem war, dass die Frau sich wehrte, sobald jemand ihren Arm berührte. Blutet das so weiter, wäre es nur noch eine Frage von Minuten, bis sie das Bewusstsein verliert. Nur das galt es eigentlich zu vermeiden.

Ich rutschte aus dem Rollstuhl auf den Boden, setzte mich auf Knie und Fersen vor die Frau. Inzwischen war mein Rucksack da. Die verletzte Frau hörte auf zu schreien und guckte mich an. Ich fragte: „Verstehen Sie mich?“ – „Nicht gut deutsch“, sagte sie. „English?“, fragte ich. Sie antwortete: „Little.“ – Ich versuchte es so: „Doktor help. Arm: Nix gut. Doktor help. Okay?“ – Und bevor sie noch lange herumhampeln konnte, hatte sie einen Stauschlauch am Oberarm. Zugezogen, ein kurzer Schrei, Ende von Blutung. Natürlich könnte sich das negativ auf eventuelle Verletzungen des Arms auswirken, aber das ist in dem Moment definitiv zweitrangig. Ich sagte: „Andere Seite einen großen Zugang, und dann den Fahrer mal aus dem Geschehen rausnehmen, am Besten in das Haltestellenhäuschen setzen und ne Decke über die Schultern legen und beruhigen.“ – „Mach ich“, sagte der Mann, der schon meinen Rucksack geholt hatte. Die verletzte Frau wurde blass und weinerlich. Ich dachte mir so: Jetzt bitte nicht noch einen Kreislaufstillstand. „Hat schon jemand einen Rettungswagen gerufen?“

Hatte jemand. Direkt nach meiner Frage hörte man den auch schon. Dem Lärm nach kamen da auch mindestens zwei Fahrzeuge. Das zweite war die Polizei. Die Besatzung des Rettungswagens forderte sofort den Notarzt nach. Anschließend holten sie die Trage, als die Frau vernünftig lag, versorgte die Sanitäterin den gestauten Arm mit einem Druckverband. Die Frau blieb bei Bewusstsein. Meine Infusion war daran wohl nicht ganz unbeteiligt. Die Polizistin fragte, was geschehen sei. Die Frau sagte: „Ich nicht gesehen Auto. Bus kam. Straße gelaufen. Ich Fehler gemacht. Mann bitte Entschuldigung. Polizei bitte Entschuldigung.“

Die Sauerstoffsättigung lag bei 99%, der Blutdruck bei 130 zu 110, Puls unter 100, keine Anzeichen für einen Schock. Auch wenn der durchaus an der Tür geklopft hatte bei dem Blutverlust. Aus meiner Sicht müsste hier kein Notarzt kommen, aber das habe ich ja nicht zu entscheiden. Ein Mann kam hinzu, offenbar der Partner der verletzten Frau. Er war völlig aufgeregt, kam mit mehreren anderen Männern zusammen angelaufen. Die Frau sprach mit ihm. Hektische Wortwechsel. Kein Wort zu verstehen. Dann sagte er zu der Polizistin: „Meine Frau sagt, sie hat Fehler gemacht. Nicht geguckt ob Auto kommt.“

Ich kletterte wieder in meinen Rollstuhl. Rollte zu dem Opelfahrer. Der saß in dem Haltestellenhäuschen und weinte. Der Zeuge versuchte, ihn zu beruhigen. Ich sagte: „Machen Sie sich keinen Kopf. Sie haben alles richtig gemacht. Es gibt Dinge im Straßenverkehr, die kann man nicht verhindern.“ – „Ist sie schwer verletzt?“ – „Nein. Wie es aussieht, hat sie nur eine stark blutende Wunde am Arm und deshalb ein paar Probleme mit dem Kreislauf. Sie kommt jetzt ins Krankenhaus und wird dort einmal durchgecheckt, aber es sieht nicht so schlimm aus.“ – „Ich möchte keinen Ärger. Ich lebe friedlich in diesem Land und ich wollte das nicht.“ – „Ihnen wird nichts passieren. Die Zeugen haben alle ausgesagt, dass sie Ihnen vor den Wagen gelaufen ist. Die Frau selbst hat das auch schon zur Polizei gesagt. Ich rate Ihnen, sagen Sie nichts zur Sache, sondern warten Sie erstmal ab. Das Recht haben Sie.“ – „Ich habe Angst, dass ich die falsche Hautfarbe habe.“ – „Nein, da machen Sie sich mal keine Sorgen, wir sind ja alle dabei.“

Die Angst war völlig unbegründet. Die Polizistin sprach mit dem Mann und sagte: „Sie bekommen von uns die Daten der Unfallgegnerin, die bereits eingeräumt hat, den Unfall verursacht zu haben. Die Zeugenaussagen stimmen auch alle überein. Danach ist die Frau Ihnen direkt vor das Auto gelaufen. Mein Kollege macht jetzt noch Bilder vom Unfallort. Ich müsste einmal Ihren Führerschein und Ihren Personalausweis sehen und die Papiere vom Fahrzeug.“ – „Ist mein Führerschein weg?“ – „Nein, wie kommen Sie denn darauf? Ich möchte nur Ihre Daten haben. Den Führerschein bekommen Sie gleich wieder. Sie haben sich ja nichts zu Schulden kommen lassen. Ich nehme von Ihnen auch keine Aussage auf, weil Sie neben sich stehen. Es kann sein, dass Sie nochmal angeschrieben werden, aber vermutlich kommt da nichts mehr.“ – „Ist es schlecht, keine Aussage zu machen?“ – „Nein, Ihre Aussage ist nichts wert, wenn Sie aufgewühlt und unter Schock stehen. Und wir brauchen die Aussage auch nicht. Wir wissen auch so schon, dass Sie sich nichts zu Schulden kommen lassen haben. Wenn das bei der Staatsanwaltschaft noch jemand anders sieht, nehmen Sie sich einen Anwalt und dann können Sie immernoch eine vollwertige Aussage machen. Aber ich glaube nicht, dass da noch was kommt. Auch gegen die Frau nicht. Die ist mit ihrer Verletzung gestraft genug, da muss man ihr nicht noch ein paar Euros abknüpfen, die sie vermutlich sowieso nicht übrig hat. Gibt es jemanden, der Ihr Auto einparken kann? Weil, sie sollten damit jetzt so nicht weiterfahren in Ihrem Zustand.“

Er hatte bereits seine Frau angerufen, die in diesem Moment eintraf. Der Notarzt guckte die Frau an, fuhr anschließend gleich zum nächsten Einsatz weiter. Am Ende waren alle weg. Socke packte mit Hilfe der Krankenschwester ihren Rucksack zusammen, räumte den ganzen Erste-Hilfe-Müll ein wenig zusammen und packte ihn in den Eimer an der Haltestelle und machte sich auf den Heimweg. Bedankt hatte sich niemand in der Aufregung. Einer geflüchteten Frau aus Kabul eine Rechnung zu schreiben, war vermutlich auch aussichtslos. Nachdem der Rettungswagen mir leider meine Verbrauchsmaterialien nicht ersetzen konnte, kann ich vielleicht bei Susi demnächst mal wieder was zum Einkaufspreis abgreifen. Als ich einstieg, hielt der nächste Bus. Auf der Fahrbahn. Der Busfahrer öffnete die vordere Tür und pöbelte in militärischem Tonfall: „Nur weil du behindert bist, heißt das nicht, dass du da parken darfst.“ – Dabei traten ihm fast die Augen aus den Höhlen. Ich lächelte freundlich und erwiderte seinen Gruß durch korrektes Anlegen der rechten Hand an den Kopf.

Zur Post, zur Bank, Einschreiben mit Frist konnte ich alles vergessen. Es war weit nach 18 Uhr. Aber wenn die Pflicht ruft und ich gebraucht werde …

Stex 3

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Es ist ein Update fällig. Ich weiß. Wenn ich denn mal Zeit hätte. Ich würde so gerne schreiben. Ich hätte so viel, worüber ich schreiben könnte. Es hat sich so viel verändert in den letzten Wochen und es ist so viel geschehen, dass ich eigentlich täglich bloggen könnte. Wie gesagt, wenn ich mehr Zeit hätte.

Zuerst wäre da mein drittes Stex. Stex, nicht Sex, du Ferkel. Also Staatsexamen, Prüfung. Die ganze Aufregung, die ich befürchtet hatte, blieb aus. Ich habe in der Nacht davor geschlafen wie ein Baby, habe mir am Abend davor nichts mehr angeguckt, nichts mehr nachgeblättert, bin beim Einschlafen nicht nochmal irgendwas im Kopf durchgegangen und musste auch nicht noch fünf Mal Licht anmachen, um irgendwas doch nochmal genauer nachzulesen. Nix. Und dann habe ich an dem Morgen noch ganz ruhig gefrühstückt, sogar online noch in einer Tageszeitung geblättert, bevor ich mich mit optimalem Zeitpuffer auf den Weg gemacht habe.

Und bevor ich richtig nachdenken und emotional aufdrehen konnte, war ich schon dran. Ich musste eine von mir geschriebene Epikrise (also quasi einen Arztbrief) vorlegen zu einer Patientin, die eigentlich an dem Tag entlassen werden sollte, allerdings war sie schon am Vortag nach Hause geschickt worden, von daher sammelte man den Zettel ein und kommentierte es erstmal nicht weiter. Ich bekam eine neue Patientenakte in Papierform in die Hand gedrückt. „Schauen Sie sich das genau an. Die Dame möchte heute gerne nach Hause entlassen werden und weiß bereits, dass Sie heute Ihre Prüfung mit ihr machen. Sie gucken sich die Akte vorher in Ruhe an. Alle Nachschlagewerke, die Sie hier im Raum finden, dürfen Sie benutzen, allerdings dürfen Sie nichts außer der Akte zur Patientin mitnehmen und Sie kommen auch nicht hierhin zurück. Also wenn Sie noch was nachschlagen müssen, dann jetzt. Wir warten vor dem Patientenzimmer, wenn Sie so weit sind, kommen Sie dorthin und nehmen uns mit hinein. Sie müssen uns nicht vorstellen, die Dame kennt uns aus dem Vorgespräch. Und Ihr Handy würde ich gerne für die nächsten zwei Stunden an mich nehmen, wenn Sie einverstanden sind. Ist das lautlos?“

Ich blätterte die Akte durch. 69 Jahre, weiblich, schlank, körperlich fit, ist zur Kontrolle ihres implantierten Herzschrittmachers vom Hausarzt in die stationäre Behandlung eingewiesen worden. Ihr war mehrmals schwindelig, dann hat man Blutdruck gemessen, der war zu niedrig und der Puls zu schnell. Bei der Kontrolle des Herzschrittmachers gab es am Gerät allerdings keine Auffälligkeiten und er soll auch richtig eingestellt sein. Es handelt sich um ein bedarfsweise ansprechendes Gerät, das in den letzten Monaten nicht ausgelöst hat. Damit war eigentlich alles gesagt: Wenn die Spezialisten sagen, es liegt nicht am Schrittmacher, dann werde ich mich in einer Prüfung nicht darüber hinwegsetzen müssen.

Sondern bei der Dame ist was anderes los. Ich blätterte weiter. Laborwerte … ach herrje. Prüfungsakte ohne die sonst üblichen Hinweise des Labors. Ein viel zu niedriger Hämoglobinwert und ein Mangel an roten Blutkörperchen fielen mir sofort auf. Alle anderen Werte, sofern sie auch nur spärlich erhoben wurden, waren eigentlich normal. Ich blätterte weiter. Ein großes EKG war schon drin. Sah auf den ersten Blick auch normal aus. Dosierungsplan für Medikamente: Nix. Was ja auch selten vorkommt, wenn man mit fast 70 Jahren in einem Krankenhaus weilt. Sollte ich jetzt noch irgendwas nachschlagen? Oder mich ganz lässig ins Gespräch begeben? Es musste schon richtig blöd laufen, wenn ich nach meinen bisherigen Leistungen jetzt durchfallen wollte.

Drei Herren, mein jetziger Prof, und ich. „Ich wäre dann soweit.“ – „Sind Sie aufgeregt? Dafür gibt es keinen Grund. Ich will, dass Sie bestehen. Geben Sie sich Mühe, aber haben Sie keine Angst. Das ist nicht nötig. Wir wollen nur schauen, wie Sie arbeiten. Dass Sie das können, wissen wir schon. Wenn Sie etwas nicht wissen, dann fragen Sie mich. Das ist völlig in Ordnung. Machen Sie nicht den Fehler, dass Sie versuchen, etwas auf einer Lücke aufzubauen. Da wird alles nur noch schlimmer. Meistens fällt der Groschen bei der Frage und danach läuft es wieder wie am Schnürchen. Einen Hänger darf jeder mal haben. Alles klar?“

Jetzt war ich aufgeregt. Anklopfen, eintreten. Grüßen, ansprechen, Hände desinfizieren. Die Bettnachbarin bitten, das Zimmer zu verlassen. Mich vorstellen. Fragen, wie die Dame sich heute fühlt. Und sie antwortete: „Bis auf das Frühstück ist alles gut.“ – „Bis auf das Frühstück“, wiederholte ich grinsend. War das abgesprochen? Ich riskierte einen Blick zu meinem Prof. Dessen Blick ging nichtssagend ins Leere. Die Dame fuhr fort: „Ich möchte nach Hause. Zwei Nächte hier müssten ja eigentlich reichen. Haben Sie meine Hertha wieder richtig eingestellt?“ – „Sie meinen Ihren Schrittmacher?“ – „Ja, ich nenne das Ding immer Hertha, alles andere klingt mir zu ernst. Wissen Sie, wie ich den bekommen habe?“ – Und dann erzählte sie. Und erzählte. Und hörte nicht mehr auf. Sie überschlug sich fast beim Reden. Dann klingelte ihr Handy in der Schublade und vibrierte dabei. Sie holte das Ding raus, sagte: „Meine Tochter! Moment!“

Es kam nicht der Satz: „Ich ruf gleich zurück“, was ich außer Wegdrücken noch akzeptiert hätte. Sondern sie fing an zu labern. War das abgestimmt? Wollten die mich testen? Oder war das live? Highlive? So oder so, ich musste ran: „Entschuldigung, können wir das jetzt bitte auf später verschieben?“ – „Du, ich muss Schluss machen, hier ist gerade Visite. Hab dich lieb! Kussi!“

Und dann war ich wieder dran: „Tschuldigung, aber meine Tochter ruft so selten an. Aber klar. Wo waren wir stehen geblieben?“ – Mein Blick fiel in die geöffnete Schublade. Dort war eine Packung Tabletten drin. Wieso hatte sie Tabletten im Nachtschrank? Im Medikamentenplan stand nix. Unvollständige Prüfungsakte? Passt nicht. Und mehr als den Tagesbedarf gibt es eigentlich sowieso nicht. Ich fragte: „Entschuldigung, was sind das für Tabletten in der Schublade?“ – „Die? Och nichts. Muss Sie nicht interessieren“, sagte sie und schob die Schublade zu. Ich guckte meinen Prof an. Der kam drei Schritte auf mich zu und machte ein ernstes Gesicht. Ich guckte ihn länger an. Er guckte aus dem Fenster. Okay. Meine Patientin. „Ich möchte die jetzt aber schon mal sehen.“ – Sie schüttelte den Kopf. „Wissen Sie, Frau …, Sie sind hier, weil wir Ihnen helfen sollen, dann müssen wir auch wissen, was Sie einnehmen. Sie können nicht einfach eine eigene Apotheke in Ihrer Schublade haben.“ – Damit hatte ich sie am Haken: „Apotheke, nun übertreiben Sie. Das sind harmlose Lithium-Tabletten.“ – Der Prüfer seufzte leise. Ich fragte: „Und die nehmen Sie wofür?“ – „Mein Psychiater sagt, ich sei bipolar. Ich bin aber nicht polar. Ich bin vielleicht binär. Also vom Geschlecht. Aber das ist eine andere Sache, gegen die es keine Medikamente gibt.“

Sie redete und redete. Irgendwann fuhr ich ihr über den Mund. „Sie können heute noch nicht nach Hause.“ – „Nicht?“ – „Nein. Mit ihrem Schrittmacher ist und war alles in Ordnung. Wir haben die Ursache für Ihren niedrigen Blutdruck noch nicht gefunden.“ – „Nach zwei Tagen noch nicht gefunden?“ – „Nein, wir erfahren ja sukzessive Neuigkeiten. Ich schlage vor, dass wir bei Ihnen Lithium und Eisen mal bestimmen und auch mal die Schilddrüse untersuchen. Und ich würde Sie bitten, eine Stuhlprobe abzugeben.“ – „Wofür das denn?“ – „Ich möchte gerne routinemäßig prüfen, ob Sie irgendwo Blut verlieren.“

Der Prüfer sagte: „Das reicht, Frau Socke. Vielen Dank. Wir machen gleich noch eine Nachbesprechung. Auf Wiedersehen, Frau …“ – Wie sich später herausstellte: Die Schilddrüsen-Narbe hatte ich richtig gedeutet, dazu gab es aber eine Geschichte, die nur ich noch nicht kannte. Das mit dem Lithium in der Schublade war so nicht geplant, deswegen wurde der ganze Kram dann auch abgebrochen. Logisch, dass bei mir wieder so ein Scheiß passiert. Eisen und Eisenspeicher bestimmen war richtig, Blutverlust im Darm routinemäßig war auch gut, eingerissene Mundwinkel hatte ich auch richtig gesehen und eingeordnet, eigentlich wollte man noch auf Wasseransammlungen in den Beinen hinaus, ich hätte die Lunge abhören sollen, aber nach der Lithium-Geschichte lief denen das aus dem Ruder, man hat es abgebrochen und ich könnte behaupten: Ich hätte es alles noch gesehen und gemacht.

Etwa eine halbe Stunde war vergangen. „Kommen wir zum 2. Punkt.“ Man sprach mich tatsächlich auf die Dame an, die kürzlich keine Anaphylaxie, sondern nur einen entgleisten Diabetes hatte. „Erzählen Sie mir alles, was Sie über Anaphylaxie wissen.“ – Er ließ mich labern. Über die schwere allergische Reaktion, die von einer auffälligen Hautreaktion bis zum Kreislaufstillstand reichen kann und nach den aktuellen Definitionen neben der deutlich sichtbaren allergischen Reaktion immer eine zweite Komponente hat (ABCD): Atmung, Blutdruck, Chronik (konkrete allergische Vorgeschichte) oder Darm. Er ließ sich erklären, wie man reagiert. Und vor allem wie schnell. Ich erzählte ihm über die Gabe von Adrenalin (alle 5 bis 10 Minuten eine halbe Ampulle in den Muskel, bei Kindern unter 12 die Hälfte, bei Kindern unter 6 ein Viertel). Schnelle Infusion von ganz viel Flüssigkeit (mindestens ein Liter bei Erwachsenen). Serumtryptase bestimmen. Auf Reanimation vorbereitet sein. Bei stabilem Kreislauf Histaminrezeptoren blocken, Kortisongabe über die Vene in Betracht ziehen.

Er wollte wissen, welche beiden Medikamente in welcher Dosierung die Histaminrezeptoren blocken. Wie hoch ich welches Kortison geben würde. Ob ich bei einer Reanimation das Adrenalin noch erhöhen würde. Ich hatte einen Lauf. Ohne nachzudenken plapperte ich die Antworten heraus. Leitete korrekt her, warum der Kreislauf zusammenbricht. Und in der Folge, warum man spätestens bei der Reanimation beim anaphylaktischen Schock die Beine hochlegt. Warum man dann Adrenalin über die Vene und nicht mehr über den Muskel gibt. Und musste zu guter Letzt noch rund 20 Minuten erklären, was alles auch wie ein allergischer Schock aussehen kann, aber keiner ist (und wie ich das differenziere).

Anschließend hatten wir noch die Hüftdysplasie (also eine Fehlbildung der Hüftpfanne) beim Kleinkind, welche Fehlbildungen häufig vorkommen und wie sie therapiert werden, danach wollte der Prüfer von mir ein persönliches Gespräch über sein Kind, bei dem in einem Provokationstest Asthma festgestellt wurde, und zuallerletzt wollten sie mich noch fünf Minuten mit einer Art Scherzfrage auf den Arm nehmen. „Whewellit und Weddellit. Tauchen anders als Wum und Wendelin niemals zusammen auf. Wo findet man sie und was hatte derjenige, bei dem man sie findet, auf jeden Fall zu wenig?“

Ja. Kleines Rätsel, das ich so weitergebe. Nach Wum und Wendelin waren zwei Stunden rum. Ich war nicht schweißgebadet. Sondern irgendwie mittendrin. Die Einzelheiten könnte ich im Protokoll nachlesen, vorab bekam ich gleich zu hören: Die Sache mit dem Lithium war blöd, aber nicht durch mich verschuldet. Die Anaphylaxie war perfekt, Hüftgelenk und Asthma beim Kind waren auch okay und Wum und Wendelin konnte ich auch richtig einordnen. Am Ende bekam ich ein „sehr gut“ und war mal richtig baff, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Selbstverständlich dauerte es nicht lange, bis ein Ex-Kommilitone, der gerade so eben bestanden hatte, das Wort „Behindertenbonus“ in den Mund nehmen musste. Nee, ich habe nicht darauf reagiert. War mir einfach zu blöd.

Turnhallenwurst

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Ich bin fertig. Den letzten Tag des Praktischen Jahres habe ich überstanden. Ich habe keinen Bock mehr. Ich möchte endlich mein letztes Examen hinter mich bringen und mein Studium abschließen. Ich möchte Gewissheit haben. Und ich möchte sogar diesen Abschnitt meines Lebens abschließen. Auch wenn ich mein Studium zügig, vielleicht sogar im Galopp, durchgezogen habe, und damit sogar schneller war als Marie, die erst im Herbst fertig wird, fand ich es irgendwie viel zu lang.

Am allerletzten Tag gab ich ein Frühstück für die Kolleginnen und Kollegen aus. Wie auch schon zum jeweiligen Ende der letzten beiden Drittel. Dieses Mal verabschiedeten sich allerdings meine Kolleginnen und Kollegen auch mit mehr als nur einem Händedruck. Nachdem der Osterhase in diesem Jahr bereits eskaliert ist, kann ich jetzt ganz sicher meine ganze Straße zum Schokoladen-Fondue einladen.

Und, was eher beschissen war, einer tanzt ja immer aus der Reihe. So gab es am Rande einen Dialog mit einem approbierten Kollegen, den ich noch nie leiden konnte – und der es seinerseits offenbar nicht leiden konnte, dass ich in dem Moment kurz zuvor mehr Aufmerksamkeit bekommen hatte als er in einer ganzen Woche. Sobald ein Mann Sexualität zu völlig unpassender Gelegenheit ins Spiel bringt, möchte er, so meine These, Dominanz zeigen. Damit meine ich nicht diejenigen lieben Menschen, mit denen man auch über schwierige Themen reden kann, sondern sowas hier: „Ich dachte, du wolltest Ende März schon weg sein.“ – „Ich hatte mir eine Grippe eingefangen und musste 14 Tage dranhängen.“ – „Das hättest du aber auch einfacher haben können.“ – „Nämlich wie?“ – „Zum Beispiel Beine breit machen. Machen viele Studentinnen so. Und dem Chef ist doch vor zwei Jahren die Frau weggelaufen. Auch wenn er froh sein kann, dass er die Alte los ist, wäre es so bestimmt schneller für dich gegangen. Sag mal, was ich dich schon immer mal fragen wollte: Dass Querschnitte poppen können, hat sich ja rumgesprochen, sogar unter Internisten. Aber ist deine eigentlich schön straff oder ist es wegen der Lähmung eher so, dass Mann dabei das Gefühl hat, man wirft ein Würstchen durch eine Turnhalle?“

Ich saß da mit einem Blumenstrauß und ganz viel Schokolade auf dem Schoß und guckte ihn ungläubig an. Erwachsen? Studiert? Wirklich jetzt? Ich war nicht auf so etwas derart Dämliches und Ekliges vorbereitet, sonst hätte ich ihn schon nach dem „Beine breit machen“ aufgefordert, den Rest runterzuschlucken. Irgendwie imponierte er mir aber überhaupt nicht. Früher hätte ich vermutlich geheult. Nicht sofort, aber sobald er weg gewesen wäre. In völlig ruhigem Ton sagte ich ganz langsam: „Du bist ein kleiner, schmieriger Mistbock. Und wir sollten beide schnell vergessen, was du eben gesagt hast.“ – Er nickte und machte dazu ein dämliches Gesicht. Ich drückte ihm eine Tafel Schokolade in die Hand und sagte: „Da, nimm. Ist für dich. Und sei nicht traurig, irgendwann findet dein Würstchen bestimmt den Weg in eine geeignete Turnhalle. Bye!“ – Was für ein bedauernswerter Mensch. So schlecht sozialisiert.

Als ich im Aufzug stand, musste ich über mich grinsen.

Angucken

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Eigentlich war mal geplant, dass Marie und ich ein schönes Osterwochenende an das Ostsee verbringen, die Sonne anbeten und mindestens neun Dreiviertelstunden (also zusammengerechnet sechsdreiviertel Stunden) mit dem Handbike am Meer entlang fahren. Stattdessen liegt hier matschiger Schnee, am Himmel vermischen sich dreiundsiebzig verschiedene Grautöne miteinander und der eiskalte Wind weht mindestens mit Stärke 5. Von vorne. Immer.

Also gibt es heute Osterfeuer im Kamin, warme Waffeln mit heißen Himbeeren und warmem Vanille-Eis und jede Menge Entspannung. Als hätte ich nicht in der letzten Nacht schon 14 Stunden durchgeschlafen. Wie es im Moment ständig vorkommt. Mein Leben besteht derzeit nur noch aus Schlafen, Lernen und Praktischem Jahr. Und ja, mein Vitaminspiegel ist im Normbereich. Es ist halt sehr anstregend. Und um die vielfach gestellte und mehrfach beantwortete Frage auch nochmal aufzugreifen, ob meine Unfallkasse noch immer jenen Teil der Rente zahlt, der wegfällt, sobald ich meinen Lebensunterhalt durch einen eigenen Job nachhaltig sichern kann: Ja, zahlt sie. Weil ich noch keinen eigenen Job habe, mit dem ich meinen Lebensunterhalt nachhaltig sichern könnte.

Das wird sich ändern, wenn ich meinen ersten Job antrete und Geld verdiene. Ich habe bereits ein sehr gutes Angebot, allerdings verhandel ich da noch über meinen Sommerurlaub. Die wollen mich ab Juni einstellen, ich möchte aber im August vier Wochen Urlaub machen. Weil ich im ganzen letzten Praktikumsjahr so gut wie keinen Urlaub hatte. Schließlich werden Krankheitstage auf den „Urlaub“ angerechnet. Derzeit steht im Vertrag noch ein halbes Jahr Urlaubssperre drin. Das heißt: Ich müsste dann, weil es im Dezember vermutlich auch nicht klappt, weil alle Kollegen mit Kindern frei haben wollen, meinen kompletten Jahresurlaub nach 2019 mitnehmen. Nachdem ich seit Sommer 2017 keinen Urlaub mehr gehabt habe. Nein, nein, und nochmals nein. Aber sie werden schon darauf eingehen, ansonsten fange ich erst ab September oder eben ganz woanders an. Basta!

Während Marie in die Badewanne wollte, habe ich den Morgen des Ostersamstags zum Einkaufen genutzt. Am Donnerstag habe ich es zu den außerhalb von Großstädten doch oft recht verkürzten Öffnungszeiten nicht mehr geschafft. Es war voller als mir lieb war, aber dennoch leerer als ich befürchtet hatte. Kreischende Kinder, die viel lieber im Bett geblieben wären, ältere Damen, die noch eben drei Äpfel vergessen hatten und eine Frau mit vermutlich drei Promille Restalkohol. Hielt sich krampfhaft an ihrem Einkaufswagen fest, rammte erstmal einen Pappaufsteller mit Schokohasen auf die Seite und hielt dreißig Zentimeter vor mir an. „Rechts vor links!“, lallte sie mich an, von vorne kommend. Ich fragte: „Und wer von uns beiden ist jetzt rechts und wer ist links?“ – „Du bist links. Aus dem Weg.“ – Mir klaren Ansagen kann ich leben.

Vor den Wurst-SB-Kühlschränken ist immer sehr wenig Platz. Eine Frau kam mir mit einem Hackenporsche entgegen und sprach laut mit sich selbst, mich dabei anstarrend: „Oh nein, oh nein, jetzt haben wir ein Problem.“ – „Kann ich helfen?“ – „Ja, ich muss dahinten hin“, sagte sie und zeigte in meine Richtung. Und fuhr fort: „Wenn ich Sie jetzt nicht frage, ob Sie mich durchlassen, muss ich ganz außen herum fahren.“ – „Dann fahr ich eben außen herum.“ – „Ja, das ist gut. Oh nein, jetzt haben Sie meine Schinkenwürfel nicht mehr. Jetzt habe ich zwei Probleme.“

Während ich seufzend in den Kühlschrank guckte und feststellte, dass nicht nur die Schinkenwürfel ausverkauft waren, merkte ich ein leichtes Gefühl von plötzlichem Heißhunger, wie bei einer Unterzuckerung, gleichzeitig wurde mir etwas übel, als wenn ich zu viel gegessen hatte, und ich bekam eine Gänsehaut. Ah! Meine Blase möchte mir mitteilen, dass sie gleich voll ist. Aber wie konnte das sein, ich war doch vor 20 Minuten noch zu Hause auf Klo? Zum Glück hat dieser Supermarkt ein sehr sauberes Kunden-WC, in das man sogar mit dem Rollstuhl hineinkommt. Es ist kein Rolliklo, sondern ein Raum mit ausreichend breiter Tür.

Leider hatte (Achtung! Eklig!) in der letzten Viertelstunde wohl jemand seine Ostereier nicht vertragen und beim Kotzen die Schüssel nur halbherzig anvisiert. Vielleicht lag es auch an dem Likörchen dazu. Falls ich anhand der Konsistenz und des Geruchs einen Tipp abgeben darf: Rhabarber-Erdbeere. Im selben Moment kam eine Mitarbeiterin um die Ecke, sah die Bescherung ebenfalls, fing fast zu weinen an und sagte: „Ich hatte das gerade geputzt.“ – Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man so etwas so hinterlassen kann. Dass mal etwas passieren kann, steht außer Frage. Aber dann mache ich das doch entweder wieder weg oder, wenn es mir wirklich so schlecht geht, sage ich zumindest mal Bescheid und hinterlasse meinen Namen. Ich hasse diese Menschen, die irgendwas anstellen und dann hoffen, dass das niemand gesehen hat, niemand mit ihnen in Verbindung bringt oder wenigstens nicht nachweisen kann. Und dann vielleicht noch lügen – und hinterher lachend betonen, dass eine Lüge ja eine legitime juristische Möglichkeit ist, sich zu wehren. (Gegen denjenigen, dessen Eigentum man gerade zerstört oder versaut hat.)

Regelmäßig wird mir die Frage gestellt, ob alle Rollstuhlfahrer Windeln tragen. Nein, tun sie nicht. Viele nehmen Tabletten, die auf das Nervensystem so einwirken, dass die Blase sich nicht mehr selbständig entleeren kann. Und müssen dann alle vier Stunden einen Einmalkatheter durch die Harnröhre schieben, um die Flüssigkeit ablaufen zu lassen. Einige lassen sich auch alle paar Monate Botox in den Blasenmuskel spritzen, so dass dieser anschwillt und man die Blase ebenfalls nur noch mittels Katheter entleert bekommt. Da ich zwei bis fünf Minuten bevor meine Blase sich entleeren möchte die beschriebenen Wahrnehmungen habe, fresse ich weder irgendwelche Chemie noch lasse ich mir irgendwelche Neurotoxine spritzen. Die Chemie hat bei mir ganz erhebliche Nebenwirkungen – und für die mitlesenden kritischen Experten: Druck und Restharn sind unspektakulär.

Problem nur: Ich muss auf meinen Körper hören und brauche dann auch zügig ein Klo. Ich kann natürlich, eben gerade bevor ich das Haus verlasse, meine Blase, auch durch das oben beschriebene kurzzeitige Kathetern, entleeren und sollte dann zwei bis fünf Stunden Ruhe haben. Sollte. Entsprechend stand ich an der Wursttheke an, um dort das zu kaufen, was im SB-Regal nicht mehr verfügbar war, und pinkelte mir erstmal gemütlich in meine Windel. Mir graut vor dem Tag, an dem ich sie vergessen habe und das erst mit der größer werdenden Pfütze unter meinem Rollstuhl merke. Während alle mich anstarren. Hurra.

Nach zehn Minuten kam ich endlich dran. Danach wollte ich zur Kasse, wurde aber erneut aufgehalten. „Entschuldigung, sind Sie nicht neuerdings hin und wieder hier in der Schwimmhalle beim Schwimmtraining?“ – „Kann schon sein, warum?“ – „Mein Sohn trainiert da auch im Verein. Lukas. Es ist gut, dass wir uns mal treffen.“

Häh? Wieso ist das jetzt gut? Und welcher Lukas überhaupt? Sie fuhr fort: „Er hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Ich glaube ja, er hat sich total in Sie verguckt, obwohl er das natürlich nicht zugibt. Oder vielleicht bin ich auch nicht die richtige Ansprechpartnerin für ihn. Jedenfalls freut es mich, dass wir uns mal kennenlernen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass er endlich mal jemanden gefunden hat, und ich gönne ihm das sehr. Allerdings würde ich Sie auch bitten, seine Unerfahrenheit nicht auszunutzen. Er weiß noch gar nicht, wie es nach dem Abi weitergehen soll, verstehen Sie?“

What?! Davon habe ich ja noch gar nichts mitbekommen. Ist der überhaupt schon volljährig? Ein Teenie hat sich in mich verknallt. Glaubt die Mutter. Aber Mütter haben meistens einen sechsten Sinn für sowas. Ich werd verrückt! Nur wie komme ich jetzt aus diesem Gespräch raus? Sie guckte mich mit großen Augen und einem erwartungsvollen Blick an. Ich sagte, und das war alles, was mir in dem Moment einfiel: „Ich verstehe. Aber bevor er nicht mit Ihnen darüber spricht, sollten wir auch nicht weiter darüber sprechen.“

Nun guckte sie mich mit großen Augen und ernstem Blick an. Dann plötzlich lächelte sie und sagte: „Das ist eine sehr aufrichtige Haltung. Dann muss er mich nicht anlügen. Das gefällt mir. Geben wir ihm die Zeit, die er braucht.“ – Wir? Eigentlich wollte ich mich mit ihr jetzt nicht solidarisieren. Aber egal. „Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest“, sagte ich und verabschiedete mich. Sie suchte Erdbeerjoghurt, ich nutzte die Chance, zur Kasse zu kommen.

Als ich zu Hause ankam, lag Marie noch immer in der Badewanne. Tiefenentspannt. Mit geschlossenen Augen fragte sie mich: „Na, war es schlimm?“ – „Hör bloß auf. Lauter betrunkene und verrückte Menschen, ich habe einen neuen Freund und meine Hose ist nass.“ – „Was für einen neuen Freund?“ – „Ich habe gerade die Mutter von einem jungen Mann aus dem Schwimmverein getroffen. Sie sagt, er sei wohl in mich verknallt.“ – Jetzt gingen ihre Augen auf. „Nein. Im Ernst? Und du?“ – „Ich weiß nicht mal, wer das genau ist. Ich habe so eine Ahnung, aber ich kann mich auch täuschen.“ – „Wann gehst du wieder trainieren und darf ich mit?“ – „Schaun wir mal. Ich will jetzt erstmal duschen.“ – „Hast du dich angepinkelt?“ – „Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich war vorher extra nochmal auf dem Klo.“ – „Ich muss auch in einer Tour. Ich habe diesen Kräutertee von deinen komischen Nachbarn in Verdacht. Da ist bestimmt irgendwas Harntreibendes drin.“ – „Wieso komisch? Die sind nett. Aber das kann tatsächlich sein. Den packen wir erstmal zur Seite. Obwohl er gut geschmeckt hat.“ – „Wer Rollstuhlfahrern harntreibenden Tee schenkt, muss komisch sein.“

Marie in der Wanne, ich in der Dusche. Marie: „Und meinst du, der Typ könnte was für dich sein?“ – „Ein Teenie?“ – „Warum nicht?“ – „Er hatte noch nie jemanden. Ist schüchtern. Lügt seine Mutter an. Hat bestimmt ganz andere Interessen als ich. Onlinegames und aufgemotzte Autos oder so. Oder ist vielleicht noch nicht mal volljährig.“ – „Guck ihn dir doch erstmal an.“

Guck ich ihn mir an?! Frohe Ostern!